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Magellan

Stefan Zweig: Magellan - Kapitel 7
Quellenangabe
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typebiography
authorStefan Zweig
titleMagellan
publisherS. Fischer Verlag
printrun55.-58. Tausend
editorKnut Beck
year1994
isbn3-596-25356-X
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ein Wille gegen tausend Widerstände

22. März 1518 - 10. August 1519

Bei großen Leistungen blickt die Welt um der Vereinfachung der Optik willen am liebsten auf die dramatischen, die pittoresken Augenblicke ihrer Helden: Cäsar, da er den Rubikon überschreitet, Napoleon auf der Brücke von Arcole. Im Schatten aber bleiben die nicht minder schöpferischen Jahre der Vorbereitung, die geistige, die geduldhafte, die organisatorische Emporstufung einer historischen Tat; auch bei Magellan mag es den Maler, den Dichter reizen, ihn darzustellen im Augenblicke des Triumphs, da er die von ihm gefundene Straße durchsteuert. In Wahrheit aber hat seine unvergleichliche Energie sich vielleicht noch großartiger bewährt, als es galt, die Flotte überhaupt erst zu erzwingen, zu erschaffen und ihre Ausrüstung gegen tausend Widerstände durchzusetzen. Einer herkulischen Aufgabe sieht sich der bisherige »sobresaliente«, der unbekannte Soldat, plötzlich gegenübergestellt. Denn etwas völlig Neues und Vorbildloses hat der in der Organisation noch Unerprobte zu vollbringen: eine Flotte von fünf Schiffen auszurüsten für eine Fahrt, die kein Vorbild hat und für die alle bisherigen Zeiten und Maße nicht gelten. Niemand kann Magellan bei seinem Unterfangen beraten, denn niemand kennt die unbetretenen Zonen, die undurchfahrenen Meere, in die er sich als erster wagen will. Niemand kann ihm auch nur annähernd sagen, wie lange die Reise um den noch unangemessenen Erdball dauern, in welche Länder, in welches Klima, zu welchen Völkern der unbeschrittene Weg ihn führen wird. Für alle nur denkbaren Möglichkeiten also, für arktischen Frost und tropische Hitze, für Sturm und Windstillen, für ein Jahr, vielleicht für zwei, vielleicht für drei, für Krieg und für Handel muß die Flotte zugleich gerüstet sein, und dies kaum Errechenbare muß er selbst allein errechnen, erkämpfen, erzwingen und dazu noch gegen die unerwartetsten Widerstände. Und nun erst, da die Aufgabe dem bloß Planenden ihre Schwierigkeit enthüllt, wird die innere Größe des lang Verborgenen endlich erkennbar. Während sein Rivale im Weltruhm, Columbus, dieser »Don Quichotte der Meere«, dieser naive und weltfremde Phantast, alle praktischen Dinge der Vorbereitung lieber den Pinzons und andern Piloten überließ, erweist sich Magellan – hierin Napoleon ähnlich – ebenso verwegen in der Gesamtkonzeption wie präzis und pedantisch in der Durchdenkung, in der Durchrechnung jedes Details. Auch bei ihm bindet sich geniale Phantasie mit genialer Exaktheit, und wie Napoleon Wochen und Wochen vor seinem blitzhaft schnellen Alpenübergang schon vorauskalkulieren mußte, wieviel Pfund Pulver, wie viele Säcke Hafer an einem bestimmten Tage an einer bestimmten Stelle des Vormarsches bereitzustehen hätten, so sieht dieser Eroberer des Weltalls bei der Ausrüstung seiner Flotte sich genötigt, schon im voraus auf zwei, auf drei Jahre hinaus jede nur erdenkbare Entbehrung und Schwierigkeit durch genaue Vorsorge auszuschalten. Ungeheure Aufgabe eines einzelnen Mannes, bei einem so weitmaschigen, so unübersehbaren Unternehmen die hunderterlei Hemmungen zu überwinden, die sich bei jeder Umsetzung von Idee in Tat unvermeidlich ergeben; einzig die bloße Beschaffung der Schiffe fordert schon monatelangen Kampf. Zwar hatte Kaiser Karl sein Wort verpfändet, alles Nötige zu veranlassen, und all seinen Ämtern weitestgehende Hilfeleistung anbefohlen. Aber zwischen einem Befehl, sogar einem kaiserlichen Befehl, und seiner Befolgung bleibt Raum für vielerlei Verzögerungen und Hemmungen: immer muß das wahrhaft Schöpferische von dem Schöpfer allein getan werden, soll es wahrhaft vollendet sein. Und wirklich: nichts und auch nicht das Nichtigste in der Vorbereitung seiner Lebenstat hat Magellan einem andern überlassen. Indes er mit der Casa de Contratacion, mit den Ämtern, den Händlern, den Lieferanten, den Werkleuten auf die zäheste Weise verhandelt, überwacht er im Bewußtsein seiner Verantwortung vor den Menschen, die ihm ihr Leben anvertrauen, jede einzelne Einzelheit. Jede Ware ist von ihm überprüft, jede Rechnung durchgerechnet, jedes Tau, jede Planke, jede Waffe an Bord persönlich untersucht; von der Mastspitze bis zum Kiel kennt er jedes der fünf Schiffe wie jeden Nagel an seiner Hand. Und wie bei dem Neubau der Mauern Jerusalems die Männer arbeiteten, in einer Hand die Kelle, in der andern das Schwert, muß Magellan, während er die Flotte ins Unbekannte ausrüstet, gleichzeitig Mißgunst und Feindseligkeit all jener abwehren, die um jeden Preis ihre Ausfahrt verhindern wollen – heroischer Kampf eines einzelnen Mannes nach drei Fronten, gegen die Gegner von außen, gegen die Gegner im eigenen Land und gegen den Widerstand, den die irdische Materie an sich schon jedem Unterfangen entgegensetzt, das über gemeines Maß sich erhebt; immer aber gibt erst die Summe aller überwundenen Widerstände das wahre, das richtige Maß einer Tat und des Menschen, der sie vollendet.

Der erste Vorstoß gegen Magellan kommt aus Portugal. Selbstverständlich hat König Manoel von dem abgeschlossenen Vertrag sofort erfahren; eine schlimmere Nachricht konnte ihm nicht gemeldet werden. Das Gewürzmonopol trägt dem Kronschatz zweihunderttausend Dukaten jährlich ein, und dabei haben erst jetzt seine Flotten sich zur eigentlichen Goldmine, zu den Gewürzinseln, herangearbeitet. Welche Katastrophe, wenn die Spanier noch in zwölfter Stunde von Osten her an die Molukken gelangten und sie ihm vorausbesetzten: zu groß ist diese Gefahr für Portugals Kronschatz, als daß König Manoel nicht versuchen müßte, mit allen Mitteln die gefährliche Expedition zu verhindern. Offiziell beauftragt er darum seinen Botschafter am spanischen Hofe, Alvaro da Costa, das Kuckucksei noch im Neste zu zerschlagen.

Alvaro da Costa faßt die Sache energisch an, und zwar von beiden Enden. Er geht zunächst zu Magellan und sucht ihn – Zuckerbrot und Peitsche – zugleich zu locken und zu verschüchtern. Ob er sich denn nicht bewußt sei, welche Sünde er begehe gegen Gott und seinen König, wenn er einem fremden Herrscher diene? Ob er nicht wisse, daß sein König, Don Manoel, gerade mit Leonore, der Schwester Karls V., sich vermählen wolle und daß, wenn König Manoel jetzt Unbill erfahre, diese Heirat in Brüche gehen müsse? Wäre es nicht klüger, wäre es nicht redlicher und reinlicher, sich wieder in den Dienst seines Landesherrn zu stellen, der in Lissabon ihn gewiß auf das großmütigste entlohnen werde? Aber Magellan, wohl wissend, wie wenig sein eigener Landesvater ihn liebt, und mit Recht vermutend, daß bei einer Heimkehr dort wahrscheinlich kein runder Sack Gold, sondern ein spitzer Dolchstoß ihn erwarten würde, erklärt bedauernd, es sei zu spät. Er habe dem Könige von Spanien bereits sein Wort gegeben; dies Wort müsse er einlösen.

Der kleine Mann Magellan, dieser winzige und doch gefährliche Bauer im diplomatischen Schachspiel, war nicht zu schlagen; so bietet Alvaro da Costa nun ein verwegenes »Schach dem König«. Wie heftig er dem jungen Monarchen zusetzte, beweist sein eigener Brief an König Manoel. »Was die Angelegenheit Ferdinand Magellans betrifft, so weiß nur Gott, wieviel ich getan habe und wie ich mich gemüht habe. Ich sprach sehr energisch über diese Angelegenheit zum Könige ... ich wies ihn darauf hin, eine wie häßliche und ungewöhnliche Sache es sei, wenn ein König die Untertanen eines andern befreundeten Königs gegen dessen ausdrücklichen Wunsch in Dienst nehme ... Ich bat ihn, doch in Betracht zu ziehen, daß jetzt nicht die Stunde sei, Eure Hoheit zu kränken und gar in einer so geringfügigen und unsicheren Sache. Er verfüge doch über genug eigene Untertanen und Leute, um Entdeckungen zu jeder Zeit machen zu können, ohne sich solcher zu bedienen, die unzufrieden mit Eurer Hoheit waren. Ich stellte ihm vor, wie sehr es Eure Hoheit kränken würde, zu vernehmen, daß diese Männer gebeten hätten, heimkehren zu dürfen, und diese Erlaubnis von Spanien nicht erhielten. Schließlich bat ich ihn um seines eigenen und um Eurer Hoheit Wohl willen, er möge doch eines von beiden Dingen tun – entweder den beiden Männern Erlaubnis geben, heimzukehren, oder die Unternehmung für dieses Jahr aufschieben.«

Der achtzehnjährige Monarch, seit kurzer Zeit erst König, ist noch nicht sehr erfahren in diplomatischen Geschäften. Darum kann er sein Erstaunen nicht völlig verbergen über Alvaros freche Lüge, Magellan und Faleiro wünschten durchaus, nach Portugal zurückzukehren, und nur der spanische Hof hindere sie daran. »Er war so überrascht«, berichtet da Costa, »daß es mich selbst verblüffte.« Auch in dem andern Vorschlag des portugiesischen Gesandten, man möge die Reise um ein Jahr verzögern, erkennt er sofort den Pferdefuß. Denn genau dieses eine Jahr benötigt Portugal, um inzwischen mit einer eigenen Flotte den Spaniern vorauszukommen. Kühl wehrt der junge König darum ab; der Gesandte möge lieber mit dem Kardinal Adrian von Utrecht sprechen. Der Kardinal wieder verweist die Angelegenheit an den Kronrat, der Kronrat an den Bischof von Burgos; auf derart dilatorische Art wird unter ständigen höflichen Versicherungen, daß sein Vetter Karl nicht daran denke, seinem »muy caro e muy amado tio é ermano«, dem König Manoel, auch nur die geringste Schwierigkeit zu bereiten, der diplomatische Protest Portugals leise und unauffällig zu den Akten gelegt. Alvaro da Costa hat nichts erreicht und mehr noch: die eifersüchtige Intervention Portugals hat Magellan sogar in unerwarteter Weise gefördert. Sonderbar überkreuzen sich mit einemmal in dem Schicksal des gestern noch unbekannten Fidalgo die Launen der großen Herren der Erde. Erst im Augenblick, da König Karl Magellan eine Flotte anvertraut, ist für König Manoel sein ehemaliger kleiner Offizier eine wichtige Person geworden. Und wiederum: seit König Manoel um jeden Preis ihn zurückkaufen will, ist er König Karl nicht mehr feil. Je mehr nun Spanien die Ausfahrt zu beschleunigen sucht, desto grimmiger wird Portugal versuchen, sie zu verhindern.

 

Die weitere Hauptarbeit bei dieser heimlichen Sabotage der Flotte wird von Lissabon nun Sebastian Alvarez, dem portugiesischen Konsul in Sevilla, zugedacht. Ständig schleicht dieser beamtete Spion um die Schiffe, er prüft und überzählt jede Ladung, die an Bord gebracht wird; sehr innige Freundschaft schließt er außerdem mit spanischen Schiffskapitänen im Hafen und erkundigt sich scheinbar entrüstet, ob wirklich kastilianische Edelleute sich diesen beiden hergelaufenen portugiesischen Abenteurern auf Pfiff und Befehl zu unterwerfen hätten. Nun ist Nationalismus erfahrungsgemäß eine Saite, welche auch die plumpste Hand ohne viel Mühe ins Schwingen bringen kann; bald schwätzen und schimpfen alle Sevillaner Seeleute: Wie? Ohne je in spanischen Diensten eine Fahrt gemacht zu haben, auf ein bloßes Geflunker hin hat man diesen Landflüchtigen eine Flotte anvertraut und sie gleich zu Admiralen und Rittern des Santiago-Ordens ernannt? Aber Alvarez braucht mehr als ein solches heimliches Murren und Knurren am Kapitänstisch und in den Tavernen. Er benötigt einen echten und rechten Volksaufruhr, der Magellan das Kommando und – noch besser! – vielleicht sogar das Leben kosten kann. Eine solche Revolte setzt nun der geschickte agent provocateur – man muß es zugeben – meisterhaft in Szene.

In jedem Hafen der Welt gibt es zahllose lässige Lungerer, die nicht wissen, wie ihre Zeit totzuschlagen. So trödelt an einem sonnigen Oktobertage – nichts Schöneres für einen Nichtstuer, als andern bei der Arbeit zuzuschauen – ein müßiger Haufe um Magellans Flaggschiff »Trinidad«, das gerade an den Strand gelegt worden ist, um frisch kalfatert und kielüberholt zu werden. Die Hände in den Taschen, vielleicht das neue westindische Tabakskraut zwischen den Zähnen zerkauend, blicken die Sevillaner zu, wie geschickt die wackeren Schiffsleute mit Hammer und Pfropfen, mit Pech und Werg jede Ritze abdichten. Aber da plötzlich deutet einer inmitten der Menge zum Mastbaum der »Trinidad« empor. »Welche Unverschämtheit«, ruft er entrüstet, »dieser Man-weiß-nicht-woher Magellan hißt hier mitten im königlich spanischen Hafen von Sevilla auf einem spanischen Schiff frech die portugiesische Flagge! Eine solche Herausforderung sollte sich ein Andalusier doch nicht gefallen lassen.« Im ersten Eifer merken die so heftig angesprochenen Lungerer gar nicht, daß der Erzpatriot, der sich derart emphatisch über die Verletzung der nationalen Ehre entrüstet, gar kein Spanier ist, sondern daß hier der Konsul des portugiesischen Königs, der Señor Sebastian Alvarez die Rolle des agent provocateur mimt. Aber auf jeden Fall schreien sie kräftig mit, und kaum hören sie Tumult und Geschrei, so laufen von allen Seiten andere Neugierige zu. Schließlich genügt, daß einer vorschlägt, man solle nicht lange fragen, sondern einfach die fremde Flagge herunterreißen, und schon stürmt die ganze Rotte auf das Schiff.

Magellan, der seit drei Uhr morgens die Arbeit der Schiffsleute überwacht hat, beeilt sich, dem eilig mit herbeieilenden Alcalden den Irrtum aufzuklären. Nur durch einen Zufall sei die spanische Hoheitsflagge nicht am Hauptmast gehißt, man habe sie gerade heute zu frischer Übermalung weggesandt. Die andere Fahne am Mast sei aber keineswegs die königlich portugiesische, sondern seine persönliche Admiralsflagge, die er auf seinem Flaggschiff zu hissen verpflichtet sei. Nachdem er so in denkbar höflichster Form den Irrtum berichtigt hat, bittet Magellan den Alcalden, er möge doch kraft seiner Autorität alle diese wüsten Lärmmacher ihm von Deck schaffen.

Jedoch es hält immer bedeutend leichter, eine Volksmasse oder ein ganzes Volk aufzureizen, als wieder zu beschwichtigen. Der Pöbel will seinen Spaß, und der Alcalde stellt sich ihm zur Seite. Zuerst einmal herunter mit der fremden Flagge, oder sie würden sich selber ihr Recht holen! Vergebens sucht Doktor Matienzo, der höchste Beamte des Indiahauses, an Bord zu vermitteln. Jener Alcalde hat sich inzwischen patriotischen Sukkurs geholt, den Hafenkapitän, den teniente del amirante, mit reichlicher Polizeimannschaft; dieser erklärt Spanien durch den Übergriff Magellans beleidigt und erteilt seinen Alguacils den Befehl, den portugiesischen Kapitän zu verhaften, weil er in einem spanischen Hafen die Flagge des Königs von Portugal gehißt habe.

Jetzt greift Matienzo energisch ein. Er warnt den Hafenkapitän. Es sei doch eine recht gefährliche Angelegenheit für einen königlichen Beamten, einen Kapitän zu verhaften, den sein eigener König mit Brief und Siegel zu dem höchsten Amt bestallt. Er täte besser, sich nicht die Finger an dieser hitzigen Sache zu verbrennen. Aber zu spät! Schon ist die Mannschaft Magellans mit dem Hafenvolk aneinandergeraten. Schwerter werden gezogen, und nur Magellans Geistesgegenwart und unerschütterliche Ruhe verhindern den von dem vergnügt zublickenden agent provocateur so herrlich aufgezogenen Tumult. Gut, erklärt er. Er sei bereit, die Fahne niederzuholen und sogar das Schiff zu räumen, der Mob möge mit dem Eigentum des Königs nach Belieben schalten; die Verantwortung für jeden Schaden falle allerdings dann auf die Hafenbeamten des Königs. Jetzt wird es dem aufgeregten Alcalden doch unbehaglich; murrend ziehen die in ihrer nationalen Ehre Gekränkten ab und wenige Tage später bekommen sie schon die Peitsche zu schmecken. Denn Magellan hat sofort an den Kaiser geschrieben und sich beschwert, daß die königliche Majestät in seiner Person beleidigt worden sei, und ohne Zögern hält Karl V. zu seinem Admiral: die Hafenbeamten werden bestraft. Zu früh hat Alvarez frohlockt, und ungehindert nimmt die Arbeit ihren Fortgang.

 

Schmählich ist durch Magellans nervenlose Ruhe der hinterlistige Handstreich abgeschlagen. Aber kaum ist bei diesem vielmaschigen Unternehmen die Naht an einer Stelle geflickt, so reißt sie an einer andern wieder auf. Jeder Tag erfindet neue Ärgerlichkeiten. Zunächst übt die Casa de Contratacion passive Resistenz, und erst als ihnen ein eigenhändig unterzeichnetes Reskript des Kaisers um die Ohren geknallt wird, wachen die Beamten aus ihrer trotzigen Taubheit auf. Aber mitten in der Ausrüstung erklärt dann wiederum der Schatzmeister, in den Kassen der Casa de Contratacion sei kein Geld, und wieder scheint es, als ob die ganze Unternehmung sich infolge des Geldmangels ins Endlose verzögern wolle. Jedoch der ungebärdige Wille Magellans weiß auch dieses Hindernis zu überwinden; er überredet den Hof, zahlkräftige bürgerliche Teilhaber ins Geschäft zu nehmen. Von den acht Millionen Maravedis, welche die Armada kosten soll, werden in aller Eile zwei Millionen von einem rasch improvisierten Konzern Christopher de Haros aufgebracht, der dafür auch das Vorrecht erhält, sich bei den nächsten Expeditionen mit gleicher Quote zu beteiligen.

Nun erst, da die Finanzangelegenheit geordnet ist, kann man beginnen, die Schiffe wirklich seetüchtig zu machen und mit allem Nötigen auszustatten. Sehr königlich hatten sie sich nicht präsentiert, als sie sich zum erstenmal in dem Hafen von Sevilla zeigten, die vom König verschriebenen fünf Galeonen. »Sie sind sehr alt und zusammengeflickt«, hatte damals triumphierend der Spion Alvarez nach Portugal berichtet. »Mir wäre es schon schrecklich, sollte ich mit ihnen nur bis zu den Kanarischen Inseln fahren, denn ihre Rippen sind so weich wie Butter.« Aber Magellan, der als erprobter Indienfahrer wußte, daß man auf alten Gäulen manchmal sicherer reitet als auf jungen und daß tüchtige Werkmannsarbeit auch die ältesten und ausgefahrensten Schiffe wieder flottmachen kann, hat keine Zeit versäumt, und während noch Tag und Nacht die Arbeiter nach seinen Angaben die alten Kästen auffrischen und überholen, läßt er bereits eine seetüchtige Mannschaft anwerben.

Doch schon lauert im Hintergrund neue Schwierigkeit! Obwohl die Ausrufer mit Trommeln durch die Straßen Sevillas gezogen sind und man die Werber sogar bis Cadiz und Palos geschickt hat, wollen sich die notwendigen zweihundertfünfzig Mann nicht zusammenholen lassen. Irgendwie muß es sich herumgemunkelt haben, daß bei dieser Fahrt nicht alles geheuer sei, denn die Werber können nicht klar und deutlich Auskunft geben, wohin die Reise eigentlich ginge; auch daß man für ganze zwei Jahre – ein noch nie dagewesener Fall – Mundvorrat mitnimmt, scheint den Leuten höchst ungemütlich. So ist es nicht geradezu eine Ehrengarde, die schließlich in zerlumpten Kleidern herangetrieben wird; an Falstaffs Rekruten muß man denken bei dieser scheckigen Truppe aus allen Rassen und Nationen: Spanier und Neger und Basken und Portugiesen, Deutsche, Engländer, Cyprioten, Korfuaner und Italiener, aber echte und rechte Desperados sie alle, die ihr Leben auch an den Teufel verkaufen würden und ebenso willig oder unwillig nach Norden und Süden, nach Osten und Westen zu fahren bereit sind, wenn sie nur Handgeld kriegen und Hoffnung auf großen Gewinn.

Kaum ist nun die Mannschaft glücklich geheuert, so hat sich bereits ein neuer Haken gedreht. Die Casa de Contratacion protestiert gegen Magellans Anwerbungen; sie behauptet, er habe zu viele Portugiesen in die königlich spanische Armada eingestellt, und sie würde deshalb diesen Fremden keinen Maravedi Gehalt auszahlen. Nun stünde Magellan gemäß der königlichen Cedula das unbeschränkte Recht zu, nach völlig freiem Belieben seine Leute auszuwählen (que la gente de mar que se tomase fuese a su contento como persona que de elle tenia mucho experiencia), und er besteht auf seinem Recht: also wieder Brief an den König, neuerdings Bitte um Hilfe! Diesmal aber hat Magellan an einen heiklen Punkt gerührt. Angeblich, um König Manoel nicht zu verletzen, in Wirklichkeit aber aus Mißtrauen, Magellan könnte mit seinen Portugiesen zuviel Selbständigkeit in die Hand bekommen, ordnet nun Karl V. an, nur fünf Portugiesen dürften im ganzen an Bord bleiben. Neue Schwierigkeiten unterdes: die Waren sind nicht rechtzeitig eingetroffen, die man der Billigkeit halber in andern Provinzen und sogar in Deutschland bestellt hat; dann revoltiert wieder einer der spanischen Kapitäne gegen den Admiral und beleidigt ihn vor der Mannschaft. Neuerdings muß der Hof angerufen werden, abermals königliches Öl die Reibungen glätten. Jeder Tag bringt neue Quengeleien, endlos häuft sich um jeder Kleinigkeit willen der Briefwechsel mit den Amtsstellen und dem König. Ein Reskript muß dem andern folgen; dutzendmal hat es den Anschein, als ob die ganze Armada stranden wolle, ohne den Hafen von Sevilla überhaupt verlassen zu haben.

Immer aber bewältigt dank seiner zähen, wachsamen Energie Magellan alle Widerstände. Mit Besorgnis muß der emsige Konsul des Königs Manoel erkennen, daß alle seine kleinen Schliche, die Expedition zu vereiteln, an der geduldigen, aber unerschütterlichen Abwehr seines Gegners gescheitert sind. Schon harren, frisch aufgetakelt und beinahe voll befrachtet, die fünf Schiffe auf den Befehl zur Abfahrt, schon scheint es unmöglich, Magellan weiterhin einen Tort zu tun. Aber Alvarez hat noch einen versteckten Pfeil, einen vergifteten, im Köcher: scharf und heimtückisch spannt er den Bogen, um Magellan an der verwundbarsten Stelle zu treffen. »Da ich der Ansicht war«, schreibt der Geheimagent an seinen Auftraggeber König Manoel, »daß der Augenblick gekommen war, um das auszusprechen, was Eure Hoheit mir aufgetragen, suchte ich Magellan in seinem Hause auf. Ich fand ihn damit beschäftigt, Proviant und andere Dinge in Körbe und Kisten zu verpacken. Daraus entnahm ich, daß er zu seiner bösen Absicht nun vollkommen entschlossen sei, und im Bewußtsein, daß dies das letzte Gespräch mit ihm sein würde, mahnte ich ihn noch einmal daran, wie oft ich als guter Portugiese und sein Freund versucht hätte, ihn von dem groben Fehler abzuhalten, den er im Begriff sei zu begehen. Ich legte ihm dar, daß der Weg vor ihm so viele Gefahren berge wie Santa Katarinas Rad und um wieviel besser er täte, in seine Heimat und in die Gunst Eurer Hoheit zurückzukehren, auf deren großmütige Gesinnung er zählen könne ... Er möge sich doch darüber im klaren sein, daß alle Kastilianer von Rang in dieser Stadt von ihm immer nur als einem Manne niederer Abstammung und übler Erziehung redeten ... und daß man ihn allgemein, seit er sich in Gegensatz zu Eurer Hoheit Land gestellt habe, als einen Verräter verachte.«

Doch alle diese Drohungen machen auf Magellan nicht den geringsten Eindruck. Was jetzt Alvarez unter der Maske der Freundschaft mitteilt, ist ihm keineswegs neu. Niemand weiß besser als er, daß Sevilla, daß Spanien ihm feindlich gesinnt ist, daß die adeligen kastilianischen Kapitäne ihm als Oberadmiral nur mit knirschenden Zähnen gehorchen. Aber mögen die Herren Alcalden in Sevilla ihn hassen, mögen die Neider knurren und die Blaublütigen murren – jetzt, da die Flotte zur Ausfahrt bereit liegt, kann kein Kaiser, kein König ihn mehr hemmen und hindern. Einmal im offenen Meer, ist er geborgen. Dann ist er Herr über Leben und Tod, Herr seiner Wege, Herr seiner Ziele und hat niemandem zu dienen als seiner Aufgabe.

Aber noch hat Alvarez seinen letzten, den langaufgesparten Trumpf nicht ausgespielt. Nun rückt er damit heraus. Zum allerletztenmal, sagt er scheinfreundlich, möchte er als »Freund« Magellan beraten. Er warne ihn »ehrlich«, allzu gutgläubig den »Honigworten« des Kardinals und selbst den Zusicherungen des spanischen Königs zu vertrauen. Gewiß, der König von Spanien habe ihn und Faleiro zu Admiralen der Flotte ernannt und ihm damit scheinbar das unbeschränkte Oberkommando erteilt. Aber sei Magellan gewiß, daß nicht gleichzeitig geheime Instruktionen auch an andere ausgegeben worden seien, die seinen Oberbefehl heimlich einschränkten, Instruktionen, die man sich wohl gehütet habe, ihm, Magellan, mitzuteilen? Magellan möge sich nicht täuschen und vor allem sich nicht täuschen lassen; trotz Siegel und Brief sehe es mit seinem alleinigen Oberkommando recht windig aus. Es gäbe da – mehr dürfe er Magellan nicht verraten – allerhand geheime Klauseln und Instruktionen für die mitgesandten Aufsichtsbeamten des Königs, »von denen er erst erfahren werde, wenn es zu spät sei für seine Ehre«.

»Zu spät für seine Ehre.« Unwillkürlich ist Magellan aufgefahren. Mit dieser Geste hat der Unerschütterliche, der sonst jede Erregung ehern niederzuhalten weiß, verraten, daß der Pfeil ihn an der empfindlichsten Stelle getroffen hat, und stolz kann der Schütze berichten: »Er war höchlichst erstaunt, daß ich so viel wußte.« Aber immer kennt der Schöpfer selbst am besten den verborgenen Fehler des Werks und seine innerste Gefahr; was Alvarez ihm andeutet, ist Magellan längst bekannt. Seit langem kann er nicht umhin, eine gewisse Zweideutigkeit in der Haltung des spanischen Hofs zu bemerken, und vielfache Anzeichen lassen ihn fürchten, daß man kein ganz klares Spiel mit ihm spiele. Hat nicht schon einmal der Kaiser gegen den Wortlaut der Capitulacion gehandelt, indem er ihm untersagte, mehr als fünf Portugiesen an Bord zu nehmen? Sollte man bei Hofe am Ende wirklich glauben, daß er ein heimlicher Agent Portugals sei? Und sind diese veedors, diese contadors, diese tesoreros, die man ihm auf den Nacken gesetzt, wirklich nur bloße Rechnungsbeamte? Sind sie am Ende nicht tatsächlich mitgegeben, um ihn geheim zu überwachen und ihm vielleicht das Oberkommando aus der Hand zu winden? Lange spürt Magellan schon diese kalte Zugluft von Haß und Verrat im Rücken – eine gewisse Wahrscheinlichkeit, er kann es nicht leugnen, liegt in der perfiden Insinuation dieses wohlinformierten Spions, und wehrlos steht, der alles für diese Fahrt genau errechnet, einer Gefahr gegenüber, die unberechenbar ist wie alles Ungewisse – unbehagliches Gefühl eines Menschen, der allein mit Unbekannten sich an den Spieltisch gesetzt hat und, ehe er zur Karte greift, schon von dem Verdacht verwirrt ist, daß sie Falschspieler und alle zusammen gegen ihn verschworen sind.

Was Magellan in dieser Stunde erlebt, ist die Tragödie Coriolans, des Überläufers aus gekränkter Ehre, wie sie Shakespeare unvergeßlich gestaltet hat. Coriolan ist gleich Magellan ein Mann, ein Patriot, der jahrelang seiner Heimat hingebend gedient und der, von der Heimat ungerecht verstoßen, um dieses Unrechts willen seine ungenutzte Kraft in den Dienst des Gegners gestellt hat. Aber nie hilft – nicht in Rom und nicht in Sevilla – dem Überläufer die reinste Gesinnung. Wie ein Schatten hängt sich an ihn der Verdacht, wer eine Fahne verlassen, könne auch die zweite verraten, wer einem König entflüchtet, könne auch dem andern untreu werden. Verloren ist der Überläufer, wenn er siegt, verloren, wenn er besiegt wird, verhaßt bei den einen, verhaßt bei den andern; überall wird er allein sein und allein gegen alle. Immer aber beginnt eine Tragödie in dem Augenblick erst wahrhaft, da ihr Held das Tragische seiner Situation erkennt; vielleicht hat in dieser Sekunde Magellan zum erstenmal schon alles Unheil vorausgewußt.

Aber Held sein heißt: auch gegen ein übermächtiges Schicksal kämpfen. Entschlossen stößt Magellan den Versucher zurück. Nein, er werde trotzdem nicht mit König Manoel paktieren, und selbst wenn ihm Spanien seine Dienste übel dankte. Als Ehrenmann stehe er treu zu seinem Eid, zu seinem Amt, zu König Karl. Mißmutig muß Alvarez abziehen; nur der Tod, sieht er, kann diesem ehernen Manne den Willen zerbrechen, und so schließt er den Bericht nach Lissabon mit dem frommen Wunsch: »Möge es Gott dem Allmächtigen gefallen, daß sie solch eine Reise machten wie die Cortereals« – das heißt, daß Magellan und seine Flotte so spurlos in der unbekannten See verschwinden sollten wie die kühnen Brüder Cortereal, deren Grab und Untergang Geheimnis geblieben ist. Erfülle sich aber dieser sein frommer Wunsch, gehe Magellan auf dieser Reise glücklich zugrunde, dann »könne Eure Hoheit ohne Sorge sein und werde beneidet bleiben von allen Fürsten dieser Erde«.

 

Der Pfeil des tückischen Warners hat Magellan nicht niedergestreckt und nicht zurückfliehen lassen vor seiner Aufgabe. Aber sein Gift, das brennende Gift des Mißtrauens, wird von nun ab in Magellans Seele schwären. Von diesem Augenblick an weiß oder meint sich der einsame Magellan zu jeder Stunde auf den eigenen Schiffen von Feinden umstellt. Jedoch dies Gfühl der Unsicherheit macht ihn keineswegs schwach, es härtet vielmehr seinen Willen zu einem neuen Entschluß. Wer einen Sturm kommen sieht, weiß, daß nur eines Schiff und Mannschaft retten kann: wenn der Kapitän ehern das Steuer in der Hand hält, und vor allem, wenn er es allein in der Hand behält.

Also fort mit allem, was den freien Willen noch hemmt! Mit der Faust und dem Ellbogen jeden wegstoßen, der ihm im Wege steht! Gerade seit er diese veedors und contadors im Rücken fühlt, ist Magellan zu äußerster Selbständigkeit und Rücksichtslosigkeit entschlossen. Er weiß, ein Wille, ein einziger, muß in entscheidender Stunde führen und entscheiden: nicht länger darf das Kommando der Flotte zerteilt bleiben auf zwei capitangenerales, zwei Admirale. Einer muß über allen stehen und notfalls auch gegen alle. Nicht weiter will er sich darum auf so gefahrvoller Fahrt mit einem so hysterischen, zänkischen Mitkommandanten wie Ruy Faleiro beladen – ehe die Flotte aus dem Hafen steuert, muß dieser Ballast noch über Bord! Längst ist ja der Astronom für ihn überflüssige Belastung geworden. Nichts hat der Theoretiker in all diesen erschöpfend schweren Monaten am Werke geleistet, denn es ist nicht eines Sterndeuters Sache, Matrosen zu heuern, Schiffe kalfatern zu lassen, Proviant zu wählen, Musketen zu prüfen und Reglements zu entwerfen; ihn mitnehmen hieße einen Stein sich um den Nacken hängen, und Magellan braucht freie Hand nach rechts und links, gegen die Gefahren vor sich und die Verschwörung hinter seinem Rücken.

Wie Magellan dies letzte diplomatische Meisterstück der Abkopplung Faleiros zuwege gebracht, ist nicht bekannt; angeblich hat Faleiro sich selber das Horoskop gestellt und herausgefunden, er werde von dieser Reise nicht zurückkehren, und sei freiwillig zurückgetreten. Nach außen hin wird freilich dieser sanft erzwungene Verzicht sogar noch zu einer Art Rangerhöhung verbrämt; ein kaiserliches Edikt ernennt Faleiro zum alleinigen Kommandanten einer zweiten Flotte (die nur auf dem Papier Segel und Planken hat): dafür händigt Faleiro seine Karten und astronomischen Tabellen Magellan ein. Damit ist die letzte der hundertfachen Schwierigkeiten beseitigt und Magellans Unternehmen wieder geworden, was es von Anfang an gewesen: sein eigener Gedanke und seine eigenste Tat. Auf ihn allein fällt jetzt alles, Last und Mühe, Rechenschaft und Gefahr, aber auch das höchste geistige Glück einer schöpferischen Natur: nur sich selber verantwortlich, die selbst erwählte Lebenstat zu vollenden.

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