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Magister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale - Band II

Friedrich Christian Laukhard: Magister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale - Band II - Kapitel 13
Quellenangabe
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typeautobio
authorFriedrich Christian Laukhard
titleMagister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale ? Band II
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesMemoirenbibliothek II. Serie
volumeBand 15
printrunDritte Auflage
editorViktor Petersen
year1908
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080918
projectid3eaeb629
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Zwölftes Kapitel

Die Volontärs und ihr Patriotismus. – Begeisterung! – Mein Freund Brion. – Die Volksgesellschaften – Die Königskommissare. – Französische Sprache im Elsaß. – Die Jakobiner. – Beginn des Landauer Bombardements. – Dentzel wird freigelassen und wieder eingesetzt. – Angst der Bürger. – Unser Quartier in der Stadtkirche. – Die Heiligen und ihre Bilder. – Es geschehen keine Wunder mehr.

Ich war nach der überstandenen Gefahr ziemlich ruhig und suchte die Zeit, so gut als ich konnte, hinzubringen. Da man mit niemand in der Welt eher Bekanntschaft machen und Freundschaft und Umgang errichten kann, als mit den gutmütigen, jovialischen und offenen Franzosen, so war es auch sehr leicht, viele von der Landauer Garnison näher kennen zu lernen.

Ich hatte noch immer allerlei Vorurteile gegen die französischen Volontärs mitgebracht, welche ich hier aber bald und gerne ablegte. Ihre Miliz war durchaus kein Haufen roher Buben und Zigeuner, wie sie uns geschildert wurden. Freilich waren sie nicht so nach der Schnur gezogen und geübt, wie die Preußen; sie marschierten nicht so nach und auf der Linie, sie konnten kein Minutenfeuer machen und preßten sich nicht in ihre Röckchen ein, wie diese. Dagegen aber verstanden sie ihren Dienst hinlänglich und hatten eine unbegrenzte Anhänglichkeit an ihre Sache – was allen unseren Lohnsoldaten fehlt.

Sehr wahr für die damalige Zeit. Am Vorabend der Schlacht bei Jena, 1806, sangen preußische Soldaten an ihren Wachtfeuern:

Fürs Vaterland zu sterben
Wünscht mancher sich,
Zehntausend Taler erben,
Das wünsch' ich mich!
Das Vaterland ist undankbar –
Und dafür sterben? – O du Narr!

Ich habe von fast allen dort gehört, daß sie wüßten, wofür sie kämpften, und daß ihnen der Prozeß ihrer Nation lieber und teurer sei als ihr Leben. Das einzige Wort: »Es lebe die Republik!« ist bei den Volontärs allemal das erste und letzte, und alle ihre Gesinnungen und Anstrengungen erhalten von dieser Hauptidee Leben und Feuer. Freiheit oder Tod ist ihre einzige und ewige Alternative.

Ich habe sehr viele französische Soldaten gekannt – ich ward ja selbst noch einer – und habe das an ihnen gefunden, was die edlen Verteidiger des alten Griechenlands auch an sich hatten, nämlich warme Liebe zu ihrem Vaterlande, eine Liebe, die der Deutsche deswegen nicht kennt, weil er als Deutscher kein Vaterland mehr hat. Der Enthusiasmus für ein Phantom verraucht bald, aber der Enthusiasmus für ein wahres Gut dauert, solange dieses Gut selbst dauert, und wird durch die Bemühungen derer, die es uns entreißen wollen, nur noch mehr angefacht.

Auf dem zerschossenen Schiffe »Le Vengeur«, da denkt die Mannschaft an nichts weniger, als an ihre Rettung, unter dem anhaltenden Kanonendonner der Engländer, mit allgemeinem Jubelgeschrei, gibt sie diesen noch einmal die volle Ladung, allgemein jauchzt sie: » Vive la Nation!«, sinkt unter und erklettert im Untersinken noch die Mastbäume, stimmt unaufhörlich die Schlachthymne zum Anfeuern ihrer übrigen fechtenden Brüder an, bis der Abgrund das Schiff und sie verschlingt. Zwölfhunderttausend Krieger werden vom Ruf der Freiheit aufgeboten und vereinigt, bieten allen Gefahren Trotz, überwinden alle Hindernisse, und segnen sterbend auf dem Schlachtfelde die Republik noch mit dem letzten Hauch! Sogar Weiber eilen haufenweise verkleidet ins Feld, auch der Tagelöhner gibt zur Rettung des Vaterlandes das Seine gern und zuvorkommend hin. Nun, wenn diese Heroen, dies eine einzige Volk, von den fürchterlichsten Mächten Europas angegriffen und von Verrätern so oft hintergangen, dennoch gegen sie alle, wie gegen Natur und Kunst siegreich dasteht – dann wissen wir jetzt, wodurch!

Das frohe Wesen des französischen Militärs ist zum Erstaunen. Außer dem Dienste sind sie fast immer guter Dinge. Mitteilend, sind sie recht brüderlich, und die vielen Freiwilligen von reicher Abkunft, die sich selbst beköstigen, helfen den Minderbegüterten überall durch. Wo ihrer 6, 8 oder mehrere einquartiert sind, da ist der Wirt für seinen Haustisch meist geborgen. Sie geben ihre Portionen alle zum Zukochen hin, und so mäßig und genügsam sie bei Tische gewöhnlich sind, erhält der Wirt das übrige, oder er und die Seinen müssen es gleich mitverzehren helfen. Und schon dies macht, daß die gemeinen Leute die Franzosen fast überall lieber sehen, als die Truppen der starkappetitischen Deutschen.

In Landau machte ich mit einem jungen munteren Mann Bekanntschaft, welcher Korporal bei den Stadtkanonieren war; er war ein Sohn des Büchsenmachers Brion, der zu Paris geboren war, aber sich zu Landau verheiratet hatte. Brion fand deswegen Geschmack an mir, weil ich, wie er sagte, die Revolution in Frankreich aus dem rechten Gesichtspunkt ansähe und nicht in den Tag hinein räsonnierte. Ich trug noch immer meine preußische Uniform. Brion aber gab mir einen dunkelblauen Rock und eine scharlachrote Weste: dazu kaufte ich mir lederne gelbe Beinkleider, neue Schuhe und einen eckigen Hut, und sah nun, indem ich auch die Kokarde trug, aus wie ein Citoyen français.

Durch eben diesen Brion kam ich noch in Bekanntschaft mit mehreren anderen Bürgern, welche seine Freunde waren und gerade so dachten wie er. Besonders war ein Kaufmann Delisle darunter, ein gewaltig scharfer Republikaner; dieser versicherte, daß er an dem Tage, wo die Preußen nach Landau kommen würden, erst sein Haus in Brand stecken und dann sich erschießen wolle.

Brion nahm mich einigemal mit in den Klub, oder in die »Société populaire«, welche damals in Landau noch jedem offen stand. Das Wesen dieser Klubs muß man notwendig etwas näher kennen, um von der Lage der Dinge in Frankreich und ihrer Veränderung richtig urteilen zu können.

Bei dem Anfange der Revolution gab es gleich durch ganz Frankreich viele Anhänger des neuen Systems, aber es gab auch viele, welche dem treuen Freunde dieses neuen Systems angst und bange machten. Die Nationalversammlung war selbst geteilt, und die redlichen Anhänger der neuen Ordnung sahen ein, daß alle Bemühungen, dem Staate eine bessere Form zu geben, fruchtlos sein würden, wenn die öffentliche Meinung sich nicht bestimmt zeigte, um daraus abzunehmen, was man von der Nation erwarten könne. Sie autorisierte daher im Jahre 1790 die Volksversammlungen, d. h. sie erlaubte und ermahnte sogar, daß diejenigen, welche zum Besten des Vaterlandes beratschlagen wollten, an bestimmten Tagen zusammenkommen und einander ihre Gedanken mitteilen möchten, welche dann, wenn sie wichtig genug wären, allemal sollten in Betracht gezogen werden, wenn man sie der Versammlung in Paris selbst vorlegen würde. Diese Konventikel hießen gleich anfangs »Sociétés populaires«, oder auf englisch-deutsch: Klubs. Sie waren völlig frei, und jeder konnte Anteil daran nehmen, sogar Fremde und Ausländer. Damit aber eine Ordnung darin erhalten wurde, wählten die ordentlichen Mitglieder derselben, d. i. diejenigen, welche ihre Namen in das Buch der Société hatten eintragen lassen, alle Monate einen Vorsteher. Dieser Vorsteher mußte bei jedesmaliger Zusammenkunft die Berichte von allem abstatten, was im ganzen Reiche vorgefallen war, und besonders mußte er die neuen Gesetze und Verordnungen erklären und seine Meinung darüber sagen. Ohne seine Erlaubnis durfte niemand im Klub reden; wer aber reden wollte, forderte das Wort, und er mußte es ihm gestatten.

In dieser Volksversammlung liegt der wahre Kern des Republikanismus, welcher sich in ganz Frankreich so schnell verbreitet hat. Die Ehrbegierde der Präsidenten spornte sie an, sich mit der Lage der Dinge und besonders mit dem Unterschied des Despotismus und der Freiheit bekannt zu machen, und die Neugierde trieb jung und alt in die Versammlungen, um sich da erzählen und belehren zu lassen. So voll der Saal in Landau auch beständig war, so war doch alles äußerst still: alles war auf das, was der Redner vorbrachte, erpicht: sogar die Frauenzimmer hörten in aller Stille zu, wenn sie gleich sonst, auch bei den rührendsten Auftritten in der »Emilia Galotti« oder in »Romeo und Julie« kaum eine Minute schweigen können.

Ludwig XVI. oder vielmehr sein unsinniger aristokratischer Anhang merkte bald, daß er keine größeren Feinde hatte, als eben die in den tausend und tausend Klubs befindlichen Patrioten. Um sie zu stören, sollte ein Gesetz gemacht werden, vermöge dessen die Klubs sich monatlich nur einmal, und zwar unter der Aufsicht eines commissaire royal, versammeln sollten: und wo ein solcher commissaire royal nicht existierte, sollten auch keine Klubs weiter gehalten werden.

Die commissaire royaux waren königliche Kreaturen; der König ernannte sie allemal selbst, und sie waren eben darum da, um sein Interesse zu unterstützen. Und nun diese – sollten die Volkssozietäten dirigieren! Sie maßten sich dieses Recht hin und wieder auch an. Sogar in Landau selbst und in Weißenburg hatte der Maire wegen des Klubs einen so heftigen Streit mit dem Königskommissar, daß dieser den Maire gegen alles Gesetz gefangen nehmen ließ, aber dabei auch in Gefahr geriet, vom Volk auf der Straße ermordet zu werden.

Die Kommissare waren, wie sich's versteht, lauter geborene Franzmänner und lauter Adlige. Freilich hatten die Distrikte im Elsaß und in Deutschlothringen ganz billig gefordert, daß man ihnen deutsche Kommissare geben möge. Allein da dem König das Recht ausschließlich zustand, diese Leute zu ernennen, so schickte er, wie natürlich, Franzosen. Da nun diese nicht Deutsch konnten, so werden sie im Elsaß, sowohl auf den Gerichtsstuben als in den Klubs, die sie doch dirigieren sollten, nicht verstanden worden sein und überhaupt eine traurige Figur gespielt haben. Die Kommissare forderten daher, daß man alles auf französisch verhandeln und in den Klubs nie anders als französisch reden solle. Das hieß nun mit einem Worte, dem Kommissar im Klub alles unterwerfen, denn da verstand nicht der Zehnte ein Wort Französisch.

Man darf sich nämlich nicht einbilden, als sei die französische Sprache im Elsaß und in dem deutschen Teil von Lothringen sehr gemein; auf den Dörfern versteht fast niemand ein Wort davon. Alle Beamten, die dieser Sprache unkundig waren, sollten demnach entfernt und Sprachkundige an ihre Stelle gesetzt werden. Aber in der Nationalversammlung wurde von Elsässern das Ding von der rechten Seite dargestellt, und sie beschloß, daß künftig die gewöhnliche Landessprache, also im Elsaß das Deutsche, bei Gerichtssachen gebraucht werden sollte, und daß in den Klubs daselbst auch Deutsch gesprochen werden dürfte; wollten die Kommissare daran teilnehmen, so möchten sie selbst erst Deutsch lernen.

In Paris war die vornehmste Volksgesellschaft, und sie wurde, weil sie ihre Zusammenkünfte aux Jacobins oder in dem ehemaligen Kloster der Jakobinerkirche hielt, Jakobinerklub ( Assemblée des Jacobins, auch Jacobins schlichtweg) genannt.

Die Sociétés populaires im ganzen Reiche, d.i. die echten Logen der Freiheit, machten mit der Zeit gemeinschaftliche Sache mit den Jakobinern zu Paris, und nahmen alle dieselben Gesinnungen an. Endlich kam der schreckliche Tag, der 10. August 1792, wo das Königtum gestürzt, und der 22. September, an dem die Republik errichtet wurde. Die gräßlichen Szenen, welche überall dabei vorfielen, waren zum Teil in dem Plan der Jakobiner, einmal um die Hauptfeinde der Nationalvertretung wegzuschaffen, und dann, um andere von ähnlichen Versuchen zurückzuschrecken.

Die Nation war unter der Gewalt des Jakobinismus nichts weniger als frei, das fällt von selbst in die Augen. Allein im Jakobinismus lag doch der Grund, und zwar der einzige Grund, zur entschiedenen Entjochung und zur ernsthaften Begründung einer gesetzlichen Freiheit für Frankreich.

Frankreichs Freiheit war durch die Despotie der Könige und durch den Stolz und den Uebermut des Adels und der Geistlichkeit längst zugrunde gegangen und vernichtet worden. Der Anhang dieses alten Systems war noch sehr stark, und diesem allein arbeitete der Jakobinismus entgegen, und zwar so glücklich, daß er ihn völlig unterdrückte. Erst mußte der alte Schaden ausgeschnitten oder vielmehr ausgebrannt werden, erst mußten die alten Beulen, die alten Geschwüre des Staatskörpers gereinigt und geheilt werden, ehe man eben diesem Staatskörper eine ungehinderte Wirksamkeit gestatten konnte.

Aber nachdem dieses geschehen war, mußten seine violenten Mittel, die man bei der Vorkur angewandt hatte, auch aufhören. Bei wildem Fleisch ist lapis infernalis oder Höllenstein notwendig; wer aber auf das frisch anwachsende, gesunde und die Wunde zuheilende Fleisch noch kaustische Mittel bringen wollte, wäre ein ausgemachter Narr oder Tyrann.

Daß der Jakobinismus an schrecklichen Auftritten schuld war, ist außer allem Zweifel; ich selbst habe Szenen gesehen und von anderen, die ich nicht gesehen, Folgen wahrgenommen, bei deren Andenken mir die Haut noch schaudert. Also war der Jakobinismus allerdings ein Uebel, ein schreckliches Uebel, aber man muß bedenken, daß sein Ursprung nicht sowohl in der ersten französischen Konstitution, noch überhaupt in den billigen Forderungen der Nation, als vielmehr in den Bemühungen der Feinde, die Freiheit der Nationen niederzudrücken, in den Angriffen der Ausländer, in den Wirkungen des aristokratischen Anhangs in Frankreich und in der Untreue und der Verräterei der französischen Generäle, besonders des Dumouriez, zu suchen sei.

Es ist ebenfalls gar schwer, über den wahren Charakter und das wahre Verdienst oder Mißverdienst eines Marat, Robespierre oder anderer Terroristen zu urteilen. Sie mögen aber gewesen sein, was sie wollen – man muß ihnen das immer lassen, daß sie eine der Hauptursachen gewesen sind, daß die Republik Frankreich noch besteht.

 

Es ist nun Zeit, daß ich wieder zu den Begebenheiten zurückkomme, wovon ich in Landau Zeuge war.

Der Kronprinz von Preußen hatte sich einmal vorgesetzt, Landau wegzunehmen, es möchte kosten, was es wollte; und nachdem er den General Laubadère fast täglich um die Uebergabe angegangen war, aber in Güte seinen Zweck nicht erreichen konnte, entschloß er sich, Anstalten zum gewaltsamen Angriff dieses Platzes zu machen. Worauf er hierbei weiter rechnen mochte, läßt sich denken.

Laubadère wurde sehr bald von diesen tätigen Anstalten unterrichtet, und suchte sich, so gut er konnte, in Verteidigungsstand zu setzen. Er ließ die Kasematten bewohnbar machen, um darin die Garnison zu sichern, und dann mußte das Pflaster in der ganzen Stadt aufgerissen werden, um die Wirkung der Bomben unschädlicher zu machen.

An einem Sonntag früh hörte man in der Ferne ein gewaltiges Kanonenfeuer: die Franzosen versuchten damals schon, durch die Linien, welche kurz vorher von den Oesterreichern waren erobert worden, durchzubrechen, um Landau zu entsetzen. Um nun der Garnison Schreck einzujagen und sie zu verhindern, einen, bei solcher Gelegenheit sehr ratsamen, Ausfall zu wagen, ließ der Kronprinz einige Haubitzen aus einer an der Ostseite von Landau angelegten Batterie Bomben in die Stadt werfen. Diese taten sofort ihre Wirkung und schlugen einige Häuser zu Schaden; auch wurden eine alte Frau, ein Kanonier und ein Pferd getötet.

Da die Landauer so was niemals erfahren hatten, so fuhren sie gar mächtig zusammen und glaubten nun, der jüngste Tag sei vorhanden. Aber der General ließ in allen Straßen ausrufen, daß er gewiß wisse, daß die Preußen für dieses Mal das Bombardieren nicht fortsetzen würden, denn sie hätten noch keine hinreichende Munition dazu; dies sei ihm durch zuverlässige Spione hinterbracht worden. Er hatte sich auch nicht geirrt, denn gegen Mittag hörte das Bombardieren von seiten der Preußen schon auf.

Da aber doch das Schießen bei den Weißenburger Linien noch immerfort gehört wurde, so entschloß sich der General Delmas, mit zwei Bataillonen einen Ausfall zu wagen. Allein dieser Ausfall mißglückte gar garstig, denn die Preußen schossen ihm ungefähr acht Mann tot, verwundeten mehrere, und zwangen ihn, spornstreichs wieder nach Landau zurückzukehren.

Dieser Mißerfolg kam Dentzel zustatten. Der Oberst der Reiterei machte nämlich Laubadère Vorstellungen, daß man ihn für alle derartigen Schnitzer verantwortlich machen würde, und daß es daher bei den jetzigen bedenklichen Zeiten besser wäre, wenn man den Repräsentanten wieder in Mitwirkung setzte, zumal, da die Beschuldigung gegen ihn gar nicht bewiesen sei. – Laubadère gab nach, und noch denselben Abend wurde Dentzel seines Arrestes entlassen und war wieder Repräsentant. Ich sah ihn einige Tage nachher auf dem Wall; er grüßte mich freundlich und sprach mir unbefangen zu, aber über unsere Sache wurde von jetzt an auch kein Wort mehr erwähnt.

Nun blieb es noch einige Zeit ganz ruhig in Landau. Die Bürger machten indes ihre Häuser bombenfest, d.i. sie trugen Mist auf die Böden, damit die Bomben, welche etwa durchs Dach fielen, da liegen bleiben und platzen möchten.

Endlich erhielt der Kronprinz soviel Belagerungsgeschütz, daß er Landau einige Tage ziemlich heftig beschießen konnte. Den 27. Oktober, an einem Sonntagnachmittag, hatte er unter scharfer Bedeckung von drei Bataillonen, hinter Nußdorf, eine Viertelstunde von Landau, eine Batterie errichten und alles zum Beschießen der Festung instand setzen lassen. Montags früh, den 28sten um halb sieben, fing das Feuer schon an und währte, wiewohl mit einigen Pausen, bis den 31sten um 8 Uhr des Abends. Das Feuer tat viel Schaden, manche Häuser gerieten in Brand, aber durch die guten Anstalten wurde das Feuer jedesmal sehr bald gelöscht.

Die Landauer, welchen dergleichen Spektakel ganz neu war, gerieten in große Bestürzung, und viele hielten sich für verloren. Einige sprachen gleich anfangs ganz laut von der Uebergabe, und hielten es für ratsamer, das Städtchen den Deutschen zu überlassen, als zuzugeben, daß die Preußen es zusammenschössen.

Dentzel, welcher jetzt wieder in vollem Ansehen stand, ließ die Bürger, wenigstens die vornehmsten oder angesehensten derselben, aufs Gemeindhaus fordern. »Landau,« sagte er, »ist eine Grenzfestung, ist der Schlüssel zum Elsaß und ein Eigentum der Republik. Wir müssen nun, da an Landau soviel liegt, dafür sorgen, daß dieser Platz erhalten werde. Ein Gesetz befiehlt, daß der, welcher bei Belagerungen von Uebergabe spricht und dadurch Verzweiflung unter seinen Mitbürgern verbreitet, mit dem Tode bestraft werde, und ihr mögt euch darauf verlassen, daß ich jeden, der gegen dieses Gesetz sündiget, nach aller vorgeschriebenen Strenge behandeln werde.« Diese Rede, welcher ein öffentlicher Anschlag auf allen Straßen folgte, der dasselbe besagte, stellte die unvorsichtigen Reden von Uebergabe u.dgl. zur Ruhe.

Laubadère hatte seine Volontäre und alle Pferde nach den Kasematten bringen lassen, er selbst aber war in seinem Quartiere geblieben und ging ganz unbefangen auf den Straßen herum. Dentzel bezog ein bombenfestes Gewölbe auf dem Wall.

Wenn es abscheulich ist, sich bei einer Belagerung auswärts zu befinden, so ist es gewiß noch fürchterlicher, in einer Stadt zu sein, die eben beschossen wird. Nirgends ist man beinahe sicher, wenigstens ist es gefährlich, auf der Straße oder in Gemächern zu sein, die nicht bombenfest gemacht sind; denn man kann nicht wissen, wo eine Kugel oder eine Haubitze hinfällt. Das Kaufhaus, worauf wir lagen, wurde stark beschädigt, und eben darum ließ uns der General in die Pfarrkirche ziehen, welche vorher fest gemacht war. Hierhin wurden nun auch die Handmühlen gebracht.

Die Kirche war völlig leer, und die Bilder, welche ehemals zur öffentlichen Verehrung gedient hatten, waren alle in die Sakristei gebracht worden. Die Volontäre, welche mit den Deserteuren an den Handmühlen arbeiteten, witterten die Heiligenbilder aus und warfen sie nach und nach ins Feuer, welches sie wegen der Kälte in der Kirche Tag und Nacht unterhielten. Da wurde denn der heilige Stephan, der heilige Joseph, eine Mutter Gottes und einige heilige Engel zum großen Aergernis einiger kaiserlicher Deserteure dem Vulkan aufgeopfert. Die Volontäre machten jedesmal die spöttischsten Anmerkungen, wenn so ein Heiligenklotz zu brennen anfing, die Kaiserlichen dagegen vergaßen nicht, zu bemerken, daß der liebe Gott unmöglich einem Volk Glück und Segen bringen könne, das so der Heiligen spotte und ihre geweihten Bilder so beschimpfe und zerstöre.

Ueberhaupt müssen die gutkatholischen, auch manche gutprotestantischen Christen, an der göttlichen Regierung bei der neueren französischen Geschichte ganz irre geworden sein. Sonst tat der liebe Gott, und besonders seine Heiligen, unzählige Wunder; ja, Himmel und Erde wurden oft um einer nichtswürdigen Kleinigkeit willen in Bewegung gesetzt. Ein Prophet wurde von losen Buben Kahlkopf gescholten; flugs kommen zwei Bären und zerreißen zweiundvierzig von diesen Spöttern. Jerobeam, der König, wollte einen fanatischen Propheten einstecken lassen, aber seine Hand verdorrte plötzlich. Wegen einer kleinen Lüge fielen Ananias und sein Weib tot danieder; ja eine ganze Stadt ging in Indien unter, weil die Einwohner dem heiligen Xaverius den Eingang verwehrt hatten.

Aber in Frankreich – du lieber Gott! da wurden die lieben Heiligen aufs ärgste gemißhandelt. Ihre Lieblinge, die Mönche und Nonnen, wurden fortgejagt, ihre Kirchen wurden zerstört, ihre Bilder, sogar die, wobei sie sonst vorzüglich Wunder getan hatten, wurden zerschlagen, und sie – sie saßen im Himmel ruhig und konnten das Unwesen so unbekümmert mit ansehen, ohne Feuer, Pech und Schwefel auf die Gotteschänder herabzuschleudern! Da nun doch wohl keine Revolution im Himmel vorgefallen sein wird, wonach der bisherige Schlendrian darin abgeändert sein möchte, so muß jeder gute Christ stutzen und an seiner eigenen Religion zu zweifeln anfangen. – Mir ist das Ding freilich nicht aufgefallen, denn ich war schon lange über alles das hinaus – aber nicht alle Menschen sind solche Bösewichter, wie ich!

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