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Madame Kaudel's Gardinenpredigten

Douglas Jerrold: Madame Kaudel's Gardinenpredigten - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
authorDouglas Jerrold
titleMadame Kaudel's Gardinenpredigten
publisherverlag von Otto Wigand
yearo.J.
translatorFriedrich Gerstäcker
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140402
projectid2a5123a6
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Vierzehnte Predigt

Madame Kaudel ist der Meinung, daß es »hohe Zeit« sei für die Kinder Sommerkleider anzuschaffen.

Ja Kaudel, wenn ich irgend etwas auf der Welt hasse, so ist es Geld von Dir zu verlangen, und zehnmal lieber behülfe ich mich, so es nur für mich selber wäre – und thue es auch, deß ist Gott mein Zeuge – wenn Du das freilich auch nicht zugeben solltest – Siehst Du wohl – da geht's schon wieder los – gleich oben hinaus.

Was ich jetzt wieder will? Du solltest wahrhaftig selbst wissen was ich wollte, Kaudel, wenn Du wenigstens Augen für Deine eigenen Kinder hättest, oder nur ein kleines Bischen stolz auf sie wärest.

Was es wieder giebt, und worauf ich hin arbeite? Oh Unsinn, Kaudel, als ob Du das nicht eben so gut wüßtest! Wenn ich eigenes Geld hätte, Kaudel, so würd' ich Dich nicht darum bitten – es thut mir weh genug, aber – was sagst Du?

Wenn es mir weh thut, warum ich so oft komme? So – das nennst Du nun wohl auch noch gar einen Witz? einen von Deinen Klub-Witzen, nicht wahr? ich wollte aber, Du dächtest ein Bischen mehr an anderer Leute Gefühle und weniger an Deine Witze. Ach – wenn ich nur eigenes Geld hätte! Existirte irgend etwas auf der Welt, was für eine arme Frau demüthigend ist, so wäre es das – jedes Pfennigs wegen bei ihrem Manne anfragen zu müssen.

Nein, Kaudel, wenn Du je Abends wach geblieben bist, so sollst Du's heute bleiben. Ja, Du mußt mich hören, denn der Himmel weiß es, es fällt selten genug vor, daß ich einmal ein Wort rede. Nachher kannst Du schlafen, so viel Du willst. – Sage einmal, Kaudel – weißt Du welchen Monat im Jahre wir haben? und hast Du gesehen wie unsere Kinder heute in der Kirche neben den anderen aussahen.

Was ihnen gefehlt hat? O Kaudel, wie kannst Du nur so eine Frage thun – was ihnen gefehlt hat? Staken die armen Dinger denn nicht in ihren dicken Merinos und Biber-Hüten?

Und was da weiter wäre? – So – jetzt wirst Du auch noch wohl behaupten wollen, daß die Brüggemann-Kinder nicht die Nasen über sie gerümpft haben und daß die Brauns erst die Schmidts und dann Deine Kinder ansahen, als ob sie hätten sagen wollen: »Arme Dinger, wie die noch im Monat Mai herumgehen müssen.«

Du hast es nicht gesehen? Dann sollte das schon eine hinlängliche Ursache sein, Dich in Deine Seele hinein zu schämen – so wenig Gefühl für Dein eigen Fleisch und Blut zu haben. Aber das hast Du nicht, Kaudel, es schmerzt mich, daß ich es sagen muß, aber Du hast es nicht. – Ueber Brüggemanns-Kinder habe ich mich in der Kirche so geärgert, daß ich hätte aufstehen und sie an den Ohren zupfen können – die stolzen albernen Dinger. Was sollt' ich?

Ich sollte mich schämen so etwas zu sagen? Nein, Kaudel, wenn sich hier Jemand zu schämen hat, so bist Du es, daß Du nicht darauf hältst Deine Kinder anständig und wie anderer Leute Kinder in die Kirche zu schicken, damit sie an ihren Gott denken können, und sich nicht die ganze Zeit unbehaglich zu fühlen brauchen, die armen Würmer, besonders wenn sie auch noch überall sehen müssen wie Andere gekleidet und angeputzt sind.

Nein, Kaudel – wir wollen darüber kein Wort weiter verlieren, das sag' ich Dir aber, die Kinder kommen mir nächsten Sonntag nicht über die Schwelle, wenn sie bis dahin keine Sommerkleider haben. Denke d'ran, was ich Dir jetzt sage – keinen Schritt über die Schwelle und damit ist's gut. Sie sollen den Brauns und Brüggemanns nicht wieder zur Zielscheibe ihrer höhnischen Bemerkungen dienen und wenigstens wissen, daß sie eine Mutter haben die sich um sie bekümmert, wenn ihr Vater auch Nichts von ihnen wissen will. Ich müsse große Andacht in der Kirche haben, wenn ich soviel an die Kleider dächte? Ich wollte nur, Kaudel, Du hättest solche Andacht, Du würdest ein besserer Mann sein, als Du bist. Das hat aber gar Nichts hiermit zu thun. Ich rede von anständigen Sommerkleidern für die Kinder, und Du willst von Kirche und Andacht anfangen, um mich auf ein anderes Gespräch zu bringen – das sieht Dir ähnlich, Kaudel.

Ich wollte immer Geld für Kleider haben? Wie kannst Du da nur in Deinem Bett ruhig liegen und das sagen, Kaudel? Es giebt gar keine Kinder in der ganzen Welt, die ihrem Vater so wenig kosten als die unsrigen – das ist aber gerade die Ursache – Je haushälterischer und sparsamer eine arme Frau ist, desto mehr drückt sie der Mann und desto knickeriger zeigt er sich. Die Weiber, die sich am wenigsten daraus machen wo das Geld herkommt, und wo es hingeht, auf die hält das Männervolk am meisten. – Wenn ich aber nur noch einmal von vorne anzufangen hätte, ob ich wohl wieder flicken und nähen und sparen und wirtschaften wollte? Prosit – nicht so viel –

O ja, Du kannst daliegen und lachen – sehr bequem und großmächtig – Nichts ist leichter als zu lachen, Kaudel – sehr leicht, besonders für solche Leute, die nicht ein Fünkchen Gefühl haben.

Aber sieh nur, Kaudel, was Du für ein komischer Mann bist – ich weiß gewiß, Du giebst mir das Geld, denn – es mag sein wie es will, – Du hast Deine Kinder doch lieb und magst gern wenn sie ordentlich und sauber angezogen gehen. Das ist aber auch ganz natürlich für einen Vater. Nicht wahr, Kaudel – wie? Nein, Du darfst auf keinen Fall einschlafen, ehe Du mir geantwortet hast.

Wie viel Geld ich haben will? Warte einmal, laß mich einmal sehen, Kaudelchen – da ist Karoline und Hannchen und Susanne und Marianne und – Was sagst Du, Kaudel?

Ich brauchte sie nicht zu zählen, Du wüßtest wie viel es wären? Nun seh' nur ein Mensch den Mann an – so macht er's immer. Also, wie viel Geld ich ungefähr brauche? Laß mich einmal sehen – Schlafe nicht ein, Kaudel, ich sage Dir's den Augenblick. Du hast's doch immer gern wenn die Kleinen blank und nett einhergehen, das weiß ich wohl, Kaudel. Sie machen Dir aber auch Ehre, Schatz, wenn ich, ihre Mutter, das auch selber sage, sie machen Dir Ehre, und kein Edelmann im ganzen Lande brauchte sich ihrer zu schämen.

Aber pfui, Kaudel – liegt der Mann da und verwünscht alle Edelleute im ganzen Land und frägt mich, was die mit unseren Kindern zu thun haben. Du weißt doch recht gut was ich meinte, Kaudel – Du bist aber so hitzig.

Wie viel? Sei nur in keiner so großen Eile. Nun sieh, ich denke, wenn ich es recht eintheile, um das Nöthigste anzuschaffen, so glaube ich wohl, daß ich mit hundert Thalern auskomme.

Was – hundert Narrenköpfe? Nicht die Hälfte? Sehr wohl, Kaudel – sehr schön – laß die Kinder nur meinetwegen in Lumpen einhergehen – und jeden Sonntag aus der Kirche bleiben, daß sie wie die Heiden und Kannibalen aufwachsen, dann wirst Du Dein Geld sparen, und auch wohl zufrieden sein.

Du hättest mir erst vor fünf Monaten hundert Thaler gegeben? und was haben die fünf Monate mit jetzt zu thun? und kann ich überhaupt den Kindern von dem was ich früher einmal gehabt habe, in diesem Monat Kleider kaufen?

Funfzig Thaler wären genug? O ja – so macht ihr Männer es jedesmal; als ob die Sachen gar Nichts kosteten; was Ihr aber an Euch selbst wendet, das kann nie zu gut und kostbar sein.

Sie brauchen blos Hüte und Röcke? Was weißt Du denn was sie brauchen, wie kann ein Mann überhaupt so etwas wissen? Also Du willst nicht mehr wie funfzig Thaler geben?

Nein? Gut – dann kannst Du Dein Geld nehmen und selber in den Läden herumlaufen. Sieh nur zu wie weit Du damit kommst – mir bleib' aber mit Deinen funfzig Thalern vom Leibe, das rathe ich Dir.

Nein, Kaudel – zu der Behauptung hast Du ebenfalls keinen Grund. Ich will die Kinder nicht wie junge Grafen und Gräfinnen herausputzen – Du hast mir das schon mehr wie tausendmal vorgeworfen, weißt aber daß es nicht an dem ist – das ist schändlich, Kaudel. Ich will nur haben daß unsere Kinder auch etwas auf sich halten sollen. Und was sollen sie denn von sich selber denken, wenn sie die Brüggemanns und Schmidts und Brauns so aufgeputzt sehen (und deren Väter verdienen lange nicht soviel Geld wie Du, Kaudel) und sich daneben so ärmlich. Eine schlechte Idee müssen sie von sich bekommen, und von Dir dann auch, Kaudel. Auf solche Art wird kein Mann in der Welt Geltung erlangen.

Wo ich das her habe? Wo soll ich es her haben? Glaube Du mir, Kaudel, ich weiß mehr als Du denkst, wenn Du's mir auch nicht ansiehst – die Männer halten aber selten viel von ihren Weibern, leider Gottes. Doch die hundert Thaler muß ich haben – keinen Pfennig weniger.

Nein, Kaudel, das ist nicht wahr. Ich will die Kinder nicht wie Pfauen und Papageien anziehen, nur ordentlich sollen sie gehen und – was sagst Du?

Fünfundsiebenzig willst Du geben? Nein, Kaudel, ich kann keinen Pfennig unter hundert gehen. Das sähe gerade so aus, als wenn ich Dein Geld hätte verwüsten wollen. Ueberdies weiß ich kaum, ob ich mit hundert Thalern auskommen werde. Wenn Du mir aber hundert giebst – Nein, das hilft Dir Nichts, in einem fort von fünfundsiebenzig und »schlafen wollen« zu brummen, Du thust kein Auge zu bis Du mir nicht die hundert versprochen hast. –

Komm, Kaudelchen, sieh, lieber Balthasar, sage nur »hundert« und dann sollst Du so schön und sanft schlafen – Hundert – hundert – hundert –

*

»Ich bin heute noch der Meinung,« schreibt Kaudel in seinen Notizen, »daß ich bei meinen fünfundsiebenzig stehen geblieben und darüber eingeschlafen bin; am nächsten Morgen versicherte mir aber meine Frau, als Frau von Ehre, daß sie mich kein Auge hätte schließen lassen, bis ich die hundert versprochen und – der Mann ist schwach, die Frau ist stark, sie ruhte wirklich nicht eher bis sie die hundert hatte.«

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