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Madame Kaudel's Gardinenpredigten

Douglas Jerrold: Madame Kaudel's Gardinenpredigten - Kapitel 28
Quellenangabe
typenarrative
authorDouglas Jerrold
titleMadame Kaudel's Gardinenpredigten
publisherverlag von Otto Wigand
yearo.J.
translatorFriedrich Gerstäcker
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140402
projectid2a5123a6
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Sechsundzwanzigste Predigt

Madame Kaudels erste Nacht in Frankreich. Schändliche Gleichgültigkeit Kaudels auf der Boulogner Douane.

Du nennst Dich also auch noch einen Mann, Kaudel? So? das weiß ich aber, daß solche Männer nie Frauen haben sollten, sie wenigstens nicht verdienten. Wenn ich es für möglich gehalten hätte, daß Du Dich je so betragen könntest, wie Du Dich betragen hast – und ich hätte das wissen können, wäre ich nicht eine so gutmüthige Kreatur, da Du nie wie andere Leute gewesen bist; hätte ich das für möglich halten können, Du würdest mich nie hier in fremde Länder geschleppt haben. Nie.

Allerdings dachte ich bei mir: »nun, wenn er nach Frankreich geht, dann lernt er auch vielleicht ein Bischen Artigkeit,« aber nein, Du hast als Kaudel angefangen und wirst als Kaudel aufhören. Ich aber, ich werde mein ganzes Leben hindurch vernachlässigt und mißachtet. Ich habe mich auch schon in mein Elend ergeben.

Das freut Dich? Nein, Kaudel, Du mußt ja einen Granitblock, statt eines Herzens, in der Brust tragen, wenn Du so etwas sagen kannst. So viel weiß ich aber, wenn es nicht der theueren Kinder wegen, weit im lieben England wäre, nach dieser Rede führe ich nicht wieder mit Dir zurück – nein wahrhaftig nicht, Kaudel, ich verließe Dich hier auf diesem nämlichen Orte und ginge in ein Kloster. Eine Dame auf dem Schiffe hat mir gesagt, daß hier eine ganze Menge von ihnen wären. Ja – ich würde meine noch übrige Lebenszeit eine Nonne.

Nun, Kaudel, ich weiß wahrhaftig nicht weshalb Du jetzt lachst, daß das ganze Bett schüttelt. Das machst Du aber immer so, anderer Leute Gefühle sind Dir stets lächerlich; aber das weiß ich, ich würde eine Nonne oder eine barmherzige Schwester.

Das wäre unmöglich? Oh Kaudel, Du weißt wahrhaftig nicht, was ich alles werden kann wenn ich gereizt bin. Du hast den Wurm lange genug getreten, wirst es aber schon noch bereuen. Verschone mich nur mit Deinen profanen Reden; Du solltest der Letzte sein, den Himmel auf solche Art anzurufen. Das sage ich Dir übrigens, Dein Betragen im Zollhaus war schändlich, niederträchtig, und das noch dazu in einem fremden Lande. Darum hast Du mich auch nur hierher gebracht, daß ich beleidigt werden soll, eine andere Ursache kannst Du gar nicht gehabt haben mich von England fortzuschleppen. Laß mich aber nur erst einmal wieder zu Hause sein, Kaudel, nachher kannst Du Dir die Zunge ausschwatzen ehe Du mich wieder in eine von diesen ausländischen Ortschaften bringst.

Was Du gethan hast? Da haben wir's – auf die Art ärgerst Du eine arme Frau wie ich bin noch zu Tode; aber schlimmer wie ein Türke beträgst Du Dich, Kaudel, schlimmer wie ein Türke –

Du wolltest, Du wärst ein Türke? und ist Das ein Wunsch für einen ehrbaren Handelsmann, wenn er mit seiner eigenen, ihm angetrauten Frau im Bette liegt? Und Du noch dazu – Du wärst ein Mann für einen Türken. Das muß ich sagen.

Was Du gethan hast? Dein Glück ist's daß ich Dich nicht sehen kann, denn roth mußt Du jetzt bis über beide Ohren sein, so viel weiß ich – gethan? was Du gethan hast? Hat mir nicht das Lumpenvolk im Zollhaus den Korb visitirt?

Das geschieht allemal? So? und wenn Du das wußtest, Kaudel, weshalb schlepptest Du mich denn hierher, wie? Nein, ein Mann, der seine Frau nur so viel achtet, hätte das nicht gethan; Du aber, Du konntest ruhig dabei stehen und zusehen, wie der Mensch mit dem gräßlichen Schnurrbart meinen Korb durchwühlte – meine Nachtmützen vorzerrte – die ganzen Franzen daran verkrumpelte und – nein, wenn Du nur einen Tropfen Mannesblut in Dir gehabt hättest, so müßte es dabei getobt und gekocht haben. Aber nein – da standest Du und sahst so mild und sanft aus, als wenn Du Butter auf der Zunge hättest; der Mensch drückte meine Haube zusammen als ob's ein Wischlappen gewesen wäre, und Du mucktest nicht.

Ja, Kaudel, wenn es Mamsell Betsenbergers Nachthaube gewesen wäre – oh – Schade doch um Dein Stöhnen – ja, wenn es ihre Nachthaube oder ihre Haarbürste oder Papilloten gewesen wären, dann hätte ich einmal sehen mögen was Du dazu gesagt haben würdest. Nein, überhaupt jeder, der nur so viel männlichen Geist hat, würde über den unverschämten Menschen hergefallen sein, und wenn er tausend Schwerter an der Seite gehabt hätte. Das weiß ich aber, wäre ich die Frau eines Anderen, den ich jetzt nicht nennen will, geworden, der würde mich nicht so haben behandeln lassen, das ist sicher.

Nein, Kaudel, hoffe nur nicht, daß ich Dich jetzt schlafen lasse, oder daß Du mich auf eine solche Art zum Schweigen bringst. Deine Künste kenne ich, bei mir schlagen sie aber nicht an. Und das war noch nicht einmal genügend, daß sie meinen Korb visitirten, nein, ehe ich nur einmal eine Ahnung davon hatte, spedirten sie mich in ein anderes Zimmer hinein.

Was Du dagegen machen konntest? wenn Du es nur versucht hättest etwas dagegen zu machen, aber nein, obgleich es in einem fremden Lande war und ich nicht französisch spreche – (wenigstens keinen solchen Summs davon mache, wenn ich auch mehr davon verstehe wie manche andere Leute) nein – trotz ihrem wüsten, ungenießbaren Geplapper ließest Du mich fortschleppen und machtest Dir nicht s o viel daraus, wie ich Dich wiederfinden sollte – und noch dazu in einem fremden Lande. Das ist aber was Du wolltest, Kaudel – sieh, ich habe nicht den mindesten Zweifel mehr, das ist was Du wolltest; Du wärst froh gewesen wenn Du mich hättest auf eine so feige, erbärmliche Manier los werden können. Oh Kaudel, wenn ich jetzt nur Deine geheimsten Gedanken lesen könnte, das ist die einzige Ursache, weshalb Du mich hierher gebracht hast. Du wolltest mich gern verlieren; und nachdem ich Dir eine solche Frau gewesen war. Was rufst Du jetzt »Um aller Barmherzigkeit willen«? Du weißt auch etwas Rechtes von Barmherzigkeit, sonst hättest Du nie geduldet, daß sie mich in das Zimmer schleppten. – Um visitirt zu werden – ja wohl – als ob ich ein Verbrecher und ein Schmuggler wäre. Nein, Kaudel, wenn Du nur der Schatten eines Mannes wärest, so könntest Du nach dem, was ich heute erduldet habe, in den nächsten sechs Monaten kein Auge wieder zuthun.

Gut, ich weiß es, es waren blos Frauen da, das bleibt sich aber vollkommen gleich, denn so viel ist gewiß, wenn ich als eine Taschendiebin eingefangen wäre, so hätten sie nicht schlimmer mit mir umgehen können. – So behandelt zu werden und noch dazu von dem eigenen Geschlecht. Was sagst Du?

Ich hätte doch keine Männer dabei haben wollen? Nein, Kaudel, das weißt Du recht gut, und es ist gemein von Dir, auch noch so eine Bemerkung zu machen.

Was Du dabei thun konntest? Und das ist Deine ganze Entschuldigung? Die Thüre aufbrechen – das konntest Du thun. Meine Stimme mußt Du doch auf jeden Fall gehört haben, wenn Du mir auch zehnmal das Gegentheil versicherst – die hast Du gehört. – Wann ich je alle die Bänder wieder annähen werde, die sie mir heute abgerissen haben, das weiß der liebe Gott, aber nicht selig will ich werden, wenn sie mir nicht die Lumpen herunter rissen, als ob ich ein Schiff im Sturme gewesen wäre. Und Du kannst dabei lachen, Kaudel?

Du hast nicht gelacht? Rede nur nicht so – Du lachst manchmal, wenn Du selber nichts davon weißt – ich weiß es aber. Und übrigens hast Du mich hier an einen prächtigen Platz gebracht, in eine wundervoll anständige Gegend, wo die Frauen ohne Hauben und die Fischermädchen mit bloßen Beinen herumgehen; Du kommst mir aber nie mit Fisch, so lange ich hier bin.

Warum nicht? warum nicht? glaubst Du, ich soll auch noch solches Volk in seinen Untugenden, nein in seinen Lastern bestärken? weiter fehlte mir gar Nichts. Dein Gute Nacht sagen hilft Dir Nichts, Kaudel, nein, ich kann nicht einschlafen so bald ich die Nase aufs Kissen drücke, wie Du es immer machst, und noch dazu bei einer Thür an der ein solches Schloß sitzt. Wer weiß denn was Nachts herein kömmt. Wie?

Alle Schlösser sind schlecht in Frankreich?

Um so größere Schande für Dich, daß Du mich an solche Orte geführt hast. Aber, wir wollen uns hier in dem barbarischen Lande nicht auch noch streiten, nein, Kaudel – das wollen wir nicht. Höre einmal, lieber Balthasar, was heißen denn »Spitzen« auf französisch? Was?

Dentelles? So? Du sagst mir doch die Wahrheit!

Du hättest mich noch nie belogen? o Kaudel, sage das nicht; in dieser ganzen Welt lebt kein einziger verheiratheter Mann, der mit gutem Gewissen seine Hand auf's Herz legen und das sagen könnte. Spitzen auf Französisch – bitte, sprich es noch einmal aus, Kaudelchen.

Dentelles? Hm – Dentelles – nun gute Nacht, lieber Balthasar – DentellesDen-tel-les-s-s-s.

*

»Später,« schreibt Kaudel, »erfuhr ich zu meinem Schaden, weswegen sie mich nach dem französischen Worte gefragt hatte, denn am nächsten Morgen ging sie mit unserer Wirthin aus und kaufte einen Schleier, den sie zu Hause für das halbe Geld bekommen hätte.«

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