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Madame Kaudel's Gardinenpredigten

Douglas Jerrold: Madame Kaudel's Gardinenpredigten - Kapitel 37
Quellenangabe
typenarrative
authorDouglas Jerrold
titleMadame Kaudel's Gardinenpredigten
publisherverlag von Otto Wigand
yearo.J.
translatorFriedrich Gerstäcker
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140402
projectid2a5123a6
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Fünfunddreißigste Predigt

Madame Kaudel hat gehört, Kaudel habe angefangen Billard zu spielen.

Du kamst aber heute sehr spät nach Hause, Kaudel, wie?

Es wäre nicht zu spät? Gut – so ist es früh – meinetwegen. Natürlich; eine Frau weiß nie wann es spät oder früh ist. Du bist übrigens am Dienstag spät nach Hause gekommen – am vorigen Freitag war es auch nicht mehr früh und am vorvorigen Mittwoch – nun Du brauchst Dich nicht so entsetzlich herumzuwerfen, ich werde weiter Nichts sagen; nein, ich sehe leider, es hilft mir doch Nichts.

Früher – ja – jetzt kann ich's gestehen – da habe ich mich manchmal gequält und geängstigt, wenn Du Abends lange ausbliebst; das ist jetzt aber Alles vorbei, dahin hast Du's gebracht, Kaudel, und Deine Schuld ist's ganz allein, wenn ich mir Nichts mehr daraus mache, ob Du überhaupt nach Hause kommst oder nicht. Nie habe ich geglaubt, daß ich es je dahin bringen würde, mir so wenig aus Dir zu machen, Du selbst hast es aber so weit gebracht. Zwanzig Jahre lang hast Du den Wurm getreten, endlich hat er sich gekrümmt.

Nein, Kaudel – ich will nicht an zu zanken fangen, das ist vorbei; ich kann Dich nicht mehr genug achten, um mit Dir zu zanken, Alles nur was ich von Dir verlange, – ein anderer Mann würde mit seiner Frau sprechen und nicht wie ein Klotz da liegen – Alles nur was ich von Dir verlange, ist das: sage mir, wo Du am Dienstag gewesen bist.

Du warst nicht bei der guten Mutter, obgleich Du weißt daß sie nicht recht wohl ist und im Sinne hat ihr Geld unsern lieben Kindern zu hinterlassen; na Du hast Dir aber nie aus Jemanden etwas gemacht, der zu meiner Familie gehörte. Du warst auch nicht im Klub – nein, ich weiß das – auch in keinem Theater.

Woher ich das weiß? O Kaudel! ich wünsche nur zu Gott, ich wüßte es nicht – nein, Du warst an keinem von diesen Orten, aber ich weiß, wo Du gewesen bist, Kaudel, o ich weiß es.

Warum ich Dich dann noch frage? Nur um Dir zu beweisen, was Du für ein Heuchler bist, Dir nur zu zeigen, daß Du mich nicht hintergehen kannst. – Also Kaudel! Du bist ein Billardspieler geworden?

Nur einmal? Das ist hinlänglich, Kaudel, Du hättest eben so gut tausendmal spielen können, denn jetzt bist Du doch ein verlorener Mann. »Nur einmal« – in der That – ich möchte wissen, was Du zu mir sagen würdest, wenn ich Dir käme mit »nur einmal«; aber natürlich – ein Mann kann nie Unrecht thun–in gar Nichts. – Und Du nennst Dich einen Herrn der Schöpfung, Kaudel, und kannst Deine Familie, Deinen glücklichen häuslichen Herd, Deine Kinder – aus denen Du Dir freilich nie etwas gemacht hast – verlassen, um bunte Bälle mit langen Hölzern auf einem grünen Tischtuch umherzustoßen? Was für ein Vergnügen ein gesetzter Mann bei solcher Unterhaltung finden kann, das muß jede vernünftige Frau in Erstaunen setzen. Ich bedaure Dich, Kaudel.

Du kannst also hingehen und »Caroline« spielen, wie sie's in ihrer Gaunersprache nennen, anstatt zu Hause mit Deiner Frau, an Deinem eigenen Tische und in der Gesellschaft Deiner eigenen Kinder ein anständiges und hübsches »Mariage« zu machen, wobei Du den Fuß nicht über die Schwelle zu setzen brauchtest; Du kannst hingehen und Caroline mit einem Pack wüster und schnurrbärtiger Gesellen spielen und Du nennst Dich einen achtbaren Kaufmann? Wenn die Welt aber nur wüßte, was für Achtbarkeit in Dir steckt – sie würde staunen. Caroline spielen – ja wohl – Caroline. Ich weiß aber weshalb das geschieht – diese Mamsell Betsenberger

Kaudel, wenn Du die ganze Decke über Dich herüberreißt, so stehe ich auf und ziehe mich an – Nein – jetzt ist es vorbei mit Dir; früher war vielleicht noch Rettung möglich, jetzt ist's zu spät, denn bis jetzt habe ich noch keinen Mann gekannt, der Billard gespielt hätte und nicht verloren gewesen wäre. So zum Beispiel mein Onkel Wahrdel – ein besserer Mann hat nie Brod gebrochen – der fing an Billard zu spielen und lebte von dem Augenblicke an keinen Monat mehr mit meiner guten Tante zusammen.

Ein glücklicher Mann? Was? so nennst Du einen Menschen der seine Frau verlassen kann? – ein »glücklicher Mann?« Aber natürlich – was darf ich denn anderes erwarten; wir werden eben so wenig mehr lange zusammenbleiben und wenn es auch eine Zeit lang gedauert hat bis es so weit gekommen ist, so seh' ich die Scheidung doch endlich vor Augen. Und nach der Frau, die ich Dir gewesen bin. – Ich weiß aber wer Dich zu alle dem antreibt – es ist der böse Feind, der Betsenberger. – Ja, Kaudel, ich will ihn einen »Feind« nennen und ich bin keineswegs eine Närrin, wie Du Dich auszudrücken beliebst. Du hättest aber nicht mehr an Billardspielen gedacht, wie eine Gans, wenn der Dich nicht dazu verführt hätte.

Nein, Kaudel, das hilft Dir nichts, wenn Du mir jetzt weißmachen willst, Du wärst nur ein einziges Mal dort gewesen und könntest keinen Ball treffen, das wirst Du bald lernen, und nachher kommst Du nie wieder nach Hause. Du wirst ein gezeichneter Mann werden – ja, Kaudel, gezeichnet – es wird etwas an Dir sein, was schrecklich ist – denn wenn ich einen Billardspieler nicht gleich an seinen Blicken erkennen kann, so will ich keine Augen im Kopfe haben. Sie sehen alle so gelb wie Pergament aus und tragen Schnurrbärte, – ja, Kaudel, Schnurrbärte, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn Du Dir jetzt den Deinigen auch wachsen ließest, obgleich es ihm schwer werden würde herauszukommen.

Ja, Kaudel – alle Billardspieler haben einen gelben und scheuen Blick, gerade als ob sie mit den besten Taschendieben verwandt wären, was sie auch wirklich sind; und so wird es accurat mit Dir werden, Kaudel – ganz eben so. In sechs Monaten werden die theueren Kinder ihren eigenen Vater nicht mehr erkennen. Alles – Alles würd' ich, auch wie ich mich selber kenne, ertragen haben – Alles – nur nicht Billard; und die Gesellschaft die Du dort triffst – die Lieutenants, die in einem fort von Dir Geld borgen werden. Ja, Kaudel, eine Billardstube ist ein Platz wo die Zugrunderichtung der Ehemänner den Menschen bequem gemacht wird – ganz bequem und deutlich, so daß sie gar nicht mehr fehlen können. Es ist eine Kapelle eigens für den Teufel hergerichtet, um darinnen zu predigen.

Nein, Kaudel – ich habe kein Rednertalent, ich werde aber so lange reden als es mir gefällt. Es ist doch wahrhaftig zu arg, daß ich die Lippen nicht von einander bringen darf, was, der Himmel weiß es, selten genug geschieht, ohne daß ich beleidigt werde.

Nein, Kaudel, ich will hierüber nicht schweigen; wenn es etwas Anderes wäre, ja – nicht ein Wort würd' ich sagen, wenn Du es nicht wolltest, nämlich – in der Art kennst Du mich auch, Kaudel – aber hierüber – nein, hierüber muß ich reden, das erheischt meine Pflicht als Gattin und als Mutter Deiner Kinder. – Ich weiß daß Du noch nicht spielen kannst, es vielleicht nie lernen wirst; das macht aber die Sache erst so viel schlimmer, denn jetzt denke an das Geld was Du alles verlieren mußt und sieh den Ruin vor Dir, dem Du entgegen geführt wirst.

Es hilft Dir Nichts, Kaudel, Du kannst wohl sagen: »Du wolltest nicht wieder spielen,« ich weiß aber, daß Du das nicht mehr ändern kannst – Du mußt spielen und dann werden sie Dir schön das Fell über die Ohren ziehen. Rede nur nicht – meine gute Tante hat mir Alles erzählt – die weiß wie es dort zugeht. Haufen von Leuten gehen in diese Billardstuben um sich ihr Mittagsessen zu erspielen, wie Füchse sich in den Hof schleichen und nach einer fetten Gans umhersuchen; und aufessen werden sie Dich, Kaudel, rein aufessen.

Billardbälle – ja weiter Nichts – Kugeln sind's, mörderische Kugeln. Zu meiner Zeit bin ich auch einmal im Woolwich Arsenal gewesen und habe dort – damals hattest Du auch noch etwas von einem Mann an Dir, Kaudel, es war gerade ehe wir uns verheiratheten, – und habe dort alle Arten von Kugeln gesehen – ganze Berge von Kugeln die nach Kirchen und in anderer Leute friedliche Wohnungen verschossen werden sollten und das Porzellan nachher und Gott weiß was noch Alles zerbrechen, – ja, ich sage, ich habe alle derartigen Kugeln gesehen –

Ich weiß wohl, daß ich das schon einmal gesagt habe, Kaudel, Du brauchst es mir nicht vorzuhalten, aber, was geht das Dich an, wenn ich es wiederhole? – Nicht eine ist aber unter allen denen – und wenn sie von Eisen sind – die halb das Unheil anrichten könnten, als diese elfenbeinernen. Das sind Kugeln – Kaudel.

Bälle? keine Kugeln? das hat hiermit gar Nichts zu thun – das sind Kugeln, Kaudel, die schon durch manches Frauenherz gegangen sind – von den Kindern gar nicht zu reden, und das sind Kugeln, mit denen Du Tag und Nacht Deine arme Familie ruiniren wirst.

Betheure mir nur nicht daß Du nicht spielen wirst – »wenn es erst bei einem Manne zur Leidenschaft geworden ist,« wie meine arme Tante immer sagte, »dann verführt ihn der Teufel eben so mit einer solchen Kugel, wie er Eva mit einem Apfel verführte.«

Jetzt kann ich nur ganz darauf verzichten, jemals wieder glücklich zu werden. Nein, das ist vorbei. Du wirst jeden Abend – sei nur ruhig, ich weiß daß ich Recht habe, besser wie Du selbst – Du wirst jeden Abend über dem schändlichen grünen Tuch liegen. Grün – ja schön grünroth ists, blutig – blutig roth von all' den Herzen die es zerbrochen hat.

Ich soll nicht pathetisch werden? – ich kann so pathetisch werden wie ich will, das geht Dich nichts an, und überdies sollt' ich wenigstens denken, ich hätte ein Recht zu reden. Aber nein – ich will schweigen – es ist doch jetzt Alles vorbei – Du bist ein Billardspieler und ich bin ein elendes, unglückseliges Weib.

*

»Ich leugnete keines von Beiden,« schreibt Kaudel, »denn ich war müde, und wollte schlafen.«

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