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Madlene

Rudolf Stratz: Madlene - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorRudolph Stratz
titleMadlene
publisherPaul Franke Verlag
addressBerlin
year
firstpub
printrun22.-31. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100604
projectid34acb576
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VIII.

In der Schloßkapelle kniete Madlene und betete zu dem in bunter Schönheit über ihr prangenden Bildnis der heiligen Jungfrau empor. Heute fand zum erstenmal seit undenklichen Zeiten am heiligen Ostermontag keine Messe statt. Wolfgang Kirschenbeißer, der das Amt eines Burgpfaffen bisher mit versehen, war ja über alle Berge und predigte jetzt wohl im Bauernlager den Aufruhr.

Madlene richtete sich auf. Sie kam zu keiner Andacht, langsam ging sie durch die leere Kapelle, in der ihre Schritte unheimlich widerhallten, hinaus auf den Hof. Im Sonnenschein grünte da neben dem Steinrand des Schöpfbrunnens die uralte Linde, und darunter stand schwatzend ein Schwärm von Mägden.

»Der Pfarrherr hat schon recht getan, daß er mit den Bauern zum hellen Haufen gestoßen ist«, sagte die eine, ein keckes, junges Ding. »Wer lesen kann, dem weist er es in der Schrift nach, daß wir alle frei und einander gleich sein sollen und nicht den Herren leibeigen wie das liebe Vieh. Das ist uns lange verborgen geblieben. Aber jetzt kommt das neue Evangelium an den Tag!«

Sie brach erschrocken ab. In ihre Worte klang ein Hornstoß von der Torzinne. Männerstimmen hallten dort oben ineinander, und gleich darauf folgte das Rasseln der niedersinkenden Zugbrücke.

Sebastian Rebenkönig, der greise Reitersmann, beugte sich über die Turmkrönung. »Erschreckt Euch nicht vorzeiten, Frau!« In seiner heiseren Stimme zitterte merklich die Besorgnis. »Es hält ein Bauersmann vor dem Tor, sitzt auf unseres Herren Roß und spricht, er müsse Euch eine schlimme Zeitung bringen!«

Die Hufe des Hengstes hallten in schweren Schlägen unter der Torwölbung, dann tauchte der mächtige goldbraune Leib des Tieres aus dem Dunkel, und sein Reiter glitt erschöpft und verstört vom Sattel.

Madlene beschattete in ungläubigem Erstaunen die Augen mit der Hand.

»Ritter Trugenhoffen!« sprach sie langsam. »Seid Ihr's in Wahrheit, im schlechten Bauernrock und kurzen Haar!«

»Ich bin's!« erwiderte der Trugenhofer finster. »Bin die Nacht durchgetrabt, ehe Euch ein Schreier vors Schloß reitet und Euch beleidigt und mit der Nachricht kränkt.«

Madlene verfärbte sich, »was bringt Ihr? Macht's kurz! Ihr wißt – Ihr dürft Euch bei mir keiner Herberg' getrösten! Mein Herr leidet's nicht!«

»Frau!« Ritter Felix trat näher, wie um sie aufzufangen. »Euer Herr kann nichts mehr befehlen und verbieten. Er ist dahin! Die Bauern haben ihn erwürgt!«

Das junge Weib blieb wider sein Erwarten aufrecht stehen, starr und reglos, wie eine Bildsäule. Es hatte den Anschein, als begriffe sie seine Meldung gar nicht.

»Was redet Ihr da?« sagte sie tonlos. »Ich kann mich in Eure Worte nicht schicken, von wo kommt Ihr denn? Haben Euch meine Brüder gesandt?«

Der von Trugenhoffen stellte sich dicht neben sie. »Faltet Eure Hände, Frau Madlene,« sprach er rauh, »und bittet den allbarmherzigen Gott um seine Stärke. Damit Ihr's wisset: Eure Brüder können keinen vom Adel mehr senden und keinen vom Unadel! Sie sind tot. Die Bauern haben sie erwürgt!«

Madlene stieß einen gellen Schrei aus und wich mit aufgerissenen Augen von ihm zurück. »Ist's Euch unterm Hütlein wirr geworden, Ritter,« keuchte sie, »daß Ihr so zu mir redet!«

»Der Ritter ist krank. Man sieht's ihm an!« pflichtete ihr der vom Turm gestiegene Rebenkönig bei. »Entsinnt Euch, Herr – die Junker alle sind nach Weinsberg geritten – wohlgeborgen beim Grafen Helfenstein im Schloß!«

»Das Schloß ist gebrochen!« sprach Ritter Felix. »Der Graf von Helfenstein ist tot. Die Bauern haben ihn erwürgt!«

»Herr!« Der alte Reisige schwankte wie von einem Schlag getroffen, »Wie soll ich das verstehen! Es waren doch alle Herren und vom Adel um seine gräfliche Gnaden!«

»Alle Herren und vom Adel sind tot!« sprach der von Trugenhoffen. »Die Bauern haben sie erwürgt!«

Das Schweigen lähmenden Entsetzens legte sich über den mit Reisigen und Schloßgesinde dicht erfüllten Hof. Aus weiter Ferne klang im Winde das undeutliche Klagen der Sturmglocken.

Madlene trat auf den Unglücksboten zu, schneeweißen Angesichts, mit halb offenem Munde und starren Augen, als wandle sie im Traume. Sie wollte reden. Aber nur ein undeutliches Röcheln kam aus ihrer Kehle, und plötzlich fiel sie lautlos in sich zusammen.

Die Mägde trugen sie, selbst vor Schrecken keines Wortes mächtig, hinweg. Eine Strähne ihres goldblonden Haares hatte sich gelöst und huschte wie eine glänzende Schlange im Sonnenschein blinkend hinter der langsam schreitenden Gruppe über den Boden.

Ritter Felix folgte, seiner selbst unbewußt, dem flimmernden Streifen mit den Augen, bis er in der Türwölbung des Palas verschwand. Jetzt, wo er es zum erstenmal laut ausgesprochen, erschien ihm selbst die Nachricht, daß die Bauern aufgestanden und ihrer stolzen Herren Mörder geworden seien, so fremd und ungeheuerlich wie ein Gespenst in dunkler Nacht, das bei näherem Zuschauen verschwindet.

Neben ihm klang eine erstickte Stimme. »Wahrlich, Herr!« schluchzte der greise Rebenkönig, und die Tränen rannen über sein verrunzeltes Gesicht in den weißen Bart. »Ich kenne meines Herrn Pferd – ich seh' Eure blutigen Bauernkleider, und ob ich's auch nicht begreifen kann, so müssen ich und die reisigen Knechte es doch glauben, daß solch unerhörte Tat von den Bösewichtern ausgerichtet worden ist. Nun scheint es mir am besten, wenn ich gleich einen Boten nach Oberbottwar zu Herrn Dietrich von Weiler, meines Herren Freund, reiten lasse und ihn fragen, wie wir meisterlosen Knechte uns weiter in den erschrecklichen Läuften zu halten haben!«

»Verstehst du's denn noch nicht?« sprach Ritter Felix rauh. »Den Dietrich von Weiler haben die Bauern erwürgt samt seinem Sohne. Kannst auf allen Häusern in der Runde umfragen, und es wird dir von keiner Mannesstimme Bescheid, sondern eitel Weibergeflenne und Gezeter! Ich, Felix von Trugenhoffen, bin durch des Himmels unerforschliche Fügung einzig der Bauern Furie entronnen!«

Sebastian Rebenkönig sah ihm gramvoll ins Gesicht. »Habt Ihr's im Sinn, hier bei uns zu bleiben,« forschte er bang, »daß wir unter eines Ritters Befehl und Obhut sind?«

Der Trugenhöfer nickte. »Ich bleibe hier und will mit euch die Burg und die Frau darin vor den höllischen Rotten verwahren! Weiset mir jetzt in der Rüstkammer Helm, Schaube und Panzer, daß ich mich ehrlich kleiden kann, und dann laßt uns das Haus und die Mauern beschauen, wo es fest ist und wo es nicht fest ist, damit wir es wissen, wenn sich am Abend die schwarze Schar davor legt!«

 

Der lange Landfrieden hatte auch der mächtig getürmten Burg Wolframstein sein Zeichen aufgedrückt. Das merkte Herr Felix, als er, wieder im Ritterkleid, mit Sebastian Rebenkönig und ein paar anderen Reisigen durch das hohe, verdorrte Gras des Grabens über Pfützen und Geröll stapfte, als er sich vorsichtig auf den schwindelnden Zinnen der Mauerkrönung hinschob und über die hohe Holzleiter in den vierzig Schuh über dem Erdboden in unersteiglicher Höhe gähnenden schwarzen Schlund des Bergfrieds einstieg, um auf steiler Wendeltreppe die Plattform der Burgwarte zu gewinnen.

In der Sicherheit der Zeiten war der Wolframsteiner wie alle seine Standesgenossen sorglos geworden. Das sah man überall. An manchen Stellen zeigten die Mauern Risse und Ausbuchtungen. Abgebröckelte Steine und Trümmer bildeten gestrüppüberwucherte Haufen in der Grabensohle, die Tore hingen vermorscht in den rostigen Angeln, und in den Schießscharten der Türme nistete und krächzte das graugefiederte Volk der Dohlen.

»Fleisch und Korn ist da!« sprach Ritter Felix, im Hofe stehenbleibend und sich, von dem Rundgang erschöpft, die Stirne trocknend. »Der Brunnen gibt Wasser. Im Keller liegt Wein. Wir haben Hafer und Stroh, Waffen, Kraut und Lot zum Überfluß. So mögen sich die Bauern immerzu den Grind an den festen Mauern einrennen. Sie kommen nicht herein, sondern müssen uns unbeschädigt in unserem Hause lassen!«

»Das mein' ich auch, Herr!« erwiderte der Rebenkönig. »Ohne Stückrohre und Feldschlangen kommen die Bauern vor der guten Burg nicht zu Rate!«

Der Ritter lachte verächtlich. »Ei – wo sollte das leichtfertige Volk wohl Arkeley gewinnen?«

»Aus den Schlössern der großen Herren!« Der alte Reisige wiegte bedächtig das Haupt. »Die Bauern bedrohen ja einen jeden, der nicht in ihre Brüderschaft eintreten mag, sie wollten ihn flugs besuchen und mit ihm Hausen. Da wird jetzt nach der mörderischen und erschrecklichen Tat der Entleibung der Grafen, Herren und vom Adel manch anderer Graf und Großer im Reich in Entsetzen verfallen und auf Weg' und Mittel trachten, Frieden mit der Bauernschaft zu erlangen und ihr, nicht leichten Herzens, heraustun, was er an Kugeln und Kartaunen hat!«

»Ehe nicht eine Eisenkugel mir vor Augen das Gemäuer niederlegt, glaub' ich's nicht!« sprach Ritter Felix und schritt in den Palas, um nach Madlene zu schauen.

Aber als er mit eisengewappneter Hand an das Frauenzimmer gepocht hatte und eintrat, winkten ihm die Dienerinnen angstvoll Schweigen. Nur einen Augenblick sah er einen blassen Kopf, der mit geschlossenen Adern und schmerzlich verzogenem Munde reglos auf einem Pfühl lag, und schlich vorsichtig, um die halb Ohnmächtige nicht zu erschrecken, in leisem Klirren wieder aus dem Gemach. – –

Von der Erschöpfung überwältigt, war er selbst unten im Hofe in totenähnlichen Schlaf versunken. Als er erwachte, stand die Sonne schon tief im Westen, hart über den Rebenhügeln in blutigem Scheine glänzend und auf den Krebsen der Kriegsleute widerstrahlend. Die hatten stundenlang unter des Rebenkönigs Befehl an Wall und Graben gearbeitet, Steine hinweggeräumt, Schießscharten reingefegt, Gestrüpp mit dem Messer niedergehauen und verbrannt und hinter den morschen Mauerpforten große Dunghaufen aufgetürmt. Jetzt standen sie am Brunnen beisammen und schauten besorgt nach Westen in die Ferne, wo aus dem kahlen Geäst der Berge schwarz qualmende Wolken wie von einem Waldbrand dampften.

»Die Stolzeneck hat am längsten gestanden,« sagte der eine Reiter nachdenklich, »das böse, trotzige Haus! Jäcklein Rohrbachs Gesellen sind doch hineingekommen und haben es im Feuer niedergelegt!«

»Und alle Bauern ringsum haben geholfen!« murmelte ein anderer und deutete auf einen erschöpft am Boden liegenden Troßbuben. »Der Bub' hat's im Davonlaufen noch gehört, wie sie geschrien haben: ›Laßt das Raubnest in Flammen zum Himmel fahren.‹ und alles totgeschlagen, was in der Burg war, Mann, Weib und Kind, Pferd' und Hunde und den Gockelhahn auf dem Mist!«

Bastian Rebenkönig schüttelte den Kopf und schaute neckaraufwarts. In rotem Dunste leuchtete es durch die rasch einfallende Dämmerung herüber. »Da brennt das Kloster!« sprach er. »vor einer Stunde sind die Mönche vorbeigeflohen. Das hat Pfaff Eysenhut geschafft! Der ist mit den Seinen vor das Kloster gezogen und hat geschrien: ›Die Klöster dienen nicht Gott, sondern dem Teufel! Wir sind verursacht, solcher Schalkheit zu wehren!‹«

»Ich aber hab' mich auf Kundschaft ausgetan!« sagte ernst ein Reisiger, der, das Pferd am Zügel, schweren Schrittes herankam. »... Hab' über dem Hügel gehalten und will's Euch, fester Junker, und den Reitersleuten nicht verhehlen, was ich da hab' schauen müssen. Ein gewaltiger Haufen aufrührerischer Gesellen zieht mit einer schwarzen Fahne wider uns heran. Der Florian Geyer führt sie und hat zu seinen Buben also gesprochen: ›Schloß Wolframstein soll mir in Flammen aussterben. Das ist mein rechter Wille und Vorsatz!‹«

Die Knechte erwiderten nichts. Schweigend prüften sie noch einmal wehr und Waffen und starrten vor sich hin in das rasch niedersinkende Dunkel. Ritter Felix aber stieg den Bergfried hinan und blieb harrend oben auf der Zinne stehen.

Wohl eine halbe Stunde lang lauschte er. Da wehte es mit dem Abendwinde, der in schweren, stöhnenden Stößen den einsam ragenden Turm umbrandete, seltsam herüber wie das Getrappel von hundertfachem, eilfertigem Schritt und Trommelgerassel. Durch das Zischeln des Efeus an den Steinmauern, das Ächzen der Wetterfahne, das Krähengeschrei hoch in der Luft unterschied sein geübtes Ohr deutlich den dräuenden Ton.

In raschen Sprüngen eilte er den Turm hinab und über die weiter auf den Hof. »Merkt's, fromme Knechte!« rief er mit heller Kampfesstimme. »Die schwarze Schar kommt an!«

Die Reiter tauschten stumme Blicke. Sebastian Rebenkönig aber nahm seinen Eisentopf ab, daß das weiße Haar im Winde flatterte. »So wollen wir Gott dem Herrn treulich unsere Seel' befehlen« – sprach er andächtig – »allen ehrlichen Reitern unser Schwert, die Karten und Würfel aber dem Teufel, und, wann es denn nicht anders sein soll, in Gott verscheiden!«

 

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