Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Rudolf Stratz >

Madlene

Rudolf Stratz: Madlene - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorRudolph Stratz
titleMadlene
publisherPaul Franke Verlag
addressBerlin
year
firstpub
printrun22.-31. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100604
projectid34acb576
Schließen

Navigation:

XX.

Wie eine Felsenklippe aus dem ringsum brandenden Meere des Aufruhrs aufstarrend reckte Unsrer Frauen Berg, das feste, ob Würzburg gelegene Schloß des geflüchteten Bischofs, seine trotzigen Mauern und Zinnen zu dem grauenden Morgenhimmel empor.

Übel hatte der Feind schon an ihm gehaust, verkohltes Gebälk, zerschrundene Türme und gespaltenes Quaderwerk zeugten von der Wirkung des Rothenburger Geschützes. Ein tiefer Stollen gähnte am Fuße des Abhanges, durch den die Bauern das starke Haus in die Lüfte zu sprengen gedachten, und bis an die verwüsteten Bollwerke der bischöflichen Ritterschaft drinnen zogen sich die Feldschanzen und Pfahlgräben der außen lagernden schwarzen Schar.

Von Herrn Florian Geyers Schwarzen hatten schon viele, allzuviele bei dem allgemeinen, nach wütendem Kampfe kürzlich abgeschlagenen Sturm auf dies letzte unbezwungene Schloß im Frankenland ihr Leben gelassen und moderten in den feuchten, tiefen Wallgräben, die rings um die Festung liefen. Und unverzagt hielt sich drinnen der hundertköpfige reisige Lehnadel der Würzburger Pfaffenschaft. Der Tag von Weinsberg hatte es die Edlen gelehrt, daß sie alle verloren waren, sobald einmal die schweren Eisentore des Frauenberges sich der evangelischen Brüderschaft öffneten.

Heute an diesem dämmernden Maimorgen herrschte ein ganz ungewohntes Leben auf der sonst still und grimmig daliegenden Feste. Durchdringend läuteten ununterbrochen die Glocken, heller Lichterschein und Dankgesang aus rauhen Kehlen drang durch die buntbemalten Kirchenfenster, und aus den Schießscharten der Türme spähten allerhand Köpfe, fahlgewordene, bärtige Ritterhäupter, im unfreiwilligen Fasten abgemagerte Pfaffenschädel und lustige Bubengesichter höhnend und johlend zum Tal hinab, in das Lager der schwarzen Schar, aus dessen Nebelgrauen dumpfes Poltern und Stimmengewirr aufstieg.

Und dann kletterten drei Zinkenisten auf den Mittelturm, stellten sich recht sichtbar oben hin und bliesen aus vollen Backen unter dem Jubel der Bischöflichen das Spottlied: »Hat dich der Schimpf gereut, so zeuch du wieder heim!«, während unten sich allmählich die Schwaden lüfteten und die Morgensonne den Abzug der schwarzen Schar, die Aufhebung der Belagerung beschien, von deren Ausgang das Schicksal des Krieges in Franken überhaupt abhing.

»Eine Woche noch –« Florian Geyer starrte düster zu dem grauen Bollwerk und den spöttisch daraus grüßenden farbigen Punkten empor, »eine Woche noch, und sie hätten sich geben müssen! Ohne Kampf! Ich bin wohl berichtet, daß sie zum längsten kein Wasser mehr haben. Sie kochen sich die Speisen mit Frankenwein und waschen sich mit Steinwein Hände und Gesicht. Ihre Pferde haben sie geschlachtet und aufgefressen. Es war am letzten und hat doch nicht sollen sein! – Felix Trugenhoffen, du bist zur bösen Stunde bei uns eingeritten! Hörst ja, was sie dort oben blasen! Laß dich den Handel gereuen, ehe du darin verstrickt bist, und hänge dich nicht an die verlorene Sache!«

»Wer das hinter sich gelassen hat, was hinter mir liegt,« – Ritter Felix schwang sich mit dem Freunde zu Pferd – »für den gibt's keine Umkehr. Gestern abend bin ich an das Würzburger Tor gekommen und habe zu der Bauern Wache auf die Frage: ›Was leit dir an?‹ das Losungswort gesprochen: ›Was dir anleit, leit auch mir an!‹ Da haben sie zum dritten gesagt: ›So eröffne uns deine Heimlichkeit‹, und mich zu dir geleitet! Dir hab' ich alles eröffnet, Bruder Florian, und bin eins mit dir und deiner gerechten Sache!«

»Die Sache ist gerecht und wird doch untergehen!« Florian Geyer warf einen letzten Blick auf den Frauenberg zurück. »Der Truchseß mit dem ganzen Fürstenheer zieht im Eilmarsch auf Königshofen. Dort liegen die Bauern zwar in Menge, in lichten Haufen und wohlbewahrt, aber in sich uneins, voll Hader und Neid. An mich und die Schwarzen klammern sie sich an wie die stoßenden Bienen um die Königin. Bin ich da, so halten sie stand. Sehen sie mich nicht, aber vor sich die reisigen Geschwader in vollem Rosseslauf, so ist ihre Furcht vor den Geharnischten schon allzu mächtig, und alles verzettelt sich übers Feld und wird erstochen, wie's eben der Herzog von Lothringen mit seinen Untertanen gemacht hat.«

»An einem Tage hat er ihrer fünfzehntausend erwürgt,« – der von Trugenhoffen schaute finster vor sich nieder – »und am Rhein hin mehr Blut vergossen, als Wasser im Flusse rinnt. Nun hat er freilich Ruhe in seinen Landen.« – –

Die Stadt lag hinter ihnen. Ein schweigender Zug wand sich die schwarze Schar die geschlängelte Waldsteige gen Heidingsfeld hinauf. Es war völlig hell geworden.

»Bei Weinsberg hab' ich deinen Haufen zum erstenmal gesehen!« hub Ritter Felix nach einer Weile wieder an. »Da zog er mit aufgerecktem schwarzem Banner übers Feld wider die Weibertreu und dünkte mir wohl viermal so gewaltig wie jetzt.«

Ein bitteres Lächeln lief über Florian Geyers kühngeschnittenes, blondbärtiges Gesicht. »So gewaltig war er auch! Die Hälfte hab' ich vor dem Frauenberg im Sturme lassen müssen, von der anderen ist ein gut Teil in die Dörfer zurückgegangen und sonst abhanden gekommen. Mir sind nicht mehr als sechshundert geblieben. Die freilich sind grimme weidliche Kerle, Kriegsleute und andere unerschrockene Männer, bis an die Zähne mit Büchsen, Spießen und Schwertern bewehrt, des Todes gewärtig und ineinander verschworen, keinen Feind, wer es auch sei, am Leben zu lassen, sondern die Reisigen aufzuhängen und den frommen Landsknechten die Hälse abzuschneiden.«

»Bruder Felix!« Der schwarze Geyer hatte in Gedanken vor sich hingeschaut und wandte sich nun wieder zu dem Freunde. »Heb dich von mir! – Bei den Bündischen ist deines Bleibens freilich nicht. In die Schweiz aber sollst du reiten! Unter freien Männern leben und sterben, viele von unserem guten Adel sind nach der Sickingenschen Fehde dorthin geflohen.«

»Viele vom guten schwäbischen Adel!« sprach der Trugenhofer. »Ich war unter ihnen – ein Jahr – Sie haben ihre Wappen vergessen und leben als Bauern in der Eidgenossenschaft. Statt der Turnierlanze halten sie den Pflug, binden die Reben auf und schneiden das Bergheu, statt mit den Wölfen hinter der Straßenhecke auf der Lauer zu liegen oder vor irgendeinem güldengekleideten Herrlein oder feisten Pfaffen zu tänzeln und scherwenzeln. Und bleiben doch ein mannhaft kriegerisches Volk.«

»Reite zu ihnen, Felix! Wer den Handel angefangen hat, wie ich, muß auch das End' abwarten. Du aber kannst Leib und Leben retten.«

»Ich bleibe!« erwiderte der von Trugenhoffen, und schweigend ritten sie weiter in die Mittagsglut hinein.

Viele Stunden waren verstrichen, die Sonne stieg schon wieder allmählich vom Himmel, da ging eine plötzliche Bewegung durch den stillen, müde der nachtfarbenen Fahne nachwandernden Zug. Aus der Ferne dröhnte ein dumpfer Schlag, vier, fünf andere folgten rasch hintereinander. Dann war alles wieder unheimlich ruhig.

Florian Geyers Gesicht war aschfahl geworden. »Das waren grobe Stücke«, murmelte er. »Es ist nicht möglich, der Truchseß müßte geflogen sein mit Mann und Roß.«

Ritter Felix zuckte die Achseln. »Der Truchseß reitet schnell, was von Pferden fällt, läßt er leichten Herzens den Raben, und um die meuterischen Knechte sorgt er sich nicht eines Fingers breit.«

Sie spornten ihre Gäule, denn der Haufe vor ihnen schritt rascher und immer rascher aus, so daß sie antraben mußten, um an seine Spitze zu gelangen. Der Geyer lauschte atemlos. »Es ist nichts!« sprach er endlich mit unsicherer Stimme. »Sie haben verdorbenes Kraut aus den Feldschlangen herausgeschossen und darum –«

Er brach ab. Vielstimmiges Geschrei des jählings stillhaltenden Zuges begrüßte einen Reiter, der plötzlich vor ihnen auftauchte und, seinen schweißtriefenden, mit Schaumflocken überspritzten Rappen verzweifelnd spornend, angstverzerrten Gesichts über die Wiesen dahinstob.

»Bauernhans – wohin reitest du?« brüllte es dann. Ein paar Knechte suchten mit vorgestreckten Hellebarden seinen Lauf zu hemmen. Der junge Bauernführer wich ihnen mit einem wütenden Fluche aus. »Flieht, – flieht,« schrie er mit heiserer Stimme, »es ist alles dahin – alles!« Und mit angstgekrümmtem Rücken trieb er sein Roß durch krachendes Dickicht, über sumpfige Wiesen dahin, als ritte der Teufel selbst hinter ihm.

Drei, vier andere Kapitäne folgten, atemlos, auf dampfenden Gäulen. Die Schwarzen erkannten sie schon aus der Ferne. »Da kommt Wolf Meng,« schrie es vorn, »Hans Flux bei ihm – und Ulrich Vischer – und der Georg Metzler selbst – der Bauern Gewaltiger! Steh, Metzler – steh oder du wirst vom Sattel gestochen – steh und gib Bescheid – was ist geschehen?«

»Was geschehen ist?« Georg Metzler keuchte in Todesangst. »Das evangelische Volk liegt tot auf der Walstatt – erstochen und erschossen – der Truchseß hat uns überfallen – hält mit den Fürsten ein Gejaid, wie auf der Schweinshatz.«

Ein hagerer Mann mit den scharfen, harten Zügen eines Buchgelehrten sauste vorbei, mit Meisterschaft die Kräfte seines feurigen Rosses lenkend und schonend. Bei seinem Anblick senkte Herr Florian wie in Verzweiflung das Haupt, indes Wendelin Hipler, der einstige hohenlohische Kanzler und nun die Seele des ganzen Aufruhrs, ihm mit der Hand zuwinkte. »Brauch deine Sporen, Geyer! Wer keinen Hengst zwischen den Beinen hat, ist verloren! Die Fürsten kennen keine Gnade – haben unsere Büchsenmeister bestochen, daß sie uns heimlich von den Geschützen entlaufen sind, und uns dann von drei Seiten die wehrlose Wagenburg gestürmt. Flieht – flieht, der Tod ist hinter uns! vom Hügel oben könnt Ihr ihn schauen, wie er mäht und rafft.«

Florian Geyer wandte sich im Sattel um und musterte seine schwarze Schar. Keiner der finsteren Gesellen hatte sich zur Flucht umgewendet. Aller Augen hingen erwartungsvoll an ihm. Da ritt der Hauptmann vorwärts dem Hügelrande zu, und in mannhaftem Schweigen folgten ihm seine Getreuen und spähten über das Blachfeld dahin.

Wie ein Ameisengewimmel, das der Stock des Wanderers aufgestört, zitterte und hastete es in schwarzen Flocken und Klümpchen, sich strahlenförmig ausbreitend, über die Felder.

Blinkende Streifen schossen mordgierig hinterher, und wo sie in die schwarzen Wolken hineingeraten waren, da erstarrte bald um sie her Leben und Bewegung. Es färbten sich, tausendfach von reglosen dunklen Punkten durchkörnt, die frühlingsgrünen Matten, indes die fliehenden, von den reisigen, blitzschnell gleitenden Schlangen gelichteten Schwärme immer dünner, immer langsamer über die Hügel hinrieselten.

Um die Wagenburg, die, eine finstere, zerbeulte Krone, den Kopf eines kahlen Bergkegels umspannte, kämpfte man noch. Man sah das Durcheinanderfunkeln, das Auf- und Niederblitzen der Waffen, die geballten Pulverwolken im Sonnenlicht. Nach hinten zu war der Karrenring geplatzt. Eine weite Lücke klaffte da, aus der zuweilen dicke Ströme von Bauern herausquollen, um alsbald unter dem Anlauf der draußen haltenden Geschwader zu vergehen wie Wasser im Sande. Weithin, so weit das Auge reichte, erstreckte sich die Flucht. Aus fernen Dörfern sah man schon den Rauch der Kirchen aufsteigen, in denen sich versprengte Haufen noch einmal zur Wehr setzten.

»Dort brennt Giebelstadt, mein Dorf.« Florian Geyer blickte, die Augen mit der Hand beschattend, scheinbar ganz ruhig in die Runde. »Meine Stammburg liegt in Asche. Ich, ihr Herr, fahre desselben, Wegs und wir alle – der Bauernkrieg ist aus ohne Hoffnung und Rettung!«

Die schwarze Schar schaute stumm zu ihm auf. Er lächelte stolz und heiter. »Brüder!« rief er mit heller Stimme. »Gott hat's nicht gewollt und nicht geschehen lassen, was wir ersonnen und gewollt haben. Er hat denen drüben den zeitlichen Sieg gegeben. Uns gibt er den ewigen Sieg! Wer hier bei dem schwarzen Banner bleibt, das mein Fähnrich so lustig aufreckt, der muß sterben, wer nicht sterben will, der entlaufe eilends, wie schnell ihn seine Füße tragen, und berge sich vor den Reitern.«

Nichts regte sich in der Schar. Nichts klang aus ihr als die schweren Atemzüge der Männer und leises Waffengeklirr. Kein einziger trat aus den Reihen.

»Wenn ihr euch zum Tode schicken wollt, schwarze Brüder,« fuhr Herr Florian fort, »so schaut: da drüben haben sie uns erkannt! Sie blasen das Feindsgeschrei aus allen Hörnern, sie rotten sich in Gewalthaufen zusammen und rufen nach dem Truchseß und den Fürsten. Denn sie wissen's wohl: der Kampf schlägt ihnen nicht ganz ledig aus, sondern sie müssen viel Schadens von der schwarzen Schar nehmen. Ist selbes euer Wille, vor eurem Tod dem Feinde noch manchen guten Gesellen – edel oder unedel – zu beschädigen, so weist es mir.«

Die Schwarzen entblößten statt der Antwort die Schwerter, und dräuend richteten sich die Hellebarden in die Luft.

»Wir sind noch eine große Meile vom Feind,« – Florian Geyer ritt zur Seite – »darum wollen wir ihn nicht im freien Feld bestehen, sondern zu unserem Vorteile in einen festen Ort entweichen. Dort bei dem Dorfe liegt das Schlößlein Ingolstadt, zerstört zwar, aber mit gutem Gemäuer noch umfangen. Gegen das ist mit Reisigen bös handeln. So folgt mir, ihr Schwarzen, und seid getrost! Wann jetzt in diesen geschwinden Läuften viel ehrliche Kriegsleut' am Himmelstor anpochen, dann erschleußet Herr Petrus auch euch freudig die Tür zu Gottes Gnade.«

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.