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Magenta und Solferino - Band 3

John Retcliffe: Magenta und Solferino - Band 3 - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Retcliffe
titleMagenta und Solferino - Band 3
publisherVerlag von Carl Sigism. Liebrecht
year1865
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070603
projectid6c876496
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Auf der Brücke von Magenta!

Der Kaiser Napoleon benutzte rasch die errungenen Vortheile – er sah ein, wie gefährdet trotz des Sieges der Piemontesen die Stellung der verbündeten Armee war, wenn der österreichische Heerführer die Entschlossenheit und das kriegerische Genie hatte, mit der ganzen Armee die Offensive zu ergreifen und sich in den Zwischenraum der beiden Stellungen zu werfen. Denn während das 4., 2. und 1ste französische Corps bei Novara bereits concentrirt war, General Niel südlich des Orts vorwärts La Bicocca stand, also ungefähr 60  Mann dort versammelt warm, blieb das kaiserliche Hauptquartier mit der Garde in Vercelli, standen das 3te Corps und die Sardinier – also 100  Mann bei Palestro. Zwei Meilen Entfernung trennten die beiden Stellungen.

Dennoch war man am Morgen des 1. Juni im österreichischen Hauptquartier zu Mortara, wenigstens was den Kommandirenden selbst betraf, noch immer unklar über die Stellung und die Absichten des Feindes. Im Laufe des Vormittags ging die Nachricht ein, daß französische Abtheilungen bereits bis Vespolate streiften; Oberst Czeschi meldete den Anmarsch der Franzosen auf Novara. Eine Compagnie Grueber hatte eine Stunde lang die Agogna-Brücke gegen zwei Brigaden vertheidigt. Feldmarschall-Lieutenant v. Zobel und Oberst Kuhn schlugen den Angriff gegen Novara vor, der damals von größtem Erfolg hätte sein können und zu dem vollständig die nöthigen Truppen zur Hand waren; – aber Graf Giulay hatte keinen Hang mehr oder vielmehr kein Vertrauen, Radetzki nachzuahmen. Er beschloß den Rückzug über den Ticino und die Reserve-Cavallerie wurde am 2ten gegen Olengo, die vier Brigaden des 3ten Corps (Fürst Schwarzenberg) bei Vespolate aufgestellt als Schirm, hinter dem die Corps weg marschiren und über den Ticino nach der Lombardei zurückgehen sollten, das zweite (Fürst Liechtenstein) und siebente Corps (Zobel) über Vigevano, das fünfte (Stadion) und achte Corps (Benedek) auf Bereguardo. Das neunte Corps (Schaffgotsche) blieb zwischen Pavia und Piacenza.

Am 3ten frühzeitig verließ der österreichische Generalstab Garlasco und ging nach Bereguardo.

Hier traf man auf den Feldzeugmeister Heß, den der Kaiser, der am 30sten in Verona eingetroffen war, unwillig über die nur andeutungsweise ihm zugekommene Nachricht von dem beabsichtigten Rückzug sofort mit unbeschränkter Vollmacht ins Hauptquartier gesandt hatte.

Der Mangel an Pferden und die schlechten Wege hatten leider den General verhindert, noch am Abend des 2ten Garlasco zu erreichen – er kam erst am andern Morgen nach Bereguardo und traf, wie erwähnt, hier das Hauptquartier schon'auf dem Rückzug. Sofort erfolgte eine ernste Unterredung zwischen dem Boten des Kaisers und seinem Feldherrn in dem Posthause des Dorfs und schon verbreitete sich unter den Truppen die Nachricht, daß Giulay sein Kommando niedergelegt habe und durch Heß ersetzt worden sei und wurde überall mit Freuden aufgenommen. Die donnernden Hurrahs und Eljens der Soldaten begrüßten den Feldzeugmeister, so oft sein charakteristisches edles und strenges Soldatengesicht am Fenster sich zeigte.

Heinrich Freiherr von Heß, der Chef des Generalquartiermeisterstabes der österreichischen Armee, zu dieser Zeit ein bereits 71jähriger Greis, aber körperlich und geistig gleich rüstig, war unbedingt der Liebling der Armee nach Radetzki's Tode, und auf ihn hatte sie als Führer gehofft in diesem Feldzug, als – wie früher erwähnt ist – der Einfluß des Grafen Grünne siegte. Er hatte schon die Feldzüge von 1805 bis 1815 mitgemacht und war von 1830 ab die rechte Hand Radetzki's und der Schöpfer der neuen Feld- und Manövrir-Instruction, die der österreichischen Armee eine neue und erhöhte Bedeutung verschaffte. Mit Recht nennt man ihn den Gneisenau des österreichischen Blücher's, denn seinem Kopf entsprangen die Pläne und Entwürfe, welche die Energie Radetzki's so glorreich ausführte. Mit edler Bescheidenheit schrieb der alte Löwe nach jenem glänzenden Feldzug von nur fünf Tagen seinem Kaiser: »Dem Feldmarschall-Lieutenant Heß – ich bezeuge es hiermit von ganzem Herzen – gebührt der bei weitem größte Antheil an den Erfolgen.« 1850 bewährte Heß seinen strategischen Ruf als kommandirender General der österreichischen Armeen bei dem orientalischen Kriege gegen die Russen.

Leider erwies sich bald das Gerücht von dem Wechsel des Oberkommando's für diesmal noch unbegründet!

Der alte bewährte Krieger machte kein Hehl aus seiner Meinung, daß wenn er zeitig genug eingetroffen wäre, er den Rückzug aus der Lomellina nicht zugegeben haben würde, und nach einer ernsten Debatte, zu welcher Oberst Kuhn von Rosate zurückgeholt wurde, eilten die Ordonnanz-Offiziere mit dem Befehl nach Vigevano und Garlasco, den Rückzug einzustellen.

Aber das Glück hatte bereits den edlen Fahnen Oesterreichs den Rücken gewendet und die eingehenden Meldungen zwangen, von dem kräftigen Entschluß wieder abzugehen.

Das zweite Corps hatte bei Vigevano bereits den Ticino passirt.

Wir müssen uns schon jetzt einen Augenblick nach der Position von Magenta wenden. Das erste Armeecorps unter dem Grafen Clam Gallas war am 22. von Prag aufgebrochen und hatte den Marsch von 200 Meilen über Leipzig, Insbruck und den Brenner mittelst der Eisenbahn in 10 Tagen zurückgelegt. Der Leser wird sich erinnern, daß es von dem unglücklichen Eigensinn des Oberbefehlshabers zuerst gleichfalls nach Piacenza bestimmt war, bei dem Kriegsrath in Garlasco es aber dem vorausgeeilten Stabschef, Oberst Pokorny gelang, den Befehl zur Aufstellung bei Mailand zu erhalten. Seit dem 1sten stand Graf Gallas mit der Division Cordon bei Magenta und war durch einige Bataillone anderer Corps verstärkt worden, so daß er über etwa 13  Mann verfügte, um dem Feinde den Uebergang über den Ticino streitig zu machen, der, wie man jetzt zu spät im österreichischen Hauptquartier erkannte, von Novara aus beabsichtigt wurde und nach den strategischen Verhältnissen zunächst etwa 1 1/2 Meile nördlich von Magenta und der Straße nach Mailand bei Turbigo und bei Magenta selbst über die Chaussee und Eisenbahnbrücken durch das tiefe Thal des Ticino erfolgen konnte.

Die Straße und der Eisenbahndamm von Novara (Trecate) nach Magenta (Mailand) überschreitet etwas mehr als eine halbe Meile westlich Magenta die Arme des Ticino bei San Martino. Es ist dies die Ponte nuovo di Boffalora. – Wir müssen den Leser bitten, der folgenden Schlachtereignisse wegen sich die Namen und die Tophographie etwas zu merken. – Chaussee und Eisenbahn theilen sich dann und laufen in kurzer Entfernung durch einen ziemlich tiefen Thalgrund mit hohem Geländer bis zum Naviglio grande, dem großen breiten Schiffahrts-Kanal, der von Lonato (Turbigo) her an dem östlichen Ufer des Ticino bis Abbiate Grasso, etwa eine Meile unterhalb Magenta lauft und sich dann östlich nach Mailand wendet. Ueber diesen Kanal, etwa 1/4 Meile vor Magenta führen die Heerstraße mittels der Ponte Nuovo di Magenta, die Eisenbahnbrücke und weiter abwärts die Ponte vecchio di Magenta, die Brücke der alten Straße mit einer kleinen Ortschaft gleichen Namens auf beiden Seiten des Kanals. Etwa 2000 Schritt oberhalb der Ponte nuovo, d.h. der Chaussee, liegt das Dorf Boffalora, auch auf beiden Seiten des Kanals.

Magenta ist ein unbedeutendes offenes Städtchen.

Unterhalb der Ponte vecchio – d.h. etwa eine halbe Meile unterhalb der Eisenbahn – liegt auf dem Wege nach Abbiate Grasso am westlichen Ufer des Naviglio der Ort Robecco.

Dies ist die allgemeine, möglichst einfache Beschreibung des engeren Schlachtfeldes.

Der Graf Clam Gallas hatte eine Division (Cordon) gegen Turbigo vorgeschoben und mit einigen Bataillonen den mit mehreren schweren Geschützen armirten Brückenkopf von San Martino (auf dem westlichen Ufer des Ticino) besetzt.

Sobald er jedoch Kunde bekam, daß die Franzosen im Norden gegen Turbigo anrückten und dort Vorbereitungen zum Brückenschlag machten, glaubte er den Brückenkopf bei San Martino nicht mehr vertheidigungsfähig und räumte, ohne irgend wie angegriffen zu sein, in der Nacht zum 3ten denselben so eilig, daß ein Theil der Geschütze und Munitionswagen darin zurückblieb und von den Franzosen, als sie am Vormittag endlich einrückten, zu ihrem Erstaunen vorgefunden wurde.

Es war selbstredend, daß man für einen solchen Fall Anstalten getroffen hatte, die Brücke in die Luft zu sprengen. Aber hier zeigte sich wieder das Verderbliche der bevormundenden Kriegsführung, welche der tapfern österreichischen Armee schon seit der Hofkriegskanzlei zu Wallenstein's Zeit manchen Sieg entrissen oder erschwert hat. Das Genie-Komité in Wien hatte sich die Mühe gemacht, eine Berechnung der zur Sprengung dieser besonders festen, ganz von Quadern für den Uebergang der Chaussee und der Eisenbahn gebauten Brücke nach Italien zu senden und genau auch nur dieses Quantum Pulver war dem, mit der Sprengung beauftragten Genie-Offizier geliefert worden. Da derselbe aber auf Befehl des Corps-Kommando's auch noch einige andere kleine Objecte sprengen sollte, nahm er von diesem Pulver, in der Voraussetzung, die Sprengung der Brücke sei noch nicht so eilig und es werde sich das Fehlende leicht von Mailand herbeischaffen lassen.

Jetzt drängte plötzlich der Feind heran – die in zwei Pfeilern liegenden Minen wurden entzündet, aber die Explosion vermochte nur, den zwischenliegenden Bogen zu erschüttern, ohne ihn einzustürzen, und die Brücke blieb für die Infanterie des Feindes passirbar und wurde es mit geringer Reparatur auch bald für die Artillerie wieder gemacht.

An wie kleinen Fäden hängt oft das Schicksal der Schlachten und der Völker. Ein Centner Pulver vielleicht mehr – und der Kaiser Napoleon vermochte nicht, über den Ticino zu gehen, Mac Mahon wurde vereinzelt geschlagen und die Lombardei blieb wahrscheinlich Oesterreich erhalten!

Die Meldung dieses Unfalls, den das Corps-Kommando keinen Versuch machte oder nicht mehr machen konnte, zu verbessern, nach dem Hauptquartier in Belleguardo war es hauptsächlich, was Heß bestimmte, nunmehr auch der rückgängigen Bewegung der Armee seine Zustimmung zu geben, da sie jetzt eine Notwendigkeit geworden war. Von diesem Augenblick an blieb der alte Soldat nur als Zuschauer der nächstfolgenden Ereignisse bei der Armee, als »Volontair« wie er sich ausdrückte; er hatte mit Recht keine Lust, seinen Kriegsruhm hier noch auf's Spiel zu setzen.

Die Ausführung der ersten Dispositionen wurde daher in's Werk gesetzt.

Es war der ursprüngliche Plan, die Armee in der Flanke der Mailänder Straße zu concentriren und hier die Franzosen zu erwarten. Aber in diesem Fall hätte man nicht am 4ten schlagen dürfen, da die Truppen noch nicht heran waren, und Clam Gallas mußte die Anweisung erhalten, sich angegriffen auf Abbiate Grasso und das Hauptcorps zurückzuziehen, statt daß er den Kampf aufnahm und einzelne Corps ihm zu Hilfe gesandt wurden, um sich vereinzelt schlagen zu lassen.

Ebensowenig war die Schlacht wohl die Absicht des Kaisers der Franzosen; denn unmöglich konnte er erwarten, den Uebergang bei San Martino ohne Widerstand unternehmen zu können, er hoffte denselben vielmehr erst durch das Anrücken Mac Mahon's von Norden ermöglicht zu sehen. Darum war auch die Stellung der Franzosen zwischen Novara und San Martino, also auf dem rechten Ticino-Ufer zuerst mit der Front gegen Süden gerichtet, weil sie von Vigevano her ein Vordringen der Oesterreicher erwarteten. In Magenta sollten die Divisionen der Garde sich mit dem Corps Mac Mahon's und den Sardiniern vereinigen. Da am 3ten beide Uebergänge ohne Kampf in den Händen der Verbündeten waren, konnten diese schwerlich noch daran denken, in Magenta Widerstand zu finden und der König Victor Emanuel erließ seine Einladungen Zu einem großen Diner dahin für den nächsten Tag.

So leicht sollte ihm die Prahlerei freilich nicht werden, – er hätte denn unter Haufen von Leichen sein Gastmahl halten wollen!

Die Division Camou war bereits am Abend des 2ten bei Ponte di Turbigo angelangt und hatte eine Brigade Garde-Voltigeurs auf Pontons übergesetzt, ohne einen Feind zu treffen. General Leboeuf leitete den Brückenschlag über Nacht. Die Voltigeurs unter Oberst Mongin besetzten sofort die Navigliobrücke und schoben ihre Posten nach Süden vor. Am Morgen war die Ticinobrücke fertig, MacMahon verließ um 8-1/2 Uhr Novara und traf gegen Mittag im Dorfe Turbigo ein. Von dem Thurm des nahe liegenden Robechetto aus nahm er die Gegend in Augenschein, als man eine anrückende feindliche Colonne bemerkte. Der Erstürmer des Malakoff hatte kaum noch Zeit genug, mit seinen Begleitern die Pferde zu erreichen und davon zu jagen, ehe die Oesterreicher – von der Brigade Cordon – das Dorf besetzten. Zehn Minuten später wäre er gefangen gewesen.

Mac Mahon ertheilte dem General Motterouge den Befehl, das Dorf mit drei Bataillonen der algier'schen Tirailleurs anzugreifen und sandte die andern Regimenter seiner Division nach.

Die Turcos (wie die algier'schen Tirailleurs zum Unterschied von den Zuaven von den Italienern und Österreichern genannt wurden) stürzten sich in drei Kolonnen, ohne einen Schuß zu thun, auf das Dorf, von einer Batterie der Korpsreserve unter General Auge unterstützt. Sie wurden mit einem lebhaften Gewehrfeuer empfangen, drangen aber mit dem Bayonnet ein und erwiderten dann erst das Feuer in die dichtgedrängten Trupps der Gegner.

Bereits in seinem Tagesbefehl an die Armee aus Genua vom 12. Mai hatte der Kaiser Napoleon gesagt:

»Die neuen gezogenen Waffen sind nur gefährlich, so lange ihr ihnen fern bleibt; sie werden nicht hindern können, daß das Bayonnet, wie sonst, die furchtbare Waffe der französischen Infanterie bleibe.«

Und dies war es eben, was die französischen Generale hauptsächlich dem Feinde entgegenstellten – das Treiben zum Gemetzel, zum »Krieg auf's Messer,« das rücksichtslose Hineinwerfen und Opfern von Menschenleben! Darum auch möglichst die auf dies Gemetzel dressirten wilden Horden der algierischen Armee voran!

Von diesen, den Zuaven und Turcos – das heißt dem verwegenen Auswurf der französischen und der afrikanischen Soldaten – wurde eine Kampfart verfolgt, die mehr der Grausamkeit und Hinterlist der Wilden, als der bisherigen Kriegssitte civilisirter Nationen glich. Der schon wehrlose Verwundete und Gefallene wurde noch durchbohrt; ihre anscheinenden Todten kamen plötzlich wieder zum Leben, sobald sich ihnen der Feind arglos näherte, schossen die Offiziere nieder und entflohen; zuletzt wurde auch auf Seiten der Österreicher die Schonung aufgegeben und das Handgemenge damit um so grausamer geführt.

Diese wilde haßvolle Kampfführung erstreckte sich bald nicht bloß auf die beiderseitigen Krieger.

In Palestro schossen die Bewohner, die beim Einmarsch den österreichischen Truppen mit der größten Freundlichkeit entgegengekommen waren, aus den Fenstern auf die Jellacie-Jäger, als sie nach dem zweiten Sturm Palestro räumten. Die Jäger hatten jedoch keine solche Eile, als die Italiener glaubten, drangen in die Häuser und übten hier blutige Vergeltung. In einem der Nachbarorte hatten die Bewohner sogar, die österreichischen Verwundeten mit Knitteln erschlagen.

Es läßt sich denken, wie das Alles die gegenseitige Erbitterung steigerte.

Haus um Haus, Schritt um Schritt nur zogen sich im wüthenden Kampf die Oesterreicher zurück – nach halbstündigem Kampf war Robechetto von den Turcos genommen – die blauen fliegenden Gewänder und weißen Turbane deckten mit den weißen Röcken der Oesterreicher die Straßen.

Während der Kampf noch im Dorf wüthete, und als eben das 65ste französische Regiment unter Oberst Drouchot das Plateau des Thalrandes erstiegen hatte, den Oesterreichern in die Flanke zu fallen, zeigte sich Cavallerie von Castano her vom mobilen Corps des Feldmarschall-Lieutenant Urban und drohte, den Franzosen in den Rücken zu fallen. Mac Mahon ließ Geschütz gegen sie auffahren und das 65ste Regiment sich gegen sie wenden. Die österreichischen Reiter mußten Kehrt machen.

General Cordon zog sich fechtend auf Malvaglio zurück. Seine linke Flanke war am Naviglio auf die Gardevoltigeurs gestoßen und auch dort von der bedeutenden Uebermacht zurückgedrängt worden.

General Cordon trat seinen Rückzug auf Cuggiono an, ein demontirtes Geschütz in den Händen des Feindes lassend; Mac Mahon blieb seiner Instruction folgend auf dem occupirten Terrain stehen, die Division Motterouge voran, die Division Camou dahinter. Bereits waren auch die Sardinier in der Reserve.

So endete der Tag des Dritten. –

Wir haben bereits erwähnt, daß der Kaiser Napoleon nach der Occupation der beiden Ticino-Uebergänge unmöglich noch einen ernsten Widerstand bei Magenta bei dem für den 4ten bestimmten Uebergang der Hauptarmee erwarten konnte und glauben mußte, daß der Gegner erst am 5ten oder 6ten eine Schlacht vor Mailand liefern werde.

Am Morgen des 4ten war daher die Stellung der beiden Armeen folgende:

Mac Mahon stand auf etwa 3/4 Meilen nördlich von Magenta mit dem zweiten Corps und einer Division Garde, als Soutien die ganze piemontesische Armee.

Ihm gegenüber stand Anfangs blos eine österreichische Brigade der Division Cordon. Zur Unterstützung wurden die Brigade Baltin (nach Boffalora) und die Brigade Kudelka (nach Cascina nuova) vorgeschoben. Drei österreichische Brigaden hatten demnach drei französischen Divisionen – also gerade der doppelten Uebermacht den Weg zu verlegen.

Um Magenta bis hinunter Robecco standen die drei Brigaden Reznicek, Szabo Burdina und Kintzl. Bei Beginn des Kampfes disponirte Graf Clam Gallas demnach um Magenta über etwa 30  Mann gegen 80,0000.

Die Division Reischach stand mit den Brigaden Gablentz und Lebzeltern westlich bei Corbetta, etwa 3/4 Meilen, die Division Lilia mit den Brigaden Weigl und Dondorf bei Castelletto südöstlich, etwa 1 1/4 Meile entfernt. Ebenso im Süden das 3te Corps Schwarzenberg. Es waren demnach für den Kampf etwa 76  Mann verfügbar, aber eben wieder in etappenweisen Stellungen. Die Corps Stadion (5.) und Benedek (8.) waren am Morgen 2 1/2 und 3 1/2 Meilen entfernt.

Um 9 1/2 Uhr Morgens traf die zweite Brigade der französischen Garde-Grenadiere unter Geneial Wimpffen – es standen in diesem Kriege zwei Wimpffen einander gegenüber – von Trecate an der Brücke von San Martino ein und ging nach dem linken Ufer über. Die vorgeschobenen österreichischen Tirailleurs und Geschütze wurden bald aus dem Flußthal bis über den Naviglio zurückgedrängt. Gegen Mittag folgte die Garde-Brigade Cler mit dem Divisionsgeneral Mellinet und dem Corps-Kommandanten der Garde, dem alten General Regnault de St. Jean d'Angely, der schon den Feldzug von 1812 mitgemacht und im griechischen Befreiungskampf als Freiwilliger gefochten hatte. Der Kaiser, der bereits selbst an der Brücke von San Martino angekommen war, wartete mit Ungeduld auf das Signal, daß Mac Mahon von Turbigo her den Angriff begonnen hätte.

Der künftige Herzog von Magenta war in der That um lO Uhr aufgebrochen und rückte mit seinen vier Divisionen gegen Boffalora und Magenta. Bei Casale traf er um etwa 1 1/2 Uhr zuerst auf den Feind. Die Oesterreicher räumten nach kurzem Gefecht den Weiler. Bald entspann sich der Kampf auf der ganzen Linie nördlich von Magenta. Die erste Brigade der Division Motterouge (Lefebvre): die Turkos und das 45ste Linienregiment unter Oberst Manuello griffen Boffalora an.

Sobald der Kaiser Napoleon das Feuer Mac Mahen's hörte, befahl er – obschon sie hier noch einer Uebermacht entgegen standen, – den Angriff auf den Naviglio durch die Garde-Division Mellinet. Zugleich wurden Adjutanten ausgesandt, die Corps Niel und Canrobert zu suchen und zur Beschleunigung des Anmarsches anzutreiben.

Das zweite Garde-Grenadier-Regiment unter Colonel d'Alton ging links von San Martin gegen Boffalora vor und vereinigte hier seinen Angriff von Westen mit dem der Brigade Lefebvre von Norden her.

Die Oesterreicher hatten eine starke, sehr günstig gelegene Batterie auf dem Monte rotondo, nördlich des Dorfs, errichtet, deren Feuer vernichtend wirkte. Die Häuser am linken Ufer des Kanals waren zur Verteidigung eingerichtet – ein heftiger Kampf entspann sich. Die Brigade Baltin, 2 Bataillone vom Linien-Infanterie-Regiment Hartmann Nr. 9 unter seinem Obersten Edlen v. Carnelius bewährte glänzend seinen mehr als hundertjährigen Ruf. Eben so tapfer wehrten sich die mährischen Jäger, das 16te Bataillon unter Major Burkhardt von der Klee. Die französischen Grenadiere, angefeuert von ihren Bataillons-Chefs Demé de Lisle, Rivière und Sée bogen links vom Wege, drangen durch das feindliche Feuer, stürzten sich in den Kanal, der das Dorf umgiebt, übersprangen die Mauern und kletterten wie die Katzen an den Weinspalieren in die Höhe, oder versuchten, einer auf dem andern, in die Fenster der Häuser zu dringen. Aber sie wurden zurückgeworfen – die Bärenmützen deckten den Boden, das Feuer der Jäger wüthete vernichtend unter den Franzosen, mehrere Häuser gingen in Flammen auf; die Grenadiere vermochten nicht, weiter vorzudringen.

Unterdeß hatte der Kaiser das 3te Garde-Grenadier-Regiment, seine Lieblinge von Saint Cloud, unter Colonel Metmann und dem Chef der Brigade General Wimpffen auf dem Eisenbahndamm vorrücken lassen. Das Regiment warf sich rechts in die Wiesen, erstieg Ponte vecchio di Magenta gegenüber den Thalrand und griff das von den Feinden verschanzte Dorf an.

Hier hatten die Ottochancr Gränzer vor der Eisenbahnbrücke eine kleine Schanze aufgeworfen – ein Bataillon Wasa stand dahinter. Die Brigade Szabo: Erzherzog Wilhelm Infanterie Nr. 12 und das 7. Feldjäger-Bataillon vertheidigt Ponte nuovo und die Naviglio-Linie, unterstützt von der Brigade Kudelka, zwei Bataillone der Brigade Kintzl (Regiment Sigismund) halten Ponte vecchio beseht. Der Rest dehnt sich bis Robecco aus. Auf diese Truppen trafen die dritten französischen Grenadiere, gefolgt von dem 1sten Regiment, das sich gedeckt gegen das Feuer der Oesterreicher rechts vom Eisenbahndamm bei Bovica aufstellte, um gegen einen Angriff von Süden her Front zu machen. Zugleich warf sich das Garde-Zuaven-Regiment unter Colonel Guignard in eine Terrainfalte der Chaussee. Nur zwei französische Geschütze konnten auf dieser das Feuer der Feinde beantworten.

Die dritten Grenadiere drangen mit unwiderstehlicher Heftigkeit vor – so wüthend die Ottochaner, so tapfer die Jäger sich schlugen – die Bataillone von Kintzl hielten nicht Stand und wurden aus dem Dorf und über die Brücke (ponte vecchio) zurückgedrängt. Der Befehl zur Sprengung der Brücke erfolgte – aber es war zu spät. Lieutenant Fayet de Montjoye stieß dem Unteroffizier, der eben die Leitung zünden wollte, seinen Säbel in die Brust; – mit den Ungarn und Jägern zusammen drangen die Grenadiere über die erstürmte Brücke an's linke Ufer und breiteten sich sofort hier aus, die Dämme zum Schutz benutzend. Aber weiter vermochten sie trotz aller Tapferkeit nicht vorzudringen, immer und immer wieder warf sie das Feuer der braven Jäger zurück.

Während seine Grenadiere sich an der Brücke festsetzen, läßt Oberst Metmann ein Bataillon unter Oberstlieutenant de Tryon am westlichen Ufer des Kanals im Laufschritt auf Ponte nuovo di Magenta, die Chausseebrücke, vorgehen und die beiden Stationshäuser an diesem Ufer des Naviglio angreifen. Man schlägt sich mit Erbitterung – die Österreicher werden aus den beiden Häusern geworfen – sie weichen »raufend« Schritt um Schritt über die Brücke und halten ihre Gegner mit scharfem Feuer zurück. Die Grenadiere wollen ihnen folgen, aber sie werden drei Mal geworfen. Oberlieutenant Kleinert weist heldenkühn mit seinem Geschütz die Angriffe der Garden zurück,Ein Bild im Verlag der K. K. Staatsdruckerei in Wien. »Heldenzüge aus dem Jahre 1859« zeigt den Moment. die Kugeln der Jäger schlagen in ihre Reihen – an der Brücke steht der Kampf!

Diesen Augenblick benutzt der Führer der in der Tiefe an der Chaussee versteckten Garde-Zuaven. Oberst Guignard giebt das Zeichen – die Bataillone »Pissonnet de Bellefonds«, »Weißenburger« stürzen sich vorwärts – die Capitaine Godinot de Vilaire, Goetzmann, de Couvigny, Lapasset stürmen mit ihren Kompagnieen heran – –

»Zündet die Lunte! Hurrah!«

Aber es ist keine Lunte da – die in den Brückenpfeilern angebrachten Minen sind noch nicht einmal geladen – das Pulver steht in Fässern sogar noch in den Häusern jenseits der Brücke, die bereits von den Grenadieren genommen sind, und die Zuaven sind bereits zur Stelle!

»Verflucht!«

»Vive l'empereur!« das kurze Horn ruft seine melancholischen Tacte zum Sturm, rechts und links werfen diese Teufel ihre eigenen Kameraden die Garden vom Damm. »En avant! en avant!« Lieutenant Richaud ist der Erste auf der Brücke, er fällt! Gautier, Rapp springen an seine Stelle – beide sinken verwundet. Kapitain Vial de Sabliney schwingt den Säbel: En avant chacaux! – er stürzt! – aber Renauld, Maisonneuve fassen Fuß mit ihren Braven – sie sind über die Brücke, sie dringen in das Haus zur Rechten – was nicht durch die Fenster springt, wird niedergestoßen; das Blut rinnt wie ein Bach über die Schwellen.

Aber es ist nicht genug, das Haus rechts zu haben; – um die Brücke halten zu können, muh man auch das zur Linken besetzen, und schon rücken die Reserven des Liechtenstein'schen Corps heran und das Feuer der Oesterreicher aus den Fenstern und Schießscharten des Hauses ist furchtbar.

Mit der Todesverachtung, welche diese Tollköpfe auszeichnet, stürzen die Zuaven noch einmal auf den Feind. Von hüben und drüben knallt es aus den Fenstern, der Pulverdampf verhüllt Freund und Feind, die rothen Hosen und blauen Jacken decken förmlich den Boden der Straße; über die Leichen der Ihren, die noch im Tode einen wilden Fluch gegen den Feind geschleudert, treiben die Capitaine, die Offiziere sie immer wieder gegen das Haus; Cauvigny fällt, die Zuaven, gleich ihren Katzen, einer auf des andern Schultern klimmen zu den Fenstern empor, und stürzen von Kugel und Bayonnet getroffen, zurück – immer und immer wieder werden sie zurück geworfen und immer und immer wieder stürzen sie heran; der Arm erlahmt von der gräßlichen Blutarbeit, die Jäger haben keine Patronen mehr, man schlägt und stößt sich mit den Kolben, man beißt sich wie die Bestien der Wildniß noch im Todesringen auf den Stufen der Treppen, in dem dichten Qualm ist kaum Freund von Feind zu unterscheiden! – da donnert der Ruf »Vive l'Empereur!« aus den Fenstern des Hauses – die Zuaven sind eingedrungen, gräßlich wüthet der Mord – kein Pardon wird gegeben – Niemand verlangt ihn! jeder einzelne ein Held, sterben die Grauröcke zwischen den kugeldurchlöcherten Wänden, die sie so tapfer vertheidigt haben.

Auch das zweite Zollhaus ist in der Gewalt der Franzosen.

Die französischen Geschütze fliegen auf der Chaussee herbei, von jenseits des Naviglio den Kampf mit der Artillerie der Gegner aufzunehmen. Clam Gallas selbst sprengt an den Platz – Oberst Herle leitet das Feuer – Graf Mengersen fällt – – es ist zwei Uhr! Vergebens sieht der Graf sich nach der Hilfe um, die der Rittmeister Prinz Ahremberg aus dem Hauptquartier holen sollte. Viel zu spät hatte der Feldmarschall-Lieutenant seine gefährliche Lage erkannt und die Meldung um Beistand nach Abbiate-Grasso gesandt. Sie ist um 12 ¼ Uhr dort eingetroffen – um 2 Uhr erst setzt sich der Feldzeugmeister zu Pferde, nachdem das 3te Corps (Fürst Schwarzenberg) Befehl erhalten hat, nach Robecco vorzurücken. Er muß erst sein Diner in Ruhe vollenden! Zugleich erhält die Division Lilia des siebenten Corps Ordre, von Castelletto nach Corbetta, also nicht in das Gefecht, sondern östlich von Magenta zu rücken. Das 5te und 8te Corps sollen ihren Marsch – 2½ und 4 Meilen, beeilen!

Zum Glück hat Graf Clam den Feldmarschall-Lieutenant Reischach, dessen Division hinter Magenta bei Corbetta steht, von seiner Noth direkt benachrichtigen lassen.

Da geht die Nachricht ein, daß die Brigade Baltin nicht länger Boffalora zu halten vermag. Während das 2te Grenadier-Regiment noch immer von Westen, vom Naviglio her das Dorf bestürmt, hat die Brigade Lefebvre: die Turcos, das 45. und 65ste Linien-Regiment, von Norden her den Angriff begonnen. Durch den Verlust von Ponte nuovo war die Brigade Baltin in Gefahr, abgeschnitten zu werden; Graf Clam befahl die Räumung – er zieht das 1ste Corps in der Richtung von Cascina nuova zurück. Dort stellen sich die Brigaden Burdina, und Rezuiczek den Feinden entgegen.

Mac Mahon läßt das zweite Garde-Grenadier-Regiment und das 70ste Linienregiment unter Colonel Douay Boffalora besetzen und schickt die Division Motterouge zur Verfolgung. Die erste Brigade, das 45ste Regiment stürmt das Gehöft – vergebens leisten die beiden ungarischen Regimenter »Wasa« und »Erzherzog Joseph« und das 2te Feldjäger-Bataillon kräftigen Widerstand – der Oberst der Jäger fällt, auf seiner Leiche kämpft man um die Fahne, sie wird den Jägern entrissen! Mit Verlust vieler Gefangener müssen sich die Oesterreicher zurückziehen, aber der Erfolg hat auch den Franzosen schwere Opfer gekostet, die Division Motterouge ist völlig aufgelöst – sie muß aus dem Feuer gegen Boffalora zurückgezogen werden, um sich erst wieder zu sammeln und auf die Garden Camou's zu stützen.

Das Feuer der Franzosen schweigt auf der ganzen Linie – Mac Mahon hat seine Truppen zurückgezogen – nur die Tirailleure beider Parteien schießen sich noch herum.

Es ist drei Uhr; kurz vorher ist Giulay in Magenta angekommen.

Die Brigaden Liechienstein's (Szabo und Kudelka) haben sich nach dem Fall von Boffalora von Ponte nuovo zurückgezogen und so den 3ten Garde-Grenadieren und den Zuaven Luft gegeben.

Der Kaiser Napoleon hält auf dem Eisenbahndamm von San Martino, – er sendet Adjutanten auf Adjutanten aus, um Niel und Canrobert herbeizuholen – denn er begreift seine gefährliche Lage; er steht mit 8000 Garden einer bedeutenderen Macht entgegen, als er gedacht, die mit jedem Augenblick verstärkt werden und über ihn herfallen kann. Aber General Niel hat, der Disposition nach, in Trecate Bivouaks bezogen und Canrobert ist eben erst von Novara aufgebrochen. Nur die Brigade Piccard: das 8te Jäger-Bataillon und das 23. und 41ste Linien-Regiment ist zur Hand. Sie überschreitet um 2 Uhr die Ticino-Brücke und wendet sich rechts von Ponte nuovo, um die Flanke der Division Mellinet zu decken und das Iste Grenadier-Regiment abzulösen.

Der Kaiser ist in größter Besorgnis; – das gänzliche Schweigen des Feuers im Norden läßt ihn in Ungewißheit, ob Mac Mahon, auf den er so sehr gezählt hat, den Kampf aufgegeben, ob er zurückgedrängt ist. Keine Nachricht kommt von dort. Er weiß nicht, was beginnen!

Diese Gefahr sollte noch erhöht werden. Die Ankunft der Brigade Piccard reißt General Cler zu einem kühnen Versuch hin. Er befiehlt Colonel Auzony, ihm mit zwei Bataillonen des 23sten Regiments zu folgen, setzt sich an die Spitze der 3ten Grenadiere und der Zuaven, welche Ponte di Magenta erstürmt, läßt das 1ste Grenadier-Regiment den Angriff unterstützen und dringt über die Brücke vor; die Zuaven breiten sich an den Dämmen aus, eine Escadron Chasseurs à cheval und vier reitende Geschütze sprengen über die Brücke und die Kolonne der Franzosen stürzt sich wie ein unwiderstehlicher Strom gegen Magenta.

Das Regiment Wasa, schon decimirt durch den Kampf vorher, leistet nur schwachen Widerstand. General Burdina von Löwenkampf, der Führer der Brigade, der bei Custozza, bei San Lucia und Novara sich ausgezeichnet, wird der Schenkel zerschmettert. Sein Kaiser kann ihm zu Verona nur den Orden »Eiserne Krone« auf's Sterbebett legen, nicht den Tod aufhalten. Alles weicht bis an die Cascinen – die Vorgehöfte – von Magenta zurück; hier erst stellt sich der Kampf wieder und Bataillone von Burdina, Baltin und Kudelka schlagen sich vereinzelt mit den Garden.

Der Feldzeugmeister Giulay ist um 3 Uhr auf dem Kampfplatz eingetroffen; er befiehlt, daß die Division Reischach vorrücke und Ponte nuovo wieder nehme; dann eilt er nach Robecco, um dort einen Flankenangriff mit dem anrückenden Corps Schwarzenberg zu ordnen.

In Magenta selbst herrscht eine grauenvolle Verwirrung. Alles Fuhrwerk, das man auf der Chaussee zwischen Ponte nuovo gelassen, drängt sich am Eingang des Städtchens mit den zurückgeworfenen Truppen, während die französischen Granaten bereits in die Straßen einschlagen.

In diesem Augenblicke erscheint die Tête der Division Reischach, die Brigade Gablentz.

Aber das Thor ist versperrt – es ist unmöglich, zu debouchiren.

Der sächsische Freiherr, so gefällig und hofmännisch sonst in seinen Formen, versteht auch ein Mann zu sein im Augenblick der Gefahr, seine höflichen, honigsüßen Reden werden dann zum kurzen, harten Befehl. Was alle Anstrengungen der »Vorgewaltigen« nicht zu Stande bringen können, vermag sein Wort. Rasch packen die tapfern »Grüber« und die Kaiserjäger an, rücksichtslos wird Alles zur Seite geworfen, Wagen, Pferde und Menschen, Munition und Train, in zehn Minuten ist eine Bahn gebrochen, die Brigade debouchirt und stellt sich à cheval der Chaussee. Sofort setzt sich General Reischach selbst an die Spitze und führt sie zwischen den kämpfenden Bataillonen gegen den Feind. Oberst Ceschi, der sich so lange an der Sesia geschlagen, wirft sich mit seinen Grübern auf die Grenadiere und Zuaven, die Majore Jonak von Freyenwald, Merl, Medricro führen die Bataillone zum Angriff, die Hauptleute Hubatschek, Brada, Bognow schlagen sich mitten in den Feinden, Kastanek, Graf Vrecourt sind unter den Vordersten – die französischen Garden werden geworfen, unaufhaltsam geht ihre Flucht zum Naviglio zurück. Ueberall ermunternd, die Truppen in's Feuer treibend ist der Freiherr.

Major Sieberer führt das 3te Bataillon des berühmten Tyroler Jäger-Regiments, der »Kaiser-Jäger.« Die braven Tyroler sind so »schneidig« zum Raufen, daß es eine Freude ist. Keine Kugel aus ihrem Stutzen verfehlt das Ziel – die Bärenmützen, die rothen Turbans fallen wie die Fliegen. Ueberall finden die braven Schützen ihre Deckung, mit der Schnelligkeit der Gemse, mit dem Auge des Adlers ihrer Berge und Firnen wissen sie jede Blöße zu benutzen. Der tapfere Bruckner, Höffern von Saalfeld, die Hauptleute Crescini, Stefenelli, die Lieutenants Tava, Ritter von Straßern, der Freiherr von Eliatscheck sind überall, ihre Schützen ermunternd und anweisend. Schon sind die Franzosen bis gegen die Brücke zurückgedrängt, da sieht Lieutenant Lantschner eine der feindlichen gezogenen Kanonen auf seine vordringende Kolonne gerichtet. »Zu mir, Jäger! vorwärts!« ruft er, und stürzt sich auf das Geschütz, das die Artilleristen eben zum Feuern fertig gemacht. Sie wenden sich gegen ihn, sie wollen über ihn her – aber sein Säbel blitzt im Kreise und im nächsten Augenblick find seine Tyroler bei ihm und schlagen den Kanonier mit der Lunte zu Boden. Hurrah! das Geschütz ist genommen – die Bedienung ergiebt sich, nur Einem gelingt es, zu entfliehen!

General Cler, der wüthend über das Entreißen des gewonnenen Sieges seine Garden mit Säbelhieben zurücktreibt, fällt von einer Kugel durchbohrt, es ist jetzt kein Rückzug mehr, es ist eine Flucht! In diesem Augenblick bricht General Cassaignolles mit der Escadron de Mazag von den Gardejägern zu Pferd (früher das 4. Regiment Chasseurs d'Afrique) von der Brücke vor, rücksichtslos die Masse der Weichenden spaltend, und wirft sich mit Todesverachtung auf die verfolgenden Tirailleurschwärme. Aber nur einen Augenblick vermag der ritterliche General sie aufzuhalten. Der Chef d'Escadron Mazag, Kapitain Deschamps de Brûche, Lieutenant Maigret fallen – in fünf Minuten ist die kleine Schaar von 110 Reitern auf kaum sechszig geschmolzen und sie jagen im Karriere über die Brücke – in den Schutz der Stationshäuser zurück.

Dennoch hat die heldenmüthige Aufopferung der kleinen Schaar wenigstens so viel erreicht, daß die flüchtenden Grenadiere und Zuaven Zeit gewinnen, sich wieder in den Stationshäusern jenseits der Brücke festzusetzen; die auf dem östlichen Ufer nehmen die Jäger – ein heftiges Feuer entspinnt sich über die Brücke hin, über die keine der Parteien vorzudringen vermag.

Während das Gefecht in der Front wüthet, haben auf dem mit Leichen und Verwundeten übersäeten Wege die in ihrer Aufopferung und Pflichttreue keine Gefahr kennenden Aerzte bereits ihre fliegenden Ambulancen aufgeschlagen. Wer sie je gesehen hat – eine dieser ersten improvisiren Verbandstätten dicht hinter der Front, selbst in der Gefechtslinie, der kennt die entsetzlichen Bilder, die sie bieten und den Trost der Hilfe, den sie bereiten. Ehre den tapfern Aerzten, deren Herz gewiß muthig schlagen muß! An der Seite der Sterbenden, im Verband, den sie dem Leidenden leisten, lernen sie oft besser den aufopfernden Geist des Soldaten in hundert Zügen kennen, als der Offizier, der ihn in die Kugeln und Bayonnete führt.

Zum Tode getroffen lag ein Kaiserjäger; der Arzt untersucht seine Wunde. »Armer Bursche, es steht schlimm mit Dir!« »Ja, Doktor,« sagt der Sterbende – »wenn's noch was nützt, verbinden's mich immerhin, sonst lassen's mich lieber. Aber« und er richtete sich empor und streckte die Hand nach zwei neben ihm liegenden Franzosen – »die Beiden sind mein, Herr Doktor!«

Ueberall ähnliche Züge. Wer die Bilder unserer Maler von Schlachtfeldern beschaut, den schüttelt das Grauen der Lebendigen vor diesen gleichsam halbverwesten Todten, den grünen eingefallenen verzerrten Gesichtern im Todesschmerz. Sie haben gewiß nie ein Schlachtfeld gesehen in der Stunde nach dem Kampf! Frisch und kräftig, als ob sie lebten, als ob sie mit der Waffe, die ihre Hand noch festhält, im nächsten Augenblick wieder aufspringen und sich auf den Feind stürzen wollten, liegen diese Männer und Jünglinge. Der Tod hat gleichsam keine Macht über sie gehabt, und das Leben scheint nur in Marmor erstarrt auf den Gesichtern mit all' dem Ausdruck, den es im selben Augenblick hatte, wenn nicht etwa die Wucht des Eisens das ganze Menschenantlitz zerschmettert hat.

Es ist eine alte Sage, daß der Tod auf dem Schlachtfeld für das Vaterland seine Schrecken verliere!

Dulce est, pro patria mori! Und in der That – wer je ein Schlachtfeld gesehen, nicht Tage, sondern Stunden nach dem Kampf, wird die oben erwähnte seltsame Erfahrung machen.

Die im Kopf oder im Herzen getroffenen Todten scheinen hinübergegangen ohne Schmerzen, ohne Kampf. Auf dem blassen Gesicht liegt oft eine himmlische Ruhe der Resignation – die Hände sind zum Gebet gefaltet, die starren Augen vertrauend zu dem Himmel gerichtet – ein Lächeln scheint auf ihren Zügen zu schweben, das letzte Wort noch auf der bleichen Lippe zu weilen.

Oder es ist der finstere Männertrotz, muthige Entschlossenheit, mit der sie in den Tod gegangen, deren Ausdruck noch zwischen den zusammengezogenen Brauen, in den auf einander gepreßten Zügen liegt; – vorn über gefallen – die Kugel wirft nur selten zurück! – hält die Faust noch krampfhaft die Waffe oder ist drohend gegen den Feind gestreckt. Selbst der Reiter sitzt noch fest im Sattel des mit ihm erschossenen Pferdes, die Spitze des Säbels nach vorn zum Angriff erhoben. Dr. Armand constatirt einen solchen Fall vom Schlachtfelde von Magenta!

Nur jene schmerzhaften Wunden in den Unterleib, welche langsamer den Tod herbeiführen, krümmen den Körper zusammen und zerren das Gesicht des Sterbenden in Falten.

Auf dem Schlachtfeld nach der Schlacht sieht man die Hand Gottes. O, Ihr Mächtigen der Erde, die mit dem Blut der Völker sie tränken, mißbraucht nicht den Beistand Gottes für die Opfer Eures Ehrgeizes und Eures Stolzes! Während die Brigade Gablentz gegen Ponte nuovo vordrang und die Garden siegreich zurückwarf, war die Brigade Lebzeltern, das Regiment »Kaiser Franz Joseph« Nr. 1 angetreten, um sich gegen Boffalora zu wenden. Aber es waren erst zwei Bataillone beisammen, als der wiederholte Befehl zum eiligen Vormarsch kam. Das 3te Bataillon sollte folgen – das Grenadier-Bataillon bei Magenta als Reserve zurückbleiben.

Mit wiederum ganz ungenügenden Kräften – zwei Bataillone gegen zwei Regimenter und Artillerie – sollte eine feste Stellung genommen werden. Wiederum eine von vorn herein nutzlose Opferung tapferer Soldaten!

Unbeirrt, treu ihrer Pflicht, marschirten die wackern Schlesier – das Regiment hat seinen Haupt-Ergänzungsbezirk in Troppau, – vorwärts. Die vorausgeschickten Offiziere finden auf weiter Strecke keinen Feind – Jäger der Brigade Gablentz zeigen ihnen die Direction – so kommt man am Naviglio, dann endlich am Dorf an und wird von einem heftigen Feuer begrüßt. General Lebzeltern, da er keine Artillerie bei sich hat, den Kampf vorzubereiten, führt das eine Bataillon selbst zum Sturm vor; – er wird durch die Schulter geschossen und muß sich zurück führen lassen. Die Bataillone machen ihrem Namen Ehre – Oberstlieutenant Thill, die Majore Freiherr von Haan, Drasenovic dringen mit ihnen bis in die Mitte des verschanzten Dorfes vor! – Zurückgeworfen kehren sie wieder! Die Hauptleute Lettinger, von Schwarzenfeld, Kuhn von Kuhnenfeld, von Schmidt kämpfen an der Spitze ihrer Compagnieen; Kerbler, Haager, Freiherr von Kutschera, Seibert und andere Tapfere holen sich mit dem Säbel in der Faust das Kreuz – vergeblich, die Bataillone sind zu schwach, den Ort zu halten, sie können den Feind nicht aus den Häusern werfen und müssen zurück!

Während man so vergebens versuchte, Boffalora mit ungenügenden Kräften wieder zu nehmen und die Brigade Gablentz, an Ponte nuovo sich mit den zurückgeworfenen französischen Garden schlug, – dauerte das Gefecht am Ponto vecchio fort. Ein Theil des Liechtensteinschen Corps ist decimirt zurückgezogen – ein anderer schlägt sich noch. Vom Regiment »Hartmann« ist Oberstlieutenant von Stromfeld gefallen, – die Hauptleute Bonjean von Mondenheim und Grenso haben den Heldentod gefunden! Nichts beirrte die Tapfern! Mit der brennenden Cigarre im Munde, dem Tode Trotz bietend, als sei der dichte Kugelregen ein fröhliches Ballspiel, ermunterten die Offiziere und Soldaten, – Winterle, Ochtzim, Pelikan von Plauenwald, Tomicic, Skwarzek, der eben erst vom Cadetten zum Lieutenant avancirt ist und all' die andern Tapfern.

Das 3te österreichische Armee-Corps ist unterdeß im Anmarsch auf Robecco und ein Angriff auf beiden Ufern des Naviglio auf die französischen Grenadiere bei den Brücken muß in diesem Augenblick höchst verderblich wirken, indem er sie von der Chaussee ab nach dem Fluß zurückdrängt.

Dies erkennt der Feldmarschalllieutenant Fürst Schwarzenberg. Da die Tête seines Corps noch nicht heran ist, und dessen Anmarsch auf den schmalen Feldwegen noch lange Zeit dauern muß, setzt er sich an die Spitze der jetzt bei Robecco stehenden Brigade Kintzl – das italienische Regiment »Erzherzog Sigismund« Nr. 45 – und führt sie auf dem westlichen Ufer des Naviglio gegen den Feind.

Er stößt auf die Bataillone Piccards!

Das Regiment – Veroneser – hatte ausdrücklich um die Vergünstigung gebeten, an dem Feldzug Theil nehmen zu dürfen und sie erhalten, während die andern italienischen Regimenter nach dem Innern Deutschlands geschickt worden sind.

Jetzt bewährt sich schlecht das gezeigte Vertrauen! Vergebens geben der Oberst Chevalier Depaix und seine Offiziere das Beispiel des aufopfernden Muthes, – vergebens reitet Fürst Schwarzenberg selbst den Bataillonen voraus bis in die Tirailleurkette, – sie kommen, sie wollen nicht vorwärts. Die zwei Bataillone des Garde-Grenadier-Regiments sind zwar wieder auf die westliche Seite von Ponte vecchio zurückgeworfen und die Oesterreicher haben die Brücke gesprengt, aber jene können sich jetzt, unterstützt von einem Bataillon der 1sten Grenadiere, gleichfalls gegen den Fürsten wenden und das Regiment Sigismund weicht, eine große Anzahl Gefangener – freiwillige! – in den Händen der Franzosen lassend. Vergeblich ist die Tapferkeit der Offiziere, des Major Hummel, Hauptmann Pillepich, der Lieutenants Niemeczek, Samsa und anderer, vergeblich stürzt sich Graf Auersperg in den Tod! Es ist 4 Uhr.

Aber jetzt ist das Corps Schwarzenberg heran. Die Brigade Ramming: das Regiment König der Belgier unter seinem Obersten, dem tapfern Herzog Wilhelm von Württemberg und das 13. Jäger-Bataillon geht am östlichen Ufer des Naviglio vor, um sich hier, mit Reischach und den Resten der Liechtenstein'schen Brigaden zu vereinigen; die Brigade Hartung (Großherzog von Hessen-Infanterie Nr. 14 und »Preußen-Husaren«) überschreitet, von der Brigade Dürfeld (Inf.-Reg. Fürst Liechtenstein Nr. 5) gefolgt die Brücke bei Robecco und dringt auf Carpenzago gegen die Garden; die Brigade Wetzlar endlich, das Regiment »Erzherzog Stephan« Nr. 58 und das 15. Jäger-Bataillon, wendet sich nach der Ticino-Niederung, um an der Brücke von San-Martino die Kommunikation des Feindes zu unterbrechen.

Der Kaiser Napoleon erhält die Nachricht von der Erneuerung der Schlacht, von dem drohenden Anrücken der frischen österreichischen Bataillone; fortwährend wird Verstärkung nach allen Seiten gefordert, während Mellinet mit den Grenadieren an der Ponte Nuovo und der Eisenbahnbrücke nur mit äußerster Anstrengung die Brigade Gablentz zurückzuhalten vermag. »Je n'ai personne à envoyer! – Qu'on barre le passage! – Qu'on se maintienne!« Das sind die einzigen Antworten, die er zu geben vermag.

Wo bleibt Canrobert? wo bleibt Niel? Was ist mit Mac Mahon geschehen?

Es steht Alles auf dem Spiel – der Verlust der Schlacht! der Verlust des Feldzugs – vielleicht der Armee!

Siegreich dringen die beiden österreichischen Brigaden auf dem westlichen Ufer des Kanals vor. Die Piccard'schen Bataillone werden geworfen, die Garden aus Pontevecchio getrieben – die französische rechte Flanke ist entblößt, schon dringen die Kolonnen gegen die Eisenbahn vor!

Da stoßen die Bataillone von Hartung in der Niederung auf die Verstärkung des Feindes.

Einer der vom Kaiser entsandten Generalstabsoffiziere ist der Division Vinoy des vierten Corps (Niel) bei Trecate begegnet. Im Laufschritt legen das 15te und 21ste Linienregiment mit dem lOten Bataillon der Chausseurs à pied, die Brigade Niol, die ganze Strecke von Trecate über San Martino bis zur Ponte Nuovo zurück.

Schon vorher, um 4 Uhr, ist die Spitze der Canrobert'schen Corps bei San Martino eingetroffen, nachdem sie alle Hindernisse auf der Straße rücksichtslos bei Seite geworfen hat.

Vier Bataillone werden sofort gegen Ponte vecchio beordert, Canrobert selbst setzt sich an ihre Spitze. Von diesem Augenblick an folgen Truppen auf Truppen des dritten und vierten Corps und schließen sich den Kämpfenden an. Die Oesterreicher werden zurückgedrängt und aus Ponte vecchio geworfen. Sieben Mal geht das tapfere Regiment Hessen unter seinem Obersten Mumb von Mühlheim vor – sieben Mal wird es aus den Häusern getrieben, es ist unmöglich sich in den Gehöften zu halten! Die Majore Ullrich, v. Prinzinger, Freih. v. Stetten, die Hauptleute Schiffer, Josa, v. Gröller, von Kreyssern, Zillich, Hiltl, Wolf, Benesch, Rosner, Hödl, Gstier, Fischer, Hugo von Henriquez, die Lieutenants Danninger, Hund, Kern, Pauly, Kirkovic, Eggner kämpfen mitten im Gedräng, fast keiner ist ohne Wunden, Major Tögli von Hosenvest stürzt mit zerschmettertem Schenkel; fast die Hälfte der Offiziere ist gefallen! Wie Rasende schlagen Korpural Sagel, Feldwebel Schäffer, Korporal Kowaßky, Soldat Nagel mit Kolbe und Bayonnet drein; Hornist Wieser bläst verwundet zum Angriff, der Tambour Ulascsi wirbelt, seinen Kameraden voran, den Sturmmarsch, Enzenhofer vertheidigt mit seinem Blute die Fahne – vergebens – Alles vergebens – die Uebermacht treibt sie hinaus – sie müssen weichen!

Ebenso erfolglos schlägt sich das Regiment »Liechtenstein« und versucht, die Gegner zu überflügeln. Oberst-Lieutenant Hauschka findet den Heldentod – Mann an Mann wird der Kampf, geführt – auf beiden Seiten sind die Opfer gleich! Die französischen Grenadiere, die Bataillone des 85. und 73sten Regiments sind decimirt – um 6 Uhr noch wüthet der Kampf, als die Brigade Jannin mit dem 56. und 90sten Regiment unter Colonel Doens und Charlier eintrifft und die Uebermacht von Ponte vecchio hervorbrechend die beiden tapfern österreichischen Regimenter zu erdrücken droht.

Da plötzlich schmettern die Trompeten der »Preußen Husaren.« Oberst Edelsheim bricht im Augenblick, wo schon alle Hoffnung verloren, mit fünf Schwadronen von Carpenzago her in den Feind. Trotz des ungünstigen Terrains stürzen sich, ihre Führer Graf Hunyady, Rittmeister Schmidt, Lipovnitzki, v. Wehlem, Frh. v. Majthenyi voran, die Schwadronen, einzeln attakirend, um den Feind über ihre Zahl zu täuschen, von allen Seiten auf die zwischen den Bäumen gedeckte Infanterie.

Die Säbel blitzen im Sonnenschein! Eljen! Eljen! Hussah! Ueberall die grünen Csakos, die lichtblauen Dollmanns mitten zwischen den Infanteristen! Lustig schmettert Trompeter Knauer das Signal zum Einhauen. Gleich der wilden Jagd wälzt sich der Strom der Kämpfer zurück nach dem Dorf – das Bayonnet vermag Nichts gegen den flinken Säbel, der die Käppi's und Bärenmützen spaltet. Eljen! Eljen! Korporal Vadasfalvony haut seinen Rittmeister aus dem Gedräng der Franzosen – Husar Gerges spaltet einem Grenadier den Schädel, der eben von hinten dem Obersten sein Bayonnet in den Leib bohren will. Die Franzosm eilen flüchtend dem Dorfe zu – unter Maulbeerbäumen drängt ein Menschenknäuel – weiße Federbüsche, gallonirte Hüte in der Mitte! Hurrah! Hurrah! Eljen! Eljen! Oberlieutenant Graf de la Motte mit seinen Husaren ist bereits heran, Wachtmeister Fakals haut sich Bahn in das Gedränge – Huszar Tuskar wirft den französischen Offizier, der sich ihm entgegendrängt, Roß und Reiter zu Boden, sein Säbel langt nach dem Marschall, denn Canrobert selbst ist es. der Oberbefehlshaber der Krim-Armee bei Balaclava und Inkermann ist es, der sich hier vertheidigt; die fliegenden schwarzen Locken, die großen Augen, der starke Bart um das feine hübsche Gesicht machen ihn kenntlich. Ein Säbelhieb des Lieutenant Freiherrn von Gerlach wirft ihm den schief aufgesetzten Hut vom Kopf, Korporal Lestal streckt bereits die Hand nach ihm, – da werfen sich die Adjutanten, die Offiziere des Stabes vor ihn und drängen den Marschall, mit ihren Leibern ihn deckend, aus dem Sturm des Gefechts. Die meisten sind verwundet, drei Offiziere der Umgebung zusammengehauen.

»Hussah!« Im Galopp, Alles zu Boden werfend, sprengen die Husaren bis in die Mitte des Dorfs, bis an den Naviglio, wo die abgebrochene Brücke ihnen Halt gebietet. Jubelnd werden sie von drüben her, von den Tapfern, Jägern und Infanterie, von den Flankeurs der Brigade Ramming begrüßt. Doch hier ist ihr Siegeslauf zu Ende – Graf Hunyady giebt den Befehl zum Rückzug, Trompeter Traszek bläst nur unwillig gehorchend das »Kehrt!«

Aber der Rückweg geht über eine Straße des Todes! Der Marschall hat die Zersprengten gesammelt, alle Gebäude, die Mauern der Gehöfte rechts und links starren von französischen Gewehren. Ein entsetzlicher Kugelhagel begrüßt die Tapfern und räumt die Sättel. Die Pferde bäumen im Todeskampf, die Reiter stürzen über einander, der Kamerad wirft den getroffenen Kameraden über seinen Sattelknopf, ihm den letzten Dienst zu erweisen. Ist doch selbst der furchtlose Regimentscaplan Tribaltsik auf seinem grauen Pferdchen mitten unter ihnen, bereit, seinen Samariterdienst im Kugelregen zu üben. Was sich im Sattel halten kann, braust vorwärts. Nur wenige Schwerverwundete werden nothgedrungen in den Händen der Feinde zurückgelassen; so jagt die tapfere Schaar zurück. Der Verlust ist ungeheuer, aber die Bataillone von Hessen Infanterie und Liechtenstein haben Zeit gehabt, sich zu sammeln und geordnet zurückzuziehen, und die französische Infanterie gelüstet nicht zum zweiten Mal, zu ihrer Verfolgung über die Lisière des Dorfes hinauszugehen. –

Die drei Bataillone der Brigade Wetzlar (Regiment Erzherzog Stephan Nr. 58) haben auf ihrem Wege durch die Ticino-Niederung so viele Terrainschwierigkeiten gefunden, daß sie nicht vorwärts kommen und ihre Aufgabe nicht erfüllen konnten.

Die 9te und 10te Compagnie des Regiments fand dabei zur Linken ein größeres Haus, zur Rechten eine Reihe zusammenhängender Häuser, die vom Feinde besetzt waren. Hauptmann von Zangen befahl sofort den Sturm auf das Gebäude links. Drei Mal mußte der Angriff unter dem vollen Feuer der Gegner von der rechten Seite erneuert werden, ehe es gelang, das verrammelte Thor einzubrechen. Ueber die stürzenden Trümmer drangen Feldwebel Franz Slanina, Corporal Holod, Gefreiter Demkow und die Gemeinen Burak und Bolozenik als die Ersten ein!Heldenzüge aus dem Jahr 1859. Verlag der K. K. Staatsdruckerei.

Mit dem Eintreffen der französischen Brigade Jannin war, wie gesagt, jede Hoffnung des Erfolges auf dieser Seite für die braven österreichischen Bataillone vorüber – fechtend, Schritt um Schritt verteidigend, zogen sie sich nach Casterno und Robecco zurück, denn um diese Zeit war bereits der westliche Theil von Ponte vecchio wieder in Besitz des Feindes. –

Um 4-1/2 Uhr erst war das 2te Corps der Franzosen – Mac Mahon – wieder angriffsfähig. Die Division Motterouge mit der Gardedevision Camou erhielt den Befehl, auf dem rechten Flügel, von Boffalora her, vorzugehen, die Division Espinasse, – das 72ste Linien-, das 1ste und 2te Fremden-Regiment, die 11. FuMger und das 2te Zuaven-Regiment – rückte auf dem linken Flügel über Marcallo vor. Die Brigade Rezniczek (ein Theil des Regiments Erzherzog Joseph Nr. 37 und das 2te Bataillon des 2ten Banal-Grenz-Regiments) stand allein hier der französischen Division entgegen und vermochte nur kurze Zeit, ihr Debouchiren aufzuhalten.

Der General-Feldzeugmeister war um 4 Uhr wieder in Magenta eingetroffen. Er fand nirgends mehr intakte Bataillone, dem Vordringen der Franzosen vom Norden entgegen zu werfen. Freilich standen die Division Lilia, die Brigaden Weigl und Dondorf und die ganze Kavallerie-Reserve-Division noch unberührt in Corbetta, kaum eine halbe Meile vom Kampfplatz, aber er hatte nicht den Muth, ihre Flankenstellung aufzugeben und sie in den Kampf zu ziehen. So wurde denn Alles, was in dem Städtchen von Mannschaften der verschiedenen Regimenter sich zusammenbringen ließ, nach Norden geworfen, aber zu der durchaus nöthigen Unterstützung der Brigade Lebzeltern gegen die Division Motterouge von Boffalora her blieb nur die Brigade Gablentz, die an der Ponte nuovo die Garden im Schach hielt, aber durch das Vordringen von Motterouge in der Flanke und im Rücken bedroht war. Ihre Stellung wurde dadurch unhaltbar – der Feldzeugmeister ertheilte den Befehl, sie solle die Vertheidigung am Naviglio aufgeben und mit zwei Bataillonen der Brigade Ramming sich gegen Motterouge wenden. General Reischach war durch die Hüfte geschossen, – Generalmajor von Gablentz übernahm den Befehl über beide Brigaden. Es kommt zum Kampf bei Cascina-nuova, einem großem Gehöft, und 500 Oesterreicher bleiben gefangen in den Händen des Feindes.

Espinasse drängt die Brigade Rezniczek zurück nach Magenta!

Der Kanonendonner Mac Mahons – die anderweite Verwendung der Brigade Gablentz ist für den Kaiser das Signal zum erneuten Vordringen von der Ponte nuovo. Die Brigade Martimprey wird von General Vinoy am östlichen Ufer des Naviglio nach Ponte vecchio dirigirt und zwingt die Brigade Ramming, die, um einigermaßen die Verbindung Reischachs mit dem 3ten Corps zu erhalten, in einer Linie von Ponte vecchio bis Magenta sich ausgedehnt hat. Alle neuen ankommenden Truppen des 4ten Corps – die Brigaden O'Farrel, Saunin, Donay, Lenoble werden vom Kaiser vorwärts nach Magenta geschickt.

Vergebens führt der ritterliche Herzog Wilhelm von Württemberg, hoch zu Pferde, die Fahne selbst in der Hand, das berühmte Regiment »König der Belgier« fünf Mal in die Flanke des stürmenden Feindes.Bild der Staatsdruckerei in Wien. Die Hauptleute Gasteiger Edler von Rabenstein, Ludwig von Pieter stürzen sich in den dichtesten Feindeshaufen, Huf, Entner, von Sabatavicz, Tonic, Heydt, Stöklepper, Soukup, der Ritter von Haydegg, Andreols, Graf Sternberg, Markmann-Lichtabell,von Vatterneaur,Convalina, Froschauer von Mosburg zeigen ihren braven Steyrern den Weg in die französischen Bayonnette; – Korporal Neufelner, Führer Füßler schlagen sich wie die Teufel – Fahnenführer Zeilbauer haut den Herzog aus dem Gedräng – Herwaly, Feldwebel Freudenthaler, Kremser, Korporal Grillwitzer, die Gemeinen Pollantz, Zottler, Kottnig häufen Leichenhaufen – – Nichts! Nichts! Der Feind dringt vorwärts! im blutigen Knäuel rollt sich Alles nach Magenta zurück – was von zwei Kompagnieen der tapfern Grenadiere noch übrig ist, wirft sich in das Pfarrhaus und verrammelt Thüren und Fenster – entschlossen, in den Mauern zu sterben!

Es ist kein Kampf mehr – es ist ein Morden! Oberst Pokorny, der Adjutant des ersten Corps fällt, schwer verwundet, an der Seite seines tapferen Kommandanten Grafen Clam Gallas und wird in ein Haus getragen; – General Senneville, der General-Stabschef Canroberts zahlt mit seinem Leben Revanche; – Colonel Drouhet, der Kommandant des 65ten Regiments ist beim Vorstürmen von Boffalora gefallen – Charlier, der Oberst der Neunziger vor Ponte vecchio, als die Brigade Jannin sich mit den Husaren haut!

Was noch kämpfen kann, was noch kämpfen will von allen Brigaden, von allen Waffen bunt durch einander, wirft sich in die Häuser; fünf österreichische Geschütze, auf der Nord- und West-Seite des Orts, schleudern allein noch den Tod in die feindlichen Reihen, während bis an die Mündung heran die um sie gesammelten Bedeckungsmannschaften die Stürmenden abwehren und mit dem eigenen Blute den Boden tränken.

Es ist 6 Uhr vorüber. General Auger, der Artillerie-Chef des 2ten Corps pflanzt die Batterieen der Division Motterouge und der Korpsreserve auf dem genommenen Eisenbahndamm auf – vierzig Geschütze schleudern gegen fünf ihren grimmigen Eisenhagel nach Magenta hinein –mit dem Bayonnet und dem Kolben hauen die Oesterreicher ihre Kanonen aus dem Gewühl und ziehen sie zurück.

Die Bataillone Mac Mahon's stürmen Magenta von Norden – de Granet Lacroix de Chabrière, der Oberst des 2ten Fremden-Regiments fällt – Menouvrier de Fresne, Major Alavoine sind schwer verletzt – General Wimpfen an der Spitze der Garde-Grenadiere wird verwundet! – Delacombe – Caillot – Debrouart, die tapfern Chefs der Voltigeure fallen einer nach dem andern – General Espinasse, der Kommandant der 2ten Division – der Kommandant des schrecklichen Zuges in die Dobrudscha,Sebastopol, III. Theil der schonungslose Minister des Innern nach dem Attentat vom 14. Januar des vergangenen Jahres (Orsini – 1858) fällt, von einer Kugel durchbohrt, als er den Zuaven des 2ten Regiments gegen ein Gebäude vorangeht, das sie stürmen sollen und von dem sie der Kugelhagel der österreichischen Jäger zurückgetrieben. Er stirbt in den Armen des Kapitain de Perthuis! Die Ordonnanzen der Presse sind gerächt!

Schritt um Schritt ist mit Blut erkämpft – Haus um Haus wird erstürmt – Niemand verlangt Pardon – Niemand giebt ihn – die hier zurückgeblieben sind zur Vertheidigung der österreichischen Ehre haben sich dem Sterben geweiht; mit den Zähnen noch, nachdem ihnen der Stahl entrungen, fassen sie den Gegner! – Und droben – eine halbe Meile entfernt – stehen zwei Divisionen – kaum zwei Tagemärsche weit – drei Armeekorps! – Neunzigtausend Mann der Oesterreichischen Armee, zähneknirschend, kampfbegierig! – Fluch über den Ungarn Giulay, der am Tage nach der Schlacht in Binasco lachen konnte über einen erbärmlichen Witz!

Haus um Haus wird erstürmt – das Blut rieselt in Bächen über die Schwellen!

Der größte Theil der österreichischen Verwundeten, die im Laufe des Tages nach Magenta gebracht worden sind, fällt in die Hände des Feindes. Man hat zwar am Nachmittag einen Eisenbahntrain von Mailand heraus kommen lassen, um die Verwundeten dahin zurückzuführen, aber der Schurke von Zugführer fährt bei dem Kanonendonner davon, bevor die Kranken eingeladen waren. Vielleicht zu ihrem Glück – denn französische Siegestrunkenheit ist immer noch besser, als der feige Haß der Italiener!

Aber die Ehre der französischen Armee erhält in Magenta eine Scharte.

Nur ein einziges Gehöft noch der ganzen Stadt ist von den Oesterreichern besetzt, – es ist der Pfarrhof! Zwei schwache Kompagnien des Grenadier-Bataillons vom Regiment »König der Belgier« haben sich hier seit anderthalb Stunden gegen Brigaden vertheidigt und den Lorbeer unsterblichen Ruhmes um die Fahne des Regiments Nr. 27 gewunden!

Die Nacht ist hereingebrochen – die letzten österreichischen kampffähigen Truppen sind von Clam Gallas und Fürst Liechtenstein aus Magenta zurückgeführt – noch immer sprüht der Pfarrhof Tod und Wunden in die feindlichen Reihen – doch schwächer und schwächer wird das Feuer – den Estrich der Zimmer, die Erde des Hofes decken die Leiber der braven Steyermärker – fast jeder Verwundete durch den Kopf getroffen.

Durch das Dunkel der Nacht – durch das Blitzen der Schüsse weht ein weißes Tuch. Ein französischer Offizier – er jagte sich später eine Kugel durch den Kopf, weil man ihn zwang, wortbrüchig zu werden – naht dem Gehöft und verlangt, den kommandirenden Offizier der »Belgier« zu sprechen.

Das Kommando hat bereits zwei Mal gewechselt, der Tod hat seine Ernte gehalten. Der Oesterreicher kommt ihm entgegen – Tapfere ehren den Tapfern! so soll es sein in jedem Ringen. Die Franzosen bieten den beiden Compagnien ehrenvollen Abzug mit Waffen und Gepäck; man wird sie über die französischen Vorposten hinaus begleiten.

Es wäre Wahnsinn, – noch mehr, es wäre Verbrechen, das ehrenvolle Anerbieten nicht anzunehmen. Die Kapitulation wird schriftlich geschlossen. – Die österreichischen Grenadiere öffnen das Thor und marschiren heraus, fast Jeder einen verwundeten Kameraden tragend, unterstützend.

Da kommt ein Befehl des französischen Generals – die Capitulation ist nicht anerkannt, Offiziere und Mannschaften werden entwaffnet und den übrigen Gefangenen zugetheilt!Der Ruhm von Magenta war es, der dem glorreichen Regiment seitens der Berliner, eine so glänzende Aufnahme bei seinem Durchmarsch nach Schleswig am 25. Januar 1864 verschaffte. Die Tochter des Verfassers hatte die Freude, im Namen der preußischen Landsmänninnen dem edlen Führer ein Glas zu bringen auf das Wohl seiner Tapfern, deren Blüthe wenige Tage darauf die Schneefelder von Oeversee decken sollte!

Der Ruhmesschild vom Malakoff hat einen Flecken! –

Um halb acht Uhr waren die Franzosen Herren der Stellung von Magenta. Schon um 7 Uhr hatten die Oesterreicher auf allen Punkten den Rückzug angetreten, nachdem noch die Brigade Dormus (früher Hessen), die Tête des V. Korps von Besate in Robecco angelangt war und bis Casa Limido vorrückend am Kampfe Theil genommen, ohne natürlich das Resultat aufhalten zu können. Am Sturm vor Magenta hatte auf der anderen Seite die piemontesische Brigade Fanti Theil genommen. Die Oesterreicher waren zwar auf allen Punkten zurückgedrängt, aber sie waren keineswegs besiegt und standen durch die herankommenden Korps neu gestärkt im drohenden Halbkreis vor Vittuone und Corbetta an der Mailänder Straße über Robecco bis Carpenzago. Noch spät am Abend erreichte das VIII. Korps Bestazzo und rückte in die Reihe für eine Erneuerung des Kampfes am nächsten Morgen. Bei Beginn desselben standen 100  Mann Truppen gegen den Feind. – Die Aufstellung der Brigade Weigl bei Corbetta hatte den Hauptanhaltpunkt für die Sammlung der Versprengten gebildet, deren Zahl schon am Nachmittag so groß war, daß Fürst Liechtenstein sich dahin begeben mußte, um Ordnung in die aufgelöste Masse zu bringen.

Aber die Truppen, die im Kampf gestanden, waren meist zum Tode erschöpft durch den eiligen Marsch und den Kampf, mit dem vollen, fast 47 Pfund wiegenden Gepäck in der glühenden Sonnenhitze, oder vollständig desorganisirt. Ein Bataillon der »Kaiser-Infanterie« war durch den jüngsten Lieutenant (Seyffert) auf kaum 200 Mann zusammengeschmolzen, aus dem Gefecht geführt worden. Von einem andern Bataillon kehrten nur einige Rotten zurück. Die Jäger, die in all den einzelnen Treffen immer im dichtesten Feuer gewesen, waren decimirt.

Die meisten der im Kampf gewesenen Truppen hatten seit zwölf Stunden keine Nahrung zu sich genommen – während der heissen Schlacht, während des Rückzugs nicht einen Tropfen Wein, indeß die empörende Fahrlässigkeit der Verpflegungsbeamten in Garlasco 200 Eimer Rum, – in Vigevano 400 Eimer Wein den Feinden zurückgelassen hatte, statt sie den abziehenden Truppen preiszugeben.

Aber die Franzosen waren von dem Kampf ebenso desorganisirt und erschöpft und beschränkten sich darauf, Magenta, Ponte nuovo und Ponte vecchio besetzt zu halten. Am letzten Punkte war erst Abends 8 Uhr die Brigade Bataille der Division Trocchu angelangt, die zweite Brigade Collineau traf später – die Division Bourbaki erst um 1 Uhr in der Nacht ein. Die Vorposten jenseits des Dorfes standen wenige hundert Schritt von denen der Oesterreicher.

Magenta selbst war während der Nacht von dem Gros der beiden Armeen geräumt, nur die Verwundeten, die Todten und die ungeordneten Trümmer der beiden Parteien trieben sich im Ort umher, bald plündernd, bald ruhig neben einander liegend, bald sich bekämpfend, wie der Zufall oder die Laune der Einzelnen es veranlaßte.

Der Verlust der Oesterreicher betrug einschließlich 4000 Vermißter: 281 Offiziere und 9432 Mann, der der Verbündeten 246 Offiziere und angeblich 4198 Mann, – die französischen Privatberichte geben ihn auf sechstausend an!

 

Es war Mitternacht vorüber – ein kurzer Regen war gefallen, hatte aber eher erfrischend als belästigend auf Erde und Menschen nach der glühenden Hitze des Tages und der blutigen Arbeit gewirkt. Die Straßen des Städtchens, das noch wenige Stunden vorher der Schauplatz aller Schrecken des Krieges gewesen, waren jetzt dunkel. Nur an den Ecken, auf dem Marktplatz und vor der Kirche brannten zahlreiche Feuer, mit Thüren, Fensterrahmen und Meubeln aus den Häusern genährt, an denen in buntem Gemisch Soldaten aller Waffengattungen durch einander lagen, entweder durch den Lauf des Gefechts, durch einen andern Zufall oder absichtlich versprengt und auf eigene Hand zurückgeblieben, von der entsetzlichen Anstrengung erschöpft, oder in der Absicht, zu plündern und zu marodiren.

Die Krieger hatten ihr Werk gethan – die Raben schwärmten jetzt gleich schwarzen Schatten über das Schlachtfeld. Mit kundigem Griff verstanden sie die Todten, Freunde wie Feinde, ihrer Habe zu berauben und sie oft bis zum nackten Leibe auszuplündern. Schon der nächste Morgen bot in dieser Beziehung ein Schauspiel, das die unvermeidlichen Schrecken des Krieges noch zu vermehren geeignet war. Sorgfältig weichen sie den Gruppen der Wundärzte und Ambulancesoldaten aus, die beim Scheine einer Fackel oder Laterne noch auf dem Schlachtfeld weilten, einzelne Verwundete aufzusuchen, – oder den Patrouillen und einzelnen braven Soldaten, die nach einem gefallenen Kameraden forschen.

Wie gar mancher Tapfere, der stundenlang unter Leichen gelegen, vielleicht erst in dem Dunkel der Nacht durch den erfrischenden Regen aus dem Scheintod erwacht war, der jetzt das Rettung verheißende Licht sich nähern sah und sich mühsam, mit der Anstrengung der letzten Kräfte erhob, um die Retter herbeizurufen, machte diesen Ruf zu seinem Todesurtheil! Aus dem Dunkel heraus faßte ihn die mörderische Faust der Raben des Schlachtfelds, erstickte den Laut der lechzenden Kehle, erdrosselte den letzten Funken des Lebens! – – –

Durch die Gasse von Magenta schritt ein Offizier des dritten Zuaven-Regiments mit einem Sergeanten und vier Mann. Er kam von der Aufstellung der Posten, die das Regiment, gegen Mitternacht eingetroffen, auf der Ostseite des Orts vorgeschoben, und hatte den Weg zurück durch die Straßen genommen, um ein Bild von den Folgen des Sturms zu gewinnen.

Die Helle, welche gleich flammenden Zungen die im Winde flackernden Feuer hinein in die Dunkelheit warfen, zeigte einen schrecklichen Anblick. Thüren und Fenster ausgeschlagen oder von den Kugeln zertrümmert –, an den Wänden der Häuser Leichen auf einander geschichtet, wie man sie achtlos dahin geworfen, um Platz in der Mitte der Straße zu gewinnen; der weiße Leinwandrock des Oesterreichers neben der rothen Hose des Franzosen, dem blauen Spenzer des Zuaven; dazwischen häufig noch ein todter Körper mitten auf dem Weg, mit der klaffenden Tooeswunde und den in den Nachthimmel starrenden offenen Augen.

Ueberall zerbrochene Waffen, Kopfbedeckungen, geleerte Tornister auf dem Boden, – umgestürzte oder zur Seite geworfene Wagen – ausgeplündert und der Inhalt, der den Plünderern nicht gepaßt, auf der Erde umhergestreut.

Ein großer Jagdhund kauert unter einem Thorweg an der Leiche eines österreichischen Offiziers. Das treue Thier blutet aus einer Wunde in der Seite, die der rohe Bayonnetstich eines Zuaven ihm zugefügt hat. Es ist vom abziehenden Train entsprungen, um seinen Herrn auf dem Schlachtfeld zu suchen – sein klägliches Geheul schneidet dem Offizier durch die Seele.

Plötzlich bleibt er stehen und faßt den Arm des Sergeanten.

»Jacques – sieh dahin! diese Bursche sind wahrhaftige Teufel!«

Die Scene ist schrecklich genug.

Vor der Thür der Kirche, deren Inneres zum Lazareth, zur Aufnahme der Verwundeten eingerichtet ist, brennt ein Feuer, um das sich eine Bande Turkos gelagert hat. Die vom Blut und Staub der Schlacht bedeckten Gestalten mit den braunen grimmigen Gesichtern, aus denen das Weiße der Augen seltsam wie Email leuchtet, haben ohnehin schon ein unheimliches wildes Aussehen, aber das Treiben eines Theils macht die Scene noch schrecklicher.

Eine Anzahl von ihnen bildet, auf ihren Tornistern liegend oder mit untergeschlagenen Beinen sitzend und den Rauch der Schibuks verschluckend, einen Halbkreis, während etwa ein Dutzend dieser braunen Teufel einen wilden Tanz um eine Art Hügel in der Mitte und um Gegenstände auf dem Boden aufführen. Zu ihren Sprüngen und Kapriolen verzerren sie die Gesichter, schlagen die Waffen zusammen und singen eine eintönige Melodie, oder verführen ein Geheul wie eine Heerde Schakals.

Der Offizier bemüht sich, die Gegenstände in dem ungewissen Licht zu erkennen, um die und auf denen sie ihren satanischen Tanz halten.

»Um Gotteswillen, – Jacques – es sind doch nicht ....«

»Was weiter – mordieux! es sind ja nur Oesterreicher!«

Die Gleichgültigkeit der Antwort macht das Herz des Offiziers erbeben. Es sind in der That die Leiber gefallener österreichischer Grenadiere, auf denen die afrikanischen Teufel einen scheußlichen Siegestanz ausführen, schlimmer als die Karaiben oder die Rothhäute in den Einöden des Rio grande.

Plötzlich geschieht Etwas – was selbst auf diese Wilden seinen Eindruck nicht verfehlt. Weiter hin außerhalb des Kreises leuchtet es weiß und grau auf dem Boden – es regt sich darunter – es sind Lebendige und Todte. Aus diesen unheimlichen Schatten unterbricht den Tanz der Turcos der Klang einer jener kleinen Pickelpfeifen, wie sie zur Musik der österreichischen Corps gehören.

Die Töne werden zur Melodie, es ist ein ungarischer Tanz – ein Csárdas – den sie spielen – Anfangs leise, unterbrochen, dann immer kräftiger und lauter.

Die Tänzer lauschen der Melodie. Aus den weißen Gestalten, die drüben am Boden liegen, erhebt es sich, mühsam, eine schwanke schmuzige Figur, nur kenntlich an dem leinenen Waffenrock. Es ist ein ungarscher Grenadier. Das braune Gesicht mit dem langen pechschwarzen Schnurbart ist todtenbleich, blutleer, und dennoch sickert das Blut in schweren dunklen Tropfen unter dem baumwollenen Tuch hervor, das er um den Kopf gewunden trägt. Die Augen des Mannes haben eine gewisse unheimliche Starre, wie er so in den Lichtkreis tritt, oder vielmehr schwankt. Alle Blicke wenden sich auf ihn – die wilden Kinder des Sétif, der Schluchten des Atlas, der Arba stehen unbeweglich – die Pickelpfeife spielt fort, herausfordernd, wie zum Kampf, zum Sturm, immer lauter und rascher. Der Grenadier stemmt die linke Hand in die Seite, er hebt schnalzend die Rechte, die Absätze klirren an einander, die schlanken Glieder beugen sich nach dem Takt der einsamen unheimlichen Musik; der Fuß schlägt den Boden, in den gewandten kecken Sprüngen seines Nationaltanzes bewegt sich der gespenstige Tänzer in dem Kreise, der sich rasch um ihn bildet von Turcos, Voltigeuren und ungarschen Grenadieren, die, wie aus der Erde gewachsen aus dem nächtlichen Dunkel der Straße, wo sie gleichgültig neben dem Feind gelagert, emportauchen. Die Franzosen applaudiren, die Turcos heulen vor Vergnügen, die Söhne der Pußta jubeln ihr »Eljen!« – zwei, drei kecke, gewandte Pas, die Arme des Tänzers heben sich, die Absätze klirren, das Knie zieht sich zusammen zum gewandten Sprung – über das blasse, Gesicht sprudelt unter dem Tuch hervor ein dunkler Blutstrom – der Tänzer stürzt vorn über auf den Boden – der Tänzer ist todt!

Im selben Augenblick schweigt mit einer gellen Dissonanz die Flöte.

Die Stille dauert nur einen Augenblick – dann springen zwei der Turkos vor und auf den Todten zu, den sie mit wunderbarer Geschicklichkeit zu entkleiden beginnen. Aber sogleich sind die Ungarn bei ihrem Landsmann, wilde Flüche, Säbel klirren, ein wüstes Raufen entsteht; die Voltigeure, der Zuaven-Lieutenant mit seiner Ronde schlagen mit Säbel und Kolben dazwischen und treiben sie auseinander. »Haltet Ruhe, Kanaillen! es ist genug des Mordens! die Schlacht ist vorüber – aus einander bis morgen!«

In diese Rauferei schrillt aus dem Gebäude zur Seite der Kirche, – dem Pfarrhause, das die Grenadiere vom Regiment Belgien so tapfer vertheidigt haben, – eine Frauenstimme: »O Dio! misericordia! soccorso! salvamento!«

Der Zuaven-Lieutenant schaut empor – von den Fußtritten der Raufenden, die achtlos das Feuer auseinander werfen, lodert die Flamme hell auf und zeigt auf dem hölzernen Balkon vor einem der leeren Fenster des Hauses eine ringende Frauengestalt, die sich herausstürzen will, in den Armen zweier Männer, deren Turban sie als Zuaven kennzeichnet.

Lieutenant de Chapelle wirft einen Blick hinter sich – zwei seiner Leute fehlen. Wiederum gellt der Schrei um Erbarmen in den Lärm. Mit einem Sprung hat er einen Brand aus dem umherstiebenden Feuer gerissen, mit einem zweiten ist er in dem offenen Thor der Pfarrei und eilt die von Blut schlüpfrige Treppe des Gebäudes hinauf – der in ein Wimmern der Angst ersterbende Hilferuf leitet ihn.

Es war die höchste Zeit. Die beiden Zuaven hatten das Mädchen trotz ihrer Anstrengung vom Fenster weggerissen und zu Boden geworfen. Während der eine ihr den Mund zupreßte, um ihr Geschrei zu ersticken, versuchte der andere ihren Widerstand zu brechen und ihre Kleider wegzureissen, um seinen brutalen Begierden an ihr Genüge zu thun.

In diesem Augenblick war es, wo der Lieutenant auf der Schwelle der ausgebrochenen Thür erschien – der Brand, den er in der Hand trug, zeigte ihm im Erlöschen die widrige Scene und die Gefahr des Mädchens.

»Fort, Schurken! laßt auf der Stelle das Weib!«

Nur ein wilder Fluch antwortet ihm. »Sie ist unser, Lieutenant, kümmern Sie sich um Ihre Angelegenheiten!«

Ein Säbelhieb über den Schädel des Zuaven, der auf dem sich windenden Körper des Mädchens kniet, wirft ihn blutend nieder – der andere Mann ergreift im Dunkel sein Gewehr und schwingt sich mit der Gewandtheit einer Katze von dem Balkon in den Hof.

Armand de Chapelle hob die Zitternde, Athemlose vom Boden auf – da der Holzbrand erloschen war, konnte er nicht einmal sehen, ob sie jung oder alt; aber die Ritterlichkeit seines Charakters bewog ihn, sein Werk nicht zur Hälfte zu thun. Bereits war auch sein einsiylbiger Freund, der Sergeant, ihm gefolgt und stand an der Thür des Gemachs.

»Die Schurken haben ein wehrloses Frauenzimmer überfallen,« sagte unwillig der Offizier. »Einem habe ich einen Denkzettel gegeben – dort stöhnt er. Suche Licht zu bekommen und sieh nach ihm, unterdeß ich diese Frau fortführe; denn nach dem, was wir unten gesehen, möchte sie schwerlich hier sicher sein. – Sagen Sie mir, wohin ich Sie geleiten soll?« wandte er sich in italienischer Sprache an die Unbekannte.

Sie hatte seinen Arm gefaßt. »Ich beschwöre Sie, mein edler Retter,« flehte sie, – »verlassen Sie mich nicht, oder ich bin verloren! Ich bin ein unglückliches Mädchen, die Verwandte des Curato, dem dieses Haus gehört, aus der Gegend von Verona. Meine Eltern hatten mich vor drei Monaten zu meinem Oheim geschickt, und da er erkrankte, konnte ich den alten Mann nicht verlassen, als der Krieg ausbrach.«

»Aber wo ist Ihr Verwandter, Signora, wo sind die Leute des Hauses? Wie konnten Sie bei den Schrecken der Schlacht hier zurückbleiben?«

»Die Besetzung der Stadt durch die Soldaten, überraschte uns. Die Eisenbahn ließ keine Züge mehr abgehen – unser kleines Gefähr war in Beschlag genommen; als ich endlich auf dem Karren eines Nachbars meinen kranken Onkel untergebracht hatte, wurde ich von meinen Freunden abgedrängt und gerieth mitten unter die Soldaten. Ich flüchtete zurück in unser Haus und in eine abgelegene Kammer, wo ich mich einschloß und stundenlang im Gebet auf den Knieen lag, während um uns her die Schlacht tobte. Endlich, als die Nacht gekommen war, als Alles umher still schien, wagte ich mich aus meinem Versteck. Ich schlich mich in die vorderen Zimmer und lauschte auf dem Balkon hinunter nach dem Platz. Dabei muß man mich unglücklicher Weise bemerkt haben; denn ich sah zwei Soldaten von fremdartiger Tracht in unser Haus eilen und gleich darauf, als ich mich zurückziehen wollte, fühlte ich mich ergriffen und festgehalten. Der heiligen Jungfrau und Ihnen danke ich es, Signor, daß ich aus den Händen der Abscheulichen gerettet bin!«

Die Erzählung trug so offenbar den Stempel der Wahrheit, daß dem Offizier kein Schatten eines Zweifels kommen konnte und seine Theilnahme für die Verlassene nur noch wuchs. Er hatte sie aus dem Hause und in den Hof geführt, aber er begriff, daß er sie nicht in dieser Umgebung lassen konnte, ohne daß sich die Gefahr, die sie gelaufen, sofort erneuern würde.

Er deutete ihr dies mit einigen Worten an und frug, was sie beabsichtige und wohin sie gebracht zu werden wünsche.

»Mein Oheim und die Nachbarn,« sagte sie schaudernd bei dem Gedanken an die Gefahr, »sind sicher nach Mailand. Wenn ich nur dahin gelangen könnte, würde ich sie wohl auffinden, oder doch Mittel, in meine Heimath zu kommen.«

Sergeant Touron kam in diesem Augenblick zurück, seine Gegenwart war dem Offizier, der nicht wußte, was er rathen oder thun sollte, sicher sehr willkommen.

»Nun, wie steht es, Jacques?« frug er.

»Es ist aus mit ihm – er braucht keinen Feldscheer, Dein Säbelhieb hat ihm den Kopf gespalten. Es war Lenard le Diable, wie sie ihn nennen, der tollste Teufel im Bataillon, aber ein Liebling des Kommandanten trotz seiner Schlechtigkeit. Die Sache wird Aergerniß abgeben!«

»Ich werde es verantworten und habe meine Pflicht gethan. Weißt Du, wer der andere Schurke war?«

»Nein, Armand – ich habe in der Eile nicht hingesehen, welche Beiden zurückgeblieben waren und verlaß Dich darauf, wir werden es schwerlich erfahren. Aber was soll mit dem Frauenzimmer hier geschehen?«

Der Lieutenant setzte ihm kurz die Lage auseinander.

Jacques Fromentin oder Touron warf einen bedauernden Blick auf die Fremde. »Wenn sie nach Mailand will,« fagte er, »so ist es am Besten, daß wir sie sofort nach den österreichischen Vprposten bringen statt sie nach unserem Bivouak mitzunehmen. Verlaß Dich darauf, Armand, es wurde ihr dann nicht so leicht werden, ihre Absicht auszuführen und Du kannst nicht ihren irrenden Ritter spielen. Laß uns umkehren zu unsern Posten und die nächste feindliche Ronde anrufen.«

Der junge Offizier fand, daß der Rath des Freundes gut war; denn er wußte, welchen Spöttereien und noch Schlimmerem er sich aussetzen würde, wenn er mit diesem Beuteantheil in das Bivouak seiner Kameraden zurückkehrte. Er sagte daher der Fremden, was sie beschlossen und da sie zustimmte, führte er sie in's Freie.

Die Rauferei zwischen den Turcos und den ungarischen Grenadieren hatte längst aufgehört, – sie lagen wieder friedlich in geringer Entfernung von einander zwischen den Todten auf dem Boden, um sich in kurzem Schlaf für den nächsten Tag zu stärken. Auf der nämlichen Stelle, wo er sie verlassen, standen, Gewehr im Arm, die Zuauen seiner Patrouille, aber nicht zwei, sondern drei. Der Lieutenant begriff, daß jedes Fragen nach dem Schuldigen nutzlos war und daß er Nichts erfahren würde. So befahl er ihnen nur einfach, Kehrt zu machen und schritt ihnen voran, den Weg zurück, den sie aus der Postenkette gekommen waren.

Als sie an dem jetzt wieder brennenden Feuer vorüberkamen, sah er zum ersten Mal im Acht seine Begleiterin, die zwischen ihm und dem Sergeanten ging. Es war ein junges schönes Mädchen von kaum achtzehn Jahren, mit dem dunkelblonden Haar und blauen Augen, wie sie Tizian und zuweilen auch Paul Veronese zu malen liebten. Ihre Blicke begegneten sich, denn auch sie sah in diesem Moment aufmerksam ihren Retter an und erröthend schlug sie die Augen nieder.

Der Sergeant schritt stumm neben dem Paare her oder ihm voran. Seit der Genesung von jener Krankheit, in die ihn der Tod des unglücklichen Arabermädchens gestürzt und während der ihn im Fort in der Arba Armand de Chavelle treulich gepflegt hatte, war der sonst so lustige Bursche ein anderer Mensch geworden. Er hatte Dienste genommen in dem Regiment des Freundes und bei zehn Gelegenheiten den Tod gesucht. Aber der Tod hatte ihn geflohen und seine Tollkühnheit ihm vielmehr Beförderung eingebracht.

Sie waren etwa zweihundert Schritt über das Dorf hinaus, als sie die äußerste Postenlinie erreichten. Der Offizier frug, wo die nächsten des Feindes ständen. Es war kaum hundert Schritt gegenüber und er brauchte nicht lange zu warten, denn bald nachher vernahm er die Schritte einer österreichischen, Ronde und den Anruf ihrer Wachen.

Er ließ das Mädchen unter der Obhut des Sergeanten und trat vor, die feindliche Ronde anrufend. Der österreichische Offizier verstand zum Glück französisch und kam ihm höflich entgegen. Bald hatten sie sich verständigt und der Zuavenlieutenant kehrte zurück, seinen Schützling zu holen.

»Der Kamerad dort,« sagte er ihr, »wird sie mit bis zur nächsten Feldwache nehmen und Sie nach Corbetta geleiten lassen, von wo Sie morgen früh leicht nach Mailand kommen können, – wahrscheinlich eher als wir,« fügte er heiter bei. »Aber freuen würde es mich, Ihren Namen zu wissen, wie ich Ihr hübsches Gesicht gesehen, damit ich mich in Mailand nach Ihnen erkundigen kann, wenn wir erst unsern Einzug gehalten haben!«

»Ich werde nicht dort bleiben,« erwiederte sie hastig, »meine Mutter wird ohnehin in tausend Angst schweben um mich. Ich heiße Angelina Romello und bin die Tochter des Meiers von Solferino, unfern Verona. Aber nennen Sie mir Ihren Namen, Signor Ufficiale, damit ich ihn täglich in mein Gebet schließen kann!«

Er that es lächelnd – dann reichte er ihr die Hand, denn sie waren bei der österreichischen Patrouille, der seine Zuaven, die ihm gefolgt waren, bereits in größter Cordialität ihre Feldflaschen reichten.

»Leben Sie wohl,« sagte er – »und mögen Sie nie wieder die Schrecken des Krieges erleben, wie in den vergangenen Stunden. – Herr Kamerad, ich empfehle dieses junge Mädchen Ihrer Ehre.«

»Unbesorgt, mein Herr,« lautete die Antwort, »sie wird sicher zu den Ihren gebracht werden. Besten Dank, Herr, im Namen meiner Landsleute und Gutenacht, bis auf Morgen!«

Die beiden Patrouillen salutirten, dann zogen sie nach verschiedenen Seiten ab.

Armand de Chapelle hatte bei dem letzten Druck der Hand seiner Geretteten einen Gegenstand in der seinen zurückbleiben gefühlt. Als er ihn auf dem Rückweg zum Bivouak am nächsten Wachtfeuer betrachtete, fand er, daß es ein Ring war, mit einem dunkel blitzenden Steine, offenbar von großem Werth. Es war ein Diamant – ein schwarzer Diamant – der Diamant des MohrenAniella's – der Ring der Kaiserin!

Wie kam der Ring der Kaiserin in die Hand der Pfarrersnichte von Magenta?

 

Graf Giulay beschloß, am andern Morgen mit den neu eingetroffenen Corps die Schlacht wieder aufzunehmen und die Brigade Hartung, so sehr sie auch von dem Kampf am Tage vorher gedichtet und angegriffen war, rückte auf Ponte veccchio und erstürmte den Ort. Der Feldzeugmeister rechnete bei der Absicht der Erneuerung des Kampfes auf die Demonstration des Urban'schen Corps von Norden her, und in der That hatte dieses schon am Mittag des Vierten die von Tnrbigo anrückenden Sardinier bedroht, so daß die Division Durando sich dagegen wenden mußte und keinen Antheil an dem Kampf nehmen konnte.

Aber es war unmöglich, ihm eine Nachricht zukommen zu lassen, denn das ganze Land zwischen Mailand und Como war im vollen Aufstand.

Da ging von Clam Gallas, der keine Ordre erhalten, die Meldung ein, daß er nicht mehr bei Bareggio stehe – kaum zwei Stunden vom Schlachtfeld, – sondern um 3 Uhr Morgens gegen Mailand bis Cisliano zurückgegangen sei und daß seine Truppen einer vollständigen Reorganisation bedürften. Obschon dieselben jedenfalls nur hätten die Reserve des bereits bis Bestazzo vorgerückten 8. Korps (Benedek) bilden können, bewog dies doch den General-Feldzeugmeister, seine Absicht aufzugeben, die Brigade Hartung aus dem Gefecht zurückzunehmen und den Franzosen das Schlachtfeld zu überlassen, indem der allgemeine Rückzug der Armee über Mailand und Pavia hinter die Adda angeordnet wurde. Das Hauptquartier kam einstweilen nach Binaseo an der Straße und dem Kanal von Mailand nach Pavia.

In Mailand hatte sich die Nachricht von der Schlacht, die wenige Meilen davon geschlagen wurde und über sein Schicksal entscheiden mußte, rasch verbreitet – die Bevölkerung drängte sich, den Todhaß gegen alles Deutsche in den Augen auf den Straßen und den öffentlichen Plätzen, wenn auch der Mund unter der Strenge des Belagerungszustandes den Mund noch verschloß, daß die leidenschaftlichen Gefühle des Herzens sich nicht Luft machen konnten. Patrouillen mit geladenem Gewehr durchzogen fortwährend die Straßen, die Garnison war in der Citadelle und in den Kasernements consignirt – schon waren einzelne Soldaten in den abgelegenen Stadttheilen ermordet worden; – Feldmarschall-Lieutenant Melczer, der Kommandant, wußte sehr wohl, auf welcher Pulvermine hier die österreichische Herrschaft stand!

Schon am Abend verbreitete sich die Nachricht, die Oesterreicher hätten die Schlacht verloren – man sah es an der boshaften Freude, die aus allen Augen leuchtete! Aus den Gruppen, die sich im Dunkel der Straßen drängten, erscholl im Rücken der Patrouillen der Ruf: Evviva Italia! – Vengono i Francesi! – Evviva Garibaldi! – An den König »gentiluomo« dachte man nicht!

Bald kamen Versprengte an – bereits am Abend des 4ten auch Transporte von Verwundeten – der Rückzug der gehaßten Deutschen war jetzt sicher. Seit siebenhundert Jahren hatte sich Mailand ja in diesem Haß und Empörung geübt, und immer wieder der gewuchtigen deutschen Faust unterlegen! Schändlich – scheußlich waren die Grausamkeiten, die der Pöbel in den unbewachten Stadttheilen an einzelnen Versprengten und Verwundeten verübte.

Auf den Befehl des Kommandanten hatten sich gegen Abend die Beamten in dem Kastell versammelt, – bei Sonnenuntergang verließen zwanzig Wagen unter starker Bedeckung die Stadt – es waren die Staatskassen, die nach Verona abgeführt wurden. Die Nacht hindurch dauerten die Zuzüge von Verwundeten und Versprengten fort – an 4000 der letzteren sammelten sich in Mailand und lagerten auf dem Platz vor dem Kastell.

Am Morgen kam die Ordre zur Räumung der Stadt. Um 9 Uhr erfolgte der Abzug der Garnison und der Beamten zur Eisenbahn, zwei Batterieen voran, die Kanoniere mit brennender Lunte neben den Geschützen. Das Volk begrüßte die französischen Gefangenen, die in der Mitte der Infanterie marschirten, mit »Evviva la francia!« Am Ende des Zuges war bereits Messer und Bayonnet in Thätigkeit.

Zehn Minuten nach dem Abgang des Bahnzugs wehte die Tricolore auf dem Marmorthurm des Mailänder Doms. –

Die Lombardei war verloren!

Wir schließen der Erzählung der Schlacht und des Rückzugs hier nur noch einen kurzen Zug an, zum Beweis, daß es auch an Beispielen der Ehre und Treue nicht fehlte.

Die österreichische Militairzeitung erzählt ihn, wie folgt:

»Oberlieutenant Baron G ... vom 56sten Infanterie-Regiment, nun Hauptmann, war dem fliegenden Korps des FML. Baron Urban zugetheilt und hatte mit demselben alle Kreuz- und Querzüge gegen Garibaldi mitgemacht. Am 5. Juni d. J. lagerte das Urban'sche Korps mit 2 Brigaden bei Castellanza, während die 3te Brigade noch vor Varese lag; um 10 Uhr Abends wurde Oberlieutenant Baron G. zu dem FML. beschieden und als Kourier nach Mailand und weiter zur Hauptarmgeschickt, von welcher letzterer man nicht wußte, wo sie stand. Ein Gensd'arm, aus Mailand gebürtig, und ein Korporal der 12. Kompagnie des Regiments Baron Kellner war die ganze Bedeckung. Die Depeschen, welche der Oberlieutenant zu überbringen hatte, waren von großer Wichtigkeit, weil die Rückzugs-Dispositionen des Korps darin enthalten waren. In Monza den 6. Juni 2 Uhr Früh langte der Kourier vor der Post an, und Baron G. verlangte vom Postmeister Pferde, die gleich versprochen wurden. Nach 10 Minuten stieg der Gensd'arm aus dem Wagen und ging in den Stall, um die Pferde selbst zu holen. Plötzlich weckte die rauhe Stimme einiger Leute den Schlummer des Oberlieuteuants; sie verlangten von ihm die Waffen, indem sie gleichzeitig eine Pistole und eine Pike auf seine Brust setzten. Von der Dunkelheit der Nacht begünstigt und die Wichtigkeit seines Auftrages kennend, ergriff der Offizier mit der linken Hand die Pike und stieß die Pistole rasch weg, welche losgedrückt wurde. Die Kugel ging zwischen Arm und Brust an Baron G. vorüber; mit der Doppelpistole, die er in der rechten Hand hielt, stieß derselbe einen Mann nieder und erschoß 2 Revolutionäre. Der Gensd'arm sprang aus dem Stall und schoß; hierauf wollte er mit dem Bayonnet sich einen Weg zum Wagen bahnen, was ihm leider nicht gelang, – er wurde von der wüthenden Menge erschlagen. Der am Bocke des Wagens sitzende Korporal von Baron Kellner-Infanterie schoß den die Pferde haltenden Mann nieder und erstach einen andern, der auf den Bock steigen wollte. Der Postillon aus Saronna, ein Italiener, ein ehrlicher, braver Mann, hieb in die Pferde und fuhr im Karriere durch die Stadt gegen Mailand zu. Der Oberlieutenant verlor seine Geistesgegenwart nicht, obwohl er, inmitten einer aufständischen Bevölkerung, mit wichtigen Depeschen in der Tasche, beinahe allein sich befand. Er langte glücklich bis eine halbe Stunde Entfernung vor den Thoren Mailands an, dort kam ein junger Kutscher berauscht einhergefahren; dieser Mensch rieth mit aufgehobenen Händen vom Weiterfahren ab, denn in Mailand sei kein Soldat mehr und lauter Barrikaden etc. etc. Nach anderwärtig noch eingeholten Erkundigungen sah der Offizier sich genöthigt, zu seinem Korps zurückzukehren. Nach kurzer Berathung beschloß der Postillon, den Oberlicutenant auf lauter Feldwegen zurückzubringen, doch früher verrammelte er den Wagen mit Lederpolstern etc., damit Niemand hineinsehen könne. Jeden Bauer am Wege fragte der Postillon aus, wo die Franzosen stünden und der Garibaldi jetzt sei, wahrend der Offizier diese Aussagen in seinem Wagen niederschrieb. Um 11 Uhr gelangte der Offizier in's Lager zurück, und kaum war der FML. von Allem unterrichtet, so tönte auch schon die Allarm-Trompete. Der Umsicht des FML. Baron Urban hatten die Truppen es zu verdanken, daß durch einen forcirten Nachtmarsch die Addabrücke bei Vaprio noch erreicht wurde; denn als die Avantgarde anlangte, sagten die Bewohner, daß Garibaldi's Sohn, Menotti, mit 70 Mann einige Stunden vorher schon die Brücke habe zerstören wollen und wahrscheinlich mit einer größeren Anzahl bald eintreffen dürfte. Nebenbei gesagt, erhielt der Postillon 100 fl. vom Oberlieutenant B. G. und der Korporal wurde zur Betheilung mit der großen silbernen Tapferkeits-Medaille vorgeschlagen.«

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