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Madlene

Rudolf Stratz: Madlene - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorRudolph Stratz
titleMadlene
publisherPaul Franke Verlag
addressBerlin
year
firstpub
printrun22.-31. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100604
projectid34acb576
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VI.

An der oberen Kirchhofspforte krachten bereits die Beile der vom Schloß herabstürmenden schwarzen Schar, und an der Innenseite half ein Haufe Weinsberger Gesellen mit Axt und Hammer weidlich nach. Wohl stoben sie erschreckt auseinander, als sich der Gottesacker ringsum mit den keuchend und klirrend vom Städtchen heraufklimmenden Eisenmassen der Ritter und Reisigen füllte – aber zur Hälfte war die Arbeit schon getan, der Einlaß zum Friedhof gebrochen.

»Verrammelt die Kirchentür!« keuchte Graf Helfenstein den anderen zu. »Wir müssen die Schnecke hinauf uns in den Turm retten! Sonst können wir alle nicht anders als uns des Tods getrösten!«

Hastig drängten sich hinter ihm die Edlen in das Gotteshaus und verrammelten es, die Wucht ihrer Panzerleiber dagegen pressend, während die obere Pforte aufkrachte und in wilden Sprüngen die Knechte der schwarzen Schar über die Grabsteine hin gegen die Ritter anflogen, die nicht mehr die Kirche hatten erreichen können.

Rings um die Kirche zogen sich die steinernen Wappentafeln der darunter beigesetzten Adelsgeschlechter.

Hier, an der Stelle, wo ihre Ahnen ruhten, ihr eingemeißeltes Stammeszeichen als Rückhalt, den Feind im Auge, fielen die Edlen im ungleichen Kampf. Sebastian von Ow, Eberhard von Sturmfeder sanken mit ihren Genossen unter den Schlägen der Bauern, und ihr Blut dampfte über die Grabplatten.

Innen in der Kirche hallte indes das Gewölbe von den Sturmschlägen der Bauern, dem Waffengerassel der Ritter, die sich aneinandergepreßt die steile, vielgewundene Steinschnecke zum Turm hinaufarbeiteten. Die Treppe war so schmal und niedrig, daß sich ein einzelner Mann nur mit Mühe durchzwängen konnte; dichte Finsternis hüllte sie ein und hemmte den langen, in ungeduldigem Zucken und Zittern, schuppenklirrend, wie eine fliehende Schlange durch den engen Unterschlupf sich emporwindenden Zug.

Ritter Felix stand mitten in der Kirche, das Schwert in der Hand, vor ihm drängten sich am Treppenaufgang zur Schnecke die Reisigen und mahnten fluchend und brüllend die schon im Turme Befindlichen zur Eile.

»Das sieht übel aus!« ging es ihm durch den Sinn. »Dort oben sind wir ja gefangen wie der Fuchs im Eisen! Und bleibt man unten, so ist der Tod gewiß!«

Der Tod, der ungeduldig an die wankende Kirchentüre hämmerte. Der Trugenhöfer blickte umher, und plötzlich fiel sein Auge wieder auf die schmale, mit Eisenbändern beschlagene Pforte, auf der vorhin in so rätselhaftem Lächeln die Augen der heiligen Magdalene geruht.

Mit raschein Entschluß stieß er die Tür auf. Ein Gang von zehn, zwölf Stufen führte in eine kleine, halbdunkle Gruft hinab, in der zwei Steinsärge sich im Dämmerlicht schattenhaft abhoben.

Irgend ein Wohltäter der Kirche mochte da begraben sein. Der ruhte da nun still und friedlich, das Ehegemahl neben sich, im ewigen Schlaf und ließ sich nicht erwecken, wenn die Bauern in das Verlies herniederstiegen und über seinem Grabe den Ritter Felix von Trugenhoffen erschlugen.

»Wahrlich – besser schon im Grabe zu liegen, als so zu enden!« murmelte der Trugenhöfer vor sich hin. Aber fast zugleich lief ein leises Lachen über sein Gesicht. Es war ihm ein Gedanke gekommen.

»Tut mir leid, daß ich Eure Ruhe stören muß, Lieber, Fester!« sprach er und stemmte den Schwertknauf unter die Deckelwölbung des Steinsargs, »aber wem dergestalt nach dem Leben getrachtet und gefahndet wird, der muß bei den Toten Schutz suchen!«

Die Sargplatte hob sich. Modergeruch stieg mit dem Staub empor, und innen, mit gefalteten Handknochen im Steinbett liegend, stierte ein reichgekleidetes Gerippe aus schwarzen Augenhöhlen finster zu dem Edlen empor.

Ritter Felix bekreuzigte sich. Von Grauen geschüttelt, ließ er den Stein wieder niedergleiten und las die Inschrift: » Anno Domini 1515 uff Samstag nach Lucä verschied der ehrenfeste Hans Wolf von Willenholz, dem Gott gnädig sei.« Nein – da war keine Rettung! Das Skelett wahrte sein enges Haus. Und riß er es heraus, als ein Frevler und Kirchenschänder, dann wies es ja eben, am Boden liegend, mit fleischloser Hand seinen Feinden den Weg zum Versteck.

Fast ohne zu wissen, was er tat, sprengte er auch die zweite Sargwölbung und stieß, zurücktretend, einen halblauten Ruf der Überraschung aus.

Der Sarg war leer. Nur eine leichte Staubschicht bedeckte den Boden des Steintrogs.

Und plötzlich entsann er sich, daß vor wenigen Jahren ein Trauerzug, der die Leiche der Willenholzschen Witwe in die bereitstehende Gruft der Weinsberger Kirche bringen wollte, mit Mann und Roß in den hochgehenden Frühjahrswassern des Kochers versunken war.

Deswegen war wohl das Grab unbenutzt geblieben! Einerlei – zum Nachdenken blieb ihm keine Zeit. Den schweren Deckel mit dem Schwert in halber Hohe festklemmend, stieg er hinein und ließ dann die erdrückende Steinlast wieder herabsinken, so daß an einer gegen das hochgelegene Fenster hin gekehrten Stelle, von außen unsichtbar, sein Degenknopf zwischen Sarg und Platte lag und ihm Licht und Luft sicherte.

Kaum hatte er das getan, so klirrten eilfertige Schritte die Treppe herab.

»Komm rasch, Hans Daniel, da herunter –« flüsterte eine angsterstickte Stimme, »ich kenn' die Gelegenheit!«

»Die Schelme finden uns hier im Pfaffenloch so gut wie in der Kirche!« keuchte der andere Heerdegen dawider. »Sag, wo ist Eitel Siegmund blieben – unser Bruder?«

»Der ist tot, Hans Daniel!«

Eine kurze Pause. »Ich mein', wir sehen ihn bald wieder!« stieß dann der jüngere Bruder schweratmend hervor.

»Bis sie zu uns kommen, ist ihre Furie gestillt,« tröstete ihn der andere, »sie nehmen uns für gefangen und schätzen uns, wie es sonst –«

Seine Worte verhallten in dem wütenden Lärm, der sich, verdoppelt von der Wölbung widerklingend, oben in der Kirche erhob. In das Schwertergerassel und das Poltern umstürzender Bänke tönte gellend das Kriegsgeschrei der eindringenden Bauern.

»Gott bewahr' uns!« schrie Hans Daniel. »Ich hab' das Türlein nicht verschlossen. Sie müssen uns hier sehen!«

Ein Bauer, die Hellebarde in der Hand, stand auf der in die Gruft führenden Treppe. »Im Pfaffenloch sind zwei Reisige verkrochen!« brüllte er, sich rückwärts wendend. »Helft, christliche Bruder –«

Das Schwert Jörg Heinrichs fuhr mit dumpfem Schlag in seinen Kopf wie die Axt in das Holz, lautlos fiel er, das Gesicht nach unten, vor den Särgen zu Boden und streckte sich im Tode. Der Heerdegen blickte wild um sich. »In dem Kämmerlein können wir das Schwert nicht schwingen!« rief er zu seinem Bruder. »Steig mit mir hinaus in die Kirche, daß wir wie Ehrliche vom Adel sterben!«

»Gott sei uns gnädig! Amen!« sprach Hans Daniel, und beide liefen, das gezückte Schwert vor sich haltend, eilfertig hinaus in das Toben des Handgemenges. – –

Die Schnecke mußte sich gerade über dem Pfaffenloch befinden. Ob seinem Haupte hörte Ritter Felix aus dem Grab heraus das Poltern und Schnaufen, das Hin- und Hergetrampel der in dem erstickend schmalen, nachtfinsteren Gang widereinander arbeitenden Menschenleiber.

»Tut Feuer an die Kirche!« schrie eine Stimme. »Die Schnecke ist versperrt, daß wir das Nest oben nicht auszuheben vermögen. Sie haben einen Reisigen im Turmgang erstochen und das Schwert in ihm stecken lassen. Den schieben sie jetzt im Gedränge über die Schnecke auf und nieder und können nicht an ihm vorbei und einander zu Leib!«

Außen auf dem Kirchhof, auf den das schmale Fenster des Pfaffenlochs ging, standen verwilderte Bauerngruppen und drohten, die Spieße schwenkend, zu dem Turmkranz empor.

Jetzt plötzlich trat tiefe Stille ein. Alle die zornfunkelnden Augen wandten sich nach oben, wo sich wohl ein Ritter über den Turmkranz beugen mochte.

»Höret, ihr Bauern!« hallte die Bärenstimme des Wolframsteiners herab, »Wir Ritter und Reisige hier oben wollen uns gefangen geben und dreißigtausend Goldgulden zahlen, wann ihr uns am Leben laßt!«

Ein verworrenes Gebrüll schlug von unten dagegen. »Und wann ihr uns zehn Tonnen Goldes gebt, der Graf Helfenstein und alle Reiter müssen sterben!«

Dicht am Fenster des Pfaffenloches stand auf dem Kirchhof ein kleines, vertrocknetes Bäuerlein, das faltige Kindergesicht von spärlichem weißem Haar umrahmt. Er hielt eine Muskete in den zittrigen Händen.

»Halt auf ihn, wann er sich wieder vorbeugt, Martin!« ermahnte ihn ein finsterer Geselle daneben. »Und triff recht!« Und zu den Umstehenden gewandt fuhr er fort: »Dem alten Martin ist vor vielen Jahren sein Sohn beim Wildern abhanden gekommen. Niemand wußt' wohin. Jetzt eben haben sie oben im Burgverlies ein Gerippe gefunden, einen Schweinszahn zur Rechten, ein Hirschgeweih zur Linken!«

Der alte Martin bewegte lautlos wie betend die Lippen, ließ sich aufs Knie nieder und hob die Muskete über sich.

»Fünfzigtausend Gulden, ihr Bauern!« dröhnte oben Herrn Wolfgremlichs Stimme. »Bedenket wohl, was –«

Das Feuer fuhr aus dem langen Rohr in die Höhe, und aufschreiend stob alles auseinander. Eine schwere Eisenmasse kam oben vom Turmkranz herab und schlug dröhnend auf dem Kirchhof nieder, wo der Wolframsteiner, mitten durch den Kopf geschossen, reglos liegen blieb.

Und zugleich verwandelte sich das bisherige Hin- und Hergetrampel auf der Schnecke in ein stürmisches Aufwärtspoltern. Das Hindernis war beseitigt. Die Bauern erstiegen den Turm, wo schreckgelähmt, ohne weitere Gegenwehr, Graf Helfenstein mit seinen letzten Rittern sich in ihre Hand gab. Durch den Spalt unter dem Sargdeckel sah der von Trugenhoffen, wie sie die Gefangenen über den Kirchhof hin zu dem festen Rundturm weiter unterhalb führten, Jäcklein Rohrbach mit der schwarzen Hofmännin voraus, hinterher der ganze jubelnde Haufen. Es ward ruhig. Nichts regte sich mehr zwischen den blutbespritzten Grabsteinen.

Was nun?

Felix von Trugenhoffen überlegte. Wenn er in seinem reisigen Gewande zu entkommen suchte, ward er sofort erkannt und erschlagen. Er mußte einen schlechten Kittel tragen, wie der starke, viereckige Bauernknecht, der da tot vor ihm auf dem Boden lag.

Er löste die Riemen und Schnallen seiner Panzerkleidung und legte, seinem Grabe entsteigend, die gespornten Stiefel, die Eisenhandschuhe, den Wappenrock und Panzer dem erschlagenen Bauern an. vorher hatte er dem das grobe Wams, die Leinenhosen, die Bastschuhe und den Mantel genommen und sich selbst darein gehüllt. Da lag nun ein toter Reitersknecht mehr, in seinem unansehnlichen, verrosteten Harnisch, den vom Blut unkenntlichen Zügen in keiner Weise von anderen zu unterscheiden. Und wer wollte gar auf einen fremden Bauern achten, der im Gedränge der Tausende mitlief und im Abenddämmern sich unbemerkt verlor? Aber halt – noch eines! Mit scharfem Dolchschnitt trennte sich Herr Felix die wallenden, den Freien verratenden Haarsträhnen vom Hinterhaupt und stülpte die Bauernkappe darüber. Dann stieg er unsicheren Schrittes, wie ein Traumbefangener, der den Dingen ringsum nicht mehr traut, die Treppe hinauf in die Kirche.

Vor dem verwüsteten Altar, zwischen den zerschmetterten Pulten, überall am Boden hin lagen stumme Gestalten. Hart an der eingerannten Tür die beiden Heerdegen. Der Sonnenschein flutete von außen herein und übergoß mit trügerischem Rot die blassen jugendlichen Gesichter wie das ihres Bruders, der an der Kirchhofsmauer über einen Grabstein gesunken war. Nicht fern von ihm deckte des Wolframsteiners Riesengestalt den Boden. Seine Fäuste waren geballt, sein Gesicht im Grimm erstarrt, und leise bewegte sich im Morgenwind der lange weiße Bart.

Geraume Zeit stand Ritter Felix schweigend da. Er war allein. Was zum Bauernheer gehörte, war zur Plünderung aufs Schloß geeilt. Finstere Gedanken gingen durch seinen Kopf. Da ruhten nun seine Feinde! Er hatte seine Rache dahin! Ehe er selbst seine Fehde mit ihnen beginnen konnte, war der arme Konrad über sie gekommen und rechnete mit ihnen ab. Eine furchtbare Abrechnung! Wie ein böser Alpdruck erschienen dem einsamen Ritter im Bauerngewand diese letzten Stunden. War er vielleicht eingeschlafen dort unten auf der Torzinne, als Herr Wolfgremlich der Roßmucken spottete, und träumte er das ganze Gemetzel und den Fall von Weinsberg?

Aber nein! Er war wach! Über ihm leuchtete die warme Frühlingssonne und breitete ihre lachenden Strahlen über den zerstampften Gottesacker. Zwitschernde Vögel schwirrten über die Leichen von Busch zu Busch, und ein herrlicher Ostersonntag blaute über die Rebenhügel.

Wieder sah Ritter Felix auf seine stummen Feinde, hernieder, und würgend stieg ihm der alte Haß und Groll bis in den Hals empor. Aber er bezwang sich.

Vor dem Tode mußte die Feindschaft schwinden. Und die Hände faltend, betete er für Herrn Wolfgremlichs Heil und die Seelen der Heerdegen von Hirnsheim. Im schauernden Morgenwind verklang das Murmeln seiner Lippen: »So helf' euch Gott und das ewige Wort! – Dem armen Leib hier und der Seele dort! Behüt' euch auch der allmächtige Gott vor dem ewigen Tode! Amen!«

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