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Magister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale - Band II

Friedrich Christian Laukhard: Magister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale - Band II - Kapitel 5
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authorFriedrich Christian Laukhard
titleMagister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale ? Band II
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesMemoirenbibliothek II. Serie
volumeBand 15
printrunDritte Auflage
editorViktor Petersen
year1908
firstpub
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Viertes Kapitel

Vor der Schlacht. – Die Kanonade von Valmy. – Der König im Kugelregen. – Aberglaube der Soldaten. – Nach der Schlacht. – Kein Brot! – Parolebefehle. – Auch der König hungert. – Das königliche Kreidegeschenk. – Waffenstillstand. – Wie wir Soldaten aussahen. – Ein neues Kriegsmanifest. – Bedenkliche Lage des Heeres. – Dumouriez läßt uns entkommen. – Der Rückzug. – Schlimmes Wetter. – Verzweifelte Stimmung. – Die Krankentransporte. – Im Walde bei Châtillon. – Brief des Generals Dillon an den Landgrafen von Hessen. – Unser Schuhzeug. – Wieder auf deutschem Boden!

Aus dem Sumpflager hatten wir noch ungefähr 16 Stunden nach La Lune, wo die bekannte Kanonade vorfiel, jene nämlich, welche das Ziel unserer Heldentaten in Frankreich gewesen ist; denn nach dieser Zeit, bis auf unseren Separatfrieden, ist gegen die Franzosen auf französischem Boden von uns beinahe nichts mehr getan worden; und was die Kaiserlichen darauf taten, ist eben auch nicht weit her.

Wir machten diesen Weg trotz unseren ausgemergelten Körpern in wenig Tagen und hatten immer mit Mangel zu kämpfen, weil der Feind uns hier in der Nähe war und kein Marketender uns zu folgen sich getraute. Einige Weiber und Menscher zogen zwar mit, aber die hatten leider selbst nichts, konnten also auch nichts verkaufen.

Am 19. September mußten wir nachmittags noch spät aufbrechen und vorwärts marschieren bis nachts um neun Uhr, und hernach brachten wir ohne Zelte und beinahe ohne Infanteriewachen die Nacht unter offenem Himmel zu.

Der Wind brauste diese Nacht fürchterlich, und es war gewaltig kalt. Waldung war dort in der Nähe nicht; wir liefen also scharenweise in die Dörfer und holten, was von Holz uns in die Hände fiel, ins Lager, und machten Feuer wie in der Hölle. In den Dörfern selbst wurde Feuer in die Bauernhöfe getragen, und man zündete mit Strohfackeln in den Scheunen und Ställen herum.

Was von Vieh noch übrig war, wurde mitgeschleppt und im Lager in Töpfen und Kesseln, die man gleichfalls in den Dörfern gelangt hatte, gekocht und verzehrt. Unter allen zeichneten sich die Soldaten vom Regiment Romberg als brave Beutemacher und Köche aus.

Einer unserer Offiziere, Major von Massow, wollte dem greulichen Plündern und Anzünden steuern, aber seine Bemühungen waren fruchtlos; man stellte ihm vor, daß jetzt, den Tag vor einem wahrscheinlichen Angriff auf den Feind, ein scharfes Verfahren wider die Beutemacher am unrechten Orte sein würde.

So dachten alle, denn ich sah die Generale selbst ganz ruhig am Feuer sitzen und den Soldaten zusehen, ohne ein Wort darüber zu sagen, als diese ihre geraubten Hühner usw. zurecht machten. In solchen Tagen kann man ihnen das auch gar nicht zumuten, ob ich gleich überzeugt bin, daß die wenigsten von ihnen diese Greuel billigen.

 

Sobald der Tag anbrach, wurde abmarschiert. Es hatte erst geschienen, als wenn das Wetter sich halten würde, aber gegen sieben Uhr fing es heftig an zu regnen, und wir wurden bis auf die Haut naß. Dennoch ging der Zug weiter bis gegen die Höhen von Dampierre, worauf Dumouriez sich postiert hatte, und hier fiel die bekannte Kanonade von Valmy vor.

Warum wir bei dieser Kanonade keinen Vorteil erhielten, ist handgreiflich. Der Feind hatte mehr Volk, mehr und besseres Geschütz und eine weit bessere Stellung als wir. Besonders machte eine Batterie an einer Windmühle, wenn diese gleich von unserem Geschütz und auffliegenden Pulverkarren zusammengeschmissen wurde, es völlig unmöglich, den Feind mit Infanterie anzugreifen.

Unsern König sah ich hier in Begleitung einiger Generale mitten unter den feindlichen Kugeln hinreiten und freute mich über das herrliche Beispiel. Aber da mußte ich ein Gespräch zweier alter Unteroffiziere mit anhören, die ich A. und V. nennen will.

A.: Siehst du den AltenIn Sachsen und anderwärts spricht man vom Regenten mit komplimentvolleren Ausdrücken; da sagt man: der gnädigste Kurfürst, Ihre Durchlaucht der Landgraf, Ihre Erzbischöfliche Gnaden usw. Hingegen der Preuße sagt schlechtweg: der Alte und legt auf diese Benennung doch mehr, als der Sachse, der Hesse, der Mainzer auf ihre prunkvollen Titulaturen. L. dort?

B.: Seh 'n wohl. Schau, wie die Kugeln ihm um den Kopf fliegen!

A.: Wenn er nur nicht getroffen wird!

B.: Narre, denkst du denn, daß er das könne?

A.: Warum nicht? Wenn ihm eine Kugel an den Kopf fährt, ist er weg.

B.: Ah. warum nicht gar! Eine eiserne Kugel trifft den König nicht.

A.: Und wie das?

B.: Schau, Bruder, das will ich dir sagen: ich bin ein alter Soldat und hab den Siebenjährigen Krieg mitgemacht; du kannst mir also glauben, daß ich's verstehe. Ein gekröntes Haupt wird von keinem Blei oder Eisen getroffen; das fällt weg, und wenn der König gerade unter die Batterie dort ritte.

A.: Aber es sind doch schon, wie man so hört, Könige vorm Feinde erschossen worden.

B.: Jawohl. Bruder; aber das waren auch andere Kugeln, es waren Kugeln von Silber! Und siehst du, Bruder, wenn die Franzosen unseren Alten treffen wollen, so müssen sie silberne Kartätschen einladen, und dann wird er bald weg sein.

A.: Wenn das so ist, dann hat der Alte gut dahinreiten!

B.: Freilich wohl! Zudem haben die Könige von Preußen das Privilegium, daß ihnen weder Hieb noch Schuß schaden kann. Deshalb hat der alte Fritz im Siebenjährigen Krieg oft ganze Hände voll Bleikugeln aus seinen Ficken geholt und die Kanonenkugeln mit dem Hut aufgefangen.

A.: Höre, Bruder, du kannst recht haben! Drum gehen die Könige in Preußen wohl auch nur noch allein ins Feld; sie würden aber wohl hübsch zu Hause bleiben, wenn sie sich vorm Totschießen fürchten müßten. Dann würden sie's machen, wie der Kaiser, der König in Spanien und die anderen Könige. Die bleiben alle hübsch zu Haus und lassen ihre Leute für sich tot, krumm oder lahm schießen. –

Durch solche absurden, abergläubigen Ideen entkräftet ein solcher Märchentrödler ein Beispiel von Tapferkeit, welches der König seinem Heere gibt, und das für sich ganz unwiderstehlich wirken würde.

Es ist hier der Ort nicht, zu beweisen, daß der damalige französische General Dumouriez weder uns noch seiner Nation ganz gewogen war. Dumouriez hätte uns noch am Tage der Kanonade viel schaden können, wenn er gewollt hätte; das ist eine Wahrheit, welche unsere eigenen Befehlshaber gern eingestanden und die auch aus der Natur unserer Lage deutlich genug erhellt.

Nach einem wechselseitigen Feuer von ungefähr vier Stunden wurde abmarschiert, und wir zogen uns auf verschiedene Hügel, welche wir besetzten. Der König nahm sein Quartier auf dem Vorwerk La Lune.

Unser Verlust an Toten und Blessierten belief sich auf 160 Mann; freilich ein ganz geringer Verlust bei einer vierstündigen Kanonade, aber allemal groß genug bei einer Kanonade, welche nach dem Zeugnis aller verständigen Kriegsmänner ganz ohne alle Hoffnung eines Sieges oder reellen Vorteils unternommen war.

Die Verwundeten wurden auf ein Vorwerk gebracht, wo sie wegen der elenden Pflege schon meistens in der ersten Nacht unter den heftigsten Qualen hinstarben. Gar wenige von allen bei La Lune verwundeten Soldaten sind mit dem Leben und kein einziger ist mit geraden Gliedern davon gekommen. Das ist freilich schrecklich, aber daran ist auch meistens unsere medizinische Anstalt schuld, welche bei keiner Armee elender sein kann, als sie damals bei unserer war. Das machte aber, weil man steif und fest geglaubt hatte, die Franzosen würden uns keinen Finger entzwei schießen. Man hatte sich aber verrechnet, und zwar garstig!

Es war entsetzlich kalt den Abend nach der Kanonade, der Wind ging scharf und mit Regen vermischt, und wir mußten da unter freiem Himmel stehen bis den anderen Tag gegen Abend, aus Furcht, Dumouriez möchte sich seines Vorteils bedienen und uns angreifen.

Der Hunger quälte uns alle; denn unser Brot war schon lange verzehrt, und wenn man so unter freiem Himmel in Kälte und Nässe kampieren muß, hat man immer mehr Appetit, als in der warmen Stube. Ebenso fehlte es uns an Wasser; die Nähe des Feindes gestattete nicht, es herbeizuholen, und so litten wir gewaltigen Durst. Einige Bursche, welche mehr Herz hatten als andere, gingen aber doch hin und holten welches, das sie hernach teuer genug verkauften. Einmal wurde ein Trupp Wasserholer von einer feindlichen Patrouille aufgefangen; sie entgingen ihr aber wieder, weil die Finsternis sie begünstigte.

Gegen Tag sorgte der Himmel selbst für Wasser, denn es regnete gewaltig, und die Gräben füllten sich. Da aber hätte man die durchnäßten hungrigen und schmutzigen Soldaten hinrennen und trinken oder vielmehr saufen sehen sollen.

Als es Tag wurde, verbreitete sich Angst und Schrecken in der ganzen Armee von neuem; jedermann vermutete, daß nun abermals ein neuer Angriff auf die Franzosen würde gemacht werden. Aber die Herren Franzosen postierten sich bloß vorteilhafter und verschanzten sich noch besser als den Tag vorher.

Dieser Tag war zwar unser Brottag, aber wir hofften vergeblich auf Speise. Unsere Brotwagen waren aus Furcht vor den Franzosen zurück geblieben und kamen erst am späten Abend. Der Hunger quälte uns jedoch nicht so sehr, als die immerwährende Furcht uns ängstigte, der Feind möchte uns angreifen. Ich suchte auf alle Art, meinen Kameraden diese Furcht zu benehmen, und nicht ohne Erfolg; und nachdem sie mit der Zeit sahen, daß ich recht hatte, hielten sie mich von nun an für einen Propheten und fragten mich in Zukunft über alle Vorfälle, welche sie befürchteten oder wünschten.

Gegen Abend stießen die Oesterreicher zu uns. Man hatte, ich weiß nicht warum, ausgesprengt, daß ihre verspätete Ankunft eigentlich schuld an unserm schlechten Erfolg bei der Kanonade gewesen sei. So redeten sogar viele Offiziere; aber jetzt weiß man's anders.

Gegen sechs Uhr schlugen wir endlich unsere Zelte auf, erhielten Brot und ruhten nun von den großen Strapazen aus. Ich habe niemals erquickender geschlafen als diese Nacht.

Am dritten Tage nach der Kanonade änderten wir die Stellung unseres Lagers.

Als der Brottag wieder kam, war kein Brot da. Man gab vor, die Wagen könnten nicht vorwärts wegen des entsetzlichen Kotes, und da wir den Weg, welchen die Wagen von Grandpré kommen mußten, sehr wohl kannten, so beruhigten sich die Leute. Die wahre Ursache aber war, daß die Franzosen viele Wagen weggenommen hatten und die anderen sich nun nicht getrauten, vorwärts zu fahren, und also liegen blieben. Es wurde daher bei der Parole – man denke doch an die Fürsorge! – befohlen, Weizen zu dreschen, ihn bis zum Zerplatzen zu sieden, mit Butter und Speck zu schmälzen und dann zu essen. Das war nun so ein Stück von Parolebefehl, deren es in der Art mehrere gab!

Weizen war zwar noch in den Dörfern, aber wo sollte man den dreschen? Der Kot war knietief, und darin drischt sich's gar übel! Und woher sollte man Speck, Butter und Salz nehmen, welches alles in der ganzen Armee nicht zu haben war? Kein Marketender war da, sogar der Jude war bei Grandpré zurückgeblieben: wer also sollte uns da das Nötige zum Schmelzen besorgen? – Einige sotten jedoch Weizenkörner und aßen sie ohne Salz und Schmalz vor lauter Hunger hinein. Optimum ciborum condimentum fames!

Es gab zwar dortherum auf einigen Aeckern noch Kartoffeln, welche man auch holte und kochte; aber leider war dies eine gar geringe Hilfe; die Kartoffeln waren von der Art derer, die man in Deutschland dem Vieh gibt; sie vermehrten auch noch die damals alles zerstörende Ruhr.

Selbst im königlichen Hauptquartier zu Hans war Mangel über Mangel; auch da war kein Brot, und an Leckerbissen vollends gar nicht zu denken. Dieser Mangel ward indes dem französischen General bekannt, welcher dann frisches Obst und andere Dinge ins Hauptquartier schickte, um wenigstens den König von Preußen, seinen Feind, und dessen hohe Generalität vor Hunger zu sichern. Dieser Zug von Edelmut vermehrte bei unseren Soldaten die gute Idee, welche sie seit der Kanonade von den Franzosen schon hatten. Von nun an hörte man auch fast allgemein auf, sie Spitzbuben, Racker, dumme Jungen u.dgl. zu schelten.

Man hatte auch von allen Seiten her soviel Vieh zusammengetrieben, als man nur konnte, und da erhielt denn freilich der Soldat auch Fleisch, aber mageres, elendes, anstatt des Brots: und Brot muß der Soldat haben, wenn er nicht hungern oder an Nebenspeisen nicht erkranken soll.

Am allerlächerlichsten war der Parolebefehl wegen der Kreide. In Champagne gibt es ihrer viel, und nachdem man auf einem Hügel recht schöne entdeckt hatte, mußten Leute hin, sie auszugraben, und nun wurde befohlen, daß man diese Kreide unter die Soldaten verteilen solle mit dem Zusatz: Seine Majestät der König schenke diese Kreide den Soldaten! In Champagne, dort bei Hans, war freilich der Ort, wo man Hosen und Westen mit Kreide weißen sollte!

 

Der Herzog von Braunschweig machte gleich einige Zeit nach der Kanonade einen Waffenstillstand mit dem General der Franzosen. Unsere Vorposten fanden während dieser Zeit allerorten Zettel, welche die französischen Patrouillen ausstreuten, um unsere Leute zur Desertion aufzumuntern. Diese Zettel, die in französischer und deutscher Sprache gedruckt waren, machten doch nur schwachen Eindruck, obgleich sie im Lager und in der ganzen Armee stark zirkulierten, und verleiteten nicht viele Soldaten zur Desertion; wenigstens sind von unserem Regiment kaum 30 Mann in Frankreich vermißt worden. Das kam aber von der ganz natürlichen Ursache, daß jedermann glaubte, der Friede sei im Werke, und darum hoffte, bald wieder zu Hause bei den Seinigen zu sein. Hätten die guten Leute damals schon wissen sollen, daß sie erst noch einige Jahre herumziehen müßten, so will ich das Leben verwetten, das Drittel der Armee wäre bei Hans ausgerissen. Man sah dies im Jahre 1793 bei der Retirade im Herbst!

Das Wetter war die ganze Zeit über, die wir bei Hans im Lager standen, abscheulich; es regnete ohne Unterlaß, und dabei war es sehr kalt. Alle Tage mußte frisches Stroh oder vielmehr ungedroschener Weizen aus den Dörfern geholt werden. Das Wasser lief immer in die Zelte und machte das Lagerstroh zu Mist: also frisches!

Sollte nach Wasser oder Holz gegangen, oder das elende Kommißfleisch gekocht werden, so zankte man sich erst eine halbe Stunde in den Zelten herum, wer gehen sollte, an wem die Reihe wäre? Denn das Wasser sowohl wie das Holz mußte eine gute halbe Stunde vom Lager gelangt werden, und bis dorthin mußte man bis an die Knie im Kot kneten. Feuer zum Kochen war sehr schwer anzumachen, weil man, nach geschlossenem Waffenstillstande, kein dürres Holz aus den Dörfern mehr nehmen durfte, folglich mit grünem Weiden- und Pappelholz sich behelfen mußte. Dieser Umstand machte, daß, als das Brot ankam, die Bursche in zwei Tagen gar kein Kochfeuer machen wollten.

Die preußische Reinlichkeit hatte zwar schon längst aufgehört, aber bei Hans hätte man die Herren Preußen, die sonst so geputzten Preußen, Offiziere und Soldaten, schauen sollen. Die weißen Westen und Hosen waren über und über voll Schmutz, und noch obendrein vom Rauche gelb und rußig; die Gamaschen starrten von Kot, die Schuhe waren größtenteils zerfetzt, so daß manche sie mit Weiden zusammenbinden mußten; die Röcke zeigten allerlei Farben von weißem, gelbem und rotem Lehm, die Hüte hatten keine Form mehr und hingen herab wie die Nachtmützen; endlich die gräßlichen Bärte – denn wer dachte da ans Rasieren! – gaben den Burschen das leidige Aussehen wilder Männer. Kurz, wenn die Hottentotten zu Felde ziehen, so müssen sie reinlicher aussehen als damals wir. Die Gewehre waren voll Rost und würden gewiß versagt haben, wenn man hätte schießen wollen.

 

Es ist ganz gewiß, daß der Herzog von Braunschweig notgedrungen den ersten Vorschlag zum Waffenstillstand getan hat. Dumouriez nahm diesen aus Gefälligkeit gegen uns an, und hatte, wie mich dünkt, hinlängliche Ursache dazu; er konnte nämlich hoffen, daß der König von Preußen Frieden mit den Franzosen machen würde, und so hatte die Republik – Frankreich war damals schon eine – einen mächtigen Feind vom Halse. In dieser Absicht schickte er eine Erklärung ins preußische Lager; worin er mit den besten Gründen und starker männlicher Beredsamkeit die Vorteile darlegte, die Preußen aus einem Frieden mit Frankreich ziehen könnte. Der Herzog schickte aber, ohne auf des französischen Generals Vorstellungen zu achten, demselben am 28. September abermals ein Manifest, welches zwar den gebieterischen Ton des Koblenzer Aufsatzes nicht mehr führte, doch aber noch immer die Herstellung Ludwigs XVI. und des erblichen Königtums erwähnte.

Und diesem Manifest, welches zu gar nichts nützen konnte, ist denn auch der tragische Rückzug der Deutschen, der Einfall Custines in die diesseitigen Rheinländer und das daraus entstandene Elend so vieler Tausende von Menschen zuzurechnen.

Es ist unbegreiflich, wie ein Fürst, ein so hellsehender Fürst, als der Herzog von Braunschweig ist, es übersah, daß er mit einem Feinde zu tun hatte, den er mit Gewalt nicht mehr zwingen konnte, und daß er, trotz unserer jämmerlichen Lage, es dennoch wagte, diesem Feinde eine abermalige Kriegserklärung zuzuschicken.

Dumouriez indes nahm das Manifest auf, wie er mußte. Er erklärte in einem Brief an den General Manstein, daß nun aller Waffenstillstand aufgehoben sei, und daß die Feindseligkeiten ihren Anfang wieder nehmen müßten. Der General Manstein, ein kluger, erfahrener Mann, fühlte schon im voraus die traurigen Folgen einer abermaligen Feindseligkeit und suchte daher den General der Franzosen auf jede glimpfliche Art zu besänftigen, allein Dumouriez blieb unerbittlich, bis endlich Herr Graf von Kalkreuth nach seiner ihm ganz eigenen Klugheit durch seine überzeugende und gewandte Beredsamkeit bei Dumouriez und den übrigen fränkischen Heerführern soviel bewirkte, daß man die Preußen – abziehen ließ.

Es stand wahrlich bei den französischen Generälen, ob sie die Preußen abziehen lassen oder sie gefangen nehmen wollten. Warum sie das letztere nicht taten oder wenigstens den Rückzug nicht noch mehr erschwerten, ist mir ein Rätsel, welches aber seinerzeit vielleicht noch gelöst werden dürfte. Herr Graf von Kalkreuth könnte den besten Schlüssel dazu hergeben. Niemals aber ist die preußische Armee und ihr guter König in größerer Gefahr gewesen, als am 29. September 1792.

 

Am 29. September, also an eben dem Tage – man merke das Dringende! – wo Kalkreuth und Dumouriez Traktaten gemacht hatten, brach unsere Armee schon auf, und rückte zurück, oder vielmehr, sie änderte nur, ihre Position rückwärts, und am 30sten ging's wirklich – zurück.

Das Wetter war anfangs recht gut, nämlich vom 29sten an; allein am 3. Oktober fiel wieder das Regenwetter ein und nahm kein Ende, solange wir noch in Frankreich uns schleppten. Den 4. Oktober war ein ganz abscheulicher Marsch. Wir waren schon frühe aufgebrochen, aber der jämmerliche Weg hinderte das Geschütz, vorwärts zu kommen; also mußten wir den ganzen Tag bis in die späte Nacht unterwegs bleiben und uns von dem unaufhörlichen kalten Regen bis auf die Haut nässen lassen. Spät in der Nacht, ungefähr nach zehn Uhr, kamen wir auf dem Platz bei Besancy an, wo wir unser Lager schlagen sollten, oder vielmehr es kam nur ein großer Teil unserer Armee dort an; denn gar sehr viele waren zurückgeblieben, weil sie nicht mehr fortkonnten, teils auch, weil sie sich in der stockfinstern Nacht verirrt hatten. Den nächsten Tag war Ruhe; man mußte nämlich Halt machen, um den zurückgebliebenen Leuten Zeit zu lassen, sich wieder zu sammeln. Hier sah man das erste Mal viele ohne Gewehr und Patrontasche ankommen. Die armen Leute hatten schon vollauf Mühe, nur ihren Körper fortzuschleppen, warfen also die Waffen weg, unter deren Last sie sonst hätten erliegen müssen. Einige schmissen sogar ihre Tornister fort. Der König selbst hat auf diesem jämmerlichen Rückzug allen Soldaten, die er durch Hunger, Kälte, Regen und Ruhr abgemattet und wie Skelette gestaltet einzeln unterwegs antraf, den Rat gegeben, ihr Gewehr wegzuwerfen, mit dem Zusatz, er wollte ihnen schon wieder andere schaffen. Eben dieses rieten den abgematteten Kriegern alle Generäle und Offiziere, in deren Busen noch Menschlichkeit rege war.

Der Soldat im Lager ist gewöhnlich lebhaft und munter: er singt und treibt sonst allerlei, um die Zeit hinzubringen und das Lästige zu vergessen. Aber in den Lagern, welche wir besonders auf dem Rückzuge aus Frankreich aufschlugen, herrschte Totenstille: kein lautes Wort hörte man, wenn nicht hier und da einer fluchte oder mit seinem Kameraden zankte. Freundlicher Zuspruch war ganz außer Mode.

Von da marschierten wir einige Tage hintereinander, oder vielmehr, wir wateten durch Wasser und Kot bis auf den 9. Oktober. Wegen der gewaltigen Wege und des beinahe immer anhaltenden Regens konnte man nur ganz kleine Märsche von 3, 4, höchstens 5 Stunden machen, und doch brach man jedesmal mit dem Tage, oft auch noch vor Tage, auf, und marschierte bis zur sinkenden Nacht. Das Elend wurde täglich größer, die Wege wurden immer schlechter, und die Mannschaft, wie die Pferde, matter und kränker. Die Kranken – mir schaudert noch die Haut, wenn ich an das Uebermaß alles Elends denke, das unsere armen Kranken auf dieser verfluchten Retirade überstehen mußten! – Sie mehrten sich jeden Tag, so daß endlich kaum Fuhren genug zu haben waren, sie wegzubringen.

Auf den Wagen, worauf man die Kranken transportierte, fehlte es an aller Bequemlichkeit; die armen Leute wurden darauf geworfen – wenn sie sich nicht selbst noch helfen konnten –, wie man die Kälber auf die Karren wirft – und damit war es dann gut. Niemand bekümmerte sich, ob so ein Kranker etwas unter dem Leibe oder dem Kopfe hatte, ob er bedeckt war oder nicht; denn die, welche sich um dergleichen hätten bekümmern sollen, waren meistens selbst krank und hatten kaum Kräfte genug, sich fortzuschleppen. Starb einer unterwegs, so warf man ihn von dem Wagen auf die Seite und ließ ihn unbegraben liegen. Oft warf man noch lebende mit herunter, die dann aufs jämmerlichste im Schlamm verrecken mußten. – Verrecken ist freilich ein sehr unedles Wort, es paßt aber vollkommen, um die Todesart unserer Brüder zu bezeichnen. – Meine Leser müssen hier nicht an Uebertreibung denken, ich würde, wenn ich auch noch abscheulicher schilderte, doch lange nicht genug sagen.

Um diese Zeit fing man auch an, die Munitionswagen zu verbrennen und die Kanonen einzugraben. Viele Offiziere haben dies zwar bestritten, vor übertriebener Ehrbegierde, aber ich muß es hier bekennen, und jeder Augenzeuge muß es mit mir bekennen, daß diese Sache ihre Richtigkeit hat. In der Gegend von Conconvoir wurde eine Haubitze versenkt und hernach mit toten Körpern überdeckt, damit das Grab der Haubitze für ein Grab menschlicher Leichname angesehen und von den Franzosen nicht untersucht werden möchte. In der Folge sind aber, um einer Pest vorzubeugen, von den Franzosen alle Leichen der Preußen in tiefe Löcher vergraben worden; und da haben sie denn alles eingegrabene Geschütz entdeckt und zu ihrem Gebrauch umgegossen.

Am 13. Oktober war ein ganz besonders schrecklicher Marsch. Wir konnten kaum in einer Stunde zweihundert Schritte vorwärts kommen; man marschierte fort bis nachts um elf Uhr, oder vielmehr die Leute tappten herum in der stockfinsteren Nacht, bis man endlich in einem Hochwald bei der Abtei Châtillon Halt machte. Hier standen wir nun bis zum 17ten ohne Zelte, weil die Bagage unmöglich hatte vorwärts können. Kaum waren einige elende Zelte für den König und die Prinzen aufzubringen.

Ein Korporal kam hier ganz krumm nach dem königlichen Zelte, und sah wegen seiner Ruhr aus wie ein Gerippe. Der König stand da und sah mit mitleidig gebeugtem Blick dem übergroßen Elend seines Volkes zu. Als er den Unteroffizier erblickte, sagte er zu ihm: »Wie geht's, Alter?« Unteroffizier: Wie Sie sehen, Ihre Majestät, schlecht!

König: Jawohl, schlecht! Daß Gott erbarm! (Lange Pause.) Die Spitzbuben!

Unteroffizier: Jawohl, die Spitzbuben, die Patrioten!

König: Ei was, Patrioten! Die Emigranten, das sind die Spitzbuben, die mich und Euch ins Elend stürzten. Aber ich will's ihnen schon gedenken!

So sah also der gutmütige König jetzt besser ein, wer ihn mißleitet hatte. Er hatte das nämlich schon in Hans dem Monsieur (dem Grafen von Provence) und dem General Clairfait gesagt. »Ihr habt,« waren seine Worte, »mich alle beide hintergangen: diesmal will ich euch noch aus der Not helfen, worin ihr steckt, aber ihr sollt an mich denken.«

 

Hätten die Franzosen uns damals ernstlich angegriffen, als wir im Walde bei Châtillon standen, ich glaube, wir wären verloren gewesen. Daß sie unsere Lage genau kannten, erhellt aus folgendem:

Eine hessische Patrouille wurde von einer französischen attackiert. Die Hessen wehrten sich verzweifelt, doch wurde ihr Führer, Leutnant von Lindau, gefangen. Der General Dillon schickte diesen Braven an den Landgrafen zurück, mit einem Schreiben, welches ich seiner Merkwürdigkeit wegen hier einrücke:

Ich habe die Ehre, Sr. Durchlaucht dem Landgrafen von Hessen-Kassel den Leutnant Lindau zurückzuschicken. Aus dem Zeugnis, das ich diesem Offizier habe geben lassen, werden Sie ersehen können, daß die allezeit große, allezeit großmütige französische Nation eine schöne Tat zu schätzen weiß und auch an ihren Feinden Tapferkeit hochschätzt. Ich ergreife diese Gelegenheit, Ew. Durchlaucht einige Gedanken vorzulegen, welche Vernunft und Menschenliebe eingeben. Sie können nicht in Abrede stellen, daß eine ganze zusammengenommene Nation das Recht habe, sich diejenige Regierungsform, die sie für ratsam hält, zu geben, und daß folglich kein Privatwille den Willen der Nation hemmen könne. Die freie und auf ewig ganz unabhängige französische Nation hat ihre Rechte wieder an sich genommen und ihre Regierungsform abändern wollen: das ist in wenig Worten der Inbegriff desjenigen, was in Frankreich vorgeht. Se. Durchlaucht von Hessen-Kassel haben auch ein Korps Truppen nach Frankreich geführt. Als Fürst opfern Sie Ihre Untertanen für eine Sache auf, die Sie nichts angeht, und als Krieger müssen Sie die Lage einsehen, worin Sie sich jetzt befinden. Sie ist gefährlich für Sie: Sie sind umringt; ich rate Ihnen, morgen früh den Rückweg nach Ihrem Lande anzutreten und das französische Gebiet zu räumen. Ich will Ihnen die Mittel angeben, sicher an den französischen Armeen vorbeizukommen, die sich verschiedener Posten, durch welche Sie müssen, bemächtigt haben. Dieser Antrag ist freimütig, ich verlange eine kategorische und förmliche Antwort. Die französische Republik entschuldigt einen Irrtum, sie weiß aber auch einen Einbruch in ihr Gebiet und die Plünderung desselben ohne Erbarmen zu rächen.

Dillon.

N. S.: Ich sende Ihnen diesen Brief durch meinen Generaladjutanten Gobert, der auf Ihre Antwort warten wird. Ihre Beschleunigung ist dringend notwendig; ich bin im Begriff, zu marschieren.

Dieses Schreiben beweist hinlänglich, daß Dillon die üble Lage der deutschen Völker genau kannte. Das Schreiben war aber in einem Ton abgefaßt, welcher einem Fürsten, wie der Herr Landgraf von Hessen ist, unmöglich gefallen konnte. Nachdem also dessen Inhalt durch einen Zufall bekannt geworden war, so wurde, auf Befehl des Landgrafen, ausgesprengt, es sei erdichtet oder doch wenigstens nicht in die Hände Seiner Durchlaucht gekommen, noch weniger aber habe er es beantwortet. – General Dillon erfuhr dieses und ließ nun unter seiner Bürgschaft das Schreiben nebst der Antwort, welche auf Befehl des Herrn Landgrafen darauf gegeben und freilich eines auf seine Fürstenehre höchst eifersüchtigen Mannes würdig war, durch den Druck und durch Zuschreiben an preußische Generäle bekannt machen.

Ich überlasse es meinen Lesern, die hierher gehörigen Anmerkungen selbst zu machen – einmal über unsere damalige Lage, dann über den offenen und edlen Republikanersinn und endlich über die diplomatischen Kunstgriffe des Dünkels der Macht und des Schlendrians.

 

Es war schon, ehe wir die Standquartiere verließen, befohlen worden, daß man besonders für gutes Schuhwerk der Soldaten sorgen und hinlänglich dazu mitnehmen sollte, um die abgehenden gleich wieder ersetzen zu können. Aber unsere Herren hatten so für sich auskalkuliert, daß der ganze Krieg wohl nur ein Vierteljahr dauern könnte, und waren eben darum auch in Befolgung dieses Befehls sehr nachlässig gewesen. Die Folgen zeigten sich bald. In der ganzen Armee fingen die Schuhe auf einmal so an zu reißen, daß beinahe kein einziger Soldat gutes Schuhwerk noch hatte. Sogar die Offiziere trugen zerrissene Stiefel, und die armen Packknechte gingen vollends gar barfuß. Es war schändlich anzusehen, wie die Preußen da ohne Schuhe durch den Kot zerrten und ihre Füße an den spitzen Steinen blutrünstig rissen. Viele hatten ihre zerfetzten Schuhe auf die Gewehre gehängt, andere trugen sie in der Hand; manche hatten Lappen und Heu um die Füße gewickelt.

Unser Feldwebel hatte immer seine wahre Not, wenn er die Wache kommandieren sollte: von vier Mann hatten allemal drei keine Schuhe und konnten doch barfuß nicht aufziehen. Marschieren durfte man wohl barfuß, aber nicht barfuß auf die Wache ziehen!

Der schlechte Zustand des Schuhwesens machte mehr scharfe, meuterische Reden bei der Armee rege, als selbst der Hunger. Die Soldaten klagten laut und brachen in Aeußerungen aus, welche zu jeder anderen Zeit wären bestraft worden; aber auf einem Rückzug, wie dieser war, mußten unsere Offiziere schon schweigen und die Leute murren und schimpfen lassen nach Belieben.

Ich habe oft in deutschen Büchern gelesen, daß die französischen Volontairs oder Sansculotten elend seien gekleidet gewesen. Das ist sehr wahr, aber kein Deutscher hätte über ihren schlechten Aufzug spotten sollen, da die Herren Preußen ja auch zigeunermäßig genug aus Frankreich zogen, und die Herren Oesterreicher und messieurs les émigrés nicht minder.

Nachdem wir den 18ten gerastet hatten, d.i. stille gelegen waren, weil alle unsere Wagen im Kote waren stecken geblieben, so brachen wir am 19ten wieder auf und schleppten uns noch zwei gute Stunden ins Lager dicht bei Longwy, wo wir endlich gegen Nacht müde und hungrig ankamen.

Am 20sten war Ruhetag, und wir erhielten aus dem Magazin von Longwy Fleisch, Wein, Branntwein und Zwieback. Das war denn wieder zum erstenmal gehörig gegessen und gelabt.

Hier wurden auch die Soldaten wieder munter, denn nun hieß es: noch einen Marsch, und wir sind aus Frankreich! Die guten Leute bildeten sich ein, daß, wenn sie nur aus Frankreich wären, alles Elend gleich ein Ende haben würde, und bedachten nicht, daß der Same zu unbeschreiblichem Unglück, welches in der Folge auf unser liebes Vaterland fallen mußte, schon ausgestreut war und schon Keime gewonnen hatte.

 

Unsere Armee kam den 21. Oktober auf deutschen Boden zurück, aber auch hier hatte das Elend und die Not noch kein Ende. Wir lagerten uns in dem Kot, und zwar ohne Lagerstroh, und doch sollten wir hier auf Order stehen bleiben.

Am ersten Ruhetag, den 22sten, desertierten einige Soldaten vom Regiment Woldeck. Man setzte ihnen nach, weil man ihre Spur wußte, aber die Nachsetzenden mochten sich wohl etwas zu weit verlaufen haben und über die Grenze gekommen sein. Genug, sie stießen auf eine französische Patrouille, welche sie angriff und gefangen nahm; sie wurden zwar bald zurückgeschickt, jedoch mit dem Vermelden des französischen Generals, daß man künftig, wenn wieder ein so anomalisches Verfolgen der Deserteure statthaben sollte, die Nachsetzer nicht als Preußen, sondern als Störer der allgemeinen Sicherheit und Ruhe ansehen und als solche behandeln würde. Das war freilich derbe und dient als Wink über die Qualität unseres Rückzuges.

Auch in diesem Lager war das Wetter abscheulich, aber der Gedanke, daß wir doch wieder auf deutschem Boden wären, versüßte den meisten alles Elend, und die armen Teufel von Soldaten freuten sich, daß sie bald wieder in ihre Heimat kehren würden. Mir schien diese Hoffnung schlecht gegründet, ob es mir gleich nicht ganz unglaublich vorkam, daß der König von Preußen mit den Franzosen habe Frieden machen können. Ihre Nachsicht mit uns auf unserm Rückmarsch schien mir dies zu bestätigen.

Den 24sten kamen wir bei Luxemburg an, wo wir bis den 29sten stehen blieben. Hier erholten wir uns wenigstens wieder mit Essen und Trinken, obgleich das Wetter auch hier schrecklich und abscheulich war. Wir waren indes an das schlimme Wetter schon gewöhnt, und da wir hier in diesem Lager hinlänglich zu essen haben konnten und hatten, so waren wir wenigstens wieder munterer als vorher. Bisher hatten die Soldaten wenig kaufen können, weil nichts zu kaufen da war, und so konnten sie ihre Löhnung aufsparen und hatten daher alle Geld, mehr als gewöhnlich. Aber im Lager bei Luxemburg war das Geld bald alle, indes man hatte auch was dafür.

In diesem Lager wurde nun auch die Nachricht allgemein bekannt, daß General Custine in Deutschland eingefallen wäre und Mainz erobert hätte. Daraus schlossen nun die Verständigeren, daß der Krieg noch kein Ende haben würde, und unser ganzes Volk wurde mit Schreck und Entsetzen erfüllt. Die Fortsetzung des Krieges, besonders eines Krieges gegen die Franzosen, war in den Augen der klügeren Preußen nun das höchste Uebel.

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