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Madame Kaudel's Gardinenpredigten

Douglas Jerrold: Madame Kaudel's Gardinenpredigten - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorDouglas Jerrold
titleMadame Kaudel's Gardinenpredigten
publisherverlag von Otto Wigand
yearo.J.
translatorFriedrich Gerstäcker
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140402
projectid2a5123a6
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Erste Predigt

Kaudel ist mit einem Freunde im Wirthshaus gewesen.

O ja – o ja wohl – das ist ein vortreffliches Leben für einen verheiratheten Mann – eine wahre Musterwirtschaft; und das müssen sich die Frauen, die armen, schwachen, zarten Wesen, Alles gefallen lassen. Wenn sie's aber nur wüßten, wenn sie nur die Hälfte von dem wüßten was ich weiß, sie würden sich vorsehen, ehe sie sich für ihr ganzes Leben an einen Mann bänden.

Eine Frau muß zu Hause bleiben, muß sich placken und quälen und der Mann geht indessen hin wohin es ihm beliebt; – ja wohl – das ist, seiner Meinung nach, ganz in der Ordnung. Ein wahres Aschenbrödel sollte die Frau sein, während der Mann in Schenken und Bierstuben herum trinkt und singt.

Du singst nicht? woher soll ich das wissen, sagen kannst Du's wohl, wer Dich aber nur hören könnte; dort bist Du sicherlich, wie gewöhnlich, immer unter den Schlimmsten.

Jetzt wird's nun wohl jede Nacht in's Wirthshaus gehen; wenn Du aber glaubst daß ich aufbleibe und warte bis Du zu Hause kommst, Kaudel, dann irrst Du Dich doch gewaltig. – Nein wahrhaftig – und ich stehe auch nicht aus meinem warmen Bett auf um Dich hereinzulassen, und Susanne darf noch viel weniger unten bleiben.

Ich könnte die Thüre offen lassen? Ja – weiter fehlte gar Nichts mehr; zu Bette gehn und die Thüre offen haben, daß man vor Tage noch todtgeschlagen und geplündert wird.

Puh – Jesus, der Tabaksrauch – fh – das allein schon könnte eine anständige ehrbare Frau unter die Erde bringen. Du weißt, wie ich den Tabaksgeruch verabscheue, aber nein, das ist Alles einerlei, Du mußt rauchen. –

Du rauchst nicht selber? und was ist da für ein Unterschied? wenn Du Dich zu Denen hinsetzest die rauchen, ist es eben so schlimm, oder noch schlimmer. Da könntest Du eben so gut auch rauchen, oder noch viel lieber, denn da kämst Du doch nicht zu Hause und hättest Dir die Haare von fremden Leuten voll räuchern lassen.

Ich habe noch nie gehört, daß 'was Gutes daraus entstanden wäre, wenn der Mann in's Wirthshaus geht; saubere Gesellschaft findet er dort, Leute, die es sich zur Ehre anrechnen, wenn sie ihre Frauen wie Sclavinnen behandeln und ihre Familien ruiniren. Da ist der elende Wicht, der Betsenberger, wie weit hat der's gebracht? Nicht vor zwei Uhr Morgens kommt er zu Hause, und dann noch in welchem Zustand? Draußen fängt er schon an mit dem Abstreicher zu zanken, daß sich seine arme Frau fürchten soll ihm Vorwürfe zu machen. Die gemeine Seele! – Glaube Du aber ja nicht, daß ich mir das gefallen ließe, was sich die Madame Betsenberger gefallen läßt; nein, nicht von dem besten Manne, der jemals Schuhleder zertreten hat. Du könntest Dich eine Stunde lang vor den Abstreicher hinstellen und fluchen und schimpfen – mich machtest Du nicht bange, Kaudel; mich wahrhaftig nicht.

Du denkst nicht daran bis zwei Uhr Morgens auszubleiben? Wie willst Du das jetzt wissen? Wenn man sich erst einmal mit solchem Volk abgiebt, so kann man nie sagen, was noch Alles geschieht. Männer, die sich so betragen, wissen auch gar nicht mehr wann sie zu Hause kommen und was sie thun, und denken erst zu allerletzt an ihre armen Weiber, die sich daheim abhärmen und ängstigen.

Schönes Kopfweh wirst Du morgen früh haben; oder vielmehr heute früh, denn zwölfe muß es lange vorbei sein.

Du wirst kein Kopfweh haben? o ja, das kannst Du jetzt wohl sagen, ich weiß aber, daß Du es kriegst und dann denke nur nicht, daß ich Dich warten und pflegen werde.

O du großer Gott, der Tabak! – es ist zum Ersticken.

Nein, Kaudel! ich werde nicht so gut sein und einschlafen. Wie kann man schlafen, wenn Einem ein solcher Tabaksgestank die Kehle zuschnürt?

O ja, Kaudel – ich seh' es schon kommen; morgen früh wirst Du Dich wieder ganz charmant befinden, glaube aber ja nicht, daß ich Dich im Bette frühstücken lasse, wie es Madame Betsenberger macht. Ich bin keine solche Närrin; nein wahrhaftig; und das sag' ich Dir, das Mädchen wird mir auch nicht wieder morgen in aller Frühe nach einem Häring geschickt, daß die ganze Nachbarschaft später sagt: » Kaudel ist gestern Abend betrunken gewesen.« Nein, der Ruf meiner armen Kinder liegt mir wenigstens am Herzen, wenn Du Dir auch nichts daraus machst. Suppe kriegst Du auch nicht zu Mittage – kein Stück Rindfleisch kommt mir über die Schwelle, so wahr ich Margarethe heiße.

Du willst keinen Häring und keine Suppe? Soviel besser – Du wirst auch keine bekommen, das kann ich Dich versichern – O du lieber Heiland, der Tabak – es ist arg genug, die Halsschwindsucht zu kriegen.

Tabak sollte allein ein hinlänglicher Grund sein, sich von einem Manne scheiden zu lassen; aber nein, die armen Frauen werden langsam vergiftet, und dürfen sich noch nicht einmal darüber beklagen. Den Spektakel möcht' ich sehen, wenn ich jetzt fortginge und Dich und die Kinder verließe. – Was brummst Du da? – Ein schöner Lärm würd' es werden, soviel weiß ich; Du aber kannst Dich hinsetzen und Pfeifen und Cigarren in Ewigkeit hineinrauchen.

Du hättest nicht geraucht? Das hat gar Nichts damit zu thun, Kaudel. Die Leute erkennt man an der Gesellschaft, in der sie gefunden werden, und Du hättest eben so gut selber rauchen können als den Qualm vom ganzen Wirthshaus mit in's Bett zu bringen.

Ich sehe jetzt auch schon wie Alles kommen wird; den Anfang hast Du einmal gemacht und nun soll das so fortgehen. Alle Abend wirst Du angetrunken nach Hause kommen, und bald ein Bein brechen, bald eine Schulter ausrenken und nächstens wirst Du auch wohl einmal eine Schlägerei auf der Straße haben – o ich kenne Dich, Kaudel; und dabei ein paar Nachtwächter prügeln und dann weiß ich, was hinterher kommt; was hinterher kommen muß. Du wirst vier oder sechs Wochen eingesteckt, Kaudel, mit lauter wüstem, nichtsnutzigem Gesindel zusammen eingeschlossen. O daß ich leben mußte um solche Sachen – ach du allmächtiger Gott, da kommt der Tabaksdunst wieder – solche Sachen zu erfahren. Und die Schande nachher für die Kinder, wenn ihr Vater gesessen hat und ihn alle Polizeidiener kennen, gerade als wenn er ein Actuar beim Gerichte wäre.

Nein, ich will nicht schlafen und ich rede auch von nichts Unmöglichem, Kaudel; ich weiß, was Alles geschehen wird, und wenn es nicht der lieben, unglücklichen Kinder wegen wäre, so könntest Du Dich zu Grunde richten wie Du wolltest, ich würde kein Sterbenswörtchen, keine Sylbe dagegen sagen, aber so – o Je, o Je, wenn Du nur wenigstens dahin gingst, wo sie guten Tabak rauchen – ich kann aber nicht vergessen, daß ich ihre Mutter bin und sie sollen wenigstens die eine Hälfte ihrer Eltern behalten.

Wirthshäuser – noch ist kein Mann in Wirthshäuser gelaufen, der nicht als Bettler gestorben wäre. Nachher hast Du dann auch noch das ganz besondere Vergnügen, daß Dich Deine Saufkumpane auslachen, ja auslachen, noch obendrein; wenn sie Deinen Namen einmal auf der Bankerottliste sehen. Das kann auch gar nicht ausbleiben. Dein Geschäft muß zu Grunde gehen, denn welche ehrbare Familie würde Spielsachen für ihre Kinder von einem Trunkenbold kaufen wollen?

Du bist kein Trunkenbold? Nein, aber Du wirst es werden, und das ist nachher Alles einerlei. Mit bis Mitternacht Ausbleiben hast Du angefangen, nach und nach wird die ganze Nacht daraus. Glaube aber ja nicht, Kaudel, daß Du je einen Schlüssel bekommst. O ja – ich kenne Dich, Du möchtest es gerade so treiben wie der Elende, der Betsenberger. – Was hat der erst neulich, am letzten Mittwoch, gemacht? Heimlich hereingeschlichen ist er, um vier Uhr Morgens und noch dazu mit seinem Zechbruder, dem Magerbein.

Seine arme Frau wachte um sechs Uhr auf und sah Betsenbergers schmutzige Stiefeln neben dem Bette stehen. Und wo war der Elende? ihr angetrauter Mann? unten saß er – unten in der Stube und soff. Ja – schlimmer noch wie ein Räuber und Dieb hatte er leise die Schlüssel aus der Tasche seines unglücklichen Weibes entwendet – ach was die Arme ertragen muß – und war über den Rum gerathen. Eine schöne Lage für eine Frau, Morgens um sechs Uhr aufzuwachen und statt den Mann im Bett, seine schmutzigen Stiefeln daneben stehen zu sehen.

Ich will aber Dein Opfer nicht werden, Kaudel, nein, nicht ich; meine Schlüssel bekommst Du nicht, denn die liegen unter meinem Kissen, unter meinem eigenen Kopfe, Kaudel. Du wirst Dich zu Grunde richten; wenn ich's aber verhindern kann, so sollst Du wenigstens Niemand anders noch ruiniren, als nur Dich selber.

Oh – der – entsetzliche – Tabak.

*

»Hier,« schreibt Kaudel, »kam mir der Tabak zu Hülfe, denn sie barg ihr Haupt in das Kissen und – entschlummerte.«

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