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Magister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale - Band II

Friedrich Christian Laukhard: Magister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale - Band II - Kapitel 2
Quellenangabe
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typeautobio
authorFriedrich Christian Laukhard
titleMagister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale ? Band II
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesMemoirenbibliothek II. Serie
volumeBand 15
printrunDritte Auflage
editorViktor Petersen
year1908
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Erstes Kapitel

Ausmarsch in den französischen Feldzug 1792. – Der Abschied von Halle. – Koblenz. – Wozu es gut ist, wenn man Latein kann. – Schlechte Meinung der Koblenzer von den Preußen. – Güte des Herzogs Friedrich von Braunschweig gegen mich. – Das Manifest des Herzogs Ferdinand von Braunschweig. – Die Herren Emigranten. – Anmaßung der Franzosen. – Verschwendung. – Unsittlichkeit. – Spione. – Ausweisung der Emigranten aus Koblenz.

Ich schloß den ersten Teil meiner Lebensbeschreibung mit der Nachricht, daß ich bestimmt wäre, mit dem Thaddenschen Regiment und mit den übrigen preußischen Truppen den berühmten und berüchtigten Feldzug gegen die Neufranken mitzumachen; was ich nun seit jener Zeit, oder seit dem Frühling 1792 bis auf meine Zurückkunft nach Halle im Herbst 1795, Merkwürdiges mitgemacht und erfahren habe, soll den Inhalt der Fortsetzung meiner Lebensgeschichte ausmachen.

Es war wirklich schade, daß ich auf dem endlich im Ernst angetretenen Wege zu einer regelmäßigeren und konsequenteren Lebensart durch den Feldzug aufgehalten und allen Verführungen zu einem wüsten Leben, das mit Feldzügen allemal verknüpft ist, wieder preisgegeben wurde. So wollte es aber das Schicksal.

Niemand ist dem Eigenlob mehr feind als ich; ich fühle zu sehr meine eigene Unwürdigkeit und weiß, wie viel ich von der Achtung anderer durch meine ehemalige Lebensart habe verlieren müssen. Ja, ich sehe das Bestreben, diese Achtung mir wieder ganz zu erwerben, beinahe als einen Versuch an, das Unmögliche möglich zu machen. Mein Individuum ist indes immer das Geringste, was dieses Werk dem Publikum interessant machen soll. Ich war Zuschauer und Mitakteur, obgleich einer der geringsten, wenngleich nicht gerade einer der kurzsichtigsten, auf einem Theater, worauf eine der merkwürdigsten Tragikomödien unseres Jahrhunderts aufgeführt worden ist. Freilich haben andere da auch mit zugesehen, aber da jeder seine eigene Art, zu sehen und zu bemerken, hat, so will ich das, was ich gesehen und wie ich es gesehen habe, nun hererzählen.

Mein Abschied aus Halle hat mir sehr wehe getan. Ich trennte mich zwar nicht, wie die meisten Soldaten, von einer Frau, oder, was noch weher tun soll, von einem Mädchen, aber ich verließ Freunde, welche es wahrlich gut mit mir meinten und die ihre Freundschaft mir so oft und so tätig bewiesen hatten.

Ich hatte mich mit allem Nötigen, insofern ein Tornister es fassen kann, hinlänglich versehen, und durch die Bemühungen des wackeren Bispink war meine Börse in gutem Stande.

Den letzten Abend, es war den 13. Junius 1792, brachte ich in Gesellschaft einiger anderen Bekannten noch recht vergnügt bei Herrn Bispink zu. Ueber die Kirschsuppe, die mir damals als mein Leibessen Madame Bispink vorsetzte, haben hernach unsere königlichen Prinzen, denen ich davon erzählte, mehrmals mit mir gespaßt.

Morgens, den 14. Junius, zog unser Regiment von Halle aus; es schwebten allerlei Empfindungen auf den Gesichtern der Soldaten, die wenigsten zogen freudig davon, doch ließen nur wenige Tränen erblicken; und die, welche ja nasse Augen sehen ließen, wurden von ihren Nachbarn bestraft, die es für unanständig halten wollten, daß der Soldat weine.

Wir kamen den 9. Juli 1793 in Koblenz an, und hier hörte die Art von Subsistenz auf, welche wir bis dahin genossen hatten; denn bis hierhin waren wir von Bürger und Bauer ernährt worden und hatten kein Kommißbrot erhalten, jetzt aber erhielten wir dieses und mußten für unsere Subsistenz von nun an selbst sorgen.

Ich und noch drei Mann wurden in ein Haus einquartiert, worin weder Tisch, noch Stuhl, noch Bank zu sehen war; der Hausherr war gestorben, und dessen Erben wohnten weit von Koblenz. Es war also unmöglich, dazubleiben. Ich lief zum Hauptmann, und dieser wirkte uns einen Zettel aus, nach welchem wir in ein Benediktinernonnenkloster verlegt wurden.

Hier war es nun ganz erträglich, und nachdem ich mir durch mein bissel Latein die Gunst des Klosterökonomen erworben hatte, reichte er mir vom echten Moselwein mehr, als ich verlangte, wenn er ihn gleich den übrigen sehr sparsam mitteilte. » Pecus hauriat undam,« sagte er, »sed doctus vinum.« Oder: »Vinum da docto, laïco de flumine cocto« – ganz nach der Kirchenökonomie der katholischen Geistlichkeit, bei welcher pecus und laicus dem doctus und clericus gegenüberstehet.

Da unsere Leute nicht so viel Geld hatten, wie die französischen Emigranten, so konnten sie nicht so viel verschleudern als diese, und wir waren daher bei den eigennützigen Koblenzern gar niedrig angeschrieben; die Leute sagten uns unverhohlen, wir wären schroffe, garstige Preußen und hätten die französische Eleganz ganz und gar nicht. Ein Kaufmann, in dessen Laden ich mich über die schlechte Beschaffenheit seines Tabaks beschwerte, sagte mir gerade heraus, die Emigranten rauchten beinahe gar nicht, sonst würden die Koblenzer für guten Tabak gewiß gesorgt haben; dieser da sei für die deutschen Völker vollkommen gut. Die hätten ohnehin nicht viel wegzuwerfen und könnten den teuren Tabak nicht bezahlen.

Ich hatte mich über diese und andere Impertinenzen der Koblenzer eines Tages sehr geärgert, als ich bei meiner Nachhausekunft alle Ursache fand, meine muntere Laune zurückzurufen. Der Herzog Friedrich von Braunschweig, jetzt regierender Fürst zu Oels, hatte für gut gefunden, mir auf einen lateinischen Brief gleichfalls lateinisch zu antworten. Diesen Brief fand ich in meinem Quartier, und war über die edlen Gesinnungen des Fürsten beinahe außer mir. Der Herzog versicherte mich nebenher, daß man mir den ganzen Feldzug hindurch auf seine Veranstaltung doppelte Löhnung reichen würde, und diese habe ich auch bis zu meinem Uebergang nach Frankreich im Herbst 1793 richtig bezogen. Hier ließ nun auch der Herzog Ferdinand von Braunschweig, als Generalissimus der vereinigten Armeen, jenes Manifest an die Bewohner Frankreichs ausgehen, welches so viel Lärmen weit und breit erregt, den Politikern so reichen und mannigfachen Stoff zu Räsonnieren und Deräsonnieren geliefert hat, und eine der Hauptursachen geworden ist an dem Verfall des Königtums in Frankreich, an dem Unglück der preußischen Armee und an dem Tode des unglücklichen Louis Capet und seiner Familie.Das Manifest, das ankündigte, daß der Kaiser von Oesterreich und der König von Preußen die Absicht hegten, der Anarchie in Frankreich ein Ende zu machen, die gegen Thron und Altar gerichteten Angriffe zu hemmen, die gesetzliche Gewalt wieder zu errichten, dem König seine Freiheit und Sicherheit, deren man ihn beraubt habe, wiederzugeben und seine rechtmäßige Herrschaft wiederherzustellen, enthielt folgende Stellen:

»Die Einwohner der Städte, Flecken und Stellen, die es wagen, sich gegen die Truppen Ihrer Kaiserlichen und Königlichen Majestät zu verteidigen und auf dieselben zu schießen, sollen auf der Stelle nach der Strenge des Kriegsrechts bestraft und ihre Häuser eingerissen und verbrannt werden.«
»Ihre Kaiserl. und Königl. Majestäten machen alle Beamten bei ihrem Kopfe nach Kriegsrecht und ohne Hoffnung auf Pardon für alle Ereignisse verantwortlich. Ferner erklären sie auf Ihr kaiserliches und königliches Wort, daß, wenn das Schloß der Tuilerien angegriffen wird oder Ihren Majestäten von Frankreich die kleinste Unbill widerfährt, oder nicht auf der Stelle für ihre Freiheit und Sicherheit gesorgt wird, sie eine exemplarische, auf ewige Zeiten unvergeßliche Rache nehmen ... werden.«
Das Volk von Paris empfand den Inhalt und mehr noch den Ton des Manifestes als blutige Beleidigung. Am 10. August erstürmte es die Tuilerien und warf den Thron der alten Bourbonen-Dynastie in den Staub. P.

– Ich enthalte mich aller Anmerkungen über diese Schrift, denn ich bin kein Politiker, kein Aristokrat, kein Demokrat. Aber selbst in unserem Heere wurden viele Bedenken dagegen ausgesprochen; manche fanden den Ton darin zu derbe und die Aeußerungen des Verfassers zu voreilig. Uebrigens ist noch nicht ausgemacht, wer der eigentliche Verfasser davon sei. Der Ton und die Denkungsart Calonnes ist mehr als zu sichtbar darin. Was für Meinungen über die Entstehung und die Absicht dieser berüchtigten Schrift zu meiner Zeit in Frankreich kursierten, werde ich an Ort und Stelle anbringen. Der Gang der Zeit wird noch mehr darüber aufhellen. Bis dahin bleibt es auf Rechnung des Herzogs von Braunschweig. Ein Fürst von so viel Einsicht und Ruhm hätte niemals einwilligen können, daß etwas unter seinem Namen vor aller Welt diplomatisch kursiere, das er nicht von Wort zu Wort geprüft und gebilligt hätte.

In Koblenz bin ich mit einer großen Menge von den ausgewanderten Franzosen so genau bekannt geworden, daß ich mich nicht enthalten kann, ihnen einen längeren Abschnitt zu widmen: dieses schändliche und schreckliche Ungeziefer kann noch immer nicht genug an den Pranger gestellt werden.

Diejenigen Deutschen, welche diesen Auswurf der Menschheit zur Zeit ihres sardanapalischen Hochlebens nicht gesehen haben, können sich ihre damalige Impertinenz leicht vorstellen, wenn sie nur als Impertinenz die betrachten, mit der ein Ludwig XVIII. samt Konsorten durch wiederholte unsinnige Manifeste und Proklamationen dem gesunden Menschenverstande jetzt noch immer Trotz bieten, auch nachdem alle Hoffnung für sie verschwunden und sie selbst aufs äußerste gedemütigt und verächtlich geworden sind. Noch jetzt sind diese ci-devant abgeschmackten Großsprecher voll Dünkel und dummer Rachsucht.

Wie tief muß diesen elenden Hofinsekten der alte diplomatische Hofschlamm ankleben, und wie verpestet muß die Luft ehedem um sie gewesen sein, da sie es jetzt noch immer ist! Die härtesten Schlage des Schicksals haben ihre adligen Halbseelen noch immer nicht zur Besinnung bringen können, und so wandern sie wie verdammte Scheusale zur exemplarischen Belehrung für alle die, welche, auf Vorrechte des Standes gestützt, die Rechte der Menschheit ihrer usurpierten Konvenienz aufopfern, und alles wie Sklaven behandeln möchten, was nicht zum Hof, zum Adel oder zur Söldnerei gehört.

Vielleicht meinen einige meiner Leser, daß man doch nun der Emigranten schonen müsse, da sie, von der ganzen Welt verlassen, die Strafe ihrer rachsüchtigen oder leichtgläubigen Entweichung aus ihrem Vaterlande nur gar zu sehr fühlen: allein, so wahr und ehrwürdig das alles für jeden Unglücklichen im allgemeinen ist, ja auch für manchen Emigrierten im besonderen, so wahr ist es auch, daß die Häupter der Emigrierten und deren erster tätiger Anhang durchaus es nicht verdienen, unter dieser menschenfreundlichen Bemerkung mitbegriffen zu werden.

Unser General hatte uns zwar verbieten lassen, mit den Emigranten zu sprechen oder uns sonst mit ihnen einzulassen; er glaubte nämlich, diese gesetzlosen Herren möchten durch ihr Geld unsere Leute zur Desertion auffordern und sie unter ihr Korps verleiten, welches einige damals schon die französische Spitzbubenarmee nannten. Das hatten die Herren auch schon getan, und manchen, sogar von den trierischen Soldaten, zu sich herangekirrt. Ich ging aber doch schon den ersten Tag in ein Weinhaus, wo Franzosen ihr Wesen trieben, und ließ mich in ein Gespräch mit ihnen ein. Aber abgeschmacktere Großsprecher habe ich mein Tage nicht gefunden, und ich kann es noch immer nicht spitz kriegen, wie irgendein Deutscher für solche Franzosen einige Achtung hat haben können! Diese elenden Menschen verachteten uns Deutsche mit unserer Sprache und unseren Sitten ärger, als irgendein Türk die Christen verachtet. Im Wirtshaus machte die Haustochter beim Aufwarten ein Versehen; und – sacrée garce d'allemande (verfluchter deutscher Nickel), chienne d'allemande, bête d'allemande, con garce d'allemande waren die Ehrentitel, die diese sacrés bougres d'émigrés uns Deutschen anhängten. Unsere Sprache verstanden sie nicht und mochten sie auch nicht lernen: sie nannten sie jargon de cheval, de cochons – Pferde- und Schweinesprache!

Ich sagte einmal bei Gelegenheit einer schönen Tabaksdose, daß ich nicht Geschmack genug hätte, um von dem darauf gemalten Porträt zu urteilen.

» Que dites-vous, monsieur!« erwiderte ein Emigrant; » c'est assez que de savoir le français, pour avoir le goût juste: un homme sait notre langue ne peut jamais manquer d'esprit.« Das war doch ein sehr anmaßliches Kompliment!

Die Emigranten hatten damals Geld noch vollauf, und folglich die Mittel, sich alles zu verschaffen, was sie gelüstete. Aber sie haben's auch toll genug verschleudert! Die kostbarsten Speisen und der edelste Wein, der bei ihren Bacchanalen den Fußboden herabfloß, waren für sie nicht kostbar und edel genug. Für einen welschen Hahn zahlten sie fünf große Taler ohne Bedenken. Mancher Küchenzettel, nicht eben eines Prinzen oder Grafen, sondern manches simpeln Edelmanns, kostete oft vier, fünf und mehr Karolins.Ein Karolin war zirka 6 ½ Taler. P. Die Leute schienen es ganz darauf anzulegen, brav Geld zu zersplittern; sie zahlten gerade hin, was man verlangte. Ich sagte einmal zu einem, daß er etwas zu teuer bezahlte. » Le Français ne rabat pas,« (der Franzose handelt nicht ab), erwiderte er und gab sein Geld.

Die Emigranten waren alle lustige Brüder und Windbeutel von der ersten Klasse. Den ganzen Tag schäkerten sie auf der Straße herum, sangen, hüpften und tanzten, daß es eine Lust war anzusehen. Sie gingen alle prächtig gekleidet und trugen schreckliche Säbel. Die Säbel wurden größtenteils in Koblenz verfertigt, und so hatten die dasigen Schwertfeger Arbeit und Verdienst genug.

Unter den Emigrierten gab es jedoch einige, welche sich mit ihrem Emigrieren übereilt hatten und gerne zurück gewesen wären, wenn es ohne Gefahr und mit Ehren hätte geschehen können. Dahin gehörte in Koblenz besonders der ehemalige französische Gesandte, Graf von Vergennes, welcher die heimlichen Anstalten zu seiner Rückkehr nach Frankreich endlich bloß darum aufgab, weil man ihm seine Privilegien weigerte. Ich habe den Bedienten dieses Grafen oft gesprochen und einen Mann an ihm gefunden, welcher von den neufränkischen Angelegenheiten weit richtiger urteilte, als alle Häupter und Unterstützer der Emigrierten.

Unter anderen vernünftigen Aeußerungen dieses Mannes war auch die, daß nicht alle Ausgewanderten willig und frei ihr Vaterland verlassen hätten. »Stellen Sie sich,« sagte er, »an die Stelle des Edelmanns oder des Geistlichen, und fragen Sie sich selbst, was Sie unter ähnlichen Umständen hätten tun können oder wollen? Die Prinzen, ein Condé, ein Artois, ein Monsieur fordern den Adel auf, auszuwandern, um die armée contrerévolutionaire formieren zu helfen. Sie sprechen von einem Einverständnis des Hofes mit den Hauptmächten Europas, und schildern die Wiederherstellung der alten Verfassung durch deren Hilfe für gewiß. Sie erklären alle, welche sich weigern, hieran teilzunehmen, als infam, als Verräter an dem Throne und bedrohen sie mit den schrecklichsten Strafen. Was soll der Adlige nun tun, zumal der im Dienste des Hofes? Bleibt er zurück und gelingt das, was ihm als so leicht ausführbar geschildert wird, so wird er ein Opfer der Rache, wird als ein Feind des Monarchen entweder gefänglich eingezogen, seines Standes, seines Postens und seiner Güter fiskalisch beraubt oder über die Grenze gejagt; und er, wie seine Familie, ist beschimpft, arm und dem Schicksal preisgegeben. Dies Verhältnis hat wirklich sehr viele Adlige angetrieben, ihr Vaterland zu verlassen, und zwar solche, welche sonst immer bereit gewesen wären, zu bleiben und auf die Vorrechte ihrer Geburt Verzicht zu tun. – Mit den Geistlichen hatte es eben diese Bewandtnis. Ein Geistlicher, der im Lande bleiben wollte, mußte der Nation den Eid der Treue ablegen. Aber schon dieser Eid machte, daß er von den rechtgläubigen Katholiken, deren es anfänglich noch immer sehr viele gab, als ein widerrechtlicher unregelmäßiger Priester angesehen wurde, dessen geistliche Verrichtungen man als gotteslästerliche Handlungen betrachtet, und sie selbst als Gottesschänder gemieden und, je nachdem unser Staatslos gefallen wäre, exemplarisch bestraft hätte.«

So dieser sachkundige Mann.

Daß die französischen Adligen schon lange die Blutegel gewesen waren, welche ihren Landsleuten das Blut aussaugten und eine ihren Regenten, auch dem allerschwächsten, wie einem Louis XV., so getreue und bis zum Enthusiasmus ergebene Nation endlich in Harnisch jagten, und folglich die Revolution gewaltsam herbeizogen – ist klar am Tage und bedarf keines Beweises.

Nun rannten diese elenden Menschen aus ihrem Lande und posaunten in der ganzen Welt herum aus: Frankreichs Verfassung sei zugrunde gerichtet, in Frankreich herrsche Anarchie, und wenn nicht alle Monarchen hälfen, hier Einhalt tun, so stände ihnen das nämliche bevor. Dadurch nun, daß die Emigranten die allerlügenhaftesten Vorstellungen von der Lage ihres Vaterlandes verbreiteten, sind sie eigentlich die rechten Stifter, die rechte fax und tuba des fürchterlichen Krieges und aller seiner greuelvollen Folgen geworden. Man hat ihnen, leider, auf die unverantwortlichste Art geglaubt.

Von dem greulichen Sittenverderben, welches die Emigrierten in Deutschland gestiftet haben, bin ich auch Zeuge geworden. »Hier in Koblenz,« sagte ein ehrlicher alter Trierscher Unteroffizier, »gibt's vom zwölften Jahr an keine Jungfer mehr; die verfluchten Franzosen haben hier weit und breit alles so zusammengekirrt, daß es Sünde und Schande ist.«

Das befand sich auch in der Tat so: alle Mädchen und alle noch etwas brauchbaren Weiber, selbst viele alte Betschwestern nicht ausgenommen, waren vor lauter Liebelei unausstehlich.

Gerade gegen dem Kloster über, wo ich im Quartier lag, war ein Weinhaus, dessen drei Töchter die Franzosen haufenweise an sich zogen. Ich ging eines Tages mit einem Emigranten auch hinein; da saßen die drei Hausnymphen den Franzosen auf dem Schoß und hörten ihren unsauberen Reden mit dem größten Vergnügen zu. Bald hernach fanden sich noch mehr Dirnen ein, und es ging da wenigstens so arg her, als in der »Talgfabrike« oder »Tranpulle« in Berlin wohl nimmer: man ging ab mit den Menschern und kam mit ihnen zurück, mir nichts, dir nichts. – Mein Begleiter, der ohne Zweifel glaubte, daß ich kein Geld hätte, um eine Buhldirne für ihr Verdienst zu begnügen, erbot sich, dreißig Sous für mich zu bezahlen; denn mehr, meinte er, würde eine solche Mamsell von einem pauvren Prüssien doch nicht verlangen. Der Ausdruck » pauvre Prussien« würde mich im Munde eines Emigrierten sehr geärgert haben, aber wegen seiner Gutmütigkeit lachte ich darüber und nahm das Anerbieten nicht an.

Die Mädchen in Koblenz reichten nicht hin für die Emigranten und für die daselbst hernach häufig durchziehenden deutschen Völker: es kam daher von weit und breit viel Gesindel zusammen und teilte mit den Koblenzerinnen ihre verdienstliche Arbeit. Anfänglich gingen die lockeren Tierchen schlecht gekleidet, warfen sich aber, durch die Freigebigkeit der Franzosen, bald ins Zeug, und erhöhten hernach auch, wie billig, den Preis ihrer Reize, welche zwar an innerer Konsistenz durch den starken Gebrauch sehr verloren hatten, doch aber immer mit besseren Lappen ausstaffiert wurden.

So wie in Koblenz hatten die Emigrierten es an allen Orten gemacht, wohin sie nur gekommen waren. Der ganze Rheinstrom von Basel bis Köln ist von diesem Auswurf des Menschengeschlechts vergiftet und verpestet, und die Spuren der greulichen Zerrüttung in den Sitten werden in jenen unglücklichen Gegenden noch lange erschrecken. Die infame Krankheit, welche man schon in den Rheingegenden »Emigrantengalanterie« nennt, ist allgemein und allen Ständen mitgeteilt. Hätte auch jeder ausgewanderte Franzose ganze Kasten voll Gold mit nach Deutschland gebracht, so wäre das doch lange kein Ersatz für das Elend, worin sie unsere deutschen Weiber und Mädchen, und durch diese einen so großen Teil unserer lüsternen Jugend gestürzt haben. Man gehe nur an den Rhein und frage, und man wird über die Antwort erstaunen und erschrecken. Schon allein in Koblenz fand man über siebenhundert infizierte Weibspersonen, als man ihnen nachher unentgeltliche Heilung anbot.

 

Obgleich die Emigranten alle schrecklich bramarbasierten und ganz impertinent enthusiastisch für ihren König, ihren Adel und ihre Pfafferei sprachen, so merkte man doch bald, daß manche gute »Patrioten« unter ihnen herumschlichen. Wie konnte dies auch anders sein! Es war ja so leicht, die Gänge der Emigranten auszuspähen und die Nationalversammlung darüber zu belehren. Dieser Gedanke mußte schon den einen und den andern von den Patrioten anreizen, sich unter die wahren Emigranten zu mischen, und durch Ausspähung ihrer donquichottischen Anstalten dem Vaterland zu nützen.

Als der Herzog von Braunschweig inne ward, was er leicht voraus hätte sehen können, daß sich unter den Aristokraten Patrioten aufhielten, befahl er, niemanden in Koblenz ein- oder auszulassen, ohne einen Paß, entweder vom französischen Kommandeur oder vom preußischen General Courbière. Allein dieses half wenig: denn Pässe waren bald nachgemacht. Man griff daher zu anderen Mitteln und ließ alle zu Koblenz befindlichen Emigranten namentlich aufschreiben. Ich habe dieses Geschäft einige Male mitverrichtet. Die Emigranten gaben zwar, weil es einmal so sein mußte, ihre und ihrer Weiber und Töchter Namen an; allein sie wurden über dieses Aufschreiben als etwas, das sie erniedrige, sehr erbost.

Das Aufzeichnen der Namen war auch fruchtlos, also befahl der Herzog, daß sich alle Emigranten, ihre Kranken allein ausgenommen, sofort aus Koblenz und allen Orten, wo Preußen wären, wegbegeben sollten. Einen ähnlichen Befehl gab auch der Kurfürst von Trier, aber der Befehl von diesem hätte ohne den des Herzogs wenig gefruchtet.

Der ernstliche Befehl des Herzogs machte gleichfalls viel Bewegung unter den Emigranten; aber vergebens. Selbst die Herren Koblenzer wollten es höchst unbillig finden, daß man so viel brave, um das Trierland (durch ihre Verschwendung) so wohlverdiente Leute fortjagen wollte. Die Emigranten schwuren hoch und teuer, daß es höchst schimpflich sei, von den Preußen vertrieben zu werden, aber jetzt müsse man sich in die Zeit schicken. Nach langem Zaudern also – denn der Befehl des Herzogs wurde nicht stracks befolgt – zogen die Emigranten endlich aus Koblenz. Es waren ihrer mehrere tausend. Der Abzug geschah des Nachts, weil sie sich schämten, am hellen Tage eine Stadt zu verlassen, wo sie so lange den Meister gespielt halten. Ihnen folgte vieles Lumpengesindel, besonders weiblichen Geschlechtes, nach. Sie nahmen ihren Weg nach Neuwied, Limburg, Bingen oder sonst wohin.

Man hätte denken sollen, die Koblenzer würden nach dem Abzuge der Franzosen höflicher gegen uns geworden sein; aber sie blieben grob, ja sie wurden noch gröber, denn sie sahen uns als die Ursache der Entfernung von Leuten an, die zwar ihre Weiber und Töchter mit der venerischen Krankheit nach allen Graden angesteckt, aber zur Schadloshaltung doch brav Geld in die Stadt und in die umliegende Gegend geschleppt hatten.

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