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Madame Kaudel's Gardinenpredigten

Douglas Jerrold: Madame Kaudel's Gardinenpredigten - Kapitel 26
Quellenangabe
typenarrative
authorDouglas Jerrold
titleMadame Kaudel's Gardinenpredigten
publisherverlag von Otto Wigand
yearo.J.
translatorFriedrich Gerstäcker
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140402
projectid2a5123a6
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Vierundzwanzigste Predigt

Madame Kaudel spricht sich über Kaudels schändliche Vernachlässigung ihrer selbst, am Bord des »Red Rover« aus. Sie war so angegriffen von der Seefahrt, daß sie die Nacht im »Delphin« in Herne-Bay einkehren mußten.

Kaudel – hast Du unter das Bett gesehen?

Weshalb? Aber, Kaudel, um Gotteswillen, wegen Dieben – natürlich, wegen Dieben. Du glaubst doch nicht, daß ich in einem fremden Bette schlafen werde, ohne daß Du darunter siehst?

Nein, das ist kein Unsinn, Kaudel, denn ich könnte sonst kein Auge zuthun, die ganze Nacht. Das wäre Dir nun freilich wohl einerlei, daraus würdest Du Dir – pst – wahrhaftig – ich habe etwas gehört. Nein, Kaudel, es war keine Maus – nicht d'ran zu denken. Ja, das sieht Dir ähnlich – lachen; hier wäre Nichts zu lachen, wenn – Kaudel, um Gotteswillen, da ist wahrhaftig etwas – ich weiß es gewiß, ich habe es deutlich gehört– – –

Ja, Kaudel, nun bin ich zufrieden, jeder andere Mann wäre aber schon von selbst aufgestanden und hätte sich überzeugt, besonders nach dem, was ich auf dem entsetzlichen Schiff ausgestanden habe. Aber an Dir soll einmal Einer die Entdeckung machen, daß Du Dich eher bewegtest, ehe Du eine halbe Stunde lang dazu überredet wärest; o nein, Du ließest mich hier liegen, und berauben, und todtschlagen, ehe Du einen Finger rührtest. Was? Du willst doch nicht etwa schon schlafen.

Die fremde Luft? Du würdest in fremder Luft immer schläfrig? Das zeigt deutlich, was Du Dir aus mir machst, nachdem ich das Alles heut ertragen habe. Und ein solches Gähnen, auf so unanständige rohe Manier. Kaudel, Du hast nicht mehr Herz in Deiner Brust, wie die große hölzerne Figur in dem weißen Unterrocke vorne am Schiff.

Nein – ich konnte meine Laune nicht zu Hause lassen. So? also weil Du mich einmal – ja, Kaudel, einmal oder auch zwei-, vielleicht gar dreimal, also weil Du mich einmal an die frische Luft nimmst, so soll ich gleich zu einem Sclaven gemacht werden und kein Wort mehr sagen dürfen? Schönes Vergnügen würde ich dabei haben, wenn ich den Mund in einem fort halten müßte; das wäre meine Art, einer Frau ein Vergnügen zu bereiten.

O Herr Jemine! ob das Bett nicht mit mir in einem fort herum und herum geht, so hab' ich das schändliche Schiff noch im Kopf. Nein, – ich werde mich nicht wieder wohl am nächsten Morgen befinden; aber Niemand anders soll je krank sein, wie Du, Kaudel. Du brauchst nicht so zu stöhnen, daß die Leute davon im nächsten Zimmer aufwachen. Es ist überhaupt eine Gnade Gottes, daß ich noch am Leben bin. Einmal hätt' ich wahrhaftig Alles in der Welt darum gegeben, nur über Bord geworfen zu werden.

Nun, Kaudel, was schnalzest Du dazu mit der Zunge? ich weiß aber wohl, was Du meinst. Du hättest sie nicht daran verhindert, das ist sicher – Du nicht. Ueberhaupt mußtest Du das wissen, daß der Wind heute so heftig wehen würde, deshalb bist Du aber gerade gegangen. – Was ich nur in aller Welt hätte anfangen sollen, wäre der brave, herrliche Kapitain Bartsch nicht gewesen. Soviel weiß ich, alle Frauen, die nach Margate gehen, sollten für ihn beten – so aufmerksam bei der Seekrankheit, und ein solcher Gentleman. – Wie ich ohne ihn die Treppe hinunter gekommen wäre, als es mir zuerst im Kopfe an zu drehen fing, ist mir noch ein Räthsel.

Sage nur nicht, daß ich gegen Dich mit keiner Sylbe geklagt hätte, Du mußtest sehen daß ich krank war, soviel ist gewiß. Und wie Jedermann an Bord anfing matt und elend auszusehen, wer konnte da herumgehen und seine schlechten Witze über die kleine Ankerboje machen, die in einem fort schaukelte und nie krank würde, und noch mehr solchen andern gefühllosen Unsinn? heh? – Ja, Kaudel, wir sind jetzt manche lange Jahre mit einander verheirathet, wenn wir aber noch tausend Jahre zusammen leben sollten – Weswegen schlägst Du die Hände zusammen? tausend Jahre zusammen leben sollten, so werde ich Dein Betragen an diesem Tage nie vergessen. Du konntest an's andere Ende des Schiffes gehen und eine Cigarre rauchen, wo Du wußtest, daß ich unwohl werden mußte – ja, Du wußtest es, denn ich werde immer unwohl.

Und die brutale Manier nachher, mit der Du den Brandy trankst. Du glaubst wohl, ich hätte Dich nicht gesehen? krank wie ich war und kaum im Stande den Kopf in die Höhe zu halten, ließ ich Dich doch keinen Augenblick außer Acht, Kaudel, nicht eine Secunde. Drei Gläser voll Brandy und Wasser, und die schlürftest Du hinunter und trankst die Gesundheit von anderen Menschen, an denen Dir nicht so viel liegen sollte, während Dich die Gesundheit Deines Dir angetrauten Weibes nicht einen Stecknadelkopf kümmerte. Drei Gläser Brandy, und ich stand indessen, ich kann wohl sagen, allein; aber Jeder rief auch »Pfui«, Kaudel – ja – wenn Du es auch nicht gehört hast – ich habe es. Was sagst Du?

Ich wäre selbst Schuld daran? ich hätte zu viel zu Mittag gegessen? Und Du nennst Dich einen Mann? Wenn ich von der Gans – ein Ding kaum aus der Schale, mehr als die Brust und das Bein, mit einem klein wenig Gefüllten gegessen habe, so will ich eine schlechte Frau sein. Was sagst Du?

Hummersalat? Gott, wie kannst Du nur davon reden, ein monataltes Kind hätte mehr gegessen – das weiß ich.

Stachelbeerkuchen? Nun gut, wenn Du den rechnest, dann rechnest Du Alles. Zu viel gegessen – in der That; und Du glaubst wohl, ich will für mein Mittagsessen bezahlen, und nachher Nichts essen. Nein, Kaudel, da ist es doch wenigstens ein Glück für Dich, daß ich den Werth des Geldes besser kenne. Aber natürlich, Du hattest angenehmere Sachen zu thun als Dich um mich zu bekümmern. Ein abgekarteter Plan das, natürlich. Du glaubst wohl, ich hätte nicht gesehen, wie Betsenberger in Gravesend an Bord kam und Dir den Brief in die Hand drückte? – was?

Es wäre kein Brief gewesen? nur eine Zeitung? So? wirklich? – nein, so krank wie ich war, meine Augen hatt' ich doch, Gott sei Dank, offen. Das wäre die kleinste Zeitung gewesen, die ich in meinem Leben gesehen hätte; aber natürlich – ein Brief von Mamsell Betsenberger

Höre, Kaudel, wenn Du so zu schreien anfängst, so steh' ich auf. Du denkst wohl, Du wärst in Deinem eigenen Haus, um einen solchen Spektakel zu machen. Jeden stören – der Wirth wird gleich kommen. O ja, Du konntest trinken und rauchen da vorne.

Du durftest nirgends anders rauchen? Das hat hiermit gar Nichts zu thun – vorne – o wie schade, daß Mamsell Betsenberger nicht mit da vorne sein konnte; ich bin doch überzeugt – Nein, ich will aber nicht ruhig sein und brauche mich auch nicht zu schämen.

Nun sehe nur Einer um Gottes Willen den Mann an; als ob es Hochverrath wäre von Mamsell Betsenberger zu sprechen. Nach alle dem was ich heute erduldet habe, soll ich auch noch nicht einmal den Mund aufthun. Jetzt möcht' ich wissen, was nun noch folgen wird. Ein wahres Glück nur, daß keins der lieben Kinder in's Wasser fiel; nicht etwa als ob sich ihr Vater viel daraus gemacht hätte, nein, so lange der seine Cigarren und seinen Brandy haben konnte, war Alles gut. Peter wäre bald durch eins der Löcher –

Es ist nicht wahr? So? Du weißt wie wißbegierig das Kind ist und wie gerne es zwischen Dampfmaschinen umhergeht? Nein, Kaudel, Du darfst noch nicht schlafen. Was Du für ein Mann bist. Was?

Ich hätte das schon einmal gesagt? Und was thut das? wieder und wieder sag' ich's. – Schlafen – in der That – weiter Nichts, als ob man niemals im Leben ein vernünftiges Wort mit einander reden könnte.

Nein, Kaudel, ich werde das Margate-Boot morgen früh nicht verschlafen: ich kann zu jeder Stunde in der Nacht aufwachen, und das wenigstens solltest Du doch nun einmal wissen.

Für welch' armes unglückliches Geschöpf sie mich nur in der Damenkajüte müssen gehalten haben, wie Niemand in der Welt herunter kam und sich nach mir erkundigte. Es war eine ordentliche Schande.

Mehr wie zehnmal wärst Du dagewesen? Nein, Kaudel – damit kommst Du nicht los. Das weiß ich besser. Nicht einmal hast Du nach mir gesehen; Gott bewahre. Cigarren und Brandy nahmen Deine Zeit viel zu sehr in Anspruch, als daß Du Dich hättest um Deine Frau bekümmern können; wo ich noch dazu so krank war, daß ich gar nicht mehr wußte, was um mich her vorging.

Woher ich denn wüßte daß Du nicht unten gewesen? Kaudel, Du könntest einen Engel zur Verzweiflung bringen. Alle anderen Ehemänner kamen herunter und was waren meine Gefühle, als ich die und immer wieder die an die Thüre klopfen und leise fragen hörte, wie sich ihre »lieben Frauen« befänden, und ich da unten ganz mutterseelenallein und krank und elend lag.

*

»Sehr wahrscheinlich,« schreibt Kaudel, »hat sie noch ein paar Stunden so fort gesprochen, glücklicherweise fing der Wind an stark zu wehen, und die Wellen am Strand brausten so laut, daß ich durch das süße Geräusch (den Brandy des Delphin gar nicht zu erwähnen) endlich einschlief.«

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