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Madame und ihre Zwölf

Edward Phillips Oppenheim: Madame und ihre Zwölf - Kapitel 8
Quellenangabe
authorE. Phillips Oppenheim
titleMadame und ihre Zwölf
publisherWilhelm Goldmann Verlag
yearo.J.
printrun6.-15. Tausend
translatorJosef Niggli
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180612
projectid86250d62
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7

Madame hatte einen ihrer schwarzen Tage. Seit 48 Stunden hatte die Sonne nicht geschienen, und doch war aus dem Boden eine Hitze emporgestiegen – eine glühende Hitze, die selbst den Flug der Vögel lähmte und alle Lebensenergie aufsog. In keinem Eckchen des großen Parkes war auch nur das kleinste Lüftchen zu finden, und über St. Jeannette hing eine rabenschwarze Wolke, unbeweglich seit Stunden.

An dem abschüssigen Hang seines Rebberges hinter seinem Landhaus schritt Cardinge langsam an der Seite eines Arbeiters, der die Reben spritzte. An seiner Seite war Claire. Madame beobachtete das Paar; und der Ausdruck der Teilnahmslosigkeit verschwand für einen Augenblick aus ihrem Gesichte. Sie läutete.

»Rufen Sie mir Denise,« befahl sie dem Diener.

Nach einer kleinen Pause trat eine ältere Frau in schwarzem Kleid und weißer Haube ein. Sie blickte auf Madame mit der Ergebenheit der vieljährigen aufopfernden Dienerin.

»Denise, wie alt bin ich?« fragte Madame.

Die Frau zögerte.

»Madame hat verschiedene Alter.«

»Die Wahrheit,« verlangte Madame.

»Madame wird diesen Monat 46,« gestand Denise. »Ich muß es wissen, denn ich diente schon Ihrer Mutter, als Sie geboren wurden.«

»Und wie alt scheine ich?«

»Zwischen 30 und 35,« entschied die Dienerin.

»Ich werde alt, Denise.«

»In den nächsten Jahren noch nicht,« versicherte Denise. »Und bis dahin kommt er zurück, und dann werden Sie wieder jung.«

Die Frau von 46 Jahren, die so traurig in die Berge hinaus schaute, seufzte.

»Sie sind alle gekommen bis auf vier, Denise,« sagte sie. »Aber er war nicht dabei.«

»Er wird aber kommen,« meinte die Kammerfrau mit Überzeugung.

»Heute fühle ich, daß er nicht kommen wird.«

Denise hob beschwörend ihre braunen Hände.

»Heute? Wer hält sich an das Heute. Heute ist die Luft voller Todesahnungen. In der Küche kann niemand arbeiten. Die Gärtner draußen schlafen mit dem Werkzeug in der Hand. Aber bald bricht das Gewitter los, und dann ist alles vorbei.

*

Draußen im Weinberg schaute Claire dem Spritzen der Reben zu und erstickte beinahe. Die Hitze war unerträglich. Der Sonnenschirm war zwecklos, denn es schien gar keine Sonne. Mr. Cardinge stand der Schweiß auf der Stirne. Der Grund, auf dem sie standen, schien zu kochen.

»Kommen Sie zum Essen, Hugh,« bat Claire.

»Mein Kind,« gab er zurück, »ich zweifle sehr, ob es sich für Sie ziemt, einen Mann in reiferen Jahren mit dem Vornamen anzureden. Und wie soll ich zu Ihnen essen kommen? Es ist schon halb elf und sehen Sie sich die Verfassung an, in der ich mich befinde.«

»Erstens warte ich auf Sie in der Vorhalle,« erwiderte sie. »Und dann nenne ich Sie genau so, wie es mir am besten gefällt. Und schließlich sind Sie noch gar kein Mann in reiferen Jahren.«

Er lächelte.

»Ich sehe Madames Gesicht, wenn ich es wagen wollte, ihr in diesem Zustande unter die Augen zu treten. Das Zeremoniell hat sie in allen Lebenslagen nie aufgegeben.«

»Sie haben nicht lange Zeit, Hugh,« drängte sie. »Sie ziehen den grauen Anzug an, der Ihnen so gut steht, einen weißen Kragen und eine von den besseren Krawatten, die Sie so sorgfältig weggeschlossen haben.«

»Sie sind aber ein aufmerksames Kind!« lachte er. »Was soll aber aus meinen Reben werden, wenn ich mich davonmache?«

»Sie können doch die Leute nicht über Mittag arbeiten lassen,« warf sie ein. »Sehen Sie nur Jacques an. Es ist beinahe zu Ende mit ihm. Sie müssen auch ihre Siesta haben.«

Er warf einen Blick auf die unbeweglichen Wolken. »Es ist ein Gewitter im Anzug, und wir sollten mit dem Spritzen vorher fertig werden. Aber meinetwegen, so sei es. Jacques, es ist genug. Sie können zum Essen gehen.«

Jacques warf ebenfalls einen Blick auf die Wolken. Dann streckte er sich, zog eine Flasche heraus und trank. »In einer Stunde müssen wir wieder anfangen, Herr,« erklärte er.

Claire und Hugh schritten auf das Landhaus zu.

»Wundervolle Leute, diese Arbeiter,« meinte Hugh. »Ich bin überzeugt, Jacques würde sein Leben in die Schanze schlagen, um ein Unglück abzuwenden, so verehrt er den Weinberg.«

»Wenn ich noch hier bin,« kündete Claire an, »so gehe ich bestimmt zum Winzerfest. Es soll wunderbar sein. Ich muß wissen, ob es noch so etwas wie herzliche Fröhlichkeit auf der Welt gibt. Wir alle sind hier so traurig in letzter Zeit.«

Er schaute sie überrascht an.

»In Ihrem Alter,« protestierte er, »sollte man die Fröhlichkeit nicht erst suchen müssen. Ich dachte, Sie seien hier glücklich. Sie sind doch gewiß gerne hier?«

»Gewiß bin ich gerne hier,« gestand sie. »Aber was sollte mich hier glücklich machen? Madame ist selten freundlich mit mir. Es bedrückt sie etwas. Sie scheint immer nur da zu sitzen und auf etwas zu warten.«

»Und Armand?«

»Mit Armand bin ich schon gar nicht zufrieden. Ich glaubte einst, ich könnte seine Frau werden, wenn Madame es absolut haben wollte. Ich erlaubte ihm, von solchen Dingen zu sprechen. Ich ließ mich sogar von ihm küssen. Und dann war ich unzufrieden mit mir. Ich kann Armand einfach nicht lieben. Und ich glaube auch nicht, daß er lieben kann.«

»Sie sind noch sehr jung,« warf er ein.

»Haben Sie mir nicht gesagt, Jugend sei ein besserer Führer zu der Wahrheit als Erfahrung? Ich bin froh, daß Armand in Deauville ist und hoffe, Madame gibt den Gedanken auf, daß ich auch dorthin gehen soll. Sagen Sie, Hugh, wieviele dieser seltsamen Besuche erwartet Madame eigentlich noch?«

»Wenn alle dem Rufe Folge leisten, sind es noch vier. Aber der eine, den sie am liebsten hier haben möchte, wird wahrscheinlich gar nicht kommen.«

»Ist es das, was sie so traurig macht?«

»Sehr wahrscheinlich.«

»Und Sie,« fuhr sie plötzlich fort und schaute zu ihm hinauf. »Warum sind Sie immer so niedergeschlagen?«

»Ich und niedergeschlagen,« lachte er. »Wie können Sie so etwas sagen? Ich bin vollkommen glücklich. Seit ich diesen Hof gekauft, habe ich alles, was ich nur wünschen kann.«

»Dummkopf,« schalt sie.

Sie hatten den Eingang zum Landhaus erreicht und er stellte ihr auf der Veranda eine Chaiselongue zurecht. Dann wandte er sich dem Hause zu.

»Hugh!« rief sie ihm nach.

Er blieb stehen.

»Nun?«

»Ich weiß, was mit Ihnen los ist. Sie fühlen sich einsam.«

»Unsinn!« rief er zurück.

Dieser Zornausbruch schien sie zu amüsieren. Sie blieb still liegen und lachte in sich hinein. Ein Stück Fröhlichkeit hatte sie bereits zurückgewonnen.

Nach dem Essen blieb Madame in dem einzigen kühlen Raum, dem verdunkelten Wohnzimmer. Cardinge aber ging auf die Terrasse hinaus und Claire folgte ihm. Es waren Anzeichen eines Wetterumschlages da. Der Wind sprang in Wirbeln auf, die direkt aus der Erde herauszuquellen schienen.

»In wenigen Minuten werden wir das Wetterleuchten sehen,« prophezeite Cardinge. »Nach ihm die Sintflut. Nun, wir haben getan, was wir tun konnten.«

Kaum hatte er ausgesprochen, wurden ihre Augen geblendet. Die Luft schien angefüllt mit unsichtbaren Blitzen. In den fernen Bergen donnerte es, tief und drohend. Kaum hatte der erste Schlag ausgerollt, so folgte ihm ein zweiter, stärkerer. Ein einziger Regentropfen, groß wie ein Fünffrankenstück, fiel auf die Terrasse. Um die Straßenecke kam ein Auto gesaust. Claire faßte den Arm ihres Begleiters.

»Sehen Sie, Hugh,« rief sie. »Es sitzt nur ein einziger Mensch drinnen. Sollte es ein Jünger sein?«

Wieder ein Donnerschlag. Der Wind wirbelte Rosenblüten und Orangenblätter durch die Luft.

»Wer es auch sein mag,« meinte Cardinge. »Seine Ankunft erfolgt in dramatischer Form.«

*

Cardinge brachte den Besucher zu Madame. Dieser trat auf sie zu, die kurzen fetten Hände ausgestreckt. Ein Lächeln, das eine ganze Generation von Frauen unwiderstehlich gefunden hatten, lag auf seinen Lippen.

»Madame,« rief er aus. »Wie immer, Ihr Diener und Sklave! Erinnern Sie sich nicht mehr an mich?«

»Gewiß doch,« murmelte sie.

»Ich bin immer noch Rapasto,« verkündete er, als er die schönen Hände an die Lippen führte und sie mit gemachtem Widerstreben wieder losließ. »Die ganze Welt kennt diesen Namen. In unzähligen Ländern hat man mir große Titel angeboten. Ich habe sie zurückgewiesen. Ich bin Ich. Ich bin Rapasto! – Sie wußten es?«

»Ich wußte es,« stimmte Madame bei.

»Ich ahnte es,« echote Cardinge.

»Oft dachte ich daran, Ihnen eine Nachricht zukommen zu lassen,« fuhr der Besucher fort. »Ich dachte, der Gedanke würde Sie beglücken, daß ich, der ich einst Ihr Helfer war, so weltberühmt geworden bin. Aber die Zeit rast dahin, Sie verstehen? Die Gelegenheit ging vorbei. Mein Ruhm zwingt mich, in der ganzen Welt herumzureisen. Ich singe und vergesse ganz, daß ich noch auf der Welt bin.«

Claire und Cardinge tauschten belustigte Blicke.

»Erlauben Sie, daß ich Ihnen einen Stuhl anbiete,« bat Claire. »Wenn das Gewitter vorbei ist, können Sie unsere Aussicht bewundern.«

Rapasto setzte sich. Er war ziemlich korpulent und liebte das Stehen nicht.

»Ich danke Ihnen, mein Kind,« sagte er. »Madame, Ihre Jungfer ist entzückend ...«

»Sie wird sich sicher sehr geehrt fühlen,« murmelte Madame.

»Zigarren oder Zigaretten,« lud Cardinge ein.

Rapasto schloß mit einem kleinen Schauer die Augen.

»Nichts derartiges,« antwortete er. »Ich habe eine der größten Gottesgaben, die jemals der Welt geboten wurden, zu hüten. Es ist eine heilige Sendung. Ich würde leidenschaftlich gerne rauchen, aber ich darf nicht.«

Eine kleine Pause trat ein. Rapasto lächelte sie an, als wollte er sich Mühe geben, ihnen sein Wohlwollen zu zeigen. Er wollte sich liebenswürdig zeigen. Er war geneigt, sie zu unterhalten. Er wollte sich herablassen.

»Madame,« begann er wieder und zeigte drei Ringe mit prächtig geschnittenen Steinen an seinem Finger. »Sie sind verblüffend. Sie sehen noch so jung aus, wie in den glücklichen Tagen, die wir zusammen verlebten, vor – was werden es sein – 15 Jahren.«

»Lassen wir lieber die Daten weg,« seufzte Madame.

»Warum nicht?« stimmte er zu. »Ich habe auch Glück gehabt. Ich bin immer noch jung und dank meinem bedachtsamen Leben habe ich auch meine Jünglingsgestalt bewahrt.«

Die Augen aller richteten sich wie auf Kommando auf die breit ausladende Weste des Gastes. Er selber schaute mit einem gewissen Wohlgefallen an sich herunter.

»Diese Weste sitzt mir allerdings nicht,« meinte er. »Aber Sie sollten mich im Badekostüm sehen – nun, ich will mich nicht brüsten. Erzählen Sie mir jetzt lieber, was Sie dachten, Madame, als Sie entdeckten, daß ich einer Ihrer – wie nannten wir uns doch – Ihrer Jünger war?«

»Sie sind es immer noch,« erwiderte Madame trocken. »Sie sind einer von denen, die bis jetzt ihre Entlassung noch nicht erhalten haben.«

Rapasto strich über den Schnurrbart.

»Ganz recht,« murmelte er. »Es ist da eine kleine Formalität zu erfüllen, ich erinnere mich – ein Verpflichtungsschein einzulösen, wie Sie sich ausdrückten. Das hat aber Zeit. Ich bin eben erst angekommen und bin gespannt, von denen, die mich noch als ganz gewöhnlichen Sterblichen gekannt haben, zu hören, was für ein Gefühl sie hatten, als sie plötzlich ihren früheren Kameraden als Weltberühmtheit entdeckten.«

»Ich wußte gar nicht, daß Sie einen Ton singen konnten,« gestand Madame.

Rapasto lehnte sich in seinen Stuhl und lachte. Aber es war mehr Wohlklang als Fröhlichkeit in seinem Lachen.

»Das ist sehr gut,« erklärte er. »Aber es wundert mich gar nicht. Ich selber bin doch in jenen Tagen herumgelaufen ohne eine Ahnung, was für ein einziges Gut in mir steckt. Ich hätte mich sonst besser in acht genommen, meinst du nicht auch, Cardinge?«

Cardinge lächelte.

»Ich habe nie bemerkt, daß du dich bei unseren kleinen Unternehmungen besonders exponiert hättest.«

»Du hast aber ein schlechtes Gedächtnis,« erwiderte Rapasto verstimmt. »Ich erinnere mich an verschiedene Abenteuer, wo ich mich in großer Gefahr befand. Wenn die Welt davon eine Ahnung gehabt hätte! Ein Glück, daß sie nichts ahnte. Ihr habt sicher verschiedene meiner Biographien gelesen. Diesem Kinde hier zuliebe, das sich dieser Stunde sein Leben lang erinnern wird, will ich persönlich gestehen, daß die Schilderungen meines ruhmreichen Aufstieges, welche die amerikanischen Zeitungen veröffentlichten, die besten sind. Wie ihr wißt, war es in New York, wo ich plötzlich den Gipfel erreichte, den vor mir noch kein Lebender erklommen hat – und den keiner erklimmen wird, so lange ich lebe.«

»In New York?« fiel Claire ein. »Wollen Sie uns nicht davon erzählen?«

Rapasto lächelte nachsichtig.

»Mein Kind,« antwortete er, »das ist ein Stück Weltgeschichte. Ich könnte Ihnen aus dieser glorreichen Zeit nichts erzählen, das nicht schon in goldenen Lettern aufgeschrieben wäre. Kurz, ich sang und da gab es auch nicht einen einzigen Menschen unter den Zuhörern, der nicht gefühlt hätte, daß etwas ganz Neues in die Welt eingetreten war. An diesem Abend, als die Vorstellung zu Ende war, wurden Blumen und Juwelen, leidenschaftliche Briefchen, ein Diadem, das eine Prinzessin aus ihrem Haar gerissen hatte, auf die Bühne geworfen. Die ganze Straße war angefüllt mit den Autos der Frauen, die auf mich warteten.

»Und Sie?« rief Claire, »was taten Sie?«

Rapastos Finger strichen wieder den Schnurrbart.

»Mein Kind,« sagte er, »wenn ich ein gewöhnlicher Mensch wäre, so wäre das eine verfängliche Frage. Aber ich bin vor allem Künstler. In meinen Adern war in dieser Nacht nichts als der Ruhm meiner Kunst. Meine Künstlerseele triumphierte über alles. Ich ließ mich in das Hotel zurückbringen und schloß mich ein. Ich soupierte ganz allein an dem offenen Fenster. Ich sah auf New York hinaus. Und betete. Ich dankte, daß ich Rapasto war, der sich in diesem Augenblick bewußt war, daß er der größte Sänger aller Zeiten sei.«

Madame hatte ihr Sphynxgesicht. Kein Zeichen von Belustigung war bei ihr zu entdecken.

»Vielleicht nimmt unser Gast etwas Kaffee?« fragte sie.

»Nie einen Tropfen,« wehrte er ab. »Höchstens gelegentlich auf den Rat meines Arztes etwas alten Brandy.«

Er wurde rasch bedient. Claire selber brachte ihm das Glas. Er klopfte ihr auf die Schultern.

»Das wird Ihnen eine Erinnerung für das ganze Leben sein, mein Kind,« sagte er huldvoll, »daß Sie Rapasto mit eigener Hand einen Brandy gereicht haben. Sie werden das Ihren Kindern erzählen, wenn Sie einmal verheiratet sind. Ach, Madame,« fuhr er fort, »ich muß Ihnen leider ankünden, daß mein Besuch nur kurz sein kann. Ich wohne bei meinem Freund, dem Prinzen Madorni in Nizza. Er besteht darauf, daß ich um sechs zurück sei. Der König von Gothland will mich besuchen, und ich darf ihn nicht zu lange warten lassen.«

Madame neigte verstehend das Haupt.

»Vielleicht besuchen Sie uns einmal etwas länger, da Sie doch in der Nachbarschaft wohnen?«

»Ich werde mir alle Mühe geben,« versprach Rapasto mit einem schmachtenden Blick gegen Claire. »Aber wir sind alle Menschen. Wer weiß, was uns das Schicksal noch bringt. Wir wollen die kleine Formalität jetzt abmachen. Geben Sie mir diesen Papierwisch, Madame, und dann wollen wir auseinandergehen.«

Madame machte keine Bewegung.

»Sie sind der achte, der erscheint, um seinen Schein einzulösen,« sagte sie. »Ich kann Sie nicht anders behandeln als die übrigen. Jeder hatte einen Dienst zu verrichten, bevor er den Schein erhielt.«

»Einen Dienst?« wiederholte Rapasto mit wehleidigem Lächeln.

Madame nickte.

»Die Anforderung ist natürlich verschieden, je nach den Fähigkeiten,« fuhr sie fort. »Unser Freund Cardinge hier hat immer noch Abenteuerlust in den Adern und Löwenmut im Herzen. Von ihm mußte ich schon ein kleines Wagnis verlangen – ein kleiner Überfall am hellen Tage. Eine Sache, die Sie sicher auch amüsiert hätte, vor 15 Jahren.«

Rapasto rutschte unruhig auf seinem Stuhle hin und her.

»So was kommt bei meiner Position jetzt natürlich nicht mehr in Frage,« warf er ein.

»Natürlich nicht,« versicherte Madame sanft. »Ich verlange von keinem Jünger etwas, das er nicht erfüllen kann. Ich mache keinen Banditen aus Ihnen. Aber irgend etwas muß ausfindig gemacht werden.«

Rapasto zuckte die Schultern.

»Madame,« begann er. »Ich bin gewiß nicht eitel. Aber wenn ein Jünger zu Ihnen kommt, der unsterblichen Ruhm erworben hat, so können Sie bei ihm doch nicht dieselben Bedingungen anwenden wie bei den anderen. Ich sage nur das: Ihnen bleibt die Erinnerung, daß Rapasto einer Ihrer Jünger gewesen ist. Ist das nicht an sich schon unendlich mehr, als Ihnen ein letzter Dienst von mir noch bieten könnte.«

»Dieser Gedanke wird mich in der Tat immer mit Stolz erfüllen,« räumte Madame ein, »aber er gibt mir nicht das Recht, Sie von dem letzten Dienst zu befreien. Mir kommt da übrigens eine Idee. Meine Freundin, die Comtesse de Pleyell, veranstaltet in Nizza im nächsten Monat drei Konzerte zugunsten des Roten Kreuzes. Sie werden an diesen drei Konzerten singen.«

»Ich werde was?« keuchte Rapasto.

»Sie werden singen,« wiederholte Madame. »Das wird Ihr Beitrag an diese gute Sache sein. Ohne Zweifel werden Sie das Casino füllen.«

Rapasto hielt sich krampfhaft an der Stuhllehne fest.

»Das Casino füllen!« stöhnte er. »Sie machen mir den Vorschlag – mir, Rapasto – in einem Wohltätigkeitskonzert zu singen?«

»Gewiß,« erwiderte Madame. »Sie lösen damit Ihren Schein ein.«

Rapasto saß da wie von einem furchtbaren Schlag niedergeschmettert. Er saß regungslos mit geschlossenen Augen.

»Es sind volkstümliche Preise vorgesehen,« fuhr Madame fort. »10 Franken der Platz. Aber angesichts Ihrer Mitwirkung wird man wohl auf 20 Franken gehen können. Ich werde –«

»Schweigen Sie!« schrie Rapasto. Er zitterte am ganzen Körper. »Das ist Frevel! Blasphemie! Ich hätte mir nie träumen lassen – ich hätte es nie für möglich gehalten, daß sich jemand auf dieser Welt finden würde, der es wagen könnte, von mir zu verlangen, ich sollte in einem Casino an einem Wohltätigkeitskonzert mit 20 Franken Eintritt singen. Es ist einfach absurd! Es kommt mir vor wie ein – Fiebertraum!«

»Wirklich?« rief Madame. »Das müssen Sie uns aber doch etwas deutlicher erklären.«

»Erklären!« stöhnte Rapasto. »Es ist furchtbar, mit solcher Unwissenheit kämpfen zu müssen, mit solcher Verständnislosigkeit gegenüber der höchsten Kunst. Madame, ich kann es noch gar nicht fassen, daß Sie das überhaupt über die Lippen bringen konnten. Können Sie sich denn nicht vorstellen, wie man vorgeht, um mich zum Auftreten zu veranlassen? Da erscheint ein Komitee von einem großen Unternehmen – von Convent Garden, New York oder Paris – und ersucht untertänigst um eine Audienz. Ich sage sie zu, für eine Stunde, die mein Sekretär auswählt. Mein Geschäftsführer geht dann hin. Sie legen einen Kontrakt vor. Mein Geschäftsführer unterhandelt. Ich selbst werde mit diesen Einzelheiten nicht belästigt. Wenn alles fertig ist bis auf die Unterschrift, wird mir der Vertrag vorgelegt. Ich unterzeichne. Vielleicht drücke ich den Besuchern bei dieser Gelegenheit flüchtig die Hand. Sie reisen ab, überglücklich. Sie haben eine große Sendung erfüllt. Ich habe versprochen, zu singen. Am nächsten Morgen sind die Zeitungen der ganzen Welt voll von dieser Neuigkeit. Tausende sind über Nacht glücklich geworden. Rapasto hat versprochen, zu singen!«

»Sehr interessant!« räumte Madame ein.

»Geschäftssachen diskutiere ich nie selber,« fuhr Rapasto fort. »Ich verstehe nichts davon. Ich weiß nur, daß ungeheure Summen bezahlt werden. Man bezahlt mir die höchsten Gagen, die jemals gewährt worden sind. Und man weiß wohl, warum. Wenn es bekannt wird, daß ich singe, spielt der Eintrittspreis keine Rolle mehr. Für jeden Platz finden sich zehn Käufer. Und immer noch gibt es unzählige Frauen, die Tränen aus den Augen wischen, weil sie mich nicht zu hören bekommen.«

»Sehr malerisch ausgedrückt,« bestätigte Madame. »Sie müssen ein ungeheuer reicher Mann geworden sein, mein Freund!«

»Wahrscheinlich,« war die Antwort. »Ich weiß nicht. Vielleicht kann es mein Sekretär sagen. Sie müssen sich an ihn wenden. Ich habe ihn noch nie gefragt.«

»Entschuldigen Sie mich, es ist gewiß eine dumme Frage,« begann Claire, »aber warum hängt denn so viel daran, wenn Sie in drei Konzerten ausnahmsweise ohne diese großen Zeremonien auftreten?«

Er hatte ein mitleidiges Lächeln.

»Mein liebes Kind, eine Gottesgabe wie meine Stimme hat ihren Wert, weil sie so selten ist. Königinnen haben mich gebeten, an ihrem Hofe zu singen. Die schönsten Frauen der Welt haben mir alles geboten, was sie besitzen, für ein paar Noten in ihrem Boudoir. Aber ich kann solche Bitten nicht erfüllen. Ich bin Hüter eines erhabenen Schatzes. Es gibt so viele, die für wohltätige Zwecke singen – aber Rapasto niemals!«

»Ich bedaure. Das sind meine Bedingungen.«

Der Sänger schaute sie ganz entsetzt an. Tränen standen ihm in den Augen. Es war doch ganz unmöglich, daß jemand so wenig Verständnis für ihn hatte.

»Madame,« argumentierte er weiter, »Ihr Vorschlag ist frevelhaft. Die ganze Welt würde empört sein. Mein Geschäftsführer, mein Sekretär, die Komitees der großen Unternehmungen, die auf mich warten müssen, wären außer sich. Es gibt doch genug Leute, die Ihr Casino für 20 Franken per Platz füllen werden.«

»Davon bin ich gar nicht so überzeugt,« erwiderte Madame. »Es braucht heutzutage ziemlich viel, um die Leute in ein Konzert zu locken.«

Er sprang auf, erschüttert, aber noch ungeschlagen.

»Ich gehe jetzt zu meinem Freund, dem Prinzen, zurück,« kündete er an. »Als dieses Gewitter losbrach, fühlte ich, daß es mir Unheil bringen werde. Es ist schlimmer geworden, als ich habe ahnen können. Ich kann nicht mehr. Ich muß gehen.«

»Sie wollen also nicht singen?« fragte Madame.

Er schlug die Arme übereinander, schloß die Augen und schauerte zusammen.

»So können Sie einen populären Vorstadttenor fragen, ob er sich für einen Bazar zur Verfügung stellen wolle,« seufzte er. »Ich bitte Sie, Madame, lassen Sie sich von jemandem raten, der Fachmann ist. Erzählen Sie ihm, was Sie getan haben und folgen Sie seinem Rate. Ich bin nicht beleidigt, ich bin nur außer mir.«

»Das Programm,« erklärte Madame ruhig, als er zum Abschied eine tragikomische Verbeugung inszenierte, »wird nächste Woche gedruckt. Sie wissen, was Sie zu tun haben, wenn Sie Ihren Verpflichtungsschein haben wollen. Hugh, sorgen Sie für Herrn Rapastos Wagen.«

Hugh und Claire gingen auf die Terrasse hinaus, um Abschied zu winken. Der Boden war sturmdurchweicht. Die Blumen lagen in die Erde gehämmert. In der Ferne fiel immer noch schräg der unaufhörliche Regen. Rapasto fuhr weg mit verschränkten Armen, in der Pose eines Napoleons. Claire lachte Tränen.

»Wenn der nur wiederkäme,« rief sie.

»Er wird wiederkommen,« erklärte Cardinge.

Zwei Tage darauf kam er. Er brachte einen Menschen mit, den er als Signor Saul Mattino vorstellte, und der wie eine verwaschene Karikatur Rapastos aussah. Es war sein Sekretär und Manager. Signor Mattino war weltmännisch, aber er klopfte nicht lange auf den Busch.

»Unser großer Freund hier,« begann er, »hat mir gestanden, welche Zumutung Sie ihm bei seinem letzten Besuch gemacht haben.«

Madames Interesse war nicht mehr so groß an der Sache.

»Es war keine Zumutung,« erklärte sie kurz. »Er muß in einem Wohltätigkeitskonzert singen. Das kann auch der Größte.«

»Madame, Sie leben offenbar sehr weltabgeschieden,« stotterte Mattino. »Sie wissen nicht, was das für die Welt bedeutet, wenn Rapasto singt.«

»Es bedeutet, daß den Leuten die Taschen geleert werden, scheint mir,« meinte Madame.

»Dürfen wir diese Frage so frivol behandeln?« empörte sich Mattino mit gewichtigem Stirnrunzeln. »Solche Scherze sind hier doch nicht angebracht.«

Madame machte Cardinge gelangweilt ein Zeichen, und dieser griff prompt ein.

»Wenn ich richtig vermute, Signor Mattino, so sind Sie geborener Amerikaner?«

»Ich bin in New York geboren,« gestand dieser.

»Also können wir reden, wie uns der Schnabel gewachsen ist,« schlug Cardinge vor. »Antworten Sie mir mit Ja oder Nein. Wird Ihr ›großer Freund‹ singen oder nicht?«

»Die Welt würde es nicht gestatten,« klagte Signor Mattino. »Es gäbe einen Aufschrei des Entsetzens von einem Pol zum andern.«

»Dann melden Sie Signor Rapasto, daß sein Besuch zwecklos war,« schloß Cardinge ab.

Jetzt mischte sich Rapasto ein. Aber Madame ließ ihm nicht lange Zeit zu neuen Erklärungen.

»Mein Lieber,« erklärte sie, »wenn jetzt nicht Schluß gemacht wird, erzähle ich hier vor allen Leuten eine kleine Geschichte.«

Rapasto sprang auf. Er schwankte.

»Mattino, führen Sie mich weg,« klagte er.

»Eine ausgezeichnete Idee,« stimmte dieser zu.

»Und Sie brauchen nicht wiederzukommen,« rief ihm Madame nach, »wenn Sie nicht das Verzeichnis der Lieder mitbringen, die ›unser großer Freund‹ singen will. Das Programm wird morgen veröffentlicht.«

Am folgenden Morgen erschien eine imponierende Persönlichkeit. Sein Name war Stuttaker. Madame empfing ihn auf der Terrasse.

»Madame,« begann Stuttaker, »ich bin Signor Rapastos Geschäftsführer.« Und dann begann die gleiche Leier von der unerhörten Zumutung.

»Sehen Sie, Mr. Stuttaker,« unterbrach Madame, »das habe ich alles von Rapasto schon gehört, sein Agent hat es dann wiederholt, und ich brauche es von Ihnen nicht noch einmal serviert zu bekommen.«

»Ich will nicht mehr weiter an Ihr Feingefühl appellieren,« versetzte Stuttaker kühl, »ich will die Sache geschäftsmäßig erledigen. Ich habe mich im Casino erkundigt. Die Einnahme bei ausverkauftem Hause würde 42 000 Franken betragen. Ich biete Ihnen einen Scheck in diesem Betrage.«

»Schade,« seufzte Claire, »ich begann mich schon für seinen Gesang zu interessieren.«

»Du wirst ihn singen hören,« erklärte Madame. »Ich lehne die Offerte ab, Mr. Stuttaker. Gehen Sie zu Ihrem Freund und sagen Sie ihm, er habe zu singen.«

Mr. Stuttaker erhob sich. »Ich weiß nicht, welche Macht Sie über unsern großen Freund besitzen. Aber das kann ich Ihnen sagen: das ist Erpressung schlimmster Art.«

»Sagen Sie Ihrem Chauffeur, er solle recht vorsichtig fahren,« schloß Madame die Audienz. »Es gibt da gefährliche Kurven.«

Nach seinem dritten Konzert fuhr Rapasto wieder vor der Villa vor. Sein Auftreten war ernst und reserviert. Er sah aus wie ein Mensch, der durch ein Tal unverdienter Demütigungen getrieben wurde. Er wurde aber wieder er selbst, als Claire sich erhob und ihn begrüßte.

»Sie haben mich singen hören?« fragte er.

»Gewiß,« sagte sie. »Ich saß in der ersten Reihe und blieb bis fast zum Schlusse. Das letzte Lied hörte ich nicht mehr, da ich mit Hugh zu einer Unterhaltung bei der Comtesse geladen war. Sagen Sie mir, haben Sie eigentlich einen Tenor oder einen Bariton?«

Er zuckte schmerzlich zusammen.

»Meine Stimme läßt sich nicht etikettieren,« erwiderte er.

Madame übergab ihm das Kuvert mit seiner Verpflichtung. Er steckte es ein.

»Madame,« sagte er, »ich habe also sieben Vorgänger gehabt. Ich versichere Sie, keiner hat seinen Schein saurer verdient als ich, keiner hat ihn teurer bezahlt.«

Dann verbeugte er sich und ging.

»Vergessen Sie nicht, den Chauffeur an die Kurven zu erinnern,« rief ihm Madame nach.

»Und wenn Sie wieder einmal singen, benachrichtigen Sie uns,« fügte Claire hinzu. »Vielleicht kommen wir, wenn es nicht zu weit ist.«

Rapasto verbeugte sich nochmals. Dann verschränkte er die Arme und der Wagen startete. Bei der nächsten Ecke tauchte sein Bild noch einmal auf. Er saß immer noch – bewegungslos, finster vor sich hingrübelnd, empört.

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