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Madlene

Rudolf Stratz: Madlene - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorRudolph Stratz
titleMadlene
publisherPaul Franke Verlag
addressBerlin
year
firstpub
printrun22.-31. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100604
projectid34acb576
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XXIII.

Ein weißdampfendes Meer braute der Morgennebel über dem Bergwald. Durch das Niederholz, über tautriefendes Gras und perlenglitzerndes junges Laub schlangen sich feine Dunstschleier, sie webten um die still dastehenden Tannenriesen, sie hingen in knorrigem Eichengeäst – Nebel überall – das seltsame kühle Grauen zwischen Nacht und Tag, das fröstelnde Erwachen der Natur in einer reglosen, lautlosen Wolkenwelt, die langsam nur dem Sonnenstrahl und Himmelsblau und dem Lärm des Tages weicht.

Hart über das schwankende Ried dahin schwebte die Eule dem Mauerschlupf zu, das äsende Hochwild auf der Halde äugte häufiger schon und ängstlicher nach seinem Erbfeind umher, und aus dem Tale, aus dem in einer Nacht verwüsteten und zerwühlten Acker eines armen Bauern, zogen sich borstige, schwerfällig dahintrottende schwarze Klumpen, die Wildsauen, in ihren Waldkessel hinauf.

Aus den Wipfeln hoch oben klang schon das erste schüchterne Zirpen und Zwitschern. Das Finkenvolk grüßte sich von Nest zu Nest, die Amseln schlugen hell, der Kuckuck rief, und aus dichtem Laub ließ der Pirol, der scheue, goldfarbene Pfingstgast, seine sanft flötende Regenmahnung vernehmen. Auf der mit einzelnen Tannen bestandenen Waldblöße strich der Auerhahn von seinem Baume ab. Eine große, schwarzgrün schillernde Kugel, bahnte er sich mit metallisch klingendem Flügelschlag seinen Weg durch die splitternden und krachenden trockenen Zweige der jungen Tannen, und erst in weiter Ferne nahm die Luftfahrt des zornigen Vogels ein Ende.

Auch das Rotwild floh. In elastischen Sprüngen huschte es bergaufwärts in das Dickicht, und ärgerlich grunzend verlor sich auf ausgetretenem Wechsel die letzte Wildsau.

Auf dem einsamen Höhenpfad aber kam langsames Hufgeklapper näher und näher. Der Nebel umflutete die drei schweigsamen Pilger, den Mann und das Weib auf schwer dahinschreitenden Rossen; der Troßbube ritt auf einem stelzbeinigen Bauernfohlen hinterher, wie im Traum ritten sie dahin, wie durch ein stilles, ernstes Märchenland, das nichts von Menschenhaß und Menschenleid weiß. Um sie herum war die heilige Ruhe des Waldes, sein reiner Hauch umwehte ihre Stirnen, sein würziger Atem erfüllte ihre Brust.

Da hinten, weit hinter ihnen lagen Zorn und Kampf und Blut. Noch zitterten durch den lachenden Vogelgesang, der ob ihren Häupten schwirrte, in ihren Ohren die Laute des Krieges nach, haßerfülltes Geschrei, Geböller und Trompetenklang, Rossegewieher und das Krachen stürzender Mauern. Aber die Schleier des Nebels lagen dazwischen, Sie waren davon geschieden für immer. Sie sollten diese Menschen nie wiedersehen und das Land nicht, den schönen Gottesgarten mit seinen Rebenhängen und den grün wogenden Saatfeldern, mit seinen blauen Flüssen und altersgrauen Städten, mit den rauschenden Wäldern und den Trümmerhügeln am Bergfuß, die einstmals ihre Burgen gewesen.

Und vor ihnen der Nebel, die Wolkenwand, die ihnen die Zukunft verhüllte. Aber des Ritters suchendes Auge durchdrang die grauen Schwaden. Er sah es dahinter in die Lüfte ragen, in ewigem, von finsterem Tannenforst und grünen Almen umkleidetem Schnee, er sah dort in der Fremde den Frieden.

 

Sich aufrichtend musterte Herr Felix mit dem scharfen Blick des Kriegsmannes eine Fußspur, die in großen Abständen quer über den feuchten Lehmpfad führte.

»Da ist einer der Geyerschen gelaufen,« murmelte er, »solche Sprünge macht nur, wer um Leib und Leben läuft.«

»Der ist von den anderen abgekommen?« fragte Madlene.

Ritter Felix schüttelte das Haupt: »Sie haben sich alle getrennt. Im dicken Haufen kann man nicht ziehen, wenn man so hitzig verfolgt wird!«

»Und der Geyer selbst?«

»Der ist noch unverzagt wie je!« Der von Trugenhoffen wies über das Tal hinüber. Das Sonnenlicht durchbrach schon in blutigen Strahlen das milchige Gewölk, und durch dessen vergehenden Schleier hob sich undeutlich auf dem jenseitigen Hügel, in rötlichen, wie aus Feuer gewebten Umrissen ein türmereiches stolzes Schloß.

»Das ist Haus Rimpar!« fuhr der Ritter fort. »Gehört Wilhelm Grumbach, des Geyers Schwager, von dem will er sich Pferde holen und weiter ins Rothenburgische reiten!«

»Dort aber werden sie ihn greifen –«

»Den Geyer zu greifen, ist kein leichtes Stück! Sein Name ist bei der Bauernschaft gewaltig wie zuvor, wo er sich zeigt, da werden sie ihm von neuem zuströmen. Noch gibt es wehrhafte Männer zu Tausenden und aber Tausenden im Taubergrund, um einen anderen schwarzen Haufen aufzuwerfen und, was von versprengten und Geächteten in den Wäldern liegt, an sich zu ziehen!«

»Die Fürsten aber werden auch in die neuen Haufen fallen!«

»Die Fürsten,« sprach Ritter Felix, »haben ein einziges Heer! Und so sorgsam und trefflich Herr Jörg, der Bundesfeldherr, ist, so hat er doch schon auf seinen Zügen wohl ein Drittel seines Volkes, eine Menge Ritter und noch mehr Pferde verloren. Neue Knechte kann er nicht werben. Denn des Bundes Kassen sind leer. Und woher soll er neue Ritter und neue, wohlgerüstete Streitrosse nehmen? Wer den schweren Harnisch nicht von Jugend auf gewohnt ist, sei's Mann oder Pferd, kann ihn nicht tragen. Ist also dies Heer gelichtet und geschwunden, so haben die Herren kein anderes mehr. Der Bauern aber gibt es mehr als Fliegen im Sommer. Sie können, wenn sie dem Geyer folgen, den Fürsten immer neue Haufen unters Gesicht führen und sie überwältigen. Und darum wird im Bunde keiner seines Herzens froh, solange der Geyer lebt.«

Mit raschem Zügelriß hemmte er sein Roß. »Haltet still!« flüsterte er. »Es trabt unter uns ein reisiger Zug den Talweg herab, – ich hör's, wie die Pferde eilends laufen. Da kommen sie schon auf die Achtung heraus.«

Es war ein kleiner Reitertrupp, der in den Sätteln geduckt und schweigsam wie auf der Flucht dahinsprengte, ein halbes Dutzend Knappen mit verstörten Gesichtern, dann ein paar Rosseslängen dahinter ihr Herr. Sein Antlitz war erdfahl, es lag wie Entsetzen um den halboffenen Mund. Sich im Sattel umwendend, warf er ab und zu einen scheuen Blick nach rückwärts, der Höhe zu, von der sie herabkamen, und richtete dann wieder, den Hengst spornend, die Augen starr auf das in der Ferne ragende Schloß.

Hinter den Büschen sahen die oben dem Zuge nach, bis er im Tannenforst verschwand. Dann erst wagte es Felix von Trugenhoffen zu sprechen.

»Ich kenne den da unten!« flüsterte er heiser. »Es ist der Grumbach, des Geyers Schwager.«

»Warum eilt er so geschwinde in sein Haus zurück?«

Ritter Felix antwortete nicht gleich, sondern verharrte in finsterem Sinnen, wahrend sie weiterritten. »Der Grumbach war tief in den Bauernhändeln verstrickt!« sagte er endlich. »Darum haben ihm die Aufrührer sein Schloß stehen lassen. Nun ist es dem falschen Manne vor dem Gericht der Fürsten bange – mag sein, daß er den Geyer dort oben auf der Lichtung getroffen und ihn seiner Wege gewiesen hat.« Er setzte sein Roß in Galopp. »Gott gebe, daß wir auf der Waldblöße nichts Arges schauen!« –

Eine einzelne, hohe Eiche stand in der Lichtung. Das Gras im Schatten des alten Baumes war im Halbkreis niedergetreten und in den Boden gestampft. Man sah es von weitem, daß hier ein Kampf stattgefunden hatte, zwischen einem Manne, der, den Rücken an die Eiche gelehnt, sich tapfer gewehrt, und einer Überzahl von Angreifern. Und als sie näher kamen, erkannten sie den Mann. Herr Florian Geyer lag lang auf blutbetautem Rasen, das zerbrochene Schwert in der Rechten, aus erloschenen Augen zum Himmel aufschauend, von dessen Blau, in warmen Fluten niedersteigend, die goldene Maiensonne den Leib des Recken verklärte. Mit seinem Blondbart spielte der Frühlingswind, und aus allen Zweigen geleitete silberner Vogelgesang seine Seele hinauf zum ewigen Frieden.

Sie waren vom Pferde gestiegen und hatten die Hände gefaltet.

»Für deine Seele, Bruder Florian –« sprach Ritter Felix, »für die brauch' ich armer Sünder nicht zu beten. Die ist gerettet und im Licht. Denn es war eine reine und edle Seele, die nichts für sich gewollt hat und für die anderen das Beste! In dieser Zeitlichkeit hienieden hat dich der Grumbach erstochen, daß ihm sein Häuslein da drüben von den Fürsten ungebrochen bleibt. Aber tot bist du uns nicht, Bruder Florian, und wirst's deutscher Nation nicht sein, was du gewollt hast – ein frei und wahrhaft einiges Deutschland unter seinem Kaiser – das muß den Besten am Herzen liegen, solange wir ein solch zerrissenes und betrübtes deutsches Land haben – und wer's gewinnt, darf deiner nicht vergessen.«

 

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