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Magister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale - Band II

Friedrich Christian Laukhard: Magister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale - Band II - Kapitel 18
Quellenangabe
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typeautobio
authorFriedrich Christian Laukhard
titleMagister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale ? Band II
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesMemoirenbibliothek II. Serie
volumeBand 15
printrunDritte Auflage
editorViktor Petersen
year1908
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080918
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Siebzehntes Kapitel

Rückkehr nach Lyon. – Wirtshausstreit. – Duell und Verwundung. – Edelmütige Fürsorge meines Gegners. – Im Hospital zu Dijon. – Ich werde Dolmetscher für den Oberarzt. – Ich werde Unterkrankenwärter. – Meine Verrichtungen als solcher. – Die Grabsteine der Nonnen. – Der Saal der Krätzigen. – Ich nehme meinen Abschied als Krankenwärter.

Zu Ende des Februar kam ich nach Lyon zurück und hörte vom Kommissär, daß ich weiter müßte, es stände mir aber frei, wohin ich wollte; sein Rat wäre indes, ich ginge nach Dijon in Burgund, denn da gäbe es sehr viele Deutsche, und außerdem wäre Dijon der wohlfeilste Ort weit und breit. Ich versprach, mich zu besinnen, und bat ihn, er möge mich ausruhen lassen, was er auch gestattete. Seine Frau bemerkte, daß meine Schuhe abgerissen waren, und bewog ihn, mir ein Paar neue zu geben.

In Lyon, oder wie es damals noch hieß, in Commune affranchie, hatten die scheußlichsten Exekutionen jetzt aufgehört, denn alle die waren gefallen, welche sich des Verbrechens der Rebellion schuldig gemacht hatten. Man hat die Anzahl der hier Hingerichteten sehr verschieden angegeben, man kann aber immer annehmen, daß sie sich zum mindesten auf 1700 belaufen habe.

Lyon hat nach dem Sturz der Jakobiner seinen alten Namen wieder erhalten, sowie auch Toulon und Marseille. Dieses letztere hatte den schnurrigen Namen: Sansnom.

Ich fand in Lyon einige von den Ohnehosen, welche ich vor ein paar Wochen hier gekannt hatte: sie wunderten sich sehr, daß ich zurückkäme. Ich erzählte ihnen meine ganze Begebenheit, und da meinten sie, es könne nicht fehlen, es würden gewiß wieder foutus muscadins rebellieren und zu Paaren getrieben werden müssen. Dann sollte ich nur auch kommen; ich könnte Offizier werden.

Ich ging mit einigen Ohnehosen abends in eine Schenke, an einem Dekadentage. Aber noch jetzt wünsche ich, ich wäre damals nicht gegangen: denn ich habe die bösen Folgen dieses Ganges über zwei Jahre an meinem Körper gefühlt.

In dem Weinhaus waren mehrere Ohnehosen und andere Leute, welche sich, wie damals gewöhnlich, mit den Historien des Tages unterhielten und eben die Zeitung gelesen hatten, worin die Fortschritte der republikanischen Waffen beschrieben waren. Sie waren alle munter und tranken auf nichts als auf das Wohlsein der Republik. Ich mischte mich in ihr Gespräch und machte meine Sache so gut, daß sie mir das Zeugnis gaben, ich sei trotz meiner deutschen Geburt würdig, ein Citoyen français zu sein und die Waffen der Freiheit zu führen.

Unter anderen war ein gewisser Offizier da, ich glaube, er hieß Lasalle,Es ist nach Holzhausens Feststellung der später berühmte Reiterführer Lasalle gewesen, der bei Wagram fiel. der mir stark zutrank, auch selbst schon einen derben Rausch weghatte, und mitunter gewaltig auf die Feinde der Republik loszog, denen er nichts als Tod und Verderben prophezeite.

Ich ließ ihn immer reden und widersprach erst, als er anfing, die fremden Soldaten als feige Memmen und Hundsfötter darzustellen. Da aber konnte ich mich nicht mehr halten und sagte ihm gerade heraus: wer so räsonnierte, habe noch keinen Preußen gesehen, das seien auch Männer, so gut wie die Franzosen.

Er: Das ist nicht wahr; die Deutschen sind Tyrannensklaven, so gut als die Spanier, die Holländer und die Piemontesen.

Ich: Gut, aber laß sie für ihre Freiheit, für ihr Vaterland erst einmal auftreten, und du sollst sehen, daß sie ihren Mann stellen.

Er: Aber nur nicht wie die Franzosen, Foutre! Die Deutschen sind Memmen und lassen sich von ihren Fürsten treiben und verkaufen wie das Schlachtvieh.

Ich: Citoyen, hole mich der Teufel – wenn ich mich jetzt nicht zu den Fremden rechnen müßte – –

Er (hitzig): Nun, was willst du damit sagen, Citoyen?

Ich: Ich würde dir das Maul stopfen und den Mut der Deutschen verteidigen.

Er (sehr lebhaft): Nun wohl, verteidige ihn!

Ich: Ich habe keinen Degen.

Er: Da sieht man's! Weil du keinen Degen hast, so willst du uns weismachen, du hättest Courage, dich mit mir zu messen. Geh, trink und halt das Maul!

Einer aus der Gesellschaft: Sacre matin, höre, ich will dir nur sagen, daß du gleich gehen und Degen holen mußt! Wenn alsdann der Fremde keinen Mut hat, sich mit dir zu schlagen, so hast du recht; wenn du aber keine Degen holst, so halte ich dich für einen Zänker, der sich nicht getraut, seine Händel auszumachen. Verstehst du mich?

Er (aufstehend): Sollen gleich welche da sein, nur ein wenig Geduld!

Er ging fort, und ich erwartete ihn ohne Furcht zurück. Vielleicht trug der Wein, der damals meinen Kopf beherrschte, das Seinige nicht wenig bei, daß ich meinen Mann so unbefangen erwartete. Endlich nach einer halben Stunde kam er und brachte zwei Degen von gleicher Länge, woraus er mich einen wählen hieß. Ich nahm den ersten besten, und ohne weiter zu bramarbasieren, sogar ohne Sekundanten, welche überhaupt in Frankreich nicht Mode sind, gingen wir hinter das Haus in den Mondschein und fingen an, aufeinander einzufechten. Mein Gegner war geschickter als ich, und beim dritten oder vierten Ausfall stieß er mich vorn in die Brust, daß ich rücklings zu Boden fiel und alles Besinnen verlor.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich schon in der Wirtsstube auf einem Lehnsessel. Meine Kleider und sogar mein Hemd waren ausgezogen, meine Wunde gewaschen und mit einem großen Stück Schwamm bedeckt, doch lief das Blut noch immerfort in meine langen Hosen.

Endlich kam der Chirurgus, den mein Gegner herbeigeholt hatte, untersuchte die Wunde und verband mich mit dem ausdrücklichen Befehl, mich in ein Bett zu legen und ruhig zu bleiben; früh wollte er wieder kommen. Mein Gegner versicherte ihn, daß er mich im Hause der Bürgerin – ihr Name ist mir entfallen – unweit dem Wirtshaus finden würde, und bat ihn sehr, ja früh wiederzukommen; er wolle alles bezahlen. Ich wurde wirklich von vier Franzosen, wobei der Offizier, der mich verwundet hatte, selbst war, in ein Bürgerhaus gebracht und in ein recht gutes Bett hingelegt.

Ich will mein Duell in Lyon ganz und gar nicht entschuldigen und bekenne gern, daß es sich niemals zugetragen hätte, wenn mein Kopf durch den Trunk nicht heroisch geworden wäre. Ich hatte gar keinen Beruf, die Tapferkeit der Deutschen in einem Lande zu verteidigen, wo ich die Ehre der Könige nicht hätte um alles verteidigen mögen; denn auf Apologien dieser Art stand damals der Tod.

Den andern Tag früh war der Chirurgus wieder da, untersuchte abermals die Wunde und sagte, sie sei nicht gefährlich; wäre sie aber nur etwas tiefer gegangen, so wäre ich foutu. Der gute Mann hat sich sehr viel Mühe mit mir gegeben.

Meine Wirtin war eine recht brave Frau, die mich sehr bedauerte und alles tat, was ich nur begehrte; sie gab mir sogar Wein zu trinken, ob es gleich der Wundarzt aufs strengste verboten hatte. Der Offizier besuchte mich recht fleißig und brachte immer gute Freunde mit, denen er versicherte, ich sei ein braver Kerl, habe Courage wie ein Franzose; fechten müsse ich nur noch lernen, dann dürfe kein sacré mâtin mir mehr zu nahe kommen. Dann bedauerte er, daß er mit mir Händel angefangen hätte, schob alle Schuld auf den Wein, und ich vergab ihm nicht nur, sondern freute mich noch – warum, weiß ich selbst nicht –, daß ich mich mit einem Ohnehosen geschlagen hatte. Man ist zuweilen recht kindisch sonderbar!

Meine Wunde besserte sich zusehends, und schon am vierten oder fünften Tage konnte ich außer Bette sein und herumgehen, aber daß ich das Haus verließ, wollte der Arzt durchaus nicht zugeben. Die Zeit ward mir aber sehr lang, denn meine meiste, angenehmste und nützlichste Beschäftigung in Frankreich war, alle öffentlichen Häuser zu besuchen und da den Debatten der Leute zuzuhören, oder die angeschlagenen Zettel an den Ecken der Straßen zu lesen, oder in Weinschenken mich mit Leuten von Kopf zu unterhalten, um das jetzige Frankreich so viel wie möglich kennen zu lernen, auch die Maschinerie genau zu erforschen, wodurch es das geworden ist, was es jetzt ist. Diese Art von psychologisch-politischem Studium trieb ich von Ort zu Ort, verglich meine Ausbeute mit der Geschichte und fand dabei soviel Unterhaltung, daß es mir zum Bedürfnis geworden war. Dieses Bedürfnis konnte ich jetzt nicht befriedigen, und meine Wirtin, eine Witfrau, ging oft weg und ließ mich allein: und wenn sie auch da war, so wußte sie doch wenig zu erzählen.

Nach ungefähr 10 oder 12 Tagen entschloß ich mich, Lyon zu verlassen; meine Freunde, die Ohnehosen, versicherten mich, solche Wunden heilten von selbst, wenn man nur Pflaster darauf legte. Die Wirtin begehrte auch, daß ich aufs Hospital gehen sollte, weil sie befürchtete, mein Aufenthalt in ihrem Hause möchte ihr Ungelegenheit zuziehen. Ich entdeckte meinen Vorsatz dem Arzt, der ihn aber stracks verwarf und mir riet, mich im Lazarett vollends kurieren zu lassen. Der Mann hatte recht und ich sehr unrecht, daß ich ihm nicht folgte.

Mein Gegner wollte mich zwar ins Hospital bringen, aber bei dem allen schien es mir doch, daß er lieber sehen möchte, wenn ich mich abführte, denn Duelle waren damals eigentlich verboten. Der Tag zu meiner Abreise wurde also bestimmt. Der Offizier schenkte mir ein Hemd und ein paar Strümpfe – die meinigen hatte ich längst im Gebirge des Dauphiné weggeschmissen – dann nahm er meine Schreibtafel und steckte 60 Livres Papier hinein. Meinen Namen schrieb er sich sorgfältig auf, und versicherte mich, daß er, wo er mich finden würde, alles Mögliche zu meinem Vergnügen tun wollte. Gern, setzte er hinzu, gäbe er mir mehr Assignate, aber die 60 Livres seien alles, was er habe; er habe sie sogar selbst borgen müssen. – Ich habe über diesen Mann niemals böse sein können und schied mit Tränen von ihm.

Ich brachte zwei Tage zu, um nach Mâcon zu kommen. Den ersten Tag ging's frischweg; es war das herrlichste Wetter. Aber am andern Tag hatte ich große Mühe, mich hinzuschleppen. Meine Wunde schmerzte mich sehr, und bei jedem Schritt fühlte ich die schrecklichsten Stiche. Ich kehrte oft in die Dörfer ein, wo mich die Leute beklagten und mir immer Wein geben wollten. Aber ich dankte. In Mâcon meldete ich mich beim Kommissar, der mir zwar auf einen Tag Quartier gab, mich aber in kein Spital bringen konnte, weil dort damals keins war. Er sorgte aber dafür, daß ich auf einem republikanischen Wägelchen, d.i. auf einem zweiräderigen Karren, der mit einer leinenen Plane bedeckt ist, nach Dijon gefahren wurde.

Zu Dijon brachte man mich in das Hospital Chailler, das im ehemaligen Karmelitinnenkloster angelegt ist. Ich erhielt in einem großen Saal ein recht gutes Bett, und der Doktor Antoine nebst den Feldscherern gab sich alle Mühe, mich herzustellen, und wenn meine Brustwunde damals nicht geheilt ist, so war es lediglich meine Schuld und nicht die der französischen Chirurgen.

Ich hatte ein starkes Fieber, und der Arzt hielt dafür, daß es von übler Lebensart u.dgl. herkäme; ich zeigte ihm meine Wunde, er schüttelte den Kopf sehr und befahl dem Oberchirurgus, allen Fleiß anzuwenden, daß dieser Fehler bald verbessert werde. Aber der Chirurgus machte mir alle Tage einen Wicken hinein. Da, wie es recht und billig ist, mehr eine angemessene Diät und genaue Wartung die Hauptsache der Kur bei den Franzosen jetzt ausmacht, so erhielt ich nur wenig Arznei, und diese bestand meistens in einem Tränkchen.

In Dijon lagen damals, im März 1794, wenigstens 5000 Deserteure und gewiß 6 bis 7000 Kriegsgefangene, womit die weitläufigen Klöster der ci-devant Benediktiner, Bernardinessen, Norbertiner, und der adligen Damen Unserer lieben Frau zu St. Julian gefüllt waren. Im Hôpital Chailler waren viele ausländische Kranke, die aber unter den Franzosen herumlagen und in jeder Hinsicht ihnen gleich gehalten wurden. Das einzige Uebel für sie war, daß der Arzt mit den meisten nicht reden konnte und sich also bloß mit äußeren Anzeigen behelfen mußte. Als ich wieder herumgehen konnte, nahm ich mir die Freiheit, im Namen eines anderen Deutschen dem Doktor Antoine etwas anzuzeigen. Antoine sah mich groß an: »Du kannst also Deutsch?« – »O ja, ich bin ja ein Deutscher.« – »Eh bravo!« rief er, »darf ich dich bitten, mich bei meinen Besuchen zu begleiten? Ich will dir jedesmal 20 Sous geben.« Ich versicherte ihn, daß ich ihn allemal herzlich gern begleiten wollte, mir aber seine 20 Sous verbitten müßte; er habe mir in meiner traurigen Lage ja so hilfreiche Hand geboten, und so sei es meine Pflicht, ihm wieder zu dienen.

Von diesem Tage an ging ich alle Morgen um 7 Uhr mit dem Doktor bei allen gefährlich kranken Deutschen herum, erklärte ihnen seine Fragen und ihm hernach ihre Antworten. Antoine war sehr zufrieden mit mir und verdoppelte seinen Fleiß, meine Gesundheit völlig wiederherzustellen. Weil ich durchaus seine Assignaten nicht nehmen wollte, so sprach er mit dem Dépensier, daß er mir täglich eine Flasche Wein geben sollte, außer dem Becher, welchen ich ohnehin alle Tage zweimal bekam, riet mir aber, sparsam zu trinken.

Meine Wunde auf der Brust wurde vom Feldscherer besorgt, und dieser versicherte mich, daß sie bald völlig kuriert sein würde. Aber er wurde um diese Zeit selbst krank, und nun kam ein anderer, welchem ich meinen Schaden nicht entdeckte, weil ich hoffte, ihn mit Pflastern selbst heilen zu können, denn ich konnte es durchaus nicht leiden, daß man mir alle Tage Wicken hineinbrachte.

Als ich so ziemlich wiederhergestellt war, sagte ich zum Doktor, daß ich nun bald hinausgehen würde. Er wollte mich aber nicht missen und machte mir den Vorschlag, daß ich mich als Unterkrankenwärter am Spital solle anstellen lassen. Dies nahm ich mit Freuden an.

Meine Leser haben mich nun schon in so verschiedenen Lagen gesehen: als Schüler, Student, Kandidaten, Vikarius, Jäger, Lehrer am Hallischen Waisenhaus, Magister, Soldaten, Emissär und Sansculotte, daß ich auch auf ihr Interesse hoffe, wenn sie mich jetzt als Infirmier subalterne erblicken. Da sah ich denn wieder einmal anders aus, denn ich trug die Uniform, d.h. eine schwärzliche Jacke mit gelben Knöpfen, ein Paar lange Hosen oder ein Pantalon und eine blaue Nationalmütze mit rotem Rand, der oben weiß eingefaßt war; außerdem hatte ich noch eine weiße Leinenschürze vor.

Ich war auf dem Saal La Montagne angestellt und hatte 14 Kranke zu besorgen, meist Deutsche. Meine Verrichtungen waren einfach und alle Tage sich gleich.

Früh um 5 Uhr machte ich mich an die Arbeit, kehrte meinen Saal aus, öffnete die Fenster, reinigte die Nachtgeschirre, welche den Tag über nicht im Zimmer bleiben durften, brachte die Betten in Ordnung und holte dann Holz, um den Tag über das Feuer im Kamin zu erhalten. Um 7 Uhr kam der Doktor, welchem ich vom Befinden der Kranken Nachricht gab. Um 9 Uhr holte ich die für jeden Kranken bestimmte Tisane, und um 10 Uhr auf den Schlag ging ich in die Küche, um das Essen heraufzuholen und den Kranken auszuteilen. Nachher aß ich selbst auf meiner Stube oder ging aus, in einer Schenke zu essen.

Nachmittags um vier Uhr wurde das Essen wieder ausgeteilt, und alsdann mußten alle Betten frisch gemacht werden. Sobald es finster ward, wurden die Lampen oder Reverbères angesteckt, welche die ganze Nacht durch brennen mußten.

Außer seinem Saal und der Küche hat der Krankenwärter nichts zu besorgen; denn für das übrige sind andere Personen angestellt. Unter meinen Verrichtungen war mir keine lästig, als das Klystieren und das Wegbringen der Toten. Jenes muß jeder Krankenwärter vom Chirurgus lernen und dann nach des Arztes Vorschrift vornehmen. Diese Arbeit habe ich niemals gerne getan. Ebenso lästig war mir das Wegschaffen der Leichen, welche allemal von zwei Krankenwärtern in den Garten herabgetragen werden mußten, nachdem man sie ganz entkleidet und in alte Betttücher gewickelt hat. Doch ich wußte einmal, daß dieses sein mußte, und da ich mich dazu verstanden hatte, so gewöhnte ich mich auch daran.

Für diese Verrichtungen erhielt ich erstlich jeden Monat 69 Livres, folglich jeden Tag 2 Livres 6 Sous. Sodann hatte ich täglich 2 Pfund recht gutes Brot, ein Pfund Fleisch, zwei große Becher Wein und soviel Fleischbrühe als ich wollte. Daher holte ich mir in der Apotheke soviel Tisane und von welcher Gattung ich nur verlangte. Mein Trunk war gewöhnlich die Limonade minerale, wie man sie nannte, ein ganz treffliches Getränk. Ich hatte außerdem ein recht gutes Bett und durfte mein Hemd wechseln, so oft es mit beliebte, denn ich konnte mir ja nur im Magazin eins holen.

Was nach der Austeilung der Speisen übrig blieb, fiel den vier Krankenwärtern zu. Da allemal einige Flaschen Wein, oft drei, vier und mehr Portionen Brot und Fleisch übrig blieben, so wurde dies zusammengetragen und unter sie verteilt. Die andern waren in der Stadt angesessen und verheiratet; ich überließ ihnen daher meinen Anteil an Brot, Fleisch und Gemüse und ließ mir den Wein geben. Auf diese Art war uns allen geholfen; ich trank den Wein gerne, denn es war alter guter Burgunder, und meine Kameraden hatten was für ihre Familien.

Es gefiel mir auf dem Spital recht gut, die Langeweile aber fand sich endlich bei mir ein, da ich nur selten ausging: es war mir angenehm, daß ich endlich eine Leihbibliothek ( Cabinet de littérature) entdeckte, wo ich für 2 Livres monatliche Vorausbezahlung Bücher in Menge haben konnte.

So oft ich auf den Abtritt ging, mußte ich allemal lachen. Es war ein sehr geräumiges Gemach, das, wie übrigens noch mehrere im Spital, mit breiten Steinen belegt war. Diese Steine waren vorher Grabsteine der ehemaligen Bewohnerinnen des Klosters gewesen, und die schnakischen Leute hatten sie so angebracht, daß man im Sitzen die völlige Grabschrift lesen konnte. So stand z.B. auf einem Steine des Abtrittpflasters: »Hier liegt Schwester Anna Olympia, geborene Gräfin von Morbihan, ihres Alters 42, ihrer Profession 26 Jahre«; »Hier liegt Schwester Clara Rosalia, gebotene Baronesse von Lamey, ihres Alters 69, ihrer Profession 50 Jahre« usw. Es ist doch eine seltsame Sache um eine Revolution; sogar die Grabsteine der heiligen Nonnen werden auf die Abtritte gelegt.

 

Es läßt sich leicht der Schluß ziehen, daß ich als Krankenwärter im Hospital zu Dijon nichts weniger als unglücklich war. Ich lebte ordentlich, hatte an nichts Mangel und einen Posten, wobei ich wenigstens ein nützliches Glied der Gesellschaft war, denn ich diente meinen Mitmenschen wirklich und vielleicht mehr als mancher Professor der Theologie. – Aber ich weiß es nicht zu sagen, es fehlte mir immer was, und ich war in einsamen Stunden oft unzufrieden, ohne daß ich wußte, warum. Bisher war ich immer in gewaltsamen Veränderungen gewesen, und meine ganze Seele war schartig geworden, sie konnte sich daher nicht so recht in die ruhige, stille Lebensart eines Krankenwärters finden.

Ich hatte mit einigen Offizieren von den gefangenen Preußen, Österreichern und Hannoveranern Bekanntschaft gemacht, besuchte sie oft in den zwei Klöstern, wo sie einquartiert waren, und genoß manchen Beweis ihrer Freundschaft. Als ich eines Tages bei ihnen etwas über das Unangenehme meiner Lage merken ließ, so erklärten sich mehrere gegenwärtige Offiziere, daß sie, wenn ich das Spital verlassen wollte, gleich Unterricht im Französischen bei mir nehmen würden, wobei ich wenigstens monatlich 90 Livres verdienen könnte. Auch dürfte ich die unschickliche Arbeit auf dem Spital dann nicht mehr tun und würde unabhängiger und freier.

Ich dachte über diesen Vorschlag nach, wollte aber noch nichts entscheiden und blieb immer Spitalwärter. Endlich ward der bisherige, mir sehr wohlgesinnte Oberchirurg krank, und ein anderer erhielt die höchste Aufsicht, mit dem ich mich nicht gut stand, wenngleich er nicht wirklich schlimm war; aber ich hatte mehrmals unziemlich über ihn gesprochen, und um sich zu rächen, versetzte er mich auf den Saal Egalité, wo die Krätzigen lagen.

Das verdroß mich sehr, aber ich mußte schon zufrieden sein, weil solche Anordnungen lediglich vom Oberchirurgus, oder wie die Franzosen sagen Major, abhängen, und weil es mir als einem der jüngsten Krankenwärter zukam, die Krätzigen zu warten; denn da diese die wenigste Wartung bedürfen und der Wärter nicht einmal ihr Bett machen darf, so überläßt man ihre Pflege den Neulingen unter den Wärtern.

Ich blieb indessen noch einen ganzen Monat auf Egalité und forderte meinen Abschied erst zu Ende des Prairials. Der Direktor gab ihn mir ungern, tat es aber, als ich darauf bestand; obendrein erteilte er mir ein gutes Zeugnis, welches nachher bei der Inquisition révolutionaire in Mâcon geblieben ist.

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