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Madame Kaudel's Gardinenpredigten

Douglas Jerrold: Madame Kaudel's Gardinenpredigten - Kapitel 20
Quellenangabe
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typenarrative
authorDouglas Jerrold
titleMadame Kaudel's Gardinenpredigten
publisherVerlag von Otto Wiegand
printrunAchte Auflage
editorFriedrich Gerstäcker
year1879
translatorFriedrich Gerstäcker
illustratorLudwig Loeffler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130215
projectid14b71891
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Dreiunddreißigste Predigt.

Madame Kaudel hat zufällig entdeckt, daß Kaudel Direktor einer Eisenbahn ist.

Wie ich die Zeitung heute in die Hand nahm, Kaudel, glaubt' ich, der Schlag rührte mich.

Laß mir nur um Gotteswillen wenigstens heut' Abend Deine Verstellung; Du weißt »was los ist«. Wenn Du einmal kein Bett mehr hast in dem Du schlafen kannst, und auf Kohlensäcken liegen mußt – dort, Kaudel, magst Du übrigens alleine schlafen – dann wirst Du wohl wissen, was »los ist«. Aber ich will es Dir auch noch sagen: Ich habe Deinen Namen gesehen, Kaudel, leugne es nur nicht mehr – die Aalpasteten-Insel-Bahn und Balthasar Kaudel's Namen mit unter den Direktoren – aber –

Nein, ich will nicht ruhig sein, ich will sprechen. Der Himmel weiß es, selten genug thu ich den Mund auf, wenn ich aber solche Sachen sehe, dann darf ich nicht mehr schweigen.

Was ich sehe? Das will ich Dir sagen, Kaudel, dort unten am Fuße des Bettes sehe ich alle unsere lieben unglücklichen Kinder in Lumpen stehen – seh' ich Dich im Gefängniß und mich auf dem Stroh. – Jetzt weiß ich auch weshalb Du in Deinem Schlaf von breiten und schmalen Schienen gesprochen hast – jetzt weiß ich es, aber denkst Du auch an den »schmalen und breiten Weg«, Kaudel? denkst Du auch wohl noch manchmal an den? Nein, Du bist ein richtiger Heide geworden, Du hast für weiter Nichts mehr Sinn als für Geld.

Ob ich nicht auch gern Geld hätte? Gewiß – aber nur dann, wenn ich es sicher habe, nicht wenn ich erst Alles dafür auf's Spiel setzen muß. 0 ja, rede nur von Vermögen die im Handumdrehen erworben sind, das ist gerade wie mit den Hemden die im Handumdrehen genäht werden, aber wie lange halten sie. Nun ist es auch heraus, weshalb Du weder mehr essen, trinken noch schlafen kannst – Dein Kopf ist in lauter Eisenbahnen abgetheilt, denn Du wirst mich nicht glauben machen, daß die Aalpasteten-Insel-Bahn die einzige wäre, in die Du Deine Finger hineingesteckt hättest. Nein, wahrhaftig nicht, das kann ich Dir an den Augen ansehen. Was wird aber die Folge sein? in ganz kurzer Zeit hast Du gerade soviel Linien und Furchen im Gesicht, wie jetzt auf der Karte – paß auf, ob ich nicht Recht habe. Vor sechs Monaten hattest Du noch keine einzige Runzel, Deine Backen waren so glatt wie Porzellan – jetzt sieh Dich einmal in einem Spiegel, ob Du nicht aussiehst wie die Landkarte von England. – Und so etwas noch in Deinem Alter anzusaugen, Du, der immer bei jeder Sache langsam und sicher gingst, Dein Geld jetzt in solch' entsetzlicher Weise auf schwarz oder roth zu setzen, das ist schauerlich.

Des Mäkler's Hund in Flam-Cottage muß Dich gebissen haben und jetzt bist Du speculationstoll geworden, kannst nicht einmal mehr auf Dein eigenes Hab' und Gut Acht geben, und ich würde nur wie eine brave rechtschaffene Frau handeln, wenn ich die Doktoren hereinriefe und Dich wie einen Wahnsinnigen behandeln ließe. Auf Ruhe und Zufriedenheit muß ich von jetzt an auch für meine ganze künftige Lebenszeit verzichten. Es wird nicht ein einziges Mal an die Thür klopfen ohne daß ich glaube, es wäre der Mann der das Haus gekauft hätte und nun Besitz von seinem Eigenthum nehmen wollte. O ich kann sie ordentlich im Geiste sehen, wie sie hier alle unsre hübschen Kleinigkeiten, die uns so an's Herz gewachsen sind, ausbieten und losschlagen.

Ich möchte nur wissen was jetzt auf einmal in die Welt gefahren ist. Jeder will seine Pfennige in Doppellouisd'ore verwandeln und den Nachbar um das Uebrige betrügen; und mit Dir ist es nicht besser, Kaudel – Du machst keineswegs eine Ausnahme. Oh, ich habe Dich beobachtet, wenn Du mich manchmal fest eingeschlafen glaubtest und dann dalagst und wispertest und flüstertest und Dich schütteltest und die Bettpfosten angrinstest, als ob sie von reinem Golde wären. Ich glaube wahrhaftig, Kaudel, Du hältst die Steppdecke hier manchmal für lauter zusammengesetzte Banknoten.

Jetzt wirst Du auch wohl Tag und Nacht nicht mehr nach Hause kommen und da draußen auf der Aalpasteten-Insel leben und schlafen, so daß ich hier weiter keine Gesellschaft habe, als meine trüben, quälenden Gedanken. Ich kann mich aber plagen und quälen und Pfennige sparen, während Du das Geld scheffelweise aus dem Fenster wirfst. Und was Du jetzt überhaupt für einen kostbaren und theuren Geschmack bekommst, es ist Dir gar nichts mehr gut genug. Du mußt Dich wahrhaftig manchmal für den König Salomo halten. Das kommt aber von dem leichten Geldverdienen – wenn Du überhaupt welches verdient hast – ohne es doch eigentlich wirklich verdient zu haben.

Nein, Kaudel, ich rede keinen Unsinn; und das weißt Du auch recht gut, Du brichst nur die Gelegenheiten ordentlich vom Zaun, wenn Du mich beleidigen kannst. Wo das Geld aber so in Massen einkommt, ohne daß man brav und ehrlich dafür gearbeitet hat, da ist's gerade so, als ob man eine Menge Spiritus in sich hineingösse – der steigt in den Kopf und man weiß nicht mehr, was man thut. Siehst Du, Kaudel, Dir ist es gerade so gegangen, das weiß ich gewiß, man sieht Dir's auch ordentlich an. Es giebt einen Rausch der Tasche wie einen Rausch des Magens, und Du hast in diesem Augenblick den ersten.

Nein, Kaudel, ich bin kein poetisches Herzchen, ich weiß recht gut, was ich bin, aber, wie gesagt, ich würde mich noch darüber hinwegsetzen, wenn Du wirklich Geld dabei verdient hättest und Dich nun mit der Aalpasteten-Bahn begnügen wolltest, aber ich weiß, wie es bei solchen Speculationen geht. Es ist wie der Syrup bei den Fliegen, wer einmal d'rin ist kann nicht wieder herauskommen, und wenn er sich wirklich losreißt, so läßt er Beine und Flügel d'rin zurück. Nein – hast Du wirklich Geld bei der Aalpasteten-Insel-Bahn verdient und willst Du es mir geben um es für unsere lieben Kinder anzulegen, gut, Kaudelchen, dann will ich auch kein Wort darüber sagen. Was?

Unsinn? Ja wohl – Unsinn – ich darf nur Geld haben wollen, dann ist das sicher das Wort, das ich zu hören bekomme. Und jetzt möcht' ich nur sehen ob Du's bei der einen Eisenbahn bewenden ließest – o Gott bewahre, kein Gedanke d'ran; ich müßte Dich nicht kennen, und wenn Du's nur mir zum Trotze thun solltest. In ein oder zwei Tagen wird also wohl so ein zweiter Posaunenstoß in den Zeitungen stehen, vielleicht ein Vorschlag zu einer Zweigbahn von der Aalpasteten-Insel aus nach Gott weiß wohin. Man gebe Euch Männern nur eine Meile Schienen und Ihr nehmt hundert. – Und gezittert habe ich ordentlich wie ich das Zeug in den Zeitungen las, und dann noch Deinen Namen d'runter. Daran ist aber wieder der Betsenberger Schuld – kein Anderer – sein werther Name muß ja, natürlich, auch mit dabei sein. Und was habt Ihr den Leuten für Geschichten vorgefabelt, was sie Euch Alles glauben sollen? Ich habe die Worte auswendig gelernt, blos um sie Dir wieder vorhalten zu können; da stand: daß Aalpasteten jetzt ein Lebensbedürfniß der civilisirten Welt geworden wären, und daß, da die östliche Bevölkerung Londons von diesen Segnungen der Cultur abgeschnitten sei, die Aalpasteten durch diese Bahn in das Herz der Ratcliffe-Straße und durch diese in alle mit ihr in Verbindung stehenden Plätze geschafft werden sollten.

Wenn Ihr Männer – Ihr Herren der Schöpfung wie Ihr Euch nennt – einmal zusammenkommt und eine Gesellschaft über etwas Derartiges etablirt, giebt's dann noch ein Märchenbuch auf der Welt, was Euch in Euren Ankündigungen und Versprechungen die Waage hielte? Nein; feierlich und ehrbar seht Ihr einander in's Gesicht – verzieht keine Miene dabei, muckset nicht – und stehlt Euch einander das Geld aus den Taschen.

Nein, Kaudel, ich gebrauche keine harten Worte, nur die, die Ihr verdient habt. Was Du aber auch verdienst, ich bin die Letzte die Nutzen davon hat; mir hast Du noch nie eine von Deinen Aalpasteten-Aktien angeboten. Was sagst Du? –

Du willst mir welche geben? Nein, Kaudel, ich danke Dir vielmals, ich will nichts mit solchen sündhaften Gelderwerben zu thun haben. Ja, wenn Du mir wie mancher andere Mann eine ordentliche Summe Geldes in den Schooß würfst – Was?

Du willst Dir's überlegen? wenn die Aalpasteten-Aktien steigen? Aha – dann weiß ich auch was sie werth sind – keinen rothen Pfennig.


»Sie schwieg plötzlich still,« schreibt Kaudel, »und ich fing schon an einzuschlafen, als sie mich plötzlich wieder mit dem Ellenbogen in die Seite stieß und sagte: Kaudel, glaubst Du wohl, daß sie morgen steigen werden?«

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