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Madlene

Rudolf Stratz: Madlene - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorRudolph Stratz
titleMadlene
publisherPaul Franke Verlag
addressBerlin
year
firstpub
printrun22.-31. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100604
projectid34acb576
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XVI.

Ein Meer von grünen Wipfeln, die im Morgenwind rauschend und flüsternd die Berghänge bekleideten, umsäumte der junge Wald das Quelltal. Durch saftige Matten plätscherte die silberklare Flut dahin, an den Hügeln hoben sich die weißbeschneiten Lichtgebilde der Blütenbäume in zarter Schönheit von dem tiefblauen Himmel ab, der sonnige Frieden des Frühlings lebte und webte überall in knospendem Laub und Amselschlag, in Schmetterlingsflug und stiebendem Blütenschnee.

Die Nonnen waren dem einsamen, nur von Hans Waldvogel, dem Buben, gefolgten Paare weit voraus. Dort unten im Talgrund, wo sich langgestreckt die weißen Mauern des Klosters, von der Kirche überragt, am Bachrand hinzogen, dort lagen sie auf den Knien und dankten allen Heiligen im Himmel, daß die Zerstörung gnädig an ihrem Gotteshaus vorübergeschritten war. Wohl waren die Kammern geleert, die bunten Heiligenbilder zerbrochen, die Glasfenster der Kapelle eingeschlagen, aber an das Schlimmste, an den Brand, hatten sich die durch jahrhundertelange Hörigkeit erschlafften Hintersassen des Frauenklosters nicht gewagt, und nun boten dessen Lehnsleute, kleine Ritter, die, selbst halb verbauert, auf verwahrlosten Waldburgen ringsum hausten, genügenden Schutz gegen etwa noch streifende Rotten.

Die beiden oben hatten ihre Pferde gezügelt und sahen schweigend hinab ins Tal. »Gehabt Euch wohl, Madlene!« sprach der Ritter endlich. »Dort ist das Kloster. Dort müßt Ihr bleiben, bis die Kriegsläufte aufhören –«

Sie schauerte leicht zusammen. »Mir ist, als hätte mir gestern ein Hexenmeister die Schlacht und all die Greuel vorgegaukelt. Heute, hier in unseres lieben Herrgotts schöner Welt, kann ich's gar nicht mehr verstehen, daß so viel Haß und Furie auf Erden sein kann.«

»Ihr habt nicht geträumt!« Der von Trugenhoffen schüttelte das Haupt. »Es war eine gewaltige Schlacht gestern. Und die letzte war es nicht. Wohl ist der helle christliche Haufen zu Staub zerschlagen, und suchen die Reisigen in allen Dörfern nach den Rädleinsführern, den Mordgesellen von Weinsberg, aber noch steht bei Königshofen das große fränkische Bauernheer zum Kampf gerüstet und vor Unserer Frauen Berg, des Bischofs Schloß ob Würzburg, liegt Florian Geyer mit seiner schwarzen Schar!«

»Aber einnehmen wird er das Bischofshaus nicht!« sprach Madlene. »Die Herren haben mir's wohl verraten: da, wo der Schloßturm am höchsten ist, da sitzt in seinem Kämmerlein der blinde Barfüßermönch, der gewaltige Zauberer und Teufelsbruder, fängt die Kugeln in seinem Ärmel auf und treibt sein Hexenspiel mit den stürmenden Rotten, daß sie im Wallgraben hin und her tappen wie blindes Gewürm im Sonnenlicht. Und jüngst hat er gar, die Bauern zu schrecken, ihnen am Lager gespenstige Totenreiter erscheinen lassen –«

»Das waren Herren von des Truchsessen Rennfahne«, murmelte der Trugenhofer. »Die verwegenen Gesellen haben solchergestalt denen im Schloß den baldigen Entsatz gemeldet. Aber mag das feste Haus fallen oder nicht, noch steht der Bauern Sache hoch aufgerichtet.«

Madlene bog sich im Sattel zu ihm und faßte in jäher Angst seine Hand, »Lieber!« stieß sie mit banger Stimme hervor. »Seid Ihr denn wirklich im Herzen der Bauernsache so zugetan?«

Der Ritter wandte ihr sein gebräuntes, bartloses Gesicht mit den dunkelblitzenden Augen zu. Ratlose Verzweiflung grub ihre Furchen in die hartgeschnittenen Züge. »Es wird übermächtig in mir!« sprach er langsam und mit lauter Stimme. »Es mahnet mich bei Tag und Nacht: Fluch dem, der wider Wissen für die schlechte Sache zu Feld liegt! Fluch dem, der säumt, bis es zu spät ist. Fluch dem, der seine Brüder im Geiste verrät!«

»Lieber Herr,« – er empfand den bebenden Druck ihrer Hände auf seinem Arm – »sind denn das Eure Brüder, die teuflischen Bauern?«

»Den Bauern veracht' ich,« – der Ritter sah hochmütig in die Ferne – »aber die hinter den Bauern stehen: der Geyer, der Eysenhut, die Edlen alle – das sind die Meinen! Was die wollen – ein freies Reich deutscher Nation, ohne Pfaffen und Fürsten, ein einziger Kaiser als der Kriegsgewaltige – das dünket mir recht und gut. Das lebt in mir und wächst gewaltig. Des Geistes, wie die drüben, bin auch ich. Und statt zu ihnen zu traben und zu rufen: ›Da bin ich, Brüder, bereit zum Leben und zum Tod!‹ statt so zu handeln und mich zu befreien, liege ich in der Fürsten Lager umher, nicht besser als ein heimatloser Landsknecht, muß für die Herren, die mir meinen Burgstall im Feuer zum Himmel geschickt, mich in Gefahr Leib und Lebens geben und froh sein, wann der hochfahrende Truchseß oder gar der blutige Pfaffe von Eichstätt mir ein gnädiges Wort hinwirft.«

»Und was hält Euch zurück, daß Ihr nicht zu den Bauern reitet?«

»Ihr, Madlene!«

Sie verstummten beide. Um sie lachte im Frühlingsglanz der Wald. Unten im Tal begann leise die Klosterglocke zu läuten und schickte ihr zitteriges Dankgebet zu den blauen, unendlichen Höhen empor.

»Um Euretwillen bin ich in Not und Gefahren durch die Lande geritten,« hub der von Trugenhoffen wieder an, »hab' mich, des Turms gewärtig, dem Pfalzgraf gestellt – die Flammen Eures Schlosses haben unsere Herzen ineinandergeschmolzen, daß sie eins bleiben müssen, solange wir die Sonne schauen und Gottes Luft atmen. Wie soll ich das zerbrechen, das doch eins ist?«

Madlene schaute zur Seite. »So bleibt«, sagte sie leise. »Lasset Euer Roß ungesattelt, wenn die da drüben winken. Denket: Es kommen auch andere Zeitläufte – Ruhe und Stille im Land ...«

»Aber in mir wird keine Ruhe sein,« – der Ritter ballte in ohnmächtigem Grimm die Faust – »solang' ich lebe, nicht! Des seid gewiß, Madlene!«

»Ich kann nichts anderes tun, als Euch bitten: Bleibt hier! Tut Euch nicht zu denen, auf die der Henker mit dem Beil schon wartet. Wenn das Euer Ende und Ausgang ist, dann will ich mein langes Haar vor der Kirche lassen und meine Tage der heiligen Magdalene opfern und in der Klosterzelle bleiben ...«

»Ei – lasset den Henker aus dem Spiel!« rief der von Trugenhoffen zornig, »Wer sagt Euch, an wen das Sterben gerät, Ritter oder Bauer, wann das Spiel zu Ende ist?«

»Und wenn der Bauer die Oberhand gewinnt?« – wieder legte sich wie gestern ein harter Haß über Madlenens schöne Züge – »Felix, Lieber, soll ich dann zu ihm treten und ihm sagen: ›Ich danke dir, Bruder Bauer, daß du mir meinen Herrn gemordet hast und meine ganze Sippschaft‹ – was doch zum Erbarmen und den Türken zuviel wäre – ›daß du mir das Haus angezündet und all das Meine geraubt, und von dem alten ehrenfesten Geschlecht der Heerdegen nichts mehr lebt, als ich arme Bettlerin, die aus Barmherzigkeit ihren Leben im Kloster nachweinen darf‹ – nein, Lieber – das ist mehr, als ein Mensch vermag.«

»Ich weiß es,« erwiderte der Ritter finster, »und darum habe ich nichts davon zu Euch geredet. Ihr könnt nicht anders handeln! Mir aber liegt es ob, mannhaft mit der Versuchung zu ringen und zu schauen, ob ich sie bestehe!«

Den Talweg herauf kamen ein paar Klosterknechte, um Madlene herabzugeleiten. Sie reichte noch einmal dem Ritter die Hand. »Fahret wohl – ich bin getrost!« sprach sie, und ein Lächeln der Demut glitt über ihr Gesicht. »Ihr werdet selbe Versuchung bestehen – um meinetwillen. Das weiß ich und will hier still auf Euch harren!«

»So schütz' Euch Gott!« Herr Felix wandte sein Roß. »Ich muß zum Pfälzer Heere zurückreiten, ehe es den Neckar aufwärts zu dem schwäbischen Bunde zieht!«

 

Wie das Getöse einer Schlacht scholl über die weiten Matten am Neckar der Jubel der beiden zueinanderstoßenden Ritterheere. Ungeheure Staubwolken qualmten über allen Wegen. Aus ihnen starrten, ein tausendstacheliger, von graugepuderten Bannern überrauschter Wald, die Lanzen der fromen Knechte, und zog im Poltern der Karren, in dem Gebrüll der Rinder, mit Geschrei und Peitschenknall der Troß hinterher. Dazwischen trabten über die junge Saat in blitzenden Klumpen, über denen sich schräg geneigt die trutzigen Wappenfahnen schaukelten, die reisigen Geschwader der Ritterschaft, was vor den Hufen ihrer schweren Rosse in zartem Grün prangte, blieb als zerstampfte braune Wüste dahinter zurück, ohne daß die Edlen des achteten. Aller Augen spähten nur nach vorn, nach den langerwarteten Freunden, und suchten in den gleißenden Amen, die da unter Trompetengeschmetter, stürmischem Zuruf, Bannerschwenken und dem dröhnenden Hämmern des Schwertknaufs auf die Schildwölbung endlos hin aufritten, die Führer und die Genossen früherer Fehden zu erkennen. In das bunte Farbenspiel der sich grüßend neigenden Wimpel und Wappen blitzte es in schweren, von weißem Dampf gefolgten Schlägen. Auf den Hügeln aufgefahren, brüllten sich die Feldschlangen ihren groben Donnergruß zu, und in ihr kurzes Bellen mischten sich das regellose Geknatter, mit dem die Büchsenschützen ihre zum Himmel aufgekehrten Musketen losgehen ließen, und der gröhlende Gesang der Landsknechte. –

»Das ist lustig zu schauen ...« – in seine Träume verloren, hörte Ritter Felix hinter sich eine rauhe Stimme und gewahrte, sich umwendend, zwei Reisige, die langsam auf müden Rossen dem Berghang zuritten, »... wie freudig sich die beiden Heere begrüßen. Des Bundes Reisige, wohin man sieht, – die Knechte ziehen in gewaltigen Haufen nach, das grobe Geschütz geht fröhlich mit Pulver in die Lüfte ab ...«

»Da reitet Herr Jörg übers Feld«, rief der andere, »Viele Ritter um ihn her. Sie helfen ihm aus dem Sattel, er steigt ab, um den Pfalzgrafen zu grüßen –«

»Das ist der Pfalzgraf – jawohl – der im vergoldeten Harnisch, der jetzt auf Herrn Jörgen zustapft und ihm die Hand hinstreckt. Das ist freilich Seine Gnaden, der Pfälzer Kurfürst! Dem mag das Herz im Leibe lachen, nun er des Bundes Feldmacht sieht, zu Pferd und zu Fuß, und die vielen Stücke und die große Summe Wagen, mit aller Notdurft und Bereitschaft wohl versehen, und –«

Der Ritter unterbrach mit einer Handbewegung das Geschwätz der beiden kriegstrunkenen Knechte und musterte die dampfenden Gäule. »Was sind eure Tiere so abgetrieben?« fragte er finster. »Ihr meint wohl, es fallen uns die Pferde noch nicht genug wie die Fliegen in jedem Lager, und hetzt sie ohne Feindesnot über Stock und Stein.«

»Wir waren auf Streife, Ritter!« meldete ihm der Reisige. »Wes Pferd nach dem hitzigen Treffen gestern noch laufen konnt', den haben die Herren auf Streife hinausgelassen – sollen der Bauern Rädleinsführer greifen, die sich da und dort in den Dörfern versteckt halten.«

»Und habt ihr etliche der Gesellen gefangen?« forschte Herr Felix.

Der Reitersmann nickte. »Man klaubt sie emsig aus den Nestern. Mancher liegt als ein Siecher zu Bett und tut erbärmlich, wenn man in die Stube tritt – hat ihm nichts geholfen – und mancher verkriecht sich im Stall unter Dung oder hockt oben im Taubenschlag, wie der Jäcklein Rohrbach –«

»Ihr habt den Jäcklein Rohrbach eingebracht?«

Der Reiter deutete den Talweg hinab; dort holperte ein Handkarren dahin, von Bauern gezogen und von Reisigen mit blankem Schwert umringt. Ein wüster Geselle lag gefesselt mit blutüberronnenem Gesicht darauf.

»Und wenn ich alles Gold der Fuggerschen hätte,« lachte der Gewappnete, »in des Jäcklein Haut möcht' ich jetzt nicht stecken und die damastene Schaube auf dem Leib tragen, die dem Grafen Helfenstein zu eigen war –«

»Und in der Pfaffheit Haut möcht' ich auch nicht stecken,« ergänzte der andere, »die sie heute vor Tag und Tau in Eppingen aus den Federn gezogen haben.«

»In Eppingen?«

»Wohl, Ritter! Ein ganzes Nest voll Schwarzkittel, die meisten haben sie dort behalten. Zwei aber, als die obersten Anstifter von Rumor und Totschlag wider die Obrigkeit, die hat sich Herr Jörg, der Truchseß, ins Lager befohlen. Er wolle Seiner pfalzgräflichen Gnaden den Lotterpfaffen Eysenhut als einen Beutepfennig verehren –«

»Pfaff Eysenhut ist gefangen –«

»Wenn Ihr den bösen Buben noch von Angesicht schauen wollt, Ritter, so müßt Ihr zureiten. Er ist schon im Lager, und Kopf und Leib wird ihm, dünkt mir, bald zweierlei sein –«

»Mach voran!« Sein Genosse wies in die Ferne, wo in dem Grün der Wiesen und Bäume flimmernde Punkte aufleuchteten und Zwischen den Dörfern hin und her glitten. »Dort suchen sie die Häuser weiter ab. Wir müssen dazu. Auf manchen aus den Bauernräten sind hundert Gulden gesetzt, wer ihn Herrn Jörgen lebend zuführt.«

Die beiden Knappen trieben mit Sporenstichen ihre ermatteten Rosse weiter den Berg hinan. Der Ritter kümmerte sich nicht mehr um sie. So rasch der schotterübersäte Pfad es erlaubte, sprengte er ins Tal hinab, der Mitte des Lagers zu, wo des schwäbischen Bundes Fahne und der Pfälzer Löwe einträchtig nebeneinander im Maiwind flatterten.

 

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