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Madlene

Rudolf Stratz: Madlene - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorRudolph Stratz
titleMadlene
publisherPaul Franke Verlag
addressBerlin
year
firstpub
printrun22.-31. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100604
projectid34acb576
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XVIII.

Lang hinhaltender Paukenwirbel, tausendfaches Rossegetrappel, Stimmengewirr und Gelächter drangen aus den Staubwolken, die unabsehbar sich von Neckarsulm durch das Tal wälzten, dem grauen Städtchen zu, über dem in schwarzen, immer noch leise schwelenden Trümmern die gebrochene Burg Weibertreu vor dem blauen Himmel stand. Wie eine staubüberschüttete, raubgierig am Boden hingleitende Riesenschlange wälzte sich in tausenden, vom Qualm der Heerstraße erblindeten, dumpf rasselnden und knirschenden Schuppen der Rachezug der Edlen gen Weinsberg.

Der Truchseß an seiner Spitze, vom Meister Berthold gefolgt, rechts und links von ihm vier Henker hoch zu Roß, das glitzernde Richtschwert aufgereckt im Sattel.

Schrecken und Entsetzen gingen vor ihm her, wie feurige Dörfer und kopflose Leiber hinter ihm den Weg der Fürstengeschwader bezeichneten. Was nur noch kriechen konnte, war geflohen und sah von unzugänglichem Höhendickicht oder aus sumpfigem Weidengestrüpp wie gescheuchtes Raubwild auf die Panzerreiter, die keuchend in der stechenden Glut der Abendsonne auf ihren stolpernden Gäulen saßen.

Wie im Traume zog Felix von Trugenhoffen mit ihnen. Seine Knie berührten im Reiten die der Genossen, ihre rauhen Flüche und Scherze umflogen ihn, und doch war es ihm, als fahre er einsam, ganz einsam seines Weges dahin.

Und denen um ihn dünkte das ebenso. Sie mieden ihn seit dem Tage vorher, da er Pfaff Eysenhut so zaghaft Rede gestanden und selbst mit den Knechten dessen Leib verscharrt hatte, wie einen geächteten Mann, wie einen Feind, der nur aus Zufall statt des weißen Kreuzes der Bauernschaft das rote Ritterzeichen auf dem Harnisch führte.

Solchergestalt – der Trugenhofer entsann sich des aus früheren Fehden – trabte wohl ein ritterbürtiger Gefangener im reisigen Zug, als ein Freier, als ein Schwager vom Adel betrachtet und doch von Herren und Knechten mit lautlosem Mißtrauen unablässig überwacht.

Die ganze Nacht hatte er schlaflos dagelegen und zum Sternenhimmel aufgeschaut, wie eine Erleuchtung war es einmal über ihn gekommen. Er wollte aufspringen, sein Roß satteln und in das Dunkel hinausjagen. Aber dann fiel es ihm ein, daß solches vorhaben in dem von flackernden Holzstößen lichterloh überstrahlten Lager sofort erkannt werden mußte, und matt sank er wieder hin, mit sich ringend, bis im frostigen Grau der neue Tag sich hob.

Und dieser neue Tag – das empfand er als den bleiernen Druck eines unabwendbaren Schicksals – der mußte die Entscheidung bringen. Ehe die Sonne dort im Westen hinter den Odenwaldbergen niedersank, hielt er vor dem Wegweiser und lenkte sein Pferd nach rechts oder links, wie es ihm der Wille des Schicksals eingab.

»Was für ein gut, groß Dorf!« murmelte ein Ritter neben ihm. »Es raucht noch! Und wieviel Vieh da hin und wieder liegt, vom Feuer niedergefallen und verdorben.«

»Ei wohl!« Sein Nebenmann lüftete sich, in die Steigbügel tretend, schwer im Sattel. »Zum Plündern sind die Landsknechte flugs gewärtig, zur Schlacht aber nicht! Jetzt haben sie heute morgen wieder eine Gemeinde gehalten und zum andernmal gemeutert! Wer freundlich ankommt, den verjagen sie mit wütigem Geschrei und langen Spießen. Potz ja! – die machen Herrn Georgen, dem Truchsessen, bald mehr sauere Arbeit als die Bauern.«

»Er wird ihrer Meister werden,« tröstete ihn der andere, »wie er der Bauern Meister wird und auf und ab am Neckar ihre Kapitäne hängen läßt, so viele sich ihrer auch noch dabei auf dem Marsch verzetteln und entfliehen. Sie heißen ihn ja schon nickst anders als den Bauernjörg.«

Das Gespräch hatte den Trugenhofer aus seinem Sinnen aufgeweckt. Er blickte umher. Um ihn qualmte der Staub, darüber in grauen Schwaden der Rauch des eingeäscherten Dorfes. Zerknickte Rebenterrassen, zerstampfte Wintersaat, umgehauene, in verdorrende weiße Blütenpracht gehüllte Obstbäume überall! Ein wilder Zorn ob der zwecklosen Verwüstung

überkam ihn, ein grimmiger Ekel vor den eisernen, seelenlosen Larven, in deren Mitte er, ein Fremdling aus anderer Zeit und anderem Lande, einsam dahinritt.

Von vorne klang stärkeres Rasseln und Poltern, und in riesigen Qualmfahnen stieg der Staub zum Himmel auf. Die Geschwader setzten sich in Galopp, und an ihrer Spitze deutete der Truchseß auf einen Baum, der, einen grünen Wiesengrund überschattend, hart vor Weinsbergs grauen Mauern stand. »Reitet etzliche Herren der Rennfahne voraus und traget mir säuberlich das Allerheiligste aus der Kirche!« gebot er. »Der von Trugenhoffen, der mit in Weinsberg war und die Gelegenheit kennt, mag euch führen. Ich selbst und die Ritter erwarten eure Wiederkehr dort unter der Linde, unter der die jämmerliche Tat der Entleibung der Grafen und Edlen geschehen.« – –

Unheimlich hallte der schwere Tritt der sporenklirrend die enge Gasse emporsteigenden Gewappneten durch die Totenstadt. Noch standen rings die Häuser, noch blökte und grunzte es aus den Ställen, und schlich in weitem Bogen an dem angeketteten Hofhund vorbei die Katze ihren Raubgelüsten nach – noch blinkte aus den Giebelluken des Kornes goldener Segen, noch zog der Duft wohlgefüllter Weinkeller aus unterirdischen Gewölben hervor und plätscherte lustig der Brunnen am Markte – aber nirgends mehr war ein Mensch zu sehen, eine Menschenstimme zu hören.

Es war, als habe die Pest in einer Nacht alles, was in der Stadt atmete, dahingerafft, so jählings hatte, als von ferne auf dem Neckarsulmer Wege der Staub zu wirbeln begann und dumpfe Paukenschläge dröhnten, der wahnsinnige Schrecken die Bewohner auf und davon und in die Wälder gejagt. Wie sie gingen und standen, waren sie mit Weib und Kind geflohen, all ihr Hab und Gut in den Händen des Siegers lassend. Nur ein greises, gelähmtes Ehepaar war in einem der ersten Häuser zurückgeblieben und wurde, um nicht den Flammentod zu erleiden, auf Geheiß des Truchseß von Knechten herausgetragen.

Felix von Trugenhoffen hatte indessen die Ritter zur Kirche geführt. Auf einem Grabstein sitzend, sah er wie geistesabwesend zu, als die Herren durch das immer noch mit den Trümmern zerschmetterter Pulte gefüllte Schiff zum Altar stapften und sorgfältig, sich bekreuzigend, das Allerheiligste in eine mitgebrachte Pferdeschabracke hüllten.

»War's da?« fragte heraustretend einer von ihnen mit leiser Stimme und deutete auf den Turm.

Der Trugenhofer nickte nur zur Antwort. Sein Auge war auf das Innere des Kirchenraums gerichtet. Ein Streifen Abendsonne fiel durch das eine schmale Fenster, und in seinem Golde leuchtend lächelte ihm wieder wie damals die heilige Magdalene geheimnisvoll zu.

Ein anderer Ritter kam dazu. »Ich bin die Schnecke hinaufgestiegen,« flüsterte er, »Gott bewahr mich, das muß ein fürchterlicher Kampf gewesen sein.«

»So war's auch«, sprach Ritter Felix wie im Traum und starrte in die Kirche.

»Und was hat Euch gerettet?« forschte der andere weiter.

»Die heilige Magdalene!« Der von Trugenhoffen stand von dem Grabstein auf und dehnte die Glieder. »Merkt's lieber! Selbe Magdalene war einmal ein Weib, sogar ein sündhaft Weib, aber nun ist sie's nicht mehr, sondern ist eine Heilige und rettet die Seelen. Darum sprech' ich: wer in Nöten und Zweifeln liegt, soll nicht an das Weib denken, sondern an sein Seelenheil. Denkt er an das Weib, so verliert er sein besser Teil im Himmel und auf Erden, denkt er an sein Seelenheil, so wird ihm geholfen, und er kann in Frieden vor Gottes Angesicht treten, dort drüben im Tale Josaphat.«

»Lieber!« Der Ritter schüttelte verwundert den Kopf. »Ich kann Eure Worte nicht verstehen!«

Sein Genosse stieß ihn in die Seite. »Laß den verkehrten Mann –« raunte er, »und tummelt euch, ihr Herren! Der Truchseß wartet!«

Scheu, böse Blicke links und rechts werfend, stiegen die Gewappneten wieder hinab, das Allerheiligste in rauhen Fäusten. Hinter sich verketteten und versperrten sie das Stadttor. Kein Reisiger sollte plündernd in Weinsberg einfallen, was darin war, gehörte dem Feuer.

 

An einer stelle im weiten Felde flackerte es schon in ersterbender Glut um einen Baum, und schwarze Menschenmassen standen schweigend herum. Dort hatte der Truchseß den bei Böblingen gefangenen Jäcklein Rohrbach lebendig verbrennen lassen, wie es zuvor schon Melchior Nonnenmacher, der dem Grafen Helfenstein zum Todesgange aufgespielt, widerfahren war, und hatte sich selbst mit den Edlen nicht zu gering gedünkt, Holzscheite herbeizuschaffen und das Feuer zu schüren.

Nun stand der Bauernjörg, eine brennende Fackel in Händen, vor Weinsberg. »Ihr wisset, Adel und Unadel,« sprach er, »ich bin wohl ein Kriegsmann, aber des Blutes nie gierig gewesen. War auch meinen Untertanen ein guter und frommer Herr, wie sie solches auch freudig anerkannt, bis sie nun doch auf das Geschrei der Aufrührer haben hören und einen Haufen aufwerfen, einen ehrlosen Pfaffen an meiner Statt über sich setzen müssen. Wie mir, ist's euch allen ergangen, wenn ich schon nicht verschweigen will, daß mancher vom weltlichen und geistlichen Stande anders als recht und billig mit seinen Hintersassen gehandelt hat. Nun ist der Aufruhr da und eine Zeit, wo es der Obrigkeit nicht Lachens gilt, sondern allen Ernst herauszukehren. Darum in des schwäbischen Bundes Namen: Weinsberg, die freie Stadt, soll heute noch stehen und nimmermehr! Sie soll im Feuer aufgehen, und wo sie war, selber Ort soll wüst und brach liegen für alle Zeiten, in Gestrüpp und Unkraut. So tun wir im Gedächtnis unserer Brüder vom Adel, die die Weinsberger erwürgt.«

»Euer Gnaden sind übel berichtet!« Felix Trugenhoffen trat finster und entschlossen vor den Truchseß hin: »Ich war in Weinsberg, wie Ihr wißt, an dem Ostersonntag. Wie ich die Sach' mit angesehen, gebührt den Bürgern wohl eine merkliche Strafe, und sie haben sich billig zu schämen, daß sie sich so leichtlich durch das ungeschickte Bauernvolk haben abschrecken lassen, aber erschlagen haben die Weinsberger die vom Adel nicht! Es war kein Bürger dabei! Hätt's auch nicht hindern können, selbst die Hauptleut' und Rät' vom hellen Odenwälder Haufen haben nichts davon gewußt, sondern sich entsetzt, wie die Nachricht auskam. Der Jäcklein Rohrbach hatt's allein angestiftet mit seinen Gesellen. Darum habt Ihr ihn als einen ganz leichtfertigen Stifter all des Mordsjammers verbrannt. Aber Weinsberg solltet Ihr nicht verbrennen. Die Straf' ist zu hart!«

Der Truchseß runzelte die buschigen Brauen. »Wahrt Euch, Ritter Trugenhoffen!« sagte er halblaut und drohend. »Wollt Ihr Euch auch an der Bauern faule Rotten henken? Es bedünkt mich schier so! Dann ziehet hin und bestehet Euer Abenteuer darum. Wollt Ihr aber bleiben, so wisset: in des Bundes Lager bin ich Herr und halte einzig die Gewalt!«

Er schwang die lohende Pechfackel hoch in die Luft. »Für meinen liebwerten Vetter und Freund!« rief er. »Ludwig Helferich selig, Graf von Helffenstein, dem Gott genade!«

Der Feuerbrand zischte durch die Luft und schlug auf das von der Frühlingshitze ausgedörrte Schindeldach über der Mauer; dort blieb er, gierig um sich fressend und qualmend, liegen.

Rudolf von Ehingen trat vor, bitteren Gram auf seinem tapferen Gesicht. »Für meine Söhne,« stieß er hervor, »für meine beiden einzigen Söhne, denen Gott genade!« Und seine Fackel schlug in den offenen Kornboden des Hauses nebenan.

Ein anderer folgte dicht hinterher und ließ die Flamme durch die Luft kreisen. »Für meinen Schwager!« schrie Herr Traysch von Buttlar ihr nach und machte Herrn Jakob von Bernhausen, dem Vogt zu Göppingen, Platz. »Für Phillips, meinen Sohn!« schrie der, die Fackel werfend, und fast zugleich schleuderte neben ihm ein bleicher, junger Ritter den Feuerbrand: »Für meinen Vater, Herrn Sebastian von Ow, dem Gott genade!«

Hinter den Rittern stand eine Greisin mit wirrem Grauhaar und irrem Blick. »Werfet auch für mich eine Fackel!« bat sie und verfolgte gierig die sprühende Bahn. »Noch eine zweite Fackel! Meinem Eheherrn, Dietrich von Weiler, die eine! Die andere für Dietrich, meinen Sohn! Gott schenke ihnen seine ewige Gnade!«

Ganze Schwärme von Fackeln flogen in die lautlos im Abendgold träumende Stadt. »Meinen Brüdern Jörg und Friedrich, den Edlen von Neuhausen! Herrn Westerstetten, dem Burgvogt von Stauffen, meinem Freunde! Hans Späth von Höpfigheim, meinem Sohne! Bleikard von Riexingen, meinem Sohne! Weiprecht von Riexingen, meinem Bruder, denen Gott genade! Dem Wolf von Heisenberg! Herrn Rauch Eigen, dem Letzten derer von Eigenhofen, Gott sei mit ihm! Hans Konrad und Hans Dietrich, den Schenken zu Winterstetten, denen Gott genade! Und das dem Jörg von Kaltenthal, eines alten Mannes einzigem Sohn!«

In wildem Gewirr klangen die Namen all der edlen Geschlechter ineinander, und von innen, aus Weinsberg, kam mählich die Antwort. Das Feuer begann zu prasseln und zu knattern. In glühenden Nestern hockte es in Strohdach und Schindeln, die Nester breiteten sich reißend in der Runde aus, sie flössen ineinander zu einem Flammenmeer, das, im Abendwind wogend, als brausende Sturmflut über die Dächer dahinrollte. Aus den verriegelten Ställen klang hohl und angstvoll das Gebrüll des Viehs, aus den Höfen das verzweifelte Kläffen der angeketteten Hunde, die donnernden Hufschläge, mit denen die Rosse ihren Pferch zu zertrümmern suchten. Ganze Schwärme von Tauben kreisten in bangem Fluge über der Glut und sanken wieder in die riesigen blutroten Feuersäulen zurück, in die jedes einzelne Haus im Städtchen sich verwandelt hatte.

Und gleichzeitig loderte es überall zwischen den Hügeln auf. Alle Dörfer in der Runde brannten, von den ausgesandten Reisigen angezündet. Das Weinsberger Tal war hin einziges Flammenmeer, dessen Widerschein die Wölkchen am Himmel rosig färbte und sich blutig in den gleißenden Rüstungen der Edlen spiegelte, die, weithin um die Linde gelagert, das Schauspiel der Zerstörung genossen.

Sie rächten ihre Freunde und Lieben! Felix Trugenhoffen verstand sie wohl, von solchen Männern in solchem Kampfe war nichts anderes zu versehen. Und dennoch stieg immer gewaltiger der Drang in ihm auf, nichts mehr mit denen gemeinsam zu haben, die vom Grunde aus nichts verstanden als das, was fleißige Hände im Frieden geschaffen, in ewigem Kriege wieder zu zerstören. Wie sie da so befriedigt in die Glut starrten, all diese kleinen Tyrannen, für deren jeden Hunderte von Armen sich mühen und placken mußten, um ihm Zeit zu Fehde und Turnier zu gönnen, da erschienen sie ihm als das eigentliche Übel, das, mit den Pfaffen im Bunde, schwer wie eiserne Ketten auf dem Leibe deutscher Nation lastete und dessen kraftstrotzende Arme ermattet zu Boden zog.

Das Feuer da vor ihm – das schritt fessellos, gewaltig vor. Jauchzend bäumten sich die Flammenzungen aus sprühenden Dächern und leckten das vermorschte Holzwerk, die verstaubten Türme von der Erde hinweg.

Und wieder ging es durch Felix Trugenhoffens Brust: Der Bauernaufruhr ist solch ein Feuer! Was verrottet und vermorscht ist, das will er vom Boden fegen, daß Raum für Neues werde. Du aber, der Sohn einer neuen Zeit, eines Hutten und Sickingen Freund, du dämpfst das segensreiche Feuer und ziehst mit den Rittern der Finsternis, mit vergilbten Kutten und verrosteten Panzern als der Wahrheit Widersacher durch das Land!

Eine lohende Riesengarbe stand der Kirchturm von Weinsberg aufrecht in dem heißen Gezüngel, und aus seiner Flammenkrone hallte ein seltsamer unerhörter Ton.

Die Glut hatte das Erz der Glocke erhitzt. Das schmelzende Metall begann von selbst zu läuten. Durch das prasseln und Brausen des Brandmeeres klang und klagte die glühende Glocke, unsichtbar und gewaltig, in immer schnelleren, immer helleren Schlägen, als wollte sie den Träumer da unten mahnen.

Der sah zu ihr auf. Das Zeichen – war das das Zeichen – der letzte Anstoß, den er den ganzen Tag erwartete?

Der Glockenstuhl stürzte schmetternd und funkenstiebend zusammen, in aufschwelendem schwarzem Qualm verhallte die eherne Mahnung, und ein Jubelruf hallte unten durch die Reihen der Edlen, da sie den Untergang der Mordkirche sahen.

Hart neben dem Trugenhofer warf sich der Bischof von Eichstätt auf die Knie. Die schuppengepanzerten Hände faltend, das gelbliche Eulengesicht von Blutgier überleuchtet, stammelte er heiser sein Dankgebet:

»Lobet den Herrn, die ihr auf Erden seid, ihr Walfisch und alle Schlünde! Feuer, Hagel, Schnee und Eis, Wind des Ungewitters, die sein Wort ausrichten! Berg und Bühel, fruchtbare Bäum' und Zedern, Tier' und alles Viech, Gewürm und Geflügel mit Fittichen! Ihr Könige auf Erden und alle Völker, Fürsten und alle Richter auf Erden, Jünglinge und Jungfrauen, ihr Alten mit den Jungen, lobet den Namen des – –«

Der Bischof fühlte sich mit einem Ruck an der Schulter emporgezogen. Ritter Felix stand vor ihm mit grimmig flammenden Augen, und ein Sturm des Entsetzens ob solcher Tat ging durch die Gruppen der Edlen.

»Er ist von Sinnen!« schrie Diepolt vom Steyn. »Reißt den Bischof, unseren Ehrwürdigen, aus dem Gebet!«

»Wißt ihr, zu wem der Ehrwürdige betet!« lachte der Trugenhofer. Ihm war plötzlich leicht und frei ums Herz. »Er betet zum Teufel! Denn von Gott versehen und trösten wir uns seiner allmächtigen Liebe. Der Pfaffe da ist aber des Hasses voll bis an den Rand, schreit wie ein Mordgeselle nur nach mehr Blut und Leichen und plärrt als ein rechter Römling sein unsinnig, ruchloses Zeug.«

»Hört ihr's!« Der Bischof keuchte vor Wut. »So spricht der Ketzer! So spricht Martinus Luther und seine Rotte! Er hält es mit dem Luther!«

Herr Felix breitete die Arme aus: »Ich will es bekennen: ich halte es mit der Wahrheit im Himmel und auf Erden! Die Wahrheit aber, der lautere Bronnen, ist nicht bei euch! Ich will sie anderswo suchen! Meine Ritterschaft tue ich von mir und streiche mein Wappen aus, wie mein Haar schon abgeschnitten ist, und hebe mich hinweg von euch, ihr lieben Gesellen vom Adel, für heut und immer!«

»Er will zu den Bauern!« zischte der Bischof. »Haltet ihn, ihr guten Christen!«

Aber der Truchseß gab ein Zeichen, vor dem die Reisigen innehielten.

»Der Ritter ist nicht meines Heeres –« sagte er ruhig, »sondern des Pfalzgrafen. Mir aber soll niemand nachreden, es hab' sich in meinem eigenen Lager meine getreue Ritterschaft wider mich empört, als hätt' sie mit den Schelmen von Landsknechten aus einer Schüssel gelöffelt. Solche Zeitung möchte unseren Widersachern erst rechten Mut geben. Darum beurlaube ich Euch aus meinem Lager, Trugenhoffen! Reitet, wohin Euer Herz begehrt. Ihr findet manch verlorenen Gesellen vom Adel vor, wenn Ihr im Bauernheer einkommt. An einem mehr ist dort wenig gelegen.«

Da schritt der Trugenhofer schweigend zu seinen Rossen, die Hans Waldvogel hielt, und trabte, ohne den Kopf zu wenden, mit seinem Buben in die Abenddämmerung hinaus.

 

An einem Hügel machten sie nach kurzem Halt. »Hier scheiden sich unsere Wege!« sprach der Ritter. »Du, Hans Waldvogel, mein Bub', hebst dich auf deinem Pferd alsbald zum Kloster Gnadenthal, und solches meldest du dort, du weißt schon wem: Felix von Trugenhoffen, der Ritter, ist tot! Er hat die Eitelkeit der Welt von sich getan. Schon einmal war er in Weinsberg verloren und ist wieder zum Tageslicht aufgestanden. Nun ist er zum zweiten Male vor selber Stadt umgekommen und als ein neuer Mensch aufgestanden und davongegangen – in der Bauern Lager!«

Hans Waldvogel starrte seinen Herrn ungläubig an. Aus weiter Ferne klang der Gesang eines Pilgerzugs vertriebener Mönche, die aus ihrem verbrannten Kloster, um während des Wiederaufbaues Buße zu tun, in das Heilige Land wallten.

»Herr, das soll ich melden?« fragte Hans Waldvogel mit erstickter Stimme.

»Das tue du!« Der Ritter nickte ihm zu. »Und der du's meldest, die wird schon weiter für dich sorgen. Auf den weg, den ich geh', will ich dich armen Bub' nicht mitnehmen!«

Und ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er den Kopf seines Pferdes gen Norden und sprengte davon, der schwarzen Schar vor Würzburg zu. – –

In schweren, rauschenden Stößen umwehte ihn der Abendwind. Aus den rasch einfallenden Nebeln der Dämmerung, aus dem Brausen der schwankenden Waldwipfel, dem Raubvogelgeschrei hoch in den Lüften, aus dem würzigen Dunst der weißdampfenden Ackerschollen und dem geheimnisvollen Blinken der Gestirne am sich verfärbenden Himmel, aus dem ganzen brünstigen Knospen und Weben der ahnungsgrauenden Frühlingswelt um ihn her schien ihm das mitzuschwingen und zu klingen, was seine Seele mit einem Gefühle unbegreiflicher Erleichterung erfüllte, mit einer lachenden Erlösungsfreude, die ihn sein Roß zum Schritte zügeln und, sich im Sattel aufrichtend, in tiefen Zügen die reine Nachtluft einatmen ließ.

Die Pilger mußten jetzt ganz nahe sein. Durch das Dunkel hörte man das Scharren ihrer Sandalen und den eintönigen Gesang, den der Abendwind dem einsamen Reiter herübertrug.

»Zum rechten Brunnen mußt du gahn! Die Pfützen ungetrunken lahn, Willstu Gesundheit pflegen! Bewahr dich mit Speis', die nicht zerrinnt! Dein Bündel mußt du tragen.

Stab und Stecken mußt du han – Mit David mußt einher du gan Den Weg, den Gott geboten. Der Töpf' Egypti achte nit, wo Fleisch darin gesotten.«

Der Gesang verstummte. Seine ungelenke Klage war dem Ritter tief in die Brust gedrungen. Eine bittere Wehmut erfaßte ihn. Sein Herz krampfte sich bei dem Gedanken an das Glück zusammen, das er unwiederbringlich verloren. Da hob eine Stimme wieder an, eine weiche, tiefe Männerstimme:

»Welcher das Elend bauen wöll', Der tu' sich auf und rüst' sich schnell Wohl auf die rechte Straßen –«

und in hundertfach verworrenem Gemurmel klang der Gesang der Pilgerschaft hinterher:

»Vatter – Mueter – Ehr' und Gut – Sich selbst – muß er verlassen.« –

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