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Madame Kaudel's Gardinenpredigten

Douglas Jerrold: Madame Kaudel's Gardinenpredigten - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
authorDouglas Jerrold
titleMadame Kaudel's Gardinenpredigten
publisherverlag von Otto Wigand
yearo.J.
translatorFriedrich Gerstäcker
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140402
projectid2a5123a6
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Sechzehnte Predigt

Das »Jüngste« soll getauft werden und Madame Kaudel spricht über die Verdienste des möglich künftigen Pathen.

Nun sage einmal, lieber Kaudel, wie soll es mit des Kleinen Taufe werden? – Das liebe Dingelchen ist schon drei Monate alt und hat noch nicht die Probe von einem Namen.

Siehst Du – da fängst Du schon wieder an – Wir sollen morgen darüber sprechen? nein, Kaudel, wir wollen das heute Abend abmachen. Am Tag ist es nicht möglich ein vernünftiges Wort mit Dir zu reden, von hier kannst Du aber nicht fort. O Kaudel – sage nicht, Du wolltest Du könntest; das ist unfreundlich und Deiner unwürdig eine Frau so zu behandeln – noch dazu so eine Frau, wie ich Dir immer gewesen bin. Das hab' ich nicht verdient.

Selten genug kömmt es vor, daß ich einmal spreche, ich glaube aber, es wäre Dir lieber, wenn Du meine Stimme gar nicht mehr hörtest. Ich hätte eben so gut stumm geboren sein können.

Ich denke doch, daß das Kind Pathen haben muß, Kaudel, wen sollen wir also nehmen? Wer glaubst Du wohl, daß ihm einmal am meisten nützen könnte?

Nein, Kaudel, ich bin keine eigennützige Frau, nicht im mindesten; ich hoffe aber mütterliche Gefühle für mein Kind zu haben, und was hilft einem Kind ein Pathe, wenn er ihm weiter Nichts als den Namen giebt? Da braucht es ja beinahe gar nicht getauft zu werden. Wen sollen wir also nehmen? Was sagst Du?

Irgend Jemanden? Schämst Du Dich denn gar nicht, Kaudel? Fürchtest Du Dich denn nicht, daß irgend etwas geschehen wird, wenn Du so redest? Ich weiß wirklich nicht, wo Du solche Ansichten gelernt hast. – Ich zerdenke mir den Kopf, wer wohl von unserer Bekanntschaft am meisten für das süße Engelchen thun könnte, und Du sagst, irgend Jemand. Kaudel, Du bist wirklich wie ein Heide.

Da ist Wagstaff; der heirathet sicher nicht wieder und hat Kinder ungemein gern. Dem fehlt's auch nicht an Geld, Kaudel, und ich glaube, wir könnten ihn bekommen. Kinder, soviel weiß ich, sind seine schwache Seite. Wäre es nicht herrlich wenn unser liebes Engelchen einmal in seinem letzten Willen stünde? Warum sprichst Du denn gar nicht, Kaudel? Es ist wahrhaftig, als ob Du Dir aus Deinem eigenen Kinde nicht mehr machtest; als aus einem fremden. Leute, die ihre Kinder nicht lieber haben als Du sie hast, sollten eigentlich niemals Vater werden.

Du magst Wagstaff nicht leiden? Nun, ich mache mir auch nicht besonders viel aus ihm, was hat das aber damit zu thun? Leute die für ihre Familien zu sorgen haben, können sich nicht immer nach ihren Gefühlen richten. Ich mag ihn auch nicht leiden, aber ich bin Mutter und liebe mein Kind.

Du willst Wagstaff nicht, ein für allemal? Ach Kaudel, Du bist ganz anders wie andere Leute; Du paßt gar nicht für diese Welt; nicht im mindesten. Was sagst Du dann zu Pugsby? ich kann seine Frau zwar nicht ausstehen, das geht aber diese Sache Nichts an; ich weiß, was ich meinem Kinde schuldig bin, und wollte nur, andere Leute wüßten das auch. Was sagst Du?

Pugsby ist ein schlechter Geselle? Siehst Du, so bist Du nun; immer machst Du Deine Nebenmenschen schlecht und bringst sie in bösen Ruf. Wir müssen nicht alles glauben, was die Welt sagt, Kaudel, als Christen dürfen wir das schon nicht. Ich weiß nur daß er weder Kind noch Kegel hat und überdies soll er auch bedeutende Interessen in der – Aber Kaudel, so fluche und wüthe doch nicht so über den Mann; Du solltest Dich schämen, wirklich Du solltest Dich schämen. Von keinem Menschen kannst Du Gutes reden; wo glaubst Du nur daß Du einmal hinkommst, wenn Du stirbst. Wie gefällt Dir denn Sniggins? Nun wirf Dich nur nicht so im Bett herum und lasse die ganze kalte Luft herein. Was hast Du gegen Sniggins?

Du möchtest ihn nicht um Alles in der Welt um eine Gefälligkeit bitten? Schön! es ist wenigstens ein Glück daß das arme kleine unschuldige Würmchen Jemanden hat, der sich um es bekümmert – dann werde ich es thun – was sagst Du?

Ich soll nicht? Nun das wollen wir doch einmal sehen. Sniggins sitzt im Trockenen und hat überdies noch an der Birmingham Eisenbahn Actien und Jeder weiß was an denen verdient wird.

Es hilft Dir gar Nichts, so im Bett herumzufahren, Kaudel, – nicht das Mindeste. Ich will nicht daß auch dies arme Würmchen soll so hingeopfert werden, wie – ich kann wohl sagen, wie seine Schwestern und Brüder.

Was ich unter hinopfern verstehe? O Du weißt gut genug was ich darunter verstehe. Was haben sie von ihren Pathen anders noch bekommen als einen lumpigen Becher und ein Messer, eine Gabel und einen Löffel, heh? und vielleicht auch noch einmal einen abgetragenen Rock, der, wie ich sicher weiß, aus zweiter Hand gekauft wurde, ich hätte fast zum Platz schwören können. Denk nur an Deines sauberen Freundes Hartleys Frau. Was hat die an Carolinchen gegeben? eine erbärmliche, miserable Spitzenmütze – ich schäme mich, wenn ich sie nur ansehe. Was?

Sie that Alles was in ihren Kräften stand? Dann hat sie auch kein Recht Gevatter zu stehen. Leute die nicht mehr haben, sollten auch die Verantwortlichkeit von Pathen nicht übernehmen und besser wissen was sich für sie schickt.

Nun, Kaudel, gegen Goldmann wirst Du doch Nichts einzuwenden haben. Was? auch gegen den? Hat es schon jemals einen solchen Mann in der weiten Welt gegeben? Und weshalb?

Weil er ein Wucherer und Geizhals ist? Nein das weiß ich, Kaudel, Du paßt gar nicht mehr in diese Welt hinein. – Du hast solche merkwürdig hochfliegende Ideen. Ist der Mann nicht so reich wie die Bank? und daß er ein Wucherer ist, nun, gereicht das nicht etwa denen zum Vortheil, die nach ihm kommen? Es ist überdies ein Glück, daß es auch noch Leute auf der Welt giebt, die Geld sparen, statt den überklugen Narren, die es zum Fenster hinauswerfen. Du bist aber der sonderbarste Mann auf Erden; ich glaube wahrhaftig, Du hältst Geld für eine Sünde, anstatt für den größten Segen, denn ich darf keinen Menschen nennen der reich ist, so fährst Du auch schon über ihn her und hast was gegen ihn. Bettler – Lumpack ohne einen Groschen in der Tasche, die magst Du leiden, mit denen magst Du Umgang haben. Es ist wahr, Kaudel, wenn Du auch mein Mann bist, aber sagen muß ich's doch – Du hast niedrige – ganz niedrige Gesinnungen und ich hoffe zu Gott, daß keiner von den lieben Jungen nach seinem Vater artet.

Ich möchte jetzt überhaupt wissen, was Du gegen Goldmann hast. Das Einzige ist sein Name – es ist wahr, Lazarus mag ich auch nicht leiden – es klingt nicht vornehm genug – gar nicht ein Bischen nach was. Ist er aber einmal todt und hat für das Kind gethan was recht und billig ist, nun dann kann der Knabe den Namen ja auch leicht ein wenig umändern, Lorenz ist bald aus Lazarus gemacht und das soll überhaupt gar nicht so selten geschehe«.

Nein, Kaudel – sage das nicht, ich bin keine eigennützige Frau gerade das Gegentheil, ich habe aber die rechte Mutterliebe für meine Kinder und – und ich wünsche wirklich, andere Leute dächten ebenso wie ich; es wäre sicherlich viel bester und ehrenvoller für andere Leute. Ich kann mir aber schon denken was Du am liebsten wolltest, und es sollte mich gar nicht wundern wenn Du Deinen Kneipkamerad, den Betsenberger, gerne zum Pathen Deines Kindes hättest.

Dir wär's recht? Das dacht' ich mir. O ja ich wußte wo das hinaus wollte. Der ist ein Bettler – weiter Nichts – ein Mensch der seine halben Nächte außer dem Hause zubringt – ja das thut er. Du brauchst es nicht zu leugnen – ein Bettler und ein Trunkenbold, und einen solchen Mann möchtest Du zum Pathen Deines eigenen Fleisches und Blutes machen. Auf mein Wort, Kaudel, es wäre der Mühe werth, daß man aufstände und sich anzöge, nur um Dich reden zu hören. – Das sag' ich Dir übrigens, wenn Du nicht Wagstaff oder Pugsby oder Sniggins oder Goldmann oder Jemand Anderen, der anständig und achtbar ist, wählen willst, so soll das Kind gar nicht getauft werden. Was Betsenberger und das übrige Pack betrifft, an die denke nur nicht. Uebrigens weiß ein Jeder, daß von manchen solchen armen Schluckern die Armuth ordentlich ansteckend ist, und Betsenberger ist Einer von denen. Nein, Kaudel, ich will keins meiner theuren Kinder durch irgend eine Deiner Wirthshaus-Bekanntschaften ruinirt haben, das kann ich Dir wenigstens sagen. –Wenn ich überhaupt hierbei nicht machen kann was ich will, dann soll das Kind gar nicht getauft werden. Was sagst Du?

Es muß doch einen Namen haben? Da ist gar kein muß dabei – nicht im mindesten. Nein, es soll gar keinen Namen haben, und dann wollen wir einmal sehen was die Welt sagen wird. Ich nenne es Nummer Sechs – ja wohl, das klingt eben so wie irgend etwas Anderes, wenn ich nämlich keinen Pathen bekommen soll wie ich ihn haben will. Nummer Sechs, Kaudel – hörst Du das? ich sollte doch denken, schon der Gedanke mühte Dich schamroth machen. Nummer Sechs – aber immer noch ein besserer Name als ihn der Herr Betsenberger geben könnte – Ja – Nummer Sechs – Was sagst Du?

Alles – nur nicht Nummer Sieben? Aber Kaudel – Hab' ich denn je im Leben –

*

»In diesem Augenblicke,« schreibt Kaudel, »fing das Kleine an zu schreien und diesen glücklichen Zufall benutzend, schlief ich ein.«

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