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Magister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale - Band II

Friedrich Christian Laukhard: Magister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale - Band II - Kapitel 9
Quellenangabe
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typeautobio
authorFriedrich Christian Laukhard
titleMagister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale ? Band II
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesMemoirenbibliothek II. Serie
volumeBand 15
printrunDritte Auflage
editorViktor Petersen
year1908
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel

Weitermarsch. – Wiedersehen mit Therese. – Die französische Revolution in der Bibel geweissagt. – Das Hauptquartier. – Erlebnisse mit vornehmen Herren. – Das Lager vor Landau. – Greuel der Kroaten. – Gesellschaft im Zelt des Prinzen Hohenlohe. – Welchen Zweck man dabei hatte. – Gespräch mit dem Prinzen Louis von Preußen. – Ein gefährlicher Auftrag.

Den 27. Juli nachmittags brachen wir von Mainz auf, marschierten die Nacht hindurch, und kamen den anderen Morgen früh um acht Uhr nach Alzey. Dort besuchte ich meinen Freund, den Pfarrer Walther, einen sehr liebenswürdigen Geistlichen. Als ich wieder in mein Quartier kam, hörte ich, daß ein Mädchen schon zweimal dagewesen sei, welches mich in den »Ochsen« hätte rufen sollen, wo ein Herr mit mir zu sprechen wünschte. Ich lief hin und fand in der oberen Stube – meine mir ewig teuere Therese. Das edelmütige Mädchen war allein; sie kam mir entgegen und nahm mich bei der Hand. Ich konnte kein Wort heraus bringen.

»Gott!« sagte sie endlich, »was habe ich Ihnen getan, daß Sie in Ihrer Lebensgeschichte mich und meine Schwachheit gegen Sie der Welt so öffentlich bekannt gemacht haben? Habe ich, hat meine Liebe das um Sie verdient?«

Ich: Sie sind ja nicht mit Namen genannt!

Therese: Was tut mein Familienname zur Sache! Sie hätten mich jetzt immer auch nennen können. Jedermann weiß doch, wen Sie mit Theresen meinen. Ihr Buch ist hier in jedermanns Händen, und wohin ich komme, lieft man mir die Stelle über mich daraus vor. – Doch was hilft's! ich habe Ihnen vergeben.

Ich: Gute, edle Therese!

Therese: Sie sind unglücklich, aber wahrlich nicht durch meine Schuld; wenn ich Sie hätte glücklich machen können, Sie wären es gewiß. Aber ach, Sie haben sich und mich auf immer unglücklich gemacht!

Therese war immer noch, wie ehedem im Jahre 1775, das gutmütige, treuherzige sanfte Mädchen. Ihr Gesicht war nicht viel verändert, doch waren die Züge desselben schwermütiger und die Farbe etwas blässer. Sie wohnte damals noch in ihrem Geburtsorte; ihr Vater, der redliche Amtmann, war längst gestorben, und nach dessen Tode hatte sie manche Freier gehabt, wie ich von anderen hörte – Therese rühmte sich der Freiereien niemals –, hatte sie aber alle abgewiesen. Warum? Das weiß ich nicht. – Genug von der Unvergeßlichen!

Gegen Abend besuchte mich auch meine alte Tante, mit welcher ich aber nicht viel sprechen konnte, weil wir bald marschieren mußten.

Unser Marsch führte über Forst. Dort hatte der Zöllner, der auch Krämer war und Wein schenkte, eine lutherische Bibel. Er durfte sie zwar nicht öffentlich zeigen, denn sonst würden ihm die Pfaffen – Forst gehört dem Bischof von Speier – ihre schwere Hand gewiß haben fühlen lassen. Der Mann war echt katholisch, doch war ihm die lutherische Bibel deswegen lieb, weil er die ganze französische Revolution darin fand, und zwar in der Offenbarung Johannis und im Propheten Ezechiel vorzüglich. Unsere Soldaten hatten ihm gesagt, daß ich so ein Stück von einem Studierten sei; er machte mir also seine Weisheit bekannt, und fragte mich um mein Gutachten. Da ich ihm aber nach meiner Einsicht antwortete, erboste er heftig und sagte mir gerade ins Gesicht, daß er gar nicht verstünde, wie man so einen gottlosen Freigeist bei der Armee leiden könnte. Dann könnte freilich Gott der Herr kein Glück und Segen geben, wenn dergleichen abscheuliche Menschen, die gar nichts glaubten und die Bibel für ein heilloses Schwärmerbuch hielten, bei dem Heere geduldet würden. Ich schmunzelte und ließ ihn, nach dem praktischen Spruch:

Vergebens bleicht man einen Mohren,
Vergebens straft man einen Toren,
Der Mohr bleibt schwarz, der Tor bleibt dumm.
Sie bessern, ist nicht meine Sache,
Ich laß die Narren sein und lache:
Das ist mein Privilegium.

Nach acht Tagen veränderten wir das Kantonierungsquartier, und unser Bataillon kam nach Niederkirchen, einem speierschen Dorfe, wo ich mein Lager bei einem Schuster bekam, der ein sehr possierlicher Mensch war. Seine Frau zankte und nörgelte den ganzen Tag; er aber lachte nur, wenn sie ihre Stimme fürbaß hören ließ. Darüber erboste das Weib gewöhnlich so sehr, daß sie dem guten Kerl in die Haare fiel. Geschah dieses, so packte er sie an und führte sie, mir nichts dir nichts, ordentlich zur Haustür heraus und schloß diese dann zu. »Warte, Karundi, du sollst nicht wieder rein,« war alles, was er hinzufügte. Darauf setzte er sich an seine Arbeit und machte nicht eher wieder auf, als bis die Tochter, ein Mädchen von 17 Jahren, ans Fenster kam und im Namen der Mutter Besserung und Gehorsam versprach.

Den 14. August rückte unser Bataillon nach Maikammer, eine gute Stunde von Edenkoben, wo damals das königliche Hauptquartier stand, welches vorher in Dürkheim gewesen war. Um diese Zeit kamen viele Gesandte im Hauptquartier an, welche aber zum Teil in Maikammer logierten. Die Nähe des Hauptquartiers ist für die Armee allemal eine fatale Sache. Sie verteuert die Lebensmittel gar sehr, denn wer etwas zu verlaufen hat, trägt es hin, wo die Leute Geld genug geben können, und der arme Soldat kann mit seinem wenigeren Geld zu Hause bleiben. – Die Gesandten ließen viel aufgehen, und besonders die der französischen Prinzen, welche, nebst ihren Leuten, eine unbändige Ueppigkeit sehen ließen.

Was die Gesandten eigentlich wollten? Je nun, man wollte einen Plan machen, wie von nun an die Franzosen angegriffen, geschlagen und hernach regiert werden sollten; auch wie man Frankreich beschränken und ein gut Stück davon reißen wollte. Man hatte aber die Rechnung auch hier, wie im vorigen Jahre, ohne den Wirt gemacht.

Eines Tages saß ich in einem gewissen Dorfe vor der Tür und rauchte mein Pfeifchen. Ein recht großer Herr ritt vorüber, grüßte mich, sprach mit mir – wir kannten uns schon lange –, und da es heiß war. bat er um Milch. Ich rief die Hausfrau, und diese, weil es ein Herr mit einem Stern war, erbot sich, sogleich welche herzugeben. Der Herr stieg ab und ging in die Stube. Die Hausfrau war recht derbe; ich meine im Physischen. Der Herr schäkerte mit ihr immer traulicher und befahl mir dann endlich, sein Pferd ins Wirtshaus zu führen und mir da auf seine Rechnung eine Bouteille vom Allerbesten geben zu lassen. Ich verstand den Wink und führte mich ab. Lange hernach kam der Herr ins Wirtshaus, lachte schelmisch, fragte mich: ob wir wohl Schwäger wären, zahlte die Zeche, gab mir noch einen Laubtaler, und dahin ritt er. Ich fragte hernach die Gefällige, wie ihr der Kerl mit dem Stern gefallen hätte? Sie konnte des Lobens und Rühmens kein Ende finden: da war's ein schöner, allerliebster Herr! usw. Endlich rühmte sie sich sogar der Vertraulichkeit, womit er sie beehrt hätte. So sind die Weiber meist eitle Dinger, und was ihrer Eitelkeit schmeichelt, ist ihnen willkommen. Was also Wunder, daß eine Bauernfrau, sogar eine katholische, die Umarmungen eines hohen, mit einem großen Stern prangenden Herrn für hohe Ehre schätzte, zumal da der Herr obendrein nicht geizig war.

Ein andermal nahm mir ein ähnlicher Herr ein Buch aus der Hand, worin ich vor dem Wirtshaus zu Maikammer las. Es war Bahrdts Nachlaß, unter dem Titel: »Anekdoten und Charakterzüge aus der wahren Geschichte«. Ich war gerade an einer zotologisch-blasphemischen Stelle auf Seite 35, wo es heißt: »Wäre der Hänseler unseres gottseligen Ludwigs ein Chapeau gewesen, so hätte der Herr Jesus die Ehre gehabt, von ihm« usw. Der Herr las das gleich auch, lachte laut auf und fragte, was ich für das Buch haben wollte. Ich antwortete, daß es mir jetzt noch nicht feil sei, daß er es aber in einigen Tagen haben könnte, denn ich hätte mir vorgenommen, es dem Kaplan zu leihen. »Ei was,« erwiderte er, »ich behalt' es, das ist ein exzellentes Buch! Hier nehm' Er.« Und sofort warf er mir zwei Taler hin und galoppierte mit dem Buche weiter. Dieses Buch ist hernach im Hauptquartier gelesen und belacht worden; sogar dem König hat der Prinz Louis daraus vorgelesen. Und so kommt manchesmal durch einen Zufall etwas vor die Ohren der Fürsten und stiftet da vielleicht Gutes. Man nehme dieses merkwürdige Büchlein zur Hand, und meine Leser werden sich über diesen Zufall freuen wie ich.

Einen recht festlichen Tag hatte ich, als mich der jetzt regierende Herzog von Pfalz-Zweibrücken, damals noch Pfalzgraf Maximilian oder Prinz Max,Der spätere Kurfürst und erste König von Bayern. P. zu sich kommen ließ. Er logierte in Maikammer. Dieser menschenfreundliche Fürst ist ganz das Gegenteil von seinem verstorbenen Bruder, dem Herzog. Dieser war bekanntlich ein Freund der Jäger, der Jagdhunde, der Frauenzimmer, der Katzen und der Eulen, aber ein Feind seiner Untertanen, und eben dadurch eine der Hauptursachen des Parteigeistes, der das arme Zweibrücker Land so elend gemacht hat.

Herzog Maximilian sagte mir, daß er von mir gehört habe und mich gern persönlich kennen möchte. Ich mußte mich niedersetzen, Wem trinken und erzählen. Ich erzählte ohne Winkelzüge, ganz frei, und rügte alles gerade heraus, was ich an dem pfälzischen Wesen zu tadeln fand. »Ich weiß es,« fuhr ich fort, »daß ich mit dem künftigen Kurfürsten von Pfalzbayern rede, und eben deshalb rede ich frei. Gott gebe, daß Ew. Durchlaucht die Wunden heilen mögen, welche ein anarchisch-aristokratisch-pfäffisch-despotisches Regierungssystem dem guten Vaterlande geschlagen hat!« Der Herzog lächelte, wendete sich etwas zur Seite, kehrte dann wieder freundlich zu mir und sagte: »Wenn die Vorsehung mich dereinst regieren läßt, so sollen Sie gewiß nicht mehr so bitter zu klagen finden!« – Man muß wissen, daß der Herzog mit Leuten, die er seiner Unterredung würdigte, nicht per »Er« oder »Ihr« spricht. – Der edle Fürst unterhielt sich lange mit mir, und nachdem ich mich beurlaubt hatte, erhielt ich von seiner Hand folgendes Billett mit einem Goldstück: »C'est pour soulager un peu votre situation, que je vous prie de recesvoir ce petit present. Si un jour vous trouvez que je puis vous etre utile, comptez sur l'amitie de votre Maximilen.«

Viele von unseren Offizieren waren neuerdings von dem gänzlichen Ruin der Franzosen so gewiß, daß sie sogar Wetten anstellten, daß in so und so viel Zeit die Deutschen in Paris sein, Ludwig XVII. einsetzen, die Glieder des Nationalkonvents aufhängen, den Adel herstellen und den Pfaffen ihre alte Pfafferei wieder verschaffen würden. Die Einnahme von Toulon durch die Engländer, die Rebellion in Lyon, der Tod der Repräsentanten de Pelletier, Chailler und Marat, die Fortschritte der sogenannten Armee royale in der Vendee und mehrere solcher Begebenheiten waren die Anlage zu dieser Rechnung.

Aber nun kam die Trauerpost von der Hinrichtung der Königin Antoinette, des Generals Custine und vieler anderer, auf welche man gerechnet hatte, die Schlappe der Engländer bei Dünkirchen und die Fortschritte der Franzosen in den Niederlanden nebst denen gegen die Spanier und Sardinier. Diese unangenehmen Nachrichten schlugen unseren Mut sehr wieder nieder, so daß man sogar verbot, davon zu reden, aber je mehr man dies verbot, desto mehr geschah es, und so wurden diese unangenehmen Dinge immer bekannter.

Wir zogen den 18. September ins Lager bei Landau und schlossen es jetzt rundum vollends ein. Dieser Platz ist eine von den Festungen, welche der berühmte Vauban angelegt hat: sie ist trefflich verwahrt, hat ein Fort und ein Hornwerk und kann sich unter Wasser setzen, welches aber die Ingenieure in Landau diesmal nicht für nötig fanden.

Ohnerachtet Landau schon seit langer Zeit von den Deutschen blockiert war, so hatte man doch zu einer ernsthaften Belagerung sich wenig angeschickt. Es waren noch keine Schanzen aufgeworfen, aber wozu hätten auch diese nützen sollen, da man kein Geschütz hatte! Es ist ganz unbegreiflich, wie man nur den Gedanken hat fassen können, das mit Festungen gleichsam angefüllte und ganz umzingelte Frankreich ohne hinlängliches Geschütz anzugreifen.

Schon im Sommer hatte General Wurmser, welcher in der dortigen Gegend sein Wesen trieb, mit dem französischen General Gillot unterhandelt, aber vergebens. Ebenso ging es unserem KronprinzenDer spätere König Friedrich Wilhelm III. auch mit dem neuen Landauer Kommandanten Laubadère. Dieser war als ein guter ehrlicher Republikaner bekannt, und eben deshalb ließ ihn der Kronprinz anfänglich nur einmal aufbieten.

Die Stadt war so eingeschlossen, daß nichts herein, nichts heraus konnte, und da man sich vorstellte, daß die Garnison und die Bürgerschaft nicht gut mit Proviant versehen wären, so hoffte man, daß die Uebergabe sich höchstens bis gegen das Ende des Novembers verziehen könnte, und erwartete nichts weniger, als daß die Republikaner die Festung entsetzen würden.

Inzwischen verübten die Oesterreicher in den dort herum liegenden französischen Dörfern alle möglichen Greuel. Ich bin völlig überzeugt, daß der Kaiser dergleichen nicht allein nicht billigt, sondern sie aufs schärfste ahnden würde, wenn sie ihm bekannt wären. Aber wie dringt die Stimme der Unschuld und der bedrängten Menschheit zu den Ohren der Monarchen! – Man hatte den Kroaten einen Dukaten für jeden Franzosenkopf versprochen, den sie einliefern würden. Das Versprechen selbst war schon abscheulich an sich, denn es setzte einen Krieg ad internecionem, voraus und machte schonende Menschlichkeit gegen die, die sich ergaben oder die vor Verwundung nicht mehr schaden konnten, unmöglich. Aber was kümmert sich ein Kroat um Menschlichkeit, zumal, wenn seine Vorgesetzten so unmenschlich sind, ihn, der sich auf eigene Faust ernähren muß, gegen einen Blutsold zu Unmenschlichkeiten aufzufordern. Um diesen Blutsold treufleißig zu verdienen, töteten die Soldaten hier und da auch Bauern: sie weckten sie des Nachts auf, um sie nach diesem oder jenem zu fragen, und wenn die Unglücklichen ihre Tür oder Fenster öffneten, um ihnen Auskunft zu geben, so ergriffen sie dieselben, schnitten ihnen den Kopf ab und ließen ihn als einen Sansculottenkopf sich bezahlen. Und nun wollen wir noch fragen, warum so viele Barbareien von den Franzosen in Deutschland hernach begangen wurden!

Der König machte hier vor Landau Anstalt zu seiner Abreise nach Berlin: die polnischen Händel nötigten ihn, sich an Oerter zu verfügen, wo er denselben näher sein konnte. Er ist auch wirklich den 30. September von uns abgefahren.

Ich habe in der ganzen bisherigen Erzählung der Kriegsbegebenheiten keine Rolle von Bedeutung gespielt, und hatte nur selten Gelegenheit, von meinem kleinen Ich etwas zu sagen. Von nun an aber erzähle ich hauptsächlich wieder von mir. Die Veränderung meiner Lage, welche hier bei Landau vorging, hat auf alle meine nachherigen Schicksale Einfluß gehabt. Man wird mir also verzeihen, wenn ich jetzt wieder von mir selbst weitläufiger werde.

Ich war unseren Prinzen und den großen Generälen schon lange dem Namen nach bekannt, aber viele von ihnen hatten auch schon mehrmals mit mir gesprochen. Ich muß öffentlich gestehen, daß ich von diesen Herren immer human und freundlich bin behandelt worden, und kann mich insbesondere rühmen, daß Prinz Louis von Preußen, der Herzog von Weimar, der General Prinz von Hohenlohe und dessen Vetter, der Oberst Prinz Hohenlohe, die Herren Generale von Manstein, von Kalkreuth und mehr andere mir ganz besonders gut begegnet sind.

Der Prinz von Hohenlohe, der damals Oberst bei dem Regiment von Wolframsdorff war, hatte in Dürkheim gehört, daß ich mit dem Bürger Dentzel, Volksrepräsentant und zu der Zeit in Mission bei der Rheinarmee, ehemals bekannt gewesen sei. Diese Nachricht war ihm aufgefallen, und er beschloß deswegen, mit mir zu sprechen.

Ich war eben auf einer Schanze, als man mir sagte, der Prinz von Hohenlohe wolle mich sprechen. Da ich seine Art, Leute zu behandeln, kannte, so lief ich mit Freuden hin, wie ich war. »Ihre Durchlaucht,« sagte ich, »Müssen mir verzeihen, daß ich komme, wie ich war, als ich hörte, daß Sie mich sprechen wollten. Ich konnte mich nicht überwinden, durch Anziehen und Putzen einen Augenblick zu verlieren.« »Das war recht, mein Lieber,« erwiderte der Prinz, »nur herein! Bei mir muß man keine Komplimente machen.«

Ich trat ins Zelt und fand da mehr Gesellschaft, welche recht munter war. Ich mußte mit Tabak rauchen und Wein trinken, welchen der Prinz ganz trefflich hatte, da er ein Liebhaber von gutem ist. Der Prinz war, wie immer, sehr aufgeräumt und erzählte Anekdoten vom alten König, z.B., daß er selbst mehrmals lächelnd bekannt hätte, wie er sich in seiner Jugend vor den Hexen gefürchtet habe, aber bald nachher von dieser törichten Vorstellung abgekommen sei. – Unser Gespräch fiel bald auf die Franzosen, und der Prinz fragte mich, was ich von ihren Angelegenheiten dächte. Aber ehe ich antworten konnte, fiel ein Offizier von unserem Regiment lächelnd ein: »Ah, gnädiger Herr, den da müssen Sie nicht fragen: das ist ein Patriot!«

Prinz: So? Ist's wahr, Laukhard?

Ich: Verzeihen Sie, Monseigneur! Ich bin kein Patriot im gehässigen Sinn: ich liebe den König und die Deutschen, aber ich liebe auch die Menschen und muß daher oft anders denken, als die zu denken gewohnt sind, welche nichts sehen und hören wollen als Fürsten und Sklaven.

Prinz: Schön! Das ist brav. Aber glaubt Er denn, daß die Franzosen jetzt auf dem letzten Loche blasen?

Ich: Nein, das glaube ich nicht. Die Franzosen haben noch zu viele Hilfsmittel, sich zu behaupten, und es wird noch schwer werden, sie zu bezwingen, geschweige denn ihre Macht ganz und gar zu tilgen.

Prinz: Er hat doch die römische Historie studiert, Laukhard?

Ich: Ja, gnädigster Herr.

Prinz: Nun, so weiß Er ja auch, daß die Soldaten, welche an der Wohlfahrt des Vaterlandes zweifelten, gestraft wurden!

Ich: Ei, gnädigster Herr, ich zweifle an der Wohlfahrt des Vaterlandes gar nicht; ich wünsche und hoffe, daß es Deutschland und besonders Preußen recht gut gehen möge; aber ich kann doch auch nicht behaupten, was unmöglich und was unwahrscheinlich ist: und von dieser Art wäre die gänzliche Niederlage der Franzosen durch uns.

Prinz: Lassen wir das jetzt. Es denkt ein jeder, was er will; man muß nur ein ehrlicher Mann sein. – Aber à propos, Laukhard, ich habe gehört, Er kenne den Repräsentant zu Landau, den Dentzel?

Ich: Ja, Ihre Durchlaucht, den kenne ich schon seit vielen Jahren.

Prinz: Genau?

Ich: So ziemlich; wir haben manchesmal miteinander gezecht und sonst Abenteuer bestanden. Ich glaube gar, daß wir noch Vettern sind.

Prinz: Was ist denn das für ein Mann?

Ich: Gnädigster Herr, in der Lage, worin ich und Dentzel uns befanden, habe ich seinen Charakter nicht kennen lernen: ich habe mich auch nicht einmal darum bekümmert. Er ist, soviel ich weiß, ein unternehmender Kopf und sonst kein falscher Kerl.

Prinz: Je nun, wir sprechen vielleicht ein andermal mehr davon. Jetzt getrunken und lustig!

Es wurde getrunken, aus großen Gläsern, scharf, und die Zotologie wurde ziemlich herumgeholt; erst gegen Abend ging ich in mein Zelt.

Gleich am folgenden Morgen schickte der Herr Hauptmann von Nieweschütz, welcher die Kompanie des Prinzen damals kommandierte,In der preußischen Armee behielten alle höheren Offiziere bis zum Generalleutnant aufwärts ihre Kompanie, oder sie bezogen vielmehr die Einkünfte derselben, die sich auf etwa 4000 Taler jährlich beliefen. Die Geschäfte der Kompanie und deren eigentliche Führung besorgte ein Hauptmann zweiter Klasse, der nur das Gehalt von 500 Talern erhielt. zu mir, und ließ mich holen, traktierte mich mit Malaga, und nach einem ziemlich langen Gespräch über wissenschaftliche Gegenstände wurde die Rede ganz unmerklich wieder auf Dentzel gelenkt. Ich sagte ihm, was ich wußte.

»Hören Sie,« sagte der Hauptmann, »Sie können Ihr Glück machen, der Prinz wird mit Ihnen sprechen, und dann machen Sie Ihre Sachen klug!«

Ich stutzte und drang in den Hauptmann, sich näher zu erklären; aber er sagte, daß er nichts mehr sagen könnte: ich sollte nur klug sein. Ich versprach ihm, mich allen Befehlen des Prinzen zu unterziehen.

Ich war kaum wieder bei meiner Kompanie, als ich aufs neue gerufen wurde. Es war zum Prinzen Louis von Preußen, der hinter der Brandwache auf mich wartete. Hier hatte ich folgende merkwürdige Unterredung.

Prinz Louis: Guten Tag, Laukhard; ich hab' ein Wort mit Ihm zu sprechen.

Ich: Bin immer Ew. Hoheit zu Diensten.

Prinz: Eh bien! Aber jetzt fordere ich keinen Dienst im eigentlichen Sinne; ich fordre was, das Uns und Ihm großen Vorteil bringen soll. Er kennt Dentzel zu Landau?

Ich: Ja. Ihre Königliche Hoheit.

Prinz: Glaubt Er wohl, dem Manne beizukommen?

Ich: Ich verstehe Sie nicht ganz.

Prinz: Ich werde mich erklären. Seh Er, Dentzel ist Représentant du peuple bei der französischen Rheinarmee: der Mann hat also vielen Einfluß, der dann erst recht sichtbar sein wird, wenn von der Uebergabe der Festung die Rede sein soll. Diese Uebergabe kann nicht lange mehr anstehen, allein sie wird und muß auf alle Fälle noch viel Blut kosten. Wir haben also einen Plan erdacht, wie wir ohne Blutvergießen zu unserem Zweck gelangen könnten.

Ich: Das wäre ja herrlich!

Prinz: Ja, sieht Er: Und dazu soll Er nun helfen!

Ich: Und wenn ich mein Leben dabei aufopfern sollte, gern!

Prinz: Schön! so spricht ein braver Soldat. Laukhard, es ist beschlossen, Ihn nach Landau zu schicken.

Ich (betroffen): Nach Landau, mich?

Prinz: Ja, Ihn nach Landau, lieber Laukhard. Sieht Er: Er kennt den Repräsentant Dentzel, dieser vermag alles: kann Er ihn gewinnen, so ist Sein und Unser Glück gemacht.

Ich: Aber auch mein Unglück, Ihre Hoheit, wenn ich entdeckt werde.

Prinz: Ah, Er muß sich nicht fürchten! Pardieu, die Franzosen werden Ihm den Hals nicht brechen!

Ich: Aber die Franzosen sind Vokativusse, Ihre Hoheit: die Kerls spaßen eben nicht viel!

Prinz: Ueberleg' Er die Sache, lieber Laukhard. Findet Er, daß es nicht geht, à la bonne heure, so haben wir gespaßt, und alles bleibt entre nous. Findet Er aber, daß Er Mut genug hat, die Gefahr nicht zu achten und Sein Glück zu befördern, so entschließe Er sich und sage mir Bescheid. Adieu. Aber alles bleibt noch unter uns.

Ich schlich unruhig und mürrisch ins Lager zurück; tausend Ideen, tausend Grillen liefen mir durch den Kopf, und ich war doch nicht imstande, einen festen Entschluß zu fassen. Die Sache schien mir zu wichtig.

Einmal war es mir freilich erwünscht, endlich eine Gelegenheit zu bekommen, mich mit Ehren von den Soldaten loszuwickeln. Bisher nämlich hatte ich das Lästige und Drückende dieses Standes mehr als zu viel erfahren und empfunden. Davon kam ich also weg, wenn ich den Vorschlag Seiner Hoheit annahm; und dann hatte ich mit Herren zu tun, welche mir eine Laufbahn eröffnen konnten, worauf ich wenigstens eher und besser für mich sorgen konnte, als bei den Soldaten. Herr Bispink hatte mir zwar, als wir vor Mainz standen, angetragen, daß er mich, sobald ich nur einwilligte, von dem Regimente entweder loskaufen oder einen Rekruten von meiner Größe für mich stellen wollte. Er hatte diesen Punkt mit einem Hauptmann bei unserem Depot in Halle schon besprochen, auch an unseren Feldprediger Lafontaine geschrieben und ihn um seine Vermittlung ersucht. Aber ich konnte mich durchaus nicht überwinden, eine Güte dieser Art von einem Mann anzunehmen, der mich schon lange mehr als brüderlich unterstützt hatte, und die ich ihm vielleicht niemals hätte vergelten können. Ich lehnte also sein Anerbieten unter dem Vorwande ab, daß der Krieg gegen die Franzosen mich zu sehr interessierte, als daß ich nicht wünschen sollte, ihm bis zu Ende mit beizuwohnen. Im Grunde aber war ich das Soldatenleben herzlich satt, und so war es mir lieb, endlich hier eine Gelegenheit vor mir zu sehen, meinen Abschied durch eine eklatante Dienstleistung selbst zu verdienen. Dadurch erwürbe ich mir, dachte ich damals, auch zugleich ein Recht auf eine sorgenlose Existenz im Preußischen, und wäre nicht genötigt, mich auf eine prekäre Lebensart dereinst irgendwo einzulassen. Freilich war viel Gefahr bei der ganzen Unternehmung, allein, wenn sie gelang, so war auch viel Vorteil auf meiner Seite zu erwarten.

Auf der anderen Seite mochte ich den Vorschlag auch schon deshalb nicht verwerfen, weil ich dadurch Ursache werden konnte, daß eine blutige Belagerung in eine friedliche Uebergabe verwandelt würde, wodurch man das Leben vieler Menschen sowohl bei den Unsrigen als bei den Franzosen gewann.

Freilich hätte ich den Salto mortale niemals gewagt, wenn ich den Geist der Nation schon damals so gekannt hätte, wie bald darauf, welcher vorzüglich dahin geht, daß dem Feind nicht eine Spanne breit in der Republik eingeräumt werde oder bleibe. Das erste Grundgesetz der Nation ist die Unteilbarkeit des Reichs: diese muß erhalten bleiben, oder die Nation muß vernichtet werden. Aber ich kannte damals die Franzosen von dieser Seite ebensowenig, als der König von Preußen und alle koalisierten Mächte sie kannten.

Aber die Gefahr, welcher ich mich notwendig aussetzen mußte, schreckte mich immer nicht wenig. Ich hatte gehört, daß die Franzosen einige Tage vorher einen Emigrierten, der von den Kaiserlichen desertierte, in Landau aber als französischer Flüchtling erkannt wurde, ohne langen Prozeß hatten totschießen lassen. – Ueberdies verdammten meine eigenen Grundsätze die mir zugedachte Unternehmung: Spionerei habe ich überhaupt immer für etwas sehr Unanständiges gehalten, und Verräterei für das abscheulichste Verbrechen. Und dennoch sollte ich mich in die augenscheinlichste Gefahr stürzen? dennoch gegen meine eigene Ueberzeugung handeln, weil ich mir dadurch Nutzen schaffen konnte, wenn ich mit heiler Haut davon kam?

Was das letzte, oder die Ueberzeugung von Recht und Unrecht betrifft, so wäre das die geringste Frage gewesen. Denn ich hatte Beispiele genug zu meiner Rechtfertigung. Der Eigennutz ist das große Triebrad der menschlichen Handlungen; davon zeugt die Geschichte aller Zeiten und Völker, und alle wahren Biographien sind davon der klarste Beweis. Ein Herr Philosoph kennt und rühmt die Wahrheit und ist überzeugt, daß diese, verbunden mit einer ihrer würdigen Lebensart, die höchste Würde des Menschen ausmacht; er lehrt dies in allen seinen Büchern – und seine Handlungen sind gewöhnlich das Gegenteil von seiner Lehre. Auch der größte Philosoph kalkuliert meistens à la Pitt, und ist Kaufmann auf Geld, Ehre und Gewissen, wie dieser. – Mit den Herren Moralisten konnte ich also bald fertig werden.

Aber die Gefahr lag mir mehr im Sinne. Ich mußte befürchten, daß Dentzel meinen Antrag mit Verachtung verwarf und mich in Untersuchung nehmen ließ. Auch liefen täglich Deserteure nach Landau über; konnte die Sache nun nicht durch so einen dahin gebracht und verraten werden? Und wo blieb dann Laukhard?

Diese Gedanken bekümmerten mich Tag und Nacht und raubten mir alle Ruhe.

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