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Madame und ihre Zwölf

Edward Phillips Oppenheim: Madame und ihre Zwölf - Kapitel 7
Quellenangabe
authorE. Phillips Oppenheim
titleMadame und ihre Zwölf
publisherWilhelm Goldmann Verlag
yearo.J.
printrun6.-15. Tausend
translatorJosef Niggli
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180612
projectid86250d62
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6

Claire schritt durch die Zypressenallee auf das eigentümliche kleine Haus zu, in dem Cardinge, der seinen Kauf abgeschlossen hatte, seine Residenz aufgeschlagen hatte. Sie war ohne Hut, in einem Abendkleid aus dünnem weißen Stoff. Gelegentlich bückte sie sich nach den farbigen Orchideen, die den Weg entlang im Obstgarten wuchsen. Obschon der Weg trocken war, mußte sie doch bei jedem Schritt auf ihre empfindlichen Seidenschuhe achten. Cardinge kam ihr schweigsam entgegen.

»Warum schauen Sie mich denn so an, als ob ich ein Gespenst wäre?« lachte sie ihn an, als er ihr ohne ein Zeichen des Erkennens auf wenige Schritte nahe gekommen war.

»Sie erinnern mich so an die Zeit, als ich noch jung war,« gab er ihr zur Antwort.

»Unsinn!« rief sie aus, und hängte ihren Arm ein. »Sie sind immer noch jung – und schmutzig dazu. Was haben Sie nur gemacht?«

»Ich habe diesen faulen Italienern gezeigt, wie man Gräben aushebt,« erwiderte er lächelnd. »Ich bin in einer furchtbaren Verfassung, nicht wahr?«

»Wissen Sie, was Sie jetzt zu tun haben?« fragte sie.

»Mich waschen, vorerst.«

»Das genügt noch lange nicht. Sie haben sich in Ihren Abendanzug zu werfen und mit mir in die Villa zum Essen zu kommen.«

»Auf Befehl Ihrer Majestät?«

»Madame verlangt es unbedingt. Sie erraten vielleicht, was los ist. Es ist wieder ein Jünger angekommen.«

»Wer mag nur jetzt an die Reihe kommen?« sinnierte er.

Sie schüttelte den Kopf.

Er wurde mir zwar vorgestellt, aber sein Name klingt ungefähr wie das Aufknacken einer Nuß. Er ist dick, stattlich und strahlend. Er hat etwas Teutonisches an sich.«

»Das konnte nur Reinhardt sein,« rief Cardinge.

»So ähnlich könnte es wohl geklungen haben,« gab sie zu. »Die Hauptsache ist jetzt aber, daß Sie in einer Viertelstunde bereit sein müssen. Ich warte hier auf dem Balkon auf Sie und bewundere die märchenhafte Aussicht.«

Sie waren zu dem Landhaus zurückgekehrt, dessen Fenster über die weiten Weingärten, Kornfelder und Olivenpflanzungen in das Tal hinuntergrüßten.

Cardinge brachte einen Stuhl und eilte dann ins Badezimmer, wo zweimal täglich das Wasser für eine Dusche für ihn bereit war. Nachdem er sich angekleidet, ging er sich bei einer behäbigen, düster blickenden Frau entschuldigen – aber seine Entschuldigung wurde höchst ungnädig aufgenommen.

»Und dabei ist das Essen für den Herrn beinahe fertig!« jammerte sie. »Was ist hier zu machen? Wenn ich es noch vor einer halben Stunde gewußt hätte!«

»Aber ich habe es doch selber erst vor zehn Minuten erfahren, Marie!« versuchte Cardinge sie zu besänftigen. »Essen Sie es doch selber mit dem Hausvater!«

Die Haushälterin war entrüstet.

»Solches Essen für unsereinen!« schimpfte sie. »Das wäre noch schöner. Jean würde dabei nur zu viel Wein trinken und nachher noch ins Wirtshaus laufen. Nein, retten wir, was noch zu retten ist.«

Damit nahm sie die Töpfe vom Feuer.

»Wie geht denn das Geschäft, Herr Landwirt?« fragte Claire.

»Nicht übel,« gestand Cardinge, als sie auf die Villa zuschritten. »Ich habe heute 60 Körbe Blumen und Gemüse spediert, und auch die Reben stehen befriedigend. Ich sollte nur noch besseren Absatz für die Eier haben.«

»Ich will versuchen, von morgen ab zwei zum Frühstück zu essen, statt eines,« versprach sie.

»Die Villa ist so schon mein bester Privatkunde,« meinte er. »Sie dürfen sich meinetwegen nicht den Magen verderben.«

»Wegen des Magens habe ich keine Angst, aber ich werde jeden Tag dicker.«

Er warf einen bewundernden Blick auf sie, den er vergeblich zu verbergen suchte. Sie war groß und schlank, mit der leichten Grazie der Sportliebhaberin, und doch wieder mit einer gewissen Gemessenheit in ihren Bewegungen. Der helle Sonnenbrand hatte ihren Teint nur verschönert. Ihre Augen waren gedankentief.

»Sie führen hier ein merkwürdiges Leben, meine Liebe,« bemerkte er plötzlich.

»Sie haben mir das früher schon einmal gesagt,« erwiderte sie. »Warum merkwürdig? Vom frühen Morgen bis zum Abend bin ich von Schönheit und Luxus umgeben. Was gibt es Besseres?«

»Sie sollten mehr Bekanntschaften haben, Bekanntschaften Ihres Alters.«

»Ich habe Armand, der manchmal ganz vernünftig ist,« erwiderte sie. »Und dann habe ich doch Sie, den besten Freund, den man sich wünschen kann.«

»Ich bin kein Altersgenosse,« warf er brüsk ein. »Ich gehöre zu der Generation Ihrer Eltern.«

»Wahrhaftig? So habe ich Sie noch nie eingeschätzt. Für mich sind Sie einfach der gute Kamerad, den ich immer um mich haben möchte, wenn er nicht brummig ist. Hören Sie doch endlich auf, sich einzureden, Sie seien der Vetter des alten Methusalem. Wie alt sind Sie eigentlich, Hugh?«

»Wie können Sie das nur fragen?« protestierte er.

»Weil ich immer glaube, Sie geben sich älter, als Sie sind,« drängte sie. »Ich glaube nicht, daß Sie auch nur einen Tag älter als 37 sind. Ich bin zwanzig, und zwölf Jahre Unterschied sollte zwischen Mann und Frau sein. Also sind Sie fünf Jahre älter als ich. Was aber sind vier oder fünf Jährchen, Hugh?«

Ihre Augen suchten die seinen mit einer Bitte, auf die er hart blieb. Er biß die Zähne zusammen.

»Jetzt kommen Sie mir mit Ihrer dunklen Vergangenheit, ich weiß,« seufzte sie. »Warum Sie sich davon so beunruhigen lassen, sehe ich nicht ein. Wir sind hier, glaube ich, alle Verbrecher. Und was Armand anbetrifft, so halte ich ihn nach Neigung und Anlagen für den größten Verbrecher von uns allen. Sie werden mir sagen, was Sie mit dem neuen Gast beabsichtigen, nicht wahr?«

»Madame macht die Pläne,« erinnerte er sie; »doch will ich Ihnen einen Wink geben, wenn ich kann. Wo ist er?«

»Er zieht sich um,« erwiderte sie. »Ich bin sicher, er wird glanzvoll auftreten. Noch niemand hier,« fuhr sie fort. »Ich habe mich nur so in die Kleider gestürzt, um Sie holen zu können. Warten Sie hier, ich muß Madame meinen Erfolg berichten.«

Sie ließ ihn allein. Er ging auf die Rosenstöcke zu, hinter denen gewöhnlich Madames Stuhl versteckt war und blätterte in einem Magazin. Plötzlich hörte er Schritte. Ein beleibter Herr schlenderte über die Terrasse. In seinen Bewegungen lagen Kraft und Elastizität. Sein volles, graubraunes Haar war sorgfältig gebürstet. Er trug einen großen, weißen Schlips mit einer mächtigen Perlnadel.

»Habe ich vielleicht das Vergnügen, einen alten Kameraden zu treffen?« fragte er. Dann brach er plötzlich ab. Er stand Cardinge gegenüber, und dieser sah ihm scharf ins Gesicht. Für einige Sekunden standen sich die Männer stumm gegenüber. Reinhardt wischte sich mit einem Batisttuch den Schweiß von der Stirne.

»Ich dachte, Sie seien tot,« stotterte er endlich.

»Das meinen auch noch andere. Und Sie tun gut, bei dieser Meinung zu bleiben. Sie verstehen mich? Ich bewundere nur Ihre Unverschämtheit, hier zu erscheinen.«

»Ich wurde gerufen. Und Mißachtung eines Befehls von Madame bedeutete früher den Tod. Außerdem möchte ich meinen Schein zurück.«

Madame trat zu ihnen. »Selbst Otto hat den Weg zu uns zurückgefunden,« meinte sie sarkastisch. »Das nenne ich Treue.«

»Madame,« versicherte Reinhardt, »es ist mein Tribut an die Gewalt, die Sie immer über uns Sklaven ausgeübt haben.«

Nach dem luxuriösen Souper pflanzte sich der Gast breit vor Madame auf. Er hatte seine Kaffeetasse in der Hand, Zigarre und Likörglas waren in der Nähe.

»Madame,« sagte er, »ich erhielt Ihr Aufgebot und bin gekommen. Welchen Dienst kann ich Ihnen erweisen?«

»Sie wünschen Ihren Schein zurück?«

»Gewiß,« versicherte er. »Die Episode, von der Sie einen Bericht in Händen haben, ist an sich nicht von Belang, aber aus verschiedenen Gründen würde die Veröffentlichung für mich den Ruin bedeuten.«

»Es freut mich, daß Sie so offen sind,« bemerkte Madame. »Auf welche Weise wollen Sie sich den Schein erwerben, durch Bezahlung oder durch Arbeit?«

»Madame,« erwiderte Reinhardt, »ich habe das Glück, es zu einigem Wohlstand gebracht zu haben. Wenn Sie auf Bezahlung bestehen, so will ich sie leisten. Arbeit würde wahrscheinlich mehr Schwierigkeiten bieten. Ich habe den Geschmack an Abenteuern verloren.«

»Geld nehme ich für mich nicht an,« entgegnete Madame. »Sie werden sich den Schein auf eine besondere Art erwerben müssen. Wie das geschieht, sollen Sie binnen kurzem erfahren. Sie werden sehen, daß die Anforderung Ihre Kräfte nicht übersteigt.«

»Sie werden aber begreifen,« bestand Reinhardt, »daß ich zurzeit nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten möchte.«

»Sie wollen aber Ihren Schein zurück,« entgegnete Madame kurz.

Mehr brachte Reinhardt zu seinem Leidwesen nicht heraus. Madame wünschte ihm frühzeitig Gute Nacht. Cardinge verabschiedete sich kurz darauf ebenfalls. So blieb ihm nichts übrig, als noch eine Flasche Bier zu trinken und sich auch zu Bett zu begeben.

»Ein Glück, daß niemand weiß, wie reich ich bin,« war seine letzte Überlegung vor dem Einschlafen.

*

Als Reinhardt am folgenden Morgen zum Frühstück kam, fand er ein Tischchen für sich allein gedeckt und einen Zettel von Madame mit einer kurzen Instruktion:

»Sie werden für heute Cardinges Weisungen befolgen. Haben Sie Erfolg, so gehört Ihnen am Abend der Schein. – Madame.«

Auf Reinhardts Gesicht stieg ein Schatten auf. Einen ganzen Tag mit Cardinge allein zu verbringen, war nicht nach seinem Geschmack. Kaum hatte er nach dem Frühstück seine Zigarre angezündet, erschien auch schon Cardinge in einem Zweisitzer. Reinhardt betrachtete das Gefährt mit Mißtrauen.

»Holen Sie einen Mantel,« rief Cardinge. »Wir haben eine lange Fahrt vor uns.«

»In diesem Ding hier?« fragte Reinhardt mit einem ängstlichen Blick auf den leeren Sitz neben Cardinge.

»In diesem Ding,« war die gleichgültige Antwort. »Wenn Sie empfindlich gegen Kälte sind, tun Sie gut, einen Mantel mitzunehmen. Ich fahre rasch und es geht in die Berge.«

»Der Teufel hole Sie und Ihren Wagen,« war das erste Wort, als Reinhardt aus dem Vehikel auf die staubige Straße hinauskletterte.

»Schade, daß Sie uns beide nicht ausstehen können,« lächelte Cardinge. »Nicht jeder Dreißigpferder würde Sie ohne einen einzigen Halt auf eine Höhe von 7000 Fuß bringen.«

»Wir hätten jeden Augenblick zerschmettert werden können an einer dieser unheimlichen Kehren,« versetzte Reinhardt verdrießlich.

»Ich kann nichts dafür, daß wir bergwärts an der Außenseite fahren mußten,« meinte Cardinge. »Sie werden es auf der Rückfahrt bequemer haben.«

»Und wo sind wir denn jetzt?« fragte sein unzufriedener Passagier. »Wohnt denn ein vernünftiger Mensch hier oben?«

»Dieses Schloß gehört dem Marquis de Montercey,« klärte ihn Cardinge auf. »Wir werden ihm einen Besuch machen.«

»Wozu?«

»Das werden Sie gleich erfahren.«

Ein Türhüter in Livree öffnete ihnen und nahm mit einer Verbeugung Cardinges Karte entgegen.

Sie durchschritten den Hof und kamen in einen terrassierten Garten. Selbst Reinhardt konnte seine Überraschung nicht verbergen, als sie Umschau hielten. Die Gärten waren nicht groß und endeten bald in einem steilen Abfall, aber sie waren prächtig instand gehalten, und den Abschluß bildete das Schloß, flankiert von runden Türmen. Die graue, gut erhaltene Front erschien weit entfernt in einer beinahe phantastischen Unwirklichkeit. An den Wänden rankten Rosen von einer für diese Höhe wunderbaren Farbenpracht. Da gab es weiter Verbena und Heliotrop, und an geschützten Plätzen standen Orangenbäume in Blüte. Auf den Steinbänken und in Liegestühlen saß eine Schar Männer, alle in Anstaltskleidung, betreut von Krankenschwestern.

»Was ist denn das?« fragte Reinhardt. »Ein Spital?«

Cardinge schüttelte den Kopf.

»Es ist eines der berühmtesten Schlösser Frankreichs,« erklärte er. »Der Marquis ist aber ein unglücklicher Mensch. Er hat seine drei Söhne im Kriege verloren. Zu ihrem Andenken pflegt er hier eine Schar Invaliden.«

»Und was soll ich hier?«

»Das werden Sie gleich sehen. Wir machen jetzt dem Marquis unsere Aufwartung.«

Sie betraten das Schloß.

»Der Herr Marquis erwartet Sie,« erklärte der Diener und ging voran. Sie folgten ihm in einen prachtvollen Raum mit Glasfenstern. Ein weißhaariger Greis, der an einem Tische geschrieben hatte, erhob sich und schüttelte Cardinge die Hand.

»Ich habe Herrn Reinhardt zu dem Zwecke hergebracht, den Sie bereits kennen,« sagte Cardinge.

»Sie haben meine armen Pflegebefohlenen gesehen?« fragte der Marquis.

»Ich habe sie gesehen, und sie tun mir aufrichtig leid,« sagte Reinhardt. »Der Krieg hat vielen Völkern Elend gebracht.«

»Sie sehen, unser Freund hat ein mitleidiges Herz,« bemerkte Cardinge. »Der Herr Marquis kann mit seinem Vermögen und den Unterstützungen des Staates und privater Wohltäter, zu denen auch Madame gehört, seine Aufgabe nicht bewältigen. Ich habe ihm daher in Aussicht gestellt, daß Sie, Reinhardt, ihm Ihre Sympathie durch eine großherzige Spende ausdrücken werden. Sie haben doch Ihr Scheckbuch bei sich?«

»Gewiß,« räumte Reinhardt verdrießlich ein.

»Der Herr Marquis wird von Ihnen die Summe von 500 000 Franken für seine wohltätige Arbeit bekommen. Der Betrag wurde durch Madame festgesetzt.«

Reinhardt blickte mit zitternden Lippen von einem zum andern. Dann zog er sein Scheckbuch hervor und schrieb ohne eine Einwendung.

*

Talwärts glitten sie in immer weiter werdenden Kurven aus der prickelnden Bergluft in das warme sonnendurchwärmte Tal hinab. Auf halbem Wege zündete sich Reinhardt eine Zigarre an.

»Sie haben mich für den Schein einen netten Preis zahlen lassen,« meinte er. »Auch die Aufmachung war etwas theatralisch. Hoffentlich erreiche ich jetzt noch den Nachtzug nach Nizza?«

»Darüber wird Madame entscheiden,« antwortete Cardinge.

Madame hörte den Reisebericht mit ihrem undurchdringlichen Schweigen. Nach dem Essen hatte Reinhardt seine Geister wieder etwas aufgefrischt und wurde gesprächig.

»Hören Sie,« kündete er an, »ich habe jetzt genug von diesem Theater – in die Wolken hinauf auteln auf zwei Rädern und Spitäler besuchen. Was dieser Marquis da tut, ist ja ganz hübsch – ich habe dafür aber auch eine hübsche Summe bezahlt. Und jetzt möchte ich meinen Schein und mich verabschieden.«

Madame griff nach einer Rose und sog mit halbgeschlossenen Augen einen Augenblick ihren Duft ein.

»Wenn Sie diesen Schein haben, wird ein Stein von Ihrem Herzen fallen, nicht wahr?«

»Ich leugne es nicht,« gab Reinhardt zu. »Wir sind – oder waren alle Verbrecher. Warum sollte ich nicht froh sein, wenn ich mein Geständnis wieder in Händen habe?«

Madame nickte. »Wir waren alle Verbrecher, gewiß. Aber nicht – Spione.«

»Sie haben mein Bekenntnis gelesen?« rief er aus.

»Gewiß, und ich habe es nicht vergessen.«

»Ich gehorchte einem höheren Befehl.«

»Und Ihr Leben war Tag für Tag ein Betrug, Ihre Freundschaft für unser Land eine Heuchelei.«

»Es ist vorbei. Geben Sie mir meinen Schein.«

Madame zuckte die Schultern.

»Vergessen Sie nicht, daß Sie nichts zu fordern haben. Es kann sich nicht um ein Recht, sondern lediglich um einen Gnadenakt handeln. Sie haben sich während der Kriegszeit ein großes Vermögen zusammengehamstert.«

»Andere haben auch Reichtümer angesammelt.«

»Die anderen mögen sie behalten. Ich habe hier eine Liste von sieben Gesellschaften, die den Zweck haben, die Kriegsschäden zu mildern. Ich habe Ihren Namen auf jeder dieser Listen eingesetzt als Subskribent für je eine Million.«

Reinhardt lachte erregt auf.

»Sie sind verrückt.«

»Im Gegenteil,« erwiderte Madame ruhig. »Ich bin sehr sorgfältig zu Werke gegangen. Nach meinen Erkundigungen wird das Ihr halbes Vermögen in Anspruch nehmen. Sie bleiben immer noch ein reicher Mann und laufen nicht mehr Gefahr, eines Tages mit dem Rücken gegen eine Wand gestellt zu werden.«

»Ich lehne ab,« brüllte Reinhardt. »Weiter habe ich nichts zu sagen. Ich lehne ab. Behalten Sie meinen Schein.«

»Das ist aber sehr unklug von Ihnen,« fuhr Madame fort. »Der Chef der Sicherheitspolizei in Nizza ist ein guter Freund von mir. Ich habe ihn gebeten, mir einen vertrauenswürdigen Beamten zu schicken, der jetzt im Garten die Zeitung liest. Er ist der Meinung, ich sei einem gewöhnlichen Hochstapler auf der Spur. Stellen Sie sich vor, was für eine Freude er hätte, wenn er wüßte, welch Vogel im Garne sitzt.«

Reinhardt brach völlig zusammen.

»Überlegen Sie sich, wie lange es braucht, bis Sie das Geld auf der Bank in Nizza deponiert haben,« riet Madame freundlich.

»Ich müßte nach Deutschland zurückkehren,« stöhnte Reinhardt.

»Das wollen wir lieber vermeiden,« meinte Madame. »Mein Neffe hier kann die Reise in Ihrem Auftrag unternehmen. Sobald er mit dem Geld den französischen Boden erreicht hat, sind Sie frei, bis dahin sind Sie mein Gast.«

Reinhardt studierte das Teppichmuster auf dem Boden. Madame erriet wieder seine Gedanken. »Mein Freund, der Chef der Sicherheitspolizei in Nizza, vertraut mir in dieser Sache vollständig. Er begnügt sich damit, den vermeintlichen Hochstapler Tag und Nacht überwachen zu lassen. Wenn er wüßte, um wen es sich handelt – und bei einem Fluchtversuche erführe er das –, so könnte Sie auch meine Freundschaft mit dem hohen Beamten nicht retten.«

Ratlos saß der Mann da, blickte zum Fenster hinaus, dann wieder an die Decke hinauf. Ihm gegenüber saß unerbittlich und kalt wie eine Schicksalsgöttin Madame. Reinhardt hing an seinem Gelde, aber noch mehr an seinem Leben.

»Wenn der halbe Betrag –« begann er.

Madame schloß gelangweilt die Augen.

»Sie haben mich noch nie feilschen sehen, weder um Geld, noch um Leben, noch um andere Güter.«

»Es wird lange dauern, bis ein so immenser Betrag aufgetrieben ist,« wandte er ein.

»Unsere Gastfreundschaft kennt keine Grenzen,« versicherte sie ironisch.

*

Am neunten Tage kehrte Armand zurück und Reinhardt erhielt seinen Schein. Er verbrannte ihn auf der Terrasse und schaute zu, bis der Wind den letzten Rest der Asche weggeweht hatte. Dann bestieg er den Wagen, ohne sich mit Abschiednehmen noch lange aufzuhalten.

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