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Magister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale - Band II

Friedrich Christian Laukhard: Magister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale - Band II - Kapitel 23
Quellenangabe
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typeautobio
authorFriedrich Christian Laukhard
titleMagister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale ? Band II
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesMemoirenbibliothek II. Serie
volumeBand 15
printrunDritte Auflage
editorViktor Petersen
year1908
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Schlußkapitel

Laukhards fernerer Lebensgang. – Getäuschte Hoffnungen. – Seine Verheiratung. – Häusliche Misere. – Audienz beim König Friedrich Wilhelm III. – Laukhards Schriften. – Anstellung als Pfarrer und baldige Absetzung. – Letzte Lebensjahre und Tod.

Bis hierher haben wir Laukhards Schicksale in dieser neuen Ausgabe im wesentlichen in der Form vorgeführt, die der Verfasser selbst seinem Werk gegeben hatte – abgesehen natürlich von den Streichungen, über die in der Vorrede ausführlicher gesprochen wurde.

Was Laukhard aus seinem Leben nach dem Abschied von der Reichsarmee mitteilt, entbehrt durchweg des tieferen Interesses. Besonders der Schlußband, der wohl lediglich um des Erwerbes willen nach einer Pause von fünf Jahren den vorangegangenen nachgesandt wurde, bietet uns kein erfreuliches Bild. Nichts als Stadtklatsch, Gezänk mit seinen Feinden und eine Preisgebung seiner inneren häuslichen Verhältnisse, die nicht gerade angenehm berührt. Zwar ist Laukhard seine Kunst nicht abhanden gekommen: er weiß mit sicherer Hand die Menschen, die er schildern will, hinzustellen, daß wir sie vor uns sehen, wie sie leiben und leben: er weiß mit grellem Licht die Sitten seiner Umgebung zu beleuchten: sein Urteil über die Verhältnisse ist meist scharf und treffend. Aber die Menschen, mit denen er sich beschäftigt, interessieren uns nicht mehr, seine Sittenschilderungen sind meist Wiederholungen, und die Verhältnisse sind meist kleinlich und unerquicklich.

Wir wollen ihm selbst nur bei zwei Episoden noch einmal wieder das Wort erteilen: bei der Schilderung seines Ehelebens und seiner Reise, die er im Jahre 1797 zum jungen König nach Berlin machte.


In Halle nahm zunächst Bispink den recht vagabundenhaft einziehenden Freund auf, kleidete ihn neu und gab ihm Wohnung und Tisch. Laukhard kam mit großen Hoffnungen nach Preußen zurück und wandte sich denn auch sofort an den Kronprinzen. Unbescheiden waren seine Wünsche nicht zu nennen: er bat nur um die Anwartschaft auf die Lehrstelle der französischen Sprache an der Hallischen Universität und um ein mäßiges Gehalt aus dem Schulfonds bis zum Antritt der erbetenen Stelle. Der Kronprinz verwies dies Gesuch an den Minister von Wöllner, dieser forderte Bericht bei der Universität Halle, der Bericht fiel indessen so ungünstig aus, daß der Minister das Gesuch völlig abschlug.

Laukhard fing nun sein altes liederliches Leben wieder an: der Schnaps wurde wieder sein schlimmster Feind, und auch seine Freundschaft mit Bispink bekam dadurch einen bösen Stoß. Hausschlüssel scheint man damals in Halle nicht gekannt zu haben, oder vielleicht mochte auch Bispink dem leichtsinnigen Freunde keinen anvertrauen – genug, er mußte mehrmals nachts bis zwei Uhr aufsitzen, um Laukhards Heimkehr abzuwarten. Auch zum Mittagessen erschien dieser oft nicht pünktlich: kurz es gab Verdrießlichkeiten, und er verließ das gastliche Haus.

Doch nahm er ab und zu auch wieder einen Anlauf zu einem vernünftigeren Wandel. Kein Zweifel, daß ihm das wüste Leben oftmals schwer auf dem Gewissen lag; und bei einer solchen Selbsteinkehr kam er denn auf den Gedanken, sich eine eigene Häuslichkeit zu gründen. Hier mag er denn nun wieder selbst das Wort nehmen:

Ich glaubte, ich würde wohl tun, wenn ich ein Weib nähme. Daß diese von niederem Stande sein sollte, versteht sich von selbst: denn eine Mamsell oder Madam, ich meine ein Frauenzimmer mit einem Federhut und Schleppkleid, würde allerdings drei ††† vor mir gemacht haben und ich desgleichen vor einer solchen. Denn so ein Wesen nur im baulichen Zustand zu erhalten, kostet mehr, als ich mir schmeicheln kann, jemals zu verdienen.

Da ich dachte, daß ich mein Projekt würde realisieren können, so fing ich im Ernst an, mit einem Mädchen so hin und her zu sprechen, das mir gefallen hatte. Wenn ich dies sage, so mögen meine Leser nicht denken, daß ich verliebt geworden sei, wie ehemals in meine mir noch immer teure Therese. Ich will nur soviel sagen, daß ich an dem Mädchen mein Behagen fand, daß mir ihr ganzes Wesen gefiel und daß ich sie besonders wegen ihres Fleißes, ihrer Eingezogenheit und ihrer witzigen Einfälle gut leiden konnte. Ihre Erziehung ging über ihren Stand, und da sie nicht in Halle erwachsen ist, so hat sie auch jene Fehler nicht, womit die Mädchen von Halle meist alle belastet sind.

Hannchen, so heißt das Mädchen, erzählte bald ihrer Mutter, was ich ihr so dann und wann zu sagen pflegte, und diese stellte mich sofort zur Rede. Ich sollte, sagte sie, meine Absicht auf ihre Tochter entweder entdecken oder deren weiteren Umgang aufgeben. Ich entdeckte also meine Absicht. Wir schrieben alle an den Vater, der als Soldat bei der Demarkationslinie der Preußen stand, und dieser hatte wider die Heirat nichts, also Mutter und Tochter auch nicht. – Nun war ich zufrieden, betrug mich immer mehr wie sich's gebührt, sammelte mein Verdientes und nahm täglich, in Erwartung einer ruhigen Zukunft, an Harmonie im Innern und Aeußern zu. –

Sehr beträchtlich kann nun freilich die Ansammlung des Verdienten nicht gewesen sein, denn in dem Rückblick auf die erste Zeit seiner Ehe berichtet Laukhard fünf Jahre später folgendes:

Wir wohnten in der Märkerstraße bei dem Schneider Baum, welcher mir für 20 Taler alte zerbrechliche Möbel überlassen hatte. Ich hätte freilich weit bessere für soviel Geld haben können, wenn ich imstande gewesen wäre, bar zu bezahlen. Aber da ich auf Kredit nehmen mußte und Baum mir versprach, vor Ostern kein Geld zu fordern, so ließ ich alles gut sein und nahm das alte Gerümpel, als wäre es tauglich und neu gewesen, gern an. Ich dachte in diesem Stück noch immer studentisch: wenn nämlich die Herren Akademiker etwas auf Kredit oder nach ihrem Ausdruck auf Pump haben können, so ist's schon gut, und sie sehen die gepumpte Sache als geschenkt an.

Am Ende des vorigen Teils versicherte ich meine Leser, daß ich in dem Besitz meines Hannchens mein ganzes Glück zu finden hoffte, aber wen hat die Hoffnung nicht schon oft häßlich betrogen?

Ich gelangte im September 1797 zum Besitz meines Hannchens, und nun hing mir der Himmel voll Geigen, wie man zu sagen pflegt, wenn jemand am Ziel seiner Wünsche ist, nämlich so nach seiner Meinung, denn andere Leute sehen meistens besser ein, wo uns der Schuh drückt, als wir selbst. Die ersten Tage gingen mir hin, wie sie einst den Auferstandenen im Himmel hingehen werden, nur daß mir in der Hochzeitsnacht ein komischer Streich begegnete, den ich hier erzählen würde, wenn ich mich nicht vor den schiefen Urteilen gewisser Leute fürchtete, welche noch an Hexen und Bezauberungen glauben.

Einige Tage nach der Hochzeit fand ich schon, daß ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht hatte. Meine Leser verstehen mich: der Mangel stellte sich bald in meiner Wirtschaft ein, und mein Hannchen forderte einmal acht Groschen von mir, als ich gerade noch zwei Groschen vier Pfennige im Vermögen hatte. Ich gab dies wenige Geld hin; Hannchen lachte.

»Schäker!« sagte sie. »rücke doch heraus!«

»Ich hab' nicht mehr, liebes Kind.«

»Ach, gackele nicht! gib her, immer her!«

Große Not hatte ich, das gute Kind zu überzeugen, daß ich nichts mehr hatte, und zu dieser Ueberzeugung war eine Okularinspektion nötig. Hannchen wurde überführt, und weg war mit dieser traurigen Ueberzeugung ihre freundliche Miene. Ich fühlte diesen Uebelstand gleich und fing an, Bemerkungen deswegen zu machen. Ein mir durch die Seele gehendes »Ach!« war die ganze vielbedeutende Beantwortung meiner ganzen philosophischen Dissertation über die Genügsamkeit. –

Laukhard ging nun ohne Geld in eine Schenke und gewann dort durch eine Wette über einen gelehrten Gegenstand einen Taler. Sein Hannchen mochte wohl wissen, in welchen Kneipen er verkehrte; da ihr Mann nicht nach Hause kam, so machte sie sich auf die Suche nach ihm. Er erzählt weiter:

Gegen Abend kam mein Hannchen, sah, daß ich bezahlte, was ich geben ließ, visitierte mir also die Taschen, und da sie fand, daß ich Geld hatte, fing sie ordentlich an, mit mir zu expostulieren, daß ich ihr dasselbe verhehlt hätte. Ich erklärte ihr die Art, wie ich zu einem Taler gekommen war, aber ich hatte große Mühe, sie völlig zu überzeugen.

Solange ich außer meiner Wohnung war – ich gab Unterricht in verschiedenen theologischen Fächern, außerdem noch im Lateinischen, Französischen und Italienischen –, solange hatte ich heitere Sinnen, kam ich aber dahin zurück, so machte mein sanftes Hannchen eine dermaßen finstere Stirne, daß ich mich den Augenblick weit weg wünschte. Daß es gleich von Anfang unseres Ehejochs oftmals zum Wortwechsel kam, versteht sich von selbst. Ich bin zwar von Natur nicht finster und rauh, noch weniger ist Grobheit und Impertinenz mein Laster – allein der Teufel bleibe gleichgültig, wenn einem unverdiente Vorwürfe gemacht werden oder wenn man Dinge von uns, und zwar mit Poltern, fordert, welche wir unmöglich leisten können.

So ging mir's: meine Frau fand alles nicht recht, was in unserer Wirtschaft war, und ich fand ganz natürlich auch vieles von dem nicht recht, was sie vornahm; besonders gefiel mir ihr Umgang mit einer gewissen Madame Unruhe nicht, welche auch in unserm Hause wohnte und deren Mann mit einem andern hallischen Frauenzimmer in Leipzig wirtschaftete. Meine Vorstellungen, mein Zanken und Poltern half alles nichts; meine Frau verstand es aus dem Fundament, auf Vorstellungen zu replizieren, und ist eine Meisterin im Zanken und Poltern. Meine Lage war nichts weniger als beneidenswert.

Im Herbst 1797 war der König Friedrich Wilhelm von Preußen gestorben, und das Verhältnis, worin ich ehedem mit seinem Nachfolger gestanden hatte, ließ mich eine schwache Hoffnung schöpfen, daß durch ihn meine Umstände könnten verbessert werden. Ich nenne die Hoffnung, die ich damals hatte, eine schwache Hoffnung, denn ich dachte nicht, wie die meisten preußischen Untertanen, daß nun es wahr würde, was Virgilius sagt:

redeunt Saturnia regna.

Ich hörte die Nachricht vom Tode des Königs auf der Broyhanschenke. Das ganze Zimmer war voll Bauern, Jägern und politischen Kannegießern: alles jubelte und freute sich der im vollen Galopp herbeiziehenden besseren Zeiten. Ein ältlicher Mann von Teutschenthal saß neben mir und sprach auch nicht eine Silbe. Ich wunderte mich über sein Stillschweigen und fragte ihn, was er von den neuen Vorfällen dächte?

Er antwortete:

»Mer muß halig wahrten, wie's noch kümmt: mer wäß wuhl, wie mer ausfährt, aber wie mer hame kümmt, das wäß mer niche.« – –

Meine Freunde in Halle rieten mir, selbst nach Berlin zu reisen und mich dem Monarchen vorzustellen; ich fand diesen Rat vernünftig und begab mich im Februar 1798 nach Berlin. Ich erhielt dort vom Major von KäbritzGemeint ist offenbar Köckritz, der Generaladjutant Friedrich Wilhelms III. Anweisung, wie ich es anzufangen hätte, um zum König zu gelangen; doch riet er mir, eine Bittschrift aufzusetzen, und dieselbe dem Monarchen zu überreichen; der Herr habe viel zu tun, und so was möchte vergessen werden.

Ich folgte dem Rate des Herrn Majors und kam am folgenden Tag wirklich ins königliche Kabinett. Der König, welcher mich noch kannte, war äußerst herablassend und gnädig. Er fragte mich nach meiner Lage, und da ich ihm sagte, daß diese eben nicht die beste sei und einer starken Emendation bedürfe, wenn ich zufrieden leben wollte, so versprach er mir, für mich und für die Emendation meiner Lage zu sorgen, las meinen Aufsatz flüchtig durch und befahl in meiner Gegenwart einem Sekretär, denselben ans Oberschulkollegium zu schicken mit der Weisung, dafür zu sorgen, daß dem guten Laukhard ein Plätzchen geschafft würde, wobei er ohne Sorgen leben könnte. Dies waren die eigenen Worte des gütigen Monarchen, und dann erfolgte eine Anweisung an einen Herrn, welcher mir die Reisekosten ersetzte. Ich verließ den König mit dem tiefsten Dankgefühl; als ich aber ins Vorzimmer kam, trat mich ein wohlgekleideter Mann sehr ängstlich an und sagte:

»Aber mein Gott, was machen Sie?«

Ich: Ich komme vom Könige, und glaube nichts Böses getan zu haben.

Er: Nichts? Bedenken Sie doch selbst!

Ich: Was soll ich denn bedenken? Ich weiß vom hellen Tage nichts. Erklären Sie sich näher.

Er: Mein Himmel, Sie sind mit einem Stock im Kabinett gewesen.

Ich: So ist es. Aber ist's denn verboten, mit dem Stock ins Kabinett zu gehen?

Er: Mein Gott, freilich! Das ist gegen alle Etikette.

Ich: Der König hat mir nichts darüber gesagt, und niemand wird sich einbilden, daß ich ins königliche Kabinett mit dem Stock gehe, um mich da herumzuprügeln.


Ungefähr vierzehn Tage nach meiner Rückkehr von Berlin erhielt ich ein Schreiben vom Oberschulkollegium, worin mir gemeldet wurde, daß wegen meiner Versorgung an die hallische Universität sei geschrieben worden. Auf den Bericht der Universität würde es nun ankommen, was mit mir zu machen sei. »Oh weh geschrien!« dachte ich und verlor auf einmal alle Hoffnung einer Versorgung.

Laukhard hatte sich nicht getäuscht; das Urteil der hallischen Professoren fiel ungünstig aus, und die Anstellung erfolgte nicht. So ward er wieder und wieder in den Strudel eines unstäten Lebens zurückgeworfen, dessen Gefahren bei seiner Veranlagung und seinen Neigungen doppelt große sein mußten. Dazu trat mit noch ernsterem Gesicht Frau Sorge an sein Lager, jetzt, wo er für Weib und Kind zu sorgen hatte, er, der bisher kaum den eigenen Leib zu fristen imstande gewesen war.

Es ist nicht zu leugnen, daß er manche ehrliche Anstrengung gemacht hat, um sich über Wasser zu halten, selbst sich emporzuarbeiten. Er gibt, wie wir wissen, Privatstunden, hält Repetitionskurse ab und tritt sogar als Winkeladvokat auf. Daneben entwickelt er eine emsige Tätigkeit als Schriftsteller, ja, er wird ein Vielschreiber im argen Sinne des Wortes. Seine Verhältnisse mußten das leider mit sich bringen.

Wir hörten, daß er schon den fünften Teil seiner Lebensbeschreibung vorwiegend um des Broterwerbs halber verfaßte. Nicht anders war es mit seinen Romanen, unter denen, wie nochmals hervorgehoben werden mag, die »Annalen der Universität zu Schilda« der bedeutendste, wenigstens der bekannteste geworden ist. Wenn sämtliche Laukhardschen Romane viel Autobiographisches enthalten, so hat der Verfasser für diesen besonders seine studentischen und akademischen Erinnerungen ausgenutzt. Vor allem sind hallische Personen und Zustände geschildert. Professor Grobius ist der Weltumsegler Forster, einer von den zahlreichen Gegnern Laukhards, die sich einer Anstellung des fahrenden Mannes an der Saaleuniversität widersetzt hatten. Aber unser Poet hat noch ganz andere Dinge in den Kreis seiner Betrachtung gezogen. Preußen (»Colchis«), Friedrich Wilhelm II. und dessen Minister Wöllner spielen darin eine Rolle: der närrische Kanzler von Schilda, Baron v. Ekolsbach, ist ein der ganzen damaligen Welt bekannter Kriegsrat Triebenfeld, der bei den großen Domänenverschleuderungen nach der dritten Teilung Polens und den berüchtigten Held-Zerbonischen Prozessen eine Rolle spielte und sich durch seine Tätigkeit einen wenig ruhmvollen, aber doch dauernden Namen in der inneren Geschichte Preußens gemacht hat.

Auch in die späteren Romane und Erzählungen Laukhards spielen dessen persönliche Erlebnisse beständig hinein. Einer der besseren darunter sind »Wilhelm Steins Abenteuer«, während der Held der »Eulerkappereien«, wohl des gemeinsten Buches, das der Feder des Magisters entflossen, jener armselige Gießener Mädchenschullehrer, Leichenbitter und Klingelbeutelträger Euler war, den wir aus dem ersten Bande der Lebensgeschichte kennen.

Sind alle diese ästhetisch minderwertigen Produkte seines Kopfes von nicht zu verachtendem Werte für die Sittengeschichte, so ist auch manche andere Leistung Laukhards keineswegs bedeutungslos. Es mag überraschen, zu hören, daß eine 1797, gleichfalls in Halle, von ihm herausgegebene »Anleitung zur Uebung in der französischen Sprache« in mancher Hinsicht nach denselben Grundsätzen gearbeitet ist, von denen die moderne Reform des neusprachlichen Unterrichts ausging.

Aber die beispiellose Offenheit, die er gegen sich selber in der Lebensgeschichte zeigt, konnten die andern nicht vertragen, denen er in gleich rücksichtsloser Weise ihre Fehler und Sünden vor den Kopf sagte. Mit den Theologen hatte er es schon durch seine »Beyträge und Berichtigungen zu Dr. Bahrdts Lebensbeschreibung« verdorben, gründlich verdorben auch durch die zahlreichen Ausfälle gegen das Dogma und dessen Vertreter, die, schon um ein Erhebliches gekürzt, unsere Leser in der Lebensbeschreibung kennen gelernt haben.

Aber Laukhard verdarb es wohl auch mit einem Manne, der noch mächtiger war, als alle Professoren der theologischen und anderen Disziplinen, die damals auf den Kathedern deutscher Hochschulen thronten, zusammengenommen. Er scheint das wenigstens getan zu haben; doch betreten wir hier schon das Gebiet der Hypothesen und Vermutungen, die zu Hilfe genommen werden müssen, wenn der Versuch gemacht werden soll, das Dunkel seines späteren Lebens einigermaßen aufzuhellen. Unter den zahlreichen Uebersetzungsarbeiten nämlich, die der Arme um den Groschen schrieb, war auch eine, die den Titel führte: »Bonaparte und Cromwell; ein Neujahrsgeschenk von einem Bürger ohne Vorurteil; aus dem Französischen mit einigen Anmerkungen« (1801). Weder die Broschüre noch die Anmerkungen waren dem ersten Konsul freundlich, der damals noch nicht seit langer Zeit den Staatsstreich gemacht hatte und auf dem republikanischen Throne noch immer nicht fest saß.

Es ist möglich, wenn auch freilich keineswegs gewiß, daß gerade diese Leistung seiner schnellschreibenden und unüberlegten Feder dem unstäten Manne die Pforten des Pfarrhauses wiederum verschloß, als er zum letztenmal versuchte, sie sich zu öffnen.

Das geschah in der Gegend seiner Heimat, zu der Laukhard in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts seine Schritte zurücklenkte. Eine Andeutung, daß er eine Reise dorthin vorhabe, findet sich am Schlusse der Selbstbiographie, die 1792 – 1802 in Halle geschrieben, wie gesagt, mit dem letztgenannten Jahre abbricht.

Nun erzählt Meusels »Gelehrtes Teutschland«, damals und noch heute der Fundort für zahllose biographische und bibliographische Einzelheiten jener Zeit, daß der durch seine »Schicksale« zu einer Art von europäischer Berühmtheit emporgestiegene Autor 1804 Pfarrer in dem Dorfe Veitsrodt (bei Fischbach an der Nahe) im damaligen französischen Saardepartemmt geworden, aber am 12. August 1807 seiner Stelle entsetzt und wegen seiner Schriften zu Trier in Untersuchung gezogen worden sei.

Also hatte der gelehrte Professor Meusel in dem ebenso gelehrten Teutschland geschrieben, und viele andere haben es ihm nachgesprochen. Erst drei Vierteljahrhundert später haben die von Paul Holzhausen in rheinischen Archiven und an den verschiedenen Aufenthaltsorten Laukhards angestellten Forschungen die teilweise Unrichtigkeit dieser Nachrichten erwiesen.Näheres darüber bietet Holzhausens Schrift: »Friedrich Christian Laukhard. Aus dem Leben eines verschollenen Magisters«, Berlin Carl Heymanns Verlag, 1902. Das Wissenswerteste daraus ist im Texte kurz zusammengestellt. In den im Staatsarchiv zu Koblenz aufbewahrten Akten des ehemaligen Saardepartements, in denen Laukhards Name vielfach vorkommt, ist von einem im Jahre 1807 gegen ihn angestrengten Disziplinarverfahren keine Spur zu finden. Dagegen geht aus diesen Akten sowie aus zwei im Pfarrarchiv zu Niederwoerresbach, zu dessen Gemeinde der Ort Veitsrodt heutzutage gehört, vorgefundenen Almosenrechnungen ganz zweifellos hervor, daß sich der Magister an letztgenanntem Orte nicht allein aufgehalten, sondern in der Zeit von etwa 1804 – 1809 pfarramtliche Funktionen dort verrichtet hat, aber nicht fest angestellt war, sondern als Verweser die Stelle verwaltete. Die definitive Anstellung hat ihm die Kaiserliche Regierung später verweigert und den Posten anderweitig besetzt, wiewohl Laukhard inzwischen auf die französische Verfassung schon vereidigt worden war. Die Aufführung seines Namens in den Pfarrtabellen wurde später in einem Schreiben des französischen Kultusministers Grafen Portalis als ein »Irrtum« bezeichnet.

Eine nähere Motivierung des Verfahrens der französischen Behörden fehlt gänzlich. Man ist also hierüber wiederum auf Vermutungen hingewiesen, und da liegt es denn wirklich nicht fern, an die Bonapartebroschüre zu denken, die von »guten Freunden« des Unseligen, dem einmal kein Glück erblühen sollte, in Paris ausgebeutet sein könnte. Möglich, daß auch die alte Landauer Geschichte dabei im Spiele gewesen, obwohl inzwischen ziemlich viel Gras darüber gewachsen war. Wie gesagt, über Vermutungen kommt man hier nicht hinaus.

Uebrigens könnte auch der Lebenswandel des Pfarrverwesers Laukhard den Grund für das Verhalten der französischen Behörden abgegeben haben. Denn nach Holzhausens Forschungen sind noch heute im Nahetal die abenteuerlichsten Gerüchte über den Mann im Umlauf, der in den Tagen des großen Franzosenkaisers die Veitsrodter Pfarrstelle verwaltete. So wird erzählt, daß er, der manchmal zur Unzeit zu den Karten gegriffen, gar oft die Nacht vom Sonnabend auf den Sonntag beim Spiele verbracht und dann in der Frühe des heiligen Morgens unvorbereitet die Kanzel bestiegen habe, um eine »gar gewaltige oder erbauliche Predigt zu halten«.

Auch andere Sagen sind über ihn im Schwange: daß er die Festung Magdeburg verraten habeDies ist offenbar eine sagenhafte Entstellung der Landauer Affäre. und – das sonderbarste von allen – daß er, der rationalistische Aufklärer, sich mit Sternkunde und Sterndeuterei beschäftigt hätte. So beginnt selbst die Mythe um die Gestalt des abenteuerlichen Gesellen ihre Schossen und Ranken zu treiben.

Kehren wir aus dem Luftreich dieser Sagen und Legenden auf den festen Boden der Wirklichkeit zurück, so steht soviel nach den Koblenzer Akten unzweifelhaft fest, daß Laukhard mindestens bis zum Jahre 1809 in Veitsrodt pfarramtliche Funktionen ausgeübt haben muß. Ja, noch im folgenden Jahre hat er dort gelebt; denn die Vorrede zum zweiten, 1810 erschienenen Bande seines Romans »Wilhelm Steins Abenteuer« ist noch an diesem Orte geschrieben.

Dann beginnt in Laukhards Leben abermals eine Reihe von dunkeln Jahren, aus denen nur spärliche Kunde herüberklingt. Er muß wieder zum Wanderstabe gegriffen und wieder ein Nomadenleben geführt haben, das ihn gar oft vor die Türen alter Freunde und mitleidiger Pfarrersfamilien geführt hat.

In heruntergekommenem Zustande, heißt es nach einer aus diesen Kreisen stammenden Nachricht,Diese Nachricht kam aus dem Munde einer alten Dame, Fräulein Wehsarg in Wendelsheim. Es war dies die letzte lebende Zeitgenossin Laukhards, die ihn als Kind im Hause ihres Vaters öfter gesehen hatte (vgl. den Aufsatz Holzhausens über L. in der »Festnummer der Darmstädter Zeitung zur 3. Jahrhundertfeier der Universität Gießen«, Darmstadt, 1. August 1907). Fräulein W. ist leider noch während der Drucklegung dieser Ausgabe im Alter von 95 Jahren gestorben und in L.s Heimat am letzten Sonntag vor Weihnachten zu Grabe getragen. ist er von Ort zu Ort gewandert, wie Ahasverus der Jude, mit der ewigen Klage auf den Lippen: »Wenn ich nur vergessen könnte!« Während seiner letzten Lebensjahre ist sein eigentlicher Wohnort Kreuznach gewesen, und dort ist er endlich am 29. (nicht, wie es überall in den biographischen Notizen über ihn heißt, am 28.) April 1822 auf dem Rüdesheimerplatze Nr. 13, als »Privatlehrer« gestorben.

Noch nach Jahrzehnten, so meldet der Literarhistoriker Robert Prutz, trieb sich in Halle ein zerlumptes Weib umher; das war Laukhards Hannchen, jene Unteroffizierstochter, die dem Unseligen einst die Hand zum Bunde gereicht hatte. Ob er sie bei seiner Rückkehr in die Pfälzer Heimat verlassen, ob sie nach seinem letzten »gesellschaftlichen Sturze« in Veitsrodt sich von ihm getrennt hatte – wer mag es wissen? Auch sie ist längst verdorben, gestorben wie ihr unglücklicher Gatte.

Und doch ist Friedrich Christian Laukhard nicht völlig tot. Wohl hat der Wind die Pfade verweht, auf denen der ruhelose Pilger durch die Lande gezogen, wohl ist alles, was er sonst geschrieben, so ziemlich verschollen und vergessen – doch sein non omnis moriar, seine Selbstbiographie, wird ihn, des sind wir gewiß, um Jahrhunderte überleben.

Habent sua fata libelli. Es gibt Bücher wie Taten, die nun einmal zur Unsterblichkeit bestimmt sind.

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