Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Douglas Jerrold >

Madame Kaudel's Gardinenpredigten

Douglas Jerrold: Madame Kaudel's Gardinenpredigten - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/jerrold/gardinen/gardinen.xml
typenarrative
authorDouglas Jerrold
titleMadame Kaudel's Gardinenpredigten
publisherVerlag von Otto Wiegand
printrunAchte Auflage
editorFriedrich Gerstäcker
year1879
translatorFriedrich Gerstäcker
illustratorLudwig Loeffler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130215
projectid14b71891
Schließen

Navigation:
.

Neunzehnte Predigt.

Madame Kaudel glaubt, »daß es sich wohl schicken würde ihren Hochzeitstag zu feiern«.

Kaudel – lieber Kaudel – weißt Du wohl, was am nächsten Sonntag für ein Tag ist?

Nein? Du weißt es nicht? hat es denn je auf der Welt einen solchen wunderlichen Mann gegeben? Kannst Du's nicht errathen, Kaudelchen? – Am nächsten Sonntag, guter Balthasar? Was? denk' doch einmal einen Augenblick nach, lieber Mann – Nun? – Was?

Du weißt es noch immer nicht? Siehst Du nun? Was sollte wohl aus uns werden, wenn ich kein besseres Gedächtniß hätte als Du! Nun dann, mein Schatz, dann will ich Dir's sagen was es ist – Unser Hochzeitstag ist am nächsten Sonntag – Kaudelchen!

Nun? was stöhnst Du denn? da ist doch Nichts zu stöhnen. Höre, Kaudel, wenn hier Einer von uns zu stöhnen hätte, so weiß ich ganz gewiß, daß Du das nicht bist, das wäre auf jeden Fall ich.

Ja ja – das sind jetzt vierzehn Jahre her. Damals warst Du freilich ein ganz anderer Mann wie jetzt, Kaudel. Was sagst Du?

Und ich war eine andere Frau? Nein wahrhaftig nicht, Kaudel, nicht im mindesten; ganz dieselbe. O Du brauchst den Kopf nicht so entsetzlich auf dem Kissen herumzustoßen, ich weiß daß ich dieselbe bin. Und wenn ich mich wirklich geändert hätte, wer wäre Schuld daran als Du? ich doch wahrhaftig nicht. Sage nur nicht, daß ich damals gar nicht hätte reden können, ich konnte so gut reden wie jetzt, hatte aber keine solche Ursache, und Du bist's gewesen, der mir die Zunge gelöst hat.

Das thut Dir sehr leid? – Kaudel, Du beleidigst mich wirklich, sobald Du den Mund aufthust.

Ja – vor vierzehn Jahren – da warst Du die gutmüthigste, liebenswürdigste Seele auf der Welt. Damals hättest Du Alles für mich gethan; so geht es aber, wenn eine Frau das immer so haben wollte, so sollte sie nicht heirathen – der Zauber ist vorbei, sobald sie aus der Kirche kommt. Wir sind lauter Engel wenn Ihr uns noch den Hof macht, kaum heißt es aber Frau, so reißt Ihr uns selber die Flügel aus.

Nein, Kaudel, ich rede keinen Unsinn, wenn Du's aber wissen willst, so hörst Du keinen anderen Menschen gern reden, als nur immer Dich selbst.

Höre, Kaudel, das Umherwerfen und unruhige Hin- und Herfahren hilft Dir gar nichts. Was sagst Du?

Du willst aufstehen? Nein, Kaudel, das wirst Du sicher nicht. Einen solchen Streich spielst Du mir nicht zum zweiten Mal, denn ich habe die Thür verschlossen und den Schlüssel versteckt. – Am Tag kann man Deiner nie habhaft werden, hier aber sollst Du mir wenigstens nicht fort. Nun komm, Kaudelchen, laß uns ein recht vernünftig Wort mit einander reden. Sieh – wenn man's so recht bedenkt, so giebt es doch eigentlich auf der Welt eine ganze Menge Eheleute, die nicht halb so gut miteinander auskommen, wie wir –

Sie dauern Dich? Sieh, Kaudel, ich kann den Mund nicht aufthun, so versuchst Du mir die Rede abzuschneiden, – was sagt' ich doch gleich, ja, Kaudel, nicht wahr, wenn man's so recht genau nimmt, so führen wir eigentlich ein recht glückliches Leben mit einander – Was seufzest Du denn so erschrecklich?

Du hast nicht geseufzt? – Nun sieh, wir haben Beide unsere kleinen Fehler und Schwächen, und wenn Du auch manchmal eine Laune hast, die wirklich kaum zu ertragen ist – doch wir wollen jetzt davon schweigen, ich will heute nicht mit Dir zanken. Nein, Kaudelchen, wir wollen vom nächsten Sonntag reden, und – nicht wahr, lieber Balthasar – wir haben unseren Hochzeitstag noch nie gefeiert, das wäre also eine prächtige Gelegenheit, einmal ein paar Freunde zu uns zu bitten. Was sagst Du?

Sie werden uns für Heuchler halten? Nein, Kaudel, dabei ist keine Heuchelei; ich versuche so viel in meinen Kräften steht, mich wohl und behaglich zu fühlen, und wenn je ein Mann Ursache hatte glücklich zu sein, so weiß ich gewiß, daß Du das bist Kaudel.

Nein, Kaudel, es ist kein Unsinn, Hochzeitstage zu feiern, auch keine Täuschung der Nachbarn, und wenn es wäre, thun es nicht fast alle andern Leute? Es ist nur eine Pflicht, die ein Mann seiner Frau schuldet. – Da sind die Winkels – geben die nicht jedes Jahr ein Fest an dem Tag? Wenn sie dann auch in den dazwischen liegenden Monaten manchmal ein Bischen in Hader und Streit liegen, was hat das damit zu thun? Sie feiern ihren Hochzeitstag und das Uebrige geht die Welt nichts an.

Ja, Kaudel, eine solche Feier ist eine der Frau schuldige Höflichkeit. Es sagt den Leuten offen und frei in's Gesicht: »Seht – wenn ich noch einmal zu heirathen hätte, so ist meine liebe, gute Frau die einzige in der ganzen Welt, die ich nehmen würde«. Nun, Kaudel, ich sehe hierbei gar Nichts zu stöhnen und ächzen; nein, auch Nichts zu seufzen, ich weiß aber, was Du damit meinst, Kaudel, o ich weiß es.

Und was wäre aus Dir geworden wenn Du nicht eine solche Heirath gethan hättest? Du wärst verloren gewesen, rein verloren, und – wenn es mir auch leid thut das zu sagen, so muß es doch heraus – und wenig mehr als ein richtiger Vagabond geworden. In schöne Verlegenheiten wärst Du gekommen, hätt' ich nicht über Dich gesorgt und gewacht. Der Herr allein kennt auch nur all' die Mühe und Noth, die ich mit Dir gehabt habe, und was ist jetzt mein Dank? Ich wünsche nur weiter Nichts, als daß Du manch eine von den anderen Frauen geheirathet hättest. – Wir wollen uns aber nicht zanken, Kaudelchen, nein, ich weiß wohl, Du meinst es nicht so schlimm, und – nicht wahr? wir halten das kleine Mittagessen? wie? – Nur ein paar Freunde?

Nein, Kaudel, sage nicht, es wäre Dir einerlei; so muß man nicht mit einer Frau sprechen, und noch dazu mit einer solchen Frau wie ich Dir gewesen bin. Also Du bist mit dem Essen einverstanden? wie? O Kaudel, brumme mir nicht so, sag' es klar und deutlich heraus. Du willst also den Hochzeitstag feiern? Was?

Wenn ich Dich schlafen lasse? O das ist unmännlich, Kaudel – kannst Du nicht »ja« sagen, ohne noch andere Klauseln und Vorbehalte? wie, lieber Balthasar? hm?

Ja? Nun sieh, jetzt bist du ein braves Männchen, ich wußte es wohl, daß Du Dein Unrecht einsehen würdest. Aber nun, Kaudel, was sollen wir denn da kochen? – Nein, wir wollen das nicht bis morgen lassen, das muß jetzt abgemacht werden, damit es mir nicht die ganze Nacht im Kopf herum geht.

Sieh, Kaudel, ich möchte gern so etwas recht Besonderes haben; so etwas Außergewöhnliches, daß die Leute doch sähen, wir hielten etwas auf den Tag. Ich möchte gern – Du schläfst doch nicht, Kaudel?

Was ich will? Aber Du weißt doch, daß ich das mit dem Essen in Ordnung bringen wollte –

Ich soll kochen was ich will? Nein, Kaudel, da Du den Tag gerne feiern willst, so ist es auch nicht mehr wie recht und billig, daß ich Dir dabei zu Gefallen thue was in meinen Kräften steht. Sieh, Kaudel, das ist etwas, was wir noch nicht gehabt haben, wie würde Dir ein Rehrücken behagen?

Unsinn? Hammelbraten wäre gerade so gut? Das beweist, was Du auf Deine Frau hältst. Wenn es nur für einen von Deinen Klub-Freunden, für eine Deiner Wirthshausbekanntschaften sein sollte, so wäre Rehrücken sicherlich kaum gut genug.

Also Rehrücken denn? Gut – das wäre abgemacht – wie ist es nun mit dem Fisch – sage einmal, Kaudel, wie wär's, wenn wir trefflichen Aal –

Karpfen ist gut genug? nein, wenn ich nicht Aal haben kann, so will ich gar keinen Fisch. O du lieber Himmel, was Ihr Männer doch für eigennützige, knickerige Kreaturen seid! wenn mir –

Also Aal denn? gut, Kaudel. Aber nun die Suppe. O fluche nicht so entsetzlich auf die Suppe, Kaudel, es graust Einem ja ordentlich zuzuhören. Du weißt doch, wir müssen Suppe haben. Ja sieh, Kaudel, da es doch einmal was Gutes sein soll, und um unseren Freunden zu zeigen wie glücklich wir zusammengelebt haben, so wollen wir diesmal wirkliche Turtlesuppe essen –

Du willst nicht – nichts als Mock? Dann, Kaudel, kannst Du Dich alleine an den Tisch setzen. Mock turtle an einem Hochzeitstag; hat man schon je so etwas gehört? Das wäre eine Beleidigung, Kaudel, eine wirkliche Beleidigung. Was sagst Du?

Also Turtle-Suppe denn, dies eine Mal? Ja, Kaudel – wie ich schon gesagt habe; vor vierzehn Jahren warst Du ein ganz anderer Mann. Aber nicht wahr, Kaudel, Du besorgst den Rehrücken? wie? ich weiß einen Platz in der Stadt wo man Wildpret ganz ausgezeichnet bekommt – nicht wahr, Du besorgst das? Ja? nun das ist recht. Wen sollen wir also nun einladen?

Wen ich will? Sei doch nicht so sonderbar, Kaudel, Du weißt doch recht gut daß ich nur die will, die Dir recht sind. Herr Betsenberger wird da also wohl auch kommen sollen. Aber höre, Kaudel, die Mamsell Betsenberger betritt mein Haus nicht – das sag' ich Dir vorher, ich will nicht meinen Seelenfrieden in meinen eigenen vier Wänden untergraben haben. Kommt sie, so erscheine ich nicht bei Tische.

Gut denn? Nun, das wäre also abgemacht. Aber, Kaudel, nicht wahr, Du vergißt den Rehrücken nicht – den Rücken, weißt Du, einen recht guten, fetten Rücken. Nicht wahr, Du vergißt das nicht?


»Dreimal schlief ich ein,« sagt Kaudel, »und dreimal weckte mich meine Frau wieder mit ihrem Ellenbogen und sagte: »Nicht wahr, Du vergißt den Rehrücken nicht, Kaudel?« Endlich fiel ich in einen tiefen Schlaf, und träumte, ich wäre ein Topf voll Eingemachtes.«

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.