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Madlene

Rudolf Stratz: Madlene - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorRudolph Stratz
titleMadlene
publisherPaul Franke Verlag
addressBerlin
year
firstpub
printrun22.-31. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100604
projectid34acb576
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XI.

Zwei Nächte waren vergangen, seit Ritter Felix so gesprochen. Das Abendgold der scheidenden Sonne umglühte die Zinnen und Türme des Wolframsteins, der trotzig wie je auf seine Feinde im Tal herabsah. Deren Zahl hatte sich gemehrt. Ein Haufe von »Jäckleins Trabanten«, verlaufene Weinschröter und Winzerknechte aus dem Weinsberger Tal, war dazugestoßen und umlauerte beutegierig die Burg.

Aber dies Gesindel war es nicht, das den Ritter und seine Reisigen so ernsten Angesichts auf den nächsten Rebenhügel schauen ließ. Zwei lange Eisenschlangen gähnten ihnen da im Abendscheine schillernd entgegen, und um die Stücke herum wirrte es, wie das Gewimmel eines Ameisenhaufens um tote Nattern, von eilfertig schanzenden Gestalten.

»Seid unverzagt, liebe Reiter!« sprach der von Trugenhoffen endlich. »Sie wollen uns nur schrecken! Solch leichtfertig Bauernpack weiß übel mit Feldstücken umzugehen!«

»Und der Augsburger Büchsenmeister?« Bastian Rebenkönig raunte es herantretend dem Trugenhofer zu. »Sie haben ihn für schweres Geld in Sold genommen; ich kenne den Herren wohl, der da drüben hantiert! Der hat sich dem Teufel verschrieben, kann auf eine Stunde weit den Hahn vom Kirchturm schießen, wenn ihm der böse Feind beisteht!«

Auf dem Hügel blitzte es auf. Unter dumpfem Knall blähte sich eine Rauchwolke vor dem feuerspeienden Rachen, und eine Eisenkugel schmetterte mitten in die Gruppe der Gewappneten auf dem Turmwerk, daß die Stein- und Holztrümmer sprangen und Staubwirbel in der zitternden Luft aufstiegen. In ungelenken Sätzen waren die klirrenden Gestalten hinter die dicken Mauerzinnen gestoben. Nur einer blieb am Boden liegend zurück.

»Mich hat's, Herr!« murmelte Sebastian Rebenkönig und schaute aus den alten müden Augen zu dem Ritter Felix auf, der, neben ihn hinkniend, den weißen Kopf in seinen Schoß nahm. »Es ist an dem, daß ich geh'! Mein Herr kann sich dort drüben nicht ohne seinen alten Knappen behelfen! Ich muß zu ihm – hab' mein langes Leben lang unverzagt dem Adel gedient! – so darf ich armer Knecht nun in eines Edelmanns Armen sterben!«

Der von Trugenhoffen drückte dem greisen, im Tode freundlich lächelnden Reitersmann die Lider herab und winkte zweien seiner Gesellen, ihn in die Kapelle zu tragen. Die taten's in Eile, denn schon richtete und maß der Augsburger Hexenmeister drüben mit seinem langen weißen Stab an der zweiten Schlange, und wie das Pochen einer Riesenfaust klopfte die Kugel an den linken Torturm, dessen vorderer Zinnenkranz als ein Gepolter stäubender Steinmassen in den Graben niederrollte. Der dritte Schuß vergrub sich in desselben Balkenwerks Mitte. Es fielen keine Quadern danach. Aber der Turm wankte, und langsam öffnete sich in ihm ein klaffender Riß von oben nach unten.

Dann wurde es drüben auf der unheildräuenden Rebenkuppe still. Die Dämmerung brach zu schnell herein und verhinderte weiteres Zielen. Bis zum nächsten Morgen mußten die Feuerschlangen tatenlos in den Erdbetten vor ihrem Opfer auf der Wacht liegen.

In finsteren Sorgen trat Ritter Felix bei Madlene ein.

»Das Wasser steigt!« sprach er. »Mit ihrer höllischen Arkeley schießen sie uns das gute Haus zuschanden, wann sie ein, zwei Tage das Geschütz dergestalt baß in die Mauern gehen lassen, sind wir dem Feind verfallen.«

»Und ist keine Rettung mehr?« fragte Madlene mit bebender Stimme.

»Es ist nur noch ein Rat!« Der Ritter schaute, prüfend in die Nacht, »wir tun uns heimlich aus dem Schloß und geben uns in die Flucht, wie's die Gäule nur vermögen. Aber es wird ein harter, böser Ritt durch das gottverlassene Land, und wie er ausgeht, kann ich Euch nicht melden!«

Madlene faßte seine beiden Hände. »Handelt, wie es Euer Verstand erfordert«, sprach sie und schaute ihm voll ins Gesicht, »Wie Ihr's meint, will ich meinen, denn mir ist kein Trost und Hilfe auf der Welt, als bei Euch!«

»Und ohne Euch kann mich die Welt nicht getrösten!« sagte der Trugenhofer. »Wartet nun, Madlene, bis ich die Knechte versammelt und berichtet hab'!«

Auf dem von der Glut der Pechpfannen überzitterten Hof blieb der Ritter in ungläubigem Schrecken stehen.

Der Hof war leer. Kein Harnisch blinkte auf den Mauern, kein Spieß einer auf- und niederschreitenden Wache hob sich von dem sternenglitzernden Nachthimmel ab. Das Schnauben und Trappeln der Pferde in den Ställen war verstummt, wie das angstvolle Geflüster und Gezeter der Mägde in Küche und Kammern. Nichts Lebendes regte sich mehr in den hochgieblig aufstarrenden Steinmassen ringsumher.

Doch da – in langen Sprüngen huschte eine schmächtige Gestalt von einer Ausfallpforte heran. Hans Waldvogel fiel weinend vor seinem Herrn auf die Knie.

»Sie haben mich bis zu dem Türlein mitgeführt und des Todes bedräut, wenn ich sie verrate!« schluchzte er. »Es hätte noch gute Weile, sprachen sie, daß ich's Euch melde!«

Der Trugenhofer riß ihn ungestüm in die Höhe, »Was denn?« knirschte er. »Wo sind die Knechte?«

»Sie haben heimlich die Pferde aus dem Stall gezogen, Stroh um die Hufs gewickelt und sind davongeritten, ehe die Bauern die Mausfalle zumachen. Wollen sich mit dem Schwerte Bahn durch den sumpfigen

Reiherwald hauen, die Rosse am Zügel, und nicht achten, ob ihnen indes die Bauern mit Bolzen auf den guten Krebs schießen. Aber mit einem Frauenzimmer, sprechen sie, ist solch mühsam gefährlicher Handel schon anfangs verloren, und weil der Ritter nicht ohne die Frau wird reiten wollen, mag's ihm lieber verborgen bleiben, als daß wir guten Gesellen darum allesamt umkommen sollen!«

»Die Hunde!« knirschte der Trugenhofer. »Und wo ist das Mägdepack hingeraten?«

»Durch das offene Türlein hinaus. Sie wollten anheim in ihre Dörfer laufen und nicht im Schlosse verderben!«

»Die Bauern sind nichts gewahr geworden?« Der Ritter schaute grimmig auf die spärlich flackernden Wachtfeuer im Kreise. »Ei, ihr Tröpfe, euch mag der Teufel das Kriegen lehren! Nun merke, Hans: schaff' alles, was drei Menschen vonnöten ist, jetzt eilends ganz oben in den Bergfried hinauf. Sieh, ob Musketen mit Kraut und Blei und Armbrüste oben sind und ein Faß mit Regenwasser. Schlepp' Wein, Brot und Dürrfleisch in den Turm. Laß dich die Mühe nicht verdrießen. Es geht auch um dein junges Leben! In Weinsberg haben sie die kleinen Reiterbuben erstochen wie die alten Kriegsleut'!«

Hans Waldvogel aber lachte. »Herr, ich bin leichten Herzens. Der Turm ist dicker, als ich je einen geschaut hab', und hoch und stark! Die Holztreppe zum Einschlupf oben schlag' ich mit der Axt kurz und klein. Steigen wir dann an den Strickleitern in die Höhe und holen sie nach, dann soll Euch kein Bauer die Sporen abziehen!«

 

In der Kemenate saßen bei flackerndem Kienspan die beiden einsamen Menschen einander gegenüber.

Sie schwiegen. In gewaltigem Brausen umwehte, von der Berghalde herabstreichend, der Frühlingssturm die Burg. Er füllte die winkligen Höfe mit seinen stöhnenden Luftwirbeln, er pfiff um die Turmkappen und sandte seinen erkältenden, mahnenden Hauch, unsichtbar wie ein Gespenst, in die Kammern der Palas. Madlene zog den Fuchspelz dichter über die Schultern. »Es ist, als wehte einen das Sterben an!« flüsterte sie tonlos.

»Kann sein, daß die Bauern uns über den Hals kommen,« murmelte Ritter Felix, »ehe der Turm eingerichtet ist. Ich kann dem Buben nicht zur Hand gehen in meinem schweren Eisenhemd, und von mir tun darf ich's auch nicht!«

»Und wenn die Bauern kommen?« Sie schlang die Hände verzweifelt ineinander.

»Dann erstech' ich Euch mit meinem Dolch –« sagte der von Trugenhoffen ruhig – »und schick' selbst etliche der Bösewichter dem Teufel zur Verehrung in die Hölle, eh' daß sie ihre Schweinsspieße durch mich rennen! Ja, Frau, das ist nicht anders, wir sind zwischen Tod und Leben!«

Madlene erwiderte nichts. Ein Windstoß umdonnerte die Burg und verhallte in langgezogenem Klage». Es raschelte und zischelte unten im schwankenden Dürrgras des Grabens, daß das junge Weib entsetzt zusammenfuhr.

Der Ritter sah sie mitleidig an. »Ist Euch sehr bang, Madlene?« fragte er.

Sie nickte angstvoll. Dann aber hob sie das schone Haupt. »Nein!« sprach sie schweratmend. »Es gebührt mir nicht, bang zu sein. Ich will mich verhalten, wie ich's Euch gesagt hab', und mich standhaft in Euch schicken, Ritter Felix, ob uns Gottes Gnade Leben oder Tod beschert!«

Der von Trugenhoffen faßte ihre Hand. Stumm lauschten sie dem Sturm des Frühlings draußen, dem unermeßlichen Rauschen, das anschwellend und verhallend, bald wie Jammer, bald wie Jauchzen aus dem Bergwald niederzog.

»Das ringt und tost in allen Landen!« sagte Ritter Felix. »Die Welt wird neu, kleidet sich in ein anderes, buntes Gewand! Und das ist wieder bis zum Herbst zerschlissen und vergilbt und muß vergehen. Das Menschenlos ist nicht anders, Madlene! In der verlassenen Burg, in der wir jetzt allein leben und atmen, da haben vor uns schon viele gelebt, sich der Sonne gefreut, sich geküßt und gekratzt, Speere gebrochen und Linnen gesponnen, gebetet und geflucht, sind dahingefahren, und ist von ihrem irdisch Teil nichts überblieben, als ein paar arme Gebeine unterm Wappenstein, dergleichen ich noch jüngst in Weinsberg gesehen hab'.«

»Und so werden auch wir dahingehen –« Madlene schaute vor sich hin – »wie Märzenschnee und Spinnweb ob den Stoppeln, und verweht und vergessen sein, wie die vor uns waren ...«

»... und nach uns kommen werden, Madlene! Und das soll uns nicht grämen. Erschrecklich ist nur das eine, wenn man abgerufen wird und hat das Beste nicht erkannt, das im Leben uns armen Sündern bereitet ist!«

»Und wie erkennt man's, Ritter Felix?«

»Es ist überall auf Erden!« sprach der von Trugenhoffen. »Und wenn ein Mann und ein Weib wie jetzt in Nacht und Stille sich in die Augen schauen und um sie her der Frühling übers Land fährt, dann klingt's darinnen wieder und hat doch ein ander Aussehen und Gestalt, als wir geglaubt und gehofft hätten. Hab' gemeint: wann wir beisammen sind und so eins, daß uns keiner mehr heißen und dräuen kann: ›Du da geh' rechts und du links!‹ – so waren wir des getrost, dächten nicht anders, als wir hätten solch Glück, wie wir's auf Erden nicht besser wissen. Und nun bescheint's sich, daß uns selbes Glück in Nöten Leib und Leben widerfährt. Der Tod steht uns vor!«

»Der Tod steht vor uns!« Madlene schauerte zusammen. »Und der Tod steht dahinter. Mein Hausherr ist Todes verblichen und meine Brüder. Denen hab' ich, wie sie wegfertig waren und verreiten wollten, einen üblen Reisesegen gegeben. Hab' mich verlauten lassen, ob sie lebendig vorhanden seien oder nicht, das sei mir eins so lieb wie das andere, in Ansehen, daß sie mit meinem Glück und Leben so bös umgesprungen. Daß ich das gesagt hab', war große Sünde. Drückt hart auf mir!«

»Ei was!« sagte der Ritter. »Ich war doch bei dem Weinsberger Handel dabei, wann Ihr Euren Brüdern zehn Leben gewünscht hättet statt einem, so wär' es in den Wind gewesen. Da war keine Rettung mehr. Sie haben sich vorsätzlich in den Bauernhaufen begeben tanquam Decius in confertissimos hostes. Da sind sie erstochen worden. Gott verzeih' ihnen und uns allen!«

»Gott verzeih' mir! Ich trag' die schuld! Mich reut's schwer!«

»Mich nicht!« brummte der Trugenhofer halblaut vor sich hin. »Ist einer mein Feind und Widerpart, so ist's mir um sein Leben so viel wie Sankt Jakoben um eine Muschel!«

Madlene hatte ihn nicht gehört, »Wann uns Gott das Leben schenkt,« sprach sie, »so will ich auf ein Jahr in ein Kloster gehen und eigentlich Buße tun. In der Zeit weiß ich nichts von Euch und Ihr von mir. Das sollt Ihr mir handfesten und geloben!«

Ritter Felix seufzte. »Ich gelob's, Madlene!« sagte er kurz. »Kommt mir bös an! Aber ich seh's wohl: Es gebührt sich für Euch! Ich will mein Herz zuschließen, bis es übers Jahr wieder Frühling wird.«

Schritte huschten durch das Vorgemach. »Es ist alles gerüstet, Herr!« meldete Hans Waldvogel, hochrot vor Eifer und Anstrengung.

Auf schwanker Strickleiter klommen sie zu der Fackel hinauf, die am Einstieg des Bergfrieds flammte. Ritter Felix bückte sich, zog aus der gähnend schwarzen Tiefe das Taugewebe nach und legte von innen die Eisenplatten gegen den Mauerschlitz, mit dicken eisernen Stangen und Steinen sie wohl verwahrend. Dann richtete er sich auf und sah Madlene lachend an. »Nun sind wir von der Welt geschieden,« sagte er, »wie die schiffbrüchigen Kreuzfahrer auf der Klippe. Ringsum das Meer und ob ihm drei arme Sünder, Ihr, Frau, ich und Hans Waldvogel, mein Bub'!«

 

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