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Madame Kaudel's Gardinenpredigten

Douglas Jerrold: Madame Kaudel's Gardinenpredigten - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorDouglas Jerrold
titleMadame Kaudel's Gardinenpredigten
publisherverlag von Otto Wigand
yearo.J.
translatorFriedrich Gerstäcker
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140402
projectid2a5123a6
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Zweite Predigt

Kaudel hat einem Freunde zwanzig Thaler geliehen.

Du solltest eigentlich ein reicher Mann sein, Kaudel, ein sehr reicher Mann. Ich möchte nur wissen, wer Dir einmal zwanzig Thaler borgen wird, wenn Du in Noth kommst; die Frau kann sich plagen und quälen, daß es ein Elend ist nur zuzusehen, und der Mann wirft das Geld zwanzigthalerweis zum Fenster hinaus. Zwanzig Thaler – was hätte man nicht Alles mit den zwanzig Thalern anfangen können; glaubst Du denn, daß man das Geld auf der Straße findet? Du bist aber immer so ein Narr, Kaudel, und die anderen Leute wissen es, zu Dir kommen sie immer zuerst. – Zu mir sollten sie kommen. –

So dumm sind sie nicht? o ja, Kaudel, Du denkst immer zuerst an andere Leute – ich habe mir nun schon seit drei Jahren ein seidenes Kleid gewünscht, aber nein, Gott bewahre – Die zwanzig Thaler hätten das beinahe gekauft, wie ich aber aussehe, ist Dir einerlei.

Alle Leute sagen, ich zöge mich nicht an, wie es mir zukäme, und das ist auch wahr, was kümmert das Dich aber, o gar Nichts, das weiß ich schon, gar Nichts. Fremde Leute, für die hast Du Gefühl, aber Deine eigene Familie kann sehen wie sie allein durchkommt; wenn nur der Herr Gemahl als recht freigebig und generös ausgeschrieen wird. Ach Kaudel, die Leute sollten Dich kennen, wie ich Dich kenne, weiter wünsch' ich Nichts, weiter wünsch' ich gar Nichts; dann würden sie aber auch wissen, daß Du nur außer dem Hause den Großmüthigen spielst und Deine arme Familie es bezahlen muß.

Zwanzig Thaler; die Mädchen brauchen neue Hüte so nothwendig wie's liebe Brod, wo sie die aber herbekommen sollen, weiß ich wahrhaftig nicht. Die Hälfte von dem Gelde wäre hinreichend gewesen, jetzt ist's fort und die armen Dinger müssen sich behelfen. Aber ganz natürlich. Die gehören ja auch mit zu Deiner Familie, was gehen die Dich an.

Du weißt auch wohl nicht, daß Jakob heute Morgen seinen Ball durch das Fenster geworfen hat, an dem er schläft; wer soll jetzt die Scheibe bezahlen? Hier zwanzig Thaler hinausgeworfen und da auch noch Fensterscheiben bezahlen, wo soll das Geld herkommen? Das arme Kind muß jetzt an dem offenen Fenster liegen; außerdem leidet er schon an der Lunge, und es sollte mich auch gar nicht wundern, wenn ihm das zerbrochene Fenster den Rest gäbe. – Aber ich kann's nicht ändern, Gott weiß es, und wenn er stirbt, hast Du seinen Tod auf dem Gewissen. Zwanzig Thaler – wie viele Fensterscheiben hätte man mit zwanzig Thalern können machen lassen!

Nächsten Dienstag soll auch wieder die Feuerversicherung bezahlt werden, und wovon? Ja, wenn die Zwanzig-Thaler-Scheine nicht gleich Jedem, der in's Haus käme, ordentlich aufgedrungen würden, dann könnten wir auch wieder versichern lassen, so aber müssen wir zusehen, wie uns das Haus über dem Kopfe abbrennt, und bekommen keinen blinden Groschen dafür wieder. – Im Leben sind auch noch nicht so viele Feuer gewesen, wie gerade jetzt; keine Woche vergeht ohne Unglück und ich werde kein Auge mehr ruhig zuthun können vor lauter Angst. Was kümmert Dich das aber, Kaudel, das rührt Dich nicht! Wenn Dich die Leute nur großmüthig und freigebig nennen, wenn Du nur mit dem prahlen kannst, was Du Deinen Kindern am Munde abdarbst, dann bist Du schon zufrieden, weiter willst Du Nichts; was kümmert Dich Deine Familie.

Was noch recht nöthig gewesen wäre, ist eine Reise in's Bad nächsten Sommer; die arme kleine Caroline ist sehr leidend, aber nein, Gott bewahre, das arme Würmchen kann jetzt zu Hause bleiben, und wir auch. Sie wird wahrscheinlich die Auszehrung kriegen, ich kann ihr aber nicht helfen, der Herr weiß es. Ich habe mich auch schon jetzt ganz darein ergeben, daß wir sie verlieren sollen. Das Kind hätte gerettet werden können, aber freilich müßten gewisse Leute dann auch ihre zwanzig Thaler mehr zusammengenommen haben und weniger großmüthig gegen fremde Leute gewesen sein.

Es wird immer besser, Gott sei's geklagt; dies ist der erste Abend, wo ich mein Fleisch ohne Gurken gegessen habe. Am Munde abdarben muß man sich's, um nur das Leben brav und ehrlich durchzubringen und auf der andern Seite wird es ordentlich mit Fleiß durchgebracht. Und wenn ich nur allein darunter zu leiden hätte, aber nein – am härtesten trifft es die armen Kinder. Marianne hätte schon lange zum Zahnarzt gehen und die schiefen Vorderzähne ausnehmen lassen sollen, das möcht' ich aber wissen, wo ich jetzt das Geld dafür herbekommen wollte. Die Zähne verunstalten das ganze Gesicht des kleinen Engelchens, aber nein, da müssen sie stehen bleiben und ich möchte sehen, wer sie haben will, wenn sie einmal groß wird. Eine Frau für einen Grafen wär' das geworden, jetzt bleibt sie sitzen. Wir werden sterben und sie allein und ohne Schutz in der Welt zurücklassen. Was kümmert Dich aber das, da liegst Du wie ein Klotz, dessen Herz Du hast, und rührst Dich nicht – was kümmern Dich Deine Kinder, was kümmern Dich die Deinen.

Hörst Du wie der Fensterladen hin und her schlägt? – Du brauchst mir nicht zu sagen, was daran fehlt, ich weiß es eben so gut wie Du – neue Eisen – ich wollte auch schon heute nach dem Schlosser schicken, aber wo darf ich jetzt noch daran denken. Wenn Du die Zwanzig-Thaler-Scheine so zum Fenster hinaus wirfst, wer hat dann noch Geld, Fenster machen zu lassen.

Und du lieber Gott, wie die Mäuse jetzt im Zimmer herumhetzen – ja ich höre sie aber und ich wünschte weiter Nichts, als daß sie Dich noch aus dem Bette zögen –

Eine Falle stellen? ja das weiß ich auch, und Du hast leicht sagen, ich soll eine Falle stellen, wie aber Leute noch Fallen kaufen können, wenn alle Tage Zwanzig Thaler hinausgeschleudert werden, ist mehr als ich beantworten kann.

Horch! wer war das? – Das war heilig ein Geräusch unten auf der Treppe, und ich würde gar nicht erstaunt sein, wenn jetzt Diebe bei uns einbrächen. Durch die Hinterthür können sie auch mit aller Bequemlichkeit, denn die alten Angeln halten kaum noch das Holz, und die Riegel sind fast abgerostet; wo aber sollen jetzt noch neue Angeln und Riegel herkommen?

Und mein Herzeleid – Du weißt, ich sterbe fast vor Aerger, wenn ich Zeuge einer solchen Verschwendung sein muß, aber was kümmert das Dich – das wäre Dir vielleicht erst gerade recht – Oh Kaudel, ich könnte mir die Augen aus dem Kopfe weinen.

*

Hier, schreibt Kaudel, gewannen ihre Gefühle die Oberhand und sie war einige Minuten ruhig, welche Zeit ich glücklicherweise zum Einschlafen benutzen konnte. Was aber hatte sich die Arme Alles im Geist herauf beschworen: Sie selber konnte kein seidenes Kleid, die Mädchen keine Hüte bekommen, Jakob mußte am Zuge sterben, das Haus unversichert abbrennen, die Badereise aufgegeben werden, Marianne an Zahnschmerzen vergehen, die Fensterladen ewig anschlagen, eine Schaar von Mäusen in's Zimmer, Diebe in's Haus brechen und sie selber aus Gram sterben – weil ich einem Freunde zwanzig Thaler geliehen hatte.

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