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Magister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale - Band II

Friedrich Christian Laukhard: Magister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale - Band II - Kapitel 19
Quellenangabe
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typeautobio
authorFriedrich Christian Laukhard
titleMagister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale ? Band II
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesMemoirenbibliothek II. Serie
volumeBand 15
printrunDritte Auflage
editorViktor Petersen
year1908
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Achtzehntes Kapitel

Ich werde Sprachlehrer. – Der Kommandant Belin. – Vorzüge der französischen Rechtspflege. – Mißlungener Fluchtversuch. – Die Wegschaffung der Guillotinen von den öffentlichen Plätzen. – Unbesonnener Brief an Dentzel in Paris. – Verhaftung. – Rachsüchtige Pläne gegen Dentzel. – Die Conciergerie zu Dijon. – Mein Prozeß wegen Hochverrats. – Transportierung nach Mâcon. – Gefährliche Verhöre. – Todesfurcht trotz aller Philosophie. – Freisprechung. – Vierundzwanzig Livres für die Angst. Ich fing nun also meine Stunden mit den fremden Offizieren an; ich hatte neun Scholaren, für jede Lektion erhielt ich 7 ½ Sous, folglich verdiente ich monatlich 101 Livres 5 Sous, wofür ich in Dijon recht gut leben konnte, um so eher, da mir die Nation ohnehin mein Brot und täglich 10 Sous Geld gab.

Ich logierte in der Kaserne der Deserteure, wo mir der Kommandant Belin ein ziemlich gutes Bett gegeben hatte. Die meisten Deserteure waren ausgemachte Schurken, mit denen man gar nicht zurecht kommen konnte. Ich hielt es unter dieser infamen Bande nicht lange aus und suchte mir daher ein Quartier in der Stadt, wo ich zwar täglich 4 Sous für Kammer und Bett zahlen mußte, aber nun auch bequem und artig wohnte.

Der Kommandant Belin konnte mich, wie ich öfter merkte, gut leiden; er war seines Gewerbes ein Eisenhändler und ein Mann von einigen Kenntnissen. Ich erhielt von ihm, was ich wollte, und mehr als einmal gab er mir Papiergeld. Er meinte, wenn alle Deserteure wären wie ich, so wollte er mit Freuden jedem alle Woche eine Bouteille Wein geben.

Ich habe meine Zeit so ziemlich vergnügt in Dijon zugebracht; wenn ich mit meinen Lektionen fertig war, ging ich in die Weinschenke. Da ich schon vorher mit vielen Bürgern aus der Stadt bekannt war, so mehrten sich meine Bekanntschaften immer, und da ich fleißig mitschwadronierte, so war ich wohl gelitten. Sehr oft wurde ich von den Gästen in die Weinschenken gerufen, um mit diesem und jenem eine Flasche zu leeren; denn es ist dem Franzosen unmöglich, allein zu trinken, er muß schlechterdings einen Gesellschafter haben, der mit ihm plaudere und trinke.

Fleißig habe ich auch die Gerichtsplätze besucht, wohin jeder gehen und alles mit anhören darf. Die Ursache der schnellen Justiz in Frankreich liegt wohl nicht an den Gesetzen allein. Diese sind zwar sehr deutlich und bestimmt, und es kostet kein Kopfzerbrechen, sie zu verstehen. Aber diesen Vorzug haben die Gesetze in einigen Ländern auch. Aber in Frankreich gilt der hohe Grundsatz der Gleichheit, nach welchem jeder Mensch in Rücksicht auf Gesetz und Recht so gut ist als jeder andere: folglich kann und darf da keine Person angesehen werden. Aber in Deutschland – du lieber Gott, da kann mancher zugleich Kläger und Zeuge sein, da fragt man erst, wer er ist. Und ist der Beklagte ein Mann von Einfluß, ein reicher, vornehmer Herr, so verliert er seinen Prozeß gewiß nicht.

Eine andere Hauptursache der schnellen Justizpflege in Frankreich ist, daß keine Advokaten da sind, welche für Geld verteidigen. Denn Geld bekommt da kein Anwalt, und für einen Vortrag oder für eine Verteidigung oder Verantwortung darf niemand nichts nehmen, oder er würde sich und seinen Zivismus äußerst verdächtig und verhaßt machen.

Drittens gibt es auch keine Sporteln; denn das Recht wird nicht verkauft. Daher haben denn auch die Richter und Anwälte keinen Vorteil davon, wenn sie den Prozeß in die Länge ziehen; je eher er ausgeht, desto eher sind sie dieser Last überhoben. Diäten u.dgl. werden ganz und gar nicht gutgetan. Bei uns ist das ganz anders!

Und endlich – was die Hauptursache der besseren Rechtspflege bei den Franzosen ist – jeder Bürger, welcher mit bei Gerichte sitzt, hat alle nur mögliche und höchste Ursache, das Recht ja nicht zu beugen und nur nach dem Gesetz und seiner besseren Einsicht zu sprechen. Denn er ist ja gar nicht lange Richter; es gibt solche Aemter, welche nur ein halbes Jahr währen, wenige dauern zwei Jahre. Da er also befürchten muß, daß man alsdann die Rechtssache abermals vornehme und ihm, wenn man beweisen könnte, daß er das Recht gebeugt, die gefährlichsten Händel zu Halse ziehen möchte, so ist es ebensosehr sein Vorteil als seine Pflicht, sich zu hüten und nur so zu sprechen, wie es die Vernunft nach dem Spruch des Gesetzes fordert.

Man entdeckt gar bald, welcher Richter ein ehrlicher Mann und welcher ein Schurke ist. Wir wissen z.B. alle, daß Herr Linksum die Pupillenkasse bestohlen hat; daß Herr Rat Schurkius falsche Zeugnisse gerichtlich ausstellt; daß der Justizkommissär Rabula zwei Gegenparteien zugleich bedient und beide betrügt; daß der Justizamtmann Schleicher für den Putz seiner Frau und Kinder mehr ausgibt, als er rechtmäßiges Einkommen hat; das und noch tausendmal mehr wissen wir – aber wozu hilft es, daß wir es wissen? Die Herren haben Aemter, d.i. Gewalt. Nehmt aber den Herrn Linksum, Schurkius, Rabula, Schleicher und anderen dieses Gelichters ihre Aemter, so werden sie gar bald der Gegenstand der allgemeinen Verachtung und des wohlverdienten Hasses aller Rechtschaffenen und selbst des Pöbels sein und so ihre Strafe leiden. Wüßten diese Herren, daß man sie einmal zur bestimmten Zeit absetzen werde, sie würden ihr Amt weit ehrlicher verwalten.

 

Einmal, es mochte so einen Monat nach meinem Abschiede aus dem Spital sein, ließ ich mich von einem gewissen Gesell, der vorher bei dem preußischen Regiment von Kleist gestanden hatte, verleiten, mit ihm nach der Schweiz entwischen zu wollen. Es war noch vor dem Dekret des Konvents, daß neutrale Ausländer zu Hause gehen dürften. Dieser Gesell stellte mir die Sache so leicht vor, daß ich bald nachgab und ihn zu begleiten versprach. Die Ursache, warum er gerade mich gern mitgehabt hätte, war ohne Zweifel, weil ich eine gefüllte Brieftasche mit Assignaten und noch einiges bare Geld hatte. Ich kann ihm das nicht verdenken; und wenn es uns gelungen wäre, unsern Anschlag glücklich auszuführen, gern hätt' ich all mein Papier und mein Geld dazu hergegeben; mich gelüstete es gar sehr nach einer Reise durch die Schweiz.

Wir gingen, nachdem wir uns auf vier Tage mit Brot, Speck und Schnaps versehen hatten, abends von Dijon weg Auxonne zu. Ohnweit Auxonne verbargen wir uns früh in einem Wald und harrten den ganzen Tag bis spät in die Nacht, um alsdann einen Kahn loszumachen und über die Saône zu fahren. Allein zu unserem Unglück waren Leute bei den Kähnen; wir machten uns also auf die andere Seite der Brücke, fanden aber da gar keinen Kahn, die Brücke selbst aber war bewacht. Nun liefen wir längs dem Fluß hinan, ob wir sonstwo Kähne finden würden, aber umsonst. Endlich kam der Tag, und wir waren nicht weit von einem Dorf. »Du siehst,« sagte ich zu Gesell, »wir kommen nicht über den Fluß, und wenn wir auch drüber wären, so wissen wir hernach weder Weg noch Steg; laß uns also umkehren und unser Vorhaben ein andermal ins Werk setzen, wenn wir welche bei uns haben, die der Wege kundiger sind als wir.« Gesell gab mir recht, wir gelangten wieder nach Dijon, und niemand schien uns vermißt zu haben, doch erfuhr ich nachher aus dem Munde des Kommandanten selbst, daß er um alles wußte und nur schwieg, weil man uns nicht aufgefangen hatte. – Es war allemal ein tolles Unternehmen, aus einem Lande entwischen zu wollen, wo man die Landstraße nicht halten durfte, dabei der Gegenden unkundig war und noch des Nachts gehen mußte, um nicht jeden Augenblick von Auflauerern angehalten zu werden.

 

Im Sommer dieses Jahres war ein wahrer Jubel in Dijon, wie in ganz Frankreich, als die Volksrepräsentanten in den Departements und Distrikten die scheußliche Mordmaschine, die Guillotine, aus den Augen des Publikums wegschaffen ließen. Diese Schreckbühne stand sonst immer mitten auf den größten und freiesten Plätzen, das Messer immer hoch, und drohte jedem Verbrecher den Tod. Aber jetzt, da die junge Republik der Verräterei von jenen gewachsen war, jetzt brachte man sie weg und stellte sie in Kirchen oder Klöstern hin, holte sie bei jedesmaligem Notfall nur hervor und schaffte sie gleich nach dem Gebrauch wieder weg.

Die Franzosen hatten eine fast kindische Freude, da sie das Messer nicht mehr vor Augen hatten. Ihre Freude wurde noch vermehrt, da sie in dem Bulletin lasen, daß wenn einmal die allgemeine Ruhe hergestellt sein würde, alle Arten von Todesstrafen abgeschafft werden sollten. – Ich habe durchaus bemerkt, daß, obgleich Ströme Bluts in Frankreich geflossen sind, das französische Volk das Blutvergießen doch nicht liebt. Die abscheulichen Szenen waren eine notwendige Folge der Revolution, das Volk sah dies ein und ließ sie zu.

 

Ich hatte seit meinem Abschied aus dem Hospital gut und vergnügt gelebt und dachte die Zeit abzuwarten, wo ich wieder zurück nach Deutschland kehren konnte; denn zu einer Flucht aus Frankreich nach der Weise so mancher Deserteure und Gefangenen wollte ich mich nicht mehr entschließen. Ich hatte mein hinlängliches Auskommen, gute Gesellschaft, angenehme Spaziergänge usw. und war gesund, bis auf meine geschwollenen Füße und die Brustwunde.

Um die Erntezeit fiel mir dennoch ein, an den Repräsentanten Dentzel nach Paris zu schreiben, denn dieser hatte mir doch in Landau versprochen, für mich zu sorgen. Ich führte meinen Einfall aus, und schrieb ihm einen weitläufigen Brief, worin ich ihm meine Schicksale meldete und ihn ersuchte, mir einen Paß nach Paris auszuwirken; ohne spezielle Erlaubnis durfte man nämlich nicht dahin kommen, und ich hatte doch große Lust, mich in der Hauptstadt der neuen Republik umzusehen und da dem großen Triebrad in der Nähe zuzuschauen. Ich gab meinen Brief auf die Post und erwartete eine baldige Antwort.

Aber Dentzel war damals, wie ich nachher aus den Zeitungen erfuhr, eben wegen der Landauer Affäre in Arrest, und wenn ich dieses gewußt hätte, so würde ich nie an ihn geschrieben haben; denn alsdann war es gewiß, daß der Brief nicht an ihn, sondern an den Wohlfahrtsausschuß gelangte. Ich hatte zwar von der Landauer Sache nicht ein Wort einfließen lassen, aber befürchten mußte ich doch immer, mein Name möchte den Parisern von Landau aus bekannt geworden sein, und dann war ich entdeckt und verloren. Daher war es sehr unüberlegt von mir, daß ich mich nicht vorher erkundigte, ob Dentzel auch wirklich aktiv im Konvent sei oder nicht. Ich hätte dies leicht wissen können, wenn ich nur die Monatsliste nachgesehen hätte, worauf alle jedesmaligen Repräsentanten, Generale usw. verzeichnet waren.

Es mochten ungefähr acht Tage nach dem Abschicken meines Briefes an Dentzel vergangen sein, als ich auf einmal mitten auf der Straße, da ich eben zu den Offizieren in die Stunde wollte, auf Befehl der Munizipalität angehalten und nach der Conciergerie gebracht wurde. Das Wort Conciergerie bedeutet in Frankreich ungefähr das, was in Berlin die Hausvogtei ist. – Man kann sich mein Erstaunen kaum vorstellen. Ich bat den Kommandanten Belin kommen zu lassen, und erfuhr von dem ehrlichen Mann, der schon nach einer Stunde erschien, daß er vom Maire Befehl erhalten habe, die Person eines Laukhard, der bei Landau von den Preußen desertiert sei, kenntlich zu machen.

Nun ging mir ein fürchterliches Licht auf! Sollte mein Brief an Dentzel dem Wohlfahrtsausschuß übergeben sein? Das war mir jetzt gewiß. Aber wer hat dem Wohlfahrtsausschuß denn gesagt, was ich in Landau habe machen wollen? Mein Verdacht fiel gleich auf Dentzel, und da bemeisterte sich eine sehr unedle Rachsucht meiner Seele: ich wollte ihn verderben, ohne meiner selbst zu schonen. Es schien mir so süß, so angenehm, den, der mich hätte verraten können, mit mir ins Verderben zu reißen. Ich schäme mich noch jetzt dieser sehr unedlen Empfindung, welche ich damals in der ersten Aufwallung hatte; aber damals war sie mir vielleicht zu vergeben. Der Erfolg scheint indessen doch zu beweisen, daß Dentzel als ehrlicher Mann mir Wort gehalten und an meiner Gefangennehmung keinen Anteil gehabt hat; denn er kam bald nach Robespierres Tode los und wieder in Aktivität. Wäre aber sein Prozeß mit seinem Geständnis schon bis auf meine Verwicklung mit ihm in Landau gekommen, dann hätte er wahrscheinlich nicht so wegkommen können, und ich – noch weit weniger.

Ich saß also in der Conciergerie und hatte alle Muße, über mein Mißgeschick nachzudenken. Meine kitzliche Lage bot mir Stoff genug, mich hier zunächst mit mir zu beschäftigen, und das Sprichwort von allen Seiten recht auseinanderzusetzen:

»In solchem Wasser fängt man solche Fische.«

Aber gerade dabei faßte ich bald wieder Mut, fügte mich in meine Lage und bekam gleich darauf Lust, die Beschaffenheit meines Aufenthalts näher zu untersuchen.

Die Conciergerie, von alters her ein Parlamentsgefängnis, war geräumig genug, eine große Menge Delinquenten aufzunehmen. Sie enthielt vier große Höfe, rundum mit hohen festen Gebäuden umgeben, und in diesen waren die Cachots, oder Behältnisse der Gefangenen. Die Höfe selbst hatten viel Raum, auch Baumgänge, und unter diesen Bänke zum Hinsetzen.

Die Cachots waren am Tage nicht verschlossen, und die Gefangenen hatten alle Freiheit, herum zu gehen und zu machen, was sie wollten. Ich habe sogar bemerkt, daß man ihnen den Gebrauch der Messer erlaubte.

Wenn es abends dunkel ward, mußten die Gefangenen in ihre Behältnisse, aber Simon, der Aufwärter, vergaß oft das Einschließen oder er ließ sich leicht erbitten, die Tür nur einzuhängen, und dann konnte man heraus in den Hof, so oft und so lange, als man wollte. Dies war uns allen willkommen, denn die damalige gewaltige Hitze machte, daß man die Kühle der Nacht gern im Freien genoß.

In dem Hof, worin ich saß, waren noch ungefähr 40 Mann, von welchen einige verurteilt waren, nach Toulon gebracht und da auf eine bestimmte Zeit verwahrt zu werden; es waren auch viele grobe Verbrecher darunter.

Ich hatte schon einige Tage in diesem Arrest zugebracht, als der öffentliche Ankläger zu mir kam und mich in einer abgesonderten Stube fragte, ob ich an einer Verräterei teilgehabt hätte, welche in Landau gegen das Interesse der Nation sei angezettelt worden. Daß ich dieses und alles, was sonst noch darüber gefragt wurde, verneinte, versteht sich von selbst. Auch drang er nicht sehr in mich und sprach mir allemal Trost zu, z. B. daß es nicht viel zu sagen haben würde, indem ja keine ganz bestimmten Klagepunkte gegen mich da wären.

Ich verlebte also einige Tage wieder ziemlich ruhig und schlief des Nachts meinen guten Schlaf. Dreimal noch examinierte mich der Accusateur public und sagte mir zuletzt, daß er mit der Untersuchung fertig sei und sie dem Kriminalgerichte vorlegen wolle; daß er auch ganz und gar nicht zweifelte, ich werde sofort loskommen. Das war wieder Trost für mich.

Aber endlich erschien der Ankläger mit der üblen Zeitung, daß meine Sache in Mâcon müsse entschieden werden und ich schon morgen dahin solle. Ich erschrak heftig, aber der humane Mann erklärte mir, daß ich ohne Sorgen sein könne, wenn ich unschuldig wäre; die Franzosen richteten nur die Verbrecher. – Der Ankläger hielt mich wirklich für unschuldig, und ich würde, wenn ich das gewesen wäre, mich jeder Inquisition gern unterzogen haben. Aber ich war nichts weniger als unschuldig. Ich war in der Tat in einer Lage, deren richtige Kenntnis mir ohne Umstände das Leben geraubt hätte. Selbst auf der Guillotine hätte ich nicht einmal denken können, daß mir unrecht geschähe. – Ich kann meine Leser versichern, daß ein böses Gewissen ein sehr dummes Ding ist, dem man hundert Schritt aus dem Wege gehen sollte.

 

Ich wurde nun nach Mâcon gebracht und hier aufs Schloß gesetzt; ich erhielt die nämliche Subsistenz wie in Dijon, nämlich zwei Pfund Brot täglich, zweimal täglich Suppe und Gemüse, Erbsen, Bohnen u.dgl. Auch im Gefängnis zu Mâcon saßen mehrere, aber doch nicht so viele, wie in Dijon, weil nach Mâcon nur diejenigen gebracht wurden, welche wegen revolutionärer Verbrechen angeklagt waren.

Schon den andern Tag erschien der öffentliche Ankläger bei mir mit einem großen Papier, worauf die Fragen standen, die er an mich tun sollte. Dieser Ankläger war ein recht braver Mann, welcher mir die Fragen ganz einfach vorlegte und alle Fallstricke sorgfältig vermied; ich konnte es ihm abmerken, daß er nichts Nachteiliges erfahren wollte.

Einige Tage hernach wurde ich auf das Gericht selbst gebracht und da etwas weitläufiger verhört. Ehe ich dahin ging, kam ein Mann zu mir, welchen das Gericht zu meinem Anwalt bestimmt hatte. Als dieser die Lage meiner Affäre vernommen hatte, sagte er mir, daß ich keines Advokaten bedürfte und daß meine Sache gut stände; ich sollte nur getrost auftreten.

Ich mußte drei Verhöre vor der Inquisition selbst aushalten. Das Haus, worin die revolutionäre Inquisition ihren Sitz hatte, war ehemals die Wohnung des Bischofs von Mâcon gewesen; ein elendes gotisches Gebäude. Ich zitterte freilich etwas, als ich zum erstenmal in die Versammlung der Richter trat; allein um durch ein zerstörtes Gesicht meine Schuld nicht schon halb zu bekennen, nahm ich alle meine Dreistigkeit zusammen und schritt, indem ich von einem meiner Begleiter eine Prise Tabak nahm, ganz unbefangen an die Schranken. Ich hatte Zeit, mich noch besser zu sammeln, denn es wurde noch einer vor mir verhört.

Nach diesem kam die Reihe an mich. Einigemal verwirrte ich meine Antworten und gab mir dadurch gefährliche Blößen. Der Präsident merkte mir also bald an, daß ich allerdings schuld haben müßte, weil ich in meinen Aussagen wankte. Aber ich half mir, indem ich sagte, daß ich mich nicht mehr an alles erinnern könnte, daß durch ein heftiges Fieber mein ohnehin sehr schwaches Gedächtnis – es war nie besser als damals – noch mehr abgestumpft sei. Ich weiß nicht, ob man bei einem deutschen Kriminalgericht mit Gründen dieser Art zufrieden sein würde, aber zu Mâcon war man es, oder man schien es zu sein. Der Präsident sagte: »Du hast Zeit, dich zu besinnen, Citoyen; überlege alles, vergegenwärtige dir alle Umstände der schändlichen Begebenheit; übermorgen sollst du wieder gehört werden.«

Die beiden nächsten Tage brachte ich im Gefängnis sehr unruhig zu; ich hoffte kaum noch, durchzukommen, und stellte mir das Schlimmste vor. Der Gedanke an die Guillotine durchschauerte meinen ganzen Körper; alles, was ich von den Grundsätzen der stoischen Schule wußte, war damals nicht vermögend, mich zu überzeugen, daß der Tod kein Uebel sei. Nur die Vorstellung, daß es vielleicht noch gut gehen könnte, richtete mich auf und ließ mich wieder Mut fassen. Wie wahr ist es doch, was Tibullus so schön sagt:

... credula vitam
Spes fovet et melius creas fore semper ait. ...die stets leichtgläubige Hoffnung hängt am Leben und sagt: Morgen wird besser es gehn! L.

Ich wurde das andere Mal verhört, aber auch da verwickelte ich mich und hätte beinahe den ganzen Handel verraten. Ich behauptete nämlich: Dentzel hätte allen Anerbietungen der Preußen kein Gehör gegeben. »Welchen Anerbietungen?« fragte der Präsident. »Je nun,« erwiderte ich, »denen, welche die Preußen ihm gemacht haben.« – »Also weißt du doch, daß die Preußen dem Dentzel Anerbietungen gemacht haben.« – Ich merkte gleich, daß ich vor Angst recht dummes Zeug geplaudert hatte, und wollte Ausflüchte suchen; aber der Präsident verfolgte seine Idee, und ich kam arg in die Klemme. »Ich habe sagen hören, ich weiß nicht, wo; man hat gesagt, ich weiß nicht, wer; ich habe gedacht, ich weiß nicht, weswegen« – das war so ungefähr, was ich dem dringenden Zusetzen des Inquisitors entgegen hielt.

Auch für diesmal wurde ich entlassen, jedoch bedenklich ermahnt, mich genau zu besinnen, denn mit solchem Gallimathias würde man sich nicht mehr begnügen lassen. Ich merkte wohl, daß man nicht im Sinne hatte, mich zu verderben, denn sonst hätte man ganz anders zu Werke gehen können. Indessen konnte ich mich vor der völligen Absolution doch nicht beruhigen, und das geringste, was ich mir zur Strafe vorstellte, war Einsperrung bis auf den Frieden.

Endlich kam ich zum drittenmal vor. Man wiederholte viele Fragen und schrieb meine Antworten genau auf. Nachdem dieses geschehen war, wurde mir alles vorgelesen und ich gefragt, ob ich noch einiges zu meiner Verteidigung zu sagen hätte? Ich verneinte dieses, und der Ankläger, welcher mir die Akten vorgelesen hatte, sagte zum Präsidenten: »Ich sehe keine Ursache, diesen Mann anzuklagen.« Der Präsident erwiderte, daß man die Sache noch genauer untersuchen müsse usw.

Wenn ich noch jetzt so bei mir überlege, warum man nicht genau untersucht hat und mich so bald freisprach, so denke ich, daß dieses vorzüglich darum geschah, weil man Männer nicht gern in Verdrießlichkeiten verwickeln wollte, welche sehr reelle Dienste der Republik geleistet hatten. Vielleicht dachten meine Richter, daß bei sehr genauem Verhör sogar dem General Laubadère manches zur Last fallen könnte, und vielleicht waren gar Freunde von Dentzel unter den Richtern.

Am andern Morgen, früh um acht Uhr, ließ der öffentliche Ankläger alle Gefangenen zusammen kommen, verlas dann von einem Zettel fünf bis sechs Namen von ihnen, und diesen sagte er, daß sie frei wären. Dann händigte er einem jeden ein Papier ein, mir also auch eins, worin enthalten war, daß keine Ursache zur Anklage gegen sie vorhanden wäre, folglich, daß sie in Freiheit gesetzt werden müßten, und zwar auf der Stelle.

Ich kann die Freude nicht beschreiben, die ich empfand, als ich mein Papier in Händen hatte. Ich dankte dem Ankläger, den ich als die Mitursache meiner glücklichen Entlassung ansah. »Nicht doch!« sagte er ganz kurz. »Es ist das Gesetz, welches dich frei macht!« Dann riet er mir, nicht eher Mâcon zu verlassen, als bis ich für jeden Tag, auch für jene, die ich im Gefängnis zu Dijon gesessen wäre, 15 Sous ausgezahlt bekommen hätte; denn soviel erhält jeder, der unschuldig im Gefängnis sitzt. Ich sollte mich deshalb nur auf dem Tribunal melden. Ich bemerkte ihm, daß ich mich da nicht zu finden wüßte, und er versprach mir, für mich das Wort zu führen. Ich ging aus dem Gefängnis und um 11 Uhr auf die Inquisition, wo der Ankläger schon einen Zettel für mich fertig hatte. Ich trug diesen zum Kriegskommissär und erhielt mein Geld. Ich war im ganzen zweiunddreißig Tage gesessen und hatte also durch meine Angst 24 Livres verdient.

Ich forderte mir zugleich einen Paß nach Dijon, der mir auch ohne Anstand sofort gegeben wurde.

Dieses denn war die letzte Anfechtung, welche ich in Frankreich wegen der fatalen Landauer Affäre zu leiden hatte. Ich habe sie glücklich überstanden, aber ich bin doch nicht vermögend, mit Behagen daran zu denken, wie man sonst gewöhnt ist, sich an überstandene Gefahren zu erinnern. Auch haben die Begebenheiten dieser Art die üble Stimmung meiner Seele, woran ich ohnehin schon laborierte, nur noch vermehrt.

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