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Magenta und Solferino - Band 3

John Retcliffe: Magenta und Solferino - Band 3 - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Retcliffe
titleMagenta und Solferino - Band 3
publisherVerlag von Carl Sigism. Liebrecht
year1865
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070603
projectid6c876496
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Im Schweizer-Saal!

Es war Neujahr – der Abend des Tages, mit dem das alte Jahr 1858 seinem Nachfolger 1859 den Platz in der Weltgeschichte und im Leben der einzelnen Menschen räumte, deren Leiden, Thaten und Leidenschaften eben die Geschichte des Ganzen zusammen bauen.

Der kranke König von Preußen, Friedrich Wilhelm IV., verweilte mit seiner Gemahlin, dieser erhabenen Frau des Duldens und der Liebe, ähnlich der unvergeßlichen Luise, im Palast Caffarelli am Forum von Rom. Es war das Herz durchschneidend gewesen, als der König, das Opfer seiner Treue für den vorangegangenen Schwager, von seinem Volke schied, um schon damals fast willenlos nach dem Süden geführt zu werden, nicht Heilung, sondern nur Linderung seines Zustandes erhoffend, – von seinem Volke, für das er so viel gethan, und das seinem willigen Herzen mit so traurigen Erfahrungen gelohnt hatte. Sein größter, fast sein einziger Fehler war ja doch nur seine Güte und Liebe!

Wir erinnern uns noch genau bis in die kleinsten Details des Oktober-Morgens auf dem Anhalter Bahnhof, als er schied. Eine Anzahl seiner Getreuen aus allen Ständen, darunter viele offenbar geringe Leute, hatten sich eingefunden, den scheidenden kranken Herrn noch einmal zu sehen und ihm einen Abschiedsgruß zuzurufen. Der Salonwagen mit dem Königlichen Paar und dem nächsten Gefolge hielt nicht am gewöhnlichen Perron, sondern auf den Seitenschienen der Güterwaggons von der Verbindungsbahn her.

Viele Offiziere und Notabilitäten traten zu dem Wagen und sprachen mit den Allerhöchsten Herrschaften. Der alternde König stand in der Thür des Waggons, als General von Gerlach ihn nach seinem Befinden fragte. »O gut, so ziemlich gut,« sagte der hohe Herr mit seiner gewöhnlichen scharfen und doch so freundlichen Stimme. »Nur hier, hier – da drückt es so schwer!« und dabei fuhr er zwei Mal mit der Hand über die Stirn. Aus dem ehrerbietig den Wagen umgebenden Halbkreis des Publikums trat in diesem Augenblick schüchtern ein junges Mädchen, ein Kind, die Tochter eines einfachen Bürgers, und überreichte der trauernden Königin zwei Blumensträuße für sie und den Königlichen Herrn. Es war so aus dem Herzen des Volkes, so ungekünstelt und ungemacht, daß der kleine Zug tiefe Rührung erweckte. Die Lokomotive pfiff, langsam setzte sich der Train in Bewegung und die Thränen Elisabeths von Preußen träufelten in den Blumenstrauß in ihrer Hand, während das »Seegen! Seegen! Glückliche Wiederkehr!« der Zurückbleibenden mit dem Schnauben des Dampfes und dem gellenden Pfeifen der Lokomotive sich mischte. Wenn das Kind, das Mädchen einst zur Matrone geworden, kann sie mit Stolz noch ihren Enkeln erzählen, daß sie die letzten heimischen Blumen Preußens gütigem König auf seinen Dornenpfad gestreut hat! – – – –

Es war Neujahr! Obschon alle größeren Hoffestlichkeiten unterblieben, hatte das undankbare Berlin doch in seinem gewöhnlichen Neujahrsjubel die Sylvesternacht durchtobt. Der Pöbel, nicht mehr gezügelt von der eisernen Zuchtruthe Hinckeldey's, sondern bereits privilegirt zu allem Unfug durch die Schwächung der polizeilichen Autorität, diese jämmerliche captatio benevolentiae des spätern Ministeriums Schwerin an den Liberalismus, hatte sich unter den Linden mit Hutauftreiben und Angriffen gegen Alle, die ihr Weg von Bällen und Gesellschaften von Kroll und aus den anderen Lokalen dort vorüber führte, amüsirt und das gewohnte Zeter-Mordio der Neujahrsnacht war um kein Haarbreit anders gewesen, obschon die Zeit schwer und drohend genug schien.

Die neue Aera hatte das Ministerium Manteuffel im Oktober vorher gestürzt, nachdem der Prinz von Preußen am 9. Oktober die Regierung bis zur Genesung oder dem Tode des Königs selbstständig übernommen hatte. Der zähe Premier der Reactionsperiode nach den Stürmen von Achtundvierzig hatte erklärt, sich den neuen Anschauungen und Versuchen nicht fügen zu können und war gegangen, nach einer langen und emsigen Arbeit für Preußen, ohne den politischen Muth und die moralische Kraft zu haben, die von dem Regenten ihm angebotenen Ehren als wohlverdient anzunehmen. Neuchâtel war gerächt.

Um den Regenten, der zeigen wollte, wie gänzlich er über seiner hohen Aufgabe alle die Unbill der Vergangenheit vergessen hatte und gern aus den Erfahrungen derselben das Beste ziehen wolle, sammelte sich jenes unglückliche Versuchs-Ministerium, das die triumphirende Demokratie mit dem Namen der Neuen Aera begrüßte, und das später, fast unheilbare Wunden zurücklassend, so kläglich Fiasco machte, weil das Preußische Herz in den Männern mit den unpraktischen Ideen ihrer Köpfe in Zwiespalt gerieth. Noch waren es eben nur die ersten Anläufe der neuen Aera, die ersten Spatenstiche zum Untergraben der alten soliden Mauern, aber schon dies hatte viele Wandlungen in der Gesellschaft und dem staatlichen Leben hervorgebracht, und es bedurfte später einer starken, einer Königlichen Hand, um dies schwankende Schiff wieder unter das feste Steuer zu bringen.

Alte Freunde gingen – neue kamen, weniger zuverlässig vielleicht, aber bequemer und ehrgeiziger. Der Prinz-Regent hatte in seiner Anrede an die Minister am 8. November männlich erklärt, er wolle keine liberale Ueberstürzung, vielmehr einen gemäßigten Fortschritt. Aber wenn auch der Wille des Regenten der beste war, seine Minister – zum Theil noch befangen in ihren ersten unglücklichen Versuchen von Achtundvierzig, – verstanden nicht, die richtigen Mittel und Wege einzuschlagen und ergriffen die verkehrten, welche die Autorität nur schwächen konnten. Erst als das Schiff festgefahren war, verließen sie eilig den Bord, den Nachfolgern überlassend, es heraus zu lootsen.

Wir haben bereits gesagt, daß manche der alten Treuen sich vor dem Jubel der Neuen Aera mißtrauend, zweifelnd, oder zurückgesetzt und gekränkt zurückzogen.

Während im Kabinet diese Veränderungen im Staatsleben vor sich gingen, nahm auch die Gesellschaft einen andern Charakter an.

Eine geistreiche Fürstin bildete einen neuen Kreis um sich, Staatsmänner, Gelehrte der liberalen Richtung, selbst Männer, die wohl nie gehofft hätten, in diese Nähe zu kommen, und deren jüdische Eitelkeit, wie den Erfinder der Dorfgeschichten, sie jetzt verleitete, die erzeigte Gunst durch Verbreitung anmaßender Gerüchte von allerlei Ernennungen ihres vielgerühmten Ichs zu compromittiren. Der hochstrebende Geist der hohen Dame hatte wohl nie dem sterbenden Schwager vergeben können, daß seine übergroße Gewissenhaftigkeit ihren Sohn einer Kaiserkrone beraubt hatte – die neue Zeit, die neue Aera fanden in ihr eine Hauptstütze, und die Gegensätze schärften sich immer mehr.

Nach dieser kurzen Erwähnung der allgemeinen Verhältnisse kehren wir zu den einzelnen Scenen unsers Buches zurück.

Die Französische Straße von Borchard her, dem Sammelpunkt der lebenslustigen jungen Offiziere und der alten Cavaliere der conservativen Partei, während zugleich, wie auf freiem Terrain, die aristokratischen Führer des Liberalismus – die Benennung: Fortschrittspartei war eben erst erfunden! – bei feinen Diners und Soupers dort verkehrten, kamen zwei anscheinend noch junge Männer, in ihre Mäntel gehüllt.

Der ältere trug einen Offizier-Paletot, der zweite, von größerer stattlicherer Gestalt, einen kurzen Mantel.

»Warum gehen wir nicht nach Hause, Fritz?« frug der Letztere. »Es ist bald eilf Uhr!«

»Und Neujahrstag! Pfui, Du solider Philister. Der Vater muß in der That Freude an Dir haben, denn Du bereitest Dich würdig zum Landjunker vor. Auf Ehre, seit Ihr von Paris zurück seid, bist Du ein wahrer Kopfhänger, und ich glaube zuletzt noch, Du gehst in die Betstunden der böhmischen Kirche. Mensch, komm endlich einmal heraus mit der Sprache und gestehe, was dort passirt ist? Sicher hängt es mit der Krankheit Rosa's zusammen, die uns fast ihr Leben gekostet hätte!«

»Was Dir zu wissen nöthig, Bruder,« sagte der jüngere Röbel, denn die Brüder waren es, – »weißt Du bereits. Ich hatte eine Unannehmlichkeit mit der Polizei in Paris und lernte ein Wesen kennen und lieben, blos um es wieder zu verlieren!«

»Bah,« sagte der Offizier – »so wahr ich beim nächsten Avancement endlich die Hauptmannssterne haben muß – der Teufel hole das jämmerliche Avancement! – es giebt Mädels genug in der Welt, daß man sich um eine nicht zu grämen braucht. Die Tante hat mir Allerlei vorerzählt von schönen Kunstreiterinnen und einer Nebenbuhlerschaft vornehmer Herren, oder was sonst zum Henker; ich kann aus dem Gerede nicht klug werden und den Brief ihrer alten pariser Klatschschwester wollte sie nicht herausgeben. Meinetwegen – ich habe gerade genug mit mir zu thun, denn der Vater ist so zäh im Herausrücken, wie ein Jude, und ich glaube wirklich, daß die Tante nicht Viel mehr hat!«

»Und wer wäre Schuld daran?«

Der Offizier sah ihn finster an. »Hoho, mein Kleiner, willst Du etwa den Moralisten spielen? Man muß leben und ich kann nicht wie ein Lump oder ein Bettler existiren, das hätte man bedenken sollen, ehe man mich zum Offizier bestimmte. Ich gönne Dir das Gut, das Dir der Vater nach meinem erzwungenen Verzicht übertragen wird, von Herzen; Schulden sind ohnehin genug darauf, aber ich will wenigstens keine Predigten haben von Dir, der Du nicht einmal Verstand und Liebe zu mir genug gehabt hast, um zu sehen, ob sich denn Nichts mehr von der amerikanischen Erbschaft herausschlagen ließ, um die der alberne Eigensinn des Vaters mich gebracht hat!«

»Gutenacht!«

»Halt, Bursche, wo willst Du hin? Du weißt, ich habe den Schlüssel.«

»Es wird sich in irgend einem Hotel eine Stube für mich finden. Ich will nicht hören, daß Du in meiner Gegenwart den Vater schmähst, der streng nach seinen Grundsätzen gehandelt hat. Die Erbschaft kam uns Beiden nicht zu!«

»Unsinn. Der alte Marquis hätte sie uns ohne Weiteres ausgehändigt, wenn der Vater nicht so eigensinnig gewesen wäre, statt daß wir dann noch die zehntausend Franken an diesen schuftigen Burschen haben zurückzahlen müssen. Sei vernünftig Otto, und gehe mit! ich will Nichts weiter auf den Vater sagen, so sehr es mich auch grollt. Aber sprich selbst, ist es nicht sonderbar, daß wir Beide in Paris allerlei Abenteuer haben mußten und daß Du wieder mit dem französischen oder italienischen Abenteurer zusammen kommen mußtest, der uns vor neun Jahren die Nachricht von der Erbschaft brachte?«

»Du meinst den Kapitain Laforgne? Sprich mit Achtung von ihm, François verdient es und ist mein Freund. Du weißt, daß die Mutter selbst ihn hochschätzt.«

»Ja – gerade so hoch, daß Ihr Euch seiner Bekanntschaft nicht vor dem Vater rühmen dürft. Er würde Euch die Rebellen-Freundschaft schön eintränken. Darf doch nicht einmal Rudolphs Name erwähnt werden. Hast Du Nachricht von ihm?«

»Er ist mit der russischen Fürstin in Nizza. Die Familie scheint große Stücke auf ihn zu halten und der Winteraufenthalt hauptsächlich seinetwegen gewählt, um die Nachwehen seiner Wunde zu heilen.«

Der Offizier war stehen geblieben – die Straße war einsam, die Kälte hatte trotz des Festtags schon die Leute in die warmen Stuben gescheucht.

»Höre Otto,« sagte er ernster als gewöhnlich – »manchmal will es mir bedünken, als hätten wir doch Alle ein recht verfehltes Leben. Ferdinand, ein so wackerer Junge als nur einer, mußte sein Leben lassen in der verdammten Rebellion. Und für was? Aber es war vielleicht gut so; denn sein Kopf war so starr wie der des Vaters, und hätte die Kugel jenes Schufts der jetzt wieder oben auf ist und in Equipage fährt, ihn nicht getroffen, – die unsinnige Neigung zu jenem Weibsbild, die nun das Weib seines Mörders ist, hätte ihn zu einem offenen Bruch mit dem Vater und uns geführt. Die arme Rosamunde vertrauert ihr Leben an dem Eigensinn und Vorurtheil, während sie wahrscheinlich eine glückliche Hausfrau wäre, wenn sie des Pastors Sohn geheirathet hätte. Ich selbst – nun zum Teufel, das ist das Schlimmste! Ich diene nun zehn Jahre und bin noch immer Premierlieutenant, weil man einmal ein Bischen über die Stränge gehauen hat. Wahrhaftig, Junge, die Demokraten haben Recht, es ist Nichts zu holen mit dem Adelstolz, wenn man nicht die richtigen Moneten dazu hat! – und mit dem Conservatismus? – Gott bewahre Jeden, der Karriere machen will, heutzutage noch conservative Grundsätze zu haben! Ich sage Dir, Otto, wenn mich heute die Tochter von einem Kleiderjuden haben will, ich mache ihrer hochverehrlichen Verwandtschaft mein Kompliment, sobald ich fünfzigtausend Thaler als Mitgift kriege. Darunter geht's freilich nicht!«

»Pfui, Fritz – ich weiß. Du denkst nicht so niedrig!«

»Zum Henker, was bleibt mir übrig. Man hat mich zum Offizier gemacht und läßt mich in der theuren Residenz dienen. Glaubst Du, daß man mit den vierzig Thalern Sold und lumpigen fünfhundert Thalern Zuschuß auf's Jahr hier durchkommen kann, wo ich nicht einmal in's Theater die Nase stecken darf, ohne im ersten Rang zu sitzen? Oder sollen wir vielleicht jedem Ladenjunker nachstehen? Pferde, Spiel, der äußere Anstand und die Weiber kosten ein verteufeltes Geld und« – er schüttelte mit einem verbissenen Groll heftig den Arm des Bruders – »ich sage Dir, mein Junge, wenn die Herren Kommandeure etwas strengere Aufsicht hielten auf die ersten Sprünge des leichten Blutes, und wenn die verteufelten Wucherer nicht wären, die den Unerfahrenen gleich in den Klauen haben und ihn nicht wieder loslassen, bis die Familie ruinirt ist, oder er sich eine Kugel vor den Kopf geschossen hat, es wäre immer noch ein Aufkommen! – So ist es vorbei, und Ihr werdet vielleicht bald Wunderdinge hören! Laß Dich warnen, und hungre lieber, als daß Du je bei Benno oder Lilienzweig und Consorten einen Wechsel entrirst!«

Es sprach bei alle dem leichtfertigen Spott und Wesen ein finstrer Groll, eine verzweifelte Stimmung aus der Rede des Offiziers.

»Ich halte Ordnung in meinen Ausgaben, Bruder,« sagte der jüngere Röbel, »und ich wünschte, Du könntest Dich auch daran gewöhnen!«

»Ordnung! ja wohl! wenn uns so ein hübsches Aeffchen hinter den Coulissen her zunickt, oder beim Pointiren sich das Blut erhitzt! Ich will Dir was sagen, mein Junge, es ist eine verrückte Welt, ein unsinniges Steeple-Chase, in dem Einer dem Andern den Rang abläuft. Diese demokratische Kanaille schimpft auf die Armee und schmäht auf den Adel, während sie wie ein Vampyr sich mästet an ihnen! Auf Ehre – es muß Etwas faul sein im Staate Dänemark! Ich werde nächstens unter die Demokraten gehen, oder mich beschneiden lassen!«

»Bruder!«

»Laß gut sein, Otto – ich bin jetzt manchmal etwas toll und wild. Eins ärgert mich nur, daß ich so einfältig war, das Glück nicht beim Schopf zu fassen. Die Tante hatte doch offenbar blos deshalb intriguirt, mich nach Paris zu bringen, damit ich für die zurückgewiesene Erbschaft mich an der Tochter des alten Nabob entschädigte. Und ich glaube wahrhaftig, der Oberst hätte sie mir lieber gegeben, als dem gelbhäutigen Spanier, ihrem Verlobten!«

Der junge Mann erbebte unwillkürlich, als er das Mädchen erwähnt hörte, das ihm eine so tiefe Neigung eingeflößt hatte.

»Wen meinst Du?«

»Nun, wen anders, als die junge Marquise Carmen von Massaignac, die die Unvernunft der Mutter schon in der Wiege verlobt hatte. Apropos, ich habe Dich noch gar nicht gefragt, ob Du Nichts von der Familie gehört hast? Die Kleine soll ja gestorben oder verloren gegangen sein und ihr geiziger Bruder hat jetzt all' die Millionen. Wäre mir damals nicht die fatale Geschichte mit dem Mörder aus den Katakomben in die Quere gekommen, auf Ehre, ich hätte sie vielleicht doch heirathen können!«

»Aber die Dame selbst,« sagte der jüngere Röbel, die Beantwortung der Frage umgehend – »Du hättest doch erst ihre Neigung erringen müssen!«

»Bah – sie war noch ein halbes Kind, obschon diese kleinen Creolinnen schneller als bei uns reifen. Sie würde in Deinem Alter sein, und was die Neigung betrifft, nun so hatte sie deren gewiß herzlich wenig zu diesem vertrockneten Spanier. Dock das ist nun Alles vorbei und man muß sehen, sich anders zu helfen. Aber da fällt mir ein, Mensch, wie steht's mit Deiner Heirath mit der Reizendorf? Das Mädchen ist hübsch und eine der besten Partieen in der Mark! Die Tante hat, weiß Gott, ein verteufeltes Geschick im Heirathenstiften. Laß Dir gratuliren, mein Junge, und wenn Du das Heirathsgut hast, wirst Du hoffentlich nicht vor mir Deine Kassette schließen!«

»Ich liebe das Fräulein nicht!« sagte Otto kalt.

»Thorheit – wer frägt heut zu Tage nach Liebe? Der Vater, als alter Kriegskamerad des unsern, wirft sie Dir ja fast an den Hals und Du bekommst schuldenfrei Wehlenberg und Klossen; die beiden Güter sind unter Brüdern ihre Zweimalhunderttausend werth! Bei Dir kann man wirklich sagen, das Glück ist der – na, der Unschuldigen Vormund!«

»Ich werde Luise von Reizendorf nicht heirathen!«

»Was, im Ernst? Bist Du toll? Und was wird der Vater dazu sagen, der geradezu schon sein Wort gegeben hat? Du weißt, der Reizendorf hat eine Hypothek auf unserm Gut!«

»Ich habe ihm bereits meinen Entschluß erklärt – ich liebe das Mädchen nicht, und will sie nicht unglücklich machen. Heirathe Du sie selbst!«

»Auf Parole, lieber heute als morgen, wenn sie mich nur möchte, oder vielmehr der alte Brummbär, ihr Vater. Aber er hat Etwas von meinen kleinen Passionen gehört, natürlich übertrieben, und als die Tante Kammerherrin ihm davon sprach, war er Feuer und Flamme. Nein, Junge, Du mußt um der Familie willen die Kleine heirathen! – Aber so – hier sind wir zur Stelle. Ich habe ein kleines Geschäft, ehe wir weiter gehen. Sei so gut, einen Augenblick hier zu warten!«

Er ließ ihn an der Ecke der Oberwallstraße stehen und ging einige Schritte weit in dieselbe hinein. Vor einer der Hausthüren stand ein Mann, behäbig in einen Pelz gehüllt und ungeduldig die Füße auf- und niedersetzend, um sich gegen die Kälte zu schützen.

»Sind Sie es, Günther?«

»In drei Deivels Namen, Herr Lieutenant,« murrte der Angeredete, »Sie lassen man verflucht uf sich warten. Wenn's alleweile nicht der Verwandtschaft wegen jewesen wäre, ik wäre davon jegangen!«

»Kerl – –« er unterdrückte mit Gewalt den auflodernden Zorn über die Vertraulichkeit. »Haben Sie das Geld, Günther?«

»Warum werd ik nich – aber et is theuer, Herr Lieitnant. Ik habe man blos zweihundert jekrigt un auf zwei Monate!«

»Zweihundert Prozent! Es ist eine wahre Schande! Aber geben Sie her. Ich habe mein Ehrenwort gegeben, die Spielschuld von gestern Abend noch heute zu bezahlen und muß in's Schloß. Der Baron hat die Wache dort. – Hier – für Ihre Mühe!«

Er hatte beim Schein der Laterne aus dem Päckchen Kassenanweisungen zwei Zehnthalerscheine gezogen und reichte sie dem Commissionair, unserem alten Bekannten, dem wir zuletzt bei der Rückkehr aus dem Spandauer Zuchthaus begegneten. »Hundertfünfzig Thaler zu bezahlen« – murmelte er verdrießlich – »bleiben mir gerade noch dreißig! Es ist zum Tollwerden mit diesen Halsabschneidern. Sie müssen mir in einigen Tagen noch fünfhundert schaffen, Günther!«

»Es geht nich Herr Lieitnant – Gott straf mir, aber et will Keener nich die Wechsel mehr nehmen!«

»Es muß gehen – bieten Sie, was Sie wollen, aber ich muß Geld haben!«

»Ja,« meinte der Kommissionair, »warum wenden Sie sich denn nich an Jonassen? Er hat Ihnen so oft aus der Klemme jeholfen!«

»Ich bin seit vier Wochen nicht dort gewesen. Es genirt mich, hinzugehen, ich bin ihm bereits vier – fünftausend Thaler schuldig, und kann sie jetzt nicht zahlen!«

»Jemine – wat is denn das vor eenen Cavalier und hat er Sie denn schonst darum jemahnt? Fürsten und Jrafen stehen bei ihm int's Buch und darum brauchten Sie sich man des Verjnügen nich zu versagen. Die Rosalie hat gestern noch nach Sie jefragt und is janz unglücklich darüber, deß Sie sich man nich mehr bei die kleinen Soupers blicken lassen. Jott, ist das en Mädel und hat die Augen im Kopf! Des war 'ne Jräfin, wie sie in den Büchern steht, die Amande immer liest!«

Der Offizier zuckte ungeduldig die Achseln. »Also Fräulein Rosalie hat nach mir gefragt?« »Gewiß. Drei Mal – sie hat gar nich uf die schöne Komposition von ihrer Schwester jehört, die des Klavier gespielt hat, als ob sie int's Opernhaus musicirten. Die Jesellschaft war sehr nobel. Een Prinz und drei Jrafens, die Barone jar nich mitjezählt. Von die politische Polizei waren sie ooch da! Der Jonas is en Mordkerl!«

Ein tiefer Ekel befing den Offizier, aber er überwand ihn. »Sagen Sie, daß ich morgen kommen werde!«

»Pirole Honneurs?«

»Auf mein Wort! – Gutenacht! mein Bruder dort wird ungeduldig. Einstweilen besten Dank Günther!«

Der Kommissionair begleitete ihn einige Schritte, dann drehte er um und schloß die Hausthür.

»Zwanzig Thaler und fünfundzwanzig von Jonassen,« murmelte er vergnügt. »Et jeht vortrefflich. Ik werde Amanden morgen en neuen Hut koofen. Der jute Wurm schläft bereits, sonst wollt ik sie wahrhaftig mit nach dem Orpheum nehmen. Jut so jeh ich alleine, oder besser noch, ik bringe gleich Jonassen Rapport! Ik möchte man nur wissen, was dieser Jonas mit meinem Schwager Röbel vor hat, daß er alle die Wechsel so in's Jeheime discontirt!«– – –

Der Offizier war zu seinem Bruder zurückgekehrt. »Laß uns gehn, Otto, mein Geschäft ist abgethan!«

»Wer war der Mensch, mit dem Du so eifrig verkehrtest?« frug der jüngere Röbel. »Der Bursche sah gemein aus, schien aber vertraulich genug mit Dir.«

»Es ist unser Schwager,« sagte weitergehend mit Hohn der Offizier. »Unser Schwager? Du redest irre.«

»Nun, bei meinen künftigen Generals-Epauletten, wenigstens behauptet er es. Er ist der Bruder des Mädchens, der ehemaligen Geliebten Ferdinands und hat schon in früherer Zeit der Tante gedroht, er könne dem kleinen Bastard zu einem ehrlichen Namen helfen. Zum Glück ist der Balg gestorben oder verdorben. Jetzt ist der Bursche ein ganz geschickter Kommissionair und verschafft Geld auf höllische Zinsen!«

»Und mit einem solchen Menschen verkehrst Du?«

»Was ist da zu machen? – Ehrenschulden müssen bezahlt werden und von Euch ist Nichts zu haben. Heirathe die Reizendorf, mein Junge, und arrangire mich, das ist nicht zu viel, was Du für Deinen Bruder thust. Doch da sind wir am Gitter. Heda Schildwach, aufgemacht!«

Sie standen auf dem Schloßplatz vor dem Gitter am Portal Nummer 2.

»Parole?«

»Stettin! Ruft den Unteroffizier!«

Der wachhabende Unteroffizier kam mit dem Schlüsselbund.

»Ich will zu Lieutenant von Waldenburg! Er ist doch zu sprechen?«

»Gewiß, Herr Lieutenant – es sind noch zwei Herren bei ihm und sie trinken das Neujahr!«

Er hatte aufgeschlossen und führte sie nach der Treppe zum Souterrain, in dem die Offizierstube liegt.

Obschon es ziemlich kalt war, standen oder saßen doch mehre Gruppen von Soldaten vor der Thür des offenen Wachzimmers, das im März 1848 das Studentencorps bezogen und mit solchen gemeinen Unfläthereien beschmutzt hatte, daß sie ein so trauriges Zeugniß der Maturität für die bürgerliche Gesellschaft abgaben, wie es keiner der verhöhnten hinterpommer'schen oder kassubischen »Bauerlümmel« geleistet hätte. Es ist bekannt, daß die Corridore und Stuben, in denen die seelige Bürgerwehr und die Freicorps ihr Wesen getrieben, kaum wieder gereinigt werden konnten.

Als die beiden Röbel in die Wachstube traten, wurden sie freundlichst von dem wachhabenden Offizier begrüßt, der mit zwei Kameraden, die sich bei ihm eingefunden hatten und wacker qualmten, ein Whist en trois spielte, während vom Ofen her der köstliche Duft eines Punschtopfs sich mit den Wolken der guten Havannahs mischte.

Lieutenant von Röbel zog seine Uhr. »Zwanzig Minuten vor Ellf, lieber Baron, die vierundzwanzig Stunden sind also noch nicht abgelaufen. Hier ist meine Schuld und mein bester Dank!«

»Ich würde Ihnen ernstlich böse sein, bester Kamerad, über eine solche unnütze Pünktlichkeit,« erwiederte der Offizier, »wenn sie mir nicht das Vergnügen Ihrer Gesellschaft verschaffte. Kommen Sie, setzen Sie sich und trinken Sie ein Glas Punsch. Crusenstolpe versteht ihn ganz prächtig zu machen, das hat er von seiner schwedischen Abkunft.«

Die Offiziere und Otto von Röbel setzten sich um den Tisch, der Robber wurde rasch beendet, um dann einer allgemeinen Unterhaltung Platz zu machen.

»Sie haben heute starke Wache, Kamerad, wie ich an den Gewehren sehe!« bemerkte der Lieutenant.

»Kommandanturbefehl – ich weiß selbst nicht warum. Wahrscheinlich, weil an Festtagen sich immer viel Gesindel umherzutreiben pflegt und mitunter selbst in's Schloß einzuschleichen weiß«

»Das Ordrebuch wird ja die beste Auskunft darüber geben.«

»Das alte ist nicht mehr da – man hat es heute erneuert. Aber« – –

»Nun?«

»Ich weiß nicht, es muß allerdings Etwas vorgegangen sein in der vergangenen Wache – ich kann nur nicht dahinter kommen. Vielleicht, daß Herr Stieber einen neuen Schloßdiebstahl gewittert hat.«

»Bah – es wird sich bald ausgestiebert haben. Die Demokraten sind höllisch hinter der Polizei her.«

»Es kann ihr nicht schaden – die Lection mit Hinkeldey ist wieder vergessen!«

»Lassen Sie mir die Polizei ungeschoren, Kamerad,« sagte lachend der jüngste Offizier. »Ich hätte wahrhaftig den Abschied nehmen müssen, wenn sie meinem Alten nicht bei dem Arrangement beigestanden hätte. Es wäre sonst kein Auskommen mit diesen Blutegeln. Haben Sie die Geschichte von Graf Falkenburg gehört?«

»Von seinem Arrangement?«

»Ja. Der Krug ging nicht länger und der Alte hat sich an den Polizei-Präsidenten gewandt. Man könnte wirklich über die Genialität dieser Gaunereien lachen, wenn sie uns nicht so scharf auf's Blut gingen!«

»Ich habe von der Geschichte gehört, weiß aber nur, daß Falkenburg mit blauem Auge davon gekommen sein soll. Wie war es?«

»Ei nun – für's Erste die gewöhnliche Leier. Er kaufte den »Glorific« von Bamberger für fünfhundert Louisd'or und brauchte Geld. Es ist Anfangs immer, als ob diese Spitzbuben von Blutsaugern riechen könnten, wer Geld braucht, – während sie später nie zu Hause sind. Kurzum, Meyer hatte ihn alsbald in den Händen und Falkenburg wußte bald nicht, wie oft und wie viel er baar erhalten hatte – zuletzt rechnete ihm Meyer sechstausend Thaler vor. Aber er war bereit zu prolongiren, zahlte ihm tausend Thaler baar und tausend in Cigarren, und ließ ihn einen Wechsel unterschreiben auf Zwölftausend!«

»Thaler?«

»Gott bewahre – auf zwölftausend Friedrich'sdor!«

»Heiliger Bonin! das ist stark!«

»Ja. Der Präsident ließ Meyer kommen, der sich erbot, zwölftausend Thaler zu nehmen, statt der Friedrich'sdor. Man bot ihm sechs – oder den Staatsanwalt. Er soll gesprungen sein wie die hübscheste Ratte vom Ballet, aber zuletzt nahm er sie und der Gauner soll noch ein gutes Geschäft gemacht haben.«

»Ich zweifle nicht daran. Falkenburg ist ein glücklicher Bursche, er kann noch die Minderjährigkeit vorschützen; bei einem alten Schnurrbart wie ich geht das freilich nicht mehr, – es bleibt uns höchstens die Denunciation wegen Wuchers!«

»Pfui, Fritz – das ist doch Dein Ernst nicht! Wo bliebe da die Ehre des Offiziers!«

»Ich bitte Dich, lieber Junge, Du wirst noch Manches in der Welt lernen. Ehre einem Wucherer gegenüber, bah! der Gedanke ist nachgerade albern. Wir befinden uns ihnen gegenüber im Kriegszustand und da sind alle Mittel erlaubt. Aber ich dächte, es wäre genug von den Kanaillen gesprochen. Sie waren gestern mit der kleinen Alwine bei Kroll, Romwitz?«

»Sie hat mich mit Gewalt hingeschleppt, um mit mir Parade zu machen und den portugiesischen Attaché zu ärgern. Auf Parole, ich mußte ihr den Gefallen schon thun. Es war aber verteufelt viel Kanaille da. Wir soupirten in dem zweiten Kabinet mit Rothenfels und seiner Kunstreiterin!«

Fritz von Röbel warf seinem Bruder einen spöttischen Seitenblick zu.

»Wollschläger hat hübsche Pferde und Reiterinnen, das muß man ihm lassen,« sagte er. »Aber es ist jetzt hinter den Logen so sittsam, daß es langweilig wird. Die Alte will die demi monde nicht mehr auf der Tribüne dulden. Ich habe noch keine Sponsade mit einer Kunstreiterin gehabt, – es muß interessant sein, aber verteufelt theuer!«

Seine Miene sagte Otto, daß er nicht ohne Bezug gesprochen, und die Stirn des jungen Mannes röthete sich in Unmuth und Verlegenheit, als er so die innersten Nerven seines Herzens berührt sah.

»Haben Sie schon die neuesten politischen Nachrichten gehört, meine Herren?« frug er, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben.

»Nein! was meinen Sie? was giebts?«

»Einer der Cavaliere der russischen Legation kam zu Borchardt, ehe wir gingen. Der Gesandte hat eine Depesche aus Paris diesen Abend bekommen, die viel zu denken giebt!«

»Nun?«

»Richtig – es ist wahr, die Börse wird morgen in Aufregung sein und die österreichischen Papiere werden schmählich fallen!« meinte der ältere Röbel.

»Aber was ist es denn – so erzählen Sie doch, Herr v. Röbel!«

»Auf Ehre, nur eine kleine Redensart – aber sie verbirgt am Ende viel. Beim Empfang des diplomatischen Corps in den Tuilerieen heute Mittag hat Herr Louis Napoleon dem österreichischen Gesandten eine Drohung in's Gesicht geworfen.«

»Eine Drohung?«

»Ja – es scheint mir wenigstens eine solche. Der französische Kaiser hat Baron Hübner mit den Worten angeredet: »»Ich bedauere, daß unsere Beziehungen zu Ihrer Regierung nicht eben so gut wie früher sind; aber ich bitte dem Kaiser zu sagen, daß meine persönlichen Gefühle für ihn unverändert geblieben sind.««

»Und der Gesandte?«

»Nun – er hat wahrscheinlich seine Verbeugung gemacht, ist nach Hause gegangen und hat einen Courier abgeschickt, daß die Franzosen den Krieg erklären wollen!«

»Vortrefflich! Dann giebt es Avancement!«

»Oh Kinder, seid nicht so eilig! Wer sagt Euch denn, daß wir mit den Oesterreichern gehen werden? Es sieht mir gar nicht danach aus!«

»Nun – die heilige Alliance ...«

»Die heilige Alliance hat im Krimkriege ein höllisches Loch bekommen.«

Ehe das Gespräch sich weiter spinnen konnte, klopfte es an der Thür.

»Herein!«

Ein Offizier im Mantel trat ein, ein alter Diener des Schlosses, ein Bund Schlüssel und eine Laterne in der Hand, folgte ihm.

Als der Offizier in den Lichtkreis trat, erkannte man in ihm einen der Flügeladjutanten. Alle waren aufgestanden und achtungsvoll zurückgetreten.

»Der Offizier der Wache?«

»Hier, Herr Oberstlieutenant!«

»Ich will die Herren nur wenige Minuten stören. Ich wünsche, Sie einige Augenblicke im Dienst zu sprechen!«

Der Lieutenant sah seine Freunde an, sie griffen sogleich nach Mänteln und Helmen.

»Nicht doch – nicht doch, meine Herren! Wenn Sie die Freundlichkeit haben wollen, einige Augenblicke in's Wachtzimmer zu treten.«

Die drei Offiziere mit Otto von Röbel folgten dem Geheiß. Der Stabsoffizier hatte seine Uhr gezogen.

»Sie haben um zehn Uhr die Posten ablösen lassen?«

»Zu Befehl!«

»Es ist jetzt ein Viertel auf Zwölf. Sie werden mit der Ablösung nicht bis zwölf Uhr warten, sondern dieselbe um halb vornehmen. So bald die Ablösung der äußeren Posten zurückgekehrt ist, werden die Gitter geschlossen und unter keinem Vorwand wieder geöffnet, bis dieser Mann Ihnen die Nachricht bringt, daß es wieder geschehen könne. Die Ablösung der Posten im Schloß selbst erfolgt erst nach Rückkehr der äußeren Ablösung. Haben Sie mich verstanden?«

Der Offizier salutirte. »Zu Befehl!«

»Sie werden selbst die Wachen an den Orten aufstellen, die dieser Herr Ihnen angeben wird. Wählen Sie die Zuverlässigsten und Entschlossensten unter den Leuten. Alle halbe Stunden haben Sie selbst die Ronde im Schloß zu machen und sich von der Wachsamkeit der Posten zu überzeugen. Die Parole ist für die Posten im Schloß zu wechseln, nehmen Sie einen andern Namen – zum Beispiel: Bertha! – Selbst bei der Kenntniß der Parole werden alle Personen, männlichen und weiblichen Geschlechts, die von zwölf bis ein Uhr in den Korridoren oder Sälen die Posten passiren wollen, bis zur Ankunft der Ronde festgehalten und dann nach der Wache gebracht, wo dieser Herr,« er wies auf den alten Diener, »ihre Identität recognosciren wird. Ich brauche Ihnen Vorsicht und strengstes Schweigen wohl nicht erst anzubefehlen. Sie werden übrigens gut thun, Ihre Freunde unter einem passenden Vorwand zu entfernen.«

»Zu Befehl!«

»Haben Sie die Ordres ganz genau verstanden, oder muß ich sie wiederholen?«

»Es ist unnöthig. Ich weiß Alles!«

»Dann Gutenacht und gute Wache. – Bleiben Sie nur, ich finde schon den Ausweg.«

Der Stabsoffizier entfernte sich mit dem alten Schloßdiener, – der Lieutenant von Waldenburg blieb in einiger Verwirrung über die Bedeutung der erhaltenen Ordre zurück. Dann ging er nach dem Wachzimmer, seine Freunde aufzusuchen.

Diese hatten jedoch die dunstige, mit dicken Qualm angefüllte Stube verlassen und waren in den Schloßhof getreten. Der Lieutenant rief den Unteroffizier der Wache und ertheilte ihm verschiedene Weisungen. Als er sich wieder nach ihnen umsah, hörte er, daß sie es vorgezogen hatten, sich zu entfernen. Es war ihm um so lieber und er ließ alsbald die Ablösungen für die äußeren Posten antreten.

Eine Viertelstunde darauf waren die Gefreiten zurückgekehrt; zu gleicher Zeit hatte sich auch der alte Diener, ein Mann mit weißen Haaren und gutmüthigem ehrwürdigen Gesicht, auf der Brust der Livree die Ehrenzeichen von 1813 und 14, wieder eingefunden.

Der Lieutenant v. Waldenburg ließ sich die Schlüssel der Gitterthore bringen und steckte sie ein.

»Es ist Zeit, Herr Lieutenant!« sagte Jener. »Wie viel Mann?«

»Nur zwei Posten außergewöhnlich.«

Der Offizier ließ die Leute antreten und wählte selbst zwei Mann aus. »Ich werde sie aufführen!« befahl er. »Gewehr über. Marsch!«

Voran ging der alte Schloßdiener mit den Schlüsseln und der Laterne. Dann kamen der Offizier, hinter diesem die zwei Mann mit geschultertem Gewehr. Zugleich schwenkten nach den andern Flügeln und Theilen des Schlosses die gewöhnlichen von den Gefreiten geführten Ablösungen ab.

Der Mond goß sein Silberlicht über die mit dünnem Schnee bedeckten Ouadern des Schloßhofes und ließ den mächtigen dunklen Bau in seiner ganzen majestätischen Gewaltigkeit hervortreten.

Der alte Mann führte sie in den Durchgang zum innern Hof und quer über diesen den Weg nach, dem schönen Portal, in welchem der doppelte Aufgang zu dem Schweizer Saal rechts und links emporsteigt.

Der Aufgang rechts besteht aus breiten, teppichbelegten Stufen. Er windet sich um die Hälfte des Treppenhauses und trifft im ersten Stockwerk vor dem großen Bogenfenster mit dem Aufgang zur Linken wieder zusammen. »Hier ist rechts der Eingang zu den Gemächern, welche König Friedrich Wilhelm IV. bewohnte. Eine Galerie läuft nach dem Hof zu an der Zimmerflucht entlang und war bei der Anwesenheit des Königs von Wachen und der Dienerschaft belebt.

Jetzt war Alles öde und still. Links von demselben Absatz führt eine Thür über einen Korridor nach den Räumen des Tresors.

Der alte Schloßdiener bedeutete den Offizier, hier seinen ersten Posten aufzustellen. Dann stiegen sie weiter zur nächsten Etage.

Der Aufgang links ist jener berühmte Weg, der bis zum Eingang des Schweizer Saales, im zweiten Stockwerk, wo beide Aufgänge sich wieder vereinigen, zu Pferde oder mit einem Rollwagen zurückgelegt werden kann, mit Ziegelsteinen gepflastert, gleich dem Aufgang des Campanile am Sanct Marcus zu Venedig.

Der Diener öffnete die Flügelthür des Schweizer Saals.

Derselbe bildet ein Oblongum über den ganzen Treppenflur. Gegenüber dem Eingang führt eine Glasthür zu den Hintertreppen, Gemächern und Erkern an der Spree. Die hohe Thür zur Rechten geht nach den sogenannten Elisabethkammern, die zur Linken nach den Paradekammern im Flügel nach dem Lustgarten.

Die Decke des Saales ist hoch, oval gewölbt, und an den Seiten der Wölbung mit der Nachahmung einer belebten Galerie gemalt. Die Möblirung ist ziemlich spärlich, eben so die Dekoration, da er von jeher nur als eine Art Vorsaal zu den inneren Zimmerreihen benutzt wurde. Sein Licht empfängt er durch die mit den breiten Fenstern der Façade correspondirenden Fenster der eigenen Wand.

Die Beleuchtung ist also gebrochen und ziemlich kärglich. Als sie eingetreten waren, warf dies gebrochene Mondlicht seinen matten gespenstischen Schein auf den Estrich. Die Seiten waren in tiefes Dunkel gehüllt, aus dem unheimlich die beiden grotesken Figuren der Nereiden sich hervorhoben.

»Der Posten soll hier in diesem Saale bleiben, und kann auf und nieder gehen. Ich will ihn wenigstens mit der Lokalität bekannt machen.«

Der alte Diener zündete seine Laterne an und leuchtete im Saale umher. Er probirte die drei andern Thüren und verschloß die nach der Spreeseite und nach den Elisabethkammern, indem er sorgfältig die Schlüssel zwei Mal herumdrehte. Der Ausgang nach den Paradekammern war schon vorher verschlossen gewesen.

»So, Herr Lieutenant – wenn Sie fertig sind...«

Der Offizier wiederholte dem Wachposten die Instruktionen. Es war ein kräftiger, großer Uckermärker, mit einem verständigen ruhigen Gesicht.

»Paß auf den Dienst mein Junge und sei wachsam. Findet Dich die Ronde schlafend, so kannst Du Dir gratuliren! Dein Kamerad hat's jedenfalls kälter draußen auf der Treppe.«

»Zu Befehl, Herr Lieutenant!« Der Soldat setzte sich in Marsch, und seine langsamen Schritte auf und ab den Saal hallten von der Wölbung des Saales wieder, als die Beiden ihn verließen.

Die große Thür fiel ohne Geräusch in das Schloß – es kam dem Offizier vor, als thue der alte Mann, der vor ihm herging, einen tiefen Athemzug, gleich als wäre er mit dem Schließen der Thür von einer schweren Last befreit. Sie kamen herabsteigend an dem untern Posten vorüber, den der Offizier nochmals erinnerte, aufmerksam Wache zu halten; gleich darauf traten sie wieder in den mondbeleuchteten Schloßhof.

In dem Augenblick, wo sie heraus traten, kam ihnen von der Seite des Flügels nach dem Schloßplatz ein Mann entgegen.

»Gut, daß ich Sie treffe, Herr von Waldenburg,« sagte der Fremde. »Ist mein Bruder wirklich schon fort? Bitte, dann lassen Sie mir öffnen!«

Es war Otto von Röbel, der frug.

Der Offizier war natürlich sehr unangenehm berührt von dieser unerwarteten Anwesenheit seines Besuchs, den er längst entfernt glaubte.

»Aber wo zum Teufel, Herr von Röbel, kommen Sie denn jetzt her?«

»Oh – ein Zufall, oder vielmehr meine Liebhaberei für den Effect des Mondscheins in alten Gebäuden hat mich verspätet,« sagte der junge Mann gleichgültig. »Ich war, als Sie den Offizier empfingen, mit den Andern in den Schloßhof getreten und hatte mich von ihnen getrennt, um einen kurzen Gang durch die Corridors zu machen. Es ist ein so eigenthümlicher Eindruck, in der Stille der Nacht unter diesen mächtigen Gewölben. Eben als ich zurückkehrte, war Niemand mehr in Ihrem Zimmer und man weigerte mir die Oeffnung des Gitters.«

»Es ist in der That unangenehm,« sagte der Offizier – »aber Sie werden sich nun gefallen lassen müssen, für zwei Stunden mein Gast zu bleiben. Es ist strenger Befehl, vor der Ablösung um 1 Uhr unter keinem Vorwand die Ausgänge zu öffnen!«

»Ei nun,« sagte lachend der junge Röbel, »es hätte mir für meinen Vorwitz gewiß etwas Schlimmeres passiren können, als ein Paar Stunden mit Ihnen zu verplaudern. Das heißt, wenn Sie mich bei sich aufnehmen wollen, anderenfalls gehe ich auch sehr gern bis zu der Zeit hier auf und ab.«

»Gott bewahre, daß ich Sie draußen lasse. Wir haben noch Punsch genug, um uns zu wärmen und munter zu erhalten. Kommen Sie mit herein in die Offizierstube, Alterchen, und trinken Sie ein Glas, es wird Ihnen gut thun.«

Die letzte Einladung war an den alten Lakai gerichtet, und aus Humanität und Neugier hervorgegangen, vielleicht zu erfahren, was die besonderen Befehle für die Posten zu bedeuten hätten.

Der alte Mann verbeugte sich demüthig und nahm nach einer höflichen Weigerung die Einladung an, weil, wie er erklärte, er die Ordre habe, bis 1 Uhr dem Herrn Offizier im Wachlokal zu Befehl zu stehen. – Bald darauf saßen die beiden jungen Männer, ihre Cigarren dampfend, wieder auf dem Ledersopha der Offizierstube, Lieutenant von Waldenburg die Uhr vor sich auf dem Tisch, während der alte Schloßdiener in bescheidener Entfernung an der andern Seite desselben sich niedergelassen hatte und von Zeit zu Zeit mit Behagen den duftigen Punsch schlürfte, den ihm der Offizier eingeschenkt hatte.

»Sind Sie schon lange im Dienst hier?« frug der Offizier.

»Halten zu Gnaden, Herr Lieutenant,« sagte der alte Diener, »ich bin in diesen Mauern geboren, anno 1790, noch unter Sr. Majestät Hochseligem Großvater, König Friedrich Wilhelm II. Meine Familie ist mit diesem Schloß alt geworden, denn mein Urgroßvater war schon Trabant bei des großen Kurfürsten Gnaden!«

»Ei der Tausend,« lachte der Offizier, indem er von Frischem einschenkte, »da sind Sie ja, was man so nennt, ein wahres altes Möbel des Königlichen Hauses und müssen das Schloß von Innen und Außen kennen.«

»Von Innen und Außen, Herr Lieutenant, das ist wahr. Ach Du mein Gott, aber wie viel hat sich schon hier verändert, seit ich nur denken kann, und wie gar Manches ist in diesen Mauern passirt. Fast alle Potentaten Europas habe ich hier gesehen, den allerhöchstseligen Kaiser Alexander, den Kaiser Nicolaus, wie er unsere liebe Prinzeß Charlotte holte, den Kaiser Napoleon und wie sie alle sonst hier waren. Aber meine Herren, eine traurigere Nacht, als wie jene zum 19. März hab' ich selbst damals nicht erlebt, als die Franzosen in diesen Mauern hausten. Sie hatten den lieben König Fritz nur sehen sollen, wie ihm immer die hellen puren Thränen über die Wangen herabrieselten bei jedem Kartätschenschuß, den sie in der Breiten Straße da thaten.«

»So waren Sie damals in der Nähe des Monarchen?« frug Otto.

»Ja wohl, Herr von Röbel, den ganzen Tag und die ganze Nacht, und ich könnte Ihnen Manches davon erzählen, was keine Zeitung je zu erfahren gekriegt hat. Ich freue mich der Ehre, Sie kennen zu lernen, Herr v. Röbel, denn Sie müssen wissen, ich habe Ihren Herrn Vater mehr als einmal im Jahre 1813 im Hauptquartier gemeldet, und er war ein braver und beliebter Offizier. Ich stand ein Paar Schritte hinter des Königs Majestät an jenem Nachmittag, als er auf dem Balkon des Schloßplatzes sich zeigte und die nichtswürdigen zwei Schüsse auf ihn gethan wurden.«

»Blinde Schüsse!«

»Ja wohl, Herr Lieutenant, blinde Schüsse, wer's nicht besser weiß. Ich aber habe die Kugel dicht neben mir oben an die Quadern der Wand klatschen sehen, und als ich sie aufhob und sie später Seiner Majestät überreichte, sagten Sie heftig: »Nichts da, Thiele, thue das Ding weg, und daß Du es Niemanden wieder sehen läßt, bei meinem Zorn!«

»Ich glaube, Sie müssen die Geschichte der Königlichen Familie sehr genau kennen,« bemerkte der junge Edelmann.

»Gott weiß es – darum halten die Allerhöchsten Herrschaften auch einige Stücke auf mich. Thiele vorn und Thiele hinten! Alles möchte der alte Thiele, weiß Gott, alleine machen. Aber ich lasse mich nächstens pensioniren, um wenigstens die letzten Tage in Ruhe zu verleben. Eine Lotteriecollecte wäre auch nicht so übel. – Aber um auf das, was Sie eben sagten, zu kommen – es ist ganz wahr, in einem so langen Leben hört und sieht man gar Vieles, und auch mein Vater seelig hat mir so manche alte Geschichte von den hohen Herren erzählt, als das liebe Haus Hohenzollern noch nicht so mächtig und groß war, wie heute. Aber Gott ist immer mit ihm gewesen und hat die hohen Herren wunderbarlich beschützt durch allerlei Wunder und Fingerzeige.«

»Hören Sie, Herr Thiele,« sagte der Offizier, die Gläser füllend, »Sie sollten uns, um die Zeit zu vertreiben, wirklich Eins oder das Andere zum Besten geben. Ich bin nicht neugierig, aber zum Beispiel ...«

»Stille, stille, ich weiß, was Sie sagen wollen, aber das geht nicht. Wir müssen abwarten, was geschieht – dann läßt sich's ja doch Ihnen nicht verheimlichen. Aber um Ihnen eine alte Erinnerung zu erzählen – ist Ihnen die Geschichte vom Ringe des Markgrafen von Bayreuth bekannt?«

»Nein!«

»Nun gut, so will ich sie Ihnen erzählen, wie sie mein Vater seelig selbst mit erlebt hat. Aber nicht mehr einschenken, Herr Lieutenant, ich bitte darum.«

Der alte Mann nippte noch einmal, nickte befriedigt zum Zeichen der Anerkennung für das duftige Gebräu mit dem Kopf und setzte sich in seinen Stuhl zurück, ohne die Cigarre anzunehmen, die ihm schon früher seine Gesellschafter wiederholt angeboten hatten.

»Sie werden aus der Geschichte wissen,« begann er, »daß das Königliche Haus der männlichen Sprossen eben nie sehr viele, in direkter Linie sogar sehr sparsam gehabt hat. So war's auch zur Zeit Seiner Majestät König Friedrich des Großen, dessen schönes Standbild jetzt drüben vor dem Palais steht. Der König hatte nach dem Tode seines Bruders dessen Sohn zum Prinzen von Preußen ernannt, und auf diesem beruhte die Hoffnung des Landes, die Königsfamilie fortleben zu sehen. Aber es schien, als ob die Hoffnung nicht in Erfüllung gehen sollte; Gott giebt halt die Kinder und nimmt sie und Menschenwitz kann dazu Nichts thun. Der Prinz von Preußen, ich meine den damaligen, der später König Friedrich Wilhelm II. wurde und von dem ich Ihnen gar Manches hier aus dem Schloß erzählen könnte, war anfangs mit einer Prinzessin von Braunschweig vermählt, hatte sich aber wieder von ihr getrennt, nachdem sie ihm eine Tochter geboren, und seine Hand in zweiter Ehe einer Prinzessin von Darmstadt gereicht. Jahr und Tag waren verstrichen seit der Vermählung, aber immer noch keine Aussicht vorhanden für einen Thronerben. Zu dieser Zelt hatte der Markgraf von Ansbach zwei Kammerherren, von denen der eine, Herr von..., aus einer Preußischen Adelsfamilie, für einen Sonderling in Bayreuth galt. Er hielt sich fern von den heitern Cirkeln des kleinen Hofes, lebte viel in einem kleinen alterthümlichen Thurmgemach des Schlosses, und ließ sich des Nachts sogar darin einschließen, weil er, wie die Sage ging, dem Schlafwandeln unterworfen war. Diesem menschenscheuen, finstern Herrn träumte eines Nachts, es klopfe drei Mal an sein kleines Thurmzimmer, zugleich öffne sich in dem buntgewirkten Wandteppich eine Thür, die er zuvor nie bemerkt, und durch diese Thür trete ein alter Mann in grauem Pilgergewande ein und bewege sich, ohne auszuschreiten gegen den Alkoven, in welchem Gustav von B..., aber es ist nicht nöthig, daß ich Namen nenne, also der Kammerherr lag. Die Gestalt bleibt vor dem Bette stehen, sieht ihm lange und fest in's Auge und sagt endlich: »»Mache Dich auf und ziehe nach der Begräbnißkirche der Markgrafen von Bayreuth. Laß die Pforte der Gruft aufsperren. Schaue in der Vorratskammer des Todes weder rechts noch links, sondern gehe gerade aus vorbei an dem Altar. Im dritten Gewölbe am letzten Pfeiler steht einsam ein Sarg, länger und schmäler als die übrigen – ein Sarg von altem braunem Eichenholz, mit geschnitzten Cherumbimköpfen, das ist der rechte. Von dem hebe den Deckel. Ich will Dir helfen, wenn Du mich auch nicht siehst. In dem ersten ist ein zweiter von Zinn eingesetzt, auch den wirst Du öffnen. In diesem ruht ein Ahnherr Deines Herrn. An dem Goldfinger der linken Hand steckt ein goldener Ring mit Edelsteinen, den ziehe Du selbst dem Markgrafen vom Finger. Wenn Du es nicht thust, merke wohl – wenn der Ring nicht von seiner Hand kommt, so stirbt der Preußische Stamm der Hohenzollern aus.«– Nach diesen Worten verschwand die Gestalt; der Kammerherr schlief ruhig weiter, und als er am Morgen erwachte, dachte er kaum noch seines Traumes, und wenn er es that, so lachte er über die sonderbare Phantasie.««

Der Erzähler machte eine Pause, die beiden jungen Männer sahen sich lächelnd an, »Sie lachen über mein Geschwätz, meine Herren,« sagte der alte Hoflakai, »aber warten Sie das Ende ab. Was ich Ihnen hier erzähle, darüber liegen genug geschriebene Dokumente im Geheimen Archiv. Es hat mit manchem Traum eine gar eigene Bewandniß, ich könnte Ihnen selbst davon eine sonderbare Geschichte aus meinem Leben und aus diesem Schlosse erzählen, als ich noch ein Knabe war. Aber um fortzufahren, einige Wochen später wiederholte sich dem Kammerherrn dasselbe Traumgesicht. Der alte Mann kam wieder zu ihm in die Stube und sah ihn wieder lange an, nur noch bittender und trauriger, als früher. »›Du warst noch nicht in Himmelskron,‹« sagte er vorwurfsvoll, »›noch nicht in der Gruft der Bayreuther. Auf nach Kulmbach! Und vergiß nicht, im dritten Gewölbe der letzte Sarg von Eichenholz. Versäume Dich nicht! Nur einer der Diamanten am Ringe ist noch nicht erblindet. Erbleicht auch sein Glanz, dann geht das Preußische Haus unrettbar zu Ende!‹« – Herr v. B. dachte lange über den Traum nach, er wußte nicht, was er thun sollte, da er den Spott des Hofes fürchtete, wenn er davon spräche, den Unwillen des Markgrafen, wenn er sich in Familien-Angelegenheiten zu mischen schien, und er vergaß nach und nach wieder den Traum. Da wiederholte dieser sich zum dritten Mal. Der alte Mann schien Thränen zu vergießen, indem er ihm zurief: »»Nur ein Stein ist noch hell! Wenn er erblindet am Finger des Markgrafen, dann erlischt das Königshaus für immer.«« Der Kammerherr erwachte und konnte nicht wieder den Schlaf finden. Früh am Morgen ließ er den Markgrafen um eine Unterredung bitten, aber dieser fand an dem Tage keine Zeit dazu. Erst am nächsten Nachmittag, auf der Spazierfahrt, wo der Kammerherr, der heute den Dienst hatte, den Fürsten begleitete, fand er einen freien Augenblick, wo er ihm seine geheimnißvolle Mittheilung machen konnte. Der Markgraf nahm sie sehr kühl auf und zuckte verächtlich die Achseln; bei ernsterer Erwägung fand er aber, daß die Sache damit nicht abgemacht sein dürfe und daß der seltsame Traum wenigstens nach Berlin gemeldet werden müsse. Das geschah und bald darauf kam der Bescheid, man solle mit Vermeidung von unnöthigem Aufsehen doch Nachforschungen in der Erbgruft anstellen und den Ring, falls er sich vorfände, von der Hand des Eigenthümers und aus dem Sarge entfernen. So wurde denn eine Kommission ernannt, die sich nach Kulmbach und Himmelskron begeben sollte. Der Kammerherr war ein Mitglied derselben. Als die Gruft nach einiger Mühe eröffnet war, schritt er, der noch nie darin gewesen war, ohne Zaudern durch die Gewölbe hindurch und rief, auf einen Sarg im dritten deutend: »Der ist's!« Der obere Eichendeckel wurde geöffnet und enthielt in der That einen zweiten Sarg von Zinn mit dem Wappen der Markgrafen von Bayreuth. Als man auch diesen öffnete, bot sich ein tief ergreifender Anblick dar. Der alte Markgraf lag, wie wenn er erst gestern hineingebettet worden wäre, in seinem Arme das Schwert, an seiner Hand einen goldenen Ring mit Edelsteinen. Es war übrigens nur ein flüchtiger Anblick. Durch die Wirkung der eindringenden Luft oder die Erschütterung der Oeffnung fiel die Figur plötzlich zusammen und es blieb von ihr Nichts als Gebeine und ein Häufchen Asche. Der Kammerherr v. B. mußte sich Gewalt anthun, um der Aufforderung des Kommissars gemäß den Ring von dem Knochenfinger zu ziehen. Die Diamanten zeigten sich kunstvoll zu einem Blumengewinde gefaßt. Man prüfte sie genau, alle waren erblindet, nur einer blitzte noch hell. Noch an Ort und Stelle wurde ein Protokoll aufgenommen über den Vorgang, dann eilte die Kommission nach Ansbach zurück, wo der Ring mit dem Protokoll in das markgräfliche Archiv niedergelegt wurde. Dort ruhte er wieder wie in einer andern Art Gruft, da der Markgraf bald nachher starb. Aber nicht lange Zeit, nachdem man den Ring aus Himmelskron geholt hatte, lief von Berlin die erfreuliche Kunde ein, daß die Prinzessin von Preußen jetzt mit freudigen Hoffnungen gesegnet sei.«

Der alte Diener schwieg. Die jungen Männer hatten seine Erzählung ohne weitere Bemerkungen angehört, um ihn nicht zu kränken und wollten eben die Rede auf andere Ereignisse bringen, deren Zeuge er selbst gewesen sein mußte, als der alte Mann auf die Uhr wies.

»Herr Lieutenant, es ist Zeit, glaube ich!«

»Richtig – ich hätte in einem Haar vergessen. Das kommt von Ihren Todtengeschichten. Nun Herr v. Röbel, entschuldigen Sie mich für eine kurze Zeit, ich muß die Posten revidiren.«

Er nahm Paletôt und Helm.

Der alte Schloßdiener war gleichfalls aufgestanden und trippelte hin und her. Es schien ihm offenbar Etwas auf dem Herzen zu liegen.

»Herr Lieutenant,« sagte er endlich zögernd, als der Offizier bereits der Thür zuschritt, »wollen Sie nicht vielleicht Herrn v. Röbel erlauben, Sie zu begleiten?«

»Im Dienst? – warum das, mein Alter?« »Oh – ich meine nur so; Sie werden dann nicht so einsam durch die düstern Korridore zu wandern haben, und Herr von Röbel sagte ja vorhin, daß er ein Freund von solchen nächtlichen Spaziergängen wäre.«

»Meinetwegen – kommen Sie, Röbel, wenn es Ihnen Vergnügen macht.«

Der junge Mann nahm sogleich seinen Hut.

»Ich werde draußen auf Sie warten,« sagte der alte Lakai.

»Das wäre Thorheit, Papa Thiele. Bleiben Sie hübsch in der warmen Stube und sorgen Sie, daß wir bei der Zurückkunft ein heißes Glas finden, denn der Wind fängt an lustig zu pfeifen. Ich möchte in der That wissen, was die außergewöhnliche Sorge diese Nacht zu bedeuten hat!« Die beiden jungen Männer verließen das Wachlokal und der Offizier wandte seine Schritte zunächst nach den Portalen, an denen die gewöhnlichen Schildwachen ausgestellt waren.

Die üblichen Anrufe und Worte wurden gewechselt, es war Alles in bester Ordnung. Der Wind hatte sich seit einiger Zeit erhoben und jagte flüchtige Wolken an der Mondscheibe vorüber. Die Schatten und das Licht wechselten phantastisch auf den Quadern des Hofes, an den grauen Mauern des Schlosses und in den Fenstern, als sie jetzt durch den Korridor schritten, welcher nach der Seite des Schloßplatzes die beiden Höfe verbindet und aus dem Portal Nr. II. zu dem innern Hofe und den Lokalitäten des Hofmarschall-Amtes führt. Dann schritten sie über den Hof und in das große Mittelportal zum Schweizer Saal.

»Lassen Sie uns möglichst leise auftreten, Herr von Röbel,« empfahl der Lieutenant, »ich will doch sehen, ob meine Burschen auch ordentlich wach sind.«

Sie stiegen die Stufen rechts hinauf.

»Halt! Wer da?«

»Offizier der Ronde!«

»Loosung!«

»Bertha!«

»Offizier der Ronde passirt!«

Der Offizier trat zu dem Posten. Es war ein kräftiger Westphale aus seiner Compagnie, den er sehr gut kannte.

»Nun, Bölte, Alles gut gegangen – Nichts passirt?«

»Nee, Herr Lieutenant. Keene Sterbensseele. Blot een Paar Ratten sin mi tweten de Föte rumhutscht, ek hebbe de Sackermenters aberst fortjagt.«

»Auch Nichts gehört?«

»Ooch nich. Dat eene Mal war mer's, as wär 'ne Thör toschlagen, oder wat g'fallen, aberst de Wind pfefft ei dem verwetterten Gang so kalt, un rumort an de Fenstern und klappert ewerall, dat man froh is, wenn man sek warmhalten kann!«

»Gut. Wir kommen gleich wieder zurück. Kommen Sie, Röbel!«

Sie stiegen jetzt weiter hinauf, diesmal auf der linken Seite, in dem gemauerten Aufgang.

Der Wind heulte in der That jetzt heftig in dem hohen offenen Treppenhause und durch die Gänge und Korridore. Das Eisenwerk klirrte und ächzte mit jenem Ton, der in der Nacht große, alte Gebäude so unheimlich macht; das Holzwerk klapperte und in einem andern Theile des Schlosses mußte ein Laden oder eine Thür offen geblieben sein, oder sich geöffnet haben, denn es schlug wiederholt an und ab.

Sie waren an dem Eingang des Saals.

Der Wind verhinderte wahrscheinlich die Schildwach im Innern, die Nahenden zu hören, ebenso wie er diese ihr Auf- und Niedergehen nicht vernehmen ließ.

Lieutenant von Waldenburg öffnete die Flügelthür.

Es erfolgte jedoch kein Anruf. Aergerlich, daß gerade seinem Begleiter gegenüber einer seiner Leute sich so nachlässig auf dem Posten zeigte, oder wohl gar eingeschlafen war, ließ er die Thür ziemlich kräftig wieder in's Schloß fallen. Aber das Echo brach sich im Pfeifen des Windes an den hohen Gewölben.

Kein anderer Laut antwortete.

»Schildwach! – he – Schildwach!«

In dem weiten düstern Viereck des Saales blieb Alles stumm.

»Zum Teufel, wo steckt denn der Kerl? He, Wollmann – wo bist Du?«

Otto von Röbel stieß mit dem Fuß an einen Gegenstand. Es klirrte. Er bückte sich und griff danach.

»Wahrhaftig – hier ist das Gewehr des Mannes!«

Ein tiefes Stöhnen rang sich durch den Saal – in demselben Augenblick trat der Mond hinter Wolken hervor – ein dunkler Schatten lag auf dem Estrich des Saales, der Körper der Schildwach.

Lieutenant von Waldenburg kniete bereits an seiner Seite. »Um Himmelswillen, was ist Ihnen, Wollmann, sind Sie verwundet? ist Etwas geschehen?«

Der Soldat erholte sich allmählig wieder unter der freundlichen Zusprache. Der kräftige Bursche zitterte in den Armen der beiden jungen Männer.

»Herr Lieutenant! Gott sei's gedankt, Herr Lieutenant, daß Sie da sind! Bringen Sie mich fort,« stöhnte er – »lieber vier Wochen schweren Arrest, als das noch ein Mal!«

»Ermannen Sie sich, Wollmann, sagen Sie, was ist Ihnen geschehen?«

»Nein, nein! hier nicht! Um Himmelswillen, Herr Lieutenant, so wahr Sie an die ewige Seeligkeit glauben, bringen Sie mich fort von hier. Da – da heraus kam es!« Er wies schaudernd nach der Seite der Elisabethkammern.

»Hier muß etwas Besonderes vorgegangen sein,« sagte der Lieutenant von Waldenburg zu seinem Begleiter. »Helfen Sie mir wenigstens den Mann bis herunter zum nächsten Posten bringen.«

»Sehr gern! ich glaube nur, daß die Kälte ihn eingeschläfert, oder der Branntwein seine Phantasieen hervorgerufen hat!«

»Gleichviel, wir müssen thun, was unsere Schuldigkeit ist!« Der Offizier und sein Begleiter nahmen den noch immer halb Betäubten unter den Arm und führten ihn den Aufgang herunter.

Später erinnerte sich Otto von Röbel, daß er, gerade vorher, ehe sie die Thür des Schweizer Saales geöffnet hatten, die Uhr des Doms hatte halb Eins schlagen hören.

Als sie den Soldaten, der sich jetzt wieder körperlich etwas erholt hatte, aber noch immer verstört um sich blickte und bei dem geringsten Geräusch zusammenfuhr, bis zu dem Absatz der ersten Etage gebracht, wo der erste Posten vor den Gemächern des Königs stand, rief der Offizier diesen herbei.

»Ihr Kamerad ist unwohl geworden, Bölte,« sagte er. »Helfen Sie denselben nach der Wachstube bringen und senden Sie sogleich Ablösung herauf.«

»Es würde am Besten sein, wenn Sie selbst mitgingen, Herr von Waldenburg,« meinte Otto von Röbel bedeutsam. »Befragen Sie den Mann in Ihrer Stube, Herr Thiele kann Ihnen vielleicht dabei rathen.«

»Sie haben Recht, – aber ich darf den Posten hier nicht ganz unbesetzt lassen. Es ist strenger Befehl!«

»Nun, ich bin ja Landwehrmann – betrachten Sie mich, als zur Fahne eingezogen. Ich werde den Dienst versehen bis zur nächsten Ablösung, Sie brauchen sich deshalb nicht zu beeilen.«

»Das ist eine Aushilfe, besten Dank Herr von Röbel, ich will Sie nicht lange warten lassen. – Noch Eins! Es ist Ordre, alle Personen, ohne Unterschied des Geschlechts, welche während der Zeit die Gänge passiren, zu verhaften und bis zur nächsten Patrouille festzuhalten!«

»Gut – es soll geschehen. Welchen Posten soll ich einnehmen? Hier oder im Saal?«

»Wenn Sie die Güte haben wollen, etwa vor der Thür des Saales, wo Sie die beiden Stockwerke des Treppenhauses übersehen können; das genügt. Ich werde Ihnen sogleich Ablösung senden.«

»Nochmals – ich warte gern. Thun Sie erst das Nöthigere.«

Er hatte bereits das Gewehr geschultert, das er oben im Saal vom Boden aufgenommen und seitdem getragen hatte, und stieg den Aufgang hinan, bis zum mittleren Absatz, von dem aus man in das Treppenhaus hinunter, und gegenüber den Eingang zu den Königlichen Gemächern übersehen konnte. Hier blieb er stehen und betrachtete, an die Balustrade gelehnt, den seltsamen Wechsel des von den fliegenden Wolkenschatten unterbrochenen Mondlichts.

Lieutenant von Waldenburg war dem Gardisten gefolgt, der bereits seinen Kameraden über den Hof führte.

Der Wind verstärkte sich mit jedem Augenblick und heulte jetzt in schrillen Tönen durch die Gänge und offenen Korridore. Otto von Röbel, der bei der Begleitung des Offiziers seinen Mantel zurückgelassen, knöpfte schauernd den Rock fester und drückte sich hinter einen der Pfeiler, wo der Zug aus dem Treppenhause herauf ihn nicht erreichen konnte.

So verging einige Zeit.

Die dunklen Schatten spielten wie ein flüchtiges Heer von Nebelgeistern auf den weißen Wänden und Pfeilern.

Dann, in einer kurzen Pause des Sturms, als sammle dieser seine Kraft zu einem neuen Angriff, hörte der junge Edelmann aus dem Durchgang der beiden Höfe den klirrenden Tritt der Ablösung kommen und sah sie durch das Fenster über den innern Hof schreiten.

Zugleich hob die Uhr des nahen Doms aus und der erste Schlag der vollendeten vier Viertel der Stunde klang herüber.

Er wandte sich mechanisch um und schaute wieder das jetzt von einer Wolke verdunkelte Treppenhaus hinab.

In demselben Augenblick

 

Die Ablösung war erfolgt. Otto von Röbel hatte das Gewehr abgegeben und folgte dem Gefreiten, der zur Schloßwache zurückkehrte.

Als der junge Edelmann bei dem Offizier eintrat, der am Tisch schrieb, während der Soldat, welcher den Posten im Saal gehabt hatte und dort krank geworden war, auf einem Schemel saß und der alte Thiele dabei stand, begegnete sein Auge dem aufmerksam und fragend auf ihn gerichteten Blick des alten Dieners.

Der junge Mann war sehr blaß. Er ging schweigend zu dem Ofen, auf dem noch immer der Punschtopf stand, goß den Rest in eines der großen Gläser und trank es leer. Dann schüttelte er sich, als hätte ihn der Frost durchkältet und das warme Getränk machte wieder das Blut durch seine Adern rollen.

Der alte Diener beobachtete aufmerksam alle seine Bewegungen. Als sein Auge wieder noch ebenso ernst und fragend das des jungen Edelmanns traf, schlug dieser das seine zu Boden und sein männliches Gesicht überflog eine helle Röthe, gleich als schäme er sich einer bewiesenen Schwäche.

»So mein Junge,« sagte der Offizier, indem er die Feder niederlegte und das Rapportbuch schloß. »Das genügt, und nun geh und leg' Dich auf's Ohr und schlafe den Unsinn aus. Du hast offenbar geträumt, denn wenn wirklich ein Frauenzimmer durch den Saal gegangen wäre und auf Deinen Anruf nicht stehen wollte, würdest Du sie wohl festgehalten haben.«

»Aber Herr Lieutenant,« sagte fast weinerlich der Soldat, »ich kann doch Nichts dafür, wenn das Gewehr mitten durch sie hindurchgegangen ist. Was danach geschehen, das weiß ich halt nicht mehr, denn ich war ja so erschrocken, und erst, als der Herr Lieutenant mich aufweckten, merkte ich wieder, daß ich noch lebendig war!«

»Dummkopf!« murrte der Offizier. »Sie haben offenbar geträumt, Wollmann,« sagte er dann barsch. »Wenn wirklich eine solche Weibsperson, wie Sie dieselbe beschreiben, vorbeigegangen wäre, müßte Ihr Kamerad sie doch auch gesehen haben.«

»Ja, Herr Lieutenant, das eben begreife ich nicht!«

»Sehen Sie wohl! – Und nun« er wechselte einen Blick mit dem alten Diener, der schweigend zunickte, »merken Sie sich noch Eins. Wenn Sie drüben in der Wachstube irgend ein faules Gerede machen, durch das Sie zum Spott Ihrer Kameraden werden, so will ich dafür sorgen, daß Sie acht Tage scharfen Arrest erhalten, weil man Sie auf Ihrem Posten in höchst zweifelhaftem Zustande gefunden hat. So – nun können Sie gehen!«

Der Soldat machte die Honneurs und entfernte sich.

Als sie allein waren, machte der Offizier ein ernstes, ärgerliches Gesicht.

»So, Herr Thiele, ich habe nach Ihrem Wunsche und Ihrer Anweisung gehandelt. Was nun? Im Ganzen ist und bleibt es eine seltsame und verdrießliche Geschichte. Wollmann ist der nüchternste Bursche in der ganzen Compagnie und das Gerede wird sich doch kaum vermeiden lassen. Ich bitte um Ihr Wort, Herr von Röbel, nicht darüber zu sprechen, aber da Sie durch Zufall nun einmal Zeuge geworden, ist es besser, Sie wissen die Sache ganz. Denken Sie, der alberne Bursche behauptet, die Weiße Frau gesehen zu haben.«

»Die Weiße Frau?«

»Ja, das bekannte Schloßgespenst, von dem so viel gefabelt ist.«

»Aber wäre denn das so unmöglich?«

»Unsinn! wer glaubt heut zu Tage an solchen Kinderschnack! – Aber melden müssen wir's freilich und deshalb habe ich ein kurzes Protokoll mit dem Burschen aufgenommen. Wahrscheinlich war irgend eine Spitzbüberei im Werke oder ein Schloßbewohner wollte sich einen Streich erlauben. Ist's nicht so, Herr Thiele?«

»Gewiß! gewiß, Herr Lieutenant! Aber da nun der Ausgang wieder gestattet ist, will ich mit Ihrer Erlaubniß selber den Herrn von Röbel hinaus lassen. – Der Herr Oberstlieutenant,« setzte er leise hinzu, – »kommt gewiß noch ein Mal wieder, um sich zu erkundigen, ob wir den Dieb haben, und es würde zu unnützen Weitläuftigkeiten führen, wenn er den Herrn da fände.«

Es ließ sich wirklich an dem Wesen und Sprechen der beiden Männer, des Offiziers und des alten Dieners nicht recht absehen, was sie eigentlich von der Sache dachten.

Lieutenant von Waldenburg war bestens mit dem Vorschlag einverstanden. Er entschuldigte sich sehr bei dem jungen Edelmann, daß er ihn so ohne Weiteres an die Luft setze. Otto von Röbel erwiederte die Entschuldigung höflich, aber kurz, indem er sich, wie es in der That der Fall war, selbst als die Ursache bezeichnete; denn es drängte ihn, fortzukommen, und allein zu sein.

Der alte Diener nahm seine Schlüssel, mit dem Bemerken, daß er ihn aus dem Portal nach dem Lustgarten zu hinaus lassen wolle, wo er rascher Unter den Linden sei, und führte ihn über den Hof.

Sie gingen schweigend neben einander her. Erst als sie auf der andern Seite unter der großen Wölbung des letzten Portals nach dem Dom zu standen und der alte Mann bereits den Schlüssel in das Schloß gesteckt hatte, brach er mit einem scheuen Blick zurück nach dem Schweizer Saal das Schweigen.

»Sie haben sie gesehen, Herr von Röbel?«

Der junge Mann nickte.

»Ich dachte mir's sogleich, als Sie eintraten. Es thut nicht gut, davon zu sprechen – also schweigen Sie auch, Sie sind ein verständiger junger Herr. Es bringt ohnedem wenig Glück, sie gesehen zu haben. Es thut mir leid, es Ihnen sagen zu müssen, Herr von Röbel, aber es ist besser, Sie wissen es und sind darauf vorbereitet. Als sie mir am Neujahrstage 1840 begegnete, starb mein einziger Sohn in dem Jahre!«

Der alte Mann wischte sich eine Thräne aus dem Auge, dann öffnete er das Gitter.

»Nicht wahr – weiß – mit der großen Spitzenhaube, und das Gesicht so bleich wie Schnee?«

Wiederum bejahte der junge Mann schweigend.

»Ja, ja – so ist es. Mit den Schlüsseln in der Hand. So kommt sie vom grünen Hut her – Sie kennen doch den grünen Hut?«

»Nein!«

»Den alten Thurm an der Schloßseite nach der Spree mit dem grünen Kupferdach! – Dort ist es geschehn! – Es nutzt Nichts, daß man die Thüren doppelt und dreifach verschließt, sie läßt sich nicht halten, wenn Gott ihre Zeit bestimmt hat. Durch die Elisabethkammern kommt sie und geht durch den Schweizer Saal nach der Galerie! So war es gestern schon!«

»Nein! – wenn es wirklich eine Erscheinung war, was ich zu sehen glaubte, aus einem Reiche, das unsern Augen verschlossen ist,« sagte der Junker ernst – »so hat sie einen andern Weg genommen!«

»Wie? Herr von Röbel, ich bitte Sie, sagen Sie mir Alles!«

»Der Schatten – die Erscheinung, was es auch sein mochte, doch war sie ganz Ihrer Beschreibung gemäß, kam aus dem Eingang zu den Gemächern Seiner Majestät des Königs und glitt dicht an mir vorüber die Treppe hinauf zum Schweizer Saal. Ich sah die starren Augen deutlich auf mich gerichtet, aber ich war in der That zu consternirt, um etwas Anderes zu thun, als schweigend ihr nachzusehen. Erst dann fiel mir ein, daß es eine Täuschung sein könnte. Aber als ich hinaufstieg zum Saal, war Nichts mehr zu erblicken!«

»Sie war es! – Also doch! Aus den Zimmern des Königs! – Gute Nacht Herr von Röbel, und nochmals – das Beste ist, Sie schweigen ganz über die Sache! – In Jahresfrist, Herr von Röbel, werden wir einen Thronwechsel haben, oder Kriegsgefahr. Gott schütze das Vaterland!«

Er drückte die Gitterthür in's Schloß – der Edelmann war allein.

Es war still und einsam auf dem weiten Platz – selbst der Wind, der vorhin so sturmartig geheult, war erstorben.

 

Wir haben den »Schwager,« – wie er sich selbst zu nennen beliebte! – des Lieutenant von Röbel verlassen, nachdem er sich von diesem getrennt, schwankend, ob er sich nach dem Orpheum oder noch zu seinem »Geldherrn« begeben solle.

Als Mann von Verstand, der das Angenehme mit dem Nützlichen zu vereinen weiß, wählte er das Letztere.

Herr Samuel Jonas wohnte Unter den Linden. Der Leser weiß, daß er ein ehemaliger Dieb und langjähriger Zuchthaussträfling und jetzt ein Factotum der Geld brauchenden vornehmen Herrn war, daß Fürsten und Grafen sich nicht scheuten, den alten Einbrecher zu besuchen, daß die Polizei und die Presse an seinen Soupers Theil nahm, kurz, daß eben eine jener schmählichen Wendungen vorlag, die eben nur in einer großen Stadt möglich sind.

Herr Samuel Jonas machte ein Haus, er hielt Equipage, stiftete Heirathen in der vornehmen Welt, machte bedeutende Geldgeschäfte, ohne viel persönlich aufzutreten und hatte hübsche Töchter. Die kleine Rebekka, die früher bei ihm in der Jakobsstraße als Nichte figurirte, war längst abgeschafft und an irgend einen »Schnorrer« versorgt, und es ließ sich hoffen, daß Papa Jonas noch immer einmal »Kommerzienrath« werden könnte.

In diese Gesellschaft müssen wir den Leser führen. Sie wird überhaupt bald die »gute Gesellschaft« von Berlin bilden, denn die Herrschaft des Judenthums wächst in der Preußischen Hauptstadt seit 17 Jahren, das heißt seit 1848, mit einer so rasenden Schnelligkeit, daß das ehemalige Bürgerthum immer weiter zurückgedrängt wird und zuletzt noch einmal selbst in den Judenhof eingesperrt werden kann. Es fällt dem Verfasser nicht im Traum ein, eine Philippika gegen den jüdischen Glauben zu schreiben, er achtet und ehrt den gewaltigen, seit Jahrtausenden den Orkanen der Weltgeschichte trotzenden Bau, und zählt unter seinen Bekennern wahre und geschätzte Freunde. Er ehrt ihren Fleiß, ihre Strebsamkeit, ihre sittlichen Tugenden, ihr festes Zusammenhalten, ihre Treue gegen die alten Satzungen, was Alles den Christen ein wichtiges Beispiel sein sollte! Und dieser Bau wird auch ferner ausdauern und trotzen den Stürmen der Zeit, wenn der selbst erzeugte Wurm ihn nicht untergräbt und seine Grundvesten erschüttert.

Was der Verfasser unter »Judenthum« versteht, ist etwas ganz Anderes – eine Wucherpflanze aus dem kräftigen Stamm, die ihn selbst der besten Säfte beraubt und unter ihren Ranken erdrückt; ein Auswuchs, der so gewaltig wird, daß zuletzt nicht das Messer des Gärtners mehr ausreichen kann, sondern der Axthieb nöthig ist! ein Kriechpflanzenthum, was den ganzen kräftigen Eichenwald des bürgerlichen Lebens überwuchert und erstickt. Das Judenthum ist auch ein Kind von Achtundvierzig, gleich dem französischen Kaiser, und beide zusammen sind die wahre Revolution Europas, nicht die Hängegensd'armen Polens oder die mazzinistischen Verschwörungen!

Mit dem Bettelsack auf dem Rücken einwandernd, frißt es sich, wie ein humoristischer jüdischer Schriftsteller sagt, gleich »Oleum« überall durch, sprengt die seitherigen Ordnungen der Gesellschaft, macht den Handwerker durch die Macht des Kapitals zum Sclaven, rodet dem Landmann seine Wälder aus, wirft den Besitzer aus seinem vielhundertjährigen Erbe, steigert durch seine raffinirte Genußsucht die Bedürfnisse und vertheuert dem Armen sein sauer verdientes Brod, macht Kunst und Wissenschaft zur Speculation, mästet sich mit dem durch gute Freunde ihm in die Hände gespielten Eigenthum des Staates, und baut sich Paläste Unter den Linden! Schlimmer noch, als sein Einwirken auf die materielle Gesellschaft ist sein Drängen in die Politik, seine Vergiftung der großen politischen und staatlichen Prinzipien, eine Thätigkeit, die ganz gegen den guten conservativen Geist des alten jüdischen Glaubens ist.

Man deckt das schützende Dach ab, um Wind und Regen freies Spiel in das Innere des Baues zu verschaffen!

Gegen dies Judenthum, das allein die Blindheit der bürgerlichen Gesellschaft, die Binde, welche der mißverstandene Fortschritt ihr um die Augen gelegt hat, ermöglicht, kämpfen wir und werden wir immer kämpfen. Also gegen die rücksichtslose Ueberhebung des Kapitals über die Arbeit, gegen die Entnervung des Bürgerthums, gegen die Unterjochung und Ruinirung des Grundbesitzes zum Vortheil der Börsen-Agiotage, gegen das Eindrängen in fremde Kreise, gegen die Schätzung von Ehre und Recht, Ruhm und Heiligthum nach Thalern und Aktien! Dagegen, daß das christliche Mädchen für die kummervolle Arbeit noch ihren Körper in den Kauf giebt! – dagegen, daß der Börsenjobber steuerfrei bleibt, und der Schweiß des Landmanns, des Handwerkers, die Sorge des Grundbesitzers den Unterhalt des Staates tragen, sein Blut die Schlachtfelder tränken soll – dagegen daß man unsern Glauben profanirt und zersetzt, unsere Heiligthümer zu Contracten herunter zerrt, die Fürstenkronen von Gottes Gnaden zum Ausverkauf eines spekulativen Baumwollenfabrikanten oder raffinirten Tribünenschwätzers machen will! – Dagegen Krieg auch mit diesem Buch! – – –

Im Salon des Herrn Samuel Jonas war sehr lustiges Leben. Das feine Souper, – das einer der besten Berliner Köche geliefert, – war zu Ende, Madame war nach üblicher Manier bereits mit dem Teller umhergegangen, um die Kosten für das Couvert und den Wein einzukassiren, und die Gesellschaft ergab sich jetzt zwangloser Unterhaltung.

In einem Nebenzimmer wurde eifrig gespielt, ein kleines Tempelchen, bei dem oft Hunderte, ja zuweilen Tausende auf dem Spiel standen, wenn sie auch nicht sichtbar auf der Karte lagen. Die Eingeweihten verstanden sich auf den Wink und wußten, was zwei Schwefelhölzer neben einander oder über's Kreuz gelegt zu bedeuten hatten.

Die Gesellschaft war sehr gemischt – dem Leser bereits bekannte und viele unbekannte Personen. Die, welche die Bank hielt, gehörte zu den ersteren, es war der Doktor Lazare, der mit der Gräfin Törkyöni seit Beginn des Winters sich wieder in Berlin befand, wo jetzt eine offene Arena für die Talente des Paars sich zu bieten schien.

Die Nacht am Stilfser Joch war längst vergessen und die Erinnerung an die Gefahr diente höchstens zu einem höhnischen Witzwort auf das betrogene Mädchen und den tugendhaft gewordenen Bettgenossen der Gräfin oder den halbverrückten Greis, dem sie den Enkel gemordet.

Der Verrath von Mailand hatte seine Früchte getragen: Gräfin Martha hatte in Wien ihren Erbschafts-Prozeß glänzend gewonnen, auch nach den Diamanten der schönen Julia Bignatelli war keine weitere Nachfrage gewesen, auch dieselbe bereits die glückliche Gattin des Rittmeister von Trautmannsdorf, und Doktor Lazare hatte einen Antheil von 40  Thalern für die glänzende Führung ihres Prozesses von der Gräfin ausgezahlt erhalten, unbesehen verschiedener anderer Vortheile.

Jetzt saß dieselbe mit einem ziemlich häßlichen, magern und kleinen Frauenzimmer von einigen dreißig Jahren, das lebhaft und mit orientalisch heftigen Gesticulationen mit ihr und einem kleinen Herrn mit sauberem, oval vollen glatten Gesicht und goldener Brille sprach und den es in den Anreden Herr Professor nannte, vor dem Kamin.

Ein Herr mit sehr aristokratischen, aber lässigen Manieren und abgelebtem Gesicht, dessen gräfliche Familie die nahe Verwandtschaft sich gerade keineswegs zur besonderen Ehre anrechnete, – ein bildhübscher junger Offizier in Civil, von den Töchtern des Hauses bei jeder Gelegenheit »Herr Baron« angesprochen, und eine dieser Töchter bildeten eine zweite Gruppe auf und neben einer Causeuse, die mit kostbarem Seidenstoff überzogen war, aber bereits verschiedene große Fettflecken zeigte. Am Pianino saß die älteste Tochter des Hauses und präludirte, schmachtend hin und wieder den Kopf hinten überbeugend und zu einem jungen und kräftigen Mann mit blondem Haar und bauschigem Bart emporlächelnd, dessen wirklich männlich hübsches Gesicht durch ein Paar lüsterne blaue Augen belebt wurde.

Zwei andere Gruppen sind jedoch in diesem Augenblick für uns von größerem Interesse.

Auf einem Sopha, von dem aus man das Zimmer mit dem Spieltisch übersehen konnte, um welchen sich der Rest der Gesellschaft gesammelt hatte, saß der Kommissionsrath Boltmann, der Hausherr und Freund der Kammerherrin von Werben, der Agent jenes mächtigen Ordens, der im Kampf mit oder neben der Revolution noch immer die Welt zu beherrschen strebt und jedenfalls noch einen mächtigen Einfluß auf die Geschicke der Völker übt.

Der Rath sprach bald mit dem ab- und zugehenden Hausherrn, bald mit einer Dame, die neben ihm auf dem Sopha saß.

Es war eine große schlanke Blondine, über die erste Jugendfrische hinweg, aber von jenen Formen, die auch dann noch einen Mann erhitzen, ja häufig noch mehr erregen können, wenn es beabsichtigt wird, als die jugendlichern, aber eckigeren und naiveren Reize der ersten Blüthe. Die Dame mochte neunundzwanzig bis dreißig Jahre zählen. Prachtvolles dickes Blondhaar, wie man es selten findet, umgab mädchenartig in zwei breiten, diademartigen Zöpfen die reine Stirn und hing in kurzen, zahlreichen Locken an beiden Seiten des gerundeten Gesichts bis zu dem vollen kräftig zur prächtigen Büste niedergewölbten Halse nieder. Die üppig zum Genuß gewölbten Lippen waren frisch und voll und Alles an diesem Weibe schien zum berauschenden Sinnengenuß der Liebe einzuladen, denn der sonst blassen Gesichtsfarbe hatte die Kunst den Anschein des wärmer pulsirenden Lebens eingehaucht.

Nur die Augen hatten einen dem widersprechenden Ausdruck.

Sie waren lichtblau und starr, von jenem matten, erkältenden Glanz, der eine enorme Willenskraft und Energie anzudeuten pflegt.

Die Dame war elegant, ja kostbar nach der neuesten Mode gekleidet und trug werthvolle Schmucksachen, die sich mit denen der Gräfin am Kamin messen konnten, obschon sie nur die Frau eines bürgerlichen Geschäftsmannes war. Dieser ihr Gatte saß an dem Spieltisch des Nebenzimmers und schien mit leidenschaftlichem Eifer sich an dem Spiel zu betheiligen. Zuweilen griff seine Hand in das krause, schwarze Haar und riß daran wie in Wuth und Angst, dann wieder beugte er sich weit über den Tisch, als wolle er die schlanken Wachsfinger des Bankiers beim Aufschlagen beobachten, oder er stieß eine halblaute Verwünschung aus, wenn er verlor.

Seine Frau sah diesem Schauspiel mit auffallender Ruhe zu, ja zuweilen, wenn sie sich unbemerkt glaubte und ihrem Gatten wieder ein Zeichen seines leidenschaftlichen Aergers über den Verlust entfuhr, flog ein finstres, unheimliches Lächeln über ihre sonst so schönen und sanften Züge. Ein oder zwei Mal hob sich dabei ihre Hand nach dem Busen, der hoch aufathmete, als feiere seine Herrin einen Sieg.

Madame Polenz, denn es war die ehemalige Geliebte des am 18. März erschossenen Lieutenant von Röbel, die jetzige Gattin des Mannes, dessen tückische Kugel ihn getödtet, war aber keineswegs so unbeobachtet. Das lebhafte graue Auge des Kommissionsraths folgte, ohne daß es den Anschein hatte, lebhaft allen ihren Bewegungen, indem es zugleich die Gruppe der Spieler belauerte. Dabei führte der Rath, wenn er sie nicht mit Allgemeinplätzen unterhielt, eine ziemlich bedeutsame Unterhaltung mit dem Hausherrn, die jedoch äußerlich gleichfalls den Anschein gleichgültigen Inhalts bewahrte.

In der Fensternische des Zimmers, in welchem eines der Fräulein Jonas musicirte und mit dem hübschen Journalisten kokettirte, während doch ihr Blick sich oft ungeduldig und ärgerlich nach der Thür wandte, saßen zwei Herren an einem kleinen Tischchen, auf dem im silbernen Eiskühler eine Flasche Champagner stand, die sie nach dem Souper noch leerten. Auch für die anderen Herren, namentlich im Spielzimmer, stand Rothwein und der Feuertrank der französischen Kreideebene, wenn man dem Etiket Glauben schenken durfte, auf Seitentischen zum Gebrauch, während türkischer Taback und gute Havannahs daneben lagen. Alles rauchte, selbst die meisten der anwesenden Frauen.

Der eine der beiden Männer war groß, kräftig, mit jenem blassen, unreinen Teint, den häufig das röthliche Haar mit sich führt, und hatte einen starken, rothen Vollbart. Der Andere, über die Fünfzig hinaus, hatte ein etwas zusammen gekniffenes, finstres Gesicht und bereits stark graumelirte Haare.

Während man sonst in den verschiedenen Gruppen sich meist von den Tagesneuigkeiten oder Geschäften unterhielt, sprachen die Beiden von Politik.

»Sie sind zu ungeduldig, lieber Freund,« sagte der Aeltere. »Ich dächte, Sie konnten von dem Ausfall der letzten Wahlen unmöglich mehr erwarten. Wir müssen diese Uebergangsperiode haben aus verschiedenen Gründen. Ein plötzlicher Sprung von der manteuffel'schen reactionairen Landrathskammer mitten hinein in eine demokratische Majorität war unmöglich, ohne überall anzustoßen. Wir haben einige tüchtige Kräfte hinein gebracht, die wissen, was sie wollen, und noch mehr Saamen für die Zukunft.«

»Aber sie sind zu schwach, um eine Fraction zu bilden!«

»Desto eher werden sie die Liberal-Constitutionellen sprengen. Glauben Sie wirklich, daß Matthis, Schwerin, Wentzel, Vincke u.s.w., sich auf die Dauer mit Gneist, Grabow, Lette und Reichenheim vertragen werden? Lieber Freund, ein Mann wie Sie kennt doch den ersten Grundsatz der Agitation. Man muß die Leute vorwärts treiben, ohne daß sie es selbst gewahr werden. Unsern Zwecken konnte nichts Glücklicheres kommen, als dies Ministerium und diese Kammer der konstitutionellen Faseleien. Wenn irgend Etwas die Hohlheit dieses Halbwesens und Scheinconstitutionalismus brach legen kann und dem Volk zum Gespött machen, so wird es diese Session thun. Diese Doktrinaire werden sich in lauter Principien festreiten, und wenn sie nicht mehr weiter können, schmählich davon laufen und der Krone die Schuld geben. Uns aber haben sie den Weg gebahnt. Wo sie endigen, da ist unser Anfang. Was zu uns gehört, geht mit fliegenden Fahnen in unser Lager über.«

»Aber wir sind dennoch in der Kammer in der Minorität!«

»Sehen Sie den Professor dort an; bei den nächsten Wahlen wird er darin sein und trotz aller Versprechungen an den Minister eine unserer besten Stützen. Es ist schade für die Wissenschaft, aber gut für uns, denn es ist Nichts in der Welt, worüber er nicht schwatzen wird. Bei den Wahlen 1855 haben 16 Prozent der Berechtigten gewählt, diesmal bereits 22 und wir werden es bei den nächsten sicher auf 40 bringen. Die Conservativen sind durch die Haltung des Regenten in sich selbst uneins und werden sich spalten; die Einen werden es für Pflicht halten, blind seiner Person anzuhängen, die Anderen werden das Heil des Conservatismus in dem Festhalten an der Kreuzzeitung finden. So wird Zwiespalt im eigenen Lager und Mißtrauen zwischen dem Prinzen und den Feudalen entstehen, das ihn zuletzt in unsere Hände treibt. Das Nöthigste ...«

»Nun?«

»Ei nun, das ist das Ende dieses Königs, der weder leben noch sterben kann. Dann ist sein Nachfolger gezwungen, eine politische Amnestie zu geben, Auerswald und Patow werden dafür sorgen. Bei den nächsten Wahlen müssen wir sämmtliche Führer der Demokratie in der Kammer haben und dann geht der Tanz los. Die Militairfrage muß die Handhabe liefern, um uns das plein pouvoir über das Budget zu geben. Damit sind wir die Regierenden, und daß unsere Gegner nicht wieder aufkommen sollen, dafür lassen Sie uns sorgen. Wir sind keine Narren wie die Engländer mit ihren Whigs und Torie's.«

»Sie vergessen einen wichtigen Faktor in Ihrer Rechnung!« »Welchen?«

»Die Beamten!«

Der Aeltere lachte. »Sind Sie denn wirklich noch so grün in der Politik,« sagte er, »um nicht zu wissen, daß die Geheimen Räche bei uns unsere besten Stützen sind? Die Clique ist so eingenistet, daß der Chef eine Null ist. Was sie nicht wollen, das geschieht nicht, und ein energischer reaktionärer Minister wäre für sie die höchste Gefahr. So ein Bischen constitutionelle Opposition machen, kitzelt ihre Nase und ich wette, daß das nächste Mal drei Viertheil die offene Opposition zeigen. Sehen Sie mich an – was zum Teufel, ich sage Ihnen hier unter uns, wenn einer meiner Räthe das thäte, was ich alle Tage Herrn Simons anthue, ich jagte ihn auf der Stelle fort!«

Die Unterhaltung stockte einen Augenblick, während Beide den kalten Champagner schlürften, dann nahm sie der Rothbärtige wieder auf.

»Und welche Schritte, welche Taktik rathen Sie uns später?«

»Lassen Sie jetzt die Presse vorarbeiten. Die Angriffe gegen die Polizei von London aus sind ja bereits vorbereitet. Sie muß völlig discreditirt und eingeschüchtert werden, damit sie der Vereinsthätigkeit keine Hindernisse in den Weg legt. Dann kommen die Andern an die Reihe – zunächst das Ansehen der Krone, dann die Armee. Was das Erstere betrifft, so glaube ich, sammelt die da« – er wies nach dem Kamin – »ein tüchtiges Material! Die Angriffe gegen die frühere Regierung, die Mißregierung, noch während Friedrich Wilhelm IV. lebt, werden uns die besten Dienste thun. Man muß sich daher beeilen und keine Schonung kennen. Je giftiger, je besser! Vor Allem gilt es, dieses albern spezifische Preußenthum im Volke zu beseitigen, diesen Preußischen Soldatengeist! So lange diese vorhanden, steht das Königthum uns zu fest. Deshalb bin ich auch für die Gründung eines deutschen National-Vereins, er nimmt Preußen die Macht aus der Hand. Ueberdies brauchen wir Mittel, um die Führer für alle Eventualitäten durch Anlage von Kapitalien in London sicher zu stellen!«

»Aber die Regierung wird sich das Alles nicht gefallen lassen?«

»Dieses Ministerium? Je mehr wir aufräumen helfen, desto willkommener wird es ihm sein. Wenn es die Gefahr merken wird, wird es bereits zu spät sein. Die Presse,, die sich Auerswald bildet, zieht er für uns. Sie wissen ja am Besten, daß wir die Presse in der Hand haben. Alle jungen frischen Kräfte fallen uns zu, denn die Conservativen sind zu einfältig, um sich bei Zeiten nach dieser Seite und im Beamtenthum zuverlässig zu verstärken, wenn sie am Ruder sind oder Gelegenheit dazu haben. Sie fürchten unser Geschrei, während wir bei unserm Vorgehen uns nicht um das ihre kümmern. Darin liegt eben das Geheimniß unsers Emporkommens, daß wir zusammenhalten und unsere Leute schützen, selbst wenn ihnen einmal etwas Menschliches passirt, das sie mit der Kriminaljustiz in Verbindung bringen könnte, während die Junkerpartei den ihren womöglich noch einen Fußtritt gibt. Ein Reaktionair wird niemals Karriere machen, ein tüchtiger Demokrat immer, wenn er will. Bei uns steht das Portefeuille Jedem offen – sie lassen ihre besten Kräfte fallen, wenn der Wind oben einmal ein Bischen anders weht. Zeigen das nicht die gegenwärtigen Wahlen? Diese Mißachtung des Junkerthums gegen das conservative Bürgerthum und seine Kraft ist unser bester Bundesgenosse und schafft uns die meisten Rekruten. Hinckeldey war der Einzige, der das begriff, und sie haben ihn todt geschossen!«

»Man sagt, es soll viel zu der Krankheit des Königs beigetragen haben!«

»Unzweifelhaft, dies und die russische Geschichte! – Zunächst gilt es, daß wir uns des Vereinsrechts bemächtigen. Wir müssen durch ganz Berlin Bezirksvereine gründen, welche die Agitation in die Hand nehmen. Mit ihrer Hilfe wird es möglich sein, die Kommunalbehörden hier und in den Städten überhaupt umzuformen; die conservativen Elemente müssen daraus entfernt werden – sie sind der Demokratisirung der Bevölkerung am gefährlichsten. Die Conflicte mit der Staatsgewalt ergeben sich dann von selbst. Auf dem Lande ersetzen das die Kreisrichter. Diese Souveränität der kleinen ehrgeizigen richterlichen Beamten ist das Dümmste, was die Regierung thun konnte. In drei Jahren werden wir mindestens 33 Prozent Advokaten – denn die kleinen Richter gehören dazu – in der Kammer haben. Aber die Hauptsache .... das Ohr des ....«

Der Redner unterbrach sich, da der Hausherr so eben, sich die Hände reibend, herbei kam.

»Wie schmeckt Ihnen der Champagner, Herr Geheime Rath? Noch ein Fläschchen gefällig? ich werde gleich dem Friedrich befehlen! Bei Gott, er kostet mir doch selber auf der Auktion im Packhof sieben Franken die Flasche, was ist nach unserm Geld Ein Thaler und Sechsundzwanzig Silbergroschen!«

»Er ist wirklich sehr gut, Herr Jonas!«

»Und haben Sie die Ida, meine Jüngste spielen hören ihre neueste Composition? Gott, was is Mendelsohn und Offenbach, und selber der Meyerbeer dagegen? Ich sage Ihnen, es wird ein Genie, wie wir noch keins gehabt haben. Sie schreiben schon in die Zeitungen davon! – Wollen Sie nicht machen vielleicht auch ein Spielchen zur Abwechselung? Es ist gut zur Verdauung.«

»Später, Herr Jonas! – Einen Augenblick, lieber Freund!« – Er hatte den Hausherrn am Arm genommen und entfernte sich mit ihm.«

»Nun, Herr Jonas, wie ist die Geschichte mit dem Bittgesuch ausgefallen?«

»Ganz erwünscht – aber ...«

»Nun?«

»Können Sie schweigen, Herr Geheime Rath?«

»Ich dächte doch, Sie sollten es wissen!«

»Nun dann will ich Sie anvertrauen auf Ehrenwort die ganze Geschichte, die viel Stoff gäbe zum Lachen, wenn sie würde bekannt, die aber doch verschwiegen bleiben muß auf's Geheimste, von wegen der Zukunft, weil wir den Weg brauchen können noch mehr.«

»Erzählen Sie, Sie haben mein Wort!« »Sie haben mir doch verschafft die Empfehlung von dem Herrn Professor. Drauf bin ich gegangen zu der jungen Frau, die geweint hat und lamentirt den ganzen Tag von wegen ihres Mannes und hab' ihr gesagt, gehn Sie zu der Excellenz, die's kann machen allein, daß Gnade ergeht vor Recht. Die Excellenz liebt ä schönes Gesicht, und wenn sie auch schon alt ist, hat sie doch noch Blut in den Adern wie ä Jüngling von dreißig. Sie müssen nur sein nicht spröde, und wenn die Excellenz ä Gefallen findt an Ihnen – nu, was is weiter? wer is dabei und wer hat's gesehn? Sie sind so ehrlich wie zuvor, und der Mann is nich kapores für immer!«

»Und die kleine Frau, die so ehrbar thut, ist wirklich da gewesen?«

»Gott bewahre! Wenn Sie hätten gesehn, wie sie auf mir los gesprungen ist bei dem Vorschlag, Sie würden glauben, sie wär geworden eine wilde Katze! Hat sie mir doch wollen auskratzen die Augen! Sie hat geredt wie ä Narr von der Tugend und von der ehelichen Treue und daß sie wär ä ehrliche Frau! Gott im Himmel, was thu ich mit der Treue, wenn der Mann sitzt im Prison? Zuletzt hat sie gewollt lieber sterben, als zu sein gefällig gegen den gnädigen Herrn und hat mir gebeten auf ihren Knieen, zu erfinden ein anderes Mittel!«

»Und Sie?«

»Nun, is mir doch geschossen ä Gedanken in den Kopf wie ä Pfeil. Ich habe gedacht, was brauchts grade zu sein die Eine, wenn die Andere thut denselben Dienst? Ich hab sie beruhigt und hab nur genommen die Papiere und hab geschickt ä Andere zu die Excellenz, die sich ausgegeben hat für die Frau!«

»Und die Excellenz?«

»Was kann wissen die Excellenz, ob es ist die rechte oder die unrechte, wenn sie nur ist hübsch und spielt nich die stolze Lukretia, die ich hab gesehen im französischen Theater in Paris!«

»Also ist die illustre Excellenz wirklich in die Falle gegangen?«

»Was weiß ich? – ich bin nich gewesen dabei. Die Dame hat mir gethan den Gefallen, weil ich ihr hab gethan auch manche Gefälligkeit, das Andere is doch ihre Sache. Aber so viel is gewiß, der Prozeß ist geschlagen nieder und die hübsche junge Frau hat wieder ihren Mann!«

»Darf man denn nich wissen, wer die gefällige Schöne war?«

Der Hausherr lachte behaglich. »Gelt? ich kann mer's denken. Aber ich darf Ihnen sagen Nischt, gar Nischt, obgleich Sie sie kennen recht gut. Aber Jonas, halt Deinen Mund, Sie werden herausbringen Herr Geheime Rath keine Sylbe mehr!«

»Nun gut, die Geschichte ist vortrefflich und wird Ihnen beiläufig ein hübsches Sümmchen Geld eingebracht haben. Dabei fällt mir ein, daß wohl dieser Tage mein Wechsel über die einhundert Thaler fällig ist? Sie werden wohl so gut sein, ihn zu prolongiren!«

»Machen Sie sich keine Sorgen, Herr Geheime Rath, ein Wort, ein Mann, ich bin ein dankbarer Mensch für meine Freunde und Gönner und es ist doch so gut, als war es schon geschehn!«

Der Mäcen oder Client des Herrn Jonas kehrte zu dem Champagner und seinem politischen Freunde zurück.

Der Hausherr rieb sich nach seiner Gewohnheit die Hände und trat zu seiner Tochter am Pianino, die er auf die dicke Frisur tätschelte.

»Rosa, mein Kind, was spielst Du doch vor dem Herrn Doktor, der doch ist ein sehr kenntnißreicher Mann? Er muß doch Alles wissen, wenn er sein will ein Kritikus! Sie spielt ausgezeichnet, Herr Doktor, nicht wahr? Aber es ist doch Nichts gegen das Genie von Ida, meiner Jüngsten!«

Die junge Dame hatte ihre vollen hübschen Lippen, die von großer Sinnlichkeit sprachen, dem Ohr ihres würdigen Erzeugers genähert.

»Papa,« flüsterte sie – »er ist heute wieder nicht gekommen!«

Sie war ein schönes Mädchen, Rosa oder Rosalie Jonas, die Aelteste des neuen Bankiers für die bankerotte Aristokratie oder vielmehr die Aristokratie, die Lust hatte, zu seinem Besten sich bankerott zu machen. Mit jenem Typus der ächt jüdischen Schönheit, der berauschen kann, aber früh verblüht oder in Embonpoint übergeht, vollbusig, jede Linie in üppiger, von der Jugend gefestigter Wellenform, mit weißem Teint und schwarzem Haar und Augen, die wie Raketen zündeten und wie Nachtigallen schmachteten! Das kleine Bärtchen auf der vollen kirschroth und küssenswerth emporgeworfenen Oberlippe stand ihr allerliebst und versprach wunderbare Nächte. Nur um die Winkel der hübsch und kräftig geformten Nüstern zuckte bereits jener kleine Spinnenfuß, der daran mahnt, daß es Zeit sei, die Schönheit in Sicherheit zu bringen, das heißt, den Hafen des Ehestands aufzusuchen.

Fräulein Rosa Jonas hatte zwar keine besondere Bildung, aber sie besaß vom Vater die Klugheit, welche den Mangel vertuscht, ohne die Gemeinheit ihrer werthen Eltern damit zu verbinden. Im Gegentheil, sie schämte sich derselben bei jeder Gelegenheit öffentlich und gab Vater und Mutter zarte Winke; denn Fräulein Rosa war sehr ehrgeizig und die Subscriptionsbälle im Opernhaus und eine aristokratische Heirath gehörten zu ihren Lieblingsneigungen.

»Wenn er ist ausgeblieben heute, wird er kommen sicher morgen,« sagte tröstend der Vater. »Ich hab' ihn doch fest in meiner Hand und werd' ihn bekommen noch fester. Herzleben, mein Kind, ich verspreche Dir auf meine Ehre, Du sollst werden ä wirkliche gnädige Frau, noch eh wir haben wieder Neujahr!«

Mit einem schmachtenden Seufzer ließ sich Fräulein Rosa wieder neben ihrem interimistischen Cicisbeo nieder, der that, als ob er Nichts gehört hätte.

»Siehst Du, mein Kind, Du hast Glück! Da kommt der Herr Günther, mein Agent, ich werd' ihn fragen sogleich.«

Damit schoß der Hausherr mit seinem Spitzbauch voran wie ein Pfeil oder besser wie ein Habicht auf den so eben ziemlich unbeholfen und linkisch eingetretenen Kommissionair zu und faßte ihn an der Rockklappe. – – –

»Es scheint, daß das Spiel Sie interessirt, verehrte Freundin,« sagte der Kommissionsrath mit wohlwollendem Ton zu der jungen, starren Frau an seiner Seite auf dem Sopha, »und doch habe ich Sie selbst noch niemals spielen sehen?«

»Ich spiele niemals, Herr Rath, ich überlasse das einem Andern!«

Ihr blasses Auge funkelte dabei mit einem unheimlichen Strahl hinüber nach dem Spieltisch, wo ihr Gatte eben wieder mit der Hand in den Haaren wühlte, ein Zeichen, daß er verlor.

»Es ist wahr,« sagte der Rath, eine Prise nehmend – »Herr Polenz giebt sich der Sache zu leidenschaftlich hin. Ich fürchte, es wird nicht glücklich endigen!«

Sie wandte ruhig ihr kaltes und doch durchdringendes und stolzes Auge auf ihn. »Sie wissen vollkommen, Herr Rath,« sagte sie, »daß er bereits ruinirt ist!«

»Nun, nun – so weit ist es hoffentlich noch nicht, liebe Freundin! Man muß nicht gleich immer das Schlimmste fürchten, schon um Ihrer selbst willen.«

Ein verächtliches Lächeln flog über ihr Gesicht. »Sie wissen eben so gut, daß ich gesichert bin, Herr Rath,« sagte sie. »Ich brauche wenig für mich, wenn mein Ziel erreicht ist. Ueberdies ist die Zukunft mir gleichgültig – ich erwarte Nichts von ihr!«

»Wer weiß!«

Der Ton war so ernst, so gewichtig, daß die junge Frau sich unwillkürlich gegen ihn kehrte.

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Sie denken immer noch an Ihr Kind!«

»Mein Gott, hab' ich es je einen Augenblick aus den Gedanken verloren? Nein, nicht damals, als ich die Erinnerung zu ertränken versuchte in dem wüsten Treiben der Polkahalle, wo Sie zuerst mich kannten und der Unglücklichen, Rasenden Theilnahme zeigten: – nicht am Altar, als ich die Frau Dessen wurde, den ich am Meisten hasse auf der Welt, bloß weil ich keinen andern Weg mehr wußte, um ihn zu peinigen und ... Aber lassen wir das. Ihrem Rath, Ihrer Hilfe verdank ich es, daß jener Mensch untergehen mag, ohne daß es mich berührt, daß das Kapital, was er mir damals bei unserer Verheirathung sichern mußte, in den Händen von Jonas sich verdreifacht hat und ich unabhängig bin von ihm.«

»Gewiß, mit fünfzehntausend Thalern könnten Sie als einzelne Frau ganz anständig leben! Aber er wird seinen Antheil daran verlangen – er ist Ihr Mann!«

»Er weiß Nichts von der Vermehrung der fünftausend Thaler, die er mir damals verschrieb, als das blinde Glück ihn wieder reich gemacht hatte und ich ihn heirathete. Aber ich will Ihnen Etwas sagen!«

»Nun?«

»Das Geld, was Polenz dort verspielt – ist der Rest jener Fünftausend!«

»Wie – Sie sind so thöricht gewesen, ihm Ihr Vermögen zu geben?« »Nicht mein Vermögen, was mein ist! aber jene Fünftausend, für die er mich und die Hölle auf Erden kaufte. Ich that es, während Sie verreist waren – nach Rom, oder sonst wohin, vor vier Wochen – und es sind die letzten Louisd'ors davon, die er heute verspielt?«

»Ich begreife Ihr Verfahren – Sie wollen von Ihm Nichts besitzen, wenn es zusammenbricht mit ihm!«

»Ja – so ist es, Sie sprechen es aus! Diese Kleider, diese Diamanten, die ich trage, Alles, was ich ihn verleitet, in toller Verschwendung mir zu schenken, die Gläubiger sollen es haben. Und dann ....«

»Was wollen Sie dann thun?«

»Dann soll er das Bettlerbrod aus meiner Hand essen! Wenn er Nichts mehr hat, wenn er im Schuldgefängniß sitzt, dann will ich ihn ernähren; aber jeder Bissen, jeder Trunk soll ihm vergiftet werden durch das Bewußtsein, daß es die Bettlergabe von Der ist, der er ihr Alles gemordet hat!«

»Still – sprechen Sie leiser, Herr Jonas oder die leichtsinnige Gesellschaft dort auf der Causeuse braucht unser Gespräch nicht zu hören und in das Innere Ihres Herzens zu sehen. Aber Sie thun ihm doch vielleicht zu viel Unrecht. Er erschoß Ihren Geliebten – aus Liebe zu Ihnen, aus Eifersucht!«

»Er mordete mein Kind!«

»Sie gehen zu weit!«

»Nein – er allein ist Schuld an dem Tode des Engels. Ferdinand liebte mich, wahr und aufrichtig. Selbst wenn er mich nicht zu seiner Frau gemacht hätte, würde ich unter seinem Schutz nie nöthig gehabt haben, mich von unserm Kinde zu trennen und es aus Noth und Elend jenem schändlichen Weibe anzuvertrauen, das mein armes kleines Wesen, das Einzige, was ich auf der Welt hatte, umkommen ließ!«

»Wissen Sie denn so gewiß, daß es todt ist?«

»Wie – was sprechen Sie?«

Ihre Augen, die bisher bei all' den Aeußerungen des Hasses und des innern Jammers so starr, so gleichgültig vor sich hin geblickt, wandten sich plötzlich wieder, wie von einem electrischen Schlage belebt, gegen ihn.

»Sie haben mir selbst gesagt, daß Sie das Kind – es war ja wohl ein Mädchen – nicht todt gesehen?«

»Ja – so ist es! Man hat mich nicht einmal davon benachrichtigt, bis es begraben war! O, es war ja nur ein uneheliches Kind, und seine Mutter nicht besser, als eine Dienstmagd! Aber den Todtenschein – und dann, das andere Kind, das am Leben geblieben, war nicht das meine! Aber warum sprechen Sie so? es ist nicht das erste Mal, daß Sie solche Worte hinwerfen, warum wecken Sie allen Schmerz, alle Leidenschaften meiner Seele immer wieder auf's Neue? –

»Fassen Sie sich, liebe Freundin – hier kommt Ihr Mann!«

Der unglückliche Spieler war in der That von seinem Platz aufgesprungen und näherte sich mit unsicheren, aber hastigen Schritten seiner Frau, die sofort wieder ihre eiskalte Ruhe annahm. Sein gelbliches Gesicht war mit rothen Flecken bedeckt, als ob er die Pocken hätte.

»Amalie!«

»Nun? Was soll's?«

»Ich bitte Dich, Kind, – ich habe Unglück gehabt und was ich bei mir hatte, verspielt. Sei so gut, borg' mir Dein Portemonnaie – ich werde Glück haben, wenn Du mir das Geld giebst!«

»Das ist mir gleichgültig!«

»Willst Du nicht so gut sein? ich gebe Dir's wieder – dreifach, wenn wir nach Hause kommen!«

»Du? – Du hast nicht das Einfache in Deinem ganzen Vermögen! Es sind hundertfünfzig Thaler in der Börse.«

Seine Augen funkelten, als er die Summe hörte, – er vergaß darüber das Verächtliche, Demüthigende ihrer Antwort und streckte blos die Hand nach dem Portemonnaie aus.

Wie als schaudere sie vor seiner Berührung, warf sie dasselbe auf den nächsten Sessel.

»Geh! – aber in einer Viertelstunde will ich fort!«

Ohne zu antworten griff der Spieler das Portemonnaie auf und eilte damit zurück an den Tisch.

»Jetzt, Herr Rath,« sagte die junge Frau mit gewaltsam unterdrückter Bewegung, – »sind wir allein. Ich beschwöre Sie, mir zu sagen, warum Sie so oft auf dieses Unglück zurückkommen?«

»Nun – es ist wahrscheinlich zufällig – aber die Sache, obgleich seitdem acht Jahre vergangen sind, scheint mir doch immer noch nicht recht aufgeklärt. Es ist ein Unglück, daß Sie das arme kleine Mädchen nicht wirklich als Leiche gesehen haben, das wäre der beste Beweis!«

»Wollen Sie mich denn wahnsinnig machen? Das Kind ist todt!«

»Glauben Sie das wirklich?«

»Aber um Gotteswillen – welche Ursachen könnte man gehabt haben, mit den Gefühlen einer unglücklichen Mutter zu spielen?«

»Sie haben immer behauptet, daß der verstorbene Vater des Kindes in einer Handschrift dasselbe als das seine und seine Erbin anerkannt hat!«

»Ja – so wahr mir Gott helfe in meiner letzten Stunde, das hat er und seinen festen Willen, mich zu heirathen.«

»Nun, könnte das nicht vielleicht Ursache genug für die adelstolze Familie von Röbel gewesen sein, die Miterbin, die illegitime Trägerin ihres Namens, bei Seite zu schaffen?«

Die junge Frau starrte vor sich nieder auf die Hände, die sie im Schooß gefaltet hielt.

»Ja – ja, – doch nein, es kann nicht sein! Der alte Mann ist hart – aber er ist gerecht! – O mein Gott, was frag' ich nach ihrem Gelde, nach ihrem Namen, wenn mir sein Kind nur geblieben wäre!«

»So würden Sie Alles opfern für dies Kind, selbst Reichthum?«

»Fluch über ihn, der so manches wackere Herz verdirbt! Was kümmert mich ihr Geld und Gut, wenn ich mein Kind wieder hätte aus seinem engen Grabe!«

»Die Todten stehen zuweilen wieder auf! Halt – so nicht! machen Sie keine Scene!«

Er hatte seine Hand fest auf die ihre gelegt und hielt sie nieder, denn sie war im Begriff gewesen, aufzuspringen.

»Um der ewigen Barmherzigkeit willen – sagen Sie mir, ob ich träume? Ich beschwöre Sie bei dem Andenken an Ihre Mutter – was wissen Sie von meinem Kinde?«

»Still, bleiben Sie ruhig sitzen,« sagte der Rath fast hart, »machen Sie keine Bewegung, oder es geht kein Wort mehr über meine Lippen. Ich habe Ihnen keine bestimmte Hoffnung zu machen – aber die Sache war mir seit lange verdächtig und ich glaube, eine Spur gefunden zu haben ...«

Sie sah ihn mit einem so angstvollen, leidenschaftlichen Blick an, daß selbst das wohlgeschulte Herz des alten Jesuiten erbebte.

»So würden Sie also gern auf Geld und Gut verzichten, wenn Ihr Kind nur lebte?«

»Was sind alle Reichthümer der Erde, wenn ich dafür mein Kind aus der Nacht des Todes zurück kaufen könnte!«

»Und Sie würden Dem dankbar sein, der sich der Mühe unterzöge, die Zweifel aufzuhellen, die Spur zu verfolgen?«

»Ich würde der Dankbarkeit Leib und Seele opfern, wie ich Leib und Seele dem Haß geopfert habe!«

»Ich glaube Ihnen. Sie sind ein entschlossener Charakter. Nun wohl – enden Sie mit Ihrem Mann machen Sie sich frei, und dann – ...«

Der Rath war aufgestanden.

»Und dann?«

»Dann kann ich Ihnen vielleicht eine Mittheilung machen, die Ihnen Hoffnung giebt!« Er verließ das Sopha.

Die junge Frau sah ihm mit flammenden Augen nach – eine ungewohnte Röthe verdunkelte die Kunst der Toilette auf ihren Wangen. »Wenn es nur das ist!« murmelte sie, während sie einen Blick hinüber warf nach dem Spielzimmer. »Wohlan, noch diesen Abend soll es zu Ende gehen!«

Sie hatte die Hand, wie im festen Entschluß, geballt, als ihr Auge auf den Kommissionair fiel, den Herr Jonas frei gelassen, nachdem er alle ihm wissenswerthen Mittheilungen aus ihm herausgepreßt hatte. Ein gebieterischer Wink rief ihn sofort an ihre Seite.

»Du hier, Franz?«

Die Art, wie der Kommissionair sich gegen seine Schwester benahm, war ein eigenthümliches Gemisch von Unverschämtheit und Kriecherei.

»Guten Abend, Male, bist Du auch hier? Und der Potenz, Dein Mann? Na, ik sehe, er macht wieder en kleenes Spielchen. Wie jeht et Dir? ik habe Dir eine Zeitlang nich jesehn, aber unsereins muß hinter seinem Jeschäfte drin sind und kann nich in die Equipagens spazieren fahren!« »Davon ist hier nicht die Rede. Ich brauche Dich noch diese Nacht!«

»Sieh, sieh, des is ja janz wat Neues! I nu, wenn ik Dich dienen kann, Du weißt, ich bin allemal Dein treuer Bruder jewesen.«

»Ja – der mich bestahl um mein Eigenthum, um meine Ehre!«

»Na – das sind man verjeßne Jeschichten. Wenn Du man weiter Nichts hast vor Deine Verwandten ...«

»Höre mich genau an,« sagte sie stolz. »Ich werde sogleich nach Hause fahren. Du mußt uns folgen auf eine Nachtdroschke. Weißt Du, wo mein Schlafzimmer ist?«

»Nee – ich bin ja nich Dein Courmacher.«

»Unverschämter! – Merke wohl auf. Es ist nach dem Garten hinaus im ersten Stock das zweite links von der Ecke!«

»Jut! Jetzt bin ich, was man informirt nennt!«

»Sobald Du dort bist, geh in den Garten und warte unter dem Fenster, bis ich es öffne und Dich rufe, oder Dir selbst die Thür öffne.«

»Aber wie soll ich man in den Jarten kommen?«

»Das ist Deine Sache, ich verlange den Dienst, den Du mir leisten sollst nicht umsonst und werde ihn reichlich bezahlen!«

»O ich weiß – die jn"adige Frau Schwester läßt sich man nich lumpen!« sagte der Kommissionair höhnisch.

»Kurz und gut – kann ich auf Dich zählen oder nicht?«

»Jewiß! ich möchte man nur wissen ...«

»Das ist nicht nöthig. Du hast meine Frage noch nicht beantwortet, wie Du heute hierher kommst?«

»Nu, Du weißt ja Male, daß ich man Jeschäfte mache vor Jonassen. Wir haben uns ja hier schon getroffen, obschon Du mir vor gewöhnlich nich als Bruder behandelst.«

»Ich weiß Deinen Verkehr – aber ich wundere mich, was Du so spät noch willst?«

»O – ich sage Dir, ich bin immer ein jern jesehener Jast, und ich hatte ihm wat zu rapportiren. – Weeßt Du« – er näherte sich ihr vertraulich – »von die Röbel'sche Verwandtschaft!«

Eine dunkle Röthe überzog ihr Gesicht. »Von den Röbels? Was meinst Du?«

»Na – von dem ewigen Premierlieutenant. Ich sage Dich, er steckt wieder bis über die Ohren drinne bei Jonassens, und sie haben mank wat mit ihm vor!«

»Was kümmert er mich! möge sie verderben die stolze hochmüthige Brut! – Jetzt geh, es ist Zeit für mich!«

Sie sah nach dem Spieltisch, wo eben ein allgemeiner Aufstand erfolgte.

»Sie sind verrückt, Herr Polenz,« sagte die scharfe Stimme des Doktor Lazare. »Wenn Sie sich nicht zu benehmen wissen, so müssen Sie in anständiger Gesellschaft nicht spielen. Uebrigens bin ich es müde, Ihren Schwefelhölzern weiter Credit zu geben. Bezahlen Sie, was Sie verloren haben – es sind hundertzwanzig Friedrichsd'or!«

Der Spieler wolte eine heftige Erwiderung hervorsprudeln, aber der eiskalte Blick des Doktors ließ ihn die Worte hinunterwürgen. Er riß wild in seinem dichten Haar.

»Ich werde Ihnen morgen das Geld schicken – es ist nicht das erste!« stammelte er finster.

»Gut! – für heute aber halte ich nur noch gegen baar!«

Die Gesellschaft schloß den Kreis wieder um den Tisch – der unglückliche Spieler ließ seine Augen durch die Zimmer laufen und als er den Hausherrn erblickt hatte, ging er auf diesen zu.

Herr Jonas hatte, nachdem er den Bericht seines Agenten über die Aushändigung des Geldes an den Lieutenant von Röbel und dessen Versprechen, in den nächsten Tagen sich einzufinden, empfangen hatte, sich mit dem Kommissionsrath unterhalten.

Die Rede war gleichfalls von der Familie von Röbel.

»Ich bedauere, Ihnen offen sagen zu müssen, Herr Jonas,« sagte der Kommissionsrath, »daß Sie gar keine Aussicht haben, daß die Familie die Wechsel des leichtsinnigen Verschwenders noch einmal einlöst. Die Baronin von Werben hat ihr ganzes Vermögen bereits geopfert und ihre Hand von ihm abgezogen. Der Major ist selbst in keinen glänzenden Umständen und das Gut mit Hypotheken schwer belastet.

»Ich weiß! Hab' ich doch selbst gekauft die vierte Hypothek mit fünfzehntausendfünfhundert Thaler vor acht Tagen. Aber das Gut könnte werth sein viel mehr, wenn der alte Narr wollte schlagen das Holz und anlegen eine tüchtige Brennerei. Er will nicht fortschreiten mit der Zeit!«

Der Rath hatte ihn erstaunt angesehen. »Wie, Sie haben noch eine Hypothek auf das Gut gekauft? Dann müssen Sie einen besondern Zweck dabei haben.«

Der Banquier wurde einigermaßen verlegen unter dem scharfen Auge des Raths. Aber bald hatte er dies überwunden. »Ich habe gemacht ein Geschäft, wie man kauft Hypotheken da oder dort. Es ist halbjährige Kündigung und ich werde sie kündigen morgen am Tag!«

»Aber bedenken Sie auch, Herr Jonas, diese Kündigung wird vielleicht die Subhastation des Gutes und den Ruin der Familie zur Folge haben, und Sie verlieren damit die Aussicht auf die Bezahlung Ihrer Wechsel!«

»Was heißt? ich will doch haben mein Geld, ich will doch wissen, woran ich bin. Vielleicht läßt sich auch finden ein Ausweg, auszugleichen Alles!« Der Kommissionsrath sah ihn nachdenkend an. »Dann allerdings, Herr Jonas, ist es das Beste, daß Sie mit einem Mal auch die Wechsel zum Austrag bringen – es ist ein Aufhebens. Ich bitte Sie dann, die beiden Schuldscheine nicht zu vergessen, die mir gehören, und die ich auf Sie übertragen habe.«

»Verlassen Sie sich auf mich, Herr Kommissionsrath. Sie sind gewesen so oft von wichtiger Gefälligkeit für mich mit Ihre Verbindungen bei die Diplomaten und die Hohe Behörden, daß ich mir mache ein Vergnügen daraus, zu besorgen die Kleinigkeit.«

»Ich sehe, da kommt noch einer Ihrer Schuldner,« sagte der Rath, frostig das Gespräch ändernd. »Ich glaube nach Allem, was ich gehört, Sie werden gut thun, auch mit ihm ein Ende zu machen.«

Ueber Herrn Jonas, den Banquier Unter den Linden, kam Etwas aus den Erinnerungen des Schwarzen Schmuel aus der Jakobsstraße. Er warf sich in die Brust des blauen Fracks, daß die dicke Gestalt ordentlich höher schwoll. »Lassen Sie ihn nur kommen, den Lump,« sagte er – »Sie sollen doch sehn, wie ich abfahre mit ihm!«

Der Spieler trat auf ihn zu. »Auf ein Wort, Herr Jonas!« bat er mit heiserer Stimme.

»Was Sie mir haben zu sagen, kann auch hören hier der Herr Rath! Was wollen Sie? Sie haben wieder Unglück gehabt im Spiel, Sie wollen haben Geld?«

»Nun zum Teufel ja. Der Doktor will nur gegen baar pointiren lassen. Geben Sie mir zwanzig Louisd'ors bis morgen!«

»Daß ich sein werd ä Narr, die zwanzig Louisd'ors zu werfen zu dem Andern, was Sie mer schuldig sind!« schrie der Hausherr so laut, daß die ganze Gesellschaft im Salon es hören mußte. »Sie haben immer Unglück – Sie haben schon ä Mal verloren Haus und Hof – Sie werden's verlieren jetzt wieder!«

Der so schmählich Behandelte wurde todtenbleich und biß die Zähne zusammen.

»Herr Jonas,« sagte er, »das ist meine Sache. Erinnern Sie sich, daß ich Gast in Ihrem Haufe bin!«

»Was thu ich mit solche Gäste,« schrie der Banquier, »die noch dazu haben wollen zum Vergnügen mai Geld! Ich kann geben das Vergnügen umsonst, denn ich bin ä reicher Mann und es is mai Stolz, zu bewirthen die vornehmste Gesellschaft von ganz Berlin. Aber ich will mir dafür nicht lassen schimpfiren von jedem Lump! Wenn Sie wollen spielen bei mir Herr Polenz, dann bringen Sie sich mit Ihr Geld, wie thun die Fürsten und Grafen, die kommen zu mir! Wenn's Ihnen nicht gefällt hier bei mir, können Sie gehn, ich halt Sie nicht! Aber machen Sie bereit morgen die dreitausend Thaler, die ich hab' zu kriegen von Sie, denn ich werd' schicken, zu präsentiren den Wechsel ohne Prolongation!«

Der Spieler ballte die Faust, er war im Begriff, auf den liebenswürdigen Wirth loszuspringen, dessen ungenirter Ton die ganze Gesellschaft zum Zeugen der Beleidigung gemacht und sie ringsumher versammelt hatte. Aber eine Hand faßte seinen Arm und drückte ihn nieder.

»Komm!« –

Die Stimme war so hart, so gebieterisch, daß Alles unwillkürlich sich nach der Sprechenden wandte.

Es war die Frau des Spielers.

»Aber Amalie, Du hast gehört, wie dieser Mensch ....«

»Laß den Wagen vorfahren, sogleich, oder ich gehe allein!«

Er machte eine Bewegung, als wollte er noch einmal widersprechen, aber ihr kaltes, ruhiges Auge beherrschte ihn so fest, wie das Auge des Wärters den Tiger. Er trocknete mit dem Tuch sich wiederholt den Schweiß von der Stirn, während er dem Banquier einen giftigen, grimmigen Blick zuschleuderte, dann sagte er mürrisch: »Ich werde den Wagen rufen!« und ging ohne Gruß an die Gesellschaft hinaus.

»Gott der Gerechte,« sprach Herr Jonas zu der Frau, »was haben Sie for ä Macht über den Mann! Rachel, meine Frau, hat mir doch auch lieb und ä gewaltiges Wort, aber so'n Respect is noch nich da gewesen! – Sie werden's doch nicht nehmen übel, daß ich ihm ä Mal hab gesagt die Wahrheit!«

Die junge Frau hielt es nicht der Mühe werth, ihm zu antworten. Sie zog den eleganten Seidenbournus, den sie trug, fester um die Schultern, ihr Blick streifte flüchtig aber bedeutsam, den Bruder, der die Gelegenheit benutzt hatte, um sich am Büffet in der Ecke ein großes Glas Champagner einzuschenken, und dann rauschte sie mit einem stolzen, vornehmen Kopfnicken grüßend, zur Thür hinaus, die Herr Jonas überaus höflich ihr öffnete.

Die Gesellschaft war zu sehr an ähnliche Auftritte im Salon des Banquiers gewöhnt, als daß der eben stattgefundene einen besonderen Eindruck hätte machen sollen. Das Spiel nahm bald wieder seinen Fortgang, nur daß Doktor Lazare jetzt die Bank aufgegeben hatte, und die Unterhaltung der verschiedenen Gruppen rauschte wieder durch einander.

Der Kommissionair hatte sich still gedrückt, und, um das Geld für die Nachtdroschke gescheuter Weise zu sparen, sich hinten auf die Miethskutsche gehockt.

Die Gräfin Törkönyi hatte es nicht der Mühe werth gehalten, dem Zank näher zu treten. Nur als Madame Polenz fortging, verfolgte sie dieselbe hochmüthig mit dem Lorgnon.

»Ich bin durchaus nicht exclusiv, liebe Camilla,« sagte sie zu der Dame an ihrer Seite, »aber die Gesellschaft bei Monsieur Jonas ist doch manchmal gar zu gemischt! – Ich kann diese Person nicht ausstehen! Sagen Sie lieber Rath, erzählten Sie mir nicht einmal, daß sie in einer Polkahalle früher gewesen ist?«

»Gewiß, gnädigste Gräfin! aber der Geschmack ist verschieden. Ich kenne vornehme Damen, deren Liebhaberei sie in sogar noch verrufeneren Lokalen Stammgast sein ließ!«

Die Gräfin wandte sich ab und brauchte ihren Fächer. »Madame Polenz scheint sich Ihres besonderen Schutzes zu erfreuen!«

»Wenn sie desselben bedarf, sollte er ihr gern zu Theil werden. Aber sie ist ein so selbstständiger energischer Charakter, daß sie männlichen Beistandes kaum nöthig haben wird!«

Die Gräfin begann seit einiger Zeit die Emancipation etwas weniger stark zu treiben, als sonst. Der Scandal und die Intrigue waren ihr zwar zu sehr innere Natur, als daß sie davon hätte lassen können, aber sie suchte beide setzt auf andern Feldern, wo sie zugleich die vornehme Dame herauskehren konnte. Unter Anderem liebte sie es jetzt, die Mäcenin von Kunst und Wissenschaft, oder vielmehr von Künstlern und Gelehrten, aber auch von vielen andern Klassen der Gesellschaft zu spielen, die thöricht genug waren, auf den vornehmen Namen Etwas zu geben. Sie suchte in solchen Kreisen zu dominiren, da ihr die ihrer Standesgenossen größtentheils sorgfältig verschlossen waren. Sie ließ den Gegenstand ihrer Frage an den Kommissionsrath fallen und setzte das Gespräch mit dem Herrn am Kamin fort.

»Ich habe Ihre neue Abhandlung über die Befruchtung gelesen, lieber Professor,« sagte sie. »Es sind magnifique Gedanken über den Gegenstand in der Brochüre enthalten, Lazare sagt mir, daß Sie gegenwärtig mit einer Geschichte der russischen Marine beschäftigt sind! Ich bitte Sie um Himmelswillen, wo nehmen Sie die Zeit und das vielseitige Wissen her? Alle Welt weiß, welche Entdeckungen man Ihnen ohnehin in der Pathologie verdankt! Wie ich höre, werden Sie bei der nächsten Doppelwahl für die Kammer als Candidat auftreten? Der ausgezeichnete Rath soll von Ihnen sein, daß unsere Partei die Plätze der früheren Rechten voraus belegt; ich kann mir die Verwirrung der Begriffe lebhaft vorstellen, die dadurch in der Stellung der Fractionen zur Regierung entstehen wird.«

Der geschmeichelte Gelehrte hatte sich bei jeder Frage auf's Höflichste verbeugt. »Ich gebe dem Drängen meiner Freunde nach, gnädige Gräfin,« sagte er, sich in die Brust werfend. »Auch für die Wissenschaft bricht eine neue und glanzvolle Aera an – ihre Träger dürfen sich daher nicht länger dem politischen Leben entziehen!«

»Aber hatten Sie nicht, ich glaube es doch in irgend einem dieser Organe der Reaction gelesen zu haben, – Ihr Wort geben müssen, sich der Politik zu enthalten?«

Dem kleinen Professor schien das Examen nicht ganz behaglich zu sein. Zum Glück sprang ihm der Doktor Lazare mit einer sarkastischen Bemerkung bei.

»Sie sollten doch längst wissen, liebe Martha,« sagte er, »daß es für die Politik und die Liebe keine Verpflichtungen giebt, die man unter allen Umständen halten muß!«

»Das Wohl des Ganzen, Madame,« fiel der Professor ein, »legt oft dem Manne Pflichten auf, die sich nicht in die gewöhnlichen Gränzen der bürgerlichen Moral einzwängen lassen. Es ist wie bei Verwundungen am menschlichen Körper. Die Oscillationen ...«

Das Fräulein mit dem spitzen Gesicht und dem schlechten Teint unterbrach die gelehrte Abhandlung, die ihm auf der Zunge schwebte.

»Sie wollten mir ja eben für die Sammlung meines Onkels eine neue Anekdote vom Hofe erzählen, Herr Professor!«

Der Mann der Wissenschaft sprang mit beiden Beinen in die Klatscherei. »Gewiß, mein Fräulein! sie ist vortrefflich und dabei sehr unschuldiger Natur. Mein Schwager hat sie mir erzählt, sie kommt also aus bester Quelle.«

»Sie machen uns in der That neugierig!«

»Sie erinnern sich doch der Investitur des Kronprinzen mit den Insignien des Hosenbandordens, damals, als er noch Bräutigam war?«

»Es mag sein, – wer kann alle diese läppischen Ordensgeschichten behalten!«

»Nun läppisch oder nicht, die Anekdote ist folgende: Nach der Verlobung der Prinzeß Royal von England mit dem Kronprinzen von Preußen verlieh die Königin Victoria ihrem zukünftigen Schwiegersohn den Hosenbandorden und beauftragte den Feldmarschall Lord Clyde, bekannter unter seinem früheren Namen Sir Colin Campbell, den Orden nach Berlin zu bringen. Als sich der Lord im Windsorschloß meldete, um die Ordensinsignien in Empfang zu nehmen, erhielt er den Bescheid, daß einige dazu gehörige Verzierungen noch nicht fertig seien, man werde ihm jedoch den Orden an seine Adresse in London zusenden. Am nächstfolgenden Tage erhielt er auch von Windsor eine wohlverpackte Schachtel mit dem Königlichen Siegel und noch in derselben Stunde trat der Feldmarschall mit militairischer Pünktlichkeit seine Reise nach Preußen an. Nach der Ankunft in Berlin suchte er sofort um eine Audienz bei dem Kronprinzen nach und dieselbe wurde ihm auch unverzüglich gewährt. Nachdem nun der tapfere Lord eine sorgfältig einstudirte feierliche Ansprache an den Kronprinzen gehalten, erbrach er vor dessen Augen die Königlichen Siegel und öffnete die Schachtel, um die Ordenszeichen herauszunehmen; aber wie gewaltig war die Bestürzung des in mehr als fünfzig Schlachten unerschüttert gebliebenen Helden, als er in der Schachtel anstatt des Hosenbandordens ein wohlbekanntes englisches Familienbackwerk, reichlich mit Rosinen gespickt, erblickte! Die Prinzessin Braut hatte es eigenhändig für den Verlobten gebacken und wollte die gute Gelegenheit benützen, dem Kronprinzen neben der idealen Gabe auch eine materielle zukommen zu lassen, die ihm als ein Werk ihrer Hände besonders angenehm sein mußte. Die Schachtel mit dem Orden aber war durch Versäumniß eines Dieners einige Stunden später in London abgegeben worden, und so hatte Lord Clyde mit dem Rosinenstollen allein die weite Reise gemacht. Der später nachgeschickte Hosenbandorden wurde dann in einer zweiten Audienz ohne große Ceremonie überreicht, denn der tapfere Campbell konnte es nicht leicht verwinden, daß seine erste feierliche Anrede einen so lächerlichen Ausgang genommen hatte.«

»Die Geschichte ist allerliebst. Der Kuchen anstatt des Hosenbandordens! Honny soit, qui mal y pense!«

»Je nun,« sagte der junge Graf – »es passiren mit den Orden manchmal kleine Menschlichkeiten. Ich weiß zwei Fälle aus Hamburg und Westphalen, wo gleichnamige Personen einen Orden zugeschickt erhielten, der ihnen gar nicht bestimmt war. Zum Schluß blieb der Regierung Nichts übrig, als einen zweiten zu geben.«

»Kennen Sie Jules Janin's Wort vom croix d'honneur unter Louis Philipp?«

»Nein!«

»Il est une honte, de l'avoir, et de no l'avoir

Herr Jonas lachte überaus beifällig, obschon er keine Sylbe von dem Witz verstanden hatte.

»Wenn Sie Vergnügen haben an Ordensgeschichten,« sagte hämisch der Doktor Lazare, »so könnte ich Ihnen eine ganz famose erzählen, natürlich unter dem Siegel der strengsten Discretion!«

Alles betheuerte die tiefste Verschwiegenheit.

Der Doktor sah sich die Gesellschaft mit seinem gewöhnlichen höhnischen Lächeln an, denn er wußte vollkommen, was er von ihrer Verschwiegenheit zu halten hatte, dann begann er seine pikante Geschichte. – – –

 

Die Wohnung des Polenz'schen Paares befand sich vor dem Potsdamer Thor in einer der neuen, so rasch entstandenen fashionablen Straßen, daß die Häuser nicht einmal Zeit gehabt haben, sich mit ihren Winkeln und mit dem Magistrat über das Pflaster zu arrangiren.

Herr Polenz, der mehrfach glücklich Häuserspeculationen gemacht, seit er mit dem ersten Bankerott sein früheres Geschäft aufgegeben hatte und durch einen Lotteriegewinn wieder zu Geld und zu seiner Frau gekommen war, hatte eines der besten behalten, das einen ziemlich hübschen Garten besaß, und bewohnte darin das hohe Parterre. Diese Wohnung war mit großem Luxus und Ueberfluß möblirt, namentlich der Theil, den seine Frau bewohnte, denn es herrschte ein ganz sonderbares Verhältnis zwischen dem Paar.

Während der Heimfahrt in dem bequemen Miethwagen – noch bis vor zwei Monaten hatte Herr Polenz selbst eine elegante Equipage besessen – war dasselbe sehr schweigsam. Die junge Frau hing ihren finsteren Gedanken nach, die des Mannes waren noch finsterer – er dachte an die Mittel, am nächsten Tag die Forderungen des Wucherers zu befriedigen und den unaufschiebbaren Bankerott wenigstens noch für Tage zu verzögern.

So waren sie angekommen und ausgestiegen, ohne daß Herr oder Kutscher den blinden Passagier auf dem Trittbrett bemerkt hatten.

Die Frau rauschte voraus, an dem öffnenden Diener vorbei und wollte sogleich nach ihrem Zimmer, als der verzweifelnde Spieler sie aufhielt.

»Amalie,« sagte er mürrisch, »ich muß Dich sprechen, heute noch!«

»Ich kann es nicht hindern!«

»Ich werde zu Dir kommen, sobald Du Deine Mädchen fort geschickt hast.«

»Gut, in einer halben Stunde. Auch ich habe mit Dir zu reden. Es ist Zeit, daß wir wissen, woran wir mit einander sind!«

»O,« sagte der Spieler fast stöhnend – »es wäre Alles Nichts, wenn Du mir ...« Sie unterbrach ihn mit einem kalten, verächtlichen Blick und ging nach der Thür.

»Mein Mädchen wartet!« – –

Die ehemalige Geliebte des erschossenen Lieutenant von Röbel, Mimeli, die Polkasängerin, verstand es vortrefflich, die Dame zu spielen. Ihre Erziehung in der Jugend und ihr energischer Charakter befähigten sie dazu. Wir werden bald sehen, unter welcher schweren und festen Hand der Mann seufzte, dem sie diese nach der Vernichtung aller ihrer Lebenshoffnungen gegeben.

Als sie in ihrem Schlafzimmer angekommen war, ließ sie sich von dem schläfrig wartenden Mädchen halb entkleiden, dann schickte sie dasselbe zu Bett. Das Zimmer, auf der einen Seite an einen kleinen Salon, ihrem gewöhnlichen Aufenthalt, auf der andern an ein kleines Bade- und Gaderoben-Kabinet stoßend, war kostspielig eingerichtet. Ein dicker, türkischer Teppich bedeckte den Boden, Fauteuils, Spiegel und ein kunstvoll gearbeiteter, reichbesetzter Toilettentisch nahmen die Wände ein.

Sobald Madame Polenz sich der schweren Seidenrobe und der Chaussüre entledigt, die Frisur gelöst hatte und sich allein sah, warf sie sich in einen der weiten, bequemen Sammetfauteuils und blieb einige Minuten, die Augen starr vor sich hin gerichtet, sitzen.

Wir haben bereits erwähnt, daß sie trotz ihrer dreißig Jahre, immer noch eine begehrenswerth schöne Frau war. Bei manchen Gestalten, namentlich Blondinen, entwickeln sich oft erst in diesem Alter alle jene Reize zur vollen Geltung, die einen Mann verrückt machen können. Madame Polenz schien überdies aus der Erhaltung oder Erhöhung dieser Reize ein förmliches Studium gemacht zu haben, seit sie verheirathet war. Die dunkle Farbe der Tapete des Zimmers, der Sammet der Möbel erhellte in dem weißen milden Schein der Astrallampe noch die weiße alabasterne Farbe ihres reinen Teints und den Goldglanz des prächtigen blonden Haars, das in ungefesseltem Strom jetzt um ihre Schultern rollte.

Dennoch hatte ihre Schönheit, wie sie so da saß und das Haar durch ihre Finger laufen ließ, die Augen starr auf den Teppich gerichtet, die Lippen zusammengepreßt und zwischen den Augen eine kleine tiefe Falte, – etwas überaus Unheimliches. Sie glich der Loreley, die den Schiffer in's Verderben locken will oder der Medea, die an ihr Rachewerk denkt.

Dann fiel ihr Auge auf das volle Haar zwischen den beringten Fingern ihrer weißen Hand. Ihr wunderbar schön gewölbter Busen hob sich mit einem krampfhaften Athemzug.

»Er liebte es so sehr!« schluchzte sie leise vor sich hin. »Und sein Kind hatte mein Haar – er hätte es auch geliebt! – Fort denn! Wenn es möglich ist, daß die Todten aus ihren Gräbern steigen, wie Boltmann sagt, – wohl, so mögen sie bei mir sein in dieser Stunde und mir endlich vergelten helfen, was ich gelitten. Jene Erinnerung soll ein Stein sein, an dem ich das Messer wetze, das ich in sein tückisches boshaftes Herz stoße!«

Sie sprang entschlossen auf, ihr Auge blitzte finster, während sie durch das Zimmer eilte, Kasten und Läden öffnete und eine Menge Schmucksachen, darunter einen werthvollen Brillantschmuck auf ihrem Toilettetisch zusammenhäufte. Dann riß sie die Bracelets von ihrem Arm, die Ringe von ihren Fingern und warf sie zu dem Haufen.

Ein Ausdruck der Verachtung zuckte um ihren Mund, als sie diese Kostbarkeiten betrachtete, die sicher dreitausend Thaler werth waren, aber gewiß viel mehr gekostet hatten.

»Plunder!« murmelte sie – »ein Tropfen warmes Blut ist mehr werth, als dies Alles! Schade nur, daß ich ihm nicht Alles so entreißen kann!«

Dann holte sie ein festes Boulekästchen herbei, warf Alles hinein und verschloß es. Den Schlüssel verbarg sie in ihrem Schreibtisch.

»Es ist Zeit, er wird warten!«

Sie ging in den Salon und öffnete die Thür desselben, die auf einen Gartenbalkon führte. Obschon die Luft rauh und kalt und sie ohne Kleid und Tuch war, lehnte sie sich über das Geländer und blickte hinunter.

»Bist Du da?«

»Hier, Male! Immer uf den Posten!«

»Komm hierher – hier dicht unter mir. Da – nimm!« Sie reichte ihm das Kästchen.

»Na – wat soll ich denn damit?«

»Sprich leise! Es ist mein Eigenthum – ich will es nicht auch noch seiner Leidenschaft für das Spiel opfern. Kannst Du es im Garten verbergen, bis Du es dann mitnehmen kannst?«

»Warum dieses nich – aber wat soll ich denn noch? Et is verdammt kalt hier, Schildwache zu stehn!« –

»Es muß sein. Du weißt, daß ich Dich gut bezahlen werde. Ich kann Dir nicht helfen, wenn Du frierst. Höre mich aufmerksam an!«

»Na?«

»Wenn Du das Kästchen in einem sichern Winkel versteckt hast, kannst Du hier auf den Balkon kommen. Ich lasse die Thür unverschlossen. In einigen Minuten wird er –«

»Wer?«

»Potenz! hier durchkommen und in mein Zimmer gehn!«

»Na, – des is doch nichts Besonders von Eheleuten! Amande würde mir schön ansehn, wenn ich sie man alleene schlafen lassen wollte!«

»Schweig mit Deinen unnützen Bemerkungen! – Wenn er eingetreten ist, magst Du Dich meinetwegen in den Salon schleichen und irgendwo verstecken, hinter der Gardine, unter dem Tisch oder wo sonst – nur mach' kein Geräusch. Was Du aber auch hören oder sehen magst, Du darfst Deine Anwesenheit nicht verrathen, es sei denn, daß ich Deinen Beistand brauche, denn er ist ein wildes Thier in gewissen Augenblicken. Nur, wenn Du mich rufen hörst, komm mir zu Hilfe!«

»Male – wat hast Du vor?«

»Das geht Dich Nichts an. Wenn Du heute Deine Pflicht als Bruder thust, will ich Dir in meiner Seele den Diebstahl vergeben, den Du an dem unglücklichen Kinde noch unter meinem Herzen verübt hast!«

Der Kommissionair antwortete nicht auf den bittern Vorwurf. Er erinnerte sich, wie wenig der schlechte Streich ihm Glück gebracht und daß er die mittelbare Ursache gewesen war, die ihn in's Zuchthaus geführt hatte.

»Jetzt geh,« sagte sie, – »er könnte uns sonst überraschen!«

Unter der Wirkung ihres letzten Vorwurfs schlich er eilig und stumm davon. Sie wartete einige Minuten, bis sie ihn wieder kommen sah, dann kehrte sie in ihr Zimmer zurück.

Der würdige Kommissionair hatte sich kaum mit einiger Anstrengung für sein Embonpoint auf den Balkon geschwungen, als er Licht im Salon schimmern sah. Er konnte durch die Spalten der Jalousie das Innere deutlich überblicken und sah seinen Schwager, ein Licht in der Hand, aus der gegenüber liegenden Thür kommen und mit schwankenden unsichern Tritten über den Parquetboden hinweg nach dem Zimmer seiner Frau gehen.

Der »Rentier« befand sich offenbar in einem Zustand großer Aufregung. Sein fahles Gesicht war von rothen Flecken bedeckt, sein stieres Auge verrieth, daß er noch nach seiner Nachhausekunft getrunken hatte – wahrscheinlich Rum oder ein anderes scharfes Getränk. Er hatte Weste und Halstuch abgelegt und nur einen Hausrock übergeworfen; seine Hand zitterte, indem sie den Leuchter hielt, dennoch schien er einen festen trotzigen Entschluß gefaßt und sich dazu Muth getrunken zu haben; denn ohne anzuklopfen öffnete er das Zimmer seiner Frau und trat ein, obschon er vergaß, die Thür wieder völlig zu schließen.

Herr Günther benutzte alsbald die Gelegenheit, in den Salon zu schlüpfen und sich nach einem günstigen Versteck umzusehen. Der Lichtstreif, der durch den Spalt der offenen Thür und die halb zurückgeschlagene Portiere vor derselben drang, zeigte ihm einen großen chinesischen Schirm vor dem Kamin in der Nähe der Thür, und er glitt mit der alten Gewandtheit seiner jüngern Jahre bei Ausführung irgend eines schlechten Streiches dahinter und fand bald, daß er von dem Versteck aus ein Ohrenzeuge der Unterredung des Ehepaars sein konnte.

Als Polenz in das Zimmer getreten war, fand er seine Frau auf einem Lehnstuhl vor dem eleganten Toilettespiegel sitzen, anscheinend beschäftigt, ihre Toilette für die Nacht zu machen.

Das prächtige blonde Haar fiel in goldenem Strom über die entblößten Schultern mit ihren runden vollen Linien des Fleisches, der Pudermantel von weißer weicher Wolle hing zurückgeschlagen um die volle kräftig üppige Gestalt, deren Formen nur los noch das Schnürmieder einzwängte.

Sie wandte sich halb um und sah ihn mit einem unbeschreiblichen Blick vernichtender Gleichgültigkeit an.

»Ach – Du bist es! – Was willst Du so spät noch? – wie kannst Du Dich unterstehen, ohne anzuklopfen, herein zu kommen?«

»Zum Teufel, ich dächte, als Dein Mann hätte ich dergleichen nicht nöthig. Ich muß mit Dir reden, Amely!«

»Ich heiße Amalie! – Du scheinst zu vergessen, daß dies mein Zimmer ist, und daß Du Dich verpflichtet hast, ohne meine Erlaubniß es nicht zu betreten! – Meinetwegen, da Du einmal da bist, so sprich! Da – ich habe Bertha zu Bett geschickt, Du hast ja Talent zur Kammerjungfer, wenigstens liefst Du ihnen früher nach. Schnüre meine Stiefel auf!«

Sie hob nachlässig den Fuß und legte ihn auf ein nahe stehendes Tabouret. Der gestickte Rand des kurzen Nachtrocks fiel über die schön geformte kräftige Wade zurück.

Er hatte Anfangs mürrisch das Licht auf den Tisch gesetzt und stürzte jetzt wie electrisirt von der Erlaubniß, die mehr wie ein höhnischer Befehl klang, neben dem Tabouret auf die Knie und begann mit zitternden Fingern an den Knoten und Maschen der Chaussüre zu lösen, die den griechisch geformten kleinen Fuß einzwängte.

»O Amalie! liebe Amalie!«

Sie stieß ihn mit dem Fuß in's Gesicht. »Nun, wird's bald! – Zieh auch den Strumpf aus – da – löse das Band! Es ist Dir lange nicht so gut geworden! – Gieb die türkischen Pantoffeln her!«

Sie hob kokett den Rock und ließ ihn das Sammetband lösen, das nach französischer Art den seidenen Strumpf oberhalb des Kniees umschloß.

Sein Gesicht war jetzt mit dunklem fieberhaften Roth übergossen, die kleinen schwarzen Augen flammten. Er umarmte stürmisch die Füße seiner Frau und drückte brennende Küsse darauf.

Mit einer raschen so heftigen Bewegung, daß der vor ihr Knieende fast zu Boden gefallen wäre, stieß sie den Stuhl zurück und machte sich von ihm los.

»Ruhig Blut, ruhig Blut, Carl, das ist gegen den Contrakt!« sagte sie mit spöttischer Koketterie, indem sie das Schnürleib aufzuhaken begann. »Steh auf und sei vernünftig! Du wolltest ja mit mir reden. Du hast Unglück heute Abend gehabt und viel verloren?«

Er war empor gesprungen und schritt mit ausgebreiteten Armen und funkelnden Augen auf sie zu.

»Was kümmert mich das Geld? – ich werde es wieder gewinnen, wenn ich nur Dich habe – Dich ...«

Sie schlüpfte ihm unter dem Arm durch. »Da, nimm das Corsett und wickle es hübsch säuberlich zusammen, indeß ich den Mantel nehme.«

Ihre volle weiße Büste drängte sich aus den Falten, während sie nach dem Nachtmantel griff und kokett sich in ihn einwickelte, daß das weiche Gewebe die üppigen Formen in unbestimmten Linien verrieth. So warf sie sich in den amerikanischen Schaukelstuhl und wippte mit dem nackten kleinen Fuß den zierlichen Pantoffel, während der schöne Kopf mit dem prächtigen Blondhaar zurück auf dem dunklen Sammet der Lehne ruhte.

In dieser Stellung, so natürlich anscheinend und doch so raffinirt, war die Frau zum Entzücken schön oder vielmehr zum Wahnwitzigwerden. Sie hätte einen Heiligen zum Verbrechen verlocken müssen.

»So lieber Mann – nun laß uns plaudern! Setz' Dich dort hin auf das Tabouret! – Keinen Schritt weiter!« sagte sie plötzlich mit eisiger Strenge – »Du kennst mich!«

Er taumelte wie trunken auf den angewiesenen Sitz und schlug die Hände vor das Gesicht. »Weib – Teufel – Engel – Du machst mich noch wahnsinnig!«

Ein kalter spöttischer Blick aus den großen geisterhaften Augen traf ihn.

»Du hast also den Inhalt meines Portemonnaies auch verloren!«

»Ja – diese verfluchte Coeur-Sieben! aber ich glaube, der Schurke betrügt und ich werde ihn das nächste Mal sicher fassen!«

Sie warf den Pantoffel in die Luft. »So fang doch, Carl, Du bist heute auch gar nicht liebenswürdig, obschon Du so selten die Ehre hast, in meinem Boudoir zu sein!«

Es war auch selten genug, daß sie ihn so nannte! – Er haschte wie ein Knabe nach dem Schuh und hing ihn ihr wieder über den Fuß, den sie schäkernd zurückzog, während sie sich verführerisch auf dem Stuhle auf- und niederwiegte.

»Amalie – wenn Du wolltest! Du weißt wie rasend ich Dich liebe, wie das Blut in meinen Adern kocht! Ich schwöre Dir zu, keine Karte mehr anzurühren, wenn Du nur ....«

»Unsinn! ein Vergnügen muß der Mensch doch haben, und Du hast wenig genug! – Aber Du hast ja nachher noch gespielt und wohl verloren, wenn ich den Streit recht verstand. Wie viel war es doch?«

»Hundertzwanzig Friedrichsd'or – an diesen teuflischen Doktor! Morgen muß ich sie zahlen und eben deshalb wollte ich mit Dir sprechen!«

»So sprich!« sagte sie kalt.

Er versuchte, das Tabouret näher zu rücken, aber ein gebieterischer Wink ihrer Hand wies ihn zurück. Dabei öffnete sich wie zufällig der Mantel über ihrem Busen, aber sie schien die brennenden flammenden Blicke des Mannes vor ihr gar nicht zu bemerken.

Er mußte mit Gewalt die Augen von ihr wenden.

»Du hast gehört, wie der wucherische Hund der Jonas mich behandelt hat,« sagte er endlich mit heiserer Stimme. »Ich muß ihm morgen dreitausend Thaler zahlen – dreitausend Thaler dem Schurken für Nichts und wieder Nichts, denn ich habe ihm die Wechsel für die Dessauer Creditscheine geben müssen, mit denen ich so schändlich über's Ohr gehauen worden bin. Bei ihm hat sie mir Ruland aufgeschwatzt!«

»Bezahle sie – und gehe nicht wieder zu Jonas!«

»Bezahlen! zum Teufel – das ist leicht gesagt! Ich habe bei diesem Menschen immer Unglück gehabt, seit ich zum ersten Mal das Haus betreten. Weißt Du noch – damals, an jenem Abend – als Du dort sangst – es sind jetzt acht Jahre her!»Zehn Jahre«, II. Band

»Ich glaube, Du wirst wohlthun, mich nicht an die Vergangenheit zu erinnern!«

»Meinetwegen – ich bin fast noch verrückter in Dich, als damals, wo ich in der Polkakneipe alle Tage hätte zehn Morde begehen mögen aus Eifersucht! Und dennoch – wenn ich jene Zeit bedenke ...«

Er hatte jenen funkelnden Blick einer Tigerin, wenn sie auf den Jäger sich stürzt, der ihr das Junge geraubt, nicht bemerkt, der aus ihren sonst so kalten Augen schoß bei der Erwähnung eines Mordes aus Eifersucht.

»Warum gehst Du dann zu dem Wucherer?«

»Warum? warum? Das ist leicht gefragt! der Schurke hat mich in Händen!«

»So bezahle ihn!«

Er sah sie starr an, dann brach er in ein wildes Gelächter aus und fuhr sich nach seiner Gewohnheit mit den Händen in die Haare. »Den Teufel – bezahlen! Wovon? – wenn Du es mir nicht borgen willst?«

Er sah sie halb wild, halb bittend an. Sie hatte sich ruhig erhoben, und ging nach dem eleganten Schreibtisch, aus dem sie vorhin die Pretiosen genommen. Es war vielleicht Zufall, daß während sie aus einer Schublade ein Notizbuch nahm, der Nachtmantel von den alabastergleichen vollen Schultern fiel und die schöne Büste enthüllte. Wenigstens schien sie diesmal nicht darauf zu achten, als sie sich wieder in den Schaukelstuhl niederließ und in den Notizen blätterte.

»Ich habe Dir Viertausend vor zwei Monaten gegeben zu dem Holzgeschäft.«

»Ja – Du weißt, daß der verdammte Frost nicht kommen wollte. Wir haben schändlich viel Geld verloren bei der Spekulation!«

»Was geht das mich an? – Dann fünfhundert Thaler – und noch einmal vier – als neulich die Wechsel kamen!«

Er fuhr sich durch die Haare. »Ich weiß, ich weiß – Du bist immer eine gute Frau gewesen, – wenigstens in diesem Punkt! Aber ich schwöre Dir –« er stockte, denn seine brennenden Augen hafteten auf dem Marmorbusen der Frau, die seine Gattin war und doch wieder nicht – »ich will Dir Alles zurückgeben, Alles – bei dem nächsten glücklichen Erfolg. Nur diesmal mußt Du mir noch aushelfen.«

Sie sah noch immer in ihr Notizbuch. »Mit den Hundertfünfzig von heute macht die Summe gerade fünftausend und fünfzig Thaler. Die fünfzig schenk' ich Dir – wir sind also quitt!«

Der Mann starrte sie an. »Was willst Du damit sagen?«

»Ich dächte, ich spreche deutlich genug. Es sind die fünftausend Thaler, für die ich mich Dir verkaufte. Du hast sie jetzt zurück erhalten, ich schulde Dir Nichts mehr!«

»Schulden? – wie kannst Du so sprechen zwischen Mann und Frau! Du weißt, daß ich Dir Alles erstatten werde, wenn ich jetzt die große Lieferung für das Schloß erhalte, die mir sicher ist. Aber dazu muß ich eben meinen Credit aufrecht erhalten. Ich weiß, wenn Du auch nie darüber gesprochen, daß Du Geld hast ...«

»Bin ich Dir Rechenschaft darüber schuldig?«

»Nein – ich verlange sie ja auch nicht. Aber Du kannst nur aus einer dringenden Verlegenheit helfen. Das ist doch das Wenigste, was eine Frau für ihren Mann thun kann!«

»Für ihren Mann?« Sie lachte spöttisch auf.

»Höll' und Teufel – bin ich's nicht? – wenigstens vor den Augen der Welt, wenn ich auch Narr genug bin, mich von Deinen Launen martern zu lassen, daß ich um die kleinste Gunst bettle, wie ein Schulbube, während doch Alles mein ist – mein! –«

Er war wieder empor gesprungen mit glühendem Gesicht und wollte auf sie zu, – aber ein so kalter, vernichtender Blick aus den Augen der Frau traf ihn, daß er unwillkürlich wieder auf das Tabouret zurücksank.

»Bleiben Sie ruhig auf Ihrem Platz, mein Herr – ich dächte, Sie wissen zur Genüge, daß ich mich nicht zwingen lasse!«

»Du bist ein Teufel – wenn Du nur nicht so schön wärst! – Willst Du mir helfen?«

»Ich mache keine Geldgeschäfte! – Warum verkaufst Du nicht von Deinen Papieren an der Börse? Die Course stehen zwar augenblicklich schlecht – aber wenn es sein muß ...«

»Ich habe keine Papiere mehr – Du weißt es nur zu gut!«

»Ah richtig – deshalb schlugst Du mir ja vorgestern die dreihundert Thaler ab, die ich für neue Möbel meines Salons verlangte! So nimm ein Kapital auf das Haus auf!«

»Es gehört mir kein Stein mehr – es ist Alles verpfändet! – um es mit einem Wort zu sagen – ich bin für den Augenblick ruinirt!«

Wiederum traf ihn ein triumphirender dämonischer Blick aus den starren kalten Augen.

»Also ein Bettler?«

»Unsinn – sprich nicht so – wenn ich auch augenblicklich schlechte Geschäfte gemacht und mein Vermögen verloren habe, Du weißt, daß die Lieferung, die mir sicher ist, mir neuen Credit giebt und wenigstens zwanzigtausend Thaler werth ist!«

»Und wenn Du sie nicht erhieltest?«

»Dann, allerdings – dann wäre ich in einer verteufelten Klemme! Aber es ist unmöglich, Du wirst mir helfen, daß ich morgen nicht blamirt werde, und übermorgen wird der Contract geschlossen!«

»Du bist im Irrthum!«

»Was willst Du damit sagen?«

Die junge Frau hatte sich erhoben und war vor den Pfeilerspiegel getreten, den sie beim Ankleiden benutzte. Sie begann langsam das volle prächtige Haar zusammen zu nehmen und in einem Knoten am Hinterkopf zu befestigen.

»Reiche mir das Häubchen mit den Spitzen dort von meinem Bett, wenn Du so gut sein willst.«

Die erhobenen runden weißen Arme ließen ihn neue Reize sehen – er war fast wahnsinnig vor Angst und Begierde.

»Amalie, ich beschwöre Dich, die Sache ist zu ernst zum Scherz!«

»Scherzen? ich, mit Dir? – Du rechnest auf den Geheimen Rath?«

»Ja – ich habe sein Wort!«

»Ich war vor drei Tagen bei ihm!«

»Wie – bei ...«

»Nun ja – die Excellenz ist ein recht galanter Mann. Dein Freund Jonas bat mich, ihm einen Gefallen zu thun, und ich hatte meinen eigenen Zweck!«

»Höll' und Teufel! ohne mein Wissen? Er ist ein alter Wüstling, und bekannt, daß er für eine Schäferstunde Alles thut!«

»Du hast ganz Recht! Aber Du vergißt unsern Contrakt – ich bin meine eigene Herrin! er hat mir gesagt, daß Du die Lieferung nicht bekommen wirst – weil Du ein Spieler und ruinirt bist!«

»Wer hat ihm das gesagt?«

»Ich!«

Der Schlag war so stark, so unerwartet, daß er eine Minute lang nicht zu sprechen vermochte, sondern sie nur mit weitgeöffneten Augen anstarrte.

Die ehemalige Polkakönigin setzte kokett das kleine Nachthäubchen auf die blonden Locken.

»Wie Du? das ist unmöglich! Dann wärst Du ja meine ärgste Feindin!«

»Merkst Du das jetzt erst?«

Er fuhr sich mit den Händen in die Haare. »Weib, mache mich nicht wahnsinnig! Du bist doch meine Frau! Wir haben doch dieselben Interessen!«

»Ich mit Dir? – Du träumst! – Da, wenn Du ein galanter Ehemann sein willst, reich mir das Jäckchen dort her!«

Er rannte wie unsinnig hin und her, indem er die Nägel in das Fleisch seiner Brust preßte. »Dieser Teufel – dieser Teufel! wenn sie nur nicht so schön wäre! Wer anders als Du hat mich ruinirt und zu all' dem Luxus und den Spekulationen getrieben? Jetzt sollst Du mich wenigstens entschädigen mit Deiner Liebe!«

Sie lachte hell auf. »Glaubst Du denn, daß ich Dich geheirathet, um ein Bettlerleben zu führen, Raum in einer Hütte, für ein glücklich liebend Paar?«

»Aber die Frau gehört doch dem Mann!«

»Gewöhnlich! Bei uns ist's umgekehrt!«

»Amalie – ich bitte Dich, ich beschwöre Dich – Du sollst allen Luxus haben, den Du nur willst! Aber gieb mir das Geld – ich muß das Geld haben!«

»Ich habe keins! Du hast das Deine zurück erhalten!«

»Ich will es glauben – aber Du hast Diamanten und Schmuck! Er ist mehre tausend Thaler werth – laß mich ihn verpfänden, auf acht – auf drei Tage – bis ich mir geholfen habe!«

»Du weißt, wo er liegt – nimm was Du findest!«

Er stürzte nach dem Schreibtisch und riß die Fächer auf – Alles war leer.

»Aber um Himmelswillen – es ist ja Nichts da?«

»Nein – er ist fort! er ist mein Eigenthum und Du weißt, daß wir keine Gütergemeinschaft haben! Aber tröste Dich, er soll dazu bis zum letzten Stein verwendet werden, Wittwen und Waisen zu vergüten, um was wahrscheinlich Dein zweiter Bankerott sie betrügt!«

»Satan!« Er stürzte auf sie zu und hob drohend die geballte Faust. Sie sah ihn lächelnd an, indem sie fortfuhr, sich auszukleiden und das Nachtzeug anzulegen. »Ei, genire Dich nicht,« sagte sie freundlich. »Wer die Männer aus dem Hinterhalt erschießt, kann wohl auch ein Weib schlagen!«

Er taumelte zurück, die Stube schien sich um ihn her zu drehen, von allen Seiten schienen ihn süße Frauengesichter anzulächeln, während sie im nächsten Augenblick zu Dämonenfratzen wurden.

Er fiel zu ihren Füßen. »Amalie, es war Alles aus Liebe zu Dir, Du weißt es! Zehn Jahre marterst Du mich jetzt mit Höllenqualen. Zeige mir wenigstens einen Funken Gefühl. Gieb mir das Geld, Du weißt nicht, was auf dem Spiele steht für mich!«

»Du wirst es mir sagen, süßer Gatte!« Ihre weiße Hand tändelte mit seinem schwarzen Haare, während ein Gefühl sich in ihrem Gesicht malte, als sei sie gezwungen, eine Schlange zu berühren.

»Es laufen Wechsel, ich muß sie einlösen – oder –

»Nun, Carl? Du hast kein Vertrauen, Carl!«

»Oder – das Zuchthaus ist mir gewiß!«

»Also gefälscht?«

»Ja – gefälscht, wenn Du's denn wissen willst, – für Dich! ich konnte die Ausgaben nicht mehr bestreiten!«

»Und mußtest doch auch Dein Hazard haben! Liebe und Spiel ist freilich zu viel! Du hast eine unglückliche Hand, Carl!« Ein dämonischer Triumph leuchtete in ihren Augen, während sie sprach und der Elende vor ihr, nicht wissend, ob es Spott oder Theilnahme war, sein Gesicht in ihr Nachtkleid verbarg.

»Es ist wahr – ich bin selbst schuld – ich habe unsinnig gespielt! ich bitte Dich um Verzeihung, daß ich Dich anklage!«

»O ich verzeihe Dir das gern – Du sollst sehen, wie ich auch für Dich sorgen will, wenn Du in Spandau bist; für Schnupftaback und einige andere kleine Bedürfnisse darf man jawohl in Spandau einzahlen?«

Er sprang wie rasend empor. »Schweig, oder ich ermorde Dich!«

Sie sah ihn ruhig an. »Du hast seit zehn Jahren keine Uebung darin gehabt. – Wahrhaftig, die Sträflingsjacke wird dem schönen Karl gut stehen!«

»Weib ...!« Er trat mit geballten Fäusten, Schaum auf den Lippen, auf sie zu.

Sie lachte verächtlich. »Schade,« sagte sie, – »ich hatte es so gut vor mit Dir diese Nacht! Du solltest belohnt werden für all' die Liebe und Enthaltsamkeit! Aber Du wirst begreifen, daß ich mit einem künftigen Zuchthäusler doch unmöglich mein Bett theilen kann – mein verstorbener Engel könnte sonst einen Bruder bekommen, dessen Vater in Spandau sitzt und es ist genug, daß mein eigener Bruder dort Wolle gekrämpelt hat!«

Ein brummender Laut aus dem Salon her antwortete der Infamie, aber der Gatte, der Verhöhnte, achtete nicht darauf; die ganze Brutalität seines ursprünglichen Charakters brach sich endlich Bahn, und hätte er sie erreicht, die ihn so bitter verhöhnte, er hätte sie mit dem Faustschlag, den er nach ihr führte, zu Boden geworfen.

»Kanaille – erst ermorde ich Dich, ehe ich in's Zuchthaus gehe, damit Dich wenigstens kein Anderer haben soll!«

Aber die junge Frau war mit der Gewandtheit einer Pantherin hinter den Tisch gesprungen. »Sachte, sachte Herr Gemahl! Man sollte meinen, Sie wären noch der Hausknecht in Mylius Hôtel aus dem Anfang Ihrer Karriere! – Kommen Sie mir nicht zu nahe, oder ich steche Sie nieder, wie einen tollen Hund!«

Sie hatte von ihrer Toilette ein spitzes Trennmesser ergriffen und streckte es ihm entschlossen entgegen. Ihr ganzes Wesen schien sich mit einem Schlage verändert zu haben. Die spöttische höhnische Miene war verschwunden, das kalte blaue Auge sprühte ein dämonisches Feuer – die Haut unter dem zarten rouge, das sie für die Gesellschaft aufgelegt, war noch alabasterbleicher als gewöhnlich.

Der Elende war vor der blitzenden Klinge, vor dem drohenden Auge der Frau zurückgewichen und warf sich jetzt in den Sessel, den sie vorhin verlassen. »Amalie, Amalie, warum behandelst Du mich so schändlich und undankbar! ich wollte, ich wäre todt!«

Sie stand hoch aufgerichtet vor ihm, nur durch die Breite des Tisches von ihm getrennt, ein göttlich schönes Weib mit der Schönheit der Gorgone, deren Anblick zum Marmor erstarren machte. Das achtlos geöffnete Nachtkleid zeigte den kräftigen auf und niederwogenden Busen, der weiße, entblößte Arm war drohend gegen ihn gestreckt, der üppige, des gewöhnlichen Zwanges entfesselte Leib bog sich wie der schlanke Körper des Jaguars, der auf seine Beute stürzt.

»Es ist Zeit, daß es zu Ende kommt mit uns Beiden,« sagte sie mit tiefer harter Stimme. »Der Augenblick ist da, nach dem mein Herz – wenn ein solches Ding überhaupt noch in meiner Brust wohnt – seit zehn Jahren sich gesehnt hat. Der achtzehnte März soll nicht wiederkehren, ohne daß er und ich und sein Kind gerächt sind an Dir, feiger Mörder und Dieb!«

»Amalie!«

»Nenne meinen Namen nicht, Verächtlicher, Du hast kein Recht daran. Die, welche den Namen trug, gehörte Dem, den Du feig ermordet hast, der Mutter seines Kindes, das durch Deine niederträchtige That entehrt geboren ward, in Jammer geathmet hat und in Fluch gestorben ist. Für Dich aber, höre es Mensch, für Dich ist mein Name Haß, Verdammniß, Rache, Rache!«

»Erbarmen – Du tödtest mich!«

»Könnt' ich Dich tödten hundertfach, mit allen Martern, die der Menschenwitz je ersonnen, ich würde es thun. So aber hattest Du nur ein Leben, und es wäre eine jämmerliche Strafe gewesen, es Dir zu nehmen. Darum habe ich mich an Deine Fersen geheftet, darum habe ich Deine Laster gehätschelt, Deine gemeinen Begierden gereizt bis zum Wahnsinn! Zwei Mal hat das Glück Reichthum an Dich verschwendet, zwei Mal habe ich Dich zum Bettler gemacht und endlich zum Schurken und Betrüger. Mit dem Ringe, den Du mir an Gottes Altar an den Finger stecktest, hast Du die Furien in Dein Haus genommen. Schritt um Schritt habe ich Dein Verderben bereitet – ich brauchte Deine eigene böse Natur ja nur gewähren zu lassen, Deine Leidenschaften zu nähren. Aber ich habe mehr gethan, denn das genügte mir nicht! hörst Du! diesen Leib, diese Schönheit, nach der Du so rasend begehrt, die Deine Sinne bis zum Wahnsinn reizen konnten, – ich habe sie weggeworfen an Deine Feinde! ich habe sie preisgegeben, um Dich zu ruiniren! Und wenn Du in der Züchtlingsjacke Dich krümmst, will ich Dir noch vor's Gesicht treten so oft es geht, und Dir meine Rache in das Gesicht schleudern für das Weh, das Du mir angethan, indem Du mein Liebstes gemordet, und jede Wohlthat, die ich Dir hinwerfe, soll zur giftigen Mahnung werden an Die, die Dich haßt und verflucht bis zum letzten Athemzug!«

Sie war erschüttert von dem gewaltigen Ausbruch der so lange verhaltenen Gefühle in die Knie gesunken und stützte die Stirn auf den kalten Marmor des Tisches. Ein schmerzliches Stöhnen, als wollte sie ersticken am emporquellenden Blut, – dann endlich machte ein Thränenstrom der gequälten Brust, dem gebrochenen Herzen Luft und sie schluchzte laut auf: »Ferdinand! Ferdinand! mein armes verlorenes Kind!«

Polenz war auf dem Stuhl sitzen geblieben, erst sich windend unter den ihn überfluthenden Verwünschungen, dann in einer gewissen Regungslosigkeit. Seine Augen starrten vor sich hin, die Entdeckung, daß gerade das angebetete, bis zur Raserei geliebte Weib mit teuflischer Sicherheit seinen Ruin herbeigeführt, daß sie in den ganzen Jahren ihrer für ihn zur Hölle gewordenen Ehe darauf ausgegangen war, ihn zu verderben, betäubte ihn und schien ihn ganz geistesabwesend zu machen.

Erst nach einer Weile, als das Schluchzen der Frau ihn weckte, taumelte er empor und sah wild umher.

Es war, als übe das starke Getränk, mit dem er sich Muth gemacht zu der Unterredung mit seiner Frau, plötzlich jetzt seine Wirkung. Seine Augen glühten, sein Gesicht war dunkel geröthet, als er auf die schluchzende Frau zutaumelte.

»Gott verdamm' mich – Du bist mein Weib! ich will mein Vergnügen haben diese Nacht wenigstens, wenn ich denn morgen in's Zuchthaus muß, weil Du mir kein Geld giebst! Zu Bett, Malchen, komm zu Bett, Frau!«

Sie sprang, wie von hundert Nattern berührt empor, als er sie umfassen wollte.

»Zu Hilfe! Franz – wo bist Du? zu Hilfe!«

Der würdige Kommissionair erschien zögernd in der Thür, zu der sie geflüchtet war. Er war sichtlich etwas angegriffen und erschrocken. »Zum Henker, Male,« sagte er zögernd, »Du machst es ooch zu arg mit ihm. Des kann keen Pferd aushalten. Ick liebe und schätze Amanden zwar sehr, aber wat zu ville is, is zu ville!«

»Wirf ihn hinaus – befreie mich von dem Elenden, wenn Du ein Mann und mein Bruder bist!«

»Sachte, sachte,« sagte der Kommissionair. »Wenn Du's denn mal nich anders willst – aber ik sage Dir, et wird Jeld kosten. Na, kommen Sie man immer mit Herr Schwager, die frische Luft wird Sie am Besten thun.«

Er hatte Polenz am Arm gefaßt; – dieser war wie betäubt von dem Eintritt eines Dritten, er stierte wieder mit dem leeren Blick eines Trunkenen oder Geistesabwesenden auf die Geschwister und ließ sich ohne ein Wort der Widerrede hinaus führen.

»Gutenacht Male,« sagte der Kommissionair – »den Auftrag werde ich besorgen. Morgen früh komm ich wieder!«

»Geh!«

Er verschwand mit dem Taumelnden in den Salon, indem er ihn mitleidig unterstützte.

Die Frau folgte den Beiden mit einem unbeschreiblichen Blick, einem Blick voll Haß, Triumph, Verachtung und doch auch nicht ohne Mitleid. Dann preßte sie beide Hände vor den Busen, als wolle sie den von der stattgefundenen Scene noch stürmisch wogenden beruhigen.

»Es ist geschehn,« murmelte sie, »Gott im Himmel mag mir's verzeihen, aber ich konnte nicht anders! Du Schatten Dessen, den ich allein geliebt habe auf der Welt, du bist gerächt, schwerer als mit Blut oder Tod, und du mein süßer Engel, wenn es wahr wäre, wenn es nicht der bloße Trost eines Freundes ist, und du wirklich noch weilen könntest unter den Lebendigen, o kehre wieder, um das einzige Glück mir zu bringen, für das ich noch leben will!«

Sie warf sich auf ihr Bett, eine Beute der widerstrebendsten Gefühle.

 

Der Kommissionair fühlte wirklich eine Art Theilnahme für seinen Schwager. Obschon er den energischen Charakter seiner Schwester kannte, hatte er doch nie einen solchen Schrecken, ja gewissermaßen ein Grauen vor ihr empfunden, als ihn beim Anhören der Scene zwischen ihr und ihrem Gatten überkommen war. Dies Gefühl war so stark, daß es selbst die anfängliche Lust unterdrückte, durch irgend eine Lüge die Chatoulle mit den werthvollen Schmucksachen, die sie ihm anvertraut, sich selbst zuzueignen.

»Die Male hat heute ihren Rappel, daß sie die dumme Geschichte mit dem erschossenen Lieutenant Ihnen wieder aufwärmt,« sagte er tröstend zu dem Schweigenden, den er noch immer am Arm führte. »Des wird vorüberjehn und ich denke, auch mit des Vermögen wird es jrade noch nich so schlimm stehn, deß Sie sich nich wieder ufrappeln sollten. Sie haben immer en Schwerenoths-Glück gehabt, Herr Polenz und des verläßt den Menschen nich so leichte, der's einmal hat. Mit mir is des eene andere Sache. Aber Sie werden doch gut thun, heute man nich wieder bei der Male sich sehn zu lassen, sie is en wahrer Deifel, wenn sie man ihren Kopp ufjesetzt hat. Kommen Sie, schließen Sie mir man die Hausthür auf Herr Schwager, deß ich jetzt in eener anständigen Weise raus kann, und trösten Sie sich man. Amande is manchmal ooch nich bitter!«

Er war bis zur Hausthür gekommen, und schloß sie sich hübsch selber auf, während Polenz dabei stand, ohne eine Hand zu rühren.

»Na Gutenacht Schwager – und ich denke, wir bleiben die alten Freunde wie vor zwölf Jahren, Sie werden auf mir keenen Groll werfen, wenn ich auch meiner Schwester beistehen muß. Des is nich mehr als billig!«

Damit schlüpfte er aus der Hausthür, blieb einige Schritte davon stehen, um zu sehen, ob der Schwager ihm nachgehe oder schaue, und holte dann aus dem Versteck die Chatoulle, mit der er den Weg nach Hause antrat.

Herr Polenz hatte ihm weder nachgesehen, noch war er ihm anfangs nachgegangen. Er blieb vielmehr auf derselben Stelle, wo ihn sein würdiger Verwandter verlassen hatte, eine ganze Weile stehen, immer vor sich hinstarrend, indem er nur von Zeit zu Zeit die gewohnte Bewegung machte und sich in die Haare faßte. Dann endlich trat er aus der Thür, durchschritt langsam den Vorgarten und trat auf die Straße, die promenadenartig an dem Kanal entlang läuft.

Es mochte jetzt etwa 1 Uhr vorüber sein, und tiefe Stille lag über der ganzen Umgebung, nur zuweilen durch den festen Schritt eines Verspäteten oder das entfernte Pfeifen eines Nachtwächters unterbrochen. Es begann zu frieren, und die dünne Eisdecke, die noch unhaltbar für eine Last auf dem Wasser des Kanals und des anstoßenden Bassins lag, verdichtete sich.

Der ruinirte Spieler war halb bewußtlos immer weiter geschritten, ohne Kopfbedeckung, in dem leichten Hausrock. Er schien weder ein bestimmtes Ziel zu haben, noch die Kälte zu empfinden. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen und murmelte einige Worte. Es waren immer dieselben: »Komm zu Bett Frau, Du bist mein Weib – ich will in Deinem Arm liegen, eh ich in's Zuchthaus muß!«

Dann wieder schlug er ein häßliches Lachen auf und rieb sich die Hände. »Ich wußt es wohl, es hat sie tief gepackt, daß ich ihr den Lieutenant todt geschossen habe, der die Bürgermädel verführt! Aber ich will den Alten auch todtschießen, – die Excellenz mit dem weißen Bart, der sich mit weißen Frauenleibern die Gnade und die Gerechtigkeit erkaufen läßt! Ha, wie sie toben wird, wenn ich auch den erschossen habe – aber sie muß gehorchen, sie muß mein sein – sie ist mein Weib!«

Er war auf einen öden, noch ziemlich wüsten Platz gekommen, denselben, auf den damals François, die junge Schweizerin aus dem abscheulichen Wollusttheater der Madame Wohlbrück geflüchtet hatte. Das große Hafenbassin war wie der Kanal mit einer dünnen unhaltbaren Eisdecke überzogen; einige Schritte von den Ufern ankerten mehre große Spreekähne, die hier überwinterten, da sie beim Torf- oder Holzbringen der Frost überrascht hatte. Die Schiffer mit ihren Familien bewohnten wie gewöhnlich die Kajüten. In einer derselben schien es noch sehr lebendig zu sein. Die kleinen Fenster im Spiegel waren hell erleuchtet, und lustiger Gesang und Gläserklang schallten heraus.

Ein schwanker Steg ohne Lehne führte vom Ufer nach dem vom Thau und Frost überaus glatten Bord.

Der Elende, der halb bewußtlos, getrieben von den Furien der Angst, der aufgeregten Leidenschaften und des ohnmächtigen Zorns bis hierher gekommen war, stand am Rande des Bassins, gerade dem erleuchteten Schiffe gegenüber. –

Eben erscholl von dort ein altes kerniges Soldatenlied, von einer kräftigen männlichen Stimme vorgetragen, während mehre andere im Chor einfielen.

»Wie sie jubeln und spotten, die Elenden, als ob ich schon im Zuchthaus säße,« murmelte Polenz. »Aber ich will ihnen die Freude nicht gönnen, und ihr auch nicht! nein – nimmermehr, lieber wollt' ich mich aufhängen. Nur kein Blut – kein Blut – ich mag es nicht sehen wie damals, als er die Arme aufwarf, der Schurke, der schmucke Lieutenant in seiner Uniform, der mir ihr Herz gestohlen und ihren Leib. Und wenn er wieder dort vor mir wäre, so – hoch zu Pferde, – wie er winkte mit seinem weißen Tuch – – die Büchse an die Wange und dann – –«

»Ferdinand soll leben! Hurrah, Ferdinand soll leben! Hoch!« klang es jubelnd aus der Kajüte, und die Gläser klirrten zusammen.

»Ferdinand? – Bei der Hölle – so hieß er, und den Namen jammert sie im Traum, wenn ich wie ein Hund vor ihrer Stubenthür liege und ihren Schlaf belausche. Will mich denn Alles höhnen? Die Pest über die Schurken, ich schlage ihnen den Schädel ein!«

Und mit drohender Geberde betrat er den schwanken Steg.

Die Schatten der Wolken, welche der noch kurz vorher herrschende heftige Wind an dem Monde vorübergejagt, flogen noch immer – obschon jener sich fast plötzlich in den untern Regionen gelegt, – in phantastischen Gestalten über den öden Platz und die weiße bereifte Eisdecke des Hafenbassins.

Polenz stand auf der Mitte des schwanken Bretts – wenige Schritte entfernt schallten aus der Thür der Kajüte, die trotz des Frostes, wahrscheinlich um frische Luft in das enge von Tabacksqualm und Grogkduft erfüllte Gemach zu lassen, etwas geöffnet stand, ihm heiteres Gelächter und laute Worte entgegen.

»Er war ein wackerer Offizier, der Herr Lieutenant von Röbel, nach dem der kleine Bursche da in der Wiege heute getauft worden ist,« sagte eine kräftige breite Mannesstimme im märkischen Dialekt – »und möge der tückische Bube, der meinen braven Herrn vom Pferde schoß, in seiner Todesstunde noch büßen für den Mord! Fluch dem feigen Mörder!«

Das krause Haar des Lauschenden sträubte sich in starren Fäden – er schaute mit Entsetzen um sich bei dieser plötzlichen Berufung zu solcher Stunde und an diesem Ort. Es klang wie eine Mahnung des rächenden Jenseits in sein Ohr, das nie sich der Stimme der Reue über die bübische That bisher geöffnet hatte, und er wandte sich hastig auf dem schmalen Brett, um aus dieser Nähe zu fliehen.

Auf den Mondstrahlen reiten die Geister – bleiche gespenstige Lichter tanzen ihren Todtenreigen, während hinter Thüren und Fenstern die Lebendigen schlummern!

Der bleiche Mondstrahl, wie er auf die ihrer Blätter beraubten Bäume mit den bereiften Zweigen, wie er auf die leere Bank am Ufer, auf den Pfahl, um den die Ankertaue sich schlangen – auf die weiße Warnungstafel fiel, formte sich zur linienlosen Gestalt, die sich bewegte im ersterbenden Lufthauch; – mit weit geöffneten Augen stierte der Mann auf dem schwanken Brett hinüber – – Die Thür der Kajüte öffnete sich, der zwischen den scheidenden Männern und Frauen heraus fallende Lichtschein mischte sich mit dem Mondstrahl und warf den eigenen Schatten des Elenden weit hin über die weiße Fläche.

»Nun Gutenacht Kameraden,« sagte der seine Gevattern begleitende Schiffer, »und herzlichen Dank für den Liebesdienst. Wäre der jüngste Herr von Röbel hier, hätte er wohl selbst dem Gottlieb die Ehre angethan und auf den lebendigen Ferdinand die Hand gelegt, wie er sie einst auflegen mußte auf die Wunde des braven Todten um Gelöbniß, für unsern Herrn und König treu zu leben und zu sterben, gleich wie der Todte ihm treu gestorben war in seiner Pflicht. So wollen auch wir schlichte Leute dem König treu bleiben in seiner schweren Zeit, und die Hand Gottes wird die Untreuen strafen, wie sie noch stets, und dauere es noch so lange, den Mörder straft!« Ein einziger Aufschrei – ein schwerer Fall – die dünne Eisdecke bricht unter einem schweren dunklen Körper.

»Um Gotteswillen, Kameraden zu Hilfe – hier ist ein Unglück geschehen – bring den Schiffshaken herbei Christian, – Licht her Frau, geschwind!«

Der Steg vom Bord zum Ufer war leer – am Ufer spielten allein die gespenstigen Mondstrahlen – aus der dunklen Oeffnung im Eise gurgelte es unheimlich herauf.

Mit zwei Sprüngen war der Schiffer am Land und die nächsten Stufen der Steinwand hinab.

»Ist hier Jemand im Wasser? – Her mit dem Haken – so wahr mir Gott helfe, da taucht eine Hand auf – in den Kahn, Gevatter – er treibt dorthin unterm Eis!«

Die Wackern arbeiteten mit Stangen und Rudern, die dünne Eisdecke, unter die der Verunglückte gerathen war, einzudrücken, die Frauen schrieen um Hilfe, die Nothpfeife des Wächters, der eben auf den Platz kam, schrillte dazwischen – in wenig Minuten waren trotz der späten Stunde zwanzig, dreißig Menschen vom nahen Eisenbahnhofe um den Schauplatz des Unglücks versammelt.

Aber wie rüstig die Braven auch arbeiteten, es vergingen mehr als zehn Minuten, ehe ihre Haken den Körper des Ertrunkenen unter dem Schiffrand faßten und ihn an Bord zogen.

»In die Kajüte mit ihm, gewiß ist er noch zu retten,« befahl der wackere Schiffer Gottlieb Schmidt, vor zehn Jahren der treue Bursche des ältesten Junkers von Rödel. »Schieb die Wiege mit dem kleinen Schreihals zur Seite und legt ihn auf das Bett. Lauft geschwind nach einem Arzt – drüben in der Köthener Straße wohnt einer.«

Sie hatten den Leblosen herein gebracht und auf das Bett gelegt, der Schein der Lampe und des angezündeten Lichtes fiel jetzt voll auf das weiße entstellte Gesicht mit den stieren Augen und dem wirr um den Kopf hängenden nassen Haar.

Der Schiffer fuhr unwillkürlich einen Schritt zurück, als er jetzt im hellen Schein dies Gesicht sah – ihm war, als müsse er es kennen, als schaue es zu ihm herüber aus dunklen Erinnerungen – vor Jahren!

»Wahrhaftig – es ist der reiche Partikulier Polenz, der drüben über'm Kanal wohnt und die hübsche Frau hat,« sagte einer der Eisenbahnbeamten, der mit in die Kajüte getreten war. »Ich kenne ihn recht gut – noch vor drei Tagen ist er mit mir nach Potsdam gefahren und jetzt liegt er hier kalt und todt. Wie mag das nur gekommen sein?«

»Polenz?« – der einfache Schiffer wandte sich schaudernd ab und ergriff die Hand seines Weibes, die den vom Lärmen erwachten schreienden Säugling aus seinem Bettchen nahm und ihn an die Mutterbrust legte. »Ja gewiß, so war ja sein Name, der Kerl, der Franz Günther hat ihn oft genug genannt, daß er so eifersüchtig war um seine Schwester – und ich erkenne ihn wieder, obschon ich ihn nur ein einzig Mal gesehn, damals am Fenster, mitten im Pulverdampf, als er höhnisch die Büchse schwang!«

»Was murmelst Du da, Gottlieb?«

»Nichts, Marie – aber es ist doch seltsam und Gottes Wege sind wunderbar. Grade am heutigen Abend, wo wir von dem seeligen Junker sprachen – und hier bei mir, der ich dem Schurken den Tod geschworen und ihn niemals nicht wieder gesehen hatte!«

Ein Arzt war glücklich gefunden worden und drängte sich im Schlafrock durch den Kreis.

Er legte mit der Gleichgültigkeit seines Handwerks die Hand auf die entblößte Brust des leblosen Körpers, dann ließ er den Arm entkleiden und schlug im Gelenk eine Ader.

Es kamen zwei dicke Tropfen schwarzen Blutes, dann Nichts mehr trotz aller Versuche.

»Der Mensch ist todt,« sagte der Arzt. »Sparen Sie sich das Reiben, es nutzt zu Nichts. Er ist wahrscheinlich vorher sehr erhitzt gewesen und der Schlag hat ihn in dem kalten Wasser getroffen.«

Der Schiffer Gottlieb hielt die Hände gefaltet, während er sich über sein Kind niederbeugte, das den Namen Dessen trug, der so sichtbar durch Gottes Hand gerächt worden.

Auf den fragenden Blick seiner Frau antwortete er nur mit dem leise, aber aus tiefer Seele gesprochenen Gebet:

»Vergieb uns unsre Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigen!«

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