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Magister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale - Band II

Friedrich Christian Laukhard: Magister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale - Band II - Kapitel 20
Quellenangabe
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typeautobio
authorFriedrich Christian Laukhard
titleMagister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale ? Band II
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesMemoirenbibliothek II. Serie
volumeBand 15
printrunDritte Auflage
editorViktor Petersen
year1908
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Neunzehntes Kapitel

Rückkehr nach Dijon. – Briefstellerei. – Liebeleien der deutschen Gefangenen mit Französinnen. – Weibliche Orthographie. – Die Männernot. Es gab wieder Jungfernschaften. – Robespierres Sturz. – War er ein Verräter? – Das Maximum. – Bargeld und Assignaten. – Die Schreckensherrschaft. – Das Gesetz gegen die revolutionären Verbrechen. – Die Nationalkokarden und die Mützen à la République. – Anklagen wegen Betens. – Veränderungen der französischen Sprache infolge der Revolution. Unhöflichkeit war Ehrensache. – Meine Wunde bricht wieder auf. – Augenkrankheit. – Wieder im Spital. – Das Deserteurgesindel.

Ich kehrte nach Dijon zurück und wurde da von meinen Freunden und Bekannten freudig aufgenommen. Besonders war der Kommandant Belin sehr froh, daß ich so glücklich durchgekommen war. Er versicherte mich, daß er eben nicht viel für meinen Kopf würde gegeben haben; es sei ihm bange gewesen, ich möchte überwiesen und nach Paris gebracht werden, und dort wäre ich gewiß weg gewesen.

Ich wurde in Dijon über meine Verhaftung von jedem befragt, aber da ich nicht für gut fand, über eine mir so verhaßte Sache jedem zu dienen, so gab ich lauter Antworten nach Gutdünken. – Meine Lehrstunden fing ich auch wieder an und gab sie fleißig und zur Befriedigung meiner Herren Scholaren, welche alle recht brave Männer waren.

Ich war auch bei den deutschen Gefangenen der allgemeine Briefsteller im Französischen, besonders im Departement der Liebelei. Die Herren hatten eben nichts zu tun, sahen viele hübsche Mädel, die ihnen nicht grausam zu sein schienen, und da hatten sie ihnen gar manches zu entdecken. Aber die meisten hatten das Unglück, daß sie sich ihren Schönen nicht nähern konnten, und da mußte man seine Zuflucht zur Feder nehmen und Liebeszettelchen abschicken. Gewöhnlich wurden diese Briefchen sogleich und größtenteils günstig beantwortet – in aller Zucht und Ehrbarkeit, versteht sich, und in der gewöhnlichen Orthographie der Frauenzimmer, d.i. mit Schnitzer über Schnitzer in jeder Zeile. Doch, da selten ein Mann, sei er auch ein Mann von Erziehung und Kenntnissen, die Rechtschreibung seiner Sprache ganz inne hat, so kann man es den Frauenzimmern nicht verdenken, wenn sie die Worte bis zur Unkenntlichkeit verhunzen. Dieses Kribeskrabes hatte ich hernach auch zu analysieren und nicht selten Mühe genug, es herauszubringen, daß die Schöne es für eine Ehre halte, ihre geringen Reize der Aufmerksamkeit eines so aimable garçon wert zu sehen usw. Gewöhnlicherweise wurde der aimable garçon auf eine Promenade eingeladen, und dann ging die Erklärung durch Zeichen, abgebrochene Redensarten usw. schon ohne Dolmetscher von selbst.

In Frankreich gab es niemals privilegierte Bordelle, außer in den Seestädten, doch war wohl keine Stadt ohne verkappte Bordelle, und so ist es noch. Der Konvent hat zwar einige Gesetze gegen die Huren, oder wie es heißt, filles perdues, gegeben, auch alle Bürger aufgefordert, dem Unwesen mit abzuhelfen, aber es läßt sich denken, daß solche Dekrete wenig oder nichts fruchten. Ein Uebel von der Art kann nur nach und nach durch bessere Erziehung künftiger Generationen vertilgt werden. – Die Folgen des Umganges unserer Kriegsgefangenen und Deserteure mit den Buhldirnen wurden auch bald sichtbar; viele mußten ins Hospital, andere ließen sich zu Hause kurieren.

Die Revolution, welche den Franzosen so entsetzlich viel junge Männer gekostet hat, macht freilich, daß von den jetzigen ledigen Französinnen viele alte Jungfern werden müssen; denn nimmermehr wird man erlauben, daß ein Mann mehr als eine Frau nehme. Dieses ist nun kein guter Prospekt für quecksilberne Frauenzimmer und kann nun und dann zur Entschuldigung dienen, wenn diese und jene gegen ihre Anbeter weniger strenge tut. Aus eben dieser Ursache wünscht das Ende des Krieges niemand sehnlicher als die französischen Mädchen.

Ob aber gleich jetzt noch ein ziemlich großes Sittenverderben, in Absehung der Keuschheit, in Frankreich herrscht, so ist doch, wie die Franzosen selbst bekennen, kein Vergleich des Gegenwärtigen mit dem Vergangenen, indem vorher die großen Herren und die Geistlichen nichts Hübsches, besonders in den niederen Ständen, ungeknickt aufblühen ließen. Ich sprach einst in einer Gesellschaft über diesen Punkt.

»Freilich gibt es wohl noch Jungfern bei uns,« fiel einer ein, »aber vor fünf Jahren waren diese verdammt rar. Die Herren und die Pfaffen machten gar zu viele Jagd darauf. Jetzt sind diese Pestilenzen bei unseren Nachbarn, und wenn ihnen die nicht bald die Hälse brechen, so weiß ich gewiß, daß sie alle schwachen Weiber und Mädchen in Deutschland verführen werden.«

Diese Bemerkung mag aber jetzt wohl nicht mehr statthaben, da die Emigranten in Deutschland eine gar traurige Figur machen und meist allgemein verhaßt und verachtet sind.

 

Der Jakobinismus hatte gerade damals durch Robespierres Sturz seine Hauptstütze verloren und ging nun allmählich selbst zugrunde. Man hätte wenigstens in Paris bei der gewaltsamen Verschließung des Jakobiner-Saales mehr Exzesse vermuten sollen, als wirklich vorgefallen sind. Aber die öffentliche Meinung entschied für die Entbehrlichkeit der Jakobiner und der Volkssozietäten, und so ging es ohne großes Blutvergießen zu; in den Provinzen schlossen die Jakobiner ihre Säle nach und nach von selbst.

Von dieser Zeit an wurde der Name Jakobiner ein Schimpfname, und wenn man einen schlechten Streich nennen wollte, so sagte man, es sei un tour de Jacobin. Marat hatte bisher die Ehre genossen, daß man Straßen, Tore und Hospitäler nach ihm genannt hatte; aber nun ward Marats Name verächtlich. Man strich ihn allerorten aus, warf seine zahlreich errichteten Büsten um, und in Paris wurde sogar sein Körper so wie der des von ihm vertriebenen Mirabeau aus dem Pantheon geworfen und zugleich das kluge Dekret gemacht, daß in Zukunft niemand mehr im Pantheon aufgestellt werden sollte, als erst zehn Jahre nach seinem Tode, weil alsdann der für oder wider ihn streitende Parteigeist sich würde gelegt haben.

Nachdem der Jakobinismus gestürzt war, hörte man nun überall wilde Verwünschungen gegen den »Verräter« Robespierre erheben. Indessen, so schuldig auch Robespierre und sein Anhang sein mag, so scheint mir doch nichts weniger wahr oder auch nur wahrscheinlich, als daß er ein Anhänger der auswärtigen Feinde der Republik je gewesen sei. Seine Unternehmungen waren mit den Bemühungen des Jakobinismus zu genau verwebt, und der Royalismus ist doch wohl dem Jakobinismus ganz entgegen. Kein Jakobiner kann einen König wollen – aber wohl einen Diktator!

Wenn aber Robespierre wirklich eine Diktatur hat stiften wollen, welches man doch nicht hinlänglich folgern kann, so würde er der größte Tor gewesen sein, wenn er sich dazu die Hilfe fremder Mächte hätte suchen wollen. Er war ja allen koalisierten Fürsten verhaßt, und sein Sturz wäre unvermeidlich gewesen, wenn nur ein Wort davon herausgekommen wäre, und wie hätte so ein großes Projekt verborgen bleiben können?

Was vielleicht mehr als alles andere die Franzosen gegen Robespierre aufbrachte, das war das recht eigentlich von ihm eingeführte Maximum oder die Taxe, über welche hinaus nichts verkauft werden durfte. Diese Anstalt war sehr drückend, besonders für das Landvolk. Anfänglich mochte das Maximum notwendig sein, aber nachdem das Papiergeld sich auf eine ungeheure Art in Frankreich gehäuft hatte, so war gar kein Verhältnis mehr zwischen den Waren und dem imaginären Aequivalent derselben oder dem Papiergelde.

Man setze, es seien ehemals in Frankreich 4000 Millionen Livres im Kurs gewesen, ob ich gleich überzeugt bin. daß nicht 3000 Millionen in Spezies daselbst existiert haben. Man nehme ferner an, daß damals 50 000 Millionen Papiergeld darin existierten, welche Annahme in der Tat noch zu gering ist. Nun berechne man das Verhältnis, und man wird finden, daß schon wegen der großen Menge des Papiers die Waren weit teurer sein mußten als vorher, da noch Geld allein kursierte. Wenn daher ehemals eine Bouteille Wein 2 Sous kostete, so mußte man damals 25 geben, nach dem Verhältnis von 4:50 und nach dieser Annahme, welche aber weder auf jener noch auf dieser Seite richtig ist, da dort zu viel Geld und hier zu wenig Assignaten im Umlauf angegeben sind, mußte der LouisdorDer alte Louisdor hatte 24 Livres Wert. P. schon 300 Livres in Papier gelten.

Hieraus ist ersichtlich, daß das Maximum aufgehoben ober wenigstens gar sehr erhöht werden mußte, wenn man nicht die größte Ungerechtigkeit begehen wollte. Die Einführung des Papiergeldes war eine Unternehmung aus Not, und die Fortsetzung desselben hat der zerstörende Krieg aller Mächte gegen Frankreich erzwungen. Das Maximum wurde abgeschafft und jedem wieder erlaubt, zu verkaufen, wie er wollte. Freilich stiegen nun alle Waren beträchtlich, aber nun war auch alles zu haben, wenn man nur Papier hatte. Viele verkauften jetzt, welche vorher für den geringen Preis nicht verkaufen mochten. Hatte man das Maximum erhöht, so würde dies, weil doch bald wieder eine neue Erhöhung notwendig geworden wäre, nur neue und verdrießliche Umstände und Verwirrungen bewirkt haben.

Niemand verlor eigentlich bei der Aufhebung des Maximums, denn mußte man mehr geben, so erhielt man auch mehr für das, was man zu verkaufen hatte, und der Tagelohn der Arbeiter mußte natürlich auch erhöht werden. Man hat zwar in allen ausländischen Zeitungen geweissagt, daß die französische Republik den letzten Herzstoß bekommen hätte durch die Abschaffung der allgemeinen Warentaxe, aber auch diese Weissagung ist, wie so viele andere, ohne Erfüllung geblieben. Es sind seit der Zeit schon drei Jahre verflossen, und die Republik steht noch in ihrer fürchterlichen Größe.

 

»Der Weg zur Freiheit durch Revolutionen geht über große Ströme Blut und durch Täler voll Elend,« sagt Voltaire, »und bloß das hohe Glück, frei als Mensch zu leben, kann den Menschen gegen das Elend stählen, das Revolutionen notwendig mit sich führen.« Ja, Blut und Elend hat diese Freiheit genug gekostet! Und war es denn immer Freiheit?

Im Herbst 1793 erging auf Betrieb des Robespierre und seiner Partei das fürchterliche Dekret, daß alle revolutionären Verbrechen mit dem Tode sollten bestraft, und alle verdächtigen Personen mit Arrest bei Brot und Wasser sollten belegt werden. Ein einziges Wort, ein: »Ich wünschte, es wäre Friede!« oder: »Wenn doch das Elend nicht gekommen wäre!« und dergleichen, war schon ein revolutionäres Verbrechen. Die beinahe in allen Städten Frankreichs errichteten Revolutionstribunale ließen Blut fließen wie Wasser.

Das Abscheulichste bei der Sache war, daß auf die Aussage zweier Bürger allemal schon ein Todesurteil beruhen konnte. Man hat Beispiele, daß sogar Brüder einander angegeben und daß Eheleute einander revolutionärer Verbrechen beschuldigt haben. Was man bei uns beleidigte Majestät nennt, das nannte man in Frankreich beleidigte Nation.

Um diese Zeit hörte aller freundschaftliche Umgang im ganzen Reiche auf, und der sonst so geschwätzige Franzose mußte damals seine Worte abwägen und auf seiner Hut sein. Es war sicherer, zu stehlen oder zu morden, als gegen die Konstitution oder vielmehr gegen den Jakobinismus zu reden. Kein Mensch besuchte mehr den anderen in seinem Hause, keiner wagte einen freundlichen Spaziergang mit jemand, aus Furcht, in Verdacht zu geraten; denn wie leicht war es, daß der, mit welchem ich umging, verdächtig war, und dann zog sein Sturz mein Verderben nach sich. Um also allen Verdacht von sich abzuwenden, kam man nur in den Wirtshäusern zusammen und ließ seine Stimme so laut, als es nur möglich war, zum Lobe des Konvents, der neuen Gesetze und besonders der Jakobiner erschallen.

Die Nationalkokarde war anfänglich ein längliches äußeres Kennzeichen eines guten Republikaners, aber nachher war man damit nicht mehr zufrieden. Jeder, wer's nur zahlen konnte, trug eine Mütze à la Répuplique, d.h. eine von blauem Tuch mit rotem Rand und weißer Kante, woran auch noch die Kokarde befestigt war. Vorne an den meisten Mützen las man das Wort: Mort aux rois! oder: Mort aux tyrans! So eine Mütze war ein Hauptkennzeichen des Zivismus. Sogar an den verschnittenen und ungepuderten Haaren wollte man den besseren Patrioten kennen können,Aber Robespierre trug bis an sein Ende die sog. Taubenflügel-Frisur. P. und kurze Hosen sah man fast gar nicht mehr; sie schienen aristokratisch zu sein. Wer nicht gerade eine Nationaluniform hatte, zog eine kurze Jacke (matelote) an, und damit holla!

Unter den unsinnigen Jakobinern gab es einige, die des Abends unter den Fenstern herumschlichen und horchten, ob irgend jemand laut betete, wie es sonst bei einigen Katholiken Mode ist. Hörten sie laut beten, so gaben sie die Leute an, daß sie heimlich Gottesdienst hielten und durch Gebete den König und die alte Verfassung wollten herstellen. Man hat diese Anklagen oft gehört, und die Beter wurden verdächtig und kamen ins Gefängnis. Der Rosenkranz war vollends ein deutliches Zeichen des Aristokratismus. Wer noch so dumm sein konnte, den zu beten, so einen hielt man auch für dumm genug, das Königtum der Republik vorzuziehen, und behandelte ihn als verdächtig.

Selbst die französische Sprache hat während des Schreckenssystems gewaltige Veränderungen erlitten. Viele Wörter, welche sonst etwas Ehrwürdiges bezeichneten, bekamen damals eine schimpfliche entehrende Bedeutung; z.B. Prince: Bettler: Duc, Duchesse: Gaudieb; Monsieur: Laus: Madame: Hure. Außerdem wurden die unanständigsten Redensarten – Blasphemien nach der Kirchensprache – und eine unzählige Menge neuer Wörter in alle Gespräche, sogar in die öffentlichen Reden, eingemischt. – Zur Ehre der Nation muß ich aber sagen, daß diese niedrige und pöbelhafte Verbrämung der Sprache nach dem Verfall des Jakobinismus ziemlich nachgelassen hat.

Sonst hat man von den Franzosen gesagt, daß sie im gemeinen Umgang höflich und artig seien. Aber unter dem Terrorismus war die äußerste Grobheit und Härte der Sitten das Zeichen eines Patrioten. Niemand zog mehr den Hut ab, niemand verbeugte sich mehr, und jedermann wurde geduzt, er mochte sein, wer er wollte. So schief wendete man den Grundsatz der Gleichheit an.

Mir war übrigens das Ding nicht zuwider; denn wer mich kennt, der weiß, daß ich die sogenannte feine Lebensart nimmer gelernt habe, und daß ich jeden Augenblick gegen die Regeln der Etikette verstoße. Doch ich darf mich nicht zur Regel machen und wünschte selbst, daß ich in diesem Stück anders wäre; aber was ist zu tun: naturam expellas furca! – Genug, zur Ehre unserer Komplimentenmacher, Damen, Herren, Mosjes, Mamsellen usw. muß und will ich gern bekennen, daß die Franzosen bloß aus übel verstandenem und in den Terrorismus verschobenem Freiheitssystem ihre Komplimente und Artigkeiten geändert haben. Der Oberkrankenwärter Fraipon sprach einmal mit mir über diesen Punkt und gestand, daß die Franzosen weit mehr Mühe gehabt hätten, ihre ungenierten Artigkeiten und ihr verbindliches Geschwätz abzulegen, als ihre Religion. »Es hat,« sagte er, »gewaltige Mühe gekostet, unsre Leute zu gewöhnen, so miteinander umzugehen, wie die Bauern und Hirten in der Schweiz. Lieber hätten unsre Muskadins den lieben Gott gelästert, als ein Frauenzimmer ohne Schmeichelei vorbei gelassen. Aber es mußte einmal sein! Wer will wohl eines Komplimentes wegen verdächtig werden!«


Die Wunde auf meiner Brust ging im Herbst 1794 wieder von selbst auf, nachdem sie einige Zeit zugenarbt gewesen. Ich befragte darüber meinen Bekannten, den Feldscherer Gibasier, und dieser legte mir ein Pflaster auf und versicherte mich, daß sich etwas von dem Brustknochen absondern würde. Diese Kur hatte aber nicht den gehofften Erfolg. Gibasier wohnte zu weit von meiner Wohnung, als daß ich ihn oft hätte besuchen können, und war meistenteils, wenn ich zu ihm kam, ausgegangen, meine Wunde blieb also oft sechs bis acht Tage ohne Verband. Dieser Umstand vermehrte die Eiterung und den dadurch erregten, für mich und andere beschwerlichen Geruch, und dies um so mehr, da es mir obendrein an allem mangelte, um die Wunde selbst zu reinigen.

In unserer Kaserne fand sich indes ein Mensch, der von der Chirurgie etwas wissen wollte, und dieser versprach, mich innerhalb einiger Wochen völlig wiederherzustellen. Seine Kur aber bestand nur im Auflegen eines gewissen Pflasters, das ebenfalls wenig oder nichts wirkte. Ich ließ also auch diesen gehen und legte nichts weiter auf als Schirlingspflaster, dessen gute und heilsame Wirkung mir schon lange bekannt war.

Da ich in der Kaserne bei den Deserteuren lag, dieses Gesindel aber durchaus nicht verdauen konnte, so ging ich schon früh morgens fort und kam spät abends wieder. Oft blieb ich auch über Nacht weg und verweilte dann teils bei den Kriegsgefangenen, teils bei dem Gastwirt Vienot, wo immer eine muntere Gesellschaft sich einfand. Vienot rief mich im Vorbeigehen oft in sein Haus, wenn er Gesellschaft hatte, und das, wie er sagte: pour égayer la conversation. Bei dieser Gelegenheit stand mir jedesmal eine halbe Bouteille Wein zu Diensten. Sehr oft zogen mich die Franzosen mit in ihre Zeche, und dann ging ich allemal frei durch. Ich gestehe das gern, weil ich mich nicht schäme, Wohltaten von denen anzunehmen, die mich ihres Umgangs und ihrer Freundschaft würdigen. Meine belehrende Unterredung war indes wohl auch was wert.

Ich gab gleich nach meiner Zurückkunft von Mâcon täglich wieder 6 Stunden und verdiente also alle fünf Tage wieder 15 Livres; daneben erhielt ich von der Nation 2 Livres 10 Sous Traktament, hatte also 17 Livres 10 Sous alle fünf Tage, nebst meinem Brote. Daß ich also nicht darben durfte, versteht sich von selbst.

Einige Zeit nach meiner Befreiung aus dem Gefängnis entzündeten sich meine Augen. Warum, das weiß ich nicht; aber Doktor Antoine meinte, daß der Burgunder keinen geringen Anteil an diesem Uebel haben möchte. Ich suchte nun mir zu helfen und machte Aufschläge von frischem Brot und Wasser, welches mir ein altes Weib geraten hatte, aber das half nichts. Da ich doch nicht unterließ, täglich Wein zu trinken, und einmal bei einer frohen Gelegenheit des Guten merklich zuviel tat, so konnte ich den folgenden Tag beinahe gar nicht mehr sehen. Ich tappte also zu dem ehrlichen Doktor Antoine und bat ihn um Hilfe. Er erschrak sehr, schüttelte den Kopf und sagte mir gerade heraus, daß ich um mein Gesicht kommen könnte, wenn ich mich im Trinken nicht mäßigte und mich nicht gehörig kurieren ließe. Ich sollte nur gleich aufs Spital gehen. Belin gab mir also einen Zettel, und ich quartierte mich zu »Marat« ein, welches Hospital damals auch seinen Namen änderte und Hôpital Mably genannt wurde.

Man legte mir Blasenpflaster in den Nacken, ließ mir am Arm zur Ader und setzte Blutegel hinter meine Ohren, und durch diese Kur kam ich innerhalb acht Tagen wieder zu dem völligen Gebrauch meiner Augen. Ich hätte nun sofort das Spital verlassen können, aber ich zeigte dem Chirurgus Vallée meine Brustwunde, und dieser fand sie bedenklich genug, um deshalb mit dem Oberchirurgus zu sprechen. Man ward einig, daß sie erweitert werden müßte, ehe man sie heilen könnte, daß man aber doch noch einiges andere versuchen wollte, bevor man zum Schneiden schritte.

Die Offiziere, die ich sonst unterrichtete, hatten, ich weiß nicht recht, weswegen, ihre Offizierlöhnung verloren und mußten, wie die Gemeinen, mit 10 Sous täglich vorlieb nehmen. Sie erklärten mir also, daß sie meinen Unterricht nicht ferner mehr alle belohnen könnten, bis sie ihr volles Gehalt wieder haben würden, wie sie zuversichtlich hofften und wie hernach auch wirklich geschehen ist. Also war ich genötigt, wenn ich nicht von 10 Sous leben wollte, meine Subsistenz einstweilen auf eine andere Art zu suchen. Ich zog darüber den Infirmier-Major Julien zu Rate, und dieser empfahl mir, wieder Krankenwärter zu werden, was durch den Direktor leicht auszuwirken sei. Ich war über diesen Vorschlag sehr froh, und meine Meldung wurde auch angenommen; da aber eine Stelle nicht frei war, so sagte man mir, ich möchte warten, einstweilen aber immer im Hospital mich aufhalten.

Dadurch war ich also geborgen, zumal da ich die Erlaubnis hatte, in die Stadt zu gehen, so oft ich wollte. Beiher besorgte ich manches in der Apotheke und erhielt dafür manch hübschen Trunk Wein von der vortrefflichsten Sorte.

Endlich, um Mitte November, verließ ich das Hospital, weil kein Platz als Krankenwärter für mich aufgehen wollte, und legte mich wieder in die Kaserne; aber lieber Gott, wie sah es da aus, als ich jetzt hinkam. Das Stübchen, worauf ich ehedem Quartier gehabt hatte, war ganz zerstört, die Türen des ganzen weitläufigen Klosters waren fast alle verbrannt, sowie auch die Fenster und Dielen, die man nur hatte aufreißen können. Bloß jene Zimmer waren verschont geblieben, worin die Deserteure lagen, deren noch ungefähr 60 von mehr als 800 in Dijon hausten. Die übrigen hatte man an andere Orte hingebracht, und manche waren heimlich entwichen.

Selbst in den Spitälern führten diese Bursche sich auf wie die Bestien. Sie schlugen sich, besoffen sich und machten Lärm wie trunkene Bauern, so daß man immer einige nach der Wache schleppen mußte.

Das äußere Ansehen der meisten dieser Buben war ebenso abscheulich: sie glichen in allen Stücken den verworfensten Bettlern. Beiher regierten Krätze und venerische Krankheit bei den meisten; kurz man kann sich nichts Abscheulicheres denken, als diesen Auswurf der Menschheit.

Der Dijoner Kommandant Belin war daher immer froh, wenn er hörte, daß Deserteure ausgerissen wären. »So bin ich denn abermals,« pflegte er alsdann zu sagen, »einige dieser sacrés mâtins los!« Zu Basel hat man mir nachher geklagt, daß sehr viele in die Schweiz geschlichen wären und da die Wege unsicher machten. Einige von ihnen sind auch in der Schweiz gehenkt worden.

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