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Madame und ihre Zwölf

Edward Phillips Oppenheim: Madame und ihre Zwölf - Kapitel 11
Quellenangabe
authorE. Phillips Oppenheim
titleMadame und ihre Zwölf
publisherWilhelm Goldmann Verlag
yearo.J.
printrun6.-15. Tausend
translatorJosef Niggli
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180612
projectid86250d62
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10

Geoffrey Francis, Earl von Westerton, war außer sich. Zum dritten Male hatte er versucht, durch das Sprachrohr mit dem Chauffeur in Verbindung zu treten – aber der Mann nahm nicht die geringste Notiz von seinen Anstrengungen. Er saß unbeweglich auf seinem Platze, und sein Passagier, der doch bei der Wegfahrt deutlich gesagt hatte, er wolle nach Nizza gebracht werden, verlor alle Geduld. Ohne ein Wort der Warnung oder Erklärung war der Chauffeur plötzlich von der Hauptstraße nach links abgebogen, und in einem Tempo, das auf diesen schmalen Wegen an Verwegenheit grenzte, landeinwärts gerast.

»He, Sie da! Wo zum Teufel fahren Sie denn hin? Nach Nizza sagte ich doch!« brüllte Lord Westerton in das Sprachrohr.

Er erhielt keine Antwort. Da fiel ihm plötzlich ein, dieser Ersatzmann seines Chauffeurs verstehe vielleicht nicht englisch. Er wiederholte seine Proteste auf französisch – aber mit dem gleichen Mißerfolg. Dann öffnete er das Wagenfenster und durchging noch einmal in beiden Sprachen, was er schon vorher oft genug gesagt hatte. Der Mann am Steuerrad schenkte ihm nicht die geringste Beachtung.

»Sind Sie denn taub, verflucht noch einmal?« brüllte Seine Lordschaft schließlich und lehnte sich soweit hinaus, daß er der rätselhaften Gestalt einen Puff versetzen konnte.

Jetzt fand der Chauffeur endlich seine Sprache. Er war offenbar Franzose.

»Mylord brauchen sich nicht zu beunruhigen,« sagte er. »Es wird sich alles aufklären. Wir müssen hier in der Nähe rasch jemanden aufsuchen.«

Mylord warf sich außer Atem in die Kissen zurück.

»Eine Entführung also,« stöhnte er.

Lord Westerton hatte neben anderen, nicht ganz so lobenswerten Eigenschaften, viel Sinn für Humor und eine Neigung zu philosophischen Betrachtungen. Er erkannte klar, daß an dieser Situation nichts zu ändern war. Sie fuhren im Dreißigmeilentempo, und jeder Versuch, einen zufälligen Passanten oder einen auf dem Felde arbeitenden Bauern anzurufen, wäre lächerlich gewesen. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund mußte dieser Mann, der für seinen erkrankten Chauffeur eingesprungen war, sich in den Kopf gesetzt haben, ihn an einen unbekannten Bestimmungsort zu bringen. Aus dem Wagen zu springen, war unmöglich. Ein Angriff auf den Wagenlenker wäre gefährlich gewesen. So entschloß er sich, sich in das Schicksal zu fügen. Die Landschaft, die sie durchrasten, war wenigstens interessant. Jetzt bog die Straße um ein altes Schloß und fraß sich noch tiefer in die Hügel ein. In früheren Jahren war der unfreiwillige Fahrgast ein großer Freund von Abenteuern gewesen. Ein schwacher Abglanz dieser Freude an dem Unerwarteten rumorte mit jedem Kilometer heftiger in seinem Blute. Wohin würde er wohl gebracht? War es in einem zivilisierten Lande möglich, einen Menschen auf diese Art zu entführen? Oder war das Ganze ein schlechter Scherz eines guten Freundes? Furcht war den Westertons etwas Unbekanntes. So bekam er immer mehr Freude an dieser Fahrt und dem unerwarteten Abenteuer. Was es zu bedeuten hatte, war ihm aber auch nicht klar geworden, als er durch die Olivenallee fuhr und der Wagen schließlich vor der Villa anhielt.

Ein korrekter englischer Kammerdiener öffnete den Schlag. Lord Westerton war sogar etwas enttäuscht. Diese Umgebung sah gar nicht nach einem aufregenden Abenteuer aus.

»Wollen Mylord so freundlich sein und aussteigen?« dienerte der Mann.

»Warum zum Teufel sollte ich das?« wetterte der Passagier. »Ich weiß ja nicht einmal, wer hier wohnt und was ich hier soll!«

Eine Dame, die sich in einem Lehnstuhl hinter den rankenden Rosen verborgen gehalten, kam die Treppe hinunter. Sie war offenbar nicht mehr jung, aber ihre Augen waren immer noch feurig, ihre Gestalt schlank, und ihr Gang leicht und graziös. Der unfreiwillige Besucher starrte sie ganz benommen an. Sie grüßte lächelnd, und da erkannte er sie. Er begriff auch auf einmal.

»Madame,« rief er.

»Es freut mich, Sie doch noch begrüßen zu können, lieber Freund,« sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen. »Ich hatte lange Geduld mit Ihnen, aber schließlich mußte ich Ihnen doch beibringen, daß Sie immer noch mein Jünger sind. Das hätte es früher nicht gebraucht.«

Lord Westerton stieg aus und hob die schlanken Finger an die Lippen.

»Madame, in einer Beziehung haben Sie sich wenigstens nicht verändert,« meinte er. »Sie lieben immer noch die Überraschungen. Darf ich auf Vergebung hoffen?«

»Das hängt von Ihrer weiteren Aufführung ab,« war die belustigte Antwort. »William, führen Sie den Wagen in die Garage. Wir telephonieren, wenn wir ihn wieder nötig haben.«

Lord Westerton setzte sich zu ihr auf die Terrasse und schüttelte sich vor Lachen.

»Eine regelrechte Entführung also!«

Sie sah ihn vorwurfsvoll an.

»Sie hätten diese Gewaltanwendung nicht abwarten sollen.«

Er seufzte. Er vergaß ganz seine 69 Jahre. Ihm war wie in den Tagen, als Madames Nähe ihn erst fühlen ließ, was das Leben bieten konnte.

»Sie haben recht, mich zu schelten,« sagte er.

»Sie haben meinen Appell gelesen?« fragte sie.

»Ich habe ihn gelesen. Aber, was sollte das sagen für einen Mann in meinem Alter?«

»Sie haben Ihren Schein noch nicht zurück,« erinnerte sie ihn. »Ich habe Ihr Bekenntnis noch in Händen.«

Er runzelte die Stirne.

»Eine Dummheit, weiter nichts.«

»Immerhin,« drängte sie. »Es wäre vielleicht doch besser, man würde es vernichten.«

»Vielleicht darf ich das Ihnen überlassen?«

»Das kommt auf die Bedingungen an,« antwortete sie.

Er schaute sie überrascht an.

»Bedingungen?« fragte er. »Was könnte ich noch für Sie tun? Sie sind reich. Sie haben dieser wunderbaren Welt der Abenteuer, in der wir ein paar Jahre lang lebten, gewiß längst den Rücken gekehrt. Welchen Dienst könnte ich Ihnen da noch erweisen?«

»Das will ich Ihnen gleich erklären,« begann sie. »Sie erinnern sich noch, warum unsere Verbindung so unerwartet abgebrochen werden mußte?«

»Gewiß,« antwortete er mürrisch. »Ich reiste ab, als ich eines Tages die Entdeckung machte, daß mein Sohn in den Klub Ihrer Anhänger eingetreten war. Die Jünger waren eine einzige Einrichtung – aber Vater und Sohn zugleich in dieser Gesellschaft, das war einfach unmöglich.«

Sie stimmte mit einem kleinen Seufzer zu.

»Das kommt von dem verrückten englischen Brauch, die Namen zu wechseln,« bemerkte sie.

»Wie konnte ich ahnen, daß Hugh Cardinge der Sohn von Lord Westerton war? ... Haben Sie übrigens in letzter Zeit von ihm gehört?«

Das Gesicht des Besuchers wurde hart. Nur der Klang seiner Stimme verriet etwas wie einen unterdrückten Schmerz.

»Seit sechzehn Jahren nicht mehr,« antwortete er. »Damals kamen die kleinen Geldsendungen, die ich ihm nach Kanada nachsandte, wieder zurück. Ich hatte gehofft, der Krieg könnte ihn wieder in seine Welt zurückführen. Er hat ein wildes Leben geführt, aber so mancher fand sich auf diesem Umwege wieder zurück.«

Madame lehnte sich zu ihm hinüber und ergriff seine Hand. Sie nannte ihn mit einem Namen, der der Vergangenheit angehörte.

»Francis,« sagte sie, »Sie haben doch gewiß gelesen – es ging ja durch alle Zeitungen – von Colonel Carde, der als simpler kanadischer Soldat angefangen hatte und zum Schluß eine Brigade führte.«

»Was soll's mit dem?« fragte er scharf.

»Dieser Colonel Carde war Hugh Cardinge – Ihr Sohn.«

Für einen Augenblick war ihm, als müsse alles ein Traum sein – diese Fahrt in die Hügel, die Villa, die Madame, der Duft der Rosen. Jetzt mußte alles wieder zerfließen. Aber nein, Madame saß immer noch da und beugte sich über ihn. Er hörte ihre Stimme und fühlte ein Glas an seinen Lippen. Die Dunkelheit wich.

»Francis, seien Sie tapfer, lieber Freund,« flüsterte sie. »Und jetzt setzen Sie sich ganz nahe. Ich will Ihnen die Geschichte eines Helden erzählen.«

*

»Kein Golf heute?« fragte Cardinge, als plötzlich Claire in ihrer ganzen Frische vor ihm stand.

»Kein Golf, kein Tennis, gar nichts. Was soll ich anfangen. Also komme ich zu Ihnen.«

»Sie sind immer willkommen,« versicherte er. »Aber ich habe mächtig zu tun.«

»Das trifft sich ausgezeichnet,« gab sie zurück und nahm einen leeren Korb auf. »Ich habe heute die Laune, mich irgendwie nützlich zu machen. In der Villa treffen sie Vorbereitungen für den Empfang eines Besuchers, und Madame, meine liebe Tante, ist nervös, obschon sie das im Leben nie eingestehen würde. Was kann ich tun?«

»Sie können hier Erbsen ablesen,« wies sie Cardinge an. »Wer ist aber dieser Besucher? Ich glaubte, wir seien am Ende der Liste angelangt?«

»Es ist der letzte,« erklärte Claire. »Wie er heißt, weiß ich nicht. Aber ich glaube nicht, daß es etwas Ernstes wird. Madame sieht gar nicht so aus. Sie werden ihn ja kennen lernen. Ich habe Auftrag, Sie zum Essen einzuladen.«

Cardinge seufzte.

»Madame ist ja sehr gastfreundlich. Aber es wäre mir lieber, sie wäre es nicht mitten an einem so arbeitsreichen Tage.«

»Was für Unsinn,« schalt sie. »Weil Sie zum ersten Mal in Ihrem Leben so richtig arbeiten, meinen Sie, es könnte nicht eine Stunde ohne Sie gehen. Was soll denn inzwischen den Erbsen und den Erdbeeren, den Bohnen und Reben und dem Korn da draußen zustoßen? Es rennt Ihnen doch niemand damit davon.«

Er stopfte seine Pfeife und zündete sie an.

»All das verlangt ständige Wartung,« erklärte er.

Sie lachte auf und wandte sich einer neuen Erbsenreihe zu.

»Sind Sie so stolz auf Ihr kleines Gut?« meinte sie. »Sie bilden sich wohl ein, alles würde verwelken, wenn Sie nicht mit den Händen in den Hosentaschen herumspazieren und die Dinge zum Wachsen ermuntern würden?«

Er nahm die Pfeife aus dem Mund. »Sagen Sie, wollen Sie sich eigentlich lustig über mich machen?«

»Wer sollte sich denn so etwas herausnehmen?« beruhigte sie ihn ... »Sicherlich nicht so ein kleiner Fürchtemich wie ich einer bin ... Jetzt wird mir aber der Korb schon zu schwer.«

»Stellen Sie ihn hin und nehmen Sie sich einen andern,« wies er sie an. »Da sind noch genug leere und Sie haben noch nicht einmal eine Viertelstunde gearbeitet.«

Sie holte sich einen neuen Korb.

»Mehr als zehn Minuten kann ich Ihnen aber unmöglich zugestehen von diesem Vormittag,« erklärte sie. »Das Essen ist um zwölf und Madame erwartet uns vorher noch auf der Terrasse.«

Er warf einen Blick auf die Uhr.

»Dann muß auch ich mich bereit machen.«

Claire schaute ihm nach, wie er zum Haus hinunterschritt. Dann füllte sie auch den zweiten Korb und schlenderte dem Hause zu, wo sie sich mit einem Seufzer der Erleichterung in einen Korbstuhl sinken ließ. Sie versenkte sich so angelegentlich in die Landschaft, daß sie es fast bedauerte, als Cardinge wieder auftauchte.

»Ich weiß nicht wieso, aber hier unten scheint mir immer alles viel friedlicher als droben in der Villa,« meinte sie. »Sie können wohl keine Haushälterin brauchen, Hugh?«

»Kaum.«

»Ich würde Ihnen auch teuer zu stehen kommen,« sann sie weiter. »Ich esse immer doppelt so viel als normale Leute bei heißem Wetter. Und dann bin ich schrecklich faul. Ich könnte um alles in der Welt zu dieser märchenhaft frühen Stunde nicht aus den Federn, wo Sie schon auf dem Felde draußen sind.«

»Und was ist's mit der Villa?« forschte er.

Sie machte eine kleine Grimasse.

»Über Madame kommt wieder die Ruhelosigkeit,« gestand sie. »Ich kenne die Anzeichen nur zu gut. Heute erwartet sie den letzten der Jünger. Ich bin sicher: sobald er weg ist, macht sie sich auch auf die Reise – das heißt, ich wache eines Tages auf und stehe vor dem Zimmermädchen, das meine Sachen packt.«

»Die Saison ist hier ja auch vorbei,« erinnerte er sie. »Ihr werdet nach Deauville gehen, zu Armand, oder nach Aix. Das wird auch für Sie unterhaltsamer sein.«

»Aber ich will nicht fort von hier,« protestierte sie heftig. »Ich habe einmal diese Gegend in mein Herz geschlossen. Ich will nicht fort. Ich will die Weinlese mitmachen. Ich will Sie Ihre Trauben essen sehen, Hugh. Ich will Sie die Winzerfeste mitmachen sehen.«

»Es gäbe für mich nichts Schöneres als Sie hier zu haben,« erwiderte er warm. »Es wird hier sehr einsam werden ohne Sie.«

Sie wurde plötzlich ernst, ganz gegen ihre sonstigen Gewohnheiten.

»Das ist schön von Ihnen, Hugh!« rief sie. »Ich wollte, Sie würden öfters so zu mir sprechen.«

Sie haschte nach seiner Hand und sie gingen armschwingend zusammen die steile Wiese hinan. Plötzlich schaute sie ihn ganz ängstlich an.

»Ist Ihnen nicht wohl, Hugh?«

»Aber nein, mir fehlt doch nichts. Wie kommen Sie nur auf so eine Idee?«

»Ihre Hand ist ganz heiß. Und der Atem versagt Ihnen. Gehe ich Ihnen zu schnell? Ich meine immer, Sie könne man überhaupt nicht ermüden.«

Er lachte und verlangsamte seinen Schritt.

»Man wird halt alt,« gestand er.

»Unsinn,« schalt sie. »Sie sollen nicht so reden, Hugh. Sie versuchen immer, mit mir den älteren Bruder zu spielen, und das kann ich nicht ausstehen. Ich weiß genau, wie alt Sie sind. Und hoffentlich wissen auch Sie, daß Sie um Jahre jünger geworden sind, seit Sie sich hier niedergelassen haben.«

»Warum nicht?« meinte er. »Man gedeiht immer am besten in der Umgebung, die man liebt. Und ich liebe dieses Land.«

»Ich nicht minder,« fiel sie ein. »Ich liebe auch die Villa. Nur werde ich hier die Angst nie ganz los. Es herrscht hier einfach eine unheimliche Atmosphäre. Meine liebe Tante ist schuld daran, fürchte ich. Mit ihren seltsamen Besuchern und dem seltsamen Zeug, das sie mit ihnen anstellt. Letzte Woche war ich einfach außer mir vor Schrecken. Mr. Sarle war mir so sympathisch, und nie habe ich einen Menschen weniger ausstehen können als diesen Maurice Tringe. Können Sie dieses sonderbare Mittagsmahl mit den beiden je vergessen?«

»Es ging nicht besonders fröhlich zu.«

»Es war schauderhaft,« erklärte sie. »Meine Tante sagt immer, ich müsse mit geschlossenen Augen diese Wochen hier durchleben. Aber kann ich das? Ich bin doch kein Kind mehr. Tante vergißt das bisweilen. Sie behandelt mich oft, als wäre ich noch eines.«

»Wann kommt Armand zurück, Claire,« fragte er plötzlich.

»Er sagt, wenn ich mich mit ihm verloben wolle,« erwiderte sie. »Wenn ihm das ernst ist, kann er für immer wegbleiben.«

»Das wird aber eine große Enttäuschung für ihn werden.«

»Das glaube ich nicht,« gab sie zurück. »Sie wissen, daß er noch nicht lange in Deauville ist, aber er hat nach seinem eigenen Geständnis bereits mit einer Maniküre, einer Tänzerin und einer englischen Gräfin angebändelt. Er erklärt sich aber bereit, allen den Laufpaß zu geben, wenn ich ihn erhören wolle.«

»Und was denken Sie von seiner Abwesenheit?«

»Ich vermisse ihn beim Golf und beim Tennis,« gab sie zu. »Gelegentlich machte mir auch ein Ausflug in die Berge mit ihm Freude, obschon er immer murrte, wenn er etwas weit laufen mußte. Im ganzen finde ich aber das Leben viel bequemer, wenn er nicht hier ist. Bisweilen hasse ich ihn sogar.«

»Madame besteht auf ihrem Plane. Sie will Sie beide verheiraten,« bemerkte er.

»Und Sie helfen ihr?«

»Nein.«

»Warum nicht?« forschte sie leise.

In seinen Augen blitzte etwas auf, was ihr Lächeln zum Verschwinden brachte.

»Weil ich,« sagte er, »wenn ich in Armands Alter und nicht ein armer Teufel wäre, Sie selber zum Weibe begehren würde.«

»Ich würde nie einen so jungen Menschen heiraten wie Armand,« erklärte sie. »Und dann – ich habe Geld genug.«

Er lachte bitter auf. In der Ferne sah er Madame von der Terrasse nach ihnen Ausschau halten.

»Diese Art Heirat kennen wir nicht in England,« sagte er. »Wenn ein Mann nichts zu geben hat, so nimmt er nichts an.«

»Sie geben doch sich selbst,« flüsterte sie mit einem Schluchzen in der Kehle.

*

Madame lehnte sich über die Brüstung der Terrasse und rief Claire. Zu Cardinges Überraschung kam ihnen auf der Treppe Eric Brownleys entgegen.

»Hallo, Brownleys!« begrüßte er ihn. »Ich dachte, du hättest den Staub dieser Gegend schon von den Füßen geschüttelt – du hast doch deinen Schein und alles ist in Ordnung.«

Brownleys nickte.

»Ich komme heute in einem etwas anderen Auftrag hinüber,« erklärte er. »Es ist jemand da, der dich gerne sehen würde, Cardinge. Jemand, den zu treffen sicher auch dich freuen würde.«

Cardinges Gestalt wurde plötzlich steifer. Brownleys legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Hör mal zu, mein Junge,« fuhr er fort, »ich weiß nicht das Geringste von dem Streit, der dich und deinen Vater auseinanderbrachte. Und ich habe auch nie daran gedacht, mich einzumischen, obschon wir entfernte Verwandte sind. Aber schließlich – wir alle werden nicht jünger und der alte Herr – Verzeihung, Lord Westerton – ist seit einiger Zeit recht gebrechlich geworden.«

»Brownleys –«

»Hör mich ruhig an! Überlege es dir, bevor du Kehrt machst. Es ist dein Vater, und gerade herausgesagt, ich fürchte, er wird es nicht mehr lange sein. Du weißt vielleicht noch gar nicht, daß er zu Madames Klub gehörte. Er war einer der Jünger – ihr Nestor, wie sie zu sagen pflegte.«

»Guter Gott!« stammelte Cardinge.

»Er machte sich davon, als du eintratest, Vater und Sohn in dieser galère schien ihm nicht in Ordnung zu sein. Trotzdem hat Madame auch ihn aufgeboten. Sie hat ihm eben die Geschichte vom Colonel Carde erzählt, und der alte Herr ist stolz wie ein Gott. Natürlich war es nicht recht von ihm, so hart zu sein, weil du etwas über die Stränge schlugst, aber du kannst es dir leisten, großmütig zu sein. Du hast noch viele Jahre vor dir. Er nicht.«

»Wo ist er?« fragte Cardinge noch schwankend.

»Er wartet auf der Terrasse.«

Cardinge schoß weg. Sie trafen sich auf den Stufen. Die Ähnlichkeit war augenscheinlich, als der alte Herr sich zusammenriß. Sie schüttelten sich die Hände.

»Hugh, lieber Junge,« begann der Vater.

»Daß du gekommen bist, sagt mir genug,« unterbrach ihn Cardinge. »Setze dich und erzähle mir von Westerton.«

»Erzähle du mir von Colonel Carde ...«

Die Tischglocke läutete und die übrigen fanden sich auf der Terrasse ein.

»Und wer ist die junge Dame?« fragte Lord Westerton seinen Sohn. »Willst du sie mir nicht vorstellen? Ich sah euch zusammen durch den Garten kommen.«

Cardinge streckte die Hand aus nach Claire.

»Claire,« sagte er, »hier ist mein Vater. Ich hoffe, ihr werdet Freunde.«

Lord Westerton machte eine Verbeugung, eine Kunst, die er in den jungen Tagen in Paris gelernt hatte.

*

Am Nachmittag fuhren Cardinge und Claire den alten Herrn nach Cannes zurück. Als sie in die Villa zurückkehrten, kam ihnen Madame mit einem offenen Telegramm entgegen. Auf ihrem Gesichte war eine ganze Tragödie zu lesen.

»Hugh!« rief sie. »Claire! Was hat das zu bedeuten? Da schreibt mir Armand heute morgen einen langen Brief – schwatzt von einer englischen Gräfin – ihren Namen habe ich vergessen –, von einer kleinen Maniküre und von einer Tänzerin vom Casino. In einem Postskriptum erwähnte er dann auch noch eine amerikanische Witwe, die er eben kennengelernt habe. Und jetzt erhalte ich dieses Telegramm: ›Habe sie geheiratet. Liebe. Armand.‹«

»Aber welche denn?« rief Claire.

Madame hob die Hände mit einem Ausdruck hilflosester Bestürzung. Dann begann sie leise zu lachen.

»Armand ist verrückt,« sagte sie. »Glücklicherweise hat er Geld genug, und ich habe keine Verantwortung für sein Tun und Lassen. Ich fürchte aber, die Welt wird sagen, er sei nicht verrückter als ich. Prinz Paul hat meine Pflege so nötig. Darum habe ich ihm versprochen, ihn nächste Woche zu heiraten. Aber deine Zukunft macht mir Sorgen, Claire!«

»Lassen Sie das meine Sorge sein,« fiel Cardinge fröhlich ein. »Mit dem rohen Plan sind wir bereits im reinen. Ich setze einen Pächter auf das Gut, und wir gehen nächste Woche mit meinem Vater nach England zurück und kommen im Herbst auf die Weinlese hin wieder hierher, für unsere Flitterwochen.«

Madame bekam eine bei ihr höchst seltene Anwandlung von Zärtlichkeit und küßte ihre Nichte innig.

»Also sind wir alle verrückt,« schalt sie.

 

Ende

 

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