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Madame und ihre Zwölf

Edward Phillips Oppenheim: Madame und ihre Zwölf - Kapitel 2
Quellenangabe
authorE. Phillips Oppenheim
titleMadame und ihre Zwölf
publisherWilhelm Goldmann Verlag
yearo.J.
printrun6.-15. Tausend
translatorJosef Niggli
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180612
projectid86250d62
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1

Vor dem letzten Hindernis zögerten die beiden Männer und blickten die Lichtung hinunter nach dem fernen Wäldchen. Die Golfjungen zeigten aufgeregt auf einen Gegenstand, der nächst der Zielflagge unbeweglich auf dem sanften Rasen ruhte.

»Seht mal!«

»Ein Mann!«

»Er ist tot!«

Die Spieler hielten an und überlegten. Sie waren Partner, die seltsam voneinander abstachen. Mr. Edgar Franks, ein älterer, untersetzter, kräftiger Mann, mit einem vollen, nur leicht angegrauten, blonden Haarschopf, war ein amerikanischer Millionär, der die schönste Villa im ganzen Umkreis von Antibes sein eigen nannte. Armand Toyes, ein großer, hagerer Jüngling, kam gelegentlich auf seinem Motorrad von seinem Heim hinter den Hügeln von Cagnes hergefahren.

»Liegt der ausgerechnet auf dem Platz, wo meine Kugel landen sollte,« stieß Mr. Franks ärgerlich hervor. »Das heißt, wenn es überhaupt ein Mensch ist.« –

»Mag es nun ein Mensch sein oder ein Lumpenbündel,« meinte sein Partner, »ich fürchte sehr, wir müssen uns hinbemühen oder die Jungen hinschicken. Probieren wir's erst mit einem Anruf.«

Die beiden erhoben ihre Stimmen, und der Warnungsruf des Golfers schallte durch die sonnenhelle Stille des Aprilmorgens. Auf dem Rasen rührte sich nichts.

»Wir müssen doch hinunter und nachsehen,« brummte der Amerikaner.

Die beiden schritten an einem mit gelben Blumenbüscheln übersäten Wiesenstück entlang und machten sich auf den Weg nach dem Wäldchen hinunter. Sie waren nicht besonders neugierig. Trotzdem beschleunigten sie ihre Schritte, als sie sich dem Ziele näherten.

»Es ist wirklich ein Mann,« konstatierte der Jüngere.

»Ein Landstreicher,« fügte der andere bei. »Er schläft. Ein Toter würde nicht so daliegen. Heda, aufgewacht!«

Der Schläfer fuhr auf, stützte sich auf die Ellenbogen und arbeitete sich auf die Füße. Er war in Lumpen gekleidet wie ein französischer Vagabund, aber seine Haltung stach von seinem Äußeren auffallend ab. Aus einem dunklen Gesicht, dem man den Ärger über den unterbrochenen Schlaf deutlich ansah, maß ein finsterer Blick die Störenfriede.

»Ein merkwürdiger Platz für die Nachtruhe, mein Bester,« begann Mr. Franks. »Wissen Sie, daß das ein Golfplatz ist und daß Sie sich auf Privateigentum befinden?«

»Das wußte ich nicht, und es kümmert mich auch nicht,« war die kurz angebundene Antwort. »Ich bin vom Weg abgekommen und eingeschlafen. In welcher Richtung liegt Cagnes?«

Die beiden deuteten auf einen Hügel, wo sich malerisch die Silhouette einer kleinen Stadt abhob. Der Fremde warf ihnen noch einen offensichtlich mißfälligen Blick zu, kehrte ihnen stumm den Rücken und ging seines Weges.

»Ein Landstreicher ohne Zweifel,« lachte der Jüngere, »aber ein merkwürdiger. Er hat uns nicht einmal angebettelt.«

Sie sahen ihm nach, wie er über das Golffeld hinweg auf kürzestem Wege der Stadt zuwanderte. Er ging, als hätte er wunde Füße, und hatte doch nicht den unsicheren Gang des Vagabunden.

»Merkwürdig, daß er uns französisch angesprochen,« meinte Edgar Franks. »Er sah doch wie ein Engländer aus und hatte auch einen englischen Akzent.«

Die beiden kehrten zu ihrem Spiel zurück und damit war das kleine Intermezzo vergessen.

*

Der Fremde fand sich wieder auf den Weg zur Stadt und betrat dort das erste kleine Café auf seinem Wege. Die Wirtin hinter dem Büffet maß den Gast mißtrauisch.

»Was wünscht der Herr?« Sie zwang sich zur gewohnheitsmäßigen Freundlichkeit.

»Gelegenheit zum Waschen,« war die trockene Antwort, »dann etwas Kaffee.« Er verstand ihren Blick und zog aus der Tasche des zerschlissenen Rockes ein paar kleine Noten. Sie öffnete eine Tür. »Dort ist ein Becken, Wasser ist auch da. Bis Sie sich gewaschen, ist der Kaffee bereit.«

Als der Fremde zurückkam, wählte er einen Platz an der Sonne. Er hatte den ungemütlichen Eindruck nicht abgestreift und auch seine Stirnrunzeln waren geblieben. Trotzdem hatte er etwas Außergewöhnliches an sich. Die Augen verrieten Ernst, der Mund Energie. Die Hände waren gebräunt, aber wohlgeformt.

»Der Herr hat einen langen Weg hinter sich?« fragte die Wirtin, als sie den Kaffee auftrug.

»Es geht,« war die Antwort. »Können Sie mir sagen, wo die Villa Sabatin liegt?«

»Die Villa Sabatin?« wiederholte die Frau. »Gewiß. Die liegt oben in dem Tälchen, das sich linker Hand hinaufzieht. Man nimmt am besten die Straßenbahn dort und steigt in St. Oisette aus.«

»Ist es weit?«

»Vielleicht zwei Stunden.« Der Fremde bezahlte, überzählte sein Geld und bestieg die Straßenbahn, die gegenüber wartete. Langsam und holpernd wurde er in das fruchtbare Land zwischen Cagnes und St. Jeanette hinausgeführt. In St. Oisette stieg er aus. Da lag eine Gruppe winziger Häuschen, jedes von einem Gärtchen und einem Stück Ackerland umgeben. Eine Wirtschaft war auch da, eine alte Kirche und ein steiniges Sträßchen. Er brauchte nicht mehr nach dem Wege zu fragen. An der Wegebiegung stand ein Wegweiser: »Zur Villa Sabatin«.

Die Reise, die der Fremde hinter sich hatte, mußte nach dem Äußeren zu schließen, recht beschwerlich gewesen sein. Trotzdem zeigte er auch vor dem Endziel keine Eile. Er blieb gelegentlich auf dem steilen Pfade stehen und warf einen Blick auf das immer mehr sich weitende Panorama. Die Aussicht hier hatte schon viele Künstler aus allen Erdteilen angelockt, aber wenn auch sein Blick darauf ruhte, so verrieten seine Mienen doch keine Spur von Wohlgefallen. Mit völliger Gleichgültigkeit streifte sein Auge über die grünen Abhänge mit den hellen Flecken des Kulturlandes, und darüber hinaus über die altersgrauen Dörfer. Er blickte sogar auf die fernen, schneebedeckten Alpen, deren weiße Kuppen von dem tiefblauen Himmel abstachen, ohne den Eindruck zu verraten, den sie auf ihn ausübten. Er schaute nur und schaute und kletterte weiter bergan.

Endlich stand er vor einem wundervoll gearbeiteten Eisentor. Aus der Pförtnerloge trat eine Frau, und bedeutete ihm, er möge die Hinterpforte benützen. Er schenkte ihr keine Beachtung und schritt zwischen den Rosenbeeten und den Orangeblüten durch, bis plötzlich die Villa, weiß und kühl, mit grünen Fensterläden und einer großen Terrasse, vor ihm stand. Kühn steuerte er auf den Haupteingang los und läutete.

Der vornehme Diener warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. »Der Eingang ist hinten,« verwies er ihn streng. »Für Ihresgleichen gibt es hier nichts.«

»Ich komme zu Besuch,« erwiderte der Vagabund. »Haben Sie die Freundlichkeit, Madame zu unterrichten, daß ich angekommen sei.«

»Unmöglich,« wies ihn der Mann zurück. »Madame empfängt keine Bettler.« Er wollte die Tür schließen, aber der Fuß des Vagabunden hinderte ihn daran.

»Melden Sie mich lieber an, wenn Sie nicht Unannehmlichkeiten haben wollen.«

Der Diener war ratlos. Da trat eine Dame aus einer Balkontüre, ein Buch in der Hand und ging auf einen Rohrsessel auf der Terrasse zu. Der Landstreicher trat zurück und schaute zu ihr auf. Es war eine auffallende Erscheinung, schlank und hübsch, mit vollem, goldbraunem Haar um das bleiche Gesicht. Sie hatte anmutige Bewegungen, und doch war es klar, wenn ihr auch keine Altersspuren anzumerken waren, daß sie nicht mehr jung war. Wenige Schritte vor dem Landstreicher hielt sie an. Dieser zog seine Mütze, verneigte sich tief mit ironischer Grazie.

»Schön wie immer,« murmelte er. »Siehe die Unterwürfigkeit deines Sklaven.«

Sie betrachtete ihn, nach einer Erinnerung suchend, dann lachte sie belustigt auf.

»Aber liebster Hugh,« rief sie ihn an, »dahin ist es also mit Ihnen gekommen?«

»Dahin ist es gekommen,« bestätigte er.

Sie wandte sich an den Diener. »William, weisen Sie den Herrn in das Badezimmer. Besorgen Sie ihm Kleider und was er sonst nötig hat. Der Herr wird mit uns speisen.«

William verneigte sich tief und ging voran. Der Fremde zögerte noch einen Augenblick.

»Der Empfang ist überwältigend,« sagte er zu der Dame. »Ich bitte Sie aber, sich meinetwegen nicht zu beunruhigen. Meine Kleider sind allerdings nicht mehr wert, als weggeworfen zu werden, aber –«

»Sie brauchen mir nichts zu erklären,« unterbrach sie ihn. »Folgen Sie jetzt nur William. Ich brenne darauf, Sie in anderer Verfassung willkommen zu heißen, den ersten meiner Jünger, der meinem Rufe Folge geleistet hat.«

Er wandte sich ab mit einem kleinen Achselzucken – kaum eine Geste eines Landstreichers. Dann folgte er seinem Führer die breite Marmortreppe hinauf.

*

Als der Fremde in einem grauen englischen Anzug, dem Werk eines erstklassigen Schneiders, rasiert, manikürt und mit dem Duft des Badezimmers um sich nach einer Stunde die Halle betrat, hatte er völlig das Äußere eines Gentleman. Madame betrachtete ihn mit kritischem Wohlgefallen, William mit solchem Erstaunen, daß er beinahe das silberne Teebrett hätte fallen lassen.

»Eine wunderbare Verwandlung,« bemerkte Madame. »Sie waren von jeher der Eleganteste meiner Gesellschaft, mein lieber Hugh. Leider verraten mir Ihre Mienen, daß Sie es nicht sehr weit gebracht haben.«

»Warum sollte ich mein Mißgeschick beklagen,« erwiderte er, »hat es mich doch zu Ihnen zurückgeführt.«

»Ihr Kommen war unvermeidlich,« erinnerte sie ihn, »gleichviel, ob es Ihnen gut gegangen wäre oder nicht.«

»Das ist richtig,« räumte er ein. »Es ist aber trotzdem merkwürdig, daß ich der erste hier bin.«

»Wo waren Sie?«

»Noch vor drei Tagen in Marseille.«

»Marseille?«

»Ich landete eben,« erklärte er ihr. »Am ersten Tage bekam ich in einem Café im Hafen eine Zeitung zu Gesicht – und hier bin ich.«

»Ich will mich nicht in Ihre Abenteuer eindrängen,« sagte Madame, als sie ihn zu Tische führte. »Aber Sie wissen, unter welcher Bedingung unsere Verbindung gelöst werden kann?«

»Ich habe sie nie vergessen,« erwiderte er. »Lassen Sie mich nur das eine zu Ihrer Beruhigung sagen. Ich bin auf meinen Fahrten von allerlei Mißgeschick verfolgt worden, aber ich habe nie gesessen.«

»Ausgezeichnet! Bei mehreren anderen bin ich nicht so sicher. Sie aber waren trotz aller Ihrer Fehler immer ein Mann!«

Er verneigte sich spöttisch.

»Ein Freiluft-Diner!« lachte er, mit einem Blick auf die Diener, die den Tisch heraustrugen. »Ich habe viele mitgemacht auf meinem Wege von Marseille – aber keines wie dieses. Doch schweige ich vielleicht besser vor der Dienerschaft?«

»Meine Diener sind immer noch nach dem alten Grundsatz ausgewählt,« erwiderte sie, »aber vielleicht ist es doch besser.«

»Warum haben Sie sich entschlossen, unsere Gesellschaft aufzulösen?«

Sie zuckte die Schultern und wartete, bis William, der seine Gehilfen bereits weggeschickt hatte, sich ebenfalls in das Zimmer zurückzog, bevor sie antwortete.

»Ich werde alt, vielleicht auch matt und müde. Ich muß Zerstreuung haben. Dann wollte ich auch wissen, was aus euch allen geworden ist. Und da ist ja auch noch euer Verpflichtungsschein, der eingelöst werden muß. Es kam Ihnen doch nicht ungelegen, mir diesen Besuch zu machen?«

»Ungelegen?« wiederholte er. »Warum denn? Ich bin ein ruinierter und gebrochener Mann. Aber zehn Minuten, nachdem ich Ihre Botschaft gelesen, war ich bereits auf dem Wege. Ich folgte der Küste und kam auf seltene Art her. Ich marschierte nachts, ruhte und badete bei Tage. Ich könnte einen ganz neuen ›Führer durch die Riviera‹ schreiben. Es sind mir gerade noch ein Franken und dreißig Centimes geblieben.«

Madame langte lässig nach einer seidenen Handtasche, die an ihrem Stuhl hing, holte ein Notizbuch hervor und rechnete nach.

»Sie werden gewiß froh sein, zu erfahren, daß es besser mit Ihnen steht, als Sie glauben,« kündete sie ihm an. »Sie haben noch ein Guthaben von 62 500 Franken.«

»Nicht möglich!« rief er aus.

Sie lächelte.

»Ein Siebentel aus dem Erträgnis des Gobert-Handels gehört Ihnen,« erklärte sie. »Sie haben noch keinen Penny davon erhalten.«

»Ich will mit dem Gobert-Handel nichts zu tun haben,« erwiderte er. »Es war eine Frau mit im Spiele.«

»Mit einer Affäre nichts zu tun haben wollen, wenn sie längst abgetan ist, ist Gefühlsduselei,« entgegnete Madame. »Es war eine Frau hineingezogen, weil sie sich in den Kopf gesetzt hatte, sich unangenehm bemerkbar zu machen. Es geschah ihr aber nichts. Sie wurde einfach ignoriert. Ich stelle Ihnen einen Scheck aus auf den Crédit Lyonnais. Er wird Ihnen ermöglichen, hier standesgemäß aufzutreten.«

»Und mein Verpflichtungsschein?«

»Das eilt nicht. Ein kleiner Erholungsaufenthalt wird Ihnen nichts schaden. Es gehen mir verschiedene Pläne durch den Kopf. Gegenwärtig haben Sie sich vor allem darum zu kümmern, daß Sie Ihre Garderobe vervollständigen und sich an die Stellung als Gast meines Hauses gewöhnen.«

»Diese Aufgabe wird mir nicht schwer fallen.«

*

Die Ruhe des sonnenwarmen Nachmittags wurde plötzlich gebrochen. Man hörte nicht mehr das Summen der Bienen und das Plätschern des kleinen Wasserfalles an der Parkecke. Diese eintönigen und doch melodischen Geräusche wurden übertönt durch das scharfe Geknatter eines Autos. Ein kleiner Zweisitzer bog um die letzte Kehre des Fahrweges und hielt mit überraschendem Ruck am Fuße der Treppe. Die einzige Insassin, ein Mädchen, sprang aus dem Wagen und kam lächelnd auf sie zu. Sie war noch sehr jung, und als sie näher kam, zeigte es sich, daß sie von außergewöhnlicher Schönheit war. Das Haar näherte sich dem Blond der Rheintöchter, die Augen waren dunkelbraun, mit scharf geschnittenen Brauen. Der entzückend weiche Mund verriet ständig die Neigung zum Scherzen. Sie ließ mit einiger Überraschung die Vorstellung über sich ergehen.

»Mr. Hugh Cardinge – meine Nichte, Claire Fantenay.«

Das Mädchen reichte dem Fremden mit einem fröhlichen Wort die Hand. Cardinge, der sie mit verwundertem Staunen betrachtet hatte, verbeugte sich. Der Diener legte bereits ein drittes Gedeck auf.

»Wie kommt denn das?« fragte Madame, »ich dachte, du wolltest mit Armand im Golfklub essen?«

Das Mädchen runzelte die Stirn, errötete und nagte an den Lippen. Sie mußte noch jünger sein, als sie zu sein schien, und die kleine Verlegenheit ließ sie für den Mann, der noch kein Auge von ihr gelassen hatte, noch schöner erscheinen.«

»Armand ärgerte mich,« bekannte sie. »Da zog ich es vor, heimzukommen. Auch sollte ich dir eine Nachricht bringen.«

Das junge Mädchen nickte. »Mag daraus klug werden, wer will,« fuhr sie fort, »ich werde es nicht. Er trug mir auf, dir zu sagen, daß ›es‹ diesen Morgen angekommen sei. Wer dieses ›es‹ sei, geruhte er mir nicht zu erklären.«

Madame seufzte.

»Ihr Kinder,« meinte sie nachsichtig.

Das Mädchen setzte sich. Der Schatten eines frischen Ärgers oder einer Kränkung verfinsterte immer noch ihr Gesicht.

»Wenn Armand ein Kind ist,« schmollte sie, »so ziehe ich vor, mich den Erwachsenen zuzuzählen. Wenn er aber zu den Erwachsenen gehören sollte, möchte ich lieber Kind sein.«

»Nebenbei,« fragte Madame leichthin, »mit wem spielte er denn?«

»Mit einem einfältigen Kerl, den ich schon gar nicht ausstehen kann,« antwortete das Mädchen. »Er hätte verschiedene bessere Partner haben können, aber er kaprizierte sich darauf, diesen Menschen erwarten zu wollen. Dabei hätte ich so gerne eine Runde gemacht. Es war unerträglich.«

»Du hast noch gar nicht den Namen dieser unausstehlichen Persönlichkeit genannt,« meinte Madame.

»Entschuldige,« sagte das Mädchen. »Ich glaubte, du hättest ihn erraten. Er nennt sich Mr. Edgar Franks, der Mensch, vor dem alle katzenbuckeln, weil er ein amerikanischer Millionär ist. Was hat Armand bei Millionären zu suchen?«

Für den Rest der Mahlzeit unterhielten sich die Damen über gleichgültige Dinge. Cardinge hüllte sich in Schweigen. Als ihn aber seine Gastgeberin nachher zu einem kleinen Spaziergang im Garten einlud, hatte er etwas zu sagen.

»Madame,« begann er, »ich bin Ihrem Appell gefolgt. Ich bin zur Stelle – wie in früheren Zeiten. Aber Sie werden sich erinnern, daß früher eine Bedingung bestand: Frauen blieben bei allen Dingen, die wir in die Finger nahmen, aus dem Spiele.«

»Nun, und?«

»Dieses Mädchen hier,« fuhr er fort. »Sie ist noch sehr jung. Ich bin sicher, sie ist unschuldig wie ein Lämmchen. Sie haben keine Nichte.«

Madame lachte leise auf, aber ihr Lachen hatte etwas Unfrohes.

»Immer der Alte,« spottete sie. »Ich nehme an, Sie getrauen sich immer noch, einem Manne den Hals abzuschneiden, wenn es nötig ist?«

»Wenn ich will, warum nicht?« räumte er kühl ein. »Es haben Verschiedene dran glauben müssen, seit wir uns zuletzt gesehen haben.«

»Aber dieses Mädchen darf mit solchen Dingen nicht in Berührung kommen? Weil sie ein Puppengesicht hat und nach dem Geschmacke von euch Männern schön ist?«

»Ich verlange das,« bestätigte er. »Sie wissen noch sehr gut, wie wir es früher gehalten haben. Kinder, Hunde und Weiber bleiben draußen. Sie wissen aber auch, daß ich in allen übrigen Dingen nicht ängstlich bin.«

Madame schwieg und versenkte sich in die Schönheit der Umgebung.

»Sagen Sie mir,« unterbrach er sie plötzlich, »haben Sie schon bestimmte Pläne oder wollen Sie in diesem wundervollen Heim ein neues Dekameron veranstalten?«

»Ich habe keine Pläne,« antwortete sie. »Unser Vertrag enthält die Bestimmung, daß ich euch rufen und die Verpflichtungsscheine auslösen kann, sobald mir der Zeitpunkt zur Auflösung der Gesellschaft gekommen scheint. Und dieser Zeitpunkt ist da. Ich brauche dringend Abwechslung.«

»Sie haben uns alle gerufen?«

»Alle,« erwiderte sie mit schwachem, spöttischem Lächeln. »Sie sind nicht alle so pünktlich wie Sie, aber sie werden kommen. Die meisten werden den Appell verwünschen, aber sie werden es nicht wagen, ihn zu mißachten.«

»Und mein Verpflichtungsschein?«

»Ihre Unternehmung ist bereits vorbereitet. Die Nachricht, die meine Nichte vom Golfplatz gebracht hat, war das Zeichen, daß alles bereit ist.«

»Es muß ausgemacht werden, daß die junge Dame in keiner Weise in die Sache hineingezogen wird,« bedang er sich nochmals aus.

Ein Strahl überlegener Verachtung flammte einen Augenblick in ihrem Auge auf.

»Die Lage, in der Sie sich befinden,« spottete sie, »gestattet Ihnen schwerlich, Bedingungen zu stellen. Sie wollen Ihren Verpflichtungsschein zurück haben? Sie müssen ihn verdienen.«

»Madame,« erwiderte er unbeirrt, »Sie sollten sich über einen Unglücklichen nicht lustig machen. Ich gebe zu, daß ich ein Abenteurer und dazu heute noch ein armer Teufel bin – abgesehen von dem Guthaben, von dem Sie vorhin sprachen. Aber meine Grundsätze sind nicht zu erschüttern.«

»Also wirklich, Sie sind langweilig,« erklärte sie. »Was ich von Ihnen verlange, ist nichts weiter, als einem Falstaff etwas abzunehmen, dazu nicht einmal Geld, sondern nur eine Auskunft.«

»Das paßt mir,« lenkte er ein. »Ich kann diese Dickbäuche sowieso nicht ausstehen. Erst heute morgen hat mich einer geärgert.«

*

Mr. Edgar Franks steuerte nach alter Gewohnheit seinen prächtigen Zweisitzer selbst vom Golfplatze nach Hause. Er prahlte gelegentlich mit seinem raschen Fahren, doch fehlte es ihm an Liebe und Verständnis für diesen Sport. Jedenfalls war er Notfällen nicht gewachsen, er besaß keine Geistesgegenwart. Er war daher entsetzt, als nach einer scharfen Kurve der Straße, die nach seiner Villa hinunterführt, plötzlich ein anderer Wagen, dessen Führer über dem Steuerrad lehnte, als wäre er eingeschlafen oder von plötzlichem Unwohlsein befallen, ihm den Weg versperrte. In höchster Aufregung schrie und fluchte er und warf sich mit der ganzen Brutalität des kopflosen Anfängers auf die Bremsen. Nachdem er den Wagen einige Meter vor dem Hindernis zum Stehen gebracht, bot sich ihm als nächste klare Wahrnehmung wieder eine Überraschung. Der Mann, der über dem Steuerrad gehangen, beugte sich nun über ihn – es war ein großer Mensch, der am hellen Tage eine schwarze Maske vor dem Gesichte trug. Gleichzeitig machte Mr. Franks Bekanntschaft mit einem ihm unbekannten, aber nicht unangenehmen Parfüm, dessen erster Hauch ihn plötzlich alle Schrecken vergessen und in tiefe Bewußtlosigkeit versinken ließ.

»Entschuldigen, gnädiger Herr ...«

Herr Edgar Franks schlug nach einer Viertelstunde die Augen auf und blickte in das verstörte Gesicht seines Gärtners.

»Ich erlaubte mir, den Herrn zu wecken,« erklärte der Mann unterwürfig. »Gnädiger Herr scheinen unversehens eingeschlafen zu sein.«

Mr. Edgar Franks Leibesfülle kam nicht von ungefähr. Er schätzte die Genüsse des Lebens und pflegte schon bei Tage solche Mengen von Wein und Likören zu sich zu nehmen, daß sein plötzliches Einschlafen am Steuerrad für den Diener nichts Überraschendes hatte. Unerklärlich war diesem nur sein Benehmen beim Erwachen.

»Wo steckt der andere Wagen?« fragte Herr Franks.

»Der andere Wagen, gnädiger Herr?« wiederholte der Gärtner. »Ich habe keinen anderen Wagen gesehen.«

Mr. Franks prüfte die Bremsen. Eine stärkere Hand als die seine mußte sie angezogen haben. Dann riß er seinen Rock auf und durchsuchte die Taschen. Die Brieftasche war unberührt, obschon sie einige Zehntausender mehr enthielt, als er gewöhnlich bei sich zu tragen pflegte. Auch die zwei Briefe, die er mit der Morgenpost erhalten, lagen in ihren Umschlägen, und da war auch das Telegramm, das man ihm auf den Golfplatz hinaus nachgeschickt hatte. Die Uhr, die goldene Kette mit den verschiedenen Anhängseln, dem Zigarettenhalter, der Streichholzschachtel und dem Bleistift – alles war da. Zwei Schlüsse drängten sich ihm auf: erstens hatte man ihm nichts geraubt und zweitens, war er unverletzt. Er fühlte sich sogar ausnehmend wohl. Er grübelte über die Radspuren, die der fremde Wagen vor ihm zurückgelassen hatte.

»Der Teufel werde daraus klug,« brummte er, als sein Fuß nach dem Anlasser tastete.

*

Madame hatte sich, bereits im Abendkleid, in eine geschützte Ecke der blumengeschmückten Veranda zurückgezogen. Sie saß, einer Sphynx gleich, inmitten eines Blütenmeeres, eine rätselhafte Gestalt in dem modernen Kleid, das ein angenehmes Parfüm ausströmte. Der zarte Teint war offenbar ein Wunder der Schminkkunst. Die Augenbrauen und Lippen waren sorgfältig nachgezogen. Nur das weiche, schönfarbige Haar wollte nicht recht zu der wächsernen Stirne passen, die es in feinerfundenen Wellen umrahmte. Sie war der Höhepunkt einer kunstvollen Künstelei, die dank des tadellosen Geschmacks und der mystischen Gaben eines genialen Toilettenkünstlers keinen unfreundlichen Verdacht aufkommen ließ.

Sie wandte den Kopf dem herzutretenden Gaste zu. Eine märchenhafte Vorsehung hatte auch ihn mit einem Abendanzug ausgestattet, der ihm ebenso angegossen saß wie der Straßenanzug vom Vormittag. Von dem Landstreicher war keine Spur mehr zu entdecken.

»Der erste Streich ist Ihnen also gelungen,« flüsterte sie. »Er hat Ihnen sicher Freude gemacht.«

»Nicht besonders,« entgegnete er, sich eine Zigarette anzündend. »Es war zu leichte Arbeit.«

»Immerhin ist die Geschichte ganz spaßig,« fuhr er fort. »Es stellte sich nämlich heraus, daß dieser Mr. Franks der Schmerbauch war, der mich heute morgen auf dem Golfplatz aus dem Schlafe geschreckt hat. Ich habe ihn dafür am Nachmittag mit Ihrem wunderbaren neuen Betäubungsmittel in Schlaf gewiegt. Sie können Ihrem Professor gratulieren.«

»Henri könnte einer der bedeutendsten Gelehrten unserer Zeit werden, wenn er fleißiger arbeiten und den Absinth meiden wollte.«

»Ich werde aber immer noch nicht klug aus dieser Sache.« Er setzte sich in den Rohrsessel an ihre Seite. »Ich hatte nichts weiter zu tun, als ein Telegramm zu lesen und Ihnen den Inhalt von Nizza aus telephonisch zu übermitteln.«

»Das genügte vollständig,« versicherte sie. »Das Telegramm verriet mir, daß im stillen eine weitere Ölgesellschaft aufgekauft und dem Franks-Konzern angegliedert worden ist. Die Veröffentlichung soll aber erst nächste Woche erfolgen. Meine Agenten in Amerika haben bereits meine Weisungen. Es wird ein Geschäft von rund einer halben Million.

»Welcher Einfall!« staunte er. »Es gereicht mir immerhin zum Troste: ich habe mein Brot hier verdient.«

Sie wandte sich ihm mit einer lässigen Bewegung zu: »Ich wundere mich immer, warum Sie für sich selbst nichts unternehmen auf dieser Welt?«

»Ich hätte es beinahe getan – früher.«

»Kürzlich?«

»Es ist noch nicht lange her. Aber hier kommt der andere Bekannte vom Golfplatz. Es ist das Jüngelchen, das mit dem Schmerbauch gespielt hat.«

Der Ankömmling beschleunigte seine Schritte, verneigte sich und führte Madames Finger an seine Lippen. Dann wandte er sich zu Cardinge.

»Ein alter Freund von mir, Armand,« stellte Madame vor. »Mr. Hugh Cardinge – mein Neffe, Armand Toyes.«

Die beiden reichten sich die Hand. Cardinge fühlte wieder die Abneigung in sich aufsteigen, die schon am Vormittag sein Gesicht verfinstert hatte. Der junge Mann hatte ein auf den ersten Blick gewinnendes, offenes Wesen. Der Sonnenbrand hatte seinen mädchenhaften Teint etwas gebräunt. Er hatte hellbraune Augen und weiches, schön gekämmtes Haar. Mit keiner Miene verriet er, ob er sich der Begegnung mit Cardinge auf dem Golfplatz erinnere. Trotzdem Cardinge gewöhnlich den Dingen nicht in die Tiefe nachging und für die Psychologie nur Spott übrig hatte, entdeckte er etwas in dem Gesicht des jungen Mannes, das ihn mit unüberwindlicher, instinktiver Abneigung erfüllte. Er blickte fragend auf Madame.

»Sie sind überrascht, daß ich außer der Nichte auch noch einen Neffen entdeckt habe?«

»Deren Verwandtschaft mir im einen wie im andern Falle gleich zweifelhaft erscheint,« gab er sarkastisch zurück.

Madame nahm den Fehdehandschuh nicht auf. Sie deutete auf das Mädchen, das eben die Terrasse betrat. Das Sonnenlicht spielte in ihrem Haar, das das Gesicht wie ein blasser Heiligenschein umrahmte. Sie schien noch bleicher als am Vormittag. Sie hatte angstvolle Augen, eine verstörte Miene. Der junge Mann war bei ihrem Erscheinen aufgesprungen und trat ihr mit versöhnlichem Lächeln entgegen.

»Du bist doch nicht mehr böse auf mich?« bat er. »Da läutet es übrigens zu Tische. Willst du mir den Arm geben?«

Seine Stimme war sanft, beinahe schmeichelnd. Trotzdem hörte Cardinge eine versteckte Drohung heraus. Das Mädchen gab schweigend den Arm.

»Wenn ihr Kindsköpfe euch verzankt habt, so müßt ihr euch wieder versöhnen,« erklärte Madame, Cardinge den Arm reichend. »Heute abend wollen wir fröhlich sein. Wir wollen ein Glas Champagner trinken. Unser Freund hier, Hugh Cardinge, hat seinen Verpflichtungsschein eingelöst.«

Sie überreichte ihm ein großes, versiegeltes Schriftstück, das sie ihrer Handtasche entnommen hatte. Er warf einen erinnerungsschweren Blick darauf, dann riß er es gedankenvoll in Stücke.

»Sie haben aufgehört, einer meiner Jünger zu sein,« erklärte sie mit leisem Lächeln. »Wenn Sie aber noch etwas bei uns bleiben wollten, als unser Gast, so hätten Sie das Vergnügen, den nächsten Ihrer früheren Genossen empfangen zu helfen.«

Er zögerte. In diesem Augenblick schaute das Mädchen zurück. Der Arm, auf dem Madames Hand ruhte, wurde plötzlich schwer. Cardinge änderte seinen Entschluß.

»Sie sind sehr freundlich,« antworte er. »Es ist mir ein Vergnügen, Ihre Einladung für einige Zeit anzunehmen.«

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