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Madlene

Rudolf Stratz: Madlene - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorRudolph Stratz
titleMadlene
publisherPaul Franke Verlag
addressBerlin
year
firstpub
printrun22.-31. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100604
projectid34acb576
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X.

Von den Zinnen des Hauses Wolframstein sandten lodernde Pechpfannen ihre zitternden Lichtkegel in die Nacht. Helme und Hellebarden spiegelten sich darin, und riesenlange Schatten der auf- und abschreitenden Wachen glitten über die Mauern der trotzigen Feste. Es rührte sich nichts. In der Totenstille mußte auch das leiseste Zeichen eines heranschleichenden Feindes, jedes Waffenklirren und Knacken eines trockenen Astes wohl vernommen werden.

Erst als Felix von Trugenhoffen in den Palas trat, schlugen Stimmen an sein Ohr, ein ersticktes Schluchzen und Jammern und ein paar rauhe Scheltworte dazwischen.

Sebastian Rebenkönig tastete sich die halbdunkle Treppe herab. »Das ganze Frauenzimmer flennt in hellen Ängsten!« berichtete er dem Ritter. »Sie zetern und dadern als die Gänse, bis ich's ihnen jetzt verwiesen hab'!«

»Und wie hat sich die edle Frau selbst?«

»Sie ist wieder bei sich! Hat nach Euch gefragt, Euer Fest!«

Oben knarrte die Türe. Madlene stand auf der Schwelle und wankte, während der greise Reiter sich die Stufen hinabschob, auf Herrn Felix zu. Das blonde Haar umflutete aufgelöst in regellosen Wogen den schlanken Leib. Aus ihrem Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen, daß es ganz andere Züge angenommen hatte und in dem Dämmerlicht wie das eines schönen Gespenstes erschien.

»Ich will nicht sterben«, stammelte sie bebend. »Ich fürchte mich vor den Bauern und dem Tod! Herr, rettet mich, ich will nicht sterben!«

»Dazu bin ich gekommen, um Euch zu retten!« Der Trugenhofer legte sachte den Arm um sie. »Aber wann unser letztes Stündlein bereitet ist, das weiß nur einer!«

»Er wird Erbarmen mit uns haben! Ich bin noch so jung – wenn ich die Augen schließ', so seh' ich die blutigen Edlen – meinen Herrn und die Brüder – und wenn ich die Augen aufmach', so seh' ich der Bauern Feuer und vergeh' in Entsetzen!«

»Das steht Euch übel an!« sprach Ritter Felix unwillig und führte sie durch das Frauenzimmer in ihre anstoßende Kemenate. »Da setzet Euch hin, faltet die Hände und betet! Denkt nicht an den armen Leib, sondern an die ewige Seele!«

Sie schloß die Augen und bebte.

»Unten in der Weißdornhecke am Turm hat's viele Vögel!« flüsterte sie vor sich hin. »Ich hab' wohl gesehen, wie die großen plumpen Krähen über ihre Nester kommen und die hilflosen Dinger flugs erwürgen. So wird's auch mein Los und Schicksal sein! Herr, erbarm dich meiner!«

»Ei, noch ist der Bauersmann nicht im Schloß!« Der Ritter stieß unwirsch sein Schwert auf den Boden. »Betet, Frau, das ist besser, als sich vor Menschen bangen!«

Madlene nahm seine Eisenfaust, die den Degen umspannt hielt, zwischen ihre kalten, weißen Hände, »Vergebt, Lieber!« bat sie. »Teilt mir von Eurer Herzhaftigkeit mit und rechtet nicht mit mir!«

Da preßten sich die gepanzerten Finger, das Schwert zur Seite gleiten lassend, um ihre Rechte, und ein wildes, trotziges Lächeln umspielte den Mund des fahrenden Gesellen.

»Seid guter Dinge!« sprach er. »Euern Mann und Eure Brüder kann ich nicht von den Toten aufstehen heißen, aber Euch will ich wahren gegen Höll', Tod und Teufel, so wahr ich ein Ehrlicher von gutem Adel bin!«

 

»Herr, wacht auf!« Bastian Rebenkönig rüttelte den schlafenden Ritter. »Es steht ein halbgewachsener Bub' draußen! Spricht, er wär' Euer Bub' und kein anderer!«

Der von Trugenhoffen fuhr auf und schaute verstört durch den Rittersaal, in den das Grau des Morgens drang. Dann kam ihm die Erinnerung. Er sprang auf. »Hans Waldvogel!« rief er. »Bist's wirklich, mein Bub'?«

»Ja, Ritter!« antwortete eine helle Stimme, und der schwarzhaarige Junge schlüpfte hinein. Seine dunklen Augen strahlten, und die weißen Zähne glänzten in freudigem Lachen. »Ich will meinem Heiligen eine Kerze weihen!« frohlockte er. »Ich hab' meinen guten Ritter wiedergefunden!«

»Man sollt's nicht glauben!« – Der Trugenhofer entzog sich seinem Handkuß. »wie ist dir das geglückt?«

»Ich war auf dem Weg zu Euch nach Weinsberg!« berichtete Hans Waldvogel. »Kam da ein Bettler auf schön geschirrtem Roß, eine goldene Kette um den Nacken, ein Ritterschwert zur Hand und viel schlechtes Volk um ihn. Die schrien: ›Die Edlen in Weinsberg sind allesamt tot! Nun ziehen wir von Neckarsulm gen Heilbronn, wollen die Stadt gewinnen, den inneren Rat durch die Spieße jagen, den äußeren köpfen, die Bürger zusammenstechen, die Landsknecht' zu Pulver brennen und andere Städt' damit beschießen.‹ Da verbarg ich mich im Schrecken und hört', wie einer zum andern sprach: ›Ein Ritter ist aus Weinsberg gen Wolframstein entkommen – trägt eine Harfe auf dem Schild.‹ Da hat mir das Herz im Leib gelacht, und ich hub mich eilends hierher.«

»Und mir ist's wahrlich lieb, daß du da bist.« Ritter Felix legte ihm die Hand auf den dunklen Krauskopf.

Der alte Rebenkönig trat heran. »Es gibt noch eine bessere Zeitung, Herr! Die schwarze Schar zieht ohne Sturm ab, und nur Pfaff Kirschenbeißer bleibt mit seinen mutwilligen Bauern vor dem Hause liegen.«

Der von Trugenhoffen erstieg den nächsten der kleinen Wachttürme und schaute ins Tal. Jawohl – da zog in langen, wohlgeordneten Gliedern, dumpfdröhnenden Schrittes, vom Stangenwald der Spieße überschattet, in deren Mitte die schwarze Fahne im Frühlingswinde flog, schweigsam und grimmig die Heermacht Florian Geyers neckarabwärts.

Der alte Reitersmann wiegte beifällig das Haupt. »Das sind weidliche Kerle! Wenn solche Schlaghaufen sich rottieren, dann kann man freilich allerorten der Obrigkeit nicht Lachens sein!«

»Und was der ehrlose Pfaff da unten an sich gehenkt hat,« sprach Hans Waldvogel dreist und deutete hinab auf Wolfgang Kirschenbeißers Fähnlein, »die dummen Bauern, die mich am lichten Morgen haben durchschleichen lassen, die wiegen wahrlich im Feld kein Lot! Die sollen nicht Heller und Pfennig Beute an uns gewinnen, dafür ist ihnen mein Herr und Ritter gut!«

Aber der von Trugenhoffen erwiderte ihm nichts, vorzeitig brauchte es keiner zu wissen, daß wohl schon zu dieser Stunde die Falkonette und kugelgefüllten Karren träge unter Gebrüll und Peitschenknall der Pferdetreiber über aufgeweichte Ackerpfade dem Schlosse zurumpelten. »Hast sonst noch Neues vernommen, Hans?« fragte er kurz.

»Ja, Herr! Am Abend selben Tages, wo Ihr aus Heidelberg geritten seid, war großer Jubel auf dem Marktplatz. Und kam der Pfalzgraf vom Schloß, sprach: ›Liebe vom Adel und treue Bürger! Mir wird Nachricht, daß des schwäbischen Bundes Heer unter dem Truchseß von Waldburg nunmehr ins Feld gezogen und zum ersten bei Wurzach der Rebellen Meister geworden ist. So will auch ich der gemeinen Not mich keineswegs verwahren und in drei Tagen mit Herren, Rittern und Fußvolk den Neckar aufwärts kommen und bei Gefahr meiner Land' und Krone nicht mit der Bauern Brüderschaft paktieren, sondern zum Truchseß stoßen, um die Schelme ernstlich auf Tod und Leben zu bestehen!«

»Drei Tage!« murmelte Ritter Felix sorgenvoll. »Laßt ein Haus drei Tage brennen und schaut, was dann noch zu retten bleibt!«

Die anderen beiden hörten ihn nicht, sondern schauten gespannt hinüber auf das andere Ufer des Flusses. In lärmenden Reihen wanderten da bewaffnete Bauernhaufen in der Richtung nach Heilbronn dahin. Freudenschüsse knallten, und vor den trunken hin- und hergeschwenkten Bannern tanzten die scheuenden Pferde im Zickzack über die Straße.

»Potz! wie der Pöbel zu Rosse sitzt!« lachte der alte Rebenkönig grimmig. »Das sind mir rechte Anführer!«

»Die Schreckensbuben von Weinsberg sind's!« sprach Herr Felix zornbebend. »Erkenn' die Hunde wohl wieder! Da der Jäcklein mit des armen Grafen Gugelhut und Federn auf dem Kopf, und da Jörg Metzler und der Flammenbeck!«

»Und wer ist der Ritter, der mitten im Schwarm reitet?« fragte Hans Waldvogel.

Der Reisige trat einen Schritt zurück. »Gott straf' mich! Es ist Herr Götz von Berlichingen! Sie haben den Herrn gefangen!«

»Gefangen nicht – aber zu ihrem Kapitän erwählt und gezwungen.« Des Trugenhöfers Züge verdüsterten sich. »Schaut, wie sie ihn umjubeln! Ihm freilich scheint's doch nicht wohl zu sein in der Mordsbrüderschaft!«

In der Tat saß der kühne, kleine Ritter nicht so trotzig im Sattel, wie sonst. Die stämmige, eisenumhüllte Gestalt hielt sich wohl aufrecht, aber in dem verwetterten Gesicht konnte man, soweit es der Blondbart frei ließ, trotz der Entfernung deutlich böse Sorgen und Röte lesen. Er glich wirklich mehr einem Gefangenen als einem Führer, wie er da, ohne rechts und links zu schauen, sich von den regellos dahinflutenden Massen mittragen ließ.

Sebastian Rebenkönig sah bekümmert aus. »Der arme Herr! Dem haben die Bösewichter gewiß keine Wahl gelassen!«

Felix von Trugenhoffen lächelte bitter. »Dir altem Kriegsmann kann ich's vertrauen!« sprach er langsam. »Uns vom Adel bleibt überhaupt keine Wahl in dieser Zeit, wir gehen unter, wohin wir uns wenden. Der Florian Geyer ist freiwillig der Bauern Freund! Er wird umkommen. Der Götz dient ihnen gezwungen und wird es doch bereuen müssen. Der Sickingen diente der Ritterschaft; den erschossen die Pfaffen. Der Hutten diente dem neuen Geist und mußt' im Schweizerland verderben. Dein Herr und wir anderen waren den Fürsten gehorsam, und der Weinsberger Handel ward unser Lohn. Verderben überall! Es ist kein Raum mehr für den Götz – den Geyer – den Eysenhut – für mich und alle Ritter! ...«

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