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Madame und ihre Zwölf

Edward Phillips Oppenheim: Madame und ihre Zwölf - Kapitel 3
Quellenangabe
authorE. Phillips Oppenheim
titleMadame und ihre Zwölf
publisherWilhelm Goldmann Verlag
yearo.J.
printrun6.-15. Tausend
translatorJosef Niggli
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180612
projectid86250d62
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2

Madame bewegte leise den großen Seidenschirm, reckte sich etwas auf der Ottomane, um einen Blick auf die Landstraße hinunter zu werfen und meinte:

»Unser Kreis erweitert sich. Sie hatten nur einige Stunden Vorsprung als Erstangekommener, lieber Hugh.«

Sie saßen auf der Terrasse und warteten auf das Zeichen für das Abendessen. Madame hatte sich gekleidet, als gälte es, sich für die Promenade von Longchamps vorzubereiten. Nicht das kleinste Fehlerchen war zu entdecken, von den gepflegten Fingerspitzen bis zu dem zarten, aber deutlichen Farbenschimmer der Wangen. Neben ihr saß im kühlen, weißen Flanellanzug Hugh Cardinge, der Ankömmling vom Vortage, rauchte eine Zigarette und blickte zerstreut in die Landschaft hinaus. Claire saß in der Nähe an einem Tischchen und schrieb einen Brief. Armand, ihr Verlobter, beobachtete sie von der Balustrade aus.

»Meine Jünger kehren in seltsamen Verkleidungen zurück,« fuhr Madame fort. »Sie, mein lieber Hugh, kommen als Landstreicher. Unser Freund dort gleicht eher einem gutbürgerlichen Kaufmann, der über Sonntag auf sein Landgut hinausfährt.«

»Er macht fast den Anschein eines reisenden Künstlers,« bemerkte Hugh Cardinge.

»Unter meinen Jüngern befand sich meines Erinnerns keiner,« sann Madame nach. »Aber wir werden es ja bald erfahren.«

Eine wacklige Droschke, gezogen von einem mageren, fliegengeplagten Gaul, lenkte knarrend um die letzte Wegbiegung. Der Kutscher marschierte nebenher, schwang die Peitsche und überschüttete das Tier mit einer Flut von Drohungen und Zusprüchen. Auf dem Bock war eine Staffelei festgebunden, der Wagen war angefüllt mit einem Wirrwarr von Koffern, in deren Mitte ein beleibter, gutgekleideter Herr mit Schlapphut und fliegendem schwarzen Künstlerschlips saß.

Als der Wagen am Fuße der Freitreppe Halt gemacht, winkte der Ankömmling der kleinen Gruppe zu. Madame lehnte mit halbgeschlossenen Augen zurück. Es war das ihre kleine Angewohnheit, wenn sie ein Lachen unterdrücken wollte.

»Es ist Johnny,« flüsterte sie.

»Bei Gott, John Fardell,« rief auch Hugh und sprang auf.

Der Ankömmling hatte den Wagen verlassen und gestaltete seinen Einzug so feierlich, als seine untersetzte Gestalt mit dem wohlgenährten Bäuchlein das zuließ.

»Nicht mehr John, wenn ich bitten darf,« eröffnete er die Begrüßung. »Jedenfalls nicht, bevor wir die alten Beziehungen wieder aufgenommen haben, wenn es überhaupt dazu kommen sollte. Ich bin Sir John Fardell. Wer ist aber das hier? Cardinge? Du meine Güte, Cardinge! Also, wenn ich einen unserer Gesellschaft schon in der Hölle vermutet hätte – entschuldige, es ist vielleicht taktlos von mir. Madame, ich küsse Ihre Hände. Sie sind ein Wunder.«

Sie lächelte nachsichtig.

»So lange Sie mir nicht weismachen wollen, ich hätte das Geheimnis der ewigen Jugend entdeckt,« scherzte sie, »können Sie mich umschwärmen, so viel es Ihnen gefällt. Dies ist meine Nichte Claire. Mein Neffe Armand. Jetzt aber, mein Lieber, setzen Sie sich, und bis Ihnen William den Cocktail gebracht, erzählen Sie uns, welcher Kobold Sie auf den Weg der Tugend gezaubert hat.«

»Meine Kunst allein,« gestand Sir John pathetisch. »Das abenteuerliche Leben ließ sich nicht mehr vereinen mit meinem idealen Streben.«

Er war der Mittelpunkt der kleinen Gruppe geworden.

»Du bist Mitglied der Akademie?« fragte Cardinge.

»Noch nicht,« gestand Sir John mit Bedauern. »Aber ich bin der auserkorene Kandidat für den nächsten freien Sitz.«

»Aber lieber John,« erinnerte Madame, »in Paris hatten Sie doch drei Jahre hindurch ein Atelier gemietet, ohne auch nur einen Pinselstrich zu ziehen? So oft ich Sie besuchte – ich fand die Wände leer und die Staffelei so unbefleckt wie Ihren Ruf.«

»In Paris legte ich die Grundsteine,« erklärte Sir John und leerte den Cocktail, der ihm serviert wurde. »Kann ich meine Hände waschen vor Tisch? Ich bin hungrig und schmutzig von der Fahrt.«

Armand erhob sich. »Wollen Sie bitte mitkommen, Sir.«

Die beiden verschwanden im Hause. Cardinge und Madame wechselten belustigte Blicke. Claire lächelte zu ihnen hinüber.

»Liebe Tante,« seufzte sie, »ich hoffte, romantischen Enthüllungen beizuwohnen. Ich dachte, alle diese früheren Gefährten würden zurückkehren als die interessanten Leute, die ein Leben voller Sünden hinter sich haben – wie Herr Cardinge hier – und könnten nach einiger Zeit durch liebevolle Anteilnahme dazu gebracht werden, ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Aber dieser Sir John ist doch der schlimmste Spießbürger, der mir je begegnet ist. Willst du mich wirklich glauben machen, er sei einmal Mitglied deiner Gesellschaft gewesen?«

»Sir John hat sich verändert,« konstatierte Madame trocken.

»Ich habe ihn einmal gesehen, wie er gegen eine ganze Schar Gendarmen kämpfte und sich aus dem Staube machte,« erzählte Cardinge. »Es war auf der Place Pigalle ...«

»Cardinge!« unterbrach ihn Madame.

*

»Warum haben Sie denn Ihre Staffelei mitgeschleppt, Johnny?« fragte Madame bei Tische.

»Das war doch der einzige Ausweg!« erklärte Sir John. »Bedenken Sie, ich führe ein angesehenes Haus, habe einen Kreis hoch respektabler Persönlichkeiten als intime Freunde um mich. Ohne eine Ausrede wäre ich unmöglich losgekommen. Nebenbei will mir scheinen, die Gegend hier verdiene einige Beachtung. Vielleicht entschließe ich mich, den einen oder anderen Ausschnitt zu verewigen.«

»Eingebildeter Affe,« brummte Cardinge. Sir John lächelte.

»Wenn ich eingebildet bin,« erwiderte er, »so ist das das Werk meiner Mitwelt und meiner Kollegen. Ich habe Erfolg gehabt und habe den Erfolg verdient. Ich male wirklich hervorragend.«

»Sie müssen Claire malen,« regte Madame an.

Sir John schüttelte das Haupt.

»Fräulein Claire ist schön,« räumte er ein, »aber ihr Gesicht ist noch leer. Ich gebe mich nicht mit Gesichtern ab, auf denen sich noch kein Erlebnis eingegraben hat. Der junge Mann hier – wie alt sind Sie, wenn ich fragen darf?«

»Ich bin zwanzig, Sir John,« sagte Armand.

»In Ihrem Gesicht ist so viel geschrieben, daß sich das Malen lohnt,« fuhr Sir John fort. »Nur würden Sie mich nachher wegen Ehrverletzung verklagen.«

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Madame kühl.

»Ich male die Dinge, die ich kommen sehe,« antwortete der Gast. »In Fräulein Claires Fall ist heute noch nichts zu sehen. Sie kann sich glücklich verlieben oder tragisch. Je nachdem das Schicksal ihr wohl will oder nicht, wird sie malenswert sein oder das Gegenteil. Unser Freund hier hat seinen Weg bereits gewählt oder er ist vom Geschick darauf gestoßen worden ... Ich will noch etwas Salat nehmen, wenn Sie gestatten. Auch Ihr Weißwein ist wirklich hervorragend.«

Madame schüttelte den Kopf. Dank ihrer kunstvoll angewandten Schönheitsmittel erinnerte ihre Gebärde an die mechanische Bewegung einer Puppe in der Auslage eines Spielzeugladens.

»Von unserem Kameraden John ist recht wenig übrig geblieben,« klagte sie.

»Das ist die Tücke weltlichen Erfolges,« meinte Cardinge. »Man redet ihm ein, welch tüchtiger Kerl er sei und jetzt überanstrengt er sich, um zu beweisen, daß es wirklich so ist.«

*

Sir John gab sich ungestört dem Essen hin. Die Fähigkeit, Neckereien zu ertragen, war ihm wenigstens geblieben. Er beobachtete interessiert das junge Paar, das die Tafel verließ.

»Ein ungewöhnlich hübsches Kind, Ihr Fräulein Claire,« lobte er. »Der Junge ist ein richtiger Satansknochen. Gesicht eines Engels – Seele eines Teufels. Du kennst diese Spielart, Cardinge. Ortorde hat sie in seinen furchtbaren Karikaturen festgehalten. Also Vetter und Bäschen. Aber sie stammen nicht aus der gleichen Familie, Madame. Sie wissen das sehr wohl. Halte ich auf? Tut mir leid. Der Kaffee im Speisewagen war ungenießbar und die Brötchen schmeckten wie Sägemehl.«

Ein vernichtendes Schweigen trat ein, dessen Ursache selbst Sir John herausfühlte. Er sah zu seiner Gastgeberin hinüber.

»Johnny,« sagte sie, »Sie sollten doch noch wissen, daß ich Nachforschungen nach meiner Familie nicht mag.«

Sir John lächelte. »Ich erinnere mich eines Besuches, den ich einst meinem ehemaligen Erzieher abstattete. Er zeigte mir den Stock, mit dem er mir früher Prügel gegeben hatte. Aber, ich weiß nicht wieso – ich hatte einfach keine Angst mehr davor.«

Madame klopfte auf dem Tisch die Zigarette zurecht und sah lässig durch das Fenster in das durchsonnte Panorama hinaus, in den Farbenrausch von Blumen und Schmetterlingen. Drüben auf der Terrasse ordnete der Diener die Kaffeetassen. Niemand war in Hörweite.

»Johnny,« begann sie, »die Bedingungen, die wir vor fünfzehn Jahren vereinbart haben, sind noch in Kraft. Ihre Rechte sind unverändert geblieben, aber auch Ihre Verpflichtungen. Wenn Sie sich darüber nicht Rechenschaft geben, so kehren Sie besser nach London zurück. Sie werden aber erfahren, wie ich mit dem kleinen Geheimnis, das Sie – warten Sie mal – vor siebzehn Jahren mir anvertraut haben, zu operieren weiß.«

Sir John lachte, aber es klang gepreßt. Madame hatte eine unheimlich kühle Stimme und so wirkte auch ihre statuenhafte, kunstvolle Schönheit. Nicht minder unheimlich war auch das zynische Schweigen, in das Cardinge, der Genosse früherer Tage, sich hüllte.

»Also, lassen wir doch das,« bat er. »Diese Zeit ist vorbei und abgetan. Sie sehen, was ich jetzt bin. Ein berühmter Mann, ein Künstler von Weltruf, beneidet um seinen angesehenen Platz in der besten Gesellschaft. Diese zwei, drei Jahre der Jugendeseleien in Paris waren ganz schön, so lange sie dauerten. Aber sie sind vergangen und vergessen – müssen vergessen sein. Als ich Ihre Aufforderung erhielt, folgte ich – nicht weil ich die Verpflichtung anerkannt hätte, sondern weil ich diese Sache in Ordnung bringen und mein Bekenntnis zurück haben möchte. Ich bin nicht reich, aber ich habe mir etwas zurückgelegt. Wenn Sie mir meine Beichte nicht schenken wollen, bin ich bereit, sie zurückzukaufen.«

Wieder suchte Madame ihr vernichtendes Lachen zu unterdrücken. Ihre Augen schlossen sich und über die Mundwinkel lief ein Zittern.

»Der Sir John von heute ist wenigstens ebenso unterhaltsam geblieben, wie der Johnny vor 17 Jahren war,« meinte sie. »Kommen Sie, meine Herren, der schwarze Kaffee ist bereit.«

Sie erhob sich und schritt auf die Terrasse zu. Im Zwielicht muteten ihre Bewegungen ganz jungmädchenhaft an. Als sie den Kopf zu Cardinge zurückwandte, der immer noch am Tische vor sich hinbrütete, zeichnete sich eine wunderbar graziöse Nackenlinie ab.

»Das hat London auf dem Gewissen,« konstatierte sie. »Sicher wohnt er in Kensington. Wäre er in Lumpen von Marseille gekommen – das wäre nicht passiert.«

*

Spät am Abend brachte es Sir John nach verschiedenen nutzlosen Versuchen fertig, ein paar Worte mit Cardinge allein zu sprechen. Sie befanden sich im Billardzimmer und waren von den jungen Leuten plötzlich allein gelassen worden.

»Sieh mal, Cardinge,« sagte Sir John, »es ist hier sicher sehr hübsch. Ich höre, daß es auch gute Golfgelegenheiten gibt und freue mich, Madame so wohlauf zu finden. Aber mir ist nicht recht wohl dabei.«

»Wieso nicht.«

»Was will denn die gute Alte von uns. Ich vermute, es streift an Erpressung. Ich habe das immer kommen sehen und habe deshalb auch Geld beiseite gelegt, um meine Beichte zurückkaufen zu können. Aber du hast es ja gehört! Sie verspottete mich, als ich die Verhandlungen einleiten wollte. Sie kann sich doch nicht einbilden, daß ich in meiner Stellung, daß ich nochmals ... hm ... das alte Spiel nochmals aufnehme?«

»Mir scheint, sie bildet sich so etwas ähnliches ein,« erwiderte Cardinge mit ernstem Gesicht, aber mit einem Zwinkern in den Augen. »Ich habe meinen Auftrag erst gestern erledigt.«

»Verflucht noch einmal!« fuhr Sir John auf, »aber doch nicht etwa wie damals?«

»Ein großer Unterschied ist kaum vorhanden, alter Knabe. Am hellen Tage, bei strahlendem Sonnenschein, habe ich mit einer plötzlich hervorgezauberten schwarzen Maske einen Mann angehalten, habe ihn betäubt und – beraubt.«

Sir John sank in den nächsten Sessel und sah seinen Freund entgeistert an.

»Mach keine Witze, Cardinge!«

»Ich sage die nackte Wahrheit,« war die ruhige Antwort. »Ich habe immer noch gute Nerven, und ich habe mich nicht schlecht aus der Sache gezogen.«

»Aber man hat gar nichts davon in den Zeitungen gelesen!«

Cardinge lächelte.

»Madame's Coups kommen selten in die Zeitung,« sagte er. »Du solltest das doch wissen. Erinnerst du dich noch, als Graf von Soyou dich einlud, sein Schloß zu malen da drunten ...«

»Schweig doch, bitte,« unterbrach ihn Sir John hastig. »Begreifst du denn nicht, daß ich mich in einer ganz veränderten Situation befinde? Diese Zeit kommt mir manchmal vor wie ein böser Traum. Erinnere mich nicht daran. Ich bin hierher gekommen, um Vergessen zu erkaufen, nicht um mich wieder in diese ... nun, sagen wir, diese fragwürdigen Unternehmungen einzulassen.«

»Madame hat ihre Eigenheiten,« versetzte Cardinge. »Du weißt, sie liebt die Aufregung, die Geistesschärfe, das Spiel mit den diplomatischen Künsten. Alles was nötig ist, um uns vor Ungelegenheiten zu bewahren, belebt sie. Aber da kommt sie selber. Ich glaube, sie will dich sprechen.«

Cardinge trat auf die Terrasse hinaus. Dort stand auf der Balustrade das junge Mädchen; sie starrte in das Gewirr des kleinen Gehölzes hinab. Als sie sich ihm zuwandte, glaubte er in ihren Augen Tränen glänzen zu sehen.

»Ich dachte, Armand sei bei Ihnen,« sprach er sie an.

»Er ist hineingegangen, um Zigaretten zu holen,« erklärte sie, und nach einem kleinen Zögern setzte sie hinzu: »Ich fürchte, ich habe mich mit ihm überworfen.«

»Warum?«

»Das ist nicht so leicht zu sagen,« meinte sie ausweichend.

»Ihr Kinder nehmt euch nur zu ernst,« seufzte er. »Wie kann man sich nur zanken, in einer Nacht wie dieser.«

»Wir sind immer bereit, uns von Erwachsenen belehren zu lassen,« scherzte sie mit gespielter Demut.

»Kommen Sie mit mir in den Garten hinunter, – wenn Sie in Ihrem gesetzten Alter die Nachtluft nicht fürchten.«

»Ich will es wagen,« lachte er. »Aber was wird Armand dazu sagen, wenn er zurückkommt und Sie nicht mehr vorfindet?«

»Hoffentlich wird es ihn ärgern,« entgegnete sie. »Das geschieht ihm ganz recht. Er betrachtet mich schon viel zu zuversichtlich als sein Eigentum. Kommen Sie und zeigen Sie mir, wie man in den Tagen der Romantiker in solchen Mondnächten zu flirten pflegte.«

»Man kann mit Kindern nicht flirten,« neckte er.

»So haben Sie sicher nicht gedacht, als Sie noch jung waren,« gab sie zurück. »Aber wir sind ja auch der Kinderstube entwachsen. Wollen Sie nicht für fünf Minuten ein ernstes Wort mit mir reden?«

»Ich eigne mich besser als Zuhörer, denn als Redner,« warnte er.

»Das sollen Sie auch beweisen,« stimmte sie ein. »Sehen Sie, ich brauche Ihren Rat. Stellen Sie sich vor: das Mädchen am Scheidewege oder so etwas Ähnliches. Sie verstehen mich sicher. Wenn ich dieses Leben von Blumen und Sonnenschein und Müßiggang und Mondschein zusammen mit Armand fortsetze, wird das sicher damit enden, daß ich mich in ihn verliebe.«

»Ich würde Ihnen das nicht raten,« bemerkte er trocken.

Sie gab den leichten Plauderton auf und wurde mit einem Schlage ein ganz natürliches Geschöpf. »Sagen Sie mir, warum Sie so fühlen,« bat sie.

»Instinkt,« antwortete er.

»Das ist seltsam,« brütete sie. »Wissen Sie, was ich manchmal denke?«

»Sagen Sie es mir.«

»Armand hat keine Seele.«

Er wandte sich mit rascher Anteilnahme ihr zu. Im Mondlicht schienen die bitteren Züge aus seinem Gesicht ausgelöscht. Das Mitgefühl hatte ihn verjüngt.

»Es ist schwer zu erklären,« fuhr das Mädchen fort. »Es ist einfach ein Gefühl, das mich plötzlich überfällt. Wir sind zusammen durch diese prächtigen Gärten gegangen und haben Ausflüge in die Berge gemacht. Sie wissen, wie schön das alles ist – das Licht, die Farben, die Schatten in den Tälern, die farbigen Flecken der Blumenfelder an Orten, wo man gar nicht auf ihren Anblick gefaßt ist. Sie haben das alles selber schon erlebt.«

»Ich kenne es.«

»Wir haben alles das zusammen gesehen,« fuhr sie fort. »Auf seine Art scheint Armand mitzugenießen. Aber auf eine ganz fremde Art. Er genießt es wie der Salamander, der sich auf einem Steine ausstreckt, um sich von der Sonne braten zu lassen. Seine Bewunderung hat etwas Selbstisches. Und dann ist er grausam. Er weicht nie vor etwas Lebendem aus. Er köpft die Blumen im Vorbeigehen. Er kann lachen, wenn er Leiden sieht.«

»Wie alt sind Sie?« fragte er plötzlich.

»Zwanzig,« antwortete sie, »aber ich bin reifer als andere Mädchen meines Alters.«

»Warum suchen Sie dann meinen Rat? Sie brauchen doch keinen.«

»Vielleicht eben doch. Sie wissen, wie gerne man bisweilen das Schlechte haben kann, wenn es schön ist. Ich habe Armand wirklich gern. Er ist gewandt. Er findet immer das rechte Wort im rechten Augenblick.«

»Sie fragten vorhin, was ich von ihm halte,« unterbrach er sie. »Ich sehe, daß wir gestört werden, so will ich es Ihnen kurz sagen. Ich glaube, daß er alle Anlagen hat, um der größte Schurke aller Zeiten zu werden.«

»Ich glaube, Sie haben recht,« flüsterte sie mit verhaltener Stimme. »Das ist es, was mich manchmal so zu ihm hinzieht, daß ich ihn hassen möchte.«

*

Die kleine Gesellschaft der Villa Sabatin speiste am nächsten Tage im Casino von Monte Carlo. Madame wurde wie eine Fürstlichkeit empfangen und von jedermann mit dem größten Respekt behandelt. Sie ließ an einem reservierten Tischchen servieren. Der Gesellschaft hatte sich ein einziger Gast angeschlossen – Mrs. Hodson Chambers. Es war eine beleibte Dame mit schlaffem Teint und Doppelkinn, die ihre mächtige Figur mit einer ganzen Ausstellung von Edelsteinen im Werte von mehreren Hunderttausenden behängt hatte. Madame betrachtete sie im Verlaufe des Essens mit liebevollem Interesse.

*

»Was halten Sie von Mrs. Hodson Chambers?« fragte sie einmal leise Sir John, der zu ihrer Rechten saß.

»In meinem Leben ist mir nichts Häßlicheres vorgekommen,« meinte der voller Überzeugung.

»Schade,« erwiderte Madame, »denn Sie werden sie malen.«

»Wenn Sie ein Mann wären,« gab der Maler zurück, »würde ich sagen, da müßten Sie vorher zur Hölle fahren. Wie die Dinge liegen, bitte ich, es als gesagt zu betrachten.«

»Trotzdem müssen Sie sie malen,« wiederholte Madame. »Dabei wird sie noch ein verrückteres Kleid tragen als heute und sicher noch mehr Juwelen umhängen. Sie wird vor allem die Van Dresser Smaragde tragen. Sie werden das von ihr verlangen. Sie haben doch Smaragde immer gerne gesehen, Johnny?«

Er legte Gabel und Messer hin. Die gesunde Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. Er hatte alle Freude an dem guten Essen verloren.

»Ich werde es nicht tun,« erklärte er.

»Sie werden es tun, versetzte sie ruhig. »In Cagnes ist eine kleine Villa mit einem Atelier zu vermieten. Eine Agentur hier ist damit beauftragt. Sie werden diese noch heute nachmittag mieten. Sie können 50 000 Fr. für das Porträt verlangen. Sie hat Lenbach 200 000 angeboten.«

»Ich male sie nicht für eine halbe Million!« würgte er heraus.

Madame lächelte geheimnisvoll.

Nach dem Essen saßen sie in der Bar und warteten auf die Eröffnung der Spielsäle.

»Wissen Sie, was Sir John mir eben gestanden hat, Mrs. Hodson Chambers?« fragte Madame unvermittelt, als die Unterhaltung einmal stockte. »Er möchte Sie malen. Er hat eine ausgezeichnete Idee für Ihr Porträt.«

Mrs. Hodson Chambers hatte, wie so viele Multimillionärinnen, noch nie die Wahrheit gehört und besaß auch keinen Spiegel, der sie ihr gesagt hätte. Die Anregung erschien ihr schmeichelhaft und entzückend, aber keineswegs unwahrscheinlich.

»Das ist ja ein reizendes Kompliment, Sir John,« erklärte sie. »Ist das hier möglich und in nächster Zeit?«

»Ich –« stotterte Sir John, »ich bin wirklich nicht ...«

»Das ist ja gerade, was Sir John vorschlägt,« unterbrach Madame. »Er sucht einen Vorwurf für das nächstjährige Ausstellungsbild der Akademie. Er hat in Cagnes eine reizende kleine Villa mit einem Atelier gefunden und will sie mieten. Ich fürchte nur, seine Forderung werde Ihnen verwegen vorkommen. Aber Sie wissen ja, wenn diese Künstler einmal den Gipfel erklommen haben ...«

»Aber ich bitte Sie,« fiel Mrs. Hodson Chambers ein. »Ich dürfte doch in der Lage sein, Sir Johns Honorar zu bezahlen.«

»Diese verwöhnten Herren verhandeln nicht selber über diese Dinge,« fuhr Madame leise fort. »Er verlangt für das Bild 50 000 Franken, und wenn es von der Akademie angenommen wird, noch 25 000 Franken extra. Dann will er, daß Sie sich in Schwarz malen lassen.«

»In Schwarz?« keuchte Mrs. Hodson Chambers. »Ich habe doch gar kein schwarzes Kleid.«

»Ferner mit allem Schmuck, den Sie besitzen,« fuhr Madame fort. »Mit den Van Dresser Smaragden.«

Mrs. Hodson Chambers leuchtete auf.

»Das ist eine Idee. Aber ließe sich nicht Lila verwenden, Sir John?« frug sie mit süßlichem Lächeln über den Tisch. »Lila kleidet mich so gut.«

»Lila ist ganz unmöglich,« erklärte Sir John. »Und je mehr ich mir die Sache überlege ...«

»Sir John hat ganz recht,« unterbrach Madame unbarmherzig. »Schwarz ist das einzig richtige. Denken Sie nur an die grünen Smaragde!«

»Nun, ich will nicht eigensinnig sein,« lenkte Mrs. Hodson Chambers ein. »In solchen Dingen hat der Künstler zu bestimmen.«

Ein Diener kam und flüsterte ihr etwas zu. Sie erhob sich.

»Man erwartet mich beim Bakkarat. Also, es ist abgemacht, Sir John! Ich kann jeden Vormittag kommen. Sie brauchen mir nur Ihre Adresse zu schicken.«

»Ich werde nicht verfehlen,« preßte Sir John so freundlich als möglich heraus.

Mrs. Hodson Chambers rauschte hinaus. Madame lehnte sich zurück und lächelte. Sir John zündete eine Zigarre an und bestellte frischen Kaffee.

»Ein unsinniger Handel,« murrte er. »Das alles wegen 75 000 Franken. So viel hätte ich Ihnen für meinen Verpflichtungsschein auch bezahlt.«

»75 000 Franken,« wiederholte Madame.

Er nickte. »Ja. Ich fürchte, Sie sind imstande, das verdammte Bild auszustellen, wenn es fertig ist.«

»Sie sind kindisch,« schalt sie. »Es handelt sich doch nicht um die lumpigen 75 000 Franken, die Sie für das Bild bekommen. Es handelt sich um die Viertelmillion, die die Smaragde einbringen werden.«

Sir John war sprachlos. Er sah aus, als wolle er in Ohnmacht fallen. Der Kellner eilte besorgt herzu. Madame lächelte.

»Dem Herrn ist nicht ganz wohl,« sagte sie. »Lassen Sie den Brandy hier, Kellner. Er wird sich rasch erholt haben. Hugh und ihr, liebe Kinder, ihr geht zum Spiel. Ich will mich Sir Johns annehmen.«

»Nichts kann mich veranlassen,« begann Sir John, als er die Sprache wieder gefunden hatte, »diesen nichtswürdigen Vorschlag auch nur in Erwägung zu ziehen.«

»Schön,« flüsterte Madame. »Sie ziehen also vor, mit mir heimzufahren und Bruchstücke aus dem kleinen Schriftstück anzuhören, das ich in meinem Safe aufbewahrt habe und das Ihre Unterschrift trägt. Zünden Sie lieber Ihre Zigarre wieder an und hören Sie zu.«

*

Sir John trat seinen fünften Leidenstag voll gräßlicher Vorzeichen an. Er begann bereits Gespenster zu sehen. Das Lächeln, mit dem Mrs. Hodson Chambers sich die Smaragde umgehängt hatte und mit dem sie auf das Podium in der Ecke des Ateliers zugeschritten war, verfolgte ihn bei Tag und Nacht.

»Sie sehen, welches Vertrauen ich zu Ihnen habe,« sagte sie schmachtend. »Diese Smaragde sind zum mindestens 100 000 Pfund Ihres englischen Geldes wert, und Sie sind der einzige Mann in diesem Landhaus. Trotzdem – ich kann mir nicht helfen – fühle ich mich vollständig geborgen bei Ihnen.«

Sir John faßte nach der Stirn, von der das Wasser herunterlief.

»Wirklich?« stöhnte er. »Nun, ich weiß nicht, ich fühle mich sicher. Aber, wenn es Sie beunruhigen würde, wenn Sie den Schmuck zu Hause lassen könnten ...«

»Aber nicht doch,« rief Mrs. Hodson Chambers, indem sie sich in den Sessel niederließ, der für sie bereit stand. »Dem Freund die Brust, dem Feind die Stirn! Das ist mein Wahlspruch. Und ich darf Sie doch zu meinen Freunden rechnen, nicht wahr, Sir John?«

»Ich hoffe es,« versicherte er und stürzte sich in seine Arbeit.

Mrs. Hodson Chambers seufzte. Es war ein sehr hörbarer Seufzer, berechnet für die ganze Länge des Ateliers.

»Mir kommt es immer so vor, Sir John, als ob Sie etwas vor mir verbergen wollten. Seit unserem ersten Sitzungstage sind Sie nachdenklich und zerstreut. Wenn es etwas ist, das Sie mir gerne anvertrauen möchten, so tun Sie sich nur keinen Zwang an. Sie brauchen doch vor mir keine Angst zu haben?«

»Durchaus nicht,« bestätigte er. »Es ist nur das Bild, das mich so in Anspruch nimmt. Das soll doch ein Erfolg werden.«

»Das ist lieb von Ihnen,« flötete sie. »Wann darf ich es mir ansehen?«

Er warf einen kläglichen Blick auf die Leinwand.

»Noch nicht,« beharrte er. »Es kann noch einige Zeit dauern, bis es soweit ist. Das hier ist erst die Skizze, die Idee sozusagen.«

Sie versank in Nachdenken.

»Hören Sie, mir ist, als habe sich alles gegen meine Abreise verschworen,« gestand sie.

»Sie haben aber doch Ihr Kupee für Donnerstag belegt,« erinnerte er sie.

»Gewiß,« gab sie zu. »Aber was hat man von seinem Reichtum, wenn man nicht bisweilen machen dürfte, was einem gerade am besten gefällt?«

»Es wird fürchterlich heiß hier!«

»Ich liebe die Hitze. Wie lange bleiben Sie eigentlich hier, Sir John?«

»Ich werde bald nach Ihnen abreisen,« versuchte er sie zu beruhigen. »Ich werde das Bild wahrscheinlich zu Hause beenden.«

»In London?« fragte sie.

»Natürlich,« antwortete er.

»London ist eine der wenigen Städte, die ich eigentlich noch gar nicht kenne,« überlegte sie. »Ich glaube ...«

»Ich werde jedoch nicht sofort nach London zurückkehren,« unterbrach er sie hastig. »Ich will einen kleinen Umweg machen – über Madeira oder so etwas.«

»Madeira,« erwog sie. »Das ist aber seltsam. Der Arzt, den ich kürzlich konsultierte, schien ganz versessen zu sein auf Madeira. Er verlangte, ich solle den nächsten Dampfer dahin benützen.«

Sir John stöhnte vor sich hin. Es wurde von Tag zu Tag schlimmer. Er mußte wieder einmal zu dem letzten Mittel seine Zuflucht nehmen.

»Jetzt muß ich für fünf Minuten absolute Ruhe haben,« befahl er. »So ist es recht.«

Er pinselte mechanisch darauf los und horchte fortwährend nach dem Geräusch von Fußtritten. Er fühlte sich einem nervösen Zusammenbruch nahe. Grausamer hätten die Abenteuer seiner Jugend nicht gegen ihn ausgespielt werden können.

»Die fünf Minuten sind um,« frohlockte Mrs. Hodson Chambers. »Ich habe Sie inzwischen etwas studiert, Sir John. Warum sind Sie unglücklich?«

»Das ist ein Geheimnis, das ich nicht verraten kann – Ihnen schon gar nicht.«

»Sie sind einsam,« flüsterte sie. »Sagen Sie mir, waren Sie nie verheiratet?«

»Niemals,« gab er fest zurück.

Eine Flut zärtlichen Verstehens war für ihn bereit, wenn er sich die Mühe genommen hätte, zu seinem Modell aufzublicken.

»Ich wußte es«, seufzte sie. »Und Ihre Gattin würde eine Lady Fardell, nicht wahr?«

»Ganz richtig«, mußte er einräumen.

»Ach, wenn man sich so vorstellt, wie eine Frau das ersehnen kann.«

»Nochmals fünf Minuten Ruhe, bitte«, ersuchte er und pinselte hitzig weiter.

Sie setzte eine Miene auf, die nach Schüchternheit hätte aussehen sollen. Zum ersten Mal betete Sir John, die Katastrophe, die er schon immer fürchtete, möchte sofort eintreten. Und fast unmittelbar wurde sein Gebet erhört. Er bemerkte selbst nichts, aber plötzlich sah er im Gesicht seines Modells eine seltsame Veränderung. An die Stelle unterwürfiger Liebenswürdigkeit trat ein Blick unverhüllten Entsetzens. Sie riß den Mund auf und begann zu kreischen. Sir John drehte sich rasch um. Die Tür des Ateliers war leise aufgestoßen worden. Ein Mann trat auf ihn zu, ein großer Mann in dem blauleinenen Ueberkleid eines Mechanikers, mit einer Maske vor dem Gesicht und einer ungemütlich aussehenden Pistole in der Hand. Sir John ließ die Pinsel fallen und warf die Hände hoch.

»Ich bin ohne Waffen«, schrie er. »Meine Brieftasche ...«

Die Gestalt murmelte etwas Unverständliches. Plötzlich flog die linke Hand aus der Rocktasche. Ein Schwämmchen wurde Sir John unter die Nase gesteckt, mit leisem Stöhnen fiel er rückwärts hin. Die maskierte Gestalt wandte sich zu Mrs. Hodson Chambers. Diese hatte keine Kraft zum Schreien mehr. Sie schaukelte – ein von aller Besinnung verlassener Fleischkoloß – auf ihrem Stuhle hin und her. Der Mann ging rasch auf sie zu.

»Es geschieht Ihnen nichts, wenn Sie sich ruhig verhalten.« Sie öffnete den Mund, aber sie brachte nur ein heiseres, krächzendes Schreien heraus, dann fiel sie in Ohnmacht. Der Eindringling hielt an und sah sich um. Sir John lag bewußtlos, wo er hingefallen war. Draußen war alles still, man hörte nur das Summen der Bienen und das Zwitschern der Vögel. Er beugte sich vor und löste den Schmuck von Hals und Arm der Ohnmächtigen.

*

Im Atelier war eine Uhr, und Sir John wußte genau, wie lange er bewußtlos gewesen, als er sich aufsetzte und um sich blickte. Er richtete sich schwankend auf und eilte auf den Platz, wo Mrs. Hodson Chambers vom Stuhle herabgeglitten war. Sie lag auf dem Rücken, mit weit geöffneten Augen, leise vor sich hin stöhnend.

»Mrs. Hodson Chambers! Teuerste Freundin!« rief er aus und beugte sich über sie.

Sie haschte nach seiner Hand.

»John,« hauchte sie, »hilf mir auf.«

Er hatte gar keinen Sinn für die Komik dieser Situation. Er strengte alle seine Kräfte an, und es gelang ihm wirklich, sie um Fingerbreite zu heben. Den Rest besorgte sie.

»Meine Smaragde!« klagte sie, »meine Juwelen!«

»Wir werden sie zurückbekommen,« beruhigte er sie. »Warten Sie einen Augenblick. Ich will die Polizei alarmieren.«

Sie warf sich an seinen Hals. Er war völlig wehrlos.

»Verlaß mich nicht!« flehte sie.

»Gewiß nicht,« versicherte er, »aber erwürgen Sie mich bloß nicht.«

Sie ließ ihn los und wankte zu einem Stuhl.

»Etwas Wein oder Brandy!« hauchte sie.

»Ein guter Gedanke,« murmelte er und holte aus dem Schrank eine Flasche Champagner heraus, schlug ihr an der Wand den Hals ab und füllte zwei Gläser. Sie tranken schweigend. Dann verfiel Mrs. Hodson Chambers in einen Weinkrampf.

»Meine Smaragde,« schluchzte sie.

Er füllte ihr rasch wieder das Glas. Sie leerte es und schob ihren Arm in den seinen.

»Zum mindesten haben wir uns gefunden,« sagte sie. »Da, John, ich höre meinen Wagen. Sieh mal nach und fahre mich zur Hauptwache nach Nizza. Dann wollen wir etwas essen.«

»Heute nicht,« lehnte er ab. »Ich habe genug von dieser Gegend. Ich fahre sofort heim und wenn ich im Gepäckwagen stehen muß.«

»Später,« wiederholte sie unbeirrt, »werden wir zusammen etwas essen, und du wirst mir sagen, was du über das Schicksal meiner Smaragden weißt.«

»Was zum Henker wollen Sie damit sagen?« keuchte er.

»Das wirst du nach dem Essen von mir erfahren,« erklärte sie.

*

Am späten Nachmittag kroch ein Taxameter die Windungen gegen die Villa Sabatin hinan und hielt vor der letzten Wegkurve. Madame schaute lässig von ihrem Lieblingsplatz zwischen den Rosen hinunter, schwenkte ihren Schirm und lächelte einen Gruß dem Mann zu, der die Stufen heraufsprang und auf sie zutrat.

»Mein lieber Johnny,« rief sie. »Warum das tragische Gesicht? Sie haben Ihre Rolle ganz hübsch gespielt, und die Smaragde sind bereits auf dem Wege nach Moskau.«

Sir John hatte seine gesunde Gesichtsfarbe verloren. Er hatte auch seine frühere Art der Konversation aufgegeben. Ein Anflug von Würde war in seiner Stimme, als er sich in Positur warf.

»Madame,« sagte er, »ich habe manchen Streich ausgeführt in den Tagen, als Sie und Ihre Jünger die Sensation von Paris bildeten. Aber wenn wir auch damals jung waren, so war doch kein Platz für einen Dummkopf unter uns. Sie rufen mich wieder. Sie bestehen darauf, daß ich mein altes Pfand auslösen müsse. Gut, ich bin einverstanden. Sie erzwingen meinen Gehorsam, und ich lege alles in ihre Hände. Und Sie schicken mir einen Säugling und Dummkopf, um ein Geschäft zu besorgen, das Sache eines Mannes hätte sein müssen.«

Aus Madames Antlitz starrte plötzlich das Alter.

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte sie.

»Die Sache war so eingefädelt, daß ein Kind sie hätte ausführen können,« fuhr er fort.

»Was ist geschehen?«

»Sie schickten aber einen Stümper. Ich hätte zum mindesten Cardinge erwartet. Jetzt kommt aber dieses Kücken, das Sie Ihren Neffen nennen.«

»Wieso haben Sie das erraten?«

»Wenn nur ich es erraten hätte! Aber dieses Weib! Sie hat die Ohnmacht nur vorgetäuscht. Sie ist nicht ohnmächtiger gewesen als ich. Er beugte sich über sie und nahm ihr den Schmuck ab, und sie wußte genau, wer er war. Der Esel glaubte an ihre Ohnmacht! Er gab ihr den Schwamm erst zu riechen, als er wegging! Dann, als wir uns erholt haben und ich ihr sage: ›Jetzt ist alles aus, ich gehe nach England,‹ lacht sie mich aus. Sie besteht darauf, daß ich mit ihr auf die Polizeiwache nach Nizza gehe.«

»Mein Gott!« murmelte Madame.

»Als wir nach Nizza kommen,« fuhr er fort, »sagt sie, wir wollen erst etwas essen. Wir essen, ›Und jetzt, Sir John,‹ sagte sie, ›jetzt wollen wir von Madame, Madames Neffen, von Ihnen und meinen Smaragden sprechen.‹ Dann erzählt sie mir, wie sie Armand erkannt habe.«

»Was sagten Sie?«

»Ich versicherte ihr, daß alles nur ein Scherz gewesen sei. Ich versprach ihr, für die Rückerstattung der Smaragde zu sorgen.«

»Und?«

»Sie lehnte es ab.«

Madame blickte auf die Uhr, die an ihrem Arm tickte.

»Und dann?« fragte sie.

»Dann eröffnete sie mir ihre Bedingungen.«

»Rückgabe der Smaragde natürlich. Aber was noch?«

Sir John stöhnte.

»Der Henker hole die Smaragde!« brüllte er. »Sie hat davon kein Wort mehr gesprochen. Heiraten soll ich sie, und zwar morgen schon in Paris!«

Madame ging hinaus und kam mit einem gelben, versiegelten Briefumschlag zurück.

»Lieber Johnny,« sagte sie, »hier haben Sie Ihr Bekenntnis zurück, das Sie an mich gebunden hat. Sie haben Ihre Freilassung verdienen müssen. Sie haben aufgehört, mein Jünger zu sein.«

Er griff gierig nach dem Papier, zündete ein Streichholz an und hielt eine Ecke des Umschlages über das Feuer. Er beobachtete, wie die Flammen heraufzüngelten, dann warf er das Papier zu Boden und zertrat es mit seinen Absätzen.

»Sie sind schon der zweite meiner Jünger, der die Freiheit erhält. So werden sie einer nach dem andern sich die Freilassung holen. Bleiben Sie noch. Wir wollen ein Abschiedsessen bestellen.«

Er schüttelte das Haupt und deutete auf die Biegung, wo der Wagen stand.

»Mrs. Hodson Chambers wartet auf mich,« gestand er traurig. »Wir verreisen mit dem Nachtzug.«

Madame wandte sich ab. Sie fühlte, wie grausam ihr Lächeln sei. Sir John ging niedergeschlagen die Allee hinunter auf das wartende Auto zu.

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