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Magister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale - Band II

Friedrich Christian Laukhard: Magister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale - Band II - Kapitel 7
Quellenangabe
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typeautobio
authorFriedrich Christian Laukhard
titleMagister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale ? Band II
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesMemoirenbibliothek II. Serie
volumeBand 15
printrunDritte Auflage
editorViktor Petersen
year1908
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sechstes Kapitel

Montabaur. – Custines Verfahren gegen die deutsche Bevölkerung. – Wiedereinnahme von Frankfurt am Main durch die Deutschen. – Deutschtümelei der Frankfurter. – Die Frankfurter Zeitungsschreiber. – Winterquartiere. – Unwürdige Verhöhnungen des Feindes. – Liebeleien von hoch und niedrig. – Wucher der Regimentsquartiermeister. – Die Hinrichtung Ludwigs des Sechzehnten. – Das Recht der Völker, ihre Herrscher zu richten. – Ersatz unserer verlorenen Mannschaften. – Neue Monturen. – Übergang über den Rhein. – Besuch bei meiner Mutter.

Unser Regiment marschierte den 10. November nach Montabaur, einem ganz mit Pfaffen und Klöstern angefüllten Trierschen Städtchen; ich aber konnte wegen meiner Füße nicht nachkommen, mußte daher im Dorfe Neuhäusel über Nacht bleiben. Den folgenden Tag schlich ich nach Montabaur, wo man mich noch gar nicht vermißt hatte, so sehr war man noch der Unordnung gewohnt.

Die Regimenter wurden sehr auseinander gezogen und in die Gegenden an der Lahn in Kantonierung gelegt.

Custine hatte indessen, zur Schadloshaltung seiner Nation, nicht nur jenseits des Rheins gehauset, er hatte auch Frankfurt weggenommen, die Saline bei Friedberg zu Nauheim geplündert und dem Fürsten von Weilburg starke Kontribution auferlegt. Aber die Bürger und Bauern waren überall verschont worden, und eben diese Schonung machte, daß diese Leute die Franzosen nicht für gar zu schlimm hielten. Damit aber der Fortgang der fränkischen Waffen nicht noch weiter um sich reißen möge, beschloß der König, sobald es möglich sein würde, die Gäste über den Rhein zurück zu treiben und ihnen die besetzten Plätze wieder wegzunehmen. Aber unsere Leute waren zu müde, zu sehr abgemattet; man mußte also Halt machen und sie ruhen lassen; auch mußte frische Munition herbeigeschafft werden, denn die alte war völlig verdorben.

Endlich am 25. November brachen wir auf und zogen nach der Lahn zu auf der Frankfurter Straße. Die Wege waren hier zwar gut, das Wetter aber kalt, und die Luft rauh und voll Schnee. Auf diesem Marsche haben wir abermals sehr viel ausgestanden und nicht wenig Not gelitten an Lebensmitteln. Es sollte aber einmal vorwärts gehen, und so gestattete man uns nicht einmal einen Rasttag.

 

Der Herzog eroberte am 2. Dezember die Stadt Frankfurt am Main. Ich habe dieser Wiedereroberung nicht beigewohnt, kann also nichts darüber berichten. Einer Bemerkung kann ich mich jedoch hier nicht enthalten:

Custine hat dem Nationalkonvent zu Paris eine falsche, meist unbegründete Nachricht von dem Betragen der Frankfurter Bürger gemacht, indem er sie beschuldigte, daß sie während der Wiedereroberung drei Bataillone Franzosen mit gewissen, dazu besonders gemachten Messern, ermordet hätten. Das tat Custine, um sein Versehen der Frankfurter Bürgerschaft zuzuschieben. Allein der Bericht, den die Frankfurter zu ihrer Verteidigung an den Konvent nachschickten, ist auch nicht ganz richtig. Es sind, wie mir selbst Frankfurter Augenzeugen erzählt haben, viele Barbareien auch von Bürgern, folglich nicht allein von Handwerksburschen, gegen die Franzosen verübt worden.

Unser Bataillon wurde nur gebraucht, um die Franzosen bei Eschersheim wegzutreiben, wo sie noch um zwei Uhr nachmittags standhielten. Die Franzosen ließen uns das Dorf bald über, denn ein panischer Schrecken schien sie ergriffen zu haben; wir büßten bei dieser Aktion nur einen Kanonier und vier Mann ein.

Nun war Frankfurt wieder im Besitz der Deutschen, und unser Regiment rückte abends um 10 Uhr in Vilbel ein, wo wir vierzehn Tage stehen blieben.

Frankfurt war, solange die Franzosen darin waren, von diesen wenig oder gar nicht gekränkt worden, und wenn Custine zur Entschädigung für unsere Invasion nach Frankreich nicht eine so starke Kontribution gefordert hätte, so würde die Stadt noch Vorteile von seiner Gegeninvasion gehabt haben. Aber dennoch war gleich nach der Wiedereinnahme auf einmal alles wieder deutsch, was vorher französisch in Frankfurt gewesen war. Sogar die Marqueurs auf den Kaffeehäusern markierten auf deutsch; die Mamsellen hießen Jungfern, ohne es indessen immer zu sein; aus Toilette ward Putztisch, aus Pique Schippen, aus Cœur Herz und aus Carreaux Eckstein usw. Dieses läppische Zeug sollte, wie viel anderes von eben der Art, Beweis des deutschen Patriotismus sein, und die Frankfurter trieben es, bis sie endlich selbst preußische Offiziere französisch sprechen hörten, wo sie sich dann schämten und die Jungfer wieder in Mamsell umtauften usw.

Die Frankfurter Zeitungen, besonders die »Reichs-Oberpostamtszeitung« – denn in dem einen Frankfurt kommen mehrere heraus! – waren während des Aufenthalts der Franzosen ganz auf ihrer Seite und nahmen alles dienstwillig auf, was Custine, van Helden und andere dem Publikum mitteilen wollten. Sobald aber die Preußen Frankfurt inne hatten, läutete das Ding aus einem anderen Tone: die Zeitungsschreiber erklärten einhellig in ihren ersten Blättern, daß sie von den Franzosen gezwungen und aus Furcht vor der Guillotine ( ohé!) eins und 's andere gegen ihre Ueberzeugung und gegen ihren deutschen Patriotismus – als wenn ein deutscher Zeitungsschreiber deutschen Patriotismus haben könnte! – in ihre öffentlichen Blätter aufgenommen hätten, welche die Neufranken zu terrorisieren schienen; nun aber, da diese Tyrannei aufhörte, würden sie sich auch als wahre deutsche Patrioten zeigen usw.

Wer aber die Zeitungsschreiber nur von ferne kennt, der weiß gar wohl, daß dieses saubere Volk samt und sonders allemal den angestimmten Ton nachstimmt, und daß es ihnen um nichts weniger zu tun ist, als um Wahrheit und Publizität. Wenn aber übrigens die Verbreitung der gröbsten und gefährlichsten Lügen zugunsten der deutschen Armeen und schamloses hämisches Herabsetzen der feindlichen – wenn das Beweise des deutschen Patriotismus sind, so muß ich den Frankfurter Zeitungsschreibern das Lob zugestehen, daß sie große Patrioten sind.

 

Nirgends hatte man die Patrioten besser und freudiger aufgenommen, als in den mainzischen Dorfschaften am Main. Man muß nämlich wissen, daß die dortigen Leute gewaltig steif noch päpsteln, dabei aber von der wahren Beschaffenheit der neufränkischen Händel gar nicht unterrichtet waren. Sie glaubten daher, die jetzigen Franzosen würden das Spiel bei ihnen wiederspielen, das die ehemaligen dort herum spielten, wenn sie Krieg im Reiche führten, d.h. alle Ketzer zur römischen Religion zwingen. Also sahen sie im Geiste schon das ganze Darmstädter, Weilburger und anderes Land, an welches sie grenzen, zum wahren Glauben durch die Franzosen gezwungen. Als aber die garstigen Leute bei ihrer Dahinkunft sich um nichts weniger bekümmerten, als um die verschiedenen Abstiche im An- und Ausputzen der Gehirnidole, so sah man verächtlich von ihnen weg, haßte sie, und dies um so mehr, je greller ihnen ihre Pfaffen den Greuel der neufränkischen Einrichtung beschrieben und verdammten.

 

Die preußischen Truppen wurden dort in der ganzen Gegend am Main und am Gebirge in die Winterquartiere verlegt. Unser Regiment bezog Höchst, Nied und Grießheim.

Am 6. Jänner 1793 schlugen die Preußen die Franzosen bei Hochheim, und von dieser Zeit an wurde Hochheim von unseren Truppen besetzt. Die gefangenen Franzosen wurden mit Trommeln und Pfeifen durch die Dörfer und Städte bis nach Frankfurt gebracht, und dem Janhagel stand es allerorten frei, diese Gefangenen mit Schreien und Schimpfen zu insultieren. Die Frankfurter, eine äußerst neugierige und fabelhafte Nation, zogen ihnen zu mehreren Tausenden entgegen, und begleiteten sie mit unbändigem Jubel und Geschrei bis in die Stadt. Einige schmissen sogar mit Steinen und Kot auf sie. Ich war selbigen Tag gerade in Frankfurt und ärgerte mich recht sehr über den Unfug, den der vornehme und geringere Frankfurter Pöbel an den Kriegsgefangenen beging.

Das Schimpfen auf die Franzosen war überhaupt ebenso beliebt wie wohlfeil. Unter anderem Troß, welcher, um etwas zu verdienen, der Armee nachgezogen war, befand sich auch eine Bande Marionettenspieler, welche das Volk mit Fratzen amüsierte. Das Meisterstück dieser Bande, deren Direktor der Sohn des ehemaligen mainzischen Hofrats Schott war, war eine Farce, betitelt: »Der betrogene Custinus«. In diesem Ding beging Custine mit seinem Bedienten, dem Hanswurst, allerhand Greuel. Da sah man Morden, Brennen, Sengen, Notzüchten, schwangeren Weibern den Bauch aufschneiden usf. Hierauf erschien ihm ein Engel und ermahnte ihn, Buße zu tun und den Rosenkranz zu beten; Custine aber läßt den Engel zur Tür hinausschmeißen, eben dies widerfährt dem Tode. Endlich kommt der Teufel, macht burr, burr, und zerreißt den Custine in tausend Fetzen. Dieses elende Zeug und anderes von derselben Art, dessen Gegenstand aber allemal die Franzosen waren, wurde in Frankfurt, Höchst, Rödelheim und an anderen Orten häufig gespielt, und von Herren und Damen, von Mamsellen und Huren beklatscht und belacht, bis endlich einige Herren Generale, worunter auch Herr von Thadden war, das Unanständige dieser öffentlichen Beschimpfung eines feindlichen Generals und seiner Nation fühlten und den Spaß verboten. Die Marionettenspieler ließen nun den Custinus und legten sich aufs Zotenreißen, welches ihnen nicht minder einbrachte.

 

Seitdem wir Koblenz und Verdun verlassen, zum erstenmal verlassen hatten, hatten unsere Leute, sowie unsere Offiziere, sich um das liebe Frauenzimmer wenig bekümmern können, aber jetzt, nachdem sie sich nach und nach erholt hatten, regte sich auch das Geschlechtsbedürfnis wieder bei ihnen, und dazu fanden sie in und um Frankfurt Nahrung genug. Dem hochweisen Magistrat dieser Reichsstadt muß man es zwar nachrühmen, daß er die Hurerei unter dem Schutz der Gesetze nicht so erlaubt, wie z.B. Berlin, wo noch 1792 eine Verordnung, die Lohnhuren betreffend, herauskam; aber demohnerachtet hat es in Frankfurt an feilen Schwestern niemals gefehlt. Seit der Emigrantenzeit war auch dort in der Gegend das Sittenverderben sehr eingerissen, und das Frauenzimmer, welches ohnehin in den Rheingegenden fürchterlich verliebt ist, hatte nun alle Scham und Scheu abgelegt und war für jeden. Frankfurt war besonders der Sammelplatz feiler Menscher von hohem Kaliber und niederer Ordnung, wie man sie haben wollte, von 6 Kreuzern an bis zu 6 Talern rheinisch. Auf den Dörfern liefen auch Nymphchen dieser Art in Menge herum, welche meist aus dem Darmstädtischen hinkamen: selbst Bauernweibel und Bauernmädel machten sich kein groß Gewissen daraus, einem lüsternen Kerl aus der Not zu helfen.

Aus diesem liederlichen Wesen entstanden nun häufige venerische Krankheiten, welche bisher lange unbekannt bei uns gewesen waren, und gaben den Feldscherern, die sich seither nur mit der Ruhr und dem Durchfall beschäftigt hatten, neue Arbeit.

Aber warum sollte der Soldat sich nicht auch einen Zeitvertreib mit dem Frauenzimmer machen, da er große Herren es nicht besser machen sah, sogar ganz große Herren!Laukhard spielt jedenfalls auf das Liebesverhältnis des Königs mit der Frankfurterin Bethmann an. Der König blieb fast ein ganzes Jahr lang in Frankfurt, wo er sich sehr gefiel, und war den Einwohnern, besonders den Damen, ein überaus liebreicher Herr. Manche der Damen nannten ihn nur »unsern lieben dicken Wilhelm«. Von besonderer Bedeutung war sein Verhältnis zu Fräulein Bethmann, einer Cousine des reichen Bankiers. Hinterlistig und ehrgeizig, hatte sie den König glauben machen wollen, sie liebe ihn wirklich um seinetwillen, was bei keiner anderen je der Fall gewesen. Dies hatte ihn vermocht, alle Schritte, selbst den bis zu einer Heirat zur linken Hand, durchzumachen; aber die Sache nahm ein Ende durch einen anonymen Brief, den ihr Vetter (»der kleine Bethmann«) an Madame Lucchesini schickte, um den Charakter und die Absichten seiner Verwandten darzulegen. Da Lucchesini daraus ersah, daß sie seinem Zwecke nicht entsprechen und nicht lenksam sein würde, tat er alles, um sie zu stürzen. – Sie folgte dem König nach Berlin und heiratete nachher den bekannten hannoverschen Diplomaten Schwarzkopf. Es haben sich übrigens auch noch andere »große Herren«, der berühmte Prinz Louis Ferdinand z. B., damals in Frankfurt nicht minder trefflich amüsiert. P. In Frankfurt laufen noch auf die Stunde Histörchen von allerlei Art herum, worunter auch einige nicht sehr erbauliche sind, besonders die von einer gewissen reichen und schönen Mamsell, welche aus bloßer Eitelkeit – denn weder Liebe noch Eigennutz konnte sie bewogen haben, die traurigen Reste einer kräftigen Konstitution zu genießen –, also aus bloßer Eitelkeit einem jungen, reichen und schönen Liebhaber, mit dem sie versprochen war, und von dem sie aufs zärtlichste geliebt wurde, Hörner aufsetzte. Ob man alle Frauenzimmer durch Wollust verführen könne, weiß ich nicht, daß aber alle der Eitelkeit oder dem Eigennutz weichen, davon belehrt uns außer den alten und neuen Geschichten die tägliche Erfahrung.

Daß die verliebten Späße unseren Herren die Beutel derb geleert haben, versteht sich von selbst. Den Schönen zu gefallen, mußten Bälle gegeben und andere Lustbarkeiten angestellt werden, und damals durfte kein Herr Offizier, wie zu Halle, mit 12 Groschen zu Balle kommen; das Ding kostete ungleich mehr. Wer überhaupt dort herum brillieren wollte, mußte schwer Geld haben.

Die Herren Regimentsquartiermeister müssen öfters den Offizieren aushelfen, wenn die Kasse leer ist. Der königliche Befehl will freilich, daß sie keinem Offizier etwas voraus geben, und wenn sie es tun, sie sich hernach nicht an das Gehalt des Offiziers halten sollen. Dennoch können sie ihren Regimentsoffizieren ohne Gefahr Geld vorstrecken; freilich müssen sie ihre Leute kennen; denn mancher Offizier würde sich des Privilegiums bedienen, einige Wochen in Arrest gehen und den Quartiermeister prellen. Aber ein ehrliebender Offizier tut so was nicht, und der Quartiermeister ist seiner Zahlung wegen in Sicherheit. Da aber doch die Sache immer gesetzwidrig ist, so wissen sich die Herren auch gegen die Gefahr der Verantwortung dadurch zu sichern, daß sie sehr starken Abzug machen, so oft sie Geld vorschießen, denn eigentliche Interessen mögen sie doch nicht fordern.

Ein Offizier wurde zu einem Ball nach Frankfurt eingeladen. Er hatte nicht so viel Geld, als hierzu erforderlich war, schickte also seinen Burschen zum Regimentsquartiermeister. Er hatte ihm eine Quittung auf 20 Taler mitgegeben, und der Bediente brachte ihm 3 Friedrichsdor oder damals 17 Taler 6 Groschen. Ich war eben beim Wirt des Offiziers anwesend, als der Bediente zurückkam. »Nun, das geht noch,« sagte der Offizier, »heute zieht er mir doch nur 2 Taler 18 Groschen an 20 ab, neulich hat er mir, hol's der Teufel, auf die gleiche Summe 4 Taler abgezogen.«

Es versteht sich, daß durch diese Oekonomie die ökonomischen Umstände mancher Offiziere sich merklich verschlimmern, die der Quartiermeister sich aber sehr bessern. Wenn daher letztere einmal eine Schlappe bekommen, so bedauert sie keine Seele.

 

Die Hinrichtung des armen Ludwigs XVI. verbreitete, sobald sie bekannt wurde, und das wurde sie sehr bald, in der ganzen Armee anfänglich Schreck und Unwillen gegen ein Volk, welches sogar seinen König hatte hinrichten können. »Nun,« hieß es, »kann es den Franzosen nicht mehr gut gehen; nun muß Gottes Zorn und Rache sie verfolgen; man wird das bald genug sehen!« In allen Gesellschaften, in allen Wirtshäusern und Schenken wurde von nichts gesprochen, als von der abscheulichen Hinrichtung. Aber je mehr man von dieser ungewohnten Trauerszene sprach, je mehr man das Grausende derselben ruminierte, desto mehr verschwand das Gräßliche, und die ruhige Untersuchung darüber folgte auf die Deklamationen. Viele meinten, die Franzosen müßten doch wohl Ursache gehabt haben, so was vorzunehmen, es müßten doch auch gescheite und gewissenhafte Leute in Paris sein.

Während dieser Epoche war ich einst im »Schwan« zu Höchst. Das Gespräch kam von Ludwig XVI. auf die hingerichteten Könige. Ich sprach, daß ihrer nur drei wären, die durch das Gesetz seien hingerichtet worden: Agis von Lakedämon, Karl I. von Großbritannien und Ludwig XVI. von Frankreich. Viele Monarchen seien zwar ermordet worden, mir sei aber doch kein von gesetzlich Hingerichteten weiter bekannt, als von den drei angegebenen.

Was den Lakedämonier anlangt, fuhr ich fort, so war der ein Untertan der Gesetze, folglich auch der Poenalverordnungen. Seine Hinrichtung war zwar höchst ungerecht, denn Agis war unschuldig, aber es war doch keine Frage in jener Republik, ob man den Vorsteher derselben, welchem man sehr uneigentlich den Namen König gab, hinrichten könnte, sobald er nach den Gesetzen des Todes schuldig wäre erkannt worden.

König Karl I. von England wurde zwar unter gerichtlicher Form getötet, aber die, welche sich über ihn zu lichten erkühnten, waren nicht die englische Nation; es waren die Anhänger Cromwells und seiner Partei. Die Nation hatte diese Fraktion nicht als Vertreterin ihrer Rechte aufgestellt, folglich konnte sie auch nicht das Todesurteil sprechen, ihr Spruch war folglich ungerecht, so schuldig der Fürst auch sein mochte.

Aber mit Ludwig XVI. scheint mir das Ding eine ganz andere Bewandtnis zu haben. Der Nationalkonvent vertrat wirklich die ganze Nation, und hatte folglich das Recht, Gesetze zu machen, ohne jemanden, selbst den König nicht ausgenommen, um Rat zu fragen. Dieses Gesetz, daß das Volk, durch die Nationalversammlung repräsentiert, eine Aenderung in der Regierungsform machen könnte, hatte selbst der König angenommen und sanktioniert. Von nun an war also die Souveränität des Königs aufgehoben. Ludwig XVI. war also damals, was eigentlich jeder wahre König nur sein sollte, gesetzlicher Verwalter der Nationalkraft nach dem Nationalwillen oder nach den Gesetzen, welche die Nation selbst entworfen und gutgeheißen hatte. Verwaltete er nun sein Oberstaatsamt nach dem allgemeinen Staatswillen, so tat er seine Pflicht und war des Gehorsams, der Ehre und seiner Besoldung bei der französischen Nation sicher und wert. Handelte er aber dawider, besoldete er nach der Zivilliste, wie man ihn beschuldigt, die rebellischen Emigrierten, und war er mit den Feinden der Nation sogar einverstanden, so war er der erste, der den Nationalkontrakt brach, der sich selbst seiner Vorzüge nach demselben verlustig machte, der als der ärgste Meineidige und Hochverräter an der Nation dieser für seine gesetzwidrigen Handlungen verantwortlich blieb. Hieraus ergibt es sich nun von selbst, daß Ludwig XVI. vor das Gericht der Nationalversammlung gehörte, und die einzige Frage wäre noch aufzulösen: ob er wirklich Staatsverbrechen begangen habe, welche den Tod verdienten. Ich will dem armen Ludwig keine Verbrechen schuld geben, denn ich habe die Akten seines Prozesses nicht gelesen;Dies trug ich im Winter 1793 vor, konnte folglich von dem noch nicht Gebrauch machen, was ich nachher in Frankreich von Ludwig XVI. erfuhr. L. aber behaupten muß ich, daß der Konvent das Forum competens war, wovon er gerichtet werden mußte, und da dieser die Nation vertrat, so wissen die, welche von einer Apellation an das Volk reden, nicht recht, was sie wollen.

Ueberhaupt, ob ein Volk seinen Souverän richten könne, scheint sogar zu den despotischen Zeiten der römischen Kaiser kein Problem gewesen zu sein. Der römische Senat erklärte den Claudius Nero für einen Feind des Vaterlandes und bestimmte ihn zum Tode. Nero entging der gesetzlichen Hinrichtung nur durch eine Entleibung. Die Deutschen haben Karl den Dicken abgesetzt, und kein Kluger hat es mißbilligt. Die Dänen forderten von ihrem Christian II. Rechenschaft und setzten ihn ab. – Kurz, die Geschichte wie der gesunde Menschenverstand lehrt, daß bei jeder wohl und rechtmäßig eingerichteten Menschenregierung der Regent seinen Untertanen verantwortlich bleiben muß.

 

Ich ließ mich damals noch weitläufiger über diese wichtige und zu der Zeit sehr interessante Materie aus. Ein Offizier von der Kavallerie, ein Rittmeister, saß in einiger Entfernung von mir und schien eben auf meine Reden nicht sehr zu merken. Einige Tage hernach kam ein Reiter, und bat mich, zu seinem Herrn nach Rödelheim zu kommen. Hier fand ich meinen Rittmeister, nebst noch einigen anderen Offizieren. Diesen Herren mußte ich mein ganzes System, so wie ich es mir damals geformt hatte, weitläufig bei einem Glase Rheinwein erklären. Sie schienen mit meiner Behauptung und Auseinandersetzung zufrieden, nur warnten sie mich, behutsam damit zu sein; denn von preußischer Seite, meinten sie, müsse man sich wenigstens noch immer stellen, als wenn man schrecklich böse auf die Buben wäre, welche ihren König hingerichtet hätten.

 

Unsere Armee hatte an allem entsetzlichen Verlust gelitten, besonders an Mannschaft. Man mußte daher schlechterdings die Regimenter wieder suchen vollzählig zu machen, und dazu wurden die jungen Leute von den Depots genommen, die zwar nicht hinreichten, den Regimentern alle abgegangene Mannschaft zu verschaffen, doch aber den Abgang so ziemlich ersetzten. Beiher ist es aber auch unbeschreiblich, welch schlechtes Zeug von den Depots zu den Regimentern geschickt wurde.

Recht eifrig sorgte der König für anständige Kleidung des Heeres und für Wiederanschaffung aller verdorbenen und zugrunde gegangenen Gerätschaften. Auch wurden die Pferde wieder ersetzt, welche teils auf dem Feldzug geblieben, teils den Winter über so zahlreich nachkrepiert waren.

Schade war es für unsere Leute, daß die neue Montur gerade erst den Tag vor dem Abmarsch ausgegeben wurde; denn die alte konnte man doch nicht mitnehmen, und zum vorteilhaften Anbringen war keine Zeit mehr; man mußte sie also an die Juden verkaufen, wie man nur konnte.

Als unsere Leute wieder gekleidet und mit ihrem Zubehör hinlänglich versehen waren, so schien es, daß sie wieder neuen Mut bekommen hatten. »Nun sind wir gekleidet,« hieß es, »jetzt können wir die Franzosen nur wieder angreifen.« Aber die Klügeren unter uns meinten, daß die neuen Röcke auch wieder alt werden würden, und daß man die Gewehre wohl abermals von sich werfen könnte. Das Ende eben des Jahres 1793 hat diese traurige Weissagung wahr gemacht.

 

Ich hatte diesen Winter über keine Not gelitten; einmal hatte ich durch die Großmut des Herzogs Friedrich von Braunschweig doppeltes Traktament, und dann hatte Herr Bispink mich reichlich mit Geld versehen, wobei er, weil die Post in Halle kein bares Geld zur Armee annahm, ebensoviel Mühe als Kosten gehabt hat. Mein bester Zeitvertreib diesen Winter über, in meines Wirtes immer gut geheizter Stube, war Lesen und Schreiben; letzteres bestand in allerhand Aufsätzen, welche ich an Bispink schickte, und die er unter den Materialien seiner eigenen Lebensgeschichte unter der Ueberschrift » Laucardiana« noch aufhebt.

 

Den 21. März brachen wir endlich auf und marschierten abwärts, um den Rhein bei Caub zu überschreiten. Ich kann es mir noch nicht recht erklären, warum die Franzosen uns so ganz ungehindert über den Rhein gehen und bis Kreuznach und Stromberg vorrücken ließen. Es war wohl bloß Sorglosigkeit ihrer Anführer und gar zu großes Zutrauen des Generals Neuwinger auf seine Schanze bei Kreuznach und auf die Postierungen bei Stromberg und Bingen. Bei Stromberg und Bingen kostete es den Preußen wenig Mühe, die Franzosen wegzujagen; ein panischer Schreck hatte sie einmal befallen.

Ich übergehe alle Vorfälle, wodurch wir Meister des Rheinstroms in so kurzer Zeit geworden sind; sie sind hinlänglich beschrieben und in allen Zeitungen so sehr ausposaunt worden, daß selbst Preußen, die dem ganzen Katzenjagen beigewohnt hatten, lächelten, wenn man Kleinigkeiten, z.B. die Bagatelle bei Odernheim, den winzigen Anfall auf dem Rindertanz bei Steinbockenheim, das Plackern bei Flonheim und dergleichen für signalisierte Viktorien ausgab.

Unser Regiment war zu keiner eigentlichen Attacke gekommen, ob es gleich, wie die andern alle, dem Feinde nachrennen mußte.

Weil ich so nahe an meinem Geburtsorte war, so wollte ich einmal dahin gehen und meine gute Mutter besuchen. Die gute Alte konnte anfänglich vor Tränen nicht reden; als sie aber der Sprache wieder mächtig ward, bewies sie mir ihre Freude über meinen Besuch durch tausend Manieren. Auch meine alte Tante lebte noch.

Meine Mutter hatte meine Lebensgeschichte gelesen, und da war ihr denn besonders aufgefallen, daß ich da so öffentlich hingeschrieben hätte, daß mein Vater nach seinem Tode spuken ginge. Ich machte ihr begreiflich, daß die Schande dieses Märchens gar nicht auf den braven Vater fiele; denn dieser ginge ebensowenig spuken als Samuel, Lazarus, der Jüngling zu Nain oder selbst Christus der Herr jemals nach ihrem Tode gespukt hätten; kein Vernünftiger glaube an Gespenster. Die Schande falle vielmehr auf den Pfarrer Schönfeld zu Wendelsheim, welcher aus Feindschaft gegen seinen würdigen Vorgänger und aus Dummheit solche nächtliche Spukerei ausgebrütet hätte. Hiermit schien die gute Frau sich zu beruhigen. Bei dieser Gelegenheit erkundigte ich mich auch nach unseren alten Dorfgespenstern, und hörte zu meiner großen Erbauung, daß der Schlappohr, der alte Schulz Hahn, das Muhkalb, der feurige Mann, der Sanktornus und alle anderen Gespenster ihr Unwesen noch immer so gut trieben als vorzeiten; ja, bei der Invasion der Franzosen sollte der Schlappohr sogar am hellen Tage sichtbar gewesen sein. So finster ist's noch in der Pfalz, selbst unter Protestanten. –

Meine alte, damals schon 87jährige Tante begleitete mich wohl eine gute halbe Stunde und weinte bittere Tränen, als sie mich verließ; sie hat mich hernach in Alzey nochmals besucht. Ich vergebe herzlich gern der guten Tante, daß sie mich so schlecht erzogen hat; ihre Affenliebe gegen mich hat sie dazu verleitet.

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