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Madame Kaudel's Gardinenpredigten

Douglas Jerrold: Madame Kaudel's Gardinenpredigten - Kapitel 24
Quellenangabe
typenarrative
authorDouglas Jerrold
titleMadame Kaudel's Gardinenpredigten
publisherverlag von Otto Wigand
yearo.J.
translatorFriedrich Gerstäcker
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140402
projectid2a5123a6
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Zweiundzwanzigste Predigt

Kaudel ist Abends nach Hause gekommen wie seine Frau gerade einen Augenblick fortgegangen war. Als sie um zehn Uhr wieder zurückkehrte, hatte er einige Worte darüber geäußert.

Du hättest Dir eine Sclavin kaufen und keine solche Frau heirathen sollen wie ich bin, Kaudel! Nein, da möchte man doch gleich lieber zu einem Neger werden, oder wahrhaftig noch lieber –

Was wieder los ist? Jetzt höre Einer um Gotteswillen den Mann an, jetzt frägt er mich: »was wieder los ist?« Ich kann nicht aus dem Hause gehen um mir nur eine Elle Band zu kaufen und Du tobst gleich, als ob Du das Dach herunter haben wolltest.

Du hast nicht getobt, blos gesprochen? Sprechen, ja wohl, – das war ein schönes Sprechen.

Nein, Kaudel, ich habe nicht solche superfeine Nerven und ich schreie auch nicht eh' ich getroffen bin. Du hättest Dir aber eine steinerne Frau heirathen sollen, denn Du machst Dir aus Niemanden was; heißt das, aus Niemanden in Deinem eigenen Haus. Ich wollte nur, Du könntest von Deinen gepriesenen Gefühlen einmal etwas bei den Deinigen sehen lassen, wenn es auch noch so wenig wäre. Was sagst Du?

Wo meine Gefühle waren, wenn ich so spät Abends einkaufen ginge? Und wann sollt' ich gehen – he? Etwa in der glühenden Sonne, daß ich ein Gesicht kriegte wie ein Zigeuner.

Ich sehe hier gar Nichts zu lachen, Kaudel, nicht das Mindeste; Du hältst aber von jedem andern Gesicht mehr als von dem Deiner Frau; das ist eine allbekannte Sache, die ganze Welt weiß es. – Wenn es übrigens nur Mamsell Betsenbergers Gesicht gewesen wäre, so – nu nu, Kaudel – was wirfst Du Dich denn auf einmal so entsetzlich im Bett herum, ich denke doch, Mamsell Betsenberger wäre keine so wundervolle Person, daß man nicht einmal ihren Namen nennen dürfte. Sie wird wohl auch weiter Nichts an sich haben, als Fleisch und Blut. Was?

Du weißt es nicht? Ja, das kannst Du jetzt wohl sagen. Wie, Kaudel?

Was? Du willst in einem andern Zimmer schlafen? Du hast es satt auf solche Art gequält zu werden? Nein, Kaudel, das thust Du nicht, wenigstens nicht so lange ich lebe, darauf geb' ich Dir mein Wort. Ein anderes Zimmer – und Du nennst Dich einen Christen. Ich möchte Dir rathen, das Gebetbuch einmal vorzunehmen, und das Kapitel von den »ehelichen Pflichten« durchzulesen.– Ein anderes Zimmer – nun weiter fehlte gar Nichts. Kaudel, Du wirst ja schlimmer wie ein Heide. Ein anderes Zimmer. Daß die Dienstboten die Köpfe zusammenstecken und darüber reden? Nein wahrhaftig nicht, – kein Mann, nicht der beste, der da gelebt hat, sollte mich in meinen eigenen Augen so verächtlich machen können.

Ich will aber nicht schlafen, und Du solltest mich überhaupt besser kennen als daß Du glauben könntest, ich wäre ruhig, wenn Du sagst, ich solle den Mund halten. Weil Du gerade nach Hause kommst wie ich eben einen Augenblick fortgegangen bin, glaubst Du, Du könntest wie eine Furie herumwüthen? Ich möchte wissen, wie viele Stunden ich schon aufgesessen bin und auf Dich gewartet habe.

Es hätte mich noch keiner darum gebeten? Da haben wir's – das ist die Dankbarkeit der Männer, so sind sie alle, aber eine arme Frau darf das Haus nicht verlassen ohne daß –

Warum ich nicht zu rechter Zeit gehe? Rechte Zeit? Was ist denn acht Uhr Abends – eh? Ging ich um eilf oder zwölf Uhr aus, wenn Du manchmal nach Hause kommst, dann hättest Du vielleicht Ursache von rechter Zeit zu reden, aber acht Uhr Abends – das ist die schönste Zeit vom ganzen Tag – kühl und angenehm und wie dazu gemacht um ein paar Wege zu besorgen und Kleinigkeiten einzukaufen.

O ja, Kaudel, ich habe Mitleiden mit den Leuten die so spät in den Läden aufbleiben müssen – gerade so viel wie Du, das hat übrigens hiermit gar Nichts zu thun. Ich weiß aber was Du willst, Du möchtest gern, daß die jungen Leute alle mit einander noch bei früher Tageszeit frei würden – das möchtest Du. Um »ihren Geist zu bilden«, »ihre electuellen Begriffe« – wie Du es nennst, glaub' ich. Schöne Ansichten bekommst Du in Deinen Klubs – herrliche Ansichten – Ansichten wie ein Freigeist und nicht wie ein Christ. Als ich noch ein Mädchen war, da sprach Niemand von solchem Unsinn. Das sind lauter neumodische Ideen, und je eher die wieder abgeschafft werden, desto besser.

Rede nur nicht – wozu sind Kaufläden da, wenn sie nicht früh und spät aufhaben sollen? Und wozu haben wir Kaufleute, wenn sie nicht auf ihre Kunden passen wollen? Wer was kaufen will, bezahlt auch dafür, und ich hoffe doch nicht daß ihnen die Kaufleute werden die Zeit anzugeben haben, in der sie ihr gutes Geld bringen sollen? Gott sei Dank, wenn ein Laden zu ist, so hält doch wenigstens noch ein anderer feil und ich halte es für eine schuldige Pflicht stets in den Laden zu gehen der am längsten Licht hat. Das ist die einzige Art wie man die faulen Kaufleute bestrafen kann, die sich noch ein Verdienst zu erwerben glauben, wenn sie ihre Bude früh zuschließen. Ueberdies giebt es Sachen, die ich am liebsten bei Licht kaufe.

Oh rede nur nicht von Menschlichkeit – Menschlichkeit – ja die wäre auch für eine solche Bande junger kräftiger Leute angewandt, von denen manche groß genug sind, daß man sie für Riesen auf der Messe zeigen könnte. Und was haben sie überhaupt zu thun? Nichts auf der Gotteswelt, als hinter dem Ladentisch zu stehn und schöne Reden zu halten. Ich kenne aber Deine Ansichten. Du glaubst, jeder Mensch arbeitet zu viel und Du hättest es gern wenn die ganze Welt den halben Tag weiter Nichts zu thun hätte, als die Daumen um einander zu drehen oder in den Gärten und Gemäldegalerien, Museen und andern solchen unsinnigen Plätzen spazieren zu gehen. Sehr schön das, aber Gott sei Dank, so verderbt ist die Welt denn doch noch nicht.

Ich wäre eine Närrin und könnte nicht über meine eigene Nase hinaussehen? O ja, Kaudel, ich sehe eben so weit wie Du, und auch wohl noch ein Bischen weiter. Ich darf aber keinen Augenblick mit meiner guten Freundin, der Madame Wittels – nun, was hast Du wieder zu lachen? – Oh! wissen sie's nicht? wissen die Frauen nicht, was Freundschaft ist? Wahrhaftig, Kaudel, Du hast eine herrliche Meinung von uns; aber wir wissen es wohl – wir können auch über unsere eigene Nase hinaussehen, und wenn wir es nicht könnten, so wäre das so viel besser für unsere Kinder und Familien. Gut wär's wenn die Männer auch nicht weiter sehen könnten; ein Glück wär's. Manches geschähe nicht, was jetzt Unfrieden und Streit in die Wirthschaft bringt und manche Fünf-Thaler-Note hättest Du mehr in der Tasche, die Du jetzt – Du Herr der Schöpfung, wie Ihr Euch immer nennt –, zum Fenster herauswirfst. Hast Du überhaupt schon je gehört, daß eine Frau fünf Thaler verborgt hat? Schwerlich.

Nein, Kaudel, wir wollen die Sache nun einmal nicht bis morgen ruhen lassen, Du sollst mich nicht, wenn ich Abends nach Hause komme, auf jede Art kränken und beleidigen, und dann auch noch glauben können, ich würde kein Wort dazu sagen. Du hast mir vorgeworfen, ich besäße kein Gefühl für meine Mitmenschen – hast mich – ich weiß selbst nicht mehr was Du mich nicht genannt hast, und das Alles blos darum, weil ich ein – Nein, Du sollst jetzt auch nicht einmal wissen was ich gekauft habe, den Gefallen will ich Dir wenigstens nicht thun, denn es ist unmenschlich, Kaudel, seine Frau, die nur einmal ausgegangen ist, und um zehn Uhr wieder pünktlich nach Hause kommt, auf solche Art und Weise zu behandeln. Viel Mitgefühl hast Du – außerordentlich viel Mitgefühl, so viel weiß ich; der junge Mann, der mir heut Abend die Sachen verkaufte, war stark genug einen Ochsen nieder zu schlagen – ja – ein Haus umzuwerfen, aber nein, Du bedauerst ihn, Du hast Mitleiden mit ihm, Mitleiden mit der ganzen Welt, aber nur nicht mit Deiner eigenen Dir angetrauten Frau. O Kaudel, was Du für ein entsetzlicher Heuchler bist. Ich wollte nur, die Welt wüßte wie Du Deine arme Frau behandelst. Was sagst Du?

Ich soll Dich um aller Barmherzigkeit willen schlafen lassen? Barmherzigkeit? so? ich wollte nur, Du hättest auch ein Bischen mit anderen Leuten. O ja – ich weiß wohl was Barmherzigkeit ist, das hat aber Nichts damit zu thun, wann ich einkaufen gehe, und ich denke mich auch nicht im Mindesten daran zu kehren. Nein, Du hast mir das immer wieder und wieder vorgepredigt; hast nicht geruht bis ich sogar in Kirchen ging, um Alles das zu hören, darum aber sehe ich nicht ein, warum wir Frauen nicht so spät können einkaufen gehen wie wir wollen. Du sagst es ja selber, wir Frauen hätten es in unserer eigenen Gewalt, die Läden früher oder später schließen zu lassen, und das wollen wir auch behalten – ich wenigstens. Du wirst mich von jetzt an nie anders gehen sehen, als immer spät Abends und natürlich kaufe ich dann nur in den Läden, die bis zu allerletzt aufhaben. Das ist den jungen Leuten ganz gesund auf ihr Geschäft Acht zu haben. – Ihren Geist ausbilden – ja, – ich möchte wissen wozu sie ihren Geist ausbilden sollten. Laß sie um sieben Uhr nach Hause gehen, und sie bilden Nichts aus als ihr Billardspiel.

Wollen sie sich aber bilden, wie Du's nennst, dann seh' ich nicht ein, warum sie bei diesem schönen Wetter nicht um drei Uhr Morgens aufstehen könnten. Wo einmal der Wille ist da geht Alles, Kaudel.

*

»Ich glaubte jetzt,« schreibt Kaudel, »sie schliefe, und fing in dieser angenehmen Hoffnung, ebenfalls an einzunicken, als sie mich plötzlich wieder in die Seite stieß und noch einmal anfing: Höre, Kaudel– Du brauchst Nachtmützen – pass' aber einmal auf, ob ich die nicht nach neun Uhr Abends einkaufe.«

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