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Magister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale - Band II

Friedrich Christian Laukhard: Magister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale - Band II - Kapitel 14
Quellenangabe
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typeautobio
authorFriedrich Christian Laukhard
titleMagister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale ? Band II
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesMemoirenbibliothek II. Serie
volumeBand 15
printrunDritte Auflage
editorViktor Petersen
year1908
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dreizehntes Kapitel

Aufforderungen zur Uebergabe. – Bedenkliche Stimmung der Bürgerschaft und Garnison. – Der Trompeter. – Panik. – Aufruhr gegen Laubadère. – Absetzung des Generals. – Ein braver Offizier. – Die Uebergabe wird verweigert. – Laubadorès Wiedereinsetzung. – Plan aus Landau zu entkommen. – Leider vereitelt. – Die Weißenburger Linien. – Sieg der französischen Rheinarmee. – Der Entsatz von Landau. – Freude des Generals Laubadère.

Der Repräsentant Dentzel war, wie ich oben erzählt habe, wieder in seine Betriebsamkeit eingesetzt und konnte wieder agieren wie vorher. Da Dentzel ein lebhafter Mann ist, so kann man denken, daß er dem General Laubadère den letzten Streich, den er ihm gespielt, nicht leicht vergeben konnte; wenigstens suchte er, wie es schien, das Zutrauen der Garnison zum General zu schwächen, und dazu fand sich bald Gelegenheit.

Der Kronprinz von Preußen, nachdem er die Stadt vergeblich hatte bombardieren lassen, ließ nun täglich den General durch Trompeter zur Uebergabe auffordern. Die Belagerer machten sehr oft Freudenfeuer wegen einiger Vorteile, die die Verbündeten über die Franzosen erhalten hatten, und jedesmal wurden diese Viktorien – freilich um ein merkliches vergrößert – den Belagerten kund und zu wissen getan.

Man weiß, daß ein General der Franzosen verbunden ist, von allem, was er vom Feinde schriftlich oder mündlich erfährt, genaue Nachricht seinem Korps mitzuteilen, und daß jeder Volontär das Recht hat, sie von ihm zu verlangen. Dies hat die Nation darum verfügt, damit man dem General auf die Spur kommen möge, wenn er etwa mit dem Feinde Unterhandlungen zum Nachteil der Republik pflegen sollte. Also mußte auch Laubadère nicht nur auf dem Conseil de défense, sondern auch auf dem freien Markte den Soldaten, die zuhören wollten, allemal vorlesen, was der Kronprinz und nach dessen Abzug der General von Knobelsdorff hineingeschrieben hatte. In den Schreiben der Belagerer war gewöhnlich ein sehr imposanter Ton, der einen üblen Eindruck auf die Garnison und die Bürgerschaft gemacht hat. Wenn – so hieß es darin – der General jetzt, da es noch Zeit wäre, die Stadt übergeben würde, so solle er mit der ganzen Garnison freien, ehrenvollen Abzug haben; auch sollte das Eigentum der Einwohner, die Einrichtung der Regierungsform, geschützt und gesichert sein. Man versprach, die Gesetze der Republik zu respektieren und Landau als eine Stadt, die man in depositum genommen habe, nicht aber als einen eroberten Platz zu betrachten und zu behandeln. Würde aber der General dieses nicht tun und das Aeußerste abwarten, so würde man hernach nicht mehr kapitulieren, sondern nach der Strenge des Kriegsrechts mit der Garnison und der Stadt verfahren. Ueberhaupt sei es ihnen nicht möglich, Landau länger zu behalten: Entsatz sei vollends gar nicht zu erwarten, denn die Armeen der Republik würden allerorten geschlagen und seien beinahe ganz vernichtet: die Engländer hätten Toulon, Lyon sei nicht mehr republikanisch, und Paris würde von der Vendee nächstens verschlungen werden. Diese lieblichen und tröstlichen Briefe kamen beinahe täglich hinein.

Der General versicherte indes jedesmal, wenn er so einen Schreckbrief vorgelesen hatte, daß ihm gar nicht angst sei, und daß er Landau nicht hergeben würde, es möchte auch werden wie es könnte. Der Repräsentant aber, welcher oft auch gegenwärtig war, und welcher außer der angedrohten harten Behandlung aller bei einer gewaltsamen Eroberung als erklärter Rebell die härteste für sich von den Deutschen befürchten mußte, zuckte allemal die Achseln und sagte weiter nichts, als, da man seinen redlichen Eifer, der Republik zu dienen, zu verkennen schiene, er allein auch nichts entscheiden könnte, so überließe er alles der Einsicht und der Entscheidung des Generals. – Das bedenkliche Gesicht des Repräsentanten machte aber viel Gärung bei der Bürgerschaft und bei der Garnison.

Auch hatte die Nachricht, daß Fort Louis, oder wie es jetzt zu Ehren seines Erbauers heißt: Fort Vauban, von den Kaiserlichen erobert und die ganze dortige Garnison zu Gefangenen gemacht sei, Schreck und Bestürzung in Landau verbreitet. Die Kaiserlichen hatten die Kriegsgefangenen freilich hart genug behandelt, aber in Landau hatte man, nach Nachrichten von außen, alles noch vergrößert, und gar ausgesprengt, die Kaiserlichen hätten mehr als 600 Mann auf der Stelle niedergemacht, und die übrigen würden nach der Türkei geführt und da als Sklaven verkauft werden.

Ein großer Teil der Bürgerschaft glaubte denn, daß ihrer Stadt ein gleiches Schicksal bevorstände, und zitterte. Viele von ihr schlossen und sagten ziemlich laut, daß es doch besser sei, den Platz herzugeben, als ihn nachher ausplündern und verbrennen zu lassen.

Auch war es einem Teil der Garnison nicht gut zumute. Ich muß hier etwas von mir erzählen, das freilich einem Filoustückchen nicht sehr unähnlich sehen würde, wenn ich Landaus Rettung für möglich gehalten hätte, so sehr es sonst mit dem Plane übereinstimmte, den ich bei meiner Mission vor Augen haben mußte. Ich hatte mit einigen Kavalleristen ziemlich genauen Umgang. Eines Tages ging ich mit noch dreien auf dem Wall spazieren. »Was meinst du wohl, Citoyen,« fragte mich der eine, »wenn die Preußen endlich doch hereinkommen, was es geben wird?«

Ich: Ja, das weiß ich nicht. Was mich betrifft, so werde ich gehenkt.

Kavallerist: Gehenkt? wie denn so?

Ich: Weil ich ein Deserteur bin. Aber sie sollen mich gewiß nicht lebendig kriegen. Wenn's soweit kommt, so nehme ich ein Pistol und jage mir eine Kugel durch den Kopf; besser so, als am Galgen gestorben!

Kavallerist: Aber sag', sind denn die Preußen so schlimm?

Ich: Das sind gottlose Gevatterleute! Die kennst du noch nicht, mein lieber Citoyen!

Kavallerist: Was wird denn mit uns werden?

Ich: Nicht viel Gescheites!

Kavallerist: Sollten wir denn wirklich Gefahr laufen?

Ich: Höre, Citoyen, kommen die Preußen ohne Kapitulation durch Gewalt herein, so müßt ihr alle über die Klinge springen, müßt alle ins Gras beißen, so gewiß, als zweimal zwei viere sind!

Kavallerist: Das sind schlimme Aspekten!

Diese Unterredung machte sehr sichtbaren Eindruck auf die Reiter, und in kurzer Zeit erfuhr ich, daß das Gerücht davon durch die ganze Garnison verbreitet war. Die Preußen, hieß es überall, werden alles niederhauen, werden alles verwüsten, wenn wir nicht kapitulieren.

In dieser Not liefen nun Bürger und Soldaten zum General und baten ihn, er wolle ihre Häuser und ihr Leben schonen und die Stadt lieber jetzt aufgeben, als sie alle in so große Gefahr sinken lassen. Aber Laubadère wies jeden solchen Antrag mit Unwillen und Verachtung von sich. »Laßt die Stadt zugrunde gehen!« sagte er immer. »Ich bin ein ehrlicher Mann, ich kenne das Gesetz und werde der Republik nie untreu werden.«

Bei dem Repräsentanten Dentzel, der vielleicht hoffen mochte, durch Kapitulation sein und der Stadt Unglück abzuwenden, hatten die Bedrängten mehr Trost. Aber schließlich hieß es doch auch bei ihm immer, er könne nichts machen, und müßte sich alles gefallen lassen. – Auf diese Weise kam denn ein Aufstand zum Gären, der auch bald ausbrach.

Eines Tages erschien ein Trompeter vom General Knobelsdorff – der Kronprinz war abgegangen, um seine Vermählung mit der Prinzessin Luise von Mecklenburg in Berlin zu vollziehen – im Fort Landau und verlangte, daß man dem General seine Ankunft melden möchte. Laubadère ließ ihm zurücksagen: er möchte nur dem General Knobelsdorff zu wissen tun, daß er keine Briefe von ihm mehr annähme. Ein solcher Briefwechsel sei illegal und hier ganz unnütz, weil man doch nichts weiter als die Uebergabe von Landau vor Augen habe, woraus aber durchaus nichts werden könnte.

Der Trompeter ritt zurück, kam aber nach einer Stunde wieder und forderte, daß der General wenigstens seinen Brief annehmen sollte. Aber auch dies schlug Laubadère ab, und so blieb der Trompeter, der nicht abziehen wollte, den ganzen Tag im Fort.

Indessen verbreitete sich das Gerücht in Landau, der General sei bösen Sinnes, er wolle die Garnison und die Stadt unglücklich machen, er höre nicht einmal den feindlichen Trompeter. – Darauf schickten die Bataillone Deputierte an den General und bestanden darauf, daß er den Trompeter hören solle. Laubadère aber geriet in Hitze, besonders, da ihn die Deputierten ziemlich stark angegangen waren, und jagte sie mit groben Worten fort. Im Zorne sagte er: »Qu' importe que Landau soit foutu et que vous soyez foutus aussi, pourvu que je sauve mon honneur!« (Was liegt daran, daß Landau und ihr alle zum Henker fahrt, wenn ich nur meine Ehre rette!)

Diese Worte waren das entscheidende Signal zum Aufstand. Die Deputierten liefen nach den Kasernen und zu den auf allen Straßen zusammengerotteten Volontären und sagten ihnen, wie verächtlich sie eben wären empfangen worden, und daß der General nichts anderes im Sinne habe, als sie alle ins Verderben zu stürzen. Hierauf ging's in hellen Haufen vor das Haus des Generals, welches förmlich bestürmt wurde. Es war ungefähr fünf Uhr abends.

Die Dragoner nur, welche auch herbeigeeilt waren, widersetzten sich der rasenden Wut der Volontäre, welche schlechterdings den General erschlagen wollten, und aus vollem Halse schrien, daß er ein Verräter sei, der mit dem Feinde ein verwickeltes Verständnis habe, der die braven Republikaner den Preußen zum Morden hinliefern wolle usw. Der Lärm wurde fürchterlich, sogar die Bürgerschaft kam in Harnisch, und alle kamen darin überein, daß Laubadère nicht ferner mehr Kommandant sein könne. Gegen acht Uhr wurde endlich der Trompeter eingelassen, und seine Depeschen nahm der Oberst der Reiterei an, welcher von den Volontären hierzu war ersucht worden. Die Volontäre forderten, daß er sofort die Depeschen öffnen sollte; er aber versicherte, daß ihm dies nicht zustehe, das müsse der General durchaus tun. – »Was General!« rief alles überlaut, »Laubadère, der Verräter, ist unser General nicht; er soll die Depeschen nicht öffnen. Du, du sollst sie öffnen!« – »Nein!« rief der Obrist. »das darf ich nicht. Das Conseil de défense soll sie öffnen; man rufe es gleich zusammen.«

Er begab sich hierauf sofort aufs Gemeindhaus, wo denn auch das Konseil zusammentrat und die Briefe erbrach. Der Oberst trat bald darauf ans Fenster und rief der versammelten Menge zu:

»Die Preußen wollen Landau!«

»So gebe man ihnen Landau, und erhalte unser Leben!« war die einförmige Stimme aller Zuhörenden.

»Ich werde morgen antworten!« schrie der Oberst entgegen. »Was morgen!« erwiderte der Haufen. »Heute noch übergebe man Landau und erhalte unser Leben!«

»Freilich soll euer Leben und eure Freiheit erhalten werden,« war des Obristen Antwort; »aber die Preußen sind noch nicht hier, und wären sie hier, so würden sie gewiß weder eure Freiheit noch euer Leben kränken. Die Preußen sind keine Oesterreicher.«

Hierauf schickten alle Bataillone der Volontäre, sowie auch die Reiter und die Dragoner Deputierte an den Obersten der Reiterei und ersuchten ihn, das Kommando der Festung statt des Verräters Laubadère zu übernehmen.

»Es ist zwar wider das Gesetz,« erwiderte der würdige Mann, »daß ich in euer Begehren willige; aber die Not zwingt mich, der bedrängten Stadt und des Vaterlandes mich anzunehmen. Ihr wollt mir also gehorchen?«

»Ja!« erwiderten alle einhellig.

»Gut, ich nehme das Kommando an, und morgen sage ich euch, was weiter geschehen soll. Jetzt geht nach Hause und seid ruhig! Es steht braven Republikanern schlecht an, durch Tumult und Aufruhr Ruhe und Ordnung zu stören.«

Die Menge verlief sich nach und nach – es war schon sehr spät –, aber alle riefen laut, daß sie keine 48 Stunden mehr in diesem verfluchten Nest eingesperrt bleiben wollten.

Der Oberst ging zu Dentzel und sagte ihm, daß er sich nun der gemeinschaftlichen Sache tätig annehmen müßte. Dentzel fing sein altes Lied wieder an, daß er in ungerechtem Verdacht gewesen wäre, daß er sich erst zu Paris verteidigen müsse usw. Aber der Oberst fertigte ihn kurz ab.

»Hängst du,« sprach er, »von deinen etwaigen Feinden ab oder gab die Republik dir deine Macht und dein Ansehen? Wem willst du folgen? Sag' mir nur, ob du dein Amt als Repräsentant tun willst oder nicht! Im letztern Fall wanderst du ins Gefängnis, aber nicht nach dem Willen der Aufrührer, wie neulich, sondern nach dem Gesetz. Rede!«

Dentzel merkte, daß er mit einem entschlossenen Mann zu tun hatte, und versprach, alles zu leisten, was in seinen Kräften stände, um dem verrückten Zustand der Stadt und der Garnison zu Hilfe zu kommen. »Das ist auch nicht mehr als deine verfluchte Schuldigkeit!« versetzte der Oberst und ging.

Früh morgens ritt der Oberst mit noch einigen Offizieren ins preußische Lager, wo er dem Kommandeur kurz und nervös zu Gemüte führte, daß man, ohne die Gesetze der Republik zu beleidigen, noch an keine Uebergabe denken könnte; es wäre deshalb auch ganz überflüssig, daß man so oft Trompeter in die Festung schickte. – Der General der Preußen ließ die französischen Offiziere aufs freundlichste bewirten, und nachdem sie lange miteinander gesprochen hatten, ritten die Franzosen zurück.

Die Volontäre und Bürger in Landau glaubten nun, daß die Uebergabe keinen weiteren Aufschub leiden würde, aber der rechtschaffene Oberst erklärte, daß nur ein Feind des Vaterlandes die Uebergabe dieser wichtigen Festung betreiben könne. Die Preußen müßten sie niemals oder nur im Augenblick der höchsten Not bekommen. Es würde aber gegen jeden, der forthin darauf dringen würde, nach der Strenge der Gesetze verfahren.

General Laubadère war indessen aus seinem Hause aufs Gemeindehaus in Verwahrung gebracht worden. Es wurde ein Gericht zur Untersuchung seiner Sache eingesetzt, welches aus dem Maire von Landau, dem juge de paix, dem Kriegskommissar und allen Obersten der Bataillone, bestand. Der Repräsentant Dentzel und der oft erwähnte Oberst von der Reiterei waren auch gegenwärtig, ohne jedoch am Verhör oder an der Beratung teilzunehmen. Zuhören konnte übrigens jeder. Die Untersuchung wurde zwei Tage fortgesetzt und mit aller Strenge betrieben.

Das Ende vom Ganzen war, daß die Untersuchung den General von allem Verdacht, verräterisch gehandelt zu haben oder nur übel gesinnt zu sein, lossprach und ihn sofort wieder in Freiheit setzte, aber seine Aktivität als General und Kommandant konnten ihm seine Richter nicht wiedergeben. Dies war das Vorrecht des Militärs. Der Oberst ließ deswegen der ganzen Garnison die Unschuld des Generals und die Notwendigkeit, ihn ohne Verzug wieder in seine Stelle einzusetzen, bekannt machen, und Laubadère fing seine Verrichtungen wieder an nach wie vor.

Daß diese Wendung mir eben nicht gefiel, versteht sich von selbst; denn ich dachte, bei dieser Gelegenheit doch noch zu meinem Zweck zu kommen. Aber es sollte einmal nicht sein!

Mir wurde die Zeit besonders lang, und ich wünschte nichts sehnlicher, als daß Landau den Deutschen zuteil werden möchte. Ich wünschte dieses bloß um meinetwillen, denn ich befürchtete, wenn Entsatz käme, so möchte die Sache des Repräsentanten nachher noch einmal genauer untersucht und ich nicht aufs angenehmste hinein verwickelt werden. Es zeigte sich mir auch bald eine Gelegenheit, aus Landau zu entkommen. Mein Freund Brion nämlich, welcher an meiner guten Gesinnung gegen die Republik gar nicht zweifelte, gab mir zu verstehen, da ich doch alle Schliche durch die deutschen Posten kannte, so möchte ich es übernehmen, durchzuschleichen, und dem General Feuvre, den man in der Nähe vermutete, Nachricht von der Lage Landaus zu bringen; dadurch könne ich mich bei der Republik gar sehr insinuieren.

Diesen Antrag nahm ich mit Freuden an, und Brion sprach deswegen auf der Munizipalität und hernach auch mit dem General, der mich kommen ließ und mir meine Instruktion schon gab. Es kam nur noch auf den Repräsentanten an, aber dieser wollte nicht einwilligen. Man könnte und dürfte, gab er vor, keinem Fremden so etwas anvertrauen, und hierauf zerschlug sich, zu meinem größten Verdruß, der ganze Anschlag.

Ich kann meine Leser heilig versichern, daß ich einen doppelten Plan im Kopfe hatte. Ich hätte wirklich alles aufgeboten, um durch die Preußen durchzuschlüpfen. Hätte mir dies aber nicht gelingen wollen, je nun, so hätte ich mich zum General von Knobelsdorff begeben und hätte ihm das gesagt, was er ohnehin schon wissen mußte, daß Landau noch nicht so bald sein werden würde. Wenn ich aber, ohne bemerkt zu werden, zu den Franzosen hätte kommen können, so hätte ich durch ehrliche Erzählung von der Lage der Festung mir ihren Kommandanten verbindlich gemacht und dadurch allen Verdacht zerstreut, den man nachher noch gegen mich hätte fassen können.

Man muß das Ding kaltblütig überlegen, um zu finden, daß ich den Preußen keine Verbindlichkeit mehr schuldig war,Laukhard war ja auch hier nicht mehr preußischer Soldat und konnte tun und lassen, was er wollte. wohl aber den Franzosen, und vorzüglich dem braven Brion, und daß ich dabei die Pflicht hatte, auf meine Selbsterhaltung bedacht zu sein.

Warum aber Dentzel meine Mission nicht billigen wollte, läßt sich leicht erraten. Er traute mir nicht, und konnte, als gescheiter Mann, mir wirklich nicht trauen. Ich sah das selbst ein, fand seine Vorwürfe unter vier Augen billig, und war schon zufrieden, als er mir versprach, daß er für mein Durchkommen in Frankreich sorgen wolle. Und vielleicht hätte er Wort gehalten, wenn ihn die Robespierresche Partei nicht verfolgt hätte.

 

General Laubadere hatte durch einen Spion von der Rheinarmee Nachricht erhalten, daß man alle Kräfte aufbiete, die Weißenburger Linien durchzubrechen, um Landau zu deblockieren; und die bei der Armee befindlichen Repräsentanten hatten ihm befehlen lassen, täglich früh um 6 Uhr eine Anzahl Vierundzwanzigpfünder abzufeuern, zum Zeichen, daß die Festung noch außer der Gefahr sei, sich der Gewalt zu ergeben. Diese Order wurde auch täglich aufs pünktlichste befolgt und das Signal allemal durch ein Gegensignal von der sich immer mehr nähernden Armee erwidert.

Die französischen Truppen, bisher von königlichgesinnten oder aristokratischen Verrätern verräterisch behandelt und schlecht angefühlt, waren vor einigen Monaten der Uebermacht gewichen, und hatten die Linien von Weißenburg schändlich verloren. Dadurch war sogar Straßburg bedroht, und dies war um so bedenklicher, als dort eine Konspiration zugunsten der Kaiserlichen bestand. Es kann sein, daß Eulogius Schneider bei der Entdeckung dieses Komplotts mehr Verbrecher entdeckt hat, als wirklich da waren; aber es ist unleugbar, daß ein solches Komplott wirklich stattgefunden, und daß der Maire Dietrich, sonst Herr von Dietrich, starken Anteil daran genommen hat.Dietrich endete auf der Guillotine P. Wäre Straßburg damals in die Hände der Kaiserlichen gefallen, so war zwar Landau noch nicht erobert, aber alsdann mußte erst Straßburg wiedererobert werden, und die Linien der Deutschen waren noch sicher.

Daher bemühten sich die Republikaner, unaufhaltsam vorzudrängen, trotz den entsetzlichen Mordgefechten bei Lautern. Sie fanden es unumgänglich notwendig, die Elsasser Linien anzugreifen und da durchzubrechen. Den 22. Dezember vereinigte sich der größte Teil der Moselarmee mit der Rheinarmee, und nun begann das Riesenwerk. »Toulon ist wiedererobert, also auch hier: Landau oder der Tod!« – war das Losungswort, unter welchem sie wie wilde Bären fochten und auf die Kaiserlichen einfielen. Aber am 26sten, als am anderen Christtag, wagten sie endlich eine Hauptschlacht und fochten, besonders auf dem Geisberg bei Weißenburg, wie Wütende. Der Erfolg davon war, daß die Kaiserlichen und die Reichsvölker, welche in Weißenburg und in den angrenzenden Oertern standen, weichen mußten. Die Franzosen wurden Meister von den Linien im Elsaß, d.i. von einer großen Reihe von Schanzen, Verhauen u. dgl., welche oberhalb Hagenau anfängt und herunter bis nach Bergzabern hinläuft und wenigstens 12 bis 14 Stunden Länge hat. Die Franzosen eroberten viele Kanonen, machten viele Gefangene, und der Verlust der Kaiserlichen an Menschen, Magazinen, Pulver, Waffen, Kleidungsstücken und dergleichen war unermeßlich.

Der Rückzug der Preußen und Österreicher wurde schon den 26. Dezember in Landau bemerkt, aber am 27ten kam die gewisse Nachricht, daß die Befreiung nahe und völlig gewiß sei. Man kann sich kaum vorstellen, welche frohe Wirkung diese Nachricht unter der Bürgerschaft und der Garnison hervorbrachte. Einer lief immer gegen den andern und schrie freudig: »Weißt du was Neues? Die Preußen ziehen ab; wir sind entsetzt!«

Der General Laubadère legte sich in sein Fenster und schrie einmal übers andere: » Me voilà au comble de mes voeux: la place est sauvée, la place est à la République

Endlich kamen französische Husaren und brachten Briefe an Laubadère und Dentzel. Die Landauer Bürger rissen sich um diese Husaren, jeder wollte sie in sein Haus haben, jeder wollte sie bewirten.

Abends war ich selbst in einem Hause, wo einige Husaren zusammen zechten. Ich ließ mich's 3 Livres kosten, und die Franzosen wurden mir gewogen. Da ich so ziemlich patriotisch sprach, drückten sie mir die Hände und wollten, daß ich gleich mit sollte. »Du mußt unter unsrer Eskadron dienen! Du bist würdig, die Republik verteidigen zu helfen: Frankreich muß dein Vaterland werden!«

Kein froherer Mann kann gedacht werden, als ein siegender Republikaner! Aber sein Sieg betrifft auch ihn und seine eigene Sache mit!

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