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Madame Kaudel's Gardinenpredigten

Douglas Jerrold: Madame Kaudel's Gardinenpredigten - Kapitel 22
Quellenangabe
typenarrative
authorDouglas Jerrold
titleMadame Kaudel's Gardinenpredigten
publisherverlag von Otto Wigand
yearo.J.
translatorFriedrich Gerstäcker
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140402
projectid2a5123a6
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Zwanzigste Predigt

Bruder Kaudel ist bei einem Freimaurer- und wohlthätigen Zweck-Essen gewesen und Mad. Kaudel hat des »Bruders« Brieftasche versteckt.

– Weiter sag' ich Nichts, als ich wollte nur, ich wäre ein Mann. –

Du wolltest es auch? Höre, Kaudel, ich habe nicht im Sinne hier ruhig in meinem Bette zu liegen und mich beleidigen zu lassen. Ja, Du hast mich beleidigen wollen. Ich weiß wohl was Du meinst; Du meinst, wenn ich ein Mann wäre, dann hättest Du mich nie zu heirathen gebraucht. Schöne Gefühle das, und nachdem ich Dir eine solche Frau gewesen bin. – Jetzt wirst Du nun wahrscheinlich alle Tage zu einem anderen öffentlichen Mittagsessen gehen. Sage mir nicht, daß Du erst bei einem gewesen bist, das hat hiermit gar nichts zu thun – nicht das Mindeste. Aber natürlich wirst Du jetzt jede Nacht draußen herumliegen. Ob ich es denn auch nicht vorher gewußt habe, wie sie Dich nur damals zum Freimaurer machten. Als Du ein » Bruder« wurdest, da wußte ich, wo der Gatte und Vater hinkäme. Es schmerzt mich, daß ich es als Deine eigene Frau sagen muß, Kaudel, aber Du hast so wenig Gefühl, daß Du es wahrhaftig nicht auch noch an Leute außer dem Hause zu verschwenden brauchtest. Das ist aber so mit allen Männern.

Nein, Kaudel, ich bin keine selbstsüchtige Frau – gerade das Gegentheil. Was aber würdest Du wohl sagen wenn ich jetzt hinginge und ließe mich zu einer Schwester machen? Das Haus wäre nachher nicht mehr groß genug für Dich, so viel weiß ich.

Wo Deine Uhr ist? woher soll ich wissen wo Deine Uhr ist? Das ist Deine Sache; aber natürlich, Leute, die öffentliche Diners besuchen, wissen nie Etwas, wenn sie zu Hause kommen. Wahrscheinlich hast Du sie verloren und das geschähe Dir vollkommen recht. Wenn sie aber fort ist, soll es mich nur wundern ob Einer Deiner Brüder Dir eine andere giebt.

Du mußt Deine Uhr suchen? Unsinn, Kaudel, bleib nur liegen, Deine Uhr liegt auf dem Kaminsims. Ist es nicht gut, daß Du Jemanden hast der für Dich sorgt? Was sagst Du?

Ich wäre eine herzige Seele? Du hältst mich wohl für sehr herzig – das kann ich mir denken, heute Abend weißt Du aber gar nicht was Du redest, Kaudel, und ich bin eine Närrin, daß ich nur noch ein Wort an Dich verschwende.

Wo Deine Uhr ist? Hab' ich es Dir denn nicht gesagt? auf dem Kaminsims.

Sehr gut? ja – schön, sehr gut – prächtige Aufführung das für einen Ehemann! Sei nur ruhig und schlafe, das ist das Beste was Du heute Abend thun kannst. Morgen wirst Du hoffentlich wieder genug Verstand haben, vernünftige Vorstellungen anzuhören; jetzt wären sie doch an Dich weggeworfen.

Wo Deine Brieftasche ist? Sorge nicht um die, die ist gut aufgehoben.

Was ich für ein Recht hatte sie Dir aus der Tasche zu nehmen? Jedes in der Welt vor Gott und den Menschen. Ich bin blos Deine Frau, ich kann es nicht hindern wenn Du zu solchen öffentlichen Mahlzeiten gehen willst, aber ich weiß was für Narren die Männer bei solchen Gelegenheiten sind, und erfahre ich es vorher, so sei versichert, daß Du Deine Brieftasche nie wieder mit bekommst, das ist sicher. Hab' ich es etwa nicht im vorigen Jahre mit meinen eigenen Augen sehen müssen, wie Dein Name mit fünfzig Thalern unterschrieben stand? » Balthasar Kaudel50 Thlr. –« Natürlich machte sich das in den Zeitungen ganz vorzüglich, und Du hieltest Dich schon für Jemanden, ich wollte aber nur, ich wäre damals dort gewesen – ich wollte nur, ich hätte dabei sein können; und wenn ich nicht eine Kleinigkeit dagegen einzuwenden gehabt hätte, so will ich nicht Margareth heißen.

Fünfzig Thaler – es ist himmelschreiend; und die Welt soll nachher Wunder was von Dir halten. Ich wollte nur, ich könnte die Welt hierher bringen und ihr zeigen, was zu Hause fehlt; ich glaube, die Welt würde nachher eine etwas andere Meinung von Dir bekommen. Wahrscheinlich. Was sagst Du?

Eine Frau hat kein Recht ihres Mannes Taschen zu visitiren? Ein schöner Mann bist Du, daß Du solche Reden führst. Du kannst aber wenigstens nicht darauf klagen, oder Du thätest es, das bin ich fest überzeugt. – Ja wohl – Männer giebt's auf der Welt, die zu Allem fähig sind. Was?

Du hast Kopfschmerzen? Das hoff' ich, und richtige Kopfschmerzen dazu; die gehören Dir. Du bist am rechten Orte gewesen, um sie verdient zu haben.

Nein! ich will nicht ruhig sein. Ihr könnt schon hingehen und essen und trinken und hurrahen und Gesundheiten ausbringen und sogar – es wundert mich, daß Ihr Euch nicht in die Seele hinein schämt, – sogar unsere gesegnete Königin mit allen Ehrenbezeigungen leben lassen – schöne Ehrenbezeigungen die Ihr dem Geschlecht erweist. Ich sage: es wundert mich, daß Ihr Euch nicht schämt den Namen der hohen Frau in den Mund zu nehmen, wo Ihr nur daran zu denken habt, wie Ihr Euere eigenen Frauen zu Hause behandelt. Aber solche Heuchler wie die Männer sind – oh! –

Wo Deine Uhr ist? Hab' ich es Dir nicht schon gesagt, sie liegt unter Deinem Kopfkissen? Du brauchst nicht eine halbe Stunde danach herumzufühlen – ich sage Dir, sie liegt unter Deinem Kopfkissen.

Sehr gut? Ja – Du hast jetzt wohl einen besonders klaren Begriff von dem, was sehr gut ist.

Ich wäre ein liebes, herziges Weibchen? Höre, Kaudel, ich kann Dir sagen, daß mir Dein Betragen anfängt widerlich zu werden. Ich habe es satt und mache mir Nichts daraus wie bald es ein Ende nimmt.

Warum ich Dir Deine Brieftasche weggenommen habe? Um Dich vom Verderben zu retten, Kaudel – das hab' ich Dir schon einmal gesagt.

Du wärest nicht verdorben? Kaudel, ich weiß wie es bei wohlthätigen Zweckessen hergeht. Wohlthätig – ja, schöne Wohlthätigkeit. Wohlthätigkeit ist zuerst im eigenen Hause. Ich weiß wie es hergeht, die ganze Geschichte ist blos ein Schattenspiel.

Nein, Kaudel, ich habe kein steinhartes Herz und Du solltest Dich schämen das Deiner Frau und der Mutter Deiner Kinder nachzusagen; Du wirst mich aber heute Abend doch nicht zum Weinen bringen, so viel kann ich Dich versichern. Aber was wollt' ich doch gleich sagen. Ach, Du ärgerst und quälst mich auf eine so entsetzliche Art, daß ich ganz vergessen habe, was ich sagen wollt'.

Gott sei Dank? wofür? Ich sehe hier Nichts wofür Du Gott zu danken hättest. Ach ja – ich wollte von dem Schattenspiele eines solchen wohlthätigen Essens reden, und wie pfiffig sie's dabei anfangen. Erst kriegen sie einen Lord oder gar einen Herzog, wenn sie ihn erwischen können, damit es nachher heißt, sie haben »mit Edelleuten gespeist«, und davon muß Einer von denen, vielleicht gar Einer mit einem Stern vorne am Rock, den Vorsitz halten und Präsidenten spielen. Nachher schwatzt er allerlei süßen Unsinn über Wohlthätigkeit und Spenden an die Armen und dergleichen und macht die dummstolzen Männer, die um ihn herumsitzen und die Köpfe voll Wein haben, halb toll, bis sie endlich glauben, ihr Geld könne gar nicht mehr alle werden und nun die Augen zumachen und blindlings unvernünftig große Zahlen aufs Papier setzen. An ihre eigenen Frauen denken sie dabei nicht – nein, mit Köpfen so roth wie eben so viele Vollmonde sitzen sie da und glauben gar nicht, daß noch einmal der Tag kommen wird, wo sie selber Nichts haben und Noth leiden müssen. Nachher ziehen sie ihre Brieftaschen heraus – ich habe aber Deine Brieftasche, Kaudel, und ein zweites Mal sollst Du es mir nicht wieder so machen.

Was hast Du jetzt zu lachen? Nichts? schon gut; ich werde es schon morgen in der Zeitung lesen, denn hast Du wirklich etwas gezeichnet, so wärst Du der Letzte, der das heimlich thäte. Deine Wohlthätigkeit kenn' ich.

Wo Deine Uhr ist? Hab' ich es Dir denn nicht schön fünfzig Mal gesagt wo sie ist? In dem Uhrhalter ist sie, über Deinem Kopfe – wo sie hingehört. – Kannst Du sie denn nicht ticken hören? Nein natürlich, heute Abend hörst Du gar nichts mehr. – Uebrigens, Kaudel, möcht' ich auch noch wissen, wessen Hut Du eigentlich nach Hause gebracht hast. Mit einem Biber der fünf Thaler gekostet, und den Du erst zum zweiten Male auf Deinem Kopfe trugst, gingst Du, und mit einem Deckel kamst Du zurück, für den kein vernünftiger Jude vier Groschen geben würde. Nicht einen Nelkentopf könnt' ich dafür bekommen und Du weißt, daß ich sonst immer Deine alten Hüte gegen Blumenstöcke umtausche. Es giebt aber Leute die blos darum außer dem Hause essen, um ihre Hüte umzutauschen.

Wo Deine Uhr ist? Kaudel, Du bringst mich noch in mein frühes Grab.

*

Wir hoffen, daß Kaudel seine Aufführung bereute; ja diese Predigt liefert sogar den Beweis dazu, denn es ist die einzige, unter die er keine Bemerkung geschrieben. Sein Gewissen ließ es nicht zu.

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