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Madame und ihre Zwölf

Edward Phillips Oppenheim: Madame und ihre Zwölf - Kapitel 6
Quellenangabe
authorE. Phillips Oppenheim
titleMadame und ihre Zwölf
publisherWilhelm Goldmann Verlag
yearo.J.
printrun6.-15. Tausend
translatorJosef Niggli
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180612
projectid86250d62
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5

Claire, Madames hübsche Nichte, war entzückender als je, als sie etwas müde in weißem Tenniskleid und einfachem Hute die Treppe zum Sportklub hinaufstieg. Sie begrüßte Cardinge mit bezauberndem Lächeln, legte ihren Arm in den seinen und nahm mit ihm zusammen die letzten Stufen.

»Bestellen Sie mir etwas Tee, Hugh, und erzählen Sie mir etwas Nettes,« bat sie.

»Was ist denn los?« fragte er besorgt.

»Nichts ist los.« Sie zuckte die Achseln. »Es liegt in der Luft. Es gibt Momente, wo ich Armand und alle seine Freunde hasse. Ich kann diese Spanier, mit denen er so freundlich ist, diese Lobetos, nicht ausstehen. Wir haben mit ihnen Tennis gespielt, heute mittag. Die Hälfte ihres Geschwätzes verstehe ich nicht, und was ich verstehe, irritiert mich. Armand sollte Militärdienst tun oder arbeiten. Ich bin sicher, ich werde ihn nicht mehr lieben können.«

»Lieben Sie ihn denn jetzt?« fragte er, als sie Platz genommen und Tee bestellt hatten.

»Das weiß ich selber nicht,« gestand sie. »Er ist ein hübscher Mann, wie Sie wissen, abgesehen von diesem gelegentlichen, häßlichen Zug um den Mund. Niemand kann meinen Namen so liebkosend aussprechen wie er – wenn er in guter Laune ist. Manchmal übernimmt es mich, ihn nur in meiner Nähe zu wissen, manchmal stößt er mich einfach ab.«

»Das klingt nicht gerade zuversichtlich,« meinte Cardinge trocken.

»Gewiß nicht,« gab sie zu. »Sehen Sie, Hugh, wenn es mir nur um einen Flirt zu tun wäre, könnte ich Armand anbeten. Aber mir liegt wahrhaftig nicht das geringste an einem Flirt, wenn ich den Mann nicht aufrichtig lieben kann.«

»Madame wünscht Sie mit Armand zu verheiraten,« erinnerte er sie.

»Ich weiß das wohl,« erwiderte das Mädchen, »aber ich glaube nicht, daß Armand heiraten möchte, wenn er darum herumkommen kann. Und was mich anbetrifft, ich bringe es einfach nicht fertig, mir Armand als meinen künftigen Gatten vorzustellen. Sobald ich es erzwingen will, sehe ich ihn mit diesem Zug um den Mund, den ich so hasse. Das Leben ist nicht leicht für ein alleinstehendes Mädchen,« seufzte sie und griff nach einem Sandwich.

»Sie haben Mut und haben Frohsinn,« bemerkte er. »Diese zwei Dinge gehören immer zusammen. Allerdings sind Sie hier etwas verlassen. Ihr einziger Schutz ist Madame, und die ist eine Autokratin.«

»Ich habe doch auch noch Sie,« protestierte sie. »Ich verlasse mich auf Sie mehr als auf irgend einen anderen Menschen.«

»Das ist sehr nett von Ihnen, Claire,« gab er zu. »Aber es ist vielleicht nicht sehr klug. Schließlich bin ich doch ein Zugvogel.«

»Sie denken doch nicht daran, fortzugehen?« rief sie.

»Ich muß.«

Es wurde eine ganze Weile still zwischen den beiden.

»Ich würde das nicht ertragen,« sagte sie endlich einfach.

»Mein kleines Geschäft mit Madame war wenige Tage nach meiner Ankunft erledigt,« fuhr er fort. »Seitdem bin ich ihr Gast.«

»Aber Sie haben Madame doch ungeheuer viel geholfen,« wandte sie ein.

Er zuckte die Achseln.

»Ich bin ihr vielleicht nützlich gewesen. Aber Madame braucht keine Hilfe. Ihr Haus ist voll von Dienern, die sie sich ausgewählt hat. Sie könnte es jederzeit ohne mich machen.«

»Aber sind Sie hier nicht glücklich?« wagte sie schüchtern einzuwerfen.

Er wiederholte das Wort, als wäre es ihm ganz fremd.

»Ich glaube nicht, daß jemand, der ein Leben führt wie ich, auf Glück hoffen darf,« erwiderte er.

»Warum denn nicht? Niemand hat mehr Sinn für die Schönheiten der Welt als gerade Sie. Wem tun Sie denn etwas zuleide?«

»Niemandem etwas zuleide tun, gibt wohl noch kein Anrecht auf Glück!« grübelte er. »Sehen Sie, ich habe ein Abenteurerleben geführt – mit schlimmen Abenteuern. Einen einzigen hellen Lichtschein gab es da, der Rest war gemein.«

»Erzählen Sie mir von dem Lichtschein,« bat sie.

Er schüttelte den Kopf.

»Jetzt darf ich nicht davon sprechen,« antwortete er. »Und doch ist mir, als könnte ich Ihnen einmal davon erzählen – später.«

»Sagen Sie mir nur das eine: war eine Frau mit im Spiele?«

»Nein,« versicherte er. »Es war etwas ganz anderes.«

»Seltsam, daß mich das so froh macht!«

»Macht es Sie froh?«

»Sehr.«

Eine kurze Pause trat ein. Sein Ausdruck verfinsterte sich.

»Haben Sie sich jemals Rechenschaft gegeben, was ich bin?« fragte er. »Neununddreißig Jahre alt, ein berüchtigter Verbrecher, ein Landstreicher, ein Missetäter – und jetzt kommt dazu: ein Verrückter.«

»Sie sind gar nichts von alledem,« erklärte sie empört.

»Zum mindesten verrückt bin ich,« seufzte er.

Verrückt, weil er hier saß mit klopfenden Pulsen, voll Angst, den auffordernden Blicken des Mädchens an seiner Seite zu begegnen. Er befand sich immer noch in dem Sumpf, hatte nicht den Mut, sich herauszuarbeiten. Und sie – er sah sie aus dem Sonnenlicht durch die blühenden Pfade der Mädchenzeit dem Garten gereifter Weiblichkeit zuschreiten. Dann biß er die Zähne zusammen. Plötzlich sah er Armand am Tore warten, zynisch, mit der ewigen Verruchtheit der Schlange in den sanften, braunen Augen. Cardinge sprang ungestüm auf. Seine Gedanken waren weit weg gewandert.

»Wenn Sie fertig sind,« bat er, »so kommen Sie mit und sehen Sie mir beim Spiel zu.«

»Ich möchte lieber noch etwas plaudern,« meinte sie. »Ich darf gar nicht daran denken, daß Sie fortgehen könnten.«

»Ich auch nicht,« gestand er. »Es ist vielleicht Dummheit, aber wissen Sie, was ich versuchen will?«

»Sagen Sie es mir.«

»Ich möchte den Bauernhof gegenüber unserer Villa kaufen.«

»Das wäre ja einzig!« rief sie. »Dann blieben Sie ja unser Nachbar.«

Er lächelte.

»Die Sache ist nicht so einfach. Ich habe nur die Hälfte des Geldes, das notwendig wäre.«

»Madame leiht Ihnen doch jede Summe,« versicherte sie hastig.

»Borgen hat nie zu meinen Lastern gehört,« antwortete er. »Ich habe auch noch eine große Summe Geld auf meinen Namen deponiert. Aber es ist Geld, von dem ich keinen Gebrauch machen will.«

»Aber Sie sollen das Gut kaufen, ich will es,« drängte sie.

»Ich will ja auch,« stimmte er ein. »Ich will jetzt einen Versuch machen.«

»Was wollen Sie tun?« fragte sie.

»Haben Sie es nicht erraten? Ich will spielen.«

Sie blieb unentschlossen stehen.

»Aber wenn Sie verlieren?«

Er zuckte die Achseln.

»Dann bin ich nicht schlechter daran als jetzt. Ich habe mich immer durchs Leben geschlagen und werde es auch weiter tun.«

»Sicher werden Sie das.« Sie ergriff seine Hände. »Aber Sie sollen nicht so reden. Sie sollen gewinnen und das Gut kaufen, und ich komme zu Ihnen als Stallmagd.«

»Kommen Sie jetzt mit mir und bringen Sie mir Glück,« schlug er vor.

»Wieviel müssen Sie gewinnen?« fragte sie.

»Fünfzigtausend Franks. – Nicht viel für einen Spieler.«

»Und was wollen Sie spielen?«

»Roulette,« erwiderte er. »Ich will auf alle Fälle die Qual nicht unnötig verlängern. Ich werde tun, was ich bisher noch nie getan habe. Ich werde Maximum spielen.«

Er wechselte Geld und verschaffte sich einen Platz in der Nähe des Croupiers. Claire folgte ihm an den Tisch. Sein erster Einsatz brachte ihm viertausend Franks ein. Von diesem Moment an hatte er scheußliches Pech. Seine Lieblingsnummern foppten ihn, und er verlor sieben aufeinanderfolgende Maximums. Er spielte gleichmäßig und ohne Aufregung weiter. Claire folgte dem Spiel mit wachsendem Entsetzen. Schließlich war er bei den letzten zwei Tausendern angelangt. Sie beugte sich vor und riß sie ihm aus der Hand.

»Hören Sie,« sagte sie. »Ich habe nie gespielt in meinem Leben. Aber ich habe oft zugeschaut und verstehe das Spiel. Wollen Sie dem Glück einer Anfängerin vertrauen?«

»Warum nicht,« räumte er ein. »Aber ich gehe weg. Ich würde mit meiner Gegenwart alles verderben.«

Sie setzte sich in den leeren Stuhl und begann zu überlegen. Cardinge ging in die Bar, trank einen Whisky und sprach mit Bekannten. Nach einer halben Stunde spazierte er in die Spielsäle zurück. Claire saß noch immer an ihrem Platz, und er sah mit Erstaunen, daß sie einen kleinen Berg von Banknoten und Münzen vor sich angehäuft hatte. Auf einem Blatte Papier schien sie sich eine Buchhaltung angelegt zu haben.

»Ich habe Ihre fünfzig zurück,« strahlte sie, »aber erst sechsundzwanzig an die zweiten fünfzig. Gehen Sie noch etwas spazieren und schauen Sie mir nicht zu. Ich brauche noch etwa zwanzig Minuten, um den Rest zu gewinnen.«

Er ging ganz betäubt weg, sah dem Bakkarat zu und wandte sich dann wieder gegen die Bar. Jetzt erschien auch Claire. Sie war ganz bleich, aber ihre Augen waren angefüllt mit einem warmen Licht. Sie schwang in der Hand ein Bündel Noten. Einer der schweigsamen Aufsichtsbeamten folgte ihr. Sie streckte das Bündel Cardinge entgegen.

»Ich glaube, es ist ein Tausender zu viel,« verkündete sie. »Der ist für die Notariatsgebühren. Der Croupier sagt, ich hätte einen Rekord aufgestellt. Ich habe vierzehn en pleins in einer Stunde gemacht.«

»Aber ich kann das gar nicht annehmen,« begann er zu protestieren.

Sie schaute ihn an, und er verlor kein Wort mehr darüber. Er stopfte das Geld in seine Taschen.

»Jetzt möchte ich ein Glas Wein,« bat sie. »Ich bin müde, aber glücklich.«

Sie schlenderten zusammen hinaus, um auf der Terrasse etwas frische Luft zu schöpfen. Sie lehnten über das Geländer und bewunderten eine wundervolle Yacht, die kürzlich angekommen war und die amerikanische Flagge gehißt hatte. Ein glattrasierter Herr, der eben in einem kleinen Wagen vom Hafen her angefahren war, versuchte sich vergeblich bei den Taxiführern vor dem Club verständlich zu machen. Er wandte sich an Cardinge.

»Erlauben Sie, ich habe fast all mein Französisch vergessen. Könnten Sie mir vielleicht sagen, wie weit es nach Cagnes ist und ob ich mit einem dieser Wagen hinfahren könnte?«

»Gewiß können Sie hinfahren, und zwar in einer Stunde und mit mir,« war die prompte Antwort. »Madame erwartet Sie.«

»Bei allen Himmeln! Cardinge!«

Cardinge nickte.

»Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen Madames Nichte vorstelle,« sagte er. »Wir haben einen Wagen hier und wollen gleich heimfahren. Mr. James B. Dickson – Miß Claire Fanteney!«

*

James B. Dickson nahm die Eindrücke der Villa und ihrer Umgebung in sich auf ohne die Anzeichen der Nervosität, von der die meisten seiner Vorgänger beherrscht waren. Er begrüßte Madame wie einen alten, lieben Freund. Er lobte die Villa, zeigte sich entzückt über die Schönheit des Parks, war geradezu gerührt von der Güte des Cocktails, der ihm geboten wurde, und brachte den Zweck seines Kommens nur im Scherze zur Sprache.

»Natürlich lese ich die ›Times‹ nie,« erklärte er, machte es sich auf der Terrasse bequem, eine Zigarre im Mundwinkel, und streichelte liebevoll den Stengel des Weinglases. »Das hat aber nichts zu sagen. Ich bekam die Botschaft noch zeitig genug. Wahrhaftig, ich mußte erst an dem Chiffrierschlüssel herumraten, so einfach er auch ist. Was ist denn aus allen geworden? Wieviele sind bisher schon hier gewesen?«

Cardinge begann aufzuzählen. Mr. Dickson schien sich an alle wohl zu erinnern. »So laßt ihr also diese schwierigen Burschen herkommen und schickt sie wieder heim. Was hat das denn für einen Zweck?«

»Vielleicht mache ich eine Dummheit,« seufzte Madame, »aber ich löse meinen Klub auf.«

»Aber dann könnten wir doch gleich alle zusammenkommen und uns noch irgend einen Spaß leisten.«

Madame lächelte.

»Mit den Jahren hat sich bei den meisten meiner Jünger ein ganz spießbürgerlicher Respekt vor dem Gesetz entwickelt. Bisher war jeder nur darauf bedacht, so schnell als möglich seinen Schein zu bekommen und sich wieder davonzumachen. Hugh Cardinge hier ist der einzige, der noch etwas bei mir geblieben ist.«

»Was hat es denn für eine Bewandtnis mit diesem Schein, von dem Sie sprechen?«

Madame amüsierte sich heimlich. Sie beobachtete ihren Besucher und betonte jede Silbe.

»Sie erinnern sich, daß jeder Anwärter auf die Mitgliedschaft meines Klubs sich mit einer Übeltat oder einem Verbrechen zu qualifizieren hatte und daß er eine Niederschrift dieser Tat bei mir als Sicherheit zu hinterlegen hatte. Ich habe hier einen Brief mit Ihrer Adresse, der ein Dokument enthält, das Sie mir eines Abends übergeben haben – es war irgendwo in der Gegend von Montmartre.«

»Ach davon redet man besser nicht,« wandte Dickson ein. »Ich fürchte sehr, ich habe da meiner Phantasie etwas freien Lauf gelassen. Ich war doch ganz versessen darauf, in Ihre Gesellschaft aufgenommen zu werden. Man sprach ja damals in Paris von nichts anderem.«

»Phantasie!« wiederholte Madame sanft. »Aber der Mann starb doch im Spital genau an dem Tage, den Sie anführten.«

Dickson hatte möglicherweise etwas zu viel geraucht. Sein sonnenverbranntes Gesicht wurde plötzlich aschfahl.

»Sie haben die Dokumente gelesen?«

»Wie hätte ich sie sonst auf ihre Echtheit prüfen sollen?« erwiderte Madame. »Das war doch mein gutes Recht.«

Mr. James B. Dickson betrachtete nachdenklich den silbernen Cocktaillöffel. Cardinge sprang auf und füllte ihm das Glas. Er stürzte es hinunter, spielte einen Augenblick mit dem leeren Glas und wandte sich dann wieder an Madame.

»Mag nun mein Bekenntnis echt oder gefälscht sein,« sagte er, »ich denke, ich schließe mich den andern an und bitte um meine formelle Entlassung.«

»Diese werden Sie erhalten,« beruhigte ihn Madame. »Sobald Sie sie verdient haben.«

»Verdient?«

Madame seufzte leise.

»Sie sollten mich doch so weit kennen, mein Lieber,« eröffnete sie ihm, »um zu wissen, daß ich ein so wertvolles Dokument nicht ohne Gegendienst aus der Hand gebe. Jeder meiner scheidenden Jünger hat mir entweder eine besondere Unterhaltung geboten oder hat ein kleines Abenteuer finanzieller Natur erfolgreich zu Ende führen müssen.«

»Zu schade,« bedauerte Dickson, »ich habe mein Scheckbuch nicht bei mir.«

»Das würde Ihnen auch nichts nützen,« erwiderte Madame kühl. »Ich habe Ihnen Ihren Schein ja nicht zum Kaufe angeboten.«

»Aber wie soll ich ihn denn erwerben?« fragte Dickson.

»Das werde ich mir noch überlegen müssen,« war die nachdenkliche Antwort. »Ich weiß nie, wer der nächste Ankömmling ist und kann daher auch keine Pläne im voraus entwerfen.«

»Gut, aber eines, Madame,« erklärte Dickson. »Da drüben in New York bedeute ich etwas. Es hat sich seit unseren gemeinsamen Tagen manches geändert. Ich habe für einen angesehenen Namen und ein großes Vermögen Sorge zu tragen.«

»Hugh, zeigen Sie unserem Gaste, wo er sich die Hände waschen kann. Es ist Essenszeit,« erwiderte Madame kühl.

*

Einige Tage später saß Mr. Edgar Franks bei seinem Freund James B. Dickson auf dem Deck von Dicksons wundervoller Yacht. Es war eine Stunde höchsten Wohlbehagens. Neben ihnen standen Kelche mit einer bernsteinfarbenen, fluoreszierenden Flüssigkeit. Das Meer war blau und ruhig wie ein See im Märchenlande. Ein sanfter Wind machte die Wärme gerade erträglich.

»Es ist doch seltsam, wie man so zusammentreffen kann,« meinte Edgar Franks. »Es sind doch mindestens acht Jahre, seit wir uns kennen gelernt. Laß sehen, es mochte zwei Jahre vor dem Tode des armen Henry gewesen sein, der im Spital so elend umkam. Du hast meinen Bruder doch gekannt?«

»Nur flüchtig,« entgegnete Dickson. »Wir sahen uns gelegentlich.«

Edgar Franks grub weiter in der Vergangenheit nach.

»Richtig, da fällt mir ein,« fuhr er fort. »Ihr beide standet nicht besonders gut. Da waren Konzessionen in Rumänien, die ihr beide erwerben wolltet. Und dann hatte Henry immer so Ideen – wegen seiner Frau. Der Kerl war schon eifersüchtig, als er noch Junge war.«

»Ich glaube selber auch,« gestand Dickson, »daß wir nicht die besten Freunde waren.«

»Er hat einen schrecklichen Tod erleiden müssen,« seufzte Franks.

Dickson gab keine Antwort mehr. Er studierte angelegentlich den Horizont.

»Ja, ja, die Welt ist voll Verleumdungen,« sinnierte Franks weiter. »Man muß sich nicht darum kümmern, gar nicht darum kümmern.«

»Ganz recht,« fiel Dickson ein. »Die Leute sind rasch damit bereit.«

Sein Gast blickte zur Mastspitze hinauf. »Es ist doch etwas wundervolles, diese Telegraphie. Hier steh' ich in direkter Verbindung mit meiner Villa. Und das halbe Dutzend Nachrichten, die ich in den letzten 48 Stunden ausgesandt habe, beruhigt den ganzen Markt an der New Yorker Börse. Vor einiger Zeit hatte ich ernstlich Verdacht, der offizielle Kabeldienst von hier aus werde irgendwo abgefangen. Jedenfalls wurden Nachrichten, die mir hier zukamen, auf irgend eine Weise einer anderen Gruppe von Interessenten zugänglich gemacht. Jetzt, mit der drahtlosen Station im eigenen Hause, ist das ganz ausgeschlossen.«

»Es ist wohl ein großer Umsatz auf dem Ölmarkt,« meinte Dickson.

»Kolossal,« brüstete sich Franks. »Und dazu empfindlich – ganz außerordentlich empfindlich. Ich sage dir, wenn ich nur zwei bis drei Tage nicht mit meinen Agenten in Verbindung stünde, würden meine Ölaktien um mindestens zehn Punkte fallen. Darum kable ich doch täglich. Oft lohnt es sich, sie zwei oder drei Punkte verlieren zu lassen, dann müssen sie wieder gehoben werden. Es ist ein aufregender Sport.«

»Aber wenn Ihre drahtlose Station in Unordnung geriete?« meinte Cardinge, der eben vorbeibummelte.

»Ausgeschlossen,« war die selbstsichere Antwort. »Und wenn auch etwas passierte, so ist doch immer noch die Station in Nizza da und im Notfall ist ja auch der ordentliche Kabelweg noch offen, wenn ich mit diesem auch am liebsten nichts mehr zu tun haben möchte.«

»Haben Sie die Telegraphendirektion in dieser anderen Sache aufgesucht?« fragte Cardinge neugierig.

»Gewiß,« erwiderte Franks. »Aber ich habe die Sache nicht weiter verfolgt. Ich hatte in dieser Zeit nämlich noch so ein kleines Abenteuer, das mit dem Telegramm in Verbindung stehen kann. Ich habe bisher zu keinem Menschen davon gesprochen. Wenn ich mir die Sache aber überlege, muß ich mich doch fragen, ob die Schuld bei den Telegraphenbehörden zu suchen ist.«

»Ein Abenteuer?« wiederholte Cardinge.

Edgar Franks nickte nachdenklich.

»Wenn ich es euch beiden erzähle, so werdet ihr verstehen, daß ich nicht wünsche, daß weiter davon gesprochen wird ...«

»Das ist doch selbstverständlich,« versicherten beide.

»Also. Ich hatte das Telegramm in der Tasche, als ich vom Golfklub, wo ich es erhalten hatte, heimfuhr. Ich will nur gestehen, daß ich recht gut gegessen hatte und etwas schläfrig war – aber ihr könnt ja dann selber urteilen. Ich muß jedenfalls das Auto auf dem Weg zu meiner Villa gestoppt haben und eingeschlafen sein. Aber als ich erwachte, machte ich ein paar Beobachtungen, die ich mir nie recht habe erklären können. Da waren einmal Spuren, als hätte ein anderer Wagen an dem gleichen Platze ebenfalls einen Halt gemacht, und dann fehlte zwar nichts in meiner Brieftasche, aber ich war fest überzeugt, daß das Telegramm sich nicht mehr in dem Fache befand, in das ich es gelegt hatte. Weiter hatte ich, so schläfrig ich auch war, eine nebelhafte Erinnerung, als hätte ich meinen Wagen aus irgend einem bestimmten Grunde gestoppt und als wäre ein anderer Wagen zugegen gewesen, und ein Mann mit einer dieser blödsinnigen schwarzen Masken vor dem Gesicht.«

Dickson lachte gerade heraus.

»Das ist ja herrlich, wenn man bedenkt, am hellen Mittag.«

»Wieviele Liqueurs, sagten Sie?« fragte Cardinge höflich.

Franks nahm den Spott gutmütig hin.

»Nun,« fuhr er fort, »ich versuchte, die Sache ja zu vergessen. Sicher aber ist, daß jemand an diesem Tage einen Handstreich mit meinen Ölaktien ausführte. Mit meiner eigenen Drahtlosen ist das nun ausgeschlossen. Ich verkehre nur mit Stationen, die ich kenne und erhalte alle Nachrichten chiffriert.«

Dickson gähnte. »Ich will mit diesen Dingen nichts zu tun haben. Ich habe mein Geld in Staatspapieren angelegt. Sie tragen zwar weniger Zins, sind aber dafür sicherer.«

»Sie sind eben reicher als ich,« meinte Franks.

»Jedenfalls durstiger,« lachte Dickson und leerte sein Glas. »Wir werden Sie übrigens zum Abendessen wieder ans Land setzen.«

»Ich habe keine Angst,« versicherte Franks. »Ich fühle mich hier sehr wohl.«

Kurz darauf war es Mr. Franks aber gar nicht mehr wohl. Am Quai erwartete ihn ein aschfahler und aufgeregter Mann, der an Bord sprang, sobald die Yacht gelandet hatte.

»Mr. Franks!« rief er außer Atem. »Ich bringe schlimme Nachrichten.«

»Was ist denn los?«

»Mit der Drahtlosen stimmt etwas nicht. Sie ist durch einen böswilligen Eingriff gestört worden. Es muß jemand in der Montagnacht in die Villa eingedrungen sein. Wir haben es erst etwa zwei Stunden nach Ihrem Weggehen entdeckt. Ich konnte seither keine einzige Nachricht von Ihnen abnehmen.«

Edgar Franks war sprachlos. Er schien die Situation nicht erfassen zu können.

»Ich wartete gestern den ganzen Tag auf Ihre Rückkehr,« fuhr sein Angestellter fort. »Ich hoffe, Sie würden sofort zurückkehren, wenn Sie mein Empfangszeichen nicht erhielten.«

»Hier funktionierte doch der Empfänger nicht, zum Teufel!« schrie Edgar Franks wütend. »Man sagte mir kurz vor der Abfahrt, daß ich nur senden könne. Vorwärts, Simons! Wir müssen sofort auf das Telegraphenbureau!«

Die beiden verließen die Yacht im Laufschritt. Edgar Franks unterließ es sogar, sich von seinem Gastgeber zu verabschieden. All seine Höflichkeit war weggewischt von der kalten Angst, die ihn durchschüttelte. Es war möglich, daß er in diesen zwei Tagen eine Riesensumme verloren hatte.

*

Madame geruhte einige Erklärungen zu geben, als man in der vergnüglichen halben Stunde vor dem Essen auf der Terrasse beisammen saß. Vorerst erkundigte sie sich aber nach Cardinges Befinden, da er den Arm in der Schlinge trug.

»Es geht bedeutend besser,« versicherte er.

»Es ist aber trotzdem eine furchtbare Wunde,« korrigierte Claire. »Dazu hat man sie noch vernachlässigt. Ich werde den Umschlag stündlich erneuern müssen.«

»Zum mindesten hat Claire jetzt ihren Beruf entdeckt,« spottete Armand.

»Ich würde jedenfalls vorziehen, mein Leben als Krankenschwester zu verbringen, denn als die Frau eines Mannes, den ich nicht lieben kann,« war die abweisende Antwort.

»Kinder!« rief Madame mit strafendem Blick.

»Als Einbrecher bin ich jedenfalls kein Genie,« scherzte Cardinge. »Wenn ich Madames Kenntnisse über drahtlose Telegraphie besäße, hätte ich den Apparat jedenfalls nicht ohne die geringste Anwendung von Gewalt unbrauchbar machen können.«

Madame zog die bekannte gelbe Enveloppe aus ihrer Handtasche. »Sie haben Ihren Schein bisher am leichtesten erworben,« sagte sie zu Dickson. »Sie hatten nichts zu tun, als sich einem Dummkopf gegenüber etwas liebenswürdig aufzuführen und ihn für 48 Stunden unschädlich zu machen.«

»Es würde mich aber doch interessieren, was Sie inzwischen mit ihm angestellt haben,« meinte Dickson.

Madame wartete, bis der Diener, der eben Cocktails auftrug, sich wieder entfernt hatte.

»Nun,« erzählte sie dann, »sobald Mr. Franks Ihre Einladung angenommen hatte, benachrichtigte ich meine Agenten in New York. Diese hatten mir stündlich die Preise von Franks Aktien zu übermitteln. Dann fing ich natürlich alle Nachrichten ab, die Franks von der Yacht aus sandte und auf die sein Sekretär vergeblich wartete. Zwei Tage vorher hatte ich zudem an der Börse das Gerücht verbreiten lassen, Franks liege schwer krank in seiner Villa. So war es nicht schwer, zu erraten, ob man auf Hausse oder Baisse zu spekulieren hatte. Erst verkaufte ich natürlich, und heute gegen Schluß der Börse ließ ich, gerüstet auf die morgen zu erwartende Lösung des Rätsels, alles zusammenkaufen. Es war wirklich kinderleicht. – Jimmy, ich gratuliere von Herzen.« Damit übergab sie Dickson die Enveloppe, die dieser langsam in Stücke riß.

Claire hatte einen Spaziergang im Park unternommen. Armand war nach einem neuen Cocktail ausgegangen. Dickson starrte auf die Papierfetzen in seiner Hand.

»Wissen Sie etwas von der Geschichte, die Sie während all dieser Jahre in dieser Enveloppe gehütet haben?« forschte er.

»Sie haben einen Mann getötet, nicht wahr?« warf Madame gleichgültig hin.

Dickson nickte.

»Es war ein ehrlicher Kampf,« sagte er. »Die Zeitungen sprachen immer von einem Mord. Das ist falsch. Es war ein ehrlicher Kampf. Es ging um sein Leben oder um meines – und ich gewann.«

Er starrte immer noch auf die Papierfetzen, tief in seine Gedanken versunken. Madame schaute ihn forschend an. Er überzeugte sich mit einem raschen Blick, daß sie allein waren.

»Der Mann war Edgar Franks Bruder,« flüsterte er. »Er war mein erbittertster Feind.«

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