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Madame Kaudel's Gardinenpredigten

Douglas Jerrold: Madame Kaudel's Gardinenpredigten - Kapitel 16
Quellenangabe
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typenarrative
authorDouglas Jerrold
titleMadame Kaudel's Gardinenpredigten
publisherVerlag von Otto Wiegand
printrunAchte Auflage
editorFriedrich Gerstäcker
year1879
translatorFriedrich Gerstäcker
illustratorLudwig Loeffler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130215
projectid14b71891
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Neunundzwanzigste Predigt.

Madame Kaudel glaubt daß es an der Zeit sei, sich, wie »andere Leute« ein eigenes Landhäuschen anzuschaffen.

Du hättest Dich heute Abend eigentlich ein Bischen pflegen sollen, Kaudel – Du bist nicht recht wohl, ich habe es Dir gleich angesehen. – Wie, Kaudelchen? Ja, so seid Ihr Männer – trotzig und starrköpfig. – Nie soll ihnen was fehlen – ich sehe das aber gleich, Kaudel, ich habe ein merkwürdig scharfes Auge für so etwas. Eine Frau die etwas auf ihren Mann hält, muß das auch haben, es ist ihre Schuldigkeit. Wie Talg hast Du die ganze Woche lang ausgesehen, und was noch schlimmer ist, Du ißt gar Nichts – Du hast keinen Appetit mehr. – Ordentlich melancholisch macht es mich, wenn ich Dich vor dem Fleische sitzen sehe. Bei Tisch, wenn die Kinder dabei sind, sage ich natürlich Nichts, aber glaube ja nicht, daß ich deßhalb weniger fühle. Nein, Kaudel, Du bist nicht recht wohl – O – versündige Dich nicht, Balthasar.

Du wärst so gesund wie ein Fisch? betrüge Dich nur nicht selber, Kaudel. Die Krankheiten, die man nicht selbst erkennt, sind ja gerade die gefährlichsten. Nein – Du ißt auch nicht so viel wie früher und wenn Du es wirklich thätest, so geschieht es nicht mit dem früheren Behagen, mit dem früheren Appetit – darin kann ich mich nicht täuschen. Ich weiß aber was Dich so ungesund macht; das eingeschlossene Leben im Hause hier, die ungesunde Luft die Du athmest, das ist es – der Stadtrauch und Staub, das ist's, was Dir am Körper frißt.

Es frißt Nichts an Deinem Körper? O, Kaudel, Du weißt recht gut, wie ich es meine – ich kenne aber Deine alte Entschuldigung – die Luft wäre Dir noch nie schlecht vorgekommen. Nein, bis jetzt vielleicht nicht, das geb' ich zu; wenn Leute aber älter werden und wenn ihr Handel und Gewerbe gut geht – – und ich dächte doch, Kaudel, Du hättest Dich da über Nichts zu beklagen, – so ist ihnen die Stadtluft nie mehr so zuträglich wie früher. Empfänglichkeit für Krankheiten kommt mit dem Geld. Gott, was für ein rothes Gesicht Du hattest, als Dir kein Pfennig in der Tasche klimperte, und sieh Dich jetzt an, bleich wie eine Wachspuppe siehst Du aus. Dreißig Jahre würde es Dir aber am Leben nützen, und denke nur welch ein Segen das für mich sein müßte; – nicht etwa als ob ich den dritten Theil erleben sollte, nein wahrhaftig. Dreißig Jahre, Kaudel, – wenn Du Dir so eilt kleines niedliches Häuschen bei Brixton

Du hassest Brixton? Ja, Kaudel, das sieht Dir ganz ähnlich – einen wirklich nobeln Platz kannst Du nicht ausstehen. Aber Brixton und Balaam-Hill haben für mich etwas unaussprechlich Anziehendes – so etwas Auserwähltes. Dort besucht kein Mensch den Andern, ausgenommen er wäre auch wirklich etwas. Die schönen Kirchsitze gar nicht zu erwähnen, die einem Gotteshaus ein so anständiges Aussehen geben. Uebrigens mache das wie Du willst. Wenn Du Brixton nicht leiden magst, was hältst Du dann von Clapham-Common? wie? – Oh – das ist wieder eine von Deinen Fabeln, sage nur nicht, daß Du dort wie ein Robinson Crusoe mit Weib und Kindern allein gelassen würdest, weil Du Detailhändler wärest. Was?

Die Engroshändler besuchen da draußen nie die Detailhändler? da guckt Dein alter Menschenhaß wieder durch, Kaudel, ich glaube kein Wort davon. Aber wenn es auch wäre, so sehe ich darin immer noch nichts so Erschreckliches. Es ist nothwendig, daß man etwas aus seinen Stand hält, wozu existirte denn diese Welt sonst eigentlich; und wenn sich ein Seifenhändler höher hält als ein Lichterzieher, so finde ich das ganz natürlich; es ist nur der selbstgefühlte Werth. Was sagst Du?

Die Aristokratie des Fettes wäre es? Ach, Kaudel, Du hast immer Deine boshaften Bemerkungen; aber wenn Du von Clapham-Common nichts wissen willst, was sagst Du denn da zu Hornsey?

Zu hoch? Was Du für ein Mann bist. Nun – zu Battersea?

Zu flach? Du könntest eine Heilige ärgern, das mußt Du doch wenigstens eingestehen, Kaudel. Hampstead denn –

Zu kalt? Unsinn, Deine Nerven würden wieder gesund und straff wie eine Trommel werden, und das fehlt Dir gerade. Du verdienst aber gar nicht, daß sich noch Jemand um Deine Gesundheit bekümmert und ebensowenig um Deine Bequemlichkeit. Bei Fulham soll es wunderhübsche Plätze geben. – Nein, Kaudel, nicht ein Wort laß ich Dich gegen Fulham sagen. Das muß ein herrlicher Fleck und trocken, gesund und angenehm sein, sonst würde gewiß kein Bischof dort wohnen. Komm' mir jetzt nicht mit Deinen heidnischen Grundsätzen, Kaudel, ich will sie nicht hören, und so viel weiß ich, mit dem was für einen Bischof gut genug ist, könntest Du ebenfalls zufrieden sein; die Ideen, die Du aber in dem Klub aufliesest, die sind erschrecklich. Nein, Dich so von Bischöfen reden zu hören; ich hoffe nur zu Gott daß Dir, der lieben Kinder wegen, kein Unglück geschieht.

Ein hübsches Hauschen und ein Gärtchen dazu. O, Kaudel, ich bin für einen Garten geboren. Es ist etwas in einem Garten, das einen wieder so jung, so unschuldig macht; das Herz thut sich mir ordentlich auf, wenn ich Rosen sehe. Und was wir für schönen Johannisbeerwein da draußen machen könnten. Und dann Radieschen; kaufe sie so frisch wie Du willst, es sind doch keine so gut wie die eigenen, sie schmecken zehnmal so süß – was?

Und sind zwanzigmal so theuer? Siehst Du, da fängst Du schon wieder an; ich darf mir auf der weiten Gotteswelt Nichts wünschen, so hältst Du mir die Ausgaben unter die Nase. – Nein, Kaudel, ich würde es nicht schon in einem Monat wieder satt bekommen; ich sage Dir ja, ich bin für das Landleben erschaffen, aber hier hast Du mich festgehalten, hier in der Stadt, daß ich kaum noch weiß aus was Gras gemacht wird; und hast Dich um meine Gesundheit nicht so viel gekümmert. Große Stücken mußt Du auf Deine Frau und Kinder halten, daß Du sie hier in Sonnenhitze und Schornsteinqualm durchräuchern läßt, als ob sie Speck wären. – Ich kann es ordentlich sehen wie es die Kinder im Wachsthum hindert – Zwerge werden das, richtige Zwerge, und Niemand Anderem als ihrem Vater sind sie nachher dafür verpflichtet – Oh ich weiß was Du denkst, Kaudel.

Ich wüßte es nicht? und ich sage Dir, ich weiß es; hättest Du aber das Herz eines Vaters, Du würdest ihre lieben bleichen Gesichterchen nicht mit einer solchen unerträglichen Gleichgültigkeit ansehen können. Der arme kleine Richard ißt gar nichts mehr. Was?

Er hätte sechs Stücke Fleisch heute Mittag verzehrt? Ein schöner Vater mußt Du sein, daß Du ihnen die Bissen zählst, die sie in den Mund stecken. Das bleibt sich aber gleich. Du solltest nur sehen was das arme Kind essen würde, wenn es ordentlich gesund wäre. – Und wie gut, wie bequem könnten wir es da draußen haben; so geht es aber jedesmal; mit mir willst und kannst Du Dich nicht wohl fühlen.

Wie frisch und kräftig Du jeden Morgen in Dein Geschäft gehen könntest, und welche Lust das für mich sein würde, Dir eine Rose oder Tulpe ins Knopfloch zu stecken, um Dich gewissermaßen als Landmann heraus zu putzen. Du bist aber nie wie andere Männer, Kaudel, – nie im Leben. – Ich weiß übrigens weshalb Du nicht aus der Stadt willst – ich weiß es recht gut. Du denkst, Du könntest dann nicht mehr in Deinen widerlichen Klub gehen, Du müßtest ordentlich zu Hause bleiben, wie es andere anständige Männer machen, die sich unter ihrem eigenen Apfelbaum und im Kreise ihrer eigenen Familie ergötzen. Dort hätt' ich auch nichts gegen Dein Rauchen, Kaudel; in freier Luft könntest Du den ganzen Tag die Pfeife im Mund haben, wenn das Dich glücklich machte, denn ich will ja doch weiter gar Nichts auf der Welt, als nur Dich wohl und zufrieden sehen. Du bist aber gar nicht wie andere Männer.

Du redest ja gar nicht, Kaudelchen – sag', soll ich mich morgen nach einem Hause umsehen? wie? es ist doch ein verlorner Tag für mich, da ich überdies ausgehen will, um der Kleinsten Ohrlöcher stechen zu lassen.

Du willst nicht haben, daß ihr Ohrlöcher gestochen werden? Nun jetzt möcht' ich doch wissen, warum. Weil es eine barbarische Gewohnheit ist? Oh, Kaudel, Du hast gar Nichts mehr in dieser Welt zu suchen – je eher Du fortgehst und in irgend eine Wüste oder Höhle hineinkriechst, desto besser. Du wirst ganz untauglich für christliche Gesellschaft. Jetzt bin ich nur neugierig, was nun noch kommt. Meine Ohren sind durchstochen und – was? Deine auch? o ich weiß was Du damit meinst, Kaudel, aber Deine schnöden Bemerkungen helfen Dir Nichts. Meine Ohren waren durchstochen und meiner guten Mutter Ohren und Großmutters und Urgroß – was?

Das wäre weit genug? Höre, Kaudel, das ist eine allbekannte Sache, daß Du Dir aus meiner Familie nie etwas machst – ja, wenn sie zu Deinem Klub gehörten; aber ich weiß, daß unter denen wenigstens keine Barbaren existirten, nein, Kaudel, in meiner Familie ebenso wenig, wie in der Deinigen und darum sehe ich auch nicht ein, weßhalb Pussy's Ohren nicht so gut durchstochen werden sollten, wie die ihrer Schwestern. Die tragen doch Ohrringe und Du hast früher nie ein Wort dagegen gesagt.

Du bist jetzt klüger geworden? Ja wohl – da steckt wieder Deine erbärmliche Politik dahinter. Wenn's auf Dich ankäme, thätest Du die ganze Welt in einen Würfelbecher, nicht etwa als ob Du Dir etwas Besonderes aus ihr machtest, nein, sondern nur, um einen besseren Wurf für Dich selbst zu kriegen.

Ich würde ganz poetisch? Nein, Kaudel, ich werde nicht poetisch, aber Pussy muß Ohrlöcher bekommen, und wenn Du Dich auf den Kopf stelltest. Ich sollte doch denken, daß sie eines Tages eben so gut einen Mann haben will als ihre Schwestern, und den möcht' ich kennen, der jetzt noch ein junges Mädchen ansieht, das keine Ringe in den Ohren trägt. Wenn Du die Welt kenntest, so würdest Du auch wissen was ein hübsches Paar Ohrringe manchmal für Folgen hat – besonders Diamanten, wenn man sie bekommen kann. Ich weiß aber jetzt schon weshalb Du keine Ohrringe leiden kannst – Mamsell Betsenberger trägt auch keine. Sie thät' es aber, so viel weiß ich, wenn sie nur welche bekommen könnte. O ja – es giebt weiter Niemanden auf der Welt als Mamsell Betsenberger

Nun sei nur ruhig, Kaudel, ich will auch jetzt kein Wort mehr von Pussy's Ohren sagen; darüber können wir reden wenn Du einmal vernünftig bist, denn der liebe Gott weiß es, ich wäre die Letzte, die Dich ärgern sollte – Also um wieder auf unser Landhaus zurückzukommen, nicht wahr, lieber Balthasar? Was?

Es liegt zu weit vom Geschäft? Es braucht aber nicht weit zu liegen, Kaudelchen; wir können es uns ja gerade in einer passenden Entfernung aussuchen, daß Du, wenn Du auch einmal spät nach Hause kommst, doch immer um elf Uhr Dein Abendessen gehabt haben und ruhig in Deinem Bett liegen kannst. Nun, liebes Kaudelchen?


»Ich weiß nicht was ich antwortete,« schreibt Kaudel, »nach kaum vierzehn Tagen fand ich mich aber in einer Art grünem Vogelbauer wieder, den mein Weib – zarter Satirist – unter jeder Bedingung »Taubennest« genannt haben wollte.«

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