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Gutenberg > Edward Phillips Oppenheim >

Madame und ihre Zwölf

Edward Phillips Oppenheim: Madame und ihre Zwölf - Kapitel 9
Quellenangabe
authorE. Phillips Oppenheim
titleMadame und ihre Zwölf
publisherWilhelm Goldmann Verlag
yearo.J.
printrun6.-15. Tausend
translatorJosef Niggli
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180612
projectid86250d62
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8

Die Ankunft Andrew Sarles vollzog sich ohne Pomp und besondere Umstände. Einen Rucksack auf dem Rücken und staubbedeckt stieg er die Windungen und Kehren hinauf, die durch ein Labyrinth von Orangenbäumen zur Villa Sabatin führten. William, der diskreteste und verständnisvollste aller Türhüter, wollte ihn mit ausgestreckter Hand vom Hauptportal an den Nebeneingang für Dienstleute und Bettler weisen, doch besann er sich rechtzeitig noch eines Bessern. Er sah diesem Fremden in den abgerissenen Kleidern doch die bessere Herkunft an.

»Ich wünsche Madame zu sprechen,« kündigte er an. »Ist sie zu Hause?«

»Madame ist da, aber sie empfängt selten,« war die unsichere Antwort. »Sind Sie vielleicht bestellt?«

»Jawohl, Madame hat nach mir geschickt,« war die ruhige Erwiderung. »Mein Name ist Andrew Sarle.«

William fand den goldenen Mittelweg, indem er den Fremden in ein kleines Zimmerchen führte, das von den geräumigen Empfangssälen abgetrennt war. Er verschwand, um den Besuch anzumelden, kam aber schon nach wenigen Minuten zurück.

»Madame vermutet, Sie werden es nicht besonders eilig haben, mein Herr,« meldete er. »Sie machen Ihren Besuch in ungewohnt früher Stunde. Sie werden sie in einer Stunde sprechen können. Inzwischen schlägt sie vor, da Sie sich auf einer Fußtour befinden, Sie möchten etwas Toilette machen und eine Erfrischung zu sich nehmen.«

Der Besucher entledigte sich seines Rucksackes.

»Ein Bad wäre mir jetzt das liebste auf der Welt,« gestand er.

»Darf ich bitten, mir zu folgen,« lud ihn William ein. »Ich zeige Ihnen das Badezimmer im ersten Stock.«

Andrew Sarle sah immer noch nicht elegant aus, als er nach einer halben Stunde wieder herunterkam, aber er war wenigstens sauber. Er schritt durch die kühlen, blumengeschmückten Räume des Erdgeschosses, kam zur Terrasse und fand dort einen kleinen Tisch mit einem elektrischen Wärmeapparat. Ein Diener servierte ihm stumm einen ausgezeichneten Kaffee und überraschte ihn mit einer Omelette. Er aß und versuchte aus Selbstachtung nach Möglichkeit zu verbergen, daß er am Verhungern gewesen war.

Als er das Frühstück beendigt hatte, zündete er sich eine Zigarette an aus der Schachtel, die ihm der Diener anbot, und bummelte an das andere Ende der Terrasse. Er beugte sich über die rankenden Rosen und schaute auf das Meer hinaus. Plötzlich hörte er leichte Fußtritte. Claire lächelte ihm Willkommen.

»Madame läßt Ihnen sagen, daß sie in wenigen Minuten hier sein wird,« meldete sie. »Sie steht gewöhnlich nicht vor elf Uhr auf.«

»Ich muß mich wirklich entschuldigen, so früh schon vorzusprechen,« erwiderte Sarle. »Ich fürchte, ich habe ganz vergessen, was sich gehört. Das kommt davon, wenn man Tag für Tag auf der Wanderung ist.«

»Sie kommen von weit her?« forschte sie.

»Von sehr weit her,« bestätigte er. »Manchmal will es mir scheinen, ich sei als Wandergeselle, mit dem Rucksack auf dem Rücken, geboren worden.«

Sie betrachtete ihn neugierig. Sein Gesicht war auf seine Art sympathisch, mit seinen Gramlinien und der Blässe.

»Ich möchte nicht zudringlich sein,« forschte Claire. »Aber sind Sie ein alter Bekannter von Madame?«

»Ein alter Bekannter, der Unglück gehabt hat,« gab er zurück. »Ich habe gespielt ... nicht am Spieltisch zwar ... Doch, ich halte Sie hoffentlich nicht auf?«

Er schaute sie fragend an. Sie trug ein Lodenkleid, einen kleinen Napoleonhut, grobe Schuhe und hatte einen Stock in der Hand. In der Nähe strichen sich ein paar Hunde wartend herum. Sie war in der Tat auf dem Wege nach Cardinges Landhaus.

»Ich wollte eben in der Nähe einen Besuch machen,« erklärte sie. »In dieser Jahreszeit kümmere ich mich täglich um den Stand der Trauben. Ein alter Freund von Madame betreibt da drüben Weinbau – Mr. Hugh Cardinge. Vielleicht kennen Sie ihn?«

»Cardinge!« erwiderte der Besucher. »Gewiß! Ich habe Cardinge gekannt. In gewisser Beziehung ähnelt er mir. Er war auch kein Lieblingskind der Göttin Fortuna.«

»Dann sind Sie also einer von Madames Jüngern!«

»Ich gehörte dieser seltsamen Gesellschaft an,« gestand er. »Wenn ich recht verstanden habe, werden wir jetzt aber entlassen. Ich bin von weither gekommen, um meinen Schwur zu halten und meinen Verpflichtungsschein einzulösen.«

»Es sind schon viele hier gewesen,« bemerkte sie. »Sie müssen einer der letzten sein.«

»Ist Maurice Tringe schon hier gewesen?« fragte er.

Die Frage war gewiß alltäglich, aber der Ton, in dem sie gestellt wurde, machte stutzig. Sie war ihm fast von den Lippen geflogen. Die Worte blitzten auf, wie ein Rapierstoß, und in seinen Augen war etwas, vor dem sie zurückschrak.

»Noch nicht,« gab sie zögernd zur Antwort. »Aber Madame hat Nachricht von ihm. Er wird wahrscheinlich heute oder morgen eintreffen.«

Der Fremde schien plötzlich wie umgewandelt. Er erschien nicht mehr so beherrscht, alles an ihm war Nerven und Erwartung.

»Woher kommt er?« fragte er.

»Von Italien,« antwortete das Mädchen. »Er will in Monte Carlo übernachten.«

Er wandte sich weg, als hätte er ihre Gegenwart vergessen. Sie überlegte, ob sie sich unter einem Vorwande davon machen sollte, und doch zögerte sie.

»Sie beide werden wohl die Letzten sein,« wiederholte sie.

»Es trifft sich ausgezeichnet,« murmelte er.

Er hatte seine ganze Gesprächigkeit verloren, und trotzdem konnte Claire es nicht über sich bringen, ihn allein zu lassen. Sein Leidenszug hatte ihr Mitleid erweckt und sein letzter Blick hatte ihr gar Furcht eingeflößt.

»Sind Sie etwa Maler?« fragte sie.

Er schüttelte den Kopf.

»Nein,« gestand er. »Ich habe keinen Beruf. Zu der Zeit, als Madame mich kannte, hatte ich nur einen Gedanken. Wir alle hatten ihn. Er bildete das gemeinsame Band zwischen uns: Abenteuer! Der Abenteuergeist machte mich zu dem, was ich bin. Ich habe das Wagnis auf mich genommen, et voilà – hier haben Sie das Resultat!«

»Ein Spieler kann sich immer erholen,« versuchte sie zu trösten.

»Von Geldverlusten, gewiß,« gab er zu. »Aber Glück hat mit dem Gewinn oder dem Verlust materieller Güter nichts zu tun.«

Hinter ihnen erhob sich Madames sanfte Stimme.

»Der alte Andrew! Immer moralisiert er! Claire, Du könntest Hugh benachrichtigen, wer angekommen ist und ihn zum Essen herbringen ... So haben Sie also auch den Weg hierher gefunden, Andrew Sarle?«

»Auch ich habe gehorcht, Madame,« bestätigte er. »Es war ein beschwerlicher Weg für mich.«

»Sie kommen von weit her?«

»Von den Pyrenäen, und dazu habe ich mich meist durchgebettelt.«

Madame nahm dieses Geständnis gleichmütig hin.

»Sie waren früher ein reicher Mann, Andrew. Sie haben wahrscheinlich Ihre Gaben nicht richtig verwendet. Sie haben doch so eine reizende Komödie für Comier geschrieben, die in den »Capucines« aufgeführt wurde. Haben Sie seither nichts mehr geschrieben?«

»Ich habe seit zehn Jahren keine Feder mehr angerührt.«

Sie zuckte die Schultern.

»Wir führen alle unser eigenes Leben. Niemand kann uns helfen, wenn wir uns nicht selber helfen ... Sie wollen also auch Ihren Verpflichtungsschein?«

»Und Ihnen einen letzten Dienst erweisen,« fügte er bei.

»Sie kennen also unsere Vertragsbestimmung noch,« bemerkte sie. »Aber ich habe noch nichts für Sie vorbereitet. Vielleicht bin ich überhaupt so gutmütig, Ihnen den Schein ohne Gegendienst auszuliefern. Ihr Geständnis enthielt ja auch nichts Furchtbares.«

»Wie Sie wollen,« gab er gleichmütig zurück. »Ich hatte mir allerdings gedacht, ich könnte Ihnen mehr von Nutzen sein, als irgend ein anderer.«

»Wieso das?«

»O, ich kenne die andern,« fuhr er fort. »Ich habe sie gelegentlich getroffen oder habe von ihnen gehört. Die meisten hatten Erfolg und sind zu Ihnen zurückgekommen, zitternd vor Furcht, Sie könnten von Ihnen eine Gesetzesübertretung verlangen. Ich komme frei von alledem zu Ihnen. Darum könnte ich Ihnen besonders nützlich sein.«

»Keine Furcht? Keine Gewissenbisse?« fragte Madame.

»Das will ich nicht behaupten,« wandte er ein. »Aber die Sache ist die, daß ich so ungefähr in einem Monat ein toter Mann sein werde. Was ich inzwischen tue, ist nicht von Belang. Meinen Schein können Sie behalten. Ich verlange nur die Mittel, die mir ermöglichen sollen, abzureisen und irgendwo als Gentleman zu leben – für die kurze Zeit, die mir noch bleibt.«

»Und warum muß das Ende kommen?«

»Weil ich am Ziele bin. In wenigen Tagen werde ich einen Mann umbringen – Mord wird man das nennen. Das ist mir gleichgültig. Dann werde ich ebenfalls verschwinden müssen.«

Madame schien völlig befriedigt.

»Ich bin so froh, daß Sie hergekommen sind, Andrew,« gestand sie. »Sie bringen doch etwas Leben mit. Wer ist es denn, den Sie töten wollen?«

»Maurice Tringe!«

Madame nickte nachdenklich.

»Das ist ja noch interessanter,« meinte sie. »Es ist eine Frau im Spiele, nicht wahr?«

»Meine Frau.«

»Richtig,« überlegte sie. »Das sind jetzt etwa sieben Jahre her.«

»Maurice war immer ein Feigling,« fuhr er leidenschaftlich fort. Ich habe ihn gejagt, alle diese sieben Jahre. Darum ist meine Feder müßig, darum mein Vermögen dahin. Er war reich und verwendete seinen Reichtum dazu, mir zu entgehen. Er reiste mit einer Yacht nach der Südsee. Ich mußte ihm mit einem Dampfer folgen. Er ließ mich auf ein oder zwei Tagelängen nahekommen, dann machte er sich wieder davon. Aber ich habe ihm nie Ruhe gelassen. Es gab für ihn keinen Augenblick, an dem er mich nicht kommen fühlte. Seit sieben Jahren hat er kein Heim mehr gehabt. Er versuchte mit mir zu verhandeln – schlug eine Zusammenkunft vor – einen Vergleich – er bat sogar um Gnade. Ich habe ihm auf all das nie Antwort gegeben.«

»Sie waren hartnäckig,« meinte Madame.

»Ihr Ruf wird ihn in den Tod locken,« fuhr Andrew Sarle fort. »Ich hörte, er sei in Italien, als ich ihn vergeblich in Pau gesucht hatte. Dann bekam ich auch Ihren Appell. Von Pau hierher soll es per Auto eine hübsche Tagesreise sein, per Bahn braucht man zwei oder drei Tage. Ich marschiere seit zwei Monaten. Meine Lungen haben die alte Kraft nicht mehr.«

»Sie sind alles zu Fuß gekommen?«

»Von Pau,« antwortete er. »Und war auf dem Wege nach Italien. Jetzt wird das wohl nicht mehr notwendig werden.«

»Woher wissen Sie, daß Maurice noch nicht hier war?«

Er schwieg. Madame verstand ihn.

»Claire natürlich,« murmelte sie.

»Ich hätte es ja doch erfahren,« wandte er ein.

»Sie sind immer noch mein Jünger,« erinnerte ihn Madame.

»Bis ich meinen Schein habe,« räumte er ein.

»Sie werden das Vorrecht, das mir zusteht, nicht vergessen haben,« fuhr sie fort. »Feindschaften unter Jüngern werden meinem Spruche unterworfen.«

»Was soll das?«

»Sie sind immer noch mein Jünger. Sie werden bei mir Ihre Klage gegen Maurice Tringe vorbringen.«

Der Mann brütete darüber etwas nach.

»Sie bestehen darauf?« fragte er schließlich.

»Gewiß.«

Sarle erzählte seine Geschichte in völlig gleichförmigem, mechanischem Tone.

»Ich will Ihnen die Beweisführung ersparen,« begann er. »Ich werde Ihnen nur Tatsachen erzählen, für die ich Beweise bei mir habe. Im Jahre 1914, als Sie und Ihre Jünger die Sensation von Paris bildeten, wurden wir gezwungen, uns aufzulösen. Zufällig verschlug es Maurice Tringe und mich in die gleiche Kompagnie. Wir waren nie Freunde gewesen, aber zwei Jahre Krieg, Seite an Seite, ließ doch eine gewisse Kameradschaft entstehen. In Soissons war ich Tringes Vorgesetzter. Ich rettete ihm das Leben. Ich wurde dabei gefährlicher verwundet als er selber. Er wurde nach England zurückgebracht. Ich war zu schlimm daran für einen solchen Transport. Ich gab ihm einen Brief mit für meine Frau. Sie erinnern sich, daß ich Pauline de Neuilly geheiratet hatte?«

Erst nach mehreren Monaten konnte ich selber nach England zurückkehren. Als ich ankam – waren sie weg. Von ihr war ein Brief da – ein sehr aufschlußreicher Brief. Von ihm – nichts. Ich kam ins Spital. Sobald ich entlassen wurde – so weit hergestellt, als es noch möglich war – machte ich mich auf die Suche.«

»Und Ihre Armut?« forschte Madame.

»Als der Krieg ausbrach, teilte ich mein Vermögen,« erklärte er. »Die eine Hälfte überließ ich meiner Frau. Meine eigene Hälfte habe ich aufgebraucht auf meinen Reisen um die ganze Welt.«

»Es ist die alte Geschichte,« sann Madame.

»Aber für jeden Mann hat sie etwas Neues,« fügte er bei. »Meine Frau war mir mein Leben. Er hat mein Lebensglück zerstört, ich bin sicher, er hat auch ihres vernichtet.«

Madame nickte.

»Wirklich,« entschied sie, »die ganze Geschichte scheint mir ganz klar zu liegen. Ich werde wohl kaum eingreifen können.«

»Dann lassen Sie mich gehen,« erwiderte er rasch. »Sie wissen, das ist alles, was ich von Ihnen verlange.«

»Von der Ruhe des Alters spürt man noch nichts bei Ihnen,« meinte Madame. »Warum machen Sie aus dem Leben eine solche Hetze? Nehmen Sie sich einen bequemeren Sessel und zünden Sie eine Zigarette an. Sie erinnern sich an Cardinge? Er wird zum Essen kommen.«

»Ich muß fort,« erklärte Andrew Sarle. »In diesen Lumpen passe ich nicht an Ihren Tisch.«

»Was reden Sie da?« bat Madame. »Vertrauen Sie sich meinem Diener an. Kleider sind genug da – von früher her. Bis zum Essen will ich mir die Sache überlegen. William ist im Salon. In einer halben Stunde, wenn Sie herunterkommen, ist ein Apperitiv für Sie bereit. Dann essen wir – und dann reden wir darüber.«

»Wenn aber Maurice Tringe kommt, während ich hier bin?« fragte er zögernd.

»Das ist kaum möglich. Er erreicht heute abend Monte Carlo und wird dort übernachten.«

»Werden Sie mir die Mittel zur Verfügung stellen, um heute abend noch Monte Carlo zu erreichen, wenn ich bleibe?« bedang Sarle sich aus. »Es wird zu spät, um zu Fuß zu gehen.«

»Eine lächerliche Frage,« erwiderte Madame. »Sie werden mein Haus sicher nicht in diesem Zustand und mit leeren Taschen verlassen. Vielleicht führe ich Sie selber nach Monte Carlo, vielleicht weiß ich etwas Besseres.«

»Dann nehme ich dankbar Ihre Einladung an,« schloß Sarle.

Rasiert und in zivilisierter Kleidung wurde Sarle plötzlich ein einwandfreier, wenn auch schweigsamer Gast der Villa. Er begrüßte Cardinge freundlich, aber ohne Neugierde und sprach nur, wenn er angesprochen wurde. Er blickte fortwährend in einer Richtung – dem staubigen Band der Landstraße entlang. Nachdem der Kaffee auf der Terrasse serviert war, winkte Madame die übrigen weg.

»Andrew,« begann sie, »Sie wissen sicher, welche Leidenschaft mein Leben beherrscht hat.«

»Abenteuerlust,« antwortete er, ohne den Blick von der Straße zu wenden.

»Ganz richtig,« stimmte sie zu. »Es war die Abenteuerlust, die mich veranlaßte, den Herzog de Soyeau zu heiraten, als ich noch das reinste Kind war. Alle meine Verwandten und Freunde versicherten mir, er sei der größte Lump auf Erden. Nun, er starb glücklicherweise bald. Mein zweites Abenteuer war die Gründung des Klubs der Jünger.«

»An Abenteuern hat es Ihnen da nicht gefehlt,« lächelte der Gast.

»Und doch habe ich immer etwas vermißt,« fuhr sie fort. »Ich habe nie einen Mord gesehen.«

Er rutschte unruhig auf seinem Stuhl.

»Wohinaus wollen Sie?« fragte er barsch.

»Ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen,« antwortete sie. »Sie haben sich entschlossen, Maurice Tringe zu ermorden und ich finde keinen moralischen Einwand gegen dieses Vorhaben. Sie wünschen ferner von mir Ihren Verpflichtungsschein und eine kleine Geldsumme. Beides sollen Sie haben unter einer Bedingung. Erwarten Sie Maurice Tringe hier und lassen Sie mich die Sache einfädeln.«

»Ich muß ihn bei der ersten Begegnung erledigen, sonst entrinnt er mir wieder,« wandte Andrew Sarle ein.

»Er soll nicht entrinnen,« versprach Madame ruhig. »Er kommt wegen seines Scheins, er wird nicht ohne ihn gehen wollen. Überlassen Sie das alles mir, Andrew. Lassen Sie mich das Stichwort geben, und die Sache ist abgemacht. In meinem Haus und mit meiner Hilfe gibt es für Maurice Tringe kein Entrinnen.«

»Ich bin einverstanden unter einer Bedingung,« erklärte er. »Sie müssen mir versprechen, daß das keine Falle ist. Sie dürfen von mir nicht Gnade für ihn verlangen.«

Madame lachte belustigt auf.

»Bin ich so weichherzig?« fragte sie. »Ich bin eine Fanatikerin für Gerechtigkeit. Gnade ist Schwäche. Ich verspreche Ihnen, daß ich nur in dem Sinne eingreifen will, daß es mir überlassen bleiben soll, den Augenblick zu wählen, in dem der Streich fallen soll.«

*

Am späteren Nachmittag bestellte Madame den Wagen.

»Ich fahre nach der See hinunter,« sagte sie zu ihrem Gaste. »Bitte begleiten Sie mich.«

Er schüttelte den Kopf. Er hatte die leere staubige Straße immer noch nicht aus dem Auge gelassen.

»Ich will hierbleiben und die Straße überwachen,« sagte er.

Madame reichte ihm ein Telegramm, das sie eben erhalten hatte. Er las es gierig durch. Es war von Monte Carlo aufgegeben:

»Eben angekommen. Morgen mittag bei Ihnen. Maurice.«

»Morgen also,« murmelte er.

»Mittags,« widerholte Madame. »Sie sehen, es hat keinen Zweck, hier herumzubrüten. Kommen Sie mit, ich werde Ihnen etwas für Sie zeigen.«

Er erhob sich.

»Ich bin bereit.«

Madame brauchte nur wenige Minuten, um sich bereit zu machen. William brachte dem Gast aus den unerschöpflichen Garderobenvorräten einen grauen Hut, Handschuhe und einen Stock. Dann ging es in langsamer Fahrt an die See hinab. Madame hielt den Wagen an und zeigte dem Gast die prächtige Aussicht, einen berühmten Garten und den Golfplatz. In der Ferne sah man Cardinge und Claire spielen. Andrew Sarle hatte nur einen flüchtigen Blick für all das. Er schaute hartnäckig über Cap Ferrat gegen Monte Carlo.

»Es ist einfach Zeitverschwendung,« murrte er. »Er ist so nahe.«

»Morgen mittag,« erinnerte ihn Madame, kommt er. »Das ist besser.«

»Da ist immer noch eine ganze Nacht dazwischen,« seufzte Sarle.

Madame ließ den Wagen wenden und am Klubhaus vorbeifahren. Sie deutete nach dem Fenster, wo sich eine Dame erhob, um zu grüßen.

»Das war die Sekretärin des Klubs,« erzählte sie Sarle. »Es ist eine Französin, die mich um Hilfe bat. Da habe ich sie hier untergebracht. Sie soll sehr tüchtig sein.«

»Wahrscheinlich eine Kriegswitwe?« fragte Andrew Sarle.

Madame schüttelte das Haupt.

»Ihr Mann ist noch am Leben,« sagte sie.

Nach wenigen hundert Metern stand der Wagen wieder still. Madame gab durch das Sprachrohr ein paar Weisungen. Sie fuhren zu einer Parkecke, wo der Fußweg zu dem Golfplatz im Gehölz verschwand. Madame reichte ihrem Begleiter Zigaretten.

»Hier wollen wir etwas bleiben,« meinte sie. »Das ist mein Lieblingsplätzchen, öffnen Sie das Fenster, Andrew. Riechen Sie die Orangenblüten?«

»Sie duften prächtig,« antwortete er.

»Der Duft kommt von der kleinen Villa dort,« fuhr sie fort. »Dort, wo eben das Kind herauskommt. Ein hübsches Kind, Andrew!«

Er stöhnte leise.

»Kinder in diesem Alter,« gestand er, »erinnern mich immer an Dinge, die ich am liebsten vergessen möchte.«

Er verfolgte das Kind mit seinen Blicken. Seine Hand, die das Fenster umklammert hielt, zitterte. Als es außer Sicht war, lehnte er sich ins Polster zurück. Madame beobachtete ihn aufmerksam.

»Es ist das Töchterchen der Klubsekretärin,« plauderte sie weiter. »Es wird wohl die Mutter abholen wollen.«

»Es ist gerade im Alter von Pauline,« sagte er. »Und ihr Haar – ach, ich glaubte, diese Dinge seien begraben.«

»Was ist aus Ihrem Kind geworden?« fragte Madame.

»Sie nahm es mit, – raubte es mir, wie alles andere.«

Madame schwieg. Sie verfolgte zwei Personen, die näher kamen.

»Sie haben viel Unglück gehabt, Andrew,« begann Sie wieder. »Aber ein Mann wie Sie sollte sich nicht so unterkriegen lassen. Kummer aufrecht zu ertragen, ist das höchste Ziel im Leben. Sehen Sie diese Frau, die kommt – unsere Klubsekretärin, – die hat soviel Kummer gehabt wie Sie. Aber sie hat ihre Selbstachtung bewahrt. Sie hat ihr Kind, ihr Heim, und sie, die an allen Luxus gewöhnt war, verdient sich ihren Lebensunterhalt mit Arbeit. Was halten Sie von ihr, Andrew? Ist sie nicht immer noch ein schönes Weib?«

Andrew Sarle beugte sich vor und ein kleiner Aufschrei entfuhr ihm. Er machte eine rasche Bewegung, um sich aufzurichten. Dann fiel er zurück in seinen Sitz. Madame gab ein Zeichen und der Wagen fuhr davon. Sie knöpfte dem Mann an ihrer Seite die Weste auf, er war ohnmächtig geworden.

Nach einer Stunde kam Madame aus ihrem Zimmer und suchte Andrew Sarle auf, der in ihrer Chaiselongue auf der Terrasse lag. Er grüßte sie ungeduldig.

»Ich muß Sie sprechen, Sie etwas fragen,« begann er. »Sagen Sie mir, ich hatte eine Vision, gerade als mir die Sinne schwanden. Dieses Kind kam zurück mit seiner Mutter. Wer ist sie?«

»Ihre Frau,« antwortete Madame. »Und das Kind ist Ihr Töchterchen. Jetzt wissen Sie, warum ich auf den Ausflug bestand.«

»Aber –«

Madame händigte ihm ein gelbes Kuvert ein.

»Hier ist Ihr Schein. Als Gegenleistung haben Sie Schweigen zu bewahren für die nächsten 24 Sunden.«

Die Papierfetzen flogen im Winde. Der Mann begrub sein Gesicht in den Händen.

*

Am nächsten Tage besuchte Cardinge gegen Mittag die Villa.

»Sie kommen gerade zur rechten Zeit,« empfing ihn Madame. »Es ist sicher Maurice Tringes Wagen, der dort die Straße hinaufklettert.«

Cardinge sah sich um.

»Und was ist mit Sarle?«

»Schließlich wird er ihn halt doch umbringen,« gab sie seelenruhig zurück. »Wir werden ja sehen.«

Ein staubbedeckter, geschlossener Wagen fuhr vor. Die beiden beobachteten gierig Maurice Tringe, der aus dem Wagen stieg. Er trat mit dem Hut in der Hand auf sie zu, aber seine Augen wanderten ruhelos umher.

»Teuerste Madame!« rief er aus. »Völlig unverändert! Und Cardinge, nicht wahr? Sie sehen, ich bin hier, ich habe gehorcht.«

»Es freut mich, Sie zu sehen, Maurice,« sagte Madame.

Er drängte sich an sie, dämpfte seine Stimme zu einem Geflüster. Die Augen wanderten immer umher.

»Sagen Sie mir,« bat er. »Sind auch noch andere da? Dieser Andrew Sarle vielleicht?«

»Warum, interessiert Sie denn der so besonders?« fragte Madame mit gut gespieltem Gleichmut.

»Dieser Mensch hat mein ganzes Leben zerstört,« fuhr er fort. »Kann ich vielleicht etwas zu trinken bekommen?«

Ein Diener trat herzu.

»Bestellen Sie, was Ihnen paßt,« lud ihn Madame ein.

»Etwas Brandy,« bat Tringe mit rauher Stimme. »Nur ein Weinglas voll, nicht mehr. Diese letzten Jahre waren eine ununterbrochene Pein für mich. Alles wandte sich gegen mich.«

»Ich war krank, fürs erste,« gab er zurück. »Schlaflosigkeit – meine Nerven sind kaputt. Dieser Sarle ist schuld daran. Sie wissen wohl, daß es wegen seiner Frau zu einem Zwiste zwischen uns kam?«

»Ich weiß, daß Sie sie entführt haben,« bemerkte Madame.

»Nun ja, gut. Das ist alles vorbei und abgetan – vorbei und abgetan,« wiederholte er und streckte die Hand gierig nach dem Weinglas aus, das der Diener herbeibrachte. »So was kommt vor. Man kann nachher sagen, man bereue es. Das ändert nichts daran. Aber dieser Sarle – er wird mich eines Tages ermorden! Er hat es geschworen.«

»Wirklich?« flüsterte Madame.

»Er hat mich um die ganze Erde verfolgt,« fuhr Tringe fort. »Das nahm sie ebenso her, wie mich selber. Sie hielt es schließlich nicht mehr aus und verließ mich – ohne ein Wort des Abschieds. Seit sieben Jahren bin ich vereinsamt, habe keine Nacht mehr geschlafen, ohne aufzuschrecken, weil ich Fußtritte oder Stimmen im Zimmer zu hören glaubte; Himmel, und dann diese Träume!«

Er trank den Brandy aus und griff nach dem Cocktail. Aber er hielt inne, als er im Begriffe war, es an die Lippen zu setzen. Dann entglitt das Glas seiner kraftlosen Hand und zersprang auf dem Boden in tausend Stücke. Seine Augen waren auf das Fenster gerichtet, das nur wenige Meter entfernt halb offen stand. Durch die Rosen, die es halb verbargen, drängte sich etwas Glitzerndes – etwas, in dem sich die Sonnenstrahlen brachen – etwas, das von unsichtbarer Hand gehalten war und direkt auf sein Herz zielte. Eine Hand bog die Rosen auseinander und ein Mann erschien.

»Mein Gott! Er!« schrie Tringe auf. »Er ist doch hier!«

Er saß bewegungslos, wie hypnotisiert, in seinem Sessel zusammengesunken, außer Fassung vor Schrecken. Andrew Sarle trat auf die Terrasse hinaus. Ein Ausdruck grausamen Triumphes leuchtete aus seinen Augen. Die Pistole zielte immer noch auf das Herz seines Feindes. Madame beobachtete ihn kühl.

»Das genügt, Andrew,« rief sie aus. »Ich bin sicher, Maurice Tringe weiß jetzt, daß das Ende gekommen ist. Legen Sie dieses Ding weg und nehmen Sie ein Apperitiv. Ich möchte nicht, daß meine Dienstboten sich einbilden, wir hätten hier eine Probe für eine Filmaufnahme.«

Sarle gehorchte widerstrebend, aber ohne Widerspruch. Die Pistole verschwand in seiner Rocktasche. Er nickte Cardinge zu und nahm sich ein Glas. Seine Hand war ganz ruhig. Die Ankunft seines Feindes hatte ihm die Selbstbeherrschung zurückgegeben.

»Eine Falle also,« stotterte Tringe.

Madame lächelte.

»Seien Sie nicht kindisch,« sagte sie. »Vergessen Sie nicht, daß die erste unerläßliche Tugend eines Jüngers Mannesmut ist. Was Ihre persönliche Sicherheit anbetrifft, so haben Sie im schlimmsten Falle für eine volle Stunde noch nichts zu fürchten. Andrew Sarle hat mir sein Wort gegeben, daß Ihr Leben so lange geschont werden solle, bis ich nach dem Essen kurz mit Ihnen gesprochen hätte.«

»Geben Sie mir noch einen Cocktail,« bat Tringe.

Der Gong verkündete, daß das Essen serviert sei. Madame erhob sich.

»Ich erwarte von euch allen, daß ihr nicht vergeßt, daß wir uns in einem zivilisierten Lande befinden,« sagte sie. »Was immer nachher geschehen mag, zuerst essen wir. Erlaube, Claire! Das ist Major Tringe, einer meiner Jünger. Führe ihn zu Tische.«

Die Lebensgewohnheiten eines Gesellschaftsmenschen lassen sich nicht leicht auswischen. Tringe ordnete seine Krawatte, verbeugte sich und konnte sogar einen bewundernden Blick auf Claire nicht unterdrücken. Claire führte ihn zu Tische und plauderte mit ihm mit überraschender Freundlichkeit. Dabei hatte sie das unangenehme Gefühl, einen Mann zu unterhalten, über den das Todesurteil gesprochen war.

Es war eine seltsame Mahlzeit. Die Bedienung war wie gewohnt, vollkommen, aber Madame war ausnahmsweise eine wortkarge Gastgeberin, und Cardinge sprach nur, wenn es ihm paßte. Andrew Sarle steuerte einige abgerissene Brocken bei. Einzig Tringe war krampfhaft geschwätzig.

»Ich sehe, Sie besitzen immer noch das Geheimnis, wie man sich den besten Koch der Welt verschafft,« meinte er. »Ich habe selten eine solche Omelette gegessen, und diese Sauce ist einfach wundervoll.«

»Man fühlt sich ganz in die berühmten Diners zurückversetzt, die Madame uns im Bois de Boulogne vorzusetzen pflegte, am Vorabend einer unserer Unternehmungen,« stimmte Sarle zu. »Ach damals war alles vollkommen. Man vermißt nur die Inschrift, die Freund Fardell an die Wand gemalt hatte: »Freut euch des Lebens, denn morgen wartet eurer der Tod!«

Tringe setzte bestürzt das Glas ab.

»Dieses Thema wird mir zu persönlich,« griff Madame trocken ein. Haben Sie in Monte Carlo gespielt, Maurice?«

»Ich spielte, ja,« antwortete er. »Mit meinem gewohnten Pech. Seit Jahren zerbricht mir alles unter den Händen. Ich nahm 200 Pfund mit in den Saal und konnte dem Boy nicht einmal ein Trinkgeld geben, als er mir beim Weggehen den Hut reichte. Euch ist es allen gut gegangen. Ich bin so gut wie bankrott. Vor zehn Jahren glaubte ich mich Millionär, heute ist alles dahin.«

Madame schaute nach der Uhr.

»Servieren Sie den Kaffee,« wies sie den Diener an. »Sie entschuldigen die Hast, Maurice. Ich habe Andrew ein Versprechen gegeben, dessen Frist in einer halben Stunde abläuft. Die Angelegenheit muß vorher erledigt sein.«

Tringe blickte sich zitternd um. Er schien überall nur Abneigung gegen seine Person zu entdecken. Die Mahlzeit wurde schweigend beendigt. Madame erhob sich.

»Kommen Sie alle mit, Claire ausgenommen,« ordnete sie an. »Ich brauche auch Sie, Hugh.«

Sie führte die Gäste in einen selten benützten Raum, der nach dem Park hinaus lag. In der Mitte stand ein Tisch, der mit Magazinen bedeckt war.

»Setzen Sie sich, Andrew Sarle,« sagte sie. »Und auch Sie, Maurice Tringe. Vorerst, hat einer von euch Waffen?«

»Ich habe eine Pistole,« gab Sarle zu. »Aber ich habe nicht im Sinn, sie herauszugeben.«

»Wenn es dazu kommen sollte, habe auch ich einen Revolver,« brummte Tringe.

Auf ein Zeichen von Madame umschlang Cardinge plötzlich seine Arme und nahm den Revolver aus seiner Tasche. Tringe raste.

»Ich soll also kaltblütig abgeschlachtet werden, ohne mich wehren zu können?« protestierte er.

»Ihnen traue ich nicht,« gab Madame zurück. »Nun hört mich an. Ihr habt beide geschworen, persönliche Feindschaften mit Mitgliedern unseres Klubs meinem Urteil zu unterwerfen. Vergeßt das nicht. Andrew, Sie haben eine Klage vorzubringen gegen Maurice Tringe. Können Sie sich kurz fassen?«

»Nur ein paar Worte,« erwiderte Sarle. »Wir waren als Offiziere Kameraden. Ich rettete ihm das Leben. Als er von der Front nach England zurückkehren konnte, gab ich ihm einen Brief an meine Frau mit, da ich selber im Spital liegen mußte. Ich vertraute ihm. Ich vertraute ihr, denn ich wußte, sie liebte mich. Er raubte mir mein Weib und floh mit ihr durch die ganze Welt, um meiner Rache zu entgehen.«

Madame wandte sich an Tringe.

»Was haben Sie zu sagen?«

»Ich hatte keine Ahnung, was passieren würde, als ich sie aufsuchte,« erklärte er. »Als ich sie sah, vergaß ich alles um mich. Ich wollte sie haben und ich nahm sie.«

»So sind Sie bereit, jetzt den Preis dafür zu bezahlen?«

»Laßt doch dieses Theater!« schrie Tringe wild. »Warum verklagt er mich nicht, wie es jeder vernünftige Mensch tun würde? Für eine solche Geschichte begeht man doch keinen Mord. Sonst wären die Zeitungen täglich voll von Mordgeschichten.«

»Vielleicht würden dann die Verführer die Frauen ihrer Freunde eher in Ruhe lassen,« bemerkte Madame eisig. »Aber wir haben noch jemanden zu verhören.«

Cardinge klingelte. Die Tür ging auf und die Sekretärin des Golfklubs erschien. Sarle sprang auf. Er zitterte am ganzen Körper. Tringe beugte sich krampfhaft über den Tisch.

»Pauline,« stöhnte er. »Mein Gott, wie kommst du hierher?«

Sie gab ihm keine Antwort. Sie schaute starr auf Madame.

»Pauline,« sagte diese, »haben Sie etwas zu sagen?«

»Ja,« war die Antwort. »Ich will nichts als die Wahrheit sagen, auf die Gefahr hin, daß ich mich zu verteidigen scheine. Ich liebte meinen Gatten, Andrew. Für diesen Mann hier – hatte ich nie etwas übrig.«

Sie zeigte mit einer Gebärde des Hasses auf Tringe.

»Er besuchte mich als Freund meines Mannes. Ich war zweiundzwanzig damals, fühlte mich einsam und hatte doch einen so großen Hang für Zerstreuungen. Er lud mich auf eine Spazierfahrt auf seiner Yacht ein. Wir kamen nicht mehr zurück.«

»Und dann?«

»Dann entdeckte ich, was für ein Feigling er ist,« fuhr sie fort. »Er hatte Todesangst vor Andrew. Wir lebten zwei Jahre auf der Flucht. Für mich gab es keinen Frieden, kein Glück. Er war mir nicht einmal treu. In San Franzisko brachte er eine Freundin an Bord, eine Provinzschauspielerin. Da floh ich, reiste nach New York. Ich habe ihn seither nicht wiedergesehen bis heute. Es sind sieben Jahre her. Seither lebte ich nur noch für mein Kind. Vor zwei Jahren verdankte ich der Güte Madames diesen Posten hier.«

Andrew hob den Kopf und schaute sie an – sprachlos.

»Du hattest doch mein Vermögen,« sagte er.

»Es liegt auf der Bank. Seit ich geflohen bin, habe ich nichts davon angerührt.«

Madame schaute auf die Uhr.

»Es sind noch sieben Minuten,« sagte sie. »Laßt mich mit Maurice Tringe allein. Andrew, geleiten Sie Ihre – Frau hinaus.«

Er zögerte. Da schaute ihm Pauline mit einer rührenden Abbitte in die Augen. Sie streckte ihre Hände aus. Sie gingen zusammen, ihre Hand stützte sich, Halt suchend, auf seine Schulter. Tringe beobachtete sie mit dem Licht einer neuen Hoffnung in den Augen.

»Also, das ist ja ganz in Ordnung,« rief er. »Sie werden sich schon wieder zusammenfinden.«

»Möglich,« meinte Madame. »Aber was soll es mit Ihnen?«

»Ich kann nur sagen, daß mir die ganze Geschichte leid tut. Mehr kann ich nicht. Sie sehen, was sie mich gekostet hat. Ich habe leiden müssen, sie hat mich zerschmettert. Ich bin krank – elend krank. Ein Herzleiden, sagt der Arzt. Ich habe nur noch wenige Jahre zu leben. Sie sollen gehen und mich in Ruhe lassen.«

»Das wird Andrew nicht tun,« meinte Madame. »Er will Sie töten. Tut er es, muß er selber auch ein Ende machen oder sich den Gerichten stellen. Dann werden zwei Leben vernichtet sein statt einem. Sehen Sie nicht, was Ihre Pflicht ist?«

»Was soll ich?«

Madame erhob sich.

»Sie werden sich die Sache überlegen. Hier haben Sie Ihren Revolver. Und hier« – sie zog ein goldenes Büchschen hervor und legte eine weiße Tablette auf den Tisch – »ist etwas, das Sie vielleicht vorziehen. Es ist schmerzlos und hinterläßt nicht die geringsten Spuren – und es wirkt schnell. Raffen Sie sich auf und wählen Sie. So können Sie wenigstens wie ein Mann sterben.«

»Aber warum sterben?«

Madame schaute auf die Uhr.

»Andrew Sarle ist ein Mann von Wort,« warnte sie. »Wenn Sie den Mut nicht selber aufbringen, wird er die Sache in zwei Minuten erledigen.«

Sie ging ohne einen weiteren Blick für das Opfer aus dem Zimmer. Tringe war allein. Er starrte unablässig auf die Uhr.

»Ich bitte nicht um sein Leben,« bestürmte auf der Terrasse draußen Pauline ihren Mann. »Aber du darfst dich nicht opfern, er ist es nicht wert.«

»Wir können nicht beide leben,« erwiderte Sarle fest.

»Ist das ein Leben, das er führt?« drang sie weiter in ihn. »Er ist an der Schwelle des Grabes. Ich bin so lange allein gewesen – und dann, denke an unser Kind.«

Madame trat hinzu. Sie übergab Andrew seinen Revolver.

»Persönlich bin ich der Meinung, es ist falsch, dieser Kreatur auch nur noch einen Gedanken zu widmen. Aber Sie haben zu entscheiden, Andrew. Die Stunde ist abgelaufen, Sie können handeln.«

Er nahm den Revolver.

»Ich will hineingehen,« sagte er. »Ob ich schießen oder ihn schonen werde, weiß ich noch nicht. Es kommt darauf an, was ich in seinem Gesichte lese.«

Er öffnete die Tür. Die Frauen folgten ihm. Tringe saß immer noch auf seinem Platze, den Kopf in die Arme vergraben.

»Maurice Tringe,« rief Sarle.

Keine Antwort.

»Maurice Tringe,« widerholte er.

Keine Bewegung. Er beugte sich über die Gestalt. Ein Blick genügte. Er wandte sich ab, winkte den Frauen.

»Geht zurück!!«

»Ist er tot?« rief Pauline.

»Er ist tot.«

Madame trat an seine Seite. Die Tablette war unberührt. Sie griff nach dem Revolver. Die sechs Kammern waren geladen. Sie nahm die Tablette und seufzte.

»Das Ende eines Feiglings,« murmelte sie. »Er starb an der Angst vor dem Tode.«

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