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Madlene

Rudolf Stratz: Madlene - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorRudolph Stratz
titleMadlene
publisherPaul Franke Verlag
addressBerlin
year
firstpub
printrun22.-31. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100604
projectid34acb576
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VII.

Unheilverkündender Qualm dünstete aus den Luken und Erkern des alten Schlosses, das mit seinem hochgebauten, von Türmen flankierten Paläste und dem unförmlich breiten und niederen, wie eine plumpe Dogge vor ihrem Herrn ihm zur Seite kauernden runden Bollwerk den rebenbekränzten Bergkegel krönte. Die lichten Flammen folgten nach. Auf- und niederzuckend winkten die roten Feuerwirbel in den Fensterwölbungen, sie fuhren in langen, flackernden Zungen hinaus und liefen als glühende Streifen an den Dächern des ehrwürdigen Baues dahin. Oben, im Sparrenwerk der Giebel, schlugen sie zusammen. Ein knisterndes, funkenstiebendes Feuermeer lohte zum Himmel auf, und über ihm stand tiefschwarz und unbeweglich eine mächtige Rauchwolke in der blaßblauen Luft. Und schon erklang aus dem gefräßigen Knirschen und Knistern der Flammenströme da und dort das Poltern einstürzenden Gemäuers, und eilig stoben die letzten Plünderer, die ihre Nachlese in den verwüsteten Räumen hielten, über die qualmenden Treppen hinab auf den Hof, um sich den zu Tale ziehenden Bauernhaufen anzuschließen.

»Ich hab' den Burgpfaffen Wolf erstochen!« frohlockte einer der Weinsberger Gesellen, die, mit Seidengewändern und Silberbechern, mit Zinngerät, Leinwand, Kornsäcken und Hüten voll Guldenstücken beladen, durch die Rebenterrassen zur Kirche niederstiegen. »Hätt' ich den Helfensteiner hier, ich wollt' ihn gleich erstechen!«

»Das soll ihm werden!« schrie ein anderer. »Unsere Spieße müssen sein Kirchhof werden, und du, Melchior Nonnenmacher, sein Zinkenbläser, magst ihm das Schelmenlied spielen: ›Hierum tummel dich und kurzum! Du mußt 'rum und sähst du noch so krumm!‹«

Und vor dem mit Laubgewinde und Bändern ausgeputzten Zierwagen des Odenwälder Haufens, von dem die Sturmfahne wehte, erhob sich der Müller von Bulgenbach in blutrotem Mantel, rote Federn am Hut, und sprach feierlich: »So soll's geschehen und die alte Weissagung sich erfüllen, daß eine Kuh auf dem Schwanenberg im Frankenland stehen soll und da luegen und plärren, daß man es mitten in der Schwyz hört! Was heut geschehen, das hören die Herren noch weiter als in die Schwyz hinein und wissen, es hat sein Ende mit der Vetterleinsherrschaft im Lande!«

Der von Trugenhoffen hatte sich in das Gewühl gemengt. In den Staubwolken, unter dem Getümmel der trunkenen Bauern war er sicher, unten in der Stadt, wo er erst den Abend zuvor eingetroffen, nicht erkannt zu werden.

Das tat not. Denn durch die Straßen ritt unter Trompetenstößen eine Abordnung der Odenwälder Schreckensmänner, zerlumpte Bauern, die krummen Rückens, die blutigen Samtschauben der erschlagenen Ritter über ihre Kittel gehängt und die breiten Schwerter umgegürtet, auf den riesigen Streitrossen kauerten. Ein Trommler wanderte voran. »Merkt's, Bürger von Weinsberg!« schrie er an jeder Straßenecke. »Es sind vierundsiebzig gesattelte Pferde angefunden und nur neunundsechzig Herren und Ritter tot oder gefangen zur Stell'! Wer einen Reisigen bei sich verborgen hält, soll ihn bei Leib- und Lebensstrafe ausliefern, daß ihm sein Recht werd'! Denn es ist des hellen christlichen Haufens ernstlicher Will' und Meinung, künftig keinen Herrn, keinen vom Adel, keinen Reisigen mehr leben zu lassen, sondern jetzt und künftig alle zu erstechen, wer aber einen für gefangen annimmt, der soll selbst erstochen werden!«

Der Zug ging weiter, die Menge hinterher, rechts und links die mit verwundeten Bauern gefüllten Häuser durchsuchend, ob sich da noch ein Paar Sporen fände.

Ritter Felix ward es eng ums Herz. »Zwei Stunden noch bis Sonnenuntergang!« dachte er. »Ich wollt', die Nacht wäre da und ich könnt' entrinnen!«

Ein trunkener Winzer stieß ihn in die Seite. »Kommst mit, Bruder,« lachte er, »zur Linde am Untertor?«

»Was ist da zu schauen?« fragte der Ritter.

Der Rebbauer schmunzelte tückisch, »Wirst die Edlen schauen, du armer Bauer! Deine Herren, die rechten und echten Räuber und abgesagten Feinde ihrer eigenen Landschaft! Solche schädlichen Herren nur flugs aus ihren Stühlen gestoßen, ist Gottes Wille, denn die Schrift nennt sie nicht Diener Gottes, sondern Schlangen, Drachen und Wölfe!«

»Ei, von welchem Pfaff hast so predigen gelernt?« sprach Herr Felix finster.

Der Trunkene richtete sich auf. »So spricht Pfaff Eysenhut! ›Weh über Weh!‹ ruft er, ›sehet vor euch, arme Bauern, und seid einig, so vermag euch die höllische Pforte mit ihrer ganzen Ritterschaft nicht zu zerreißen!‹«

 

Ein seltsames Gemurmel lief durch die dichtgedrängten Massen am Untertor, da, wo auf breiter Wiese die alte Linde stand. Das Geheul und Gezeter hatte sich in ein dumpfes, erwartungsvolles Grollen verwandelt, das, über die Köpfe der Tausende hinzitternd, immer neue Schwärme in eilfertigem Lauf herbeizog.

Trommelwirbel rasselte eintönig aus der Mitte der Menschenwogen. Eine Gasse von Spießen senkte sich da kreuzweis zu Boden, wilde, blutgierig dreinblickende Gesellen hielten sie in sonnenverbrannten Fäusten.

»Das sind Herrn Jäckleins Trabanten!« sprach der Winzer. »Hans Winter aus dem Odenwald kommandiert sie!«

»Und was haben selbe Bauern vor?« forschte der von Trugenhoffen, innerlich erschaudernd.

Die Volksmenge selbst gab ihm Antwort. Ihr verworrenes Murmeln schwoll brausend an, und rascher wirbelte die Trommel. Gelles Pfeifengezwitscher zitterte dazwischen.

»Da treibt der Nonnenmacher sein Gackelspiel!« lachte der Winzer. »Hat des Grafen Hut und Feder auf dem Kopf und bläst ihm auf zur Gassen! Hörst du's, was er ruft: ›Hab' ich dir einst lange genug zu Tanz und Tafel gepfiffen, so will ich dir jetzt erst den rechten Tanz pfeifen!‹«

Der Ritter prallte zurück und legte die Hand über die Augen. Jetzt erst ward ihm klar, was hier geschehen sollte.

Er konnte nicht hinschauen. Wie aus weiter Ferne hörte er das Flehen einer weiblichen Stimme und um sich ein Gelächter. »Die Gräfin ist bei dem Jäcklein gerade beim Rechten, daß sie ihn umzustimmen vermeint. Und wann die Kaiserstochter zehnmal vor ihm kniet und ihr Knäblein in die Höhe hält, der Graf von Helfenstein muß sterben!«

Ein gellender hundertstimmiger Aufschrei fuhr durch die Menge. Ein Wald von Spießen reckte sich einen Augenblick über die weinroten Bauernschädel und die schreckensbleichen Gesichter der Frauen und senkte sich sofort wieder kreuzweise zur Gasse. Ein zweiter wilder Schrei: »Der Schenk von Winterstetten ist tot!« – Dann ein regloses Schweigen, in das unheimlich des Nonnenmachers Zinke schrillte, und plötzlich, wie ein Unwetter losbrechend, ein donnerndes Stimmengewirr, ein Jauchzen und Gebetstammeln, das in mächtigem Brausen über das Blachfeld zog.

Ritter Felix wußte, was das bedeutete! Der Graf von Helfenstein, des Kaisers Schwiegersohn, war nicht mehr, und nur sein Name mochte noch oft genannt werden in dem Kampfe, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Leben um Leben, den der Tag von Weinsberg zwischen Adel und Bauernschaft entfesseln mußte.

Vor seinen Augen lag es wie ein Schleier. Undeutlich sah er ein buntscheckiges zappelndes Etwas auf Spießen hochgehoben und wieder versinken und hörte den Ruf: »Nun reißt des Grafen Hausnarr keine Possen mehr!« Und immer wieder senkten sich die Spieße und hallte in hundertfachem Aufschrei der Name des Gemordeten. – – –

Trommelwirbel und Pfeifenklang verstummten. Die Menschenknäuel lockerten sich. Es war geschehen.

Durch die sich ehrerbietig bildende Bauerngasse eilte Jäcklein Rohrbach, in die damastene Schaube des Grafen gekleidet. Zu seiner linken Pfarrer Jakob Leutz, der Feldschreiber des Bauernheeres, den Rosenkranz des Helfensteiners am Arm, zur Rechten, ein blutbesudeltes Messer in der Hand, die schwarze Hexe.

Selbst auf Jäckleins Galgengesicht mit dem langen Schnurrbart und den unruhig flackernden Augen lag Eine seltsame Blässe. »Das Gericht ist gehalten, Brüder!« sprach er heiser. »Morgen klingt das Totenglöcklein auf allen Burgen, so weit das Auge reicht, und die Ritterschaft im Kraichgau und Neckartal ist mit roter Tinte ausgestrichen aus Wappen- und Turnierbuch. So haben wir mit Fleiß gehandelt, der gemeinen Bauernschaft Hauptleut' und Rät', den Fürsten zum Trutz, der Pfaffheit zum Spott und dem Adel zum sonderbaren Entsetzen!«

 

Von der brennenden Burg her stob in sausendem Galopp ein schwarzgepanzerter Ritter auf die Menge zu. Der blonde Bart wehte im Sturm um sein männlich stolzes, kühngeschnittenes Gesicht, und suchend blitzten die blauen Augen über das Pferd hin nach der Wiese.

»Wie soll ich das verstehen?« schrie er schon von weitem, »Was sondert Ihr Euch ab, Jäcklein Rohrbach und maßt Euch einen Kriegsrat über die Gefangenen an?«

Herr Jäcklein zuckte trotzig die Schultern. »Ihr kommt zu spät, Florian Geyer! Der Graf und die Ritter, Eure Freunde, sind allesamt schon durch die Spieße geloffen!«

Das Roß des Edlen stieg jäh empor, so ungestüm hemmte es der im Sattel zurückschwankende Kriegsmann in seinem Lauf. »Was sagt Ihr?« rief er mit bebender Stimme. »Jäcklein, ich glaub's nicht!«

»So schau die festen Junker selbst, Herr Florian Geyer von Geyersberg zu Giebelstadt!« höhnte Jäcklein Rohrbach und wies nach der Linde, unter deren im ersten Frühlingsgrün sprossenden Zweigen die Ritter in ihrem Blute lagen.

Florian Geyer schwieg eine Weile wie betäubt. Der trotzige, schwärmerische Ernst seines Gesichtes verwandelte sich in Grimm und Abscheu. »Solches habt Ihr geschafft mit Euren Mordgesellen,« sprach er dann, »die vom Adel ohne etliches Ansehen erwürgt! Wahrlich, Euer christlicher heller Haufe hat seine brüderliche Lieb' auf türkische Art erwiesen und mitgeteilt! Also in solch teuflischem Eingeben seid Ihr so zeitig vom Kriegsrat aufgebrochen?«

»Getan ist getan!« schrie Jäcklein herausfordernd, und ein Grollen der Zustimmung schwoll um den Ritter an.

Der blickte verächtlich, in bitterem Zorn auf die Gesellen herab. »Ei ja, zu solchem Tanze war euch gut pfeifen! Mir aber geht's nicht ein! Der Bauerngesellschaft hab' ich mich willig unternommen und beladen, und brauchen mich die schwarzen Brüder freudig für ihren Kapitän, aber eine Rotte von Mördern, Buben und Schelmen will ich keineswegs an mich hängen. Zur Stund' sag' ich dir ab, Jäcklein Rohrbach, dir und dem hellen Haufen des Odenwalds und Neckartals, und will keine Gemeinschaft mit euch haben, heut und später, sondern mit den Meinen den Krieg für mich führen, wie ich's versteh', als ein unverzagter Christ und nicht als ein Henkersgesell!« Und zu seinen herangerittenen Hauptleuten sich wendend, befahl er: »Laßt das schwarze Banner aufrecken und die Trommel rühren. Ehe die Sonne unten ist, zieht die schwarze Schar ihrer Wege und legt sich morgen, so Gott es will, vor das festeste Schloß im Neckartal, um es zu stürmen und zu brechen!«

»Welches ist's, Kapitän?« fragte einer der Kapitäne.

Florian Geyer wandte das Roß zu seinem Lager. »Der Wolframsteiner ist tot! So wollen wir morgen mit unseren Schwarzen in seinem Schlosse zu Nacht Hausen!«

 

Florian Beyer hatte es nicht geahnt, daß der Bruder und Freund vom Adel im Bauernkittel, an sein Roß gedrängt, jedes seiner Worte gierig verschlang. Hämmernden Herzens blickte Ritter Felix den davonjagenden Rebellenführern nach, während Jäcklein Rohrbach mit den Seinen scheltend und höhnend durch das Untertor in die Stadt einritt.

»Fort, nur fort nach dem Wolframstein, ehe es zu spät ist!« war sein einziger Gedanke.

Dicht vor ihm führte ein plumper Winzergeselle eines der Ritterpferde auf und nieder, die gesattelt und gezäumt bei der Flucht des Adels auf den Kirchhof den Bauern zugefallen waren. Ein schwerer Faustschlag schleuderte den Bauern unversehens zur Seite, eine Hand riß die seine aus den Zügeln, ein Mann in schlechtem Kittel schwang sich in den Sattel und meisterte mit kunstgerechtem Schenkeldruck das schäumende Tier.

»Es ist ein Reisiger!« schrie ein Weib.

»Seht, wie er zu Roß sitzt! Es ist ein Ritter!« gellte es überall. »Erwürgt ihn, fromme Brüder! Stoßt ihn vom Pferd!«

Aber mitten durch das zur Seite springende, sich überkugelnde und am Boden wälzende Gesindel stürmte der Hengst wiehernd und schnaubend dahin. Der Wind pfiff um die Ohren seines Reiters. Ferner und ferner klang das Geschrei und Gezeter des Haufens, matter leuchtete durch die Dämmerung der Brandschein der Weibertreu, und schon rauschte der Wald um den Reiter und entzog ihn den Blicken.

Er wandte sich nicht um. Über die Pferdeohren hin scharfen Blickes den dunkelnden Boden prüfend, jagte er in die Nacht hinein. Er dachte nicht an die eigene Ermattung, nicht an die Schrecken des Tages. Er kannte nur ein Ziel. Da, wo über dem schwarzen Schattenriß der Berge der Abendstern in unruhig flimmernden Zacken grüßte, in jener Richtung lag Burg Wolframstein, und durch Nacht und Nebel trug ihn ungestümen Laufes der Renner dem festen Hause zu.

Das Pferd wußte den Heimweg besser als sein Reiter, und plötzlich erkannte es Ritter Felix: er saß auf des Wolframsteiners Hengst, der freudig nach dem Stalle zurücklief!

Der Trugenhofer schaute zum Himmel auf.

»Unerforschlich sind die Wege des Herrn, und er fährt seltsam mit mir. Auf meines Todfeindes Roß reite ich in sein Haus. Statt sein Haus zu verbrennen, will ich es bewahren, und statt von ihm Schwertschlag und Hohn, will ich mir Dank holen von Madlene, seiner Witfrau.«

 

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