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Madame Kaudel's Gardinenpredigten

Douglas Jerrold: Madame Kaudel's Gardinenpredigten - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenarrative
authorDouglas Jerrold
titleMadame Kaudel's Gardinenpredigten
publisherVerlag von Otto Wiegand
printrunAchte Auflage
editorFriedrich Gerstäcker
year1879
translatorFriedrich Gerstäcker
illustratorLudwig Loeffler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130215
projectid14b71891
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Achtzehnte Predigt.

Auf einem Spaziergang mit seiner Frau ist Kaudel von einem jungen und sogar hübschen Mädchen gegrüßt worden. Mad. Kaudel spricht sich darüber aus.

Wenn ich nicht mehr mit Dir vor die Thür treten kann ohne beleidigt zu werden, so bleibe ich lieber ganz zu Hause, Kaudel.

Was? rede mir nur Nichts davon, daß ich Dich soll eine Nacht schlafen lassen. Könnt' ich mich noch über irgend etwas auf der Welt verwundern, so wär' es über Deine Unverschämtheit. Nie kann ich mit Dir spazieren gehen (und Gott weiß es, es geschieht selten genug), ohne daß meine Gefühle von allen Arten von Leuten unter die Füße getreten werden. Eine Rotte kecker Dirnen –

Was ich wieder zu toben habe? O Du weißt es gut genug, Kaudel, vollkommen gut genug. Ein schönes Frauenzimmer muß das sein, das einem Manne zunickt, wenn er mit seiner eigenen Frau spazieren geht.

O sage nur nicht daß es bloß Fräulein Betsenberger war. Was kümmert mich Mamsell Betsenberger, und woher kennt sie Dich überhaupt?

Du hast sie ein- oder zweimal bei ihrem Bruder gesehen? O ja, davon bin ich überzeugt – ganz gewiß. Ich habe mir doch immer gedacht, daß es in dem Haus noch irgend etwas Verführerisches geben müsse, was Dich in einem fort dorthin lockte – jetzt ist's also heraus.

Nein, das hilft Dir gar nichts, Kaudel, das Lautreden und die Armeumherwerfen, als wenn Du so unschuldig wärest wie ein neugeborenes Kind. Durch solche Kunstgriffe lasse ich mich nicht mehr hintergehen. Nein, es gab einmal eine Zeit, wo ich eine solche Närrin war und Alles glaubte, aber, dem Himmel sei Dank, darüber bin ich hinaus. – Keckes Geschöpf das – Du glaubst wohl, ich hätte nicht gesehen wie sie auch noch lachte als sie nach Dir hinübernickte, die Mamsell die. Ja wohl – ich weiß recht gut für was sie mich dabei hielt; für eine arme, elende Kreatur; natürlich; das sah ich deutlich.

Nein, Kaudel – sage das nicht – ich sehe keineswegs immer mehr als andere Leute, aber ich bin nicht blind, und will auch nicht blind gemacht werden, so angenehm Dir das auch sein möchte. Nein, ich gedenke den Gebrauch meiner Sinne zu behalten. Das weiß ich übrigens daß eine Frau, wenn sie nur auf irgend eine Art Aufmerksamkeiten von einem Mann erwiesen haben will, alles Andere eher sein darf, als seine eigene Frau. Es ist mir früher schon oft so vorgekommen, der heutige Tag hat es aber bewiesen – klar und deutlich bewiesen.

Ein braves liebenswürdiges junges Mädchen? O ja wohl – wahrscheinlich, sehr liebenswürdig. Ohne allen Zweifel hältst Du sie dafür. Du glaubst auch vielleicht, ich hätte nicht gesehen was sie für einen Hut aufhatte? Ja wohl – ein sehr braves Mädchen. – Und die kleinen englischen Pflästerchen im Gesicht – die hab' ich wohl auch nicht bemerkt?

Du hast sie nicht gesehen? Das glaub' ich – aber ich desto deutlicher. Sehr liebenswürdig, natürlich! was sagst Du?

Sie wäre roth geworden über mein unhöfliches Benehmen? Nun Gott sei Dank, die hätte ich mögen roth werden sehen. Sich durch alle die Schminke glücklich durchzuarbeiten, wäre mehr als gewöhnliche Scham könnte.

Nein, Kaudel, ich hänge nicht jedem Menschen etwas an; gerade das Gegentheil, und Du magst auch drohen aufzustehen, das ist einerlei, ich will und muß jetzt reden. Ich weiß wohl was Teint und was Schminke ist – ich bin auch nicht gestern erst auf die Welt gekommen, und weiß, das war Schminke – Früher hatte ich ebenfalls einmal einen Teint, Kaudel, obgleich Du das jetzt natürlich schon lange vergessen hast. Früher hatte ich einen Teint, ehe ihn Dein Betragen zerstörte. Ehe ich Dich kannte, nannten mich die Leute gewöhnlich die Lilie und Rose, aber – nun was hast Du zu lachen? Ich sehe hier Nichts über das man lachen könnte. Wie ich aber schon gesagt habe – jede Andere gilt mehr bei Dir, als Deine eigene Frau. – Nicht vor die Thüre kann ich mit Dir gehen, ohne daß Dich jedes Frauenzimmer, was uns begegnete, grüßt.

Es wäre nur Fräulein Betsenberger gewesen? Ich soll wohl wissen, wer Dir alles zunickt, wenn ich nicht dabei bin? Jede – natürlich, und wenn sie Dich nicht ansehen, nun so siehst Du sie an – versteht sich. Du thust es ja sogar wenn ich bei Dir bin, wie viel mehr wenn Du allein bist. Leugne es nur nicht, Kaudel – thu' mir nur den einzigen Gefallen und leugne es nicht. – Mamsell Betsenberger – ja wohl – weiter Nichts. Was sagst Du?

Du willst nicht ruhig zuhören, wenn ich das brave junge Mädchen heruntermache? O natürlich mußt Du ihre Partei nehmen – versteht sich. Uebrigens ist sie aber auch noch nicht einmal so sehr zu tadeln, denn woher soll sie eigentlich wissen, daß Du verheirathet bist. Dich hat noch Niemand mit Deiner Frau spazieren gehen gesehen. – Niemals.

Was wir heute draußen zusammen gemacht haben? Das hat hiermit gar Nichts zu thun, Kaudel, fange nur nicht immer gleich wieder von etwas anderem an – O nein – wohin Du gehst, gehst Du allein, und da müssen ja die Leute zuletzt wohl glauben, daß Du noch ein Junggeselle bist.

Du weißt wohl, daß Du's nicht bist? Die Welt sollte das aber auch erfahren, und was müssen nur die Leute denken, wenn man uns nie zusammen ausgehen sieht. Andere Frauen gehen stets mit ihren Männern spazieren, ich weiß aber recht gut, daß ich auch nicht wie andere Frauen behandelt werde. Nun, weshalb rümpfst Du da die Nase, Kaudel?

Woher ich weiß, daß Du die Nase gerümpft hast? Rede nur nicht – an Deinen ganzen Manieren sehe ich das, ich sollte doch denken ich kennte Dich wenigstens, wenn Dich auch die Welt nicht kennt. – Du forderst mich nie zum Spazierengehen auf –

Das wäre meine eigene Schuld? Kaudel, wie kannst Du nur da ruhig in Deinem christlichen Bett liegen und so etwas sagen. Lauter leere Entschuldigungen, die bringst Du immer vor.

Du wärst es müde mich zu fragen, weil ich immer einen anderen Einwand hätte? So? Natürlich kann ich nicht wie eine Vogelscheuche auf die Straße gehen; wenn Du mich aber einmal frägst, so weißt Du immer recht gut, daß mein Hut entweder nicht zurechtgemacht oder mein Rock nicht von der Näherin zurückgekommen ist, oder daß ich die Kinder nicht alleine lassen kann oder irgend andere Geschäfte habe; das weißt Du Alles recht gut, ehe Du mich frägst, und darum frägst Du mich auch nur. Gehe ich aber nachher wirklich einmal mit Dir aus, dann kann ich mich auch darauf verlassen, daß ich dafür büßen muß.

Ja wohl – büßen muß, Du brauchst die Worte nicht zu wiederholen – Du glaubst aber, ich hätte kein Gefühl – Gott bewahre, Niemand anders hat Gefühl als Du selber – Ach so – ich hätt' es ja beinahe vergessen – nein – Fräulein Betsenberger auch noch – ja wohl, die hat auch noch Gefühle – o natürlich hat sie. – – Andere Leute müssen eine herrliche Idee von mir bekommen; für was sie mich wohl nur halten werden? aber das konnt' ich mir gleich denken, daß Du nicht Abend für Abend, bis eilf Uhr in die Nacht hinein da drüben bei Betsenbergers sitzen würdest, wenn Du nicht einen besonderen Grund dafür gehabt hättest. Jetzt weiß ich es also.

Oh ich mache mir aus Deinem Fluchen Nichts, Kaudel, nicht so viel. Ich hätte aber Ursache dazu, ich bin's die fluchen sollte, wenn ich nur keine Frau wäre. Du bist aber gerade so wie die anderen Männer – die »Herren der Schöpfung« wie sie sich nennen. – Ja wohl Herren, denn ganz herrliche Sclaven macht Ihr aus den armen Kreaturen, die einmal für ihr ganzes Leben lang in Euere Hände gegeben werden. Ich will aber von Dir geschieden sein, Kaudel, ich will wahrhaftig geschieden sein, und dann soll die Welt erfahren, wie Du mich behandelt hast. Dann soll sie es erfahren, Kaudel, darauf kannst Du Dich verlassen. Was sagst Du?

Ich soll das Schlimmste reden? – oh reize Du eine Frau dazu, und sieh was daraus entsteht – versuch' es nur einmal und laß das eine Frau thun. Ich möchte nicht für alles Das stehen, was ich sagte.

Fräulein Betsenberger – ja wohl – und – ah – jetzt geht mir ein Licht auf – nun wird mir Alles klar. Jetzt weiß ich auch, weshalb ich sie mit Herrn und Madame Betsenberger zum Thee einladen sollte, und ich, wie eine blinde Närrin, hätte es auch beinahe gethan. Aber jetzt seh' ich's – jetzt sind mir die Augen aufgegangen. Und Du hättest Dich unterstanden, und sie unter mein eigenes Dach gebracht – so?

Nein, Kaudel, das Umherwälzen hilft Dir Nichts, – Du hättest sie in dasselbe Haus gebracht, wo –


»Länger,« schreibt Kaudel, »konnte ich es nicht aushalten, sprang also aus dem Bette und brachte mich noch bei den Kindern unter.«

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