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Madlene

Rudolf Stratz: Madlene - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorRudolph Stratz
titleMadlene
publisherPaul Franke Verlag
addressBerlin
year
firstpub
printrun22.-31. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100604
projectid34acb576
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XV.

Das dumpfe, herzbeklemmende Schweigen der bevorstehenden Entscheidungsschlacht brütete zwischen den beiden Heeren auf dem Hügelland von Böblingen.

In Böblingen selbst, dem alten, von festem Schlosse überragten Städtchen, starrte es von Handrohren und Hellebarden. Die ganze Bürgerschaft stand unter Waffen, als evangelische Brüder des hellen christlichen Haufens vom Odenwald und Neckartal, dessen erstes Treffen in tausendfachem Gewimmel, in mächtigen schwarzen, von gähnenden Feldstücken gespickten Klumpen das Feld zwischen Böblingen und Sindelfingen deckte. Die Wagenburg war dahinter als weiteres Bollwerk aufgefahren, und als drittes Treffen endlich ballten sich weit am Rande der Höhen die dunklen Schwärme der schwäbischen Bauern. Eine Reihe von Seen und sumpfigen Wiesen zog sich vor der ganzen Schlachtlinie hin. Die Stellung schien unangreifbar in ihrer Furchtbarkeit.

Wie um den Feind drüben zu höhnen, spielten und flatterten im Winde über den langen, eintönig grauen Menschenmauern die Banner des Bundschuh, die dreizinkige Gabel der Rothenburger Landwehr, die gekreuzten Dreschflegel der Schreckensmänner von Weinsberg, der Blumenhügel der Bildhäuser, das aufrechte Kreuz mit dem Namen Jesu der Sodenberger Bauern, das von Vogel, Hirsch, Fisch und Wald umgebene Kruzifix der Henneberger. Kampflustig winkten sie zu den reißenden Tieren gegenüber, welche die Wappenschilde des buntbewimpelten Fürstenheeres zierten.

Dort ritten langsam, von weithin gellenden Trompetenfanfaren ineinander gelenkt, die reisigen Haufen des schwäbischen Bundes zur Schlacht auf, Hunderte und aber Hunderte von schwergerüsteten Reitern, die Blüte der deutschen Ritterschaft mit ihren Knechten. Und immer neue rasselnde und blitzende Züge wanden sich hinter der kunstvoll geordneten Troßburg hervor, die den Rücken des Treffens deckte.

»Nie in meinem Leben hab' ich solche Menge reisigen Volkes beisammen geschaut«, sprach, neben seinem Rosse stehend, Ritter Felix und suchte im Inneren des Planwagens unter den schwarzen Kutten der Nonnen Madlenens blondes Haupt, »wahrlich, es ist lustig zu sehen, und einem Kriegsmann muß das Herz im Leibe lachen!«

Madlene bog sich über den Wagenrand vor und spähte hinaus in das dräuende Bild, das sich vor ihr entrollte. »So gibt es eine Schlacht?« fragte sie mit banger Stimme.

Der Ritter nickte. »Wir müssen unser Abenteuer darum bestehen! Es kommt anders, als ich dachte!«

Die rotbäckige Äbtissin war dazu getreten. »Seid getrost, Ritter!« meinte sie. »Es ist nicht Eure Schuld. Wir, die Nonnen, haben Euch gebeten, uns samt der Wolframsteinischen Witwe aus dem Pfälzer Heerestroß in unser Haus Gnadenthal zurückzuführen, nachdem die Bauern dort ihren Mutwillen gedämpft und sich freiwillig unter unsere Straf' gestellt haben. Der Pfalzgraf hat Euch Urlaub gegeben und Reisige, uns zu begleiten.«

»Und kaum sind wir von dem Pfälzer Heer weg,« ergänzte der Ritter und musterte mit pochendem Herzen den glänzenden Kriegsprunk, der sich unabsehbar über die Gefilde hinbreitete, »siehe, so zieht Herr Jörg Truchseß, des schwäbischen Bundes Feldherr, mit seiner Macht heran und reißt uns in seinen Wellen mit sich, wie der Bergbach das welke Laub. Jetzt kann ich Euch nicht weiter gen Neckarsulm zum Kloster bringen. Alle Wälder und Schluchten ringsum sind voll von Bauern, die vor dem Truchseß fliehen, um sein Heer schwärmen allerhand entloffene Buben zu Fuß und zu Roß, und dort hinten meutert sein eigenes Fußvolk, wie es die Schelme von Landsknechten fast alltäglich tun.«

»So bin ich aus einem Feldlager ins andere geraten.« Madlene seufzte. »Gott helf' uns weiter!«

»Die Bauern haben sich wohl vergraben und verschanzt«, murmelte der Trugenhofer mit düsterem Lächeln, »wenn sie sich unverzagt halten, gewinnt der Truchseß ihnen heute nicht einen Finger breit ab. Der schlimmste Feind ist ihm freilich nicht auf dem Hals, denn Florian Geyer liegt mit den Schwarzen vor Würzburg. Aber Bernhard Schenk, der abtrünnige Ritter, den sie zu ihrem Obersten aufgeworfen haben, versteht auch den Krieg! Der Truchseß ist ihm eilig mit dem Heere nachgereiset, in Gemüt und Meinung, sich mit ihm zu schlagen. Aber der Schenk hat sich mit den Seinen hier an einen bösen Ort getan. Die, Reiter kommen ihm durch den Sumpf nicht bei, und an Fußvolk hat er an die fünfzehntausend Bauern gegen ein paar tausend meuterische Landsknechte.«

Ein betäubendes Trompetengeschmetter, das jählings über der ganzen Linie aufklang, unterbrach seine Worte. Ein paar dumpfe Kanonenschläge hämmerten dazwischen, und tausendstimmiges Geschrei hallte hinterher. Madlene faßte seine Hand. »Um Jesu willen – was ist das?«

»Der Truchseß läßt das Feindsgeschrei blasen! Das Zeichen zur Schlacht! Das Fußvolk ist wohl noch fern vom Feind, aber das Geschützwerk hat Herr Jörg schon hinter sich geruckt, und die Ritterschaft sitzt mit blankem Schwert zu Roß. Sehet, Madlene, das trutzige Häuflein, das dort ganz vorn im freien Felde hält, das ist die Rennfahne des Bundes. Der Marschall von Pappenheim ist ihr Hauptmann, Wolf von Honburg, der Brandmeister, reitet gleich hinterher.«

»Und dort die Männer, die gegenüber dem Städtchen graben und werken?«

»Das sind die Schützen des schwäbischen Bundes unter dem Schauenburger. Das geringe Feldgeschütz ist bei ihnen. Ich kann den Zeugmeister erkennen, den Michelott von Achtertingen. Und vor uns die Menge Reiter und Rosse und Wimpel – das ist das Haupttreffen, mögen wohl zweitausend wohlgerüstete Pferde sein. Und doch sind dem Truchseß schon viele vor Müdigkeit auf seinem geschwinden Marsche gefallen.«

»Und wes sind all die Reisigen?«

»Dort rechts steht das Geschwader des Hauses Österreich unter dem Grafen Ulrich von Helfenstein. Der hat geschworen, seinen Bruder unerbittlich zu rächen und über die Maßen. Daneben die stattliche Ritterschaft sind dreihundert rheinische und fränkische Herren. Die haben die Bischöfe von Mainz, von Würzburg und Bamberg als ihre kriegspflichtigen Lehnsleute geschickt. Dann kommen fürstliche Haufen: vom Bayernherzog Wilhelm, vom Markgrafen Kasimir von Brandenburg, da zweihundert sehr starke Pferde vom Landgrafen von Hessen – ein jeder hat geschickt, was er vermag.«

»Und auf der linken Seite – wer sind die Gewaltigen, die da mit blankem Schwert ihre Reihen herunterreiten?«

»Die Bischöfe von Augsburg und Eichstätt mit ihren Prälaten, Äbten und Rittern, viele Grafen und kleine Herren traben mit ihnen, im ganzen auch dreihundert gute Pferde unter dem Diepolt vom Steyn!«

»Und warum sind die Hügel dorten leer?«

»Dorthin kommt das rechte, schwere Geschütz mit Schlangen und Kartaunen und was sonst noch zur Artelerey gehört. Aber es bleibt aus. Ich mein', die Landsknechte hinten geben es nicht heraus, toben und begehren einen Schlachtsold!«

 

Wohl eine Meile hinter den funkelnden Geschwadern der Ritter hielt der gewaltige Haufen zu Fuß, der frommen Landsknechte Gemeinde. Ein wüstes, verworrenes Gebrüll, geschwungene Hellebarden, Flüche und Drohungen umbrandeten den Truchseß von Waldburg, der regungslos, mit der eisernen Ruhe des vielerprobten Feldherrn, in ihrer Mitte hielt; zu seinen Füßen wanden sich die sterbenden Körper einiger Knechte, die es gewagt hatten, von Versöhnung mit dem Bundesobersten zu sprechen und sofort unter den Spießen ihrer Genossen zusammengesunken waren.

Eine dumpfe Scheu aber empfanden sie doch alle, die viereckigen Niederländer und rauh krächzenden, tollkühnen Schweizer, die schwarzhaarigen Galgenvögel aus Welschland, und die aus allen Ecken des Heiligen Reiches verlaufenen deutschen Bauernburschen – eine Art finsteren Grauens vor dem unerschrockenen Mann, dem selbst in dieser entsetzlichen Tage, vor sich den zum Verzweiflungskampf gerüsteten Feind, im Rücken das eigene Volk im Aufruhr, kein Fältchen in dem strengen, von langem Barte beschatteten Antlitz zuckte. Kalt und hart, wie das Eisen, das ihn umpanzerte, saß er auf dem eisengerüsteten Roß. Die feinen weißen Dampfwölkchen, die zwischen den Stahlfugen sich aus dem Pferdeleib kräuselten, schienen das einzige Lebende an beiden zu sein.

»Den Schlachtsold, Euer Gnaden!« brüllte es um ihn herum, »Selb ist der Wille der Gemeinde: die frommen Knechte wollen nit ehedar in den Feind beißen, als sie Euer Gnaden Wort und Siegel haben, daß der alte Sold ab ist und ein neuer Monatssold zu heute anhebt!«

»Zu heute ist mir nicht Lachens!« sprach der Truchseß kurz zu dem Grafen von Fürstenberg und musterte die geringe Zahl derer, die sich als treugeblieben hinter ihm scharten. Es waren nur die Hauptleute und Fähnriche und eine Anzahl Doppelsöldner, von den Knechten unterstand sich keiner mehr, dem willen der Gemeinde zu trotzen.

Herr Jörg von Truchseß seufzte in bitterem Groll und gab mit einem Wink der Augenbrauen dem Haufen zu Roß, der als Nachtrab neben ihm hielt, den Befehl, vor den Landsknechten aufzureiten. Und fast zugleich erklang das Rasseln der schweren Feldstücke, die unter dem Schütze der Reiter so rasch wie möglich in die Schlachtlinie abfuhren.

Durch die Landsknechtgemeinde ging es wie ein Sturm. Es ruckte und zuckte in der gierig durcheinanderstrudelnden Masse. Der Truchseß bog sich über den Pferdehals. »Versucht's und nehmt die Stücke an euch!« donnerte er, und seine Augen sprühten. »Aber das schwör' ich euch, ich, der Freiherr von Waldburg, Herr von Wolfsegg, des schwäbischen Bundes Feldherr und Königlicher Majestät zu Böheim Erbtruchseß: ich lass' die Bauern ungeschädigt stehen und lass' meine Ritterschaft die Rosse wider euch wenden, daß ihr unter Schwerthieben auf Wege und Mittel trachtet, Frieden mit mir zu erlangen und ich mir die Rädleinsführer ernstlich herausklaube! Bleibt, wo ihr seid! Ich stell' euch kein bittliches Begehren, sondern schicke mich ohne euch Schalksknechte zur Schlacht!«

Zornig seinen Hengst wendend, ritt er im Galopp mit seinen Begleitern davon, und hinter ihnen verhallte kaum der Lärm des Landsknechtlagers, als schon von vorn der ihnen um die Ohren pfeifende Wind die vereinzelten Kanonenschläge und Trompetenstöße des beginnenden Scharmützels entgegentrug.

An der Wagenburg sprengte ihm der von Trugenhoffen entgegen. »Nehm' Euer Gnaden es nicht unrecht, wenn ich, ein pfälzischer Lehnsmann, mich in Eure Händel menge. Aber die Herren begehren nach Euch, suchen Euch an allen Orten und meinen, der Tag steht bedrohlich!«

Der Truchseß musterte den Ritter, »von Euch höre ich, Herr Trugenhoffen, Ihr seid der Bauern Händel nicht abgetan und in lutherischen Praktiken besser erfahren, als einem frommen Gesellen vom Adel ansteht. Da wundert's mich nicht, wenn Ihr Euch die Schlacht mit dem Frauenzimmer hier oben anschauen wollt!«

Ritter Felix fuhr grimmig auf. »Ich bin Euer Kriegsmann nicht! Und wer unter dem Sickingen seine Ritterschaft erwiesen, der braucht sie nicht erst Euch zu zeigen!«

»So treibt's wie Ihr wollt! Wir brauchen Euch nicht, Ritter. Halten den Tag auch ohne Euch. Auf den Abend aber braucht Ihr des Gespeis und Gespötts nicht erst zu gewarten!«

Der Truchseß hatte sich zu den herangekommenen Führern gewendet, um mit ihnen die Schlacht zu besprechen. Undeutlich klang aus den dunklen Scharen drüben zwischen dem Grollen und Blitzen der Geschütze der feierliche Gesang des Bundschuh: »Komm, heil'ger Geist – du, Herre Gott!« und gegenüber auf den Hügeln segneten, aus dem Sattel gestiegen, Bischöfe und Äbte mit ausgebreiteten Armen die todsprühenden Feldschlangen ein.

Schweigend starrte Ritter Felix vor sich hin.

»Mein Bedünken ist,« sprach der Fürstenberger zu Herrn Jörg Truchseß, »wir machen männiglich die Reisigen zum Anlauf geschickt und lassen, um den Hochmut und Frevel der Bauernschaft zu dämpfen, den Marschall von Habern mit der Rennfahne hinaus, wenn der den Angriff harschlich und trutzig tut, so geht's mit Gottes Hilfe gut!«

»Es mag sein,« – der Truchseß sann nach – »daß die Bauern, das leichtfertige Volk, sich dann in die Flucht geben ...«

Da jagte auch schon der Marschall der Rennfahne über das Feld daher. »Dran, Euer Gnaden!« rief Er schon von weitem. »Dran, dran! «Es ist Zeit! Die Bösewichter sind verzagt wie die Hunde!«

»Ich glaub's nicht!« erwiderte der Truchseß. »Aber geht in des Herren Namen los. Ich reite mit!«

Ritter Felix wandte den Blick von Madlene ab und biß die Lippen zusammen, »Wer gibt mir ein rotes Kreuz aufs Kleid?« fragte er heiser. »Daß männiglich sieht, daß ich des schwäbischen Bundes Freund bin und, wenn Seine Gnade es erlaubt, mit den Edlen in der Rennfahne wider die Bauern reite ...«

»Kommt mit,« sagte Herr Jörg, »der Tag wird Euch gedenken!«

 

Eine zerrissene, donnernde und flimmernde Wetterwolke stob die Rennfahne, ein paar hundert der verwegensten Haudegen im Ritterheer, im gestreckten Rosseslauf über eine schmale, trockene Wiese des Blachfeldes auf die dunklen Bauernfähnlein drüben zu.

Jeden Augenblick glaubten sie, in Entsetzen vor dem heranbrausenden Sturme, die Klumpen sich auflösen und in eilfertigem Gewimmel flüchten zu sehen.

Aber das Unerhörte, den Edlen Unglaubliche geschah. Die Feinde drüben, zähe finstere Gebirgsbauern aus dem Schwarzwald, hielten nicht nur stand, sie warfen sich plötzlich selbst den herangaloppierenden Reisigen entgegen. In rasendem Hasse rannte es da mit vorgestreckten Spießen heran. Ein Kruzifix schwankte über den Häuptern. Das trug mit zitterigen Beinen, in atemlosem Trab, der greise Dorfpfarrer von Digisheim vor den Seinen einher. »Die Hilfe des Herrn über euch!« klang seine Stimme. »Sehet, ihr Lieben – der Hirt läßt sein Leben für die Schafe! – Die Hilfe des Herrn ...«

Er verschwand, zerdrückt, zermalmt unter dem eisern heranfegenden Sturm. Aber dieser Sturm selbst brandete und staute sich an dem dawiderlaufenden Lanzenwald. In weitem Bogen kreisten die Rosse vor den schneidenden Hellebarden ab, bis die knirschenden Herren sie mit Zügelrissen und Sporenstößen wieder nach vorn trieben und in das heulende Getümmel hineindrängten, in dem die Schwärme der Bauern sich um die erbost nach rechts und links ausfegenden Eisengestalten mit den wehenden Federbüschen drehten.

Am Eisen glitten die Spieße ab. Aber in den weichen Pferdeleib drangen sie verderblich ein. Da und dort tauchte jählings eine buntflatternde Helmzier in den Strudeln des Handgemenges unter, wie Hetzhunde auf das Wild warfen sich die Bauern über den gleißenden, ungefüg am Boden zappelnden Panzer. Gierig suchten Lanze und Messer die Harnischfugen, und rotes Blut spritzte nach.

Um den Truchseß selbst wirbelte in wütendem Geschrei der Kampf. Die breiten Schlachtschwerter der Grafen und Edlen zischten schirmend um ihn her und schlugen hellklingend in die Eisenkappen ein, aber für jeden Bauern, der von Blut geblendet in die Knie sank, sprangen zwei, drei neue in die Lücke, und immer wilder preßte sich der Ansturm von Hunderten von Menschenleibern gegen die angstvoll sich bäumenden und schnaubenden Rosse.

»Flieht, liebe Herren und fromme Knappen!« gellte plötzlich von hinten ein Ruf, und fast zugleich schon zeterte über das ganze Gewühl hin das heisere Gebrüll der Reisigen vom Unadel: »Flieht, liebe Herren, flieht!«

Aber das Gefecht hatte sich seitwärts gewälzt, tief in den sumpfigen Grund hinein. Keuchend, müde und langsam stapften und platschten die Gäule durch das quellende Moos dahin, die zornige Eisenlast auf dem Rücken, um die unablässig mit scharfbewehrten Stacheln der grimmige Hornissenschwarm der Verfolger summte. Weh dem, dessen Pferd, im Schlick sich abquälend, stecken blieb. Schon wateten die wilden Gesellen heran, und in hoffnungslosem Kampfe glitt der Ritter aufbrüllend unter den Spießen aus dem Sattel.

Jenseits des Sumpfes, wo die anderen Geschwader und die Stücke Schutz vor den Verfolgern boten, schlugen die Herren von der Rennfahne keuchend und fluchend das Visier empor und schauten einander, die Gesichter der Freunde suchend, unter das Helmdach.

Gar mancher Edle lag da draußen tot, und mancher Ritter rief umsonst nach seinem treuen Knappen. Dem Truchsessen selber hatte ein Hieb den Oberarm angefleischt, daß das Blut lustig lief, und der Graf von Fürstenberg mühte sich lange umsonst, seinen Hals aus der erstickenden Umklammerung des eisernen Kragens zu befreien, in den eine feindliche Kugel eine tiefe Rille getrieben hatte. »Ihr habt Euch weidlich gehalten, Herr Trugenhoffen!« sagte er, nachdem ihm endlich Luft geworden, mit matter Stimme. »Ohne Euch wär' ich schlimm gefahren mit dem langen Bauernknecht, der mir nicht von der Seite weichen wollt'.«

»Der Trugenhoffen hat trefflich gemäht!« rief ein junger Herr, der bleich von der Erschöpfung des Kampfes im Sattel lehnte, und der Truchseß selber setzte, seinen Grimm über den fehlgeschlagenen Angriff bemeisternd, hinzu: »Nichts für ungut, lieber, Fester! Was ich Euch vorhin gesagt hab', will ich nicht mehr sagen! Es war nicht wohl von mir!«

»Nun merkt es, Euer Gnaden,« erwiderte Ritter Felix, und es lag bitterer Hohn in seiner Stimme, »wie unverzagt der gemeine Mann streitet!«

Der Truchseß neigte das buschige Haupt. »Kein Landsknecht hält besser stand!« Und zu dem heranreitenden Bischof von Eichstätt gewendet, fuhr er fort: »Ehrwürdiger – wir sind mit blutigen Köpfen abgetrieben!«

»So lasset das schwere Geschütz recht gröblich unter sie gehen!« riet der Seelenhirt und deutete mit der blanken Klinge auf einen herantretenden Mann. »Hier aber bringe ich Euch Leonhard Breitschwerdt, den Vogt von Böblingen.«

»Er ist gefangen?« fragte der Fürstenberger.

»Freiwillig gekommen in seinem und der Ratsherren Namen!« Ein tückisches Lachen lief über das Gesicht des Kirchenfürsten, und durch die Reihen der Ritter rann frohes Murmeln hinterher, als er fortfuhr: »Gott sei gelobt! Der Verrat steht uns bei!« Aber an dem fuchsschlauen Lächeln, das bei des Vogtes Breitschwerdt Nahen auch die ernsten, auf den Schlachtfeldern Welschlands gebräunten Züge des Truchseß erhellte, merkte seine Umgebung, daß ihm der Bote nicht unerwartet kam.

Herr Jörg selbst sah wohl die frohe Überraschung der Edlen um ihn. »Wann werdet ihr Herren den Krieg führen lernen?« lachte er grimmig und strich seinen langen Bart. »Meint ihr wirklich, ich wäre, die mutwilligen Landsknechte hinter mir und vor mir die Gewalthaufen der Bäurischen, hier zwischen Sumpf und Bühel geruckt, wann ich nicht den alten Kriegsspruch im Herzen bewahrt hätte: ›Gute Kundschaft, halber Sieg!‹ Und mir ist seit langem insgeheim kund, daß Vogt Breitschwerdt und die Ehrbaren in Böblingen sich auf unsere Seite halten wollen –«

In dem vergrämten Gesicht des greisen Vogtes zuckte es. »Mein Herz, Euer Gnaden,« sprach er fest, »ist bei den Bauern und ihrer evangelischen Brüderschaft. Mich jammert der armen Kreatur, ihrer Nöte und Bedrängnis durch den Übermut der Herren. Aber die Herren, die Festen und Strengen, sind im Krieg erfahren, achten ihn als ihr einziges und ehrliches Tagewerk. Der Bauer ist im Felde ein leichtfertiger Gesell und weiß sich keines Rats. Die zuvorderst im Treffen stehen, die Schwarzwälder und die von Weinsberg, die freilich sind gegen die Rennfahne angestürmt wie die wütenden Hund', als ob sie über die Reiter auslaufen wollten. Aber was dahinter steht, ist kleinmütiges, verzagtes Volk und in sich uneins. Etliche wollen sich herzhaft schlagen, wie die Stuttgarter Fähnlein, etliche mit den Herren verhandeln, etliche still nach Hause ziehen –«

»Und da,« unterbrach ihn der Truchseß spöttisch, »habt ihr in Böblingen erkannt, wes der Sieg und wes die Rache sein wird –«

Der Vogt nickte bekümmert. »So muß es kommen, und wir wollen Euer Gnaden Strafe nicht erst beschauen, sondern Euch vordem die Tore öffnen.«

»Ei ja,« lachte der Graf von Fürstenberg. »Viele die bisher lautlos gewesen, gackern und schnattern jetzt: ›Wollte Gott, daß sich fromm', redlich' Leut' unser annähmen, daß wir zu Frieden kämen, wir sind sonst alle verdorben, ermordet, verbrannt, vertilgt, Weib und Rind!‹«

Der Truchseß aber sprach: »Ihr habt mein Wort, Vogt Breitschwerdt! Wohl ist solch Kriegsvolk in solchem Zug nicht in ein Bockshorn zu zwingen, aber ich will den Böblingern Unterschied machen zwischen Bösen und Guten und vor Brand sein, so viel wie möglich –«

»Die Brennereien sind ohnedem vom Übel!« murmelte neben ihm der Ritter Heinz Rüdt. »›Des Bundes Meinung‹ hat sich mein ehrwürdigster Herr, der Mainzer Bischof, vernehmen lassen, ›ist es nicht, das ganze Land zu verderben.‹«

Der Truchseß zuckte verächtlich die breiten Schultern, daß der Panzer klirrte. »Will der Ehrwürdigste mich den Krieg lehren, so soll er zu Roß steigen, und ich will an seiner Statt auf dem seidenen Pfühl sitzen!« Seinen Streithengst antreibend, gebot er dem Zeugmeister: »Lasset die Feldstücke unverdrossen unter die Bauern gehen. Die nächste Zeit müßt Ihr den Handel halten, bis wir uns unseren Vorteil in Böblingen versichert haben –«

 

Stundenlang brüllten und grollten hin und her über den Sumpf die Geschütze. Die schweren Stein- und Eisenkugeln flogen als rauchende Kreisel durch die Luft, sie klatschten, mächtige Wassertrichter aufwerfend, in dem Moosgrund nieder, sie fuhren krachend durch das Geäst der Bäume und hüpften über den festen Boden dahin, daß da ein Bauernfähnlein auseinanderstob, zwei, drei dunkle am Boden sich windende Gestalten zurücklassend, und drüben wieder ein Schwarm von Knechten jammernd einen schweren reglosen Panzer unter der Last seines zerrissenen Pferdes hervorzuzerren suchte. Und unablässig klang durch Trompetengellen und Rossegeschrei, durch das Blitzen und Böllern in der Runde aus dem Bauernheer der feierliche Choral: »Komm, heil'ger Geist, du, Herre Gott!« und schritten segnend die Dorfpfarrer die Front ihrer Fähnlein entlang.

»Reitet die Rennfahne heute noch einmal aus?« fragte Madlene, die von der Wagenburg hoch oben auf dem Hügel bebend das gewaltige Schauspiel verfolgte.

Die Ritter umher lachten verdrossen, und der von Trugenhoffen sprach, auf die Gäule weisend, die, von der Jast des Reiters befreit, mit gesenkten Köpfen sich aneinander drängten: »Heut sind wir von der Rennfahne nur noch gut, Herrn Jörg die Wagenburg zu bewachen, daß ihm unter der Schlacht nicht die frommen Knechte unversehens hineinfallen und plündern. Die Rosse sind müd', haben ihre Kraft im Sumpf stecken gelassen, schnarchen und zittern und machen krumme Rücken, wenn man aufsitzen will.«

Madlene erwiderte nichts. Sie hatte die Hände gefaltet und sah vor sich nieder.

»Was betet Ihr, Madlene?«

Sie hob den Kopf. »Ich danke Gott, daß er Euch vorhin gnädig bewahrt, und ich bete zu ihm, er möchte die Bauern, die wütigen Schelme, strafen, wie's ihnen geführt, und den Rittern unten seinen Sieg geben!«

»Ihr wißt nicht, was Ihr wünscht!« sprach der Ritter halblaut. »Ein Gemetzel wünscht Ihr, davor Euch selbst schaudern würde! Daß man die Buben von Weinsberg straft, ist nicht mehr als recht und billig. Aber sehet das arme Volk da drüben über dem Morast! Sie singen und beten, schwenken ihre Fähnlein und wissen nicht, was sie beginnen! Man soll sie strafen mit Strenge oder Milde, wie's dem armen, ungeschickten Volk gebührt, aber zugleich mit Eifer zusehen, wie man ihre Armut und Not bessern kann. Glaubt Ihr, Madlene, die da drüben hätten Haus und Hof verlassen, Gut und Leben verwirkt, Weib und Kind dahingegeben und sich zu der Brüderschaft zusammengetan, wenn ihnen von den Herren nicht das letzte herausgezwackt und geschabt worden wäre, daß sie sich keiner anderen Hilfe mehr getrosten!«

»Das sind blaue Enten, lieber,« schrie Diepolt vom Steyn dazwischen. »Ein Bauer ist ein Bauer, und Gott in seinem unerforschlichen Ratschluß wird wohl wissen, warum er ihm alle Mühe auferlegt. Ich hab' kein Mitleid mit ihnen und sage es laut: mich dünkt es nicht mehr als billig und recht, wenn ein jeder Edelmann sieben Bauern an seinem Jagdspieß aufsteckt!«

Die Herren ringsum riefen lärmend Beifall. Sie waren aufgesprungen und deuteten im Stimmengewirr hinab nach Böblingen. »Da steigen die Büchsenschützen hinauf!« frohlockte Diepolt vom Steyn. »Die Büchsenwagen ziehen sie hinter sich – der Truchseß, der tapfere Herr, als erster. Und Feuerbrände tragen sie mit sich, die Stadt flugs anzuzünden, wenn der Vogt sein Wort nicht hält!«

»Aber er hält sein Wort!« Heinrich Traysch von Buttlar jubelte. »Da tun sich die Tore auf. Die Bürger lassen die Bundesschützen ein.«

»Gott segne die wackeren Böblinger!« Ein greiser Rittersmann neben ihm wischte sich die Freudentränen aus dem Auge.

»Da kommen die Stücke hinterher!« fuhr Buttlar fort. »Ei, schaut – die Falkonette – die Doppelhaken – da schieben sie schon eine Feldschlange hinauf. Die Reisigen sind von den Pferden gesprungen und greifen in die Räder. Nun wahret euch, ihr Schelme von Bauern, daß euch der Tag nicht bitter ausschlägt!«

Fernab von den anderen an den Rand des Hügels tretend, überschaute Felix von Trugenhoffen mit pochendem Herzen die Schlacht. Ein erstickend in ihm aufquellendes Gefühl sagte ihm, daß es für die Bauern keine Rettung mehr gab.

Ein geschultes Heer hätte wohl schwenken und die überragende Burg und Stadt im Sturme wieder nehmen können, den unbeholfenen Bauernfähnlein aber konnte eine solche Bewegung nur heillosen Wirrwarr bringen. In den Linien, in denen sie die Führer mühsam aufgebaut, mußten sie stehenbleiben oder fliehen. Ein Drittes gab es nicht.

Von Böblingens grauen Mauern schossen gleichzeitig eine Reihe blitzroter Streifen wie feurige Schlangen hinaus. Dumpfer Qualm stieg dahinter auf, und langsam rollte der Donner nach.

Die erste Lage war zu kurz gegangen. Das vorderste Bauerntreffen stand noch unberührt. Nur der Gesang war verstummt, und an seiner Stelle lief der Jammerruf: »Verrat!« durch die angstvoll zuckenden und zitternden Linien.

Und schon flammte es zum zweiten, zum dritten Male oben auf. Und diesmal traf's. Ein Hagel von Stein und Eisen fegte verderbenbringend von der Flanke her durch das Treffen, ganze Glieder der Fähnlein in den Sumpfboden schmetternd. Die dem Städtchen zunächst gelagerten Scharen aber, die regellos, unter verzweifeltem Geschrei zum Sturme anliefen, lichteten sich im Augenblick unter dem Geknatter der Büchsenschützen oben wie ein Stangenwald im Sturm, sie lösten sich in zurückrennende Häuflein auf, und hinterher humpelten und krochen jammernd die Getroffenen.

Madlene hatte entsetzt das Gesicht abgewendet, als es mit der Schlacht nun greulicher Ernst wurde. Aber da hörte sie vor sich das Jauchzen der Ritter. »Die Büchsenschützen halten sich weidlich!« schrie Diepolt vom Steyn. »Sie schießen gewaltig hinaus in die Ordnung der Bauern ...«

»Den Bauern in den Rücken!« ergänzte Traysch von Buttlar, über das ganze Gesicht lachend, »Sie schießen sie aus ihrem Vorteil im Moos!«

Der greise Reitersmann neben ihm faltete die Hände: »Sie schießen sie von den Bergen und Büheln hinab. Schaut – es wird schon Raum – der reisige Zug kommt neben dem Städtchen hinauf in seinen Vorteil!«

»Der verlorene Haufe schwenkt ein!« brüllte ein riesiger Gewappneter, und um ihn jauchzte das Stimmengewirr: »Der gewaltige Haufen reitet im Schritte an. Was fechten kann, geht übers Moos! Das rechte Geschütz hinterher – und alle Drommeten schreien zum Angriff.«

Madlene hatte den Kopf wieder nach vorn gewendet. Sie mochte wollen oder nicht: das fürchterliche Bild da unten hielt sie gebannt. Auf den ersten Blick unterschied selbst ihr ungeübtes Auge, wie sich die Schlacht inzwischen gewendet. Eine mächtige Pulverwolke umqualmte Böblingens graue Zinnen und Türme, und aus ihr krachte es ununterbrochen in grellen Feuerstreifen hinab auf die dunklen, in tausendfachem, verworrenem Gewimmel zurückflutenden Massen des ersten Treffens. Alle Ordnung hatte sich aufgelöst. Die einen Fähnlein standen noch trutzig fest, andere wanderten langsam zurück, die dritten liefen, was sie konnten, dem zweiten Treffen zu, das als ein langes, von Spießen starrendes Viereck sich düster von dem lichten Grün des Waldrandes abhob.

Gegenüber den unstet wogenden, von den einschlagenden Kanonenkugeln hin und her geschobenen und auseinandergerissenen Scharen ritten die kriegsgeübten Männer des schwäbischen Bundes zum ernstlichen Angriff auf. Die Fürsten und Grafen trabten, mit buntwallenden Helmfedern geziert, ihrer Gefolgschaft voraus, die, eisenhart wie die Vernichtung, über das Blachfeld dahinrasselte. Die Banner flogen, alle Kriegshörner bliesen. Der Boden donnerte im Anlauf der schnaubenden Rosse, »Voran, der Bauern Tod!« brüllte Graf Fürstenberg, der Führer des Geschwaders. »Und machet den Angriff grimm, daß uns keiner mehr steht!«

Betäubend klang unter den geschlossenen Visieren das dumpfe Geschrei der Edlen als Antwort. Wie eine eiserne, alles zermalmende Woge brach die lange Linie der Ritter und Reisigen in die Bauernschaft ein. Aus ihrem Geflimmer zischten ununterbrochen im Sonnenglanz die Schlachtschwerter auf das um ihre Knie brodelnde Gewühl, durch das ein jeder dieser unangreifbaren Stahlklumpen sich, wie der Schnitter durch das schwankende Korn, hindurcharbeitete. Die langen Spieße waren in dem Gedränge nutzlos, Axt und Messer glitten an dem Harnisch ab, und ununterbrochen hoben und senkten sich die würgenden Schwerter, während die goldenen Sporen, tief in die Weichen eingehackt, die Rossesbrust wie einen Keil voraus in die Menschenmauern trieben. Schon waren einzelne der Ritter durch das Treffen hindurchgedrungen und kehrten um, um von hinten mit stoßweisem, atemlosem Gebrüll das Vernichtungswerk von neuem zu beginnen; schon sank im Mittelpunkt der Schlacht, die, ein weithin ausgebreitetes Gewühl von eisernen Schädeln, von schäumenden Pferdehäuptern, von im Sturme schwankenden Bannern, sich langsam über das Blachfeld dahinzog – schon sank da, wo die Stuttgarter auf Tod und Leben mit den Rittern rangen, unter wütendem Geschrei die große Fahne des hellen christlichen Haufens, und wo noch dicke Klumpen ineinandergeballt der Reiterei standhielten, da wetterte und sprühte es von der Böblinger Burg in tödlichem Hagel und blies die Verratenen auseinander.

»Viktoria!« gellten die Trompeten. »Viktoria!« hallte aus heiseren Kehlen der Jubelruf der Ritterschaft. Es ward frei um die kämpfenden Edlen. Ein plötzlicher wahnsinniger Schrecken, eine gräßliche Erkenntnis, daß alles verloren sei, riß, was vom Bauernheer noch stand, in wilder Flucht dahin. In den Wald hinein, nur in den Wald – das schien der einzige Gedanke der Tausende – in den Wald, dessen Gesträuch Schutz vor diesen furchtbaren, nicht einmal ein Menschenantlitz zeigenden Eisengestalten und dem erbarmungslosen Mähen versprach, mit dem sie wie die Wölfe in der Schafherde hausten.

Aber schon klang von ferne eiliger Paukenschlag. Die frommen Knechte, durch ihre Späher unterrichtet, wie gut sich der Tag für die Ritterschaft wende, kamen im Sturmschritt heran, um wenigstens die Beute nicht zu versäumen. Demütig die Hüte lüpfend trabten sie, die Hellebarde auf der Schulter, an den Kriegsgewaltigen vorbei, und wo einer ob der Meuterei befragt wurde, da wußte er gar nicht anzugeben, auf welche Weise solch unziemliche Forderung in der Gemeinde ausgekommen sei! Er jedenfalls, der fromme Landsknecht, sei nicht dabei gewesen und müsse jetzt weiter, um in den Büschen den berittenen Herren zu helfen.

Durch den weiten Wald hallte alsbald der Lärm des erneuten Kampfes. Im Gestrüpp und Dickicht würgten die Kriegsknechte unter den Bauern, sie schossen sie von den Bäumen herunter und führten sie in langen Zügen als Gefangene zurück auf das mit Gefallenen übersäte Böblinger Feld.

»Sehet den Ehrwürdigen!« schrie auf dem Hügel an der Wagenburg Dievolt vom Steyn. »Er sticht und metzelt mit eigener Hand unter dem Bauernvolk -«

In der Tat, da unten ritt der Bischof von Eichstätt, das blanke Schwert in der Faust, auf der Walstatt umher, und wo er einen Trupp Gefangener kommen sah, da sprengte er mit seinen Begleitern hinein und wütete wie ein Tiger.

Felix von Trugenhoffen war finster geworden beim Anblick der entsetzlichen Niederlage. Jetzt warf er den Kopf zurück: »Der Bischof dienet dem Teufel –,« rief er, an sein Schwert schlagend, »aber nicht der Liebe Gottes! Dafür will ich ihm Red' und Antwort stehen!«

»Ei, so gehet doch zu den Bauern!« fuhr ihn Diepolt vom Steyn an, und Buttlar höhnte: »Die evangelischen Brüder da unten können einen starken Kriegsmann wie Euch bitterlich brauchen!«

Die Ritter drängten nach vorn und zeigten jauchzend und lachend in die Ferne, wo um den vom Kampfgetöse erfüllten Wald herum ein langer, silberner Streifen sich rasch wie eine tückische Schlange wand. »Wißt Ihr, was dort reitet? Die fünfhundert Reisigen sind es, mit denen Herr Frôwin von Hutten den Bauern, die aus dem Walde entrinnen, wie ein Gewitter hinter dem Galgenberg hervorbricht. Der Truchseß führt sie selbst. Er hat geschworen, daß ihm kein Mann vom Bauernheer entgehen soll!«

»Kein Mann!« bestätigte, langsam den Hügel heraufreitend, der leichtverwundete Graf von Fürstenberg, dem Bauernblut in Menge die Harnischfugen verklebte und die Beine seines Hengstes umkrustet hielt. »Es sind ihrer schon jetzt mehr als achttausend erschlagen!«

»Achttausend Bauern!« Wie ein Seufzer der Erlösung klang es andächtig von den Lippen der Ritter.

Der von Trugenhoffen trat düster zur Seite. »Der Weg ist frei!« sprach er zu Madlene. »Die Fürsten und großen Hansen halten sich weidlich im Bauernblut. wir, die armen Ritter, haben ihnen den Vorteil erstritten. Morgen vor Tag und Tau bring' ich Euch und die Frauen ins Kloster.«

 

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