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Magister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale - Band II

Friedrich Christian Laukhard: Magister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale - Band II - Kapitel 3
Quellenangabe
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typeautobio
authorFriedrich Christian Laukhard
titleMagister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale ? Band II
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesMemoirenbibliothek II. Serie
volumeBand 15
printrunDritte Auflage
editorViktor Petersen
year1908
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweites Kapitel

Eine Koblenzer Frau Potiphar. – Unverschämtheit der französischen Prinzen. – Unser Marketenderjude und seine Frau. – Abmarsch nach der Grenze. – Das Lager bei Trier. – Erste Ursachen der Ruhrseuche. – Die Emigrantenarmee. – Verfahren des französischen Generals Moncey gegen Spione. – Einmarsch in Frankreich. – Regen! – Rauben und Plündern. – Gemeine Vernichtungswut. – Warum ich mir auch ein Schaf nahm. – Marodierende Weiber. – Der Profos. – Früchte der »verteutschten« Deutschheit.

Ich persönlich befand mich in Koblenz ganz gut. und da ich meinem Hauptmann und anderen Offizieren als Dolmetscher diente, sobald man mit Franzosen zu tun hatte, so war ich von allen Diensten frei und konnte meine Zeit nach Wohlgefallen anwenden. Meistens sah ich bei Emigranten im Weinhaus, oder bei einem gewissen preußischen Feldjäger, der ein ganz heller Kopf und braver Mann war.

Eines Tages erlebte ich in Koblenz eine unerwartete Schnurre. Ich kam früh aus meinem Quartier und wollte aus einem Laden an der Moselbrücke Tabak holen. Eine Frau von wenigstens vierzig Jahren lag am Fenster und rief mir zu: Wohin, Mosjeh?

Ich: Tabak holen, Madam!

Sie: Ei, und das so eilig? Ich: Allerdings, ich habe kein Korn mehr.

Sie: Kommen Sie doch ein wenig herein! Ich tat's, um zu sehen, was Madam wollte, und da ging unser Gespräch in folgender Gestalt fort:

Sie: Haben Sie denn keinen Schatz zu Koblenz?

Ich: Bewahre mich der Himmel vor den Koblenzer Schätzen; die Menscher sind ja alle venerisch!

Sie: Das ist auch wahr; aber es gibt doch noch welche, die nicht so sind. Das können Sie mir glauben.

Ich: Jawohl; aber wer noch nicht ganz und gar des Teufels ist, hängt sich nicht an einen Soldaten.

Sie: Warum denn nicht? – Ich selbst bin keine Feindin von den Herren Preußen.

Ich stutzte, schaute der Dame ins Gesicht und bemerkte, daß sie beinahe keine Zähne mehr hatte, folglich physisch ebenso häßlich war, wie moralisch. Ich griff also nach der Tür und wollte fort, erhielt aber nicht eher die Erlaubnis dazu, als bis ich ihr versprochen hatte, noch denselben Tag zu ihr zurückzukommen. Ich hielt indes mein Wort nicht, erzählte aber den Vorfall einem Burschen von unserer Kompanie, der gleich nachher hinging, sie aufzusuchen, um die Stelle bei ihr einzunehmen, die sie mir zugedacht hatte. Der Bursche hat sich, wie er mir eingestand, recht gut dabei befunden. – So arg war die Delikatesse der Koblenzer Damen abgestumpft!

Ueberhaupt war es sehr leicht, bei den dortigen Damen und Mamsellen anzukommen; durch die Zügellosigkeit der Emigranten selbst zügellos geworden, trieben sie ihre Frechheit und Unverschämtheit ins Wilde. Eine Kaufmannstochter – ich meine das pockige Mädchen neben dem Barbarakloster – sagte ganz öffentlich, daß sie ihre Jungfernschaft für 6 Karolins oder 39 Taler an einen Franzosen verkauft hätte: andere gestanden ebenso frei heraus, daß sie so und so viele Liebhaber unter den Franzosen zugleich gehabt hätten. – Nein, so verdorben waren die deutschen Mädchen sonst nie! – Doch genug davon.

 

Nach ungefähr zwölf Tagen rückten wir in ein Lager, eine Stunde von Koblenz, wo der König seine Armee musterte. Bei dieser Musterung äußerten die groben französischen Prinzen, daß diese Parade für Deutsche schon ganz gut sei. – Ich wundere mich, daß der Herzog von Braunschweig, gegen welchen der Graf von Provence so gesprochen, diesem Patron nicht auf der Stelle eine derbe Rückantwort gegeben hat; aber er strafte ihn nur mit Verachtung. Man sieht indes, wie hoch diese Leute sich und ihre Horde taxierten! Und doch waren eben sie es mit, um derenwillen wir uns zur Schlachtbank anschickten.

Ueber den geringen Aufwand, den der Herzog machte, räsonnierten die Emigranten auch nicht wenig. Sie meinten, er müsse ein sehr armer Teufel von Fürst sein, daß er nicht mehr aufgehen ließe. Aber so urteilten Menschen, denen weise Sparsamkeit ganz fremd war, und die ihr Lob und ihre Größe in der unsinnigsten Verschwendung suchten.

 

Der Marketender unseres Bataillons war ein Jude, der aber gar nicht anstand, am Schabbes Geld einzunehmen, Speck zu verhandeln, und was der Siebensachen mehr sind, die das Mosaische Gesetz den Juden untersagt. Dieser Jude aus Neuwied hat uns jämmerlich geprellt; ich sagte dem Schuft einmal so meine Meinung, daß er das Bier für 12 Kreuzer verkaufte, und gab ihm die Titel, welche er verdiente. Da lief er hin zum Herrn von Mandelsloh, meinem Hauptmann, fand aber kein Gehör, weil dieser brave Mann recht wohl wußte, daß der Jude ein abgefeimter Schuft war. Also überlief er gar den Obristen von Hunt, welcher mir denn befehlen ließ, den schuftigen Juden ferner nicht mehr Schuft zu heißen. Aber wie konnte ich wider die Wahrheit?

 

Unser Weg von Koblenz nach Trier war sehr beschwerlich; wir mußten über Berge und Täler, deren einige von unglaublicher Höhe und Tiefe sind. Die Sonnenhitze hat uns auf diesem Wege recht gemartert, aber desto angenehmer waren uns die vielen Röhrenbrunnen mit dem schönsten Wasser an der dortigen Chaussee.

Eine Stunde von Trier wurde unser Lager aufgeschlagen, nahe an der Mosel, da, wo die Saar in diesen Fluß einfällt. In ganz Deutschland, soweit ich wenigstens darin herum gewesen bin, gibt es wohl keine schönere Gegend, als da, wo unser Lager stand; aber leider machte die entsetzliche Hitze, daß wir den Anblick der schönen Natur beinahe gar nicht genießen konnten. Ich erinnere mich nicht, von der Sonne jemals mehr gebrannt worden zu sein, als damals; und wenn wir noch gutes Wasser gehabt hätten, so hätten wir die Leiden der Hitze mildern können. Aber da wurde alles Wasser zum Kochen und Trinken aus der Mosel geholt, und dieses war bis zum Ekel schlammig und unrein. Das Wasser dieses Flusses ist an sich schon ein schlechtes, garstiges Wasser, und wurde durch das stete Pferdeschwemmen, das Baden und Waschen darin noch mehr verdorben. Man denke sich ein Wasser, worauf der Pferdemist überall herumschwimmt; worin die Soldaten haufenweise sich baden, und wo deren Weiber und Menscher die schmutzigen Hemden auswaschen. Solches Wasser kann niemand ohne Ekel trinken; und eben in dieser Sauferei, vermehrt durch jene entsetzliche Hitze, liegt wohl die erste Ursache von der fürchterlichen Ruhr, welche nachher so viele Menschen in der preußischen Armee weggerafft hat.

Die Emigranten hatten ihr Heldenheer nun auch zusammengestoppelt und vereinigten sich mit uns bei Trier. Wie stark sie wirklich gewesen sind, hat man nie mit Gewißheit sagen können; wenigstens haben sie sich immer stärker angegeben, als sie in der Tat waren. Sie selbst haben die Menge ihrer Leute wohl nie recht gewußt wegen des ewigen Ab- und Zulaufens. Schon bei Trier rissen ihre Soldaten haufenweise aus, und das nach Frankreich, wo man sie damals noch ohne weiteres aufnahm; nachher haben sie noch weit mehr verloren, endlich nach dem Rückzug aus Champagne verliefen sie sich beinahe ganz, so daß sie im Frühling 1793 wieder sozusagen von neuem errichtet werden mußten.

Gegen die Mitte des August brachen wir von Trier auf und lagerten uns nach einigen schweren Märschen in der Nähe der Stadt und Festung Luxemburg.

Bisher hatte man immer gehofft, das Manifest des Herzogs von Braunschweig würde eine gute Wirkung auf die Franzosen haben und uns der Mühe überheben, in ihr Land selbst einzudringen. Dieses war sozusagen die allgemeine Erwartung fast aller Offiziere und Soldaten; denn diese alle waren schon jetzt des Krieges müde.

Aber wie sehr sahen sich die guten Leute in ihren Erwartungen betrogen, als sie von der mächtigen Veränderung hörten, welche am 10. August mit dem Tuileriensturm in Paris vorgefallen war! Die Begebenheit dieses für Frankreichs und seines Königs Schicksal so merkwürdigen Tages zerstörte alle ihre Erwartungen, und nun hieß es: »Jetzt ist kein Mittel; wir müssen geradeswegs nach Paris marschieren! Die verfluchten Hunde, die Patrioten, müssen aufgehängt und gerädert werden.« – Das war nun schon so gewiß, wie Amen in der Kirche, mir aber fielen dabei immer die Nürnberger ein, welche, wie man sagt, niemanden hängen, den sie nicht erst haben. –

Hier bei Luxemburg wurde ein Spion aufgehängt; man sagte, die Franzosen hätten ihn abgeschickt, um unsere Lager auszuspähen.

Ich habe über die Spione und deren Bestrafung so meine ganz eigenen Gedanken, und es kommt mir vor, als wenn das Gesetz, welches sie so geradewegs zum Strang verdammt, sehr ungerecht sei. Denn wenn man einen General, der sich aller Kriegsliste bedient, deswegen nicht für unehrlich und noch weniger für strangfähig erklärt, weil er durch List dem Feinde zu schaden trachtet – warum soll man einen armen Teufel aufknüpfen, der sich zur heimlichen Entdeckung der Absichten des Feindes bereden oder gebrauchen läßt? Man muß alles nur so einrichten, daß kein Spion uns durch Entdeckung dessen, was er sieht oder hört, schaden könne, und dann hat die Spionerie keine bösen Folgen. Da gefällt mir der französische General Moncey, welcher die Neufranken in diesem Kriege gegen die Spanier anführte, besser. Als diesem zwei spanische Spione zugeführt wurden, sagte der edle Mann zu ihnen: »Hört, ihr Leute, ich könnte, wenn ich nach der gemeinen Art verfahren wollte, euch alle beide gleich hängen lassen; aber ich verachte einen Spion zu sehr, als daß ich denken sollte, aus seiner Hinrichtung Vorteil zu ziehen. Geht hin zu eurem General und sagt ihm, ich sei 32 000 Mann stark und erwartete bloß noch Verstärkung; sobald ich die würde erhalten haben, würde ich ihn angreifen, schlagen und dann Navarra erobern. Das sind meine Anschläge, welche euer General ohne Zweifel durch euch hat erfahren wollen. Nun könnt ihr sie ihm berichten und ihm noch sagen, wenn er künftig etwas von meinen Absichten wissen wolle, so dürfte er sich nur an mich wenden; ich wolle ihm allemal richtige Nachricht geben. Jetzt packt euch!« Ich glaube, daß der brave Moncey recht hatte, wenigstens handelte er edel, und es wäre schade, wenn diese edle Handlung vergessen würde.

Von Luxemburg bis an die französische Grenze hatten wir noch zwei Märsche, die aber gut gemessen waren. Wir plünderten unterwegs die Erbsen- und Kartoffeläcker, ob diese gleich noch im Kaiserlichen lagen, und rückten am 19. August 1792 über die Grenzen in Welschlothringen ein.

Daß man uns den Tag vor unserem Einmarsche in Frankreich es noch erlaubte, die in der Nähe des Lagers befindlichen Aecker der österreichischen Untertanen, wenngleich ihr Landesherr mit uns verbündet war, auszuplündern, war mir eine seltsame Erscheinung. Ich erkundigte mich deshalb danach und erfuhr, daß die Bewohner jener Gegend neufränkisch gesinnt wären, ob sie gleich Untertanen des Kaisers seien, und da wäre es schon recht, daß man sie etwas züchtige und die Folgen des Krieges mitempfinden lasse. Die Angabe dieses Grundes schien mir damals nur so ersonnen, aber in der Folge habe ich gefunden, daß sie nur gar zu begründet war. Auch die Untertanen in diesen Gegenden litten vielen willkürlichen Druck, wie beinahe alle auf den Grenzen Frankreichs. Es war also natürlich, daß das Entgegenstreben dieses Landes sich zunächst auf alle die Grenznachbarn verbreitete, welche den Grund des allgemeinen Aufstandes in Frankreich durch eigene Erfahrung in ihrem Lande kennen gelernt hatten. Es konnte demnach nicht anders sein, als daß man auch ähnliche Wirkung da finden mußte, wo auch ähnliche Ursache vorausgegangen war. Und wer steht uns dafür, daß dies nicht noch weiter greifen wird? Den Krieg der neufränkischen Waffen kann man beendigen, aber nicht den Krieg ihres Systems; dieses hat so viel unversöhnliche Verbündete, als es despotisch Bedrückte und helle warme Menschenfreunde gibt, zumal in Ländern von Fürsten, welche es behaglicher finden, den Schlendrian als orientalischen und langobardischen Despotismus unbekümmert fortzusetzen, ohne die für ihr eigenes Interesse so wichtige Wahrheit einzusehen: daß kein Fürst groß, mächtig, sicher und glücklich sein kann, wenn er nicht vernünftige Völker gerecht regiert.

 

Den Tag, an welchem wir in Frankreich einrückten, werde ich nicht vergessen, so lange mir die Augen aufstehen. Als wir früh aus unserem Lager aufbrachen, war das Wetter gelinde und gut, aber nach einem Marsch von zwei Meilen mußten wir Halt machen, um die Kavallerie und Artillerie vorzulassen, und während dieses Halts fing es an, jämmerlich zu regnen. Der Regen war kalt und durchdringend, so daß wir alle rack und steif wurden. Endlich brachen wir wieder auf und postierten uns neben einem Dorfe, das Brehain la ville hieß, eine gute Meile von der deutschen Grenze.

Der Regen währte ununterbrochen fort, und weil die Packpferde weit zurückgeblieben waren, indem sie wegen des gewaltig schlimmen Weges nicht voran konnten, so mußten wir unter freiem Himmel aushalten und uns bis auf die Haut durchnässen lassen. Da hätte man das Fluchen der Offiziere und Soldaten hören sollen!

Endlich wurde befohlen, daß man einstweilen für die Pferde fouragieren und aus den nächsten Dörfern Holz und Stroh holen sollte.

Das Getreide stand noch meistens im Felde, weil dieses Jahr wegen des anhaltenden Regens die Ernte später als gewöhnlich fiel. Das Fouragieren ging so recht nach Feindesart: man schnitt ab, riß aus, zertrat alles Getreide weit und breit, und machte eine Gegend, woraus acht bis zehn Dörfer ihre Nahrung auf ein ganzes Jahr ziehen sollten, in weniger als einer Stunde zur Wüstenei.

In den Dörfern ging es noch weit abscheulicher her. Das unserm Regiment zunächst liegende war das genannte Brehain la ville, ein schönes großes Dorf, worin ehedem ein sogenannter Bailli du Roi seine Residenz gehabt hatte. Um durch Laufen mich in Wärme zu setzen, lief ich mit vielen anderen auch nach diesem Dorf, wo wir Holz und Stroh holen sollten. Ehe aber diese Dinge genommen wurden, untersuchten die meisten erst die Häuser, und was sie da Anständiges vorfanden, nahmen sie mit, als: Leinwand, Kleider, Lebensmittel und andere Sachen, welche der Soldat entweder selbst brauchen oder doch an die Marketender verkaufen kann. Was dazu nicht diente, wurde zerschlagen oder sonst verdorben. So habe ich selbst gesehen, daß Soldaten vom Regiment Woldeck ganze Service von Porzellan im Pfarrhof und anderwärts zerschmissen; alles Töpferzeug hatte dasselbe Schicksal. Aufgebracht über diese Barbarei, stellte ich einen dieser Leute zur Rede, warum er einer armen Frau, trotz ihrem bitteren Weinen und Händeringen, das Geschirr zerschmissen und ihre Fenster eingeschlagen habe? Aber der unbesonnene wüste Kerl gab mir zur Antwort: »Was, Sakkerment, soll man denn hier schonen? Sind's nicht verfluchte Patrioten? Die Kerls sind ja eigentlich schuld, daß wir so viel ausstehen müssen!« Und damit ging's mit dem Ruinieren immer vorwärts. Ich schwieg und dachte so mein Eigenes über das Wort Patriot in dem Munde eines – Soldaten.

Die Männer aus diesen Dörfern hatten sich alle wegbegeben und bloß ihre Weiber zurückgelassen, vielleicht weil sie glaubten, daß diese den eindringenden Feind eher besänftigen könnten. Aber der rohe Soldat hat eben nicht viel Achtung für das schöne Geschlecht überhaupt, zumal bei Feindseligkeiten, und es gibt wüste Teufel unter ihnen, welche einem Frauenzimmer allen Drang antun können, die aber vor jedem Mannsgesicht aus Feigheit gleich zu Kreuze kriechen. Ich habe davon einmal eine Probe gesehen bei Homburg an der Höhe in einem Dorfe. Es kam hier nämlich ein Offizier vom Regiment Hohenlohe in ein Haus, worein ich getreten war, um Wasser zu trinken. Mit dem größten Ungestüm forderte er Butter oder Käse, und als ihm das Mädchen versicherte, daß sie weder das eine noch das andere hätte, ward er grob und sagte: »Euer Haus sollte man euch anstecken, ihr verfluchtes Patriotengrob!« usw. Dies hörte des Mädchens Bruder vor der Türe, trat hinein und schaute dem Herrn Leutnant ins Gesicht: »Herr, was räsonniert Er da von Patriotengrob? Den Augenblick zur Tür hinaus, oder ich schwuppe Ihn hier herum, wie einen Tanzbär!« Dies sagte er, und der Herr Leutnant schob ab und sagte kein Wort. Mich hatte er nicht bemerkt, denn ich saß hinterm Ofen. Dies im Vorbeigehen.

Unsere Leute hatten auf den Dörfern die Schafhürden und Schweineställe geöffnet, und so sah man auf den Feldern viele Schafe und Schweine herumlaufen. Diese wurden, wie leicht zu denken steht, haufenweise aufgefangen und nach dem Lager geschleppt. Ich muß gestehen, daß ich mich auch unter den Haufen der Räuber mischte und ein Schaf nach meinem Zelte brachte; ich dachte: wenn du's nicht nimmst, so nimmt's ein anderer, oder es verläuft sich, und dieser Grund bestimmte mich, an der allgemeinen Plünderei teilzunehmen. Der rechte Eigentümer, dachte ich ferner, gewinnt doch nichts, wenn ich auch sein Eigentum nicht berühre, ja, ich werde dann noch obendrein für einen Pinsel gehalten, der seinen Vorteil nicht zu benutzen wisse. Kurz, alle Imputabilität des Plünderns gehört, wie mich dünkt, für die Aufseher über die Disziplin und den Lebensunterhalt; diese haben zunächst alles zu verantworten.

Das Hammel- und Schweinefleisch wurde gekocht oder an den Säbel gesteckt und so in der Flamme gebraten, und hernach ohne Brot und ohne Salz verzehrt, denn das Brot war uns ausgegangen, und hier zum erstenmal fühlten wir Brotmangel, der uns nach dieser Zeit noch oft betroffen und bitter gequält hat.

Das Dorf Brehain la ville und alle anderen, in dessen Nähe, sahen bald aus wie Räuberhöhlen, selbst das Dorf nicht ausgenommen, worin unser König logierte.

Endlich, als es fast dunkel war, kamen die Zelte an, worin wir uns, durchnaß und überaus besudelt, niederlegten und auf dem nassen Boden und Stroh eine garstige Nacht hinbrachten. Die Bursche, welche auf der Wache waren, gingen des Nachts von ihrem Posten in die Dörfer auf Beute.

Das abscheuliche kältende Wetter und das schlechte nasse Lager hatten die Folge, daß schon am anderen Tage gar viele Soldaten zurück in die Spitäler gebracht werden mußten, weil sie das Fieber hatten und nicht mehr mitmarschieren konnten.

Die armen Leute in den Dörfern, die sich ihres Auskommens nun auf lange Zeit beraubt sahen, schlugen die Hände zusammen und jammerten erbärmlich, aber unsere Leute ließen sich von dem Angstgeschrei der Elenden nicht rühren und lachten ihnen ins Gesicht oder schalten sie Patrioten und Spitzbuben.

Wegen des Plünderns hörte ich noch am nämlichen Tage zwei Offiziere – es war ein Kapitän und ein Major – dieses miteinander reden:

Major: Aber, bei Gott, es ist doch eine Schande, daß gleich am ersten Tage unseres Einmarsches solche Greuel verübt werden!

Kapitän: O, verzeihen Sie, Herr Obristwachtmeister, das ist eben unser Hauptvorteil, daß dies gleich geschieht.

Major: Nun, so lassen Sie hören, wie und warum.

Kapitän: Sehen Sie, das geht heute vor, und zwar etwas stark, ich gestehe es; aber nun macht das auch einen rechten Lärm in ganz Frankreich. Jeder spricht: So machen's die Preußen! So plündern die Preußen! So schlagen die Preußen den Leuten das Leder voll!

Major: Das ist eben das Schlimme, daß man nun so in ganz Frankreich herumschreien wird. Das wird uns wahrlich wenig Ehre machen.

Kapitän: Ei was Ehre! Es schreckt doch die Patrioten ab. Sie werden denken: machen's die Preußen schon am ersten Tage so, was werden sie noch tun, wenn sie weiter kommen? Da werden die Spitzbuben desto eher zum Kreuze kriechen.

Major: Meinen Sie? Nein, mein Lieber, es wird die Nation erbittern und selbst die wider uns aufbringen, die es bisher noch gut mit uns gemeint haben. Und wirklich, das heißt doch nicht Wort halten!

Kapitän: Wieso, Herr Obristwachtmeister?

Major: Hat nicht der Herzog im neulichen Manifest den Franzosen versprochen, daß er als Freund kommen und bloß die Herstellung der inneren Ruhe zum Zwecke haben wolle? Das heißt aber schön als Freund kommen, wenn man die Dörfer ausplündert, die Felder abmäht, und Leuten, die uns nichts getan haben, das Fell ausgerbt. Pfui, pfui!

Kapitän: Das ist aber doch Kriegsmanier!

Major: Der Teufel hole diese Kriegsmanier! Ich sage und bleibe dabei: das heutige Benehmen der Truppen und ihr verdammtes Marodieren wird uns mehr schaden, als wenn wir eine Schlacht verloren hätten!

Kapitän: Herr Obristwachtmeister, innerhalb drei Wochen ist die ganze Patrioterei am Ende: in drei Wochen ist Frankreich ruhig, und wir haben Frieden. Wollen Sie wetten? Ich biete 10 Louisdor.

Major: Topp! wenn in drei Wochen Friede ist, so haben Sie gewonnen!

Der Hauptmann schlug ein – und zahlte hernach bei Luxemburg auf dem Rückzug 10 Louisdor!

Der Herzog erfuhr die Plündereien nicht so bald, als er sie gleich aufs schärfste untersagen ließ. Allein was half's! Anfangs folgte man, aber hernach, besonders auf dem Rückzug, ging's, trotz mancher exemplarischen Bestrafung, oft sehr arg.

Sogar Weiber ließen sich beigehen, in die Dörfer zu laufen und da zu marodieren. Wir hatten nämlich einige solcher Kreaturen, größtenteils unverehelichte Menscher, welche sich an Soldaten gehängt hatten und so mitzogen; sie marodierten derb, und dies schon in den trierschen und luxemburgischen Dörfern und Feldern. Da befahl denn der Herzog, daß sie künftighin jedesmal von den Profosen der Regimenter geführt werden sollten.

Ein preußischer Profos ist aber eine gar traurige Personage; der kaiserliche Profos ist ein angesehener Mann, welchen die Soldaten und Offiziere ihren »Herrn Vater« heißen. So ein Profos hat auch gutes Traktament und artige Kleidung; hingegen ein preußischer ist gewöhnlich ein alter Invalide, der schlechten Sold erhält und eine ausgezeichnete Uniform trägt, grau mit grüner Garnitur, auch keinen Steckenjungen hat, der die Gefangenen schließe oder die Stecken und Ruten schneide u.dgl. Das muß der preußische Profos alles selbst tun. Daher ist er auch bei jedem Soldaten verachtet und verspottet; keiner trinkt mit ihm, und er darf sich nicht unterstehen, in ein Wirtshaus oder in eine Marketenderhütte zu kommen, wo Soldaten sind; sogar die Packknechte wollen den Profos nicht um sich leiden. Wenn man endlich weiß, daß auch die Packknechte von den Soldaten verachtet und bei jeder Gelegenheit mißhandelt werden, so kann man sich so ziemlich den Begriff machen, was der arme Profos bei den Preußen gelten müsse.

Die Weiber, oder vielmehr die Menscher der Armee, wollten nun schlechterdings das Kommando der Profose nicht anerkennen, und widersetzten sich ihnen aufs tätigste, kurz, sie betrugen sich so, daß man genötigt war, das Kommando über sie einem Unteroffizier aufzutragen. Aber auch diese Anstalt ging bald wieder ein, und die Nickel marodierten wieder, wo und wie sie wollten.

So also trieben es unsere Soldaten, so auch deren Weiber und Menscher! Auftritte von schlimmer Art waren daher nicht selten, und ich werde nicht ermangeln, sie in der Folge gehörigen Orts anzubringen, damit man wisse, daß die Deutschen in Frankreich das erst taten, was die aufgebrachten Franzosen nachher in Deutschland dafür wieder taten. Hätten die meisten unserer deutschen Zeitungsschreiber, Journalisten und Almanachsschmierer das Betragen der Neufranken nach dem gleichartigen Betragen der Deutschen etwas kälter gewürdigt und sie anfänglich nicht immer wie blinde Kannibalen zu tief herabgesetzt, so hätten viele deutsche Fürsten, wie ihre Minister, wohl etwas heller dreingesehen, und hätten dann es gewiß nie so weit kommen lassen, daß sie meist flüchtig und nach dem Ruin ihrer Länder endlich sich genötigt sahen, unter jeder, auch noch so nachteiligen oder schimpflichen Bedingung in aller fürstlichen Herablassung und Blöße um Frieden gleichsam zu betteln bei denen, welche sie vorhin wer weiß wie tief verachteten. Und das waren dann die Früchte von der »verteutschten« Deutschheit.

Ich hasse zwar die französischen Räuber und ihre Barbareien in der Pfalz so sehr als nur einer, denn ich bin ja selbst ein Pfälzer; aber die Invasion und die Räubereien der Deutschen in Lothringen und in Champagne kann ich auch nicht loben. Man muß jedem sein Recht widerfahren lassen, dem Deutschen und dem Franzosen, damit wir selbst billiger und toleranter werden und uns so gegenseitig desto eher wieder aussöhnen.

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