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Madlene

Rudolf Stratz: Madlene - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorRudolph Stratz
titleMadlene
publisherPaul Franke Verlag
addressBerlin
year
firstpub
printrun22.-31. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100604
projectid34acb576
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XXIV.

Das Gepolter der den Abhang niederkollernden Steine weckte die Ziegenhirten aus dem trägen Halbschlummer, in dem sie, im würzigen, warmbesonnten Berggras zwischen Edelweiß und Raute hingestreckt, ihre meckernde und glockenlautende Herde ohne Aufsicht die Halde hinabweiden ließen.

Die verwetterten Gesellen fuhren auf. Ein Fluch in ihrer rauhen, anderen unverständlichen Sprache lag auf ihren Lippen. Aber fast zugleich schon duckten sie sich wieder am Boden hin und schlichen wie die Katzen ihren Geißen nach, ehe der da droben ihre Saumseligkeit bemerkte.

Denn der da stand und mit einer Wendung seines eisenbeschlagenen Bergschuhs das Geröll gelöst hatte, das war der Herr dieses weltentlegenen Schweizer Tals.

So wie der sehnige Greis, dem Alpenkönig der Volkssagen gleich, von schwindelndem Felsvorsprung das Adlerauge spähend in die Tiefe gleiten ließ, während der Wind ihm den langflatternden weißen Bart zauste und sein Leib, stark und behend wie der eines Jünglings, sich auf den Bergstock gestützt über den Rand bog, so hatten seit undenklichen Zeiten seine Vorfahren dies einsame Hochtal als ihr Eigen zu ihren Füßen liegen sehen, diese lange, tannenschwarze Waldesnacht da unten, aus der erst an wenigen Stellen das freundliche Grün bewässerter Wiesen leuchtete und dünner bläulicher Rauch vom Schornstein sich über steinbeschwerte Schindeldächer dahinkräuselte.

Von jenem ersten römischen Zenturionen ab, der hier sein Heim nach mühevollem Kriegsdienst aufschlug, bis zur heutigen Stunde, hatten die Herren a Porta wenig Muße gefunden, mit Axt und Pflug die Wildnis ihres väterlichen Erbes zu bannen. Es hatte sie Hinausgetrieben in die Welt, in Stürme und Abenteuer und des Feldlagers bunte Wechselfälle, aus deren unstetem Meer doch immer wie eine Insel im Abendfrieden die Heimstätte der a Porta, Schloß Guardaval da unten, dem müden Manne winkte.

So hatte auch er es gehalten! In seltenen, jahrelangen Zwischenräumen nur erschien er, ein wortkarger, sonnengebräunter und seltsam gekleideter Fremdling, im Heimatstal und brachte mit, was man da draußen als Hauptmann der eidgenössischen Reisläufer von Fürsten und Städten zum Lohn gewann, flammende Narben und gleißendes Gold.

Das Gold bargen sie in dem Steinturm, der seit dämmergrauenden Langobardenzeiten an des Tales Pforte stand; von den Narben erzählte er kurz und trocken des Abends der Sippe bei flackerndem Kienspan, von Kämpfen in der Fieberluft der Campagna und den lachenden Feldern der Lombardei, vom Tode Karls des Kühnen und seiner burgundischen Ritterschaft bei Nancy und den Ritten Friedrichs des siegreichen von der Pfalz an der blütenweißen Bergstraße. Und bald hatte es ihn wieder davongezogen, wie es den Bergadler über Täler und Höhen treibt. Jubel empfing den verwitterten Edlen im Lager, und die Reisläufer, das harte Kriegsvolk, das für schweres Geld sein Blut und Leben jedem fehdelustigen Fürsten in Europa zu verkaufen gewohnt war, freuten sich, daß nun wieder Herr Schlaginhauff, wie sie den grimmen Helden nannten, an ihrer Spitze die Feinde niedermähen würde.

Das tat Herr Schlaginhauff a Porta redlich und seinem Eid getreu, bald für den Kaiser, bald für den Frankenkönig. Aber mählich kam selbst über ihn das Alter. Er freute sich nicht mehr wie sonst am Rosse, und der Trompetenschall fand seine Ohren taub. In ihnen lockte und klang etwas anderes: das Glockenlauten weidender Herden, das Rauschen des die Hänge niederfahrenden Föhnsturmes, das Plätschern der milchigen Wildwasser und ferner Lawinendonner – alle die alten, schon dem Kinde vertrauten Laute der Heimat, und über ihn kam das Heimweh, das noch keinen seines Volkes verschont.

In der Ruhe dort zu leben im einsamen Waldtal, das sein war, so weit der Falke über die grünenden Wipfel auf Raub strich, den ewigen Schlaf in der Erde zu finden, die auch seine Vorfahren umfing, im Glanz weißleuchtender Zinnen und der heiligen Pracht des Alpenglühens – das wuchs mehr und mehr in ihm, bis zur Sehnsucht, bis zum leidenschaftlichen Verlangen.

Und nun gerade hatte er sich in einen Feldzug voll Mühe und Gefahr begeben! Er focht mit Sickingen und seiner Ritterschaft wider die weltlichen und geistlichen Fürsten am Rhein. Und ein Abend kam – schon war Sickingen geächtet und alles verloren – da umschlich auch ihn der Tod. Beim Rückzug von einem Ausfall in den Landstuhl war er verwundet liegen geblieben. Über die Böschung, an der er lag, tauschten auf und nieder die Sickingschen von oben, die Fürstlichen von unten, ihre Kugeln. Ohne eigene, schwerste Gefahr konnte ihn keiner retten. Er fühlte sein Leben verbluten, und in Verzweiflung kam ihm der Gedanke, daß es vorbei sei mit dem Traum seines Alters, daß er niemals den Abendfrieden von Guardaval genießen würde.

Da war einer unter dem hitzigen Geböller des Feindes stillschweigend aus der Burg herabgestiegen, hatte ihn unter den Armen gepackt und mit nervigen Fäusten bergaufwärts und in die Ausfallpforte hineingezerrt.

Ein Jahr war seitdem vergangen. Daß ihm dieses Jahr hier in der Heimat beschieden war, daß ihm noch manche andere folgen würden, ehe sein eisenharter Leib der Zeit erlag, das dankte er dem Ritter vom Landstuhl, den er seitdem nicht wiedergesehen.

Mit markigen Schritten stieg er zu Tal, die Armbrust über der Schulter, die erlegten Berghasen am Gürtel, und wie immer glitt ein fröhliches Lachen über sein Gesicht, als er, aus dem Tannenforste tretend, Guardaval, sein gutes Haus, im Kranze grüner Matten vor sich liegen sah.

 

In den paar Jahren seines Lebens, die er, um Wunden zu pflegen oder die seltene und unerwünschte Zeit der Waffenruhe in allen Landen verstreichen zu lassen, im Elternschlosse zugebracht, hatte er sich verheiratet und sein Haus begründet. Die längst herangewachsenen Söhne sah er selten, die fochten bei Pavia oder fuhren im Mittelmeer wider die algierischen Piraten und statteten ihm allenfalls, wenn wieder einmal um des nahen Mailands Mauern der Tanz mit Schwertern und Kartaunen losging, aus eigenem Munde Meldung über die letzten Kriegshändel ab. Aber die Töchter, die Schwiegertöchter, die Enkel, die alle zusammen füllten die mächtigen, von den Jahrhunderten geschwärzten Giebelhäuser, und reges Leben herrschte allezeit im Schloß Guardaval.

Aber heute noch mehr als sonst. Schon aus der Ferne unterschied sein scharfes Auge einige ihm fremde Gestalten vor dem Haustor, Reisende, die wohl aus weiter Ferne kamen; das zeigten ihm beim Nähertreten die Magerkeit der Rosse, die verblichenen, staubbedeckten Kleider und die schwere deutsche Rüstung des Mannes.

Der erhob sich bei seinem Nahen. »Gott zum Gruß, a Porta!« sprach er. »Und ehe ich unter Euer Dach trete, antwortet mir: wißt Ihr noch, was Ihr mir vorm Jahr auf dem Landstuhl gesagt habt?«

Odysseus a Porta umfaßte mit eisernem Druck die Hand des Ritters: »Ich hab' Euch gesagt, daß ich Euer Freund und Vater sein will, Trugenhoffen, all die Jahre, die ich noch lebe! Denn die Jahre sind nicht anders, als mir von Euch gegeben und geschenkt. Und nun ist's an mir, zu fragen: Wo kommt Ihr her und wer verfolgt Euch?«

»Mich verfolgt niemand,« sagte der Trugenhoffer, »aber mein Schwabenland darf ich nicht wiedersehen und habe keine Heimat mehr. Bei Euch suche ich eine neue Heimat und ein neues Leben.«

»Trugenhoffen!« Der Alte schaute ihn ernst an. »Ihr seid ein deutscher Ritter, hier oben aber wohnt ein freies Volk. Es gibt keine Fehden von Burg zu Burg und keine Turniere, keine Fronen und keine Hetzjagd übers Saatfeld, wie bei Euch im Reiche.«

Der andere schüttelte den Kopf. »Ich bin kein Ritter mehr. Die Ritterschaft ist tot. Jahrhundertelang hat sie geblüht und Deutschland überschattet und noch einmal in unseren Tagen fröhlich gesproßt, wie eine alte Eiche die letzten Frühlingszweige treibt. Ich seh' die Eiche fallen und Deutschland mit ihr, der Fürsten, Pfaffen und Franzosen Raub. Denen allen will ich nicht dienen, sondern mir und den Meinen, auf freiem Boden und in freiem Volke.«

A Porta wies zu dem Tannenforste hin, der über ihnen im Tale aufstieg. »Uns tun kräftige Arme not! Der Urwald gehört dem, der ihn ausrodet, der zwischen Baumstümpfen den Pflug gehen läßt, der die Bergwasser einfängt und Reben pflanzt, wo jetzt Brennnesseln und Farnkraut wachsen, der den Bären in seiner Kluft erschlägt, damit das Vieh in Ruhe weiden kann –«

»Und nichts mehr weiß von einem Tal,« sagte der von Trugenhoffen finster, »wo auf jedem Fels ein zerfallenes Raubnest steht und an jedem Bach ein unnütz Kloster und dazwischen in armen Hütten ein armes, wehrlos Volk. Wollt Ihr mir helfen, so will ich den Gedanken daran abtun.«

Odysseus a Porta hatte nach den Pferden hinübergesehen. »Daß Ihr einen Roßbuben habt mitreisen lassen, ist Brauch! Aber wie ist's dort mit dem jungen Weib bestellt? Ist's Eure Frau?«

»Führt mich ins Haus,« erwiderte der Ritter, »dort will ich Euch alles redlich und eigentlich berichten!« – –

Mit großen Augen sah Madlene, indessen die beiden im Hause Guardaval eingetreten waren, auf die Alpenpracht rings umher. Die fernen Eiszinnen, die weißleuchtend vor dem tiefen Blau des Sommertages standen, die in Silberstreifen niedergleitenden Waldbäche, deren Rauschen mit dem sanften Geläute der Herdenglocken die saftiggrünen Bergmatten erfüllte, die reine kalte Höhenluft, die über jäh abstürzende, mit Tannen bis zu schwindelnder Höhe hinauf bestandene Felsenwände herabstrich, und in der gerade über ihrem Haupt als zwei kaum sichtbare schwarze Punkte ein Adlerpaar kreiste, – die ganze Gebirgswelt, durch die sie in Hoffen und Bangen nun schon seit Wochen zogen, erschien ihr immer noch wie ein geträumtes, wundersames Land.

Und auch die Menschen, die so rauh und aufrecht einherschritten, die Dörfer, die schutzlos und behäbig sich in weitverstreuten einzelnen Häusern über die Wiesengründe dehnten, während über ihnen der Sturm durch zerstörte Zwingburgen pfiff, die Straßen, auf denen man bei mahnendem Hufgeklapper ruhig weiterritt, statt zur Wehr zu greifen und eines raubenden Heckengesellen gewärtig zu sein – das alles war so unerhört, so ganz anders, als sie es in dem verrotteten Gemäuer der Heerdegen, dem finster ragenden Wolframstein geschaut, daß sie ganz still dasaß, in geduldiger Ruhe ihres Schicksals harrend.

 

Schwere Schritte schreckten sie aus ihren Träumen auf. Odysseus a Porta stand vor ihr und zog sie freundlich zu sich empor. »Meine Töchter wollen Euch grüßen!« sagte er und wies auf die Frauen, die ihm gefolgt waren. »Nehmt ihre Hand und geht mit ihnen in mein Haus. Es soll Euer Haus sein ein Jahr lang. Das Jahr denkt an Euren verstorbenen Herrn, wie's einer christlichen Ehefrau geziemt. Der da aber,« – er schlug Felix von Trugenhoffen mit seiner stählernen Faust auf die Schulter – »der legt seinen Helm und Harnisch ab und nimmt für solche Zeit von Euch Urlaub! Er geht nicht weit von hier. Wenn Ihr oben im Bergwald die Tannen krachen hört und die Wagen knarren, in denen meine Männer und Rosse ihm hinaufführen, was er braucht, dann denkt: er zimmert rüstig mit den Meinen Euer Haus, und jeder Axtschlag, den er führt, und jeder Spatenstich im Moosgrund dient Eurem Glück und Heim, das ihr nicht anderen Menschen mit dem Schwert, sondern Wolf und Wildnis mit Pflug und Schaufel ehrlich abgewinnt.«

Er schritt mit seinen Frauen ihnen voran durch das Tor von Guardaval, an dessen Wölbung ein alter Spruch in das geschwärzte Holz geschnitzt war.

»Ich komme, ich weiß nicht, woher, Ich gehe, ich weiß nicht, wohin, Ich bin, ich weiß nicht, wo, Wie kommt es, daß ich fröhlich bin?«

»Wie kommt es, daß wir fröhlich sind?« wiederholte Madlene leise.

Der neben ihr lachte: »Weil wir den Hafen gefunden haben! Darum, Madlene, sind wir fröhlich und wollen fröhlich schaffen für uns und die nach uns sein werden.«

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