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Magister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale - Band II

Friedrich Christian Laukhard: Magister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale - Band II - Kapitel 6
Quellenangabe
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typeautobio
authorFriedrich Christian Laukhard
titleMagister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale ? Band II
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesMemoirenbibliothek II. Serie
volumeBand 15
printrunDritte Auflage
editorViktor Petersen
year1908
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080918
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Fünftes Kapitel

Die preußischen Feldlazarette. – Besuch im Lazarett zu Longwy. – Unsauberkeit und Unordnung, – Die Kranken auf den trierschen Straßen. – Warum die Lazarette so erbärmlich sind. – Die Krankenwärter. – Die Feldscherer. – Die höheren Ärzte. – Diebe und ihre Mitschuldigen. – Besuch im Spital zu Singen. – Ein unmenschlicher Chirurg. – Ich sage ihm meine Meinung. – Die Verpflegung in den Lazaretten. – Wo die guten Sachen bleiben. – Was die Kranken bekommen. – Wer Geld hat, wird behandelt; wer keins hat, krepiert. – Fürstenspiel und Menschennieten.

Die unendlichen Krankheiten, besonders die Ruhren, welche unser unglückliches Militär auf diesem unseligen Feldzug befielen, machten die Anlegung vieler Feldlazarette nötig, welche alle mit Kranken vollgestopft waren. Ich habe mehrere dieser Mördergruben selbst beobachtet, und was ich da gesehen habe, will ich dem Leser ehrlich mitteilen, jedoch mit dem Bedinge, daß der zu delikate Leser dieses Kapitel überschlage.

 

Ich hörte, daß mein Freund, der Unteroffizier Koppel, zu Longwy im Lazarett krank läge: ich wollte ihn also besuchen und ging hin und hinein, ohne von der Schildwache angehalten oder nur über etwas befragt zu werden. Dies ließ mich gleich anfangs nicht viel Ordnung im Lazarett selbst erwarten. Aber wie entsetzte ich mich, als ich gleich beim Eingang alles von Exkrementen blank sah und nicht einmal ein Fleckchen finden konnte, um unbesudelt hinzutreten. Der gemeine Abtritt reichte für so viele ruhrhafte Kranke unmöglich zu, auch fehlte es den meisten an Kräften, ihn zu erreichen, und Nachtstühle sah ich beinahe gar nicht. Die Unglücklichen schlichen sich also nur bis vor die Stube und machten dann alles hin, wo und wie sie konnten. Es ist abscheulich, daß ich sagen muß, daß ich sogar tote Körper in diesem Unflat liegen sah.

Ich schlüpfte schnell durch ins erste beste Zimmer, aber da drängte sich mir auch sogleich ein solch abscheulicher mefitischer Gestank entgegen, daß ich hätte mögen in Ohnmacht sinken. Es war der Duft viel ärger, als wenn man ein Privet ausräumt oder des Sommers über einem vollen Schindanger steht. An Räuchern dachte man gar nicht, auch wurden die Fenster niemals geöffnet, und wo hie und da eine Scheibe fehlte, da stopfte man die Oeffnung mit Stroh und Lumpen zu.

Das Lager der Kranken war dem vorigen ganz angemessen: die meisten lagen auf bloßem Stroh, wenige auf Strohsäcken, und viele gar auf dem harten Boden. An Decken und andere zur Reinlichkeit dienende Dinge war vollends nicht zu denken. Die armen Leute mußten sich mit ihren elenden kurzen Lumpen zudecken, und da diese ganz voll Ungeziefer waren, so wurden sie beinahe lebendig gefressen.

Ich stand da und wußte nicht, was ich vor Mitleid und Aerger sagen sollte. Ich fragte endlich nach der Krankenpflege, erfuhr aber, daß hier außer ein bissel Kommißbrot nichts vorfalle. An Arzneien fehlte es beinahe ganz.

Ich wollte den Unteroffizier Koppel sehen, aber weder Feldscherer noch Krankenwärter konnten mir sagen, in welchem Zimmer ich ihn treffen könnte. So sehr fehlte es an aller besonderen Aufsicht. Sogar hörte ich einen sagen: »Wen hier der Teufel holt (er wollte sagen: wer hier stirbt), der ist geliefert; kein Kuckuck fragt weiter nach ihm.«

Voll Ekel und Abscheu ging ich fort und verwünschte das Schicksal der Krieger, welche bei eintretender Krankheit oder Verwundung in solche Mordlöcher gesteckt und so schlecht verpflegt werden, daß sie ihr Achtgroschenleben elender aufgeben müssen, als das elendeste Vieh.

Aber bald bedachte ich, daß dort in Longwy vielleicht die Not selbst eine solche elende Lage der armen Leute nötig machte. Ich wußte, daß der König selbst Befehl gegeben hatte, die Kranken gut zu behandeln und für ihre Wiederherstellung, und wenn es des Monats 1000 Taler mehr kosten sollte, gehörig zu sorgen. Ich beschloß daher, mehrere Feldlazarette zu untersuchen, um ein richtiges Urteil darüber fällen zu können.

Ich tat dies schon in Trier. Aber da sah ich noch mehr Greuel! Die Lazarette waren ebenso schmutzig, die Pflege ebenso elend, und die Lagerstätten ebenso abscheulich wie in Longwy. Außerdem aber mußten noch vom 30sten bis zum 31. Oktober mehr als 280 Kranke in Trier unter freiem Himmel auf der Gasse liegen bleiben. In den Hospitälern war für sie kein Platz mehr, und niemand wollte sie in die Häuser aufnehmen, weil es allgemein hieß, die Preußen hätten die Pest. Es krepierten – ja, es krepierten! – diese Nacht mehr als 30 auf der Gasse. Seht, Menschen, soviel gelten euresgleichen im Kriege!

Die anderen Lazarette, die ich sah, waren alle von dieser Art. – Woher kommt denn aber dieses schreckliche Uebel, wodurch der König, oder vielmehr der Staat, so viel Leute verliert? Denn in diesem Feldzug sind sehr wenig Preußen vor dem Feinde geblieben, aber mehrere tausend in den Hospitälern verreckt, deren meiste man gewiß hätte retten können, wenn man ihnen gehörige Pflege hätte können oder wollen angedeihen lassen.

Der Hauptfehler der preußischen Lazarette ist, wie mich dünkt, in der Anlage selbst zu suchen. Die Aufseher sind lauter Leute vom Militär, ohne angemessene Erfahrung und Kenntnisse, und meist lauter solche, die sich da bereichern wollen. Ihre Besoldung ist schlecht, und doch kommen sie, wenn sie auch nicht lange darin sind und blutarm hineinkamen, allemal mit vollem Beutel heraus. Es muß also an der Subsistenz der Kranken defraudiert und die ganze Einrichtung so konfus und unordentlich gemacht oder geführt werden, daß man die Defraudation nicht so leicht entdecken kann.

Bei dergleichen Einrichtungen pflegt alles zusammenzuhängen und für den gemeinschaftlichen Vorteil gemeinschaftliche Sache zu machen. Selten findet sich ein Mann von Rechtschaffenheit, der seinen Einfluß zur Verbesserung tätig machen möchte, und wenn er sich findet, so wird er bald unterdrückt. Herr von Soyaczinsky, Leutnant bei unsrem Regiment, wollte einige gute Anstalten in Frankfurt für das Lazarett durchsetzen, aber er hatte soviel Verdruß dabei, daß seine ohnehin schwache Gesundheit noch mehr dadurch litt und er bald verstarb. Er besuchte uns einst bei Mainz. »Nun, Herr Leutnant,« fragte ich ihn, »wie schlägt Ihnen das Lazarett zu?« – »Ach,« war die Antwort, »die Fickfackereien, die ich da sehen muß und nicht hindern kann, bringen mich noch um.«

Dem König wird freilich genug angerechnet, aber für die Kranken wird das wenigste verwendet. Ich habe gesehen, daß Feldscherer und Krankenwärter den Wein fortsoffen, der für die Kranken bestimmt war, und die guten Essenzen selbst verschluckten. Zwei Menscher in Koblenz, welche den Feldscherern zur Liebschaft dienten, verkauften den Reis aus dem Hospital, und die Kranken mußten hungern. In Frankfurt am Main kaufte man Reis, Graupen, gedörrtes Obst u. dgl. im Spital sehr wohlfeil. So war es auch in Gießen.

Um nun den Betrug nicht so sehr sichtbar zu machen, geht alles mysteriös und unordentlich in den Lazaretten zu.

Die Krankenwärter sind Soldaten, welche bei den Kompanien nicht mehr fortkönnen, alte steife Krüppel, die sich zum Krankenwärter schicken, wie das fünfte Rad am Wagen. Diese, deren teilnehmender Menschensinn durch den militärischen Korporalssinn abgestumpft ist, lassen den armen Kranken eine Pflege angedeihen, daß es eine Schande ist. Daß sie sich mit den Feldscherern und den anderen Meistern, die in den Lazaretten etwas anzuordnen haben, allemal einverstehen, versteht sich von selbst; denn auf die geringste Vorstellung eines Vorgesetzten würde der Herr Krankenwärter fortgejagt.

Für Reinlichkeit, dieses erste Hauptstück der Krankenpflege, worauf mehr ankommt, als selbst auf die medizinische Verpflegung, wird so wenig gesorgt, daß ich Kranke weiß, denen die Hemden auf dem Leibe verfault und denen von den Läusen tiefe Löcher in den Leib gefressen waren. Freilich sollen die Krankenwärter entweder selbst waschen oder waschen lassen, aber dies geschieht nicht.

Die Feldscherer, oder, wie man sie seit einigen Jahren nennen soll, die Chirurgen, sind meistens Leute, welche gar wenig von ihrem Handwerk inne haben, und daher das Elend in den Spitälern durch ihre Unwissenheit und Unerfahrenheit noch vergrößern. Für die Besetzung der Regimenter durch Oberchirurgen ist ziemlich gut gesorgt, ob es gleich auch da Leute gibt, die nicht viel mehr wissen als jeder gemeine Bartkratzer. Die Generalchirurgen sind Männer von Einsicht und Verdienst, aber die gemeinen oder Kompaniechirurgen sind größtenteils elende Stümper, die bei ihrem Lehrherrn nicht mehr gelernt haben, als Rasieren und Aderlassen, beides elend genug noch obendrein. Wer freilich sein Brot sonst verdienen kann und nicht für das kindische Vergnügen ist, in Uniform einherzuschreiten und einen Spießling an seiner Pfuscherseite herumzuschleppen, wird sich hüten, für das geringe Gehalt, das so ein Mensch gibt, den beschwerlichen Feldschererdienst bei einer Kompanie zu übernehmen. In die Feldlazarette nimmt man zwar dann und wann die geschicktesten, die man noch bei den Regimentern findet, aber eben dadurch entblößt man die Regimenter ihrer brauchbarsten Wundärzte. Was kann aber einer von dieser Art allein ausrichten, sobald ihm alle übrigen Mitoffizianten entgegen sind oder entgegen handeln.

Die Oberchirurgi, welche die Aufsicht über die Lazarette führen, können teils jeden Kranken nicht selbst untersuchen und behandeln, wegen der Menge, teils sind sie dazu zu kommode oder zu delikat. Sie schauen daher nur dann und wann, und nur so obenhin, in die Krankenstuben, lassen sich vom Feldscherer, sehr oft auch nur von den Krankenwärtern referieren, verordnen dann so was hin im allgemeinen, werfen – um sich respektabel zu machen – mit einigen fehlerhaften lateinischen Wörtern und Phrasen umher, überlassen hier alles den Unterchirurgen und gehen in Offiziersgesellschaften, L'Hombre zu spielen oder sich sonst zu vergnügen.

Mir sind ganz schändliche Beispiele bekannt geworden, wie selbst Oberchirurgen die medizinische Pflege deswegen vernachlässigten, weil sie das Geld, das für Arznei, Essig, Wein u. dgl. bestimmt war, an die Offiziere, die in den Lazaretten als Inspektoren angestellt waren, verspielt hatten und folglich diese Sachen nicht mehr kaufen konnten. Die Offiziere hätten freilich nach ihrer Pflicht darauf inquirieren und den Chirurgus zur Herbeischaffung der Arznei anhalten sollen; aber eben sie hatten ja das Geld gewonnen, welches sie im Fall das Ding zur Sprache gekommen wäre, hätten herausgeben müssen. Sie schwiegen also, und die armen Leute waren geprellt.

So ungeschickt die preußischen Feldscherer gewöhnlich zu sein pflegen, so wenig sind noch obendrein in den Spitälern angestellt; zwei, drei solcher äskulapischen Büffel sollen eine Anzahl von 200, 300 und mehr schwerkranken Personen pflegen, wie dies in dem jetzigen Kriege gar oft der Fall war.

Ich kam einst in Bingen am Rhein ins dortige Hospital, um die bei der Belagerung von Mainz Blessierten und Krankgewordenen aufzunehmen. Auch hier lief mir die Galle gar ärgerlich über. Da lagen Leute, die schon seit vier und mehr Tagen hierher gebracht und noch nicht verbunden waren. Dem einen war der Arm, dem andern der Fuß entzwei geschossen, und die Leute jammerten, daß einem die Brust vor Teilnahme beklommen ward. Aber die Herren Feldscherer und die bübischen Krankenwärter sprachen den armen Leuten nur mit Flüchen und Verwünschungen zu.

»Kann ich was dafür,« hörte ich einen Feldscher sagen, »daß Ihr blessiert seid? Ich wollte, daß dem Teufel die Kugel in den A– gefahren wäre, so hätte ich jetzt keine Schererei mit Euch. Ich will Euch schon verbinden, aber warten müßt Ihr! Sakkerment, ich habe mehr zu tun!«

Und damit ging der Bube zur Tür hinaus. Ich sagte zu einem Krankenwärter, das sei doch abscheulich, ob denn das so geschehen dürfe? Er antwortete mir, die Feldscherer wären nun mal nicht anders, besonders dieser; der sitze den ganzen Tag im Wirtshaus zum »Wilden Mann« und trinke. Ich gleich hin und fand den unmenschlichen Firlefanz wirklich bei einer Flasche Wein. Ich setzte mich ihm gegenüber und redete ihn an. »Herr Chirurgus,« sagte ich. »wie können Sie aber die armen Leute so unverbunden liegen lassen? Die Kerls jammern einen ja in der Seele!«

Er: Hab heute schon sechse verbunden; will auch einen Augenblick Ruhe haben!

Ich: Aber wenn Ihre Kranken so schrecklich leiden und obendrein den kalten Brand befürchten müssen, so müßten Sie, denk' ich, bis Sie ihnen Hilfe geschafft haben, gar nicht an Ruhe denken.

Er: So? Wer nicht warten will, mag hinlaufen!

Ich: Ja, wenn das die armen Leute könnten, so wollt' ich ihnen verdenken, wenn sie nicht längst aus dem Mordloch gelaufen wären!

Er: Mordloch? Herr, das ist zu viel gesprochen! Wenn ich das dem Offizier sage, kommt der Herr in Arrest; versteht mich der Herr?

Ich: O ja. ich verstehe den Herrn, und sehe wohl, daß der Herr ebenso bösartig als unwissend ist; versteht mich der Herr auch?

Er: Tausend Salkerment: ich glaube gar, der Herr will mich tuschieren! Weiß der Herr, wer ich bin?

Ich: O ja, ich weiß und sehe, daß der Herr weiter nichts ist, als ein gefühlloser Bartkratzer. Wenn uns die Franzosen unsere Feldscherer vorgeschlagen hätten, um unsere Truppen durch sie zu ruinieren, so hätten sie uns keine angemesseneren geben können, als der Herr ist.

Er (aufstehend): Nein, in 's drei Teufels Namen, der Hacke will ich schon einen Stiel machen, oder mein Name soll nicht ehrlich sein. Ich gehe hin und sag's dem Offizier, der soll mir schon Satisfaktion schaffen!

Er ging wirklich, aber dabei blieb es auch. Ich indes blieb ruhig, denn ich traute keinem Offizier zu, daß er dem Unmenschen recht hätte geben sollen.

 

Da man in Verpflegung der Lazarettkranken schon ohnehin sehr ökonomisch zu Werke geht, und da noch obendrein jeder von dieser Subsistenz das Seine ziehen will, so kann man leicht denken, daß die Diät der armen Kranken sehr schlecht sein muß. An zweckmäßige Einrichtung der Speisen wird gar nicht gedacht, noch weniger an deren zweckmäßige Verteilung. Etwas elende Brühe – Brühe größtenteils, die kaum ein Windspiel fressen möchte – ist die Suppe, worin dann und wann ein bissel Graupen, Mehl. Grütze oder Brot getan wird. Die Krankenwärter wissen alles schon so einzurichten, daß nicht ein Auge Fett darauf zu sehen ist, und daß die Brühe aussieht und schmeckt wie die elendeste Jauche.

Das Fleisch in den Lazaretten ist schon das elendeste, das man finden kann, und nicht selten stinkt es schon und hat Maden gezogen. Dieses elende Luder wird nun auf die elendeste Art zurecht gemacht, ganz unsauber in die Kessel geworfen und oft nur kaum halb gar gekocht. Ebenso steht es mit dem Zugemüse – und was für Zugemüse! Ein wenig Reis und Gerste, nebenbei auch Rüben, Kartoffeln. Erbsen, Linsen, Bohnen u. dgl. für todkranke Menschen.

»Wer in den Lazaretten nichts zuzusetzen hat, muß rein krepieren,« ist ein bekannter Satz bei der preußischen Armee. Das mag aber doch eine treffliche Anstalt sein, wo der kranke Feldsoldat Geld haben muß, um im Lazarett, wo seine Gesundheit, die er für seinen Herrn zugesetzt hat, hergestellt werden soll, nicht Hungers zu krepieren! – Ich kenne Feldscherer, welche sich Geld geben ließen, damit sie dem gebenden Kranken die nötige Hilfe leisten möchten, und welche den, der nichts geben konnte, liegen und krepieren ließen.

Aufsicht über die Kranken selbst fehlt ebenso, wie die über die Feldscherer und Krankenwärter. Sie können beinahe tun, was sie wollen. Daher saufen sie denn Branntwein, fressen Heringe und was sie sonst haben können, und machen durch diese üble Diät die wenige Hilfeleistung an sich noch vollends vergeblich.

Von den vorfallenden Diebereien in den Lazaretten mag ich gar nicht reden. Genug, wer etwas hineinbringt, muß wohl darauf acht haben, daß es ihm nicht von den Krankenwärtern oder von den anderen Kranken gemaust wird.

So sehen die Feldlazarette der Preußen aus; aber die der Oesterreicher sind um kein Haar besser! Auch da herrscht der nämliche Geist, die nämliche Unordnung, der nämliche Mangel. – Und hieraus läßt sich nun erklären, warum so viele Menschen in den Hospitälern elend umkommen, und warum die Armeen durch diese Mordlöcher so schrecklich leiden!

 

Jetzt finde ich nur noch nötig, noch eine Erinnerung zu dem Vorigen hinzuzufügen, und diese besteht darin: daß man jede Sache, die man nach Belieben und ohne vielen Aufwand leicht und bald haben kann, eben darum meist gleichgültig behandelt. »Wenn die Fürsten spielen, ich meine Krieg führen,« sagt irgendwo Friedrich der Große, »so sind die Menschen ihre Nieten; und wenn diese zu Hunderttausenden verloren gehen, so werden weder die Fürsten noch die Menschen klüger. Sie spielen immer von neuem, und von neuem fehlt's nie an Nieten.« Und dies scheint mir eine von den Hauptursachen mit zu sein, warum man sich die Gesundheit der Soldaten, zumal der fernerhin für ihren Beruf unbrauchbaren, so wenig ernstlich angelegen sein läßt. Ist aber das politisch und moralisch recht? Wie viel kommt nicht bei jedem Militär darauf an, die unbrauchbar gewordenen Krieger stets so zu behandeln, daß die noch brauchbaren an ihnen nicht lernen, sich fein klug zu schonen und alles das zu meiden, wodurch sie ebenso unglücklich werden können, als ihre abgenutzten traurigen Vorbilder.

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