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Madame Kaudel's Gardinenpredigten

Douglas Jerrold: Madame Kaudel's Gardinenpredigten - Kapitel 12
Quellenangabe
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typenarrative
authorDouglas Jerrold
titleMadame Kaudel's Gardinenpredigten
publisherVerlag von Otto Wiegand
printrunAchte Auflage
editorFriedrich Gerstäcker
year1879
translatorFriedrich Gerstäcker
illustratorLudwig Loeffler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130215
projectid14b71891
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Fünfundzwanzigste Predigt.

Madame Kaudel hat Margate wirklich satt bekommen und spricht den innigen Wunsch aus, Frankreich zu sehen.

Aber sage mir einmal, Kaudel, wirst Du es denn gar nicht müde hier? Nein? Hab' ich je in meinem Leben einen solchen Mann gesehen – Nichts ermüdet ihn. Das ist mit Dir aber auch eine ganz andere Sache – Du kannst Deine Zeitungen lesen – Was?

Das kann ich auch? und was würde nachher aus den Kindern werden, das möcht' ich nur wissen. Nein – es ist schlimm genug wenn ihr Vater seine schöne Zeit damit verliert über Politik und Bischöfe und Lords und einen Haufen Leute zu reden, die sich nicht so viel aus ihm machen, und wenn er kein Dach auf dem Hause hätte – vollkommen genug – aber die Mutter –

Nein, Kaudel, ich will Dich nicht quälen, Du brauchst keine Angst zu haben; ich habe Dich überhaupt noch nie gequält, und es ist nicht wahrscheinlich, daß ich jetzt anfangen würde. So machst Du's aber immer – immer und ewig. Wir könnten das glücklichste Pärchen auf Gottes weiter Welt sein, wenn Du nicht immer ganz allein das Wort führen wolltest. Doch jetzt sind wir auf einer Vergnügungsreise und da lass' uns nicht mit miteinander zanken. Uebrigens muß ich das noch sagen, Kaudel, daß Du eine gewisse Manier an Dir hast, die Einen zu Tode ärgern kann.

Was Du jetzt gethan hast? Nun sei nur ruhig, wir wollen nicht davon reden – Nein, laß uns lieber einschlafen, sonst möchten wir gar noch Streit zusammen bekommen, es geht manchmal so. Was Du gethan hast? ja – und das frägst Du auch noch. Nicht auf zwei Tage kann ich von zu Hause fortgehen, ohne auf das Bitterste gekränkt und beleidigt zu werden. Alle Menschen haben das heute auf dem Damm sehen können.

Was sie hätten sehen können? Wie kannst Du nur in Deinem Bett da so ruhig und unschuldig liegen und mich das fragen. Was sie hätten sehen können? in der That. Es war eine lang vorher abgekartete Sache, die ganze Geschichte, schon ehe Du die Stadt verließest. O ja. Deine Unschuld, die kauf' ich auch eben theuer.

Ich wüßte nicht was ich redete? leider weiß ich es. Schrecklich ist's, wenn es eine Frau von ihrem eigenen Mann sagen muß, aber leider Gottes wahr. – Kaudel, Du hast schlecht – ganz schlecht an mir gehandelt. O höre nur auf; all' Dein Umherwälzen und Aechzen macht das nicht wieder gut.

Nein, Kaudel, damit fängst Du mich nicht – »liebe Seele«, ja wohl; das thut's noch lange nicht. Sehr lieb muß ich Dir in der That sein, wenn Du trotzdem Deine Mamsell Betsenberger mit hierher bringst.

Nun schreie nur um Gottes willen nicht so, als ob Du am Spieße stäkest. Du weißt doch daß Du nicht in Deinem eigenen Hause bist. Was sollen denn nur die Leute von uns denken?

Weshalb ich dann nicht auch ruhig bin? O ja – Alles soll Dir zur Entschuldigung dienen. Wenn Du nur etwas findest, womit Du mir den Mund verbieten kannst. Mamsell Betsenberger soll Dir bis hierher nachreisen, und ich kein Wort darüber sagen dürfen.

Ich weiß aber daß sie gefolgt ist, und wenn Du vor einen Richter gingst und dort einen körperlichen Eid ablegtest, ich glaubte Dir nicht das Gegentheil, Kaudel.

Dir auch recht? Nein, was Du für ein Herz haben mußt, wenn Du sagen kannst »mir auch recht« und noch dazu einer solchen Frau, wie ich Dir immer gewesen bin. Also aus meinem eigenen Hause werde ich bis an die Seeküste hergeschleppt, um mich nachher beleidigt und ausgelacht zu sehen. Rede nur nicht. Glaubst Du etwa, ich hätte es nicht bemerkt wie sie Dich ansah, wie sie ihre blauen dünnen Lippen zusammenzog, und – Was?

Warum ich ihr denn einen Kuß gegeben hätte? Was hat das damit zu thun? Der Schein ist eine Sache, Kaudel, und das Gefühl ist eine andere. Als ob sich Frauen nicht unter einander einen Kuß geben könnten, ohne etwas dabei zu meinen. Und Du – o ja, ich habe es wohl beobachtet – Du sahst so kalt und gleichgültig aus, als – nein, Kaudel, ich möchte nicht so ein Heuchler sein wie Du, nicht um die Welt.

Schon gut – schon gut – die Geschichte habe ich schon einmal gehört; o ja wohl kam sie blos zu ihrem Bruder hierher, um den zu finden – Ha ha ha –wie sich das so glücklich treffen mußte – ha – ha – uhu! uhu! uhu! und den Husten den ich bekommen habe.

Oh Kaudel, Du hast ein Herz wie ein Kiesel; das ist recht – das ist so ganz wie Deine immer gepriesene und im Munde herumgedrehte Humanität; ich kann mich nicht ein einziges Mal erkälten, ohne daß es meine eigene Schuld sein soll. Meine dünnen Schuhe? Du hättest es wohl gern wenn ich in Schlammstiefeln ginge, nicht wahr? Dir wär' es auch einerlei was ich für einen Fuß darin bekäme. Ja, wenn es Mamsell Betsenbergers Fuß beträfe, dann hätte die Sache freilich eine andere Seite.

Ich habe es mir übrigens gleich gedacht, wie Du mich von zu Hause wegtriebst. Eine Vergnügungsreise sollte das werden, aber mir geht das immer so, mir wird mein Leben stets verbittert und vergällt und je eher ich aus dieser Welt fortkomme, desto besser. Was sagst Du?

Nichts? Ich weiß aber was Du meinst, ja Kaudel, ich weiß das eben so gut, als ob Du jetzt eine Stunde gesprochen hättest. Ich will nur hoffen, daß Du später einmal eine bessere Frau bekömmst.

Du wirst es nicht versuchen? Nicht? o Kaudel, ich kenne Dich besser. In sechs Monaten wäre mein Platz wieder ausgefüllt, und fürchterlich würden nachher die armen Kinder darunter zu leiden haben, Kaudel, wenn Du so schreist, so werden uns die Wirthsleute morgen aufkündigen.

Warum ich dann nicht ruhig sein kann? Sieh', Kaudel, das ist einer von Deinen Kunstgriffen; Alles versuchst Du, um mich nur zum Schweigen zu bringen. Wir wollen uns aber nicht streiten. Das weiß ich, wenn es blos auf mich ankäme, so könnten wir so glücklich wie Turteltauben mit einander leben. Das ist wahr, Kaudel, und Du brauchtest deßhalb nicht so zu ächzen; aber gute Nacht, Kaudel. Was sagst Du?

Gott segne mich? Sieh, Kaudel, Du bist wirklich eine gute Seele, und wenn diese Mamsell Betsenberger nicht wäre. – Nein, Kaudel, ich quäle Dich nicht, ich weiß recht gut was ich thue und ich wollte Dich nicht um alle Schätze und Reichthümer der Welt quälen, aber Du kennst die Gefühle einer Frau nicht, Kaudel, – Du kennst die Gefühle nicht.

Kaudel! – Kaudel! höre – nur noch ein Wort, lieber Kaudel. – Nun sieh nur wie Du gleich wieder auffährst:

Du willst schlafen? ich auch, Kaudel; deßhalb brauchst Du mich aber doch nicht so anzufahren. Du weißt wohl noch, lieber Balthasar, wie Du mir schon früher versprochen hast, mich einmal mit nach Frankreich zu nehmen.

Du erinnerst Dich nicht daran? Ja, so machst Du's immer, die Sachen, die Du mir einmal versprochen hast, die vergißt Du gar so gern; aber ich nicht, Kaudel, ich nicht, ich habe ein besseres Gedächtniß dafür. Sieh, am Mittwoch geht ein Boot nach Boulogne und kommt am nächsten Tag wieder zurück.

Und was weiter? I nun, auf eine so kurze Zeit konnten wir die Kinder schon unter der Aufsicht der Mädchen zurücklassen und recht bequem reisen.

Unsinn? Natürlich, wenn ich etwas von Dir haben will, so ist es immer Unsinn. Andere Männer nehmen ihre Frauen mit durch die halbe Welt, Du aber hältst es für hinlänglich mich in dieses Loch von einem Platz herzuschleppen, wo ich jeden Kiesel am Strande wie meine eigenen Schuhe kenne, und wo man alle Tage weiter nichts Anderes wie dieselben Maschinen, dieselben Esel – denselben Damm und immer wieder dasselbe und nämliche sieht. Aber ja so, das hätt' ich fast vergessen, Margate hat einen Magnet hier, an den ich beinahe nicht gedacht hätte. Mamsell Betsenberger ist hier.

Nein, Kaudel, – ich bin nicht tadelsüchtig und hätte auch nicht an einem Engel etwas auszusetzen, wenn er auf die Erde käme, die Art aber, wie das junge Mädchen zu allen Tageszeiten am Strand spazieren – Nu nu – sei nur ruhig – ich will ja still sein, die Lippen darf ich aber nicht mit des Mädchens Namen von einander bringen, ohne daß Du an zu rasen fängst.

Du weißt daß ich schon so sehr lange einmal habe nach Frankreich gehen wollen, aber nein, hier an die See bringst Du mich her; gerade so weit daß ich die französischen Ufer sehen kann und dann nicht hinüber darf. Bloß um mich zu quälen hast Du das angestellt, wegen weiter gar Nichts. Wäre ich zu Hause geblieben und hätt' ich meinen Willen gehabt, so läge ich jetzt nicht hier im Bette – dann würd' ich auch gar nicht an Frankreich gedacht haben, so aber, wo es Einem den ganzen lieben, langen Tag in die Augen sticht, und dann nicht gehen zu dürfen, das ist grausam, ja Kaudel, das ist mehr als grausam, das ist schändlich. Andere Leute können ihre Frauen mit bis Paris nehmen, Du hältst mich aber immer zu Hause versteckt – und weswegen? damit ich nur Nichts von dem lerne ums in der Welt vorgeht; nur um mich herunter zu setzen, wegen weiter gar Nichts.

Der Himmel segne die Frau? Ja, Kaudel, wohl hättest Du Ursache das zu sagen, denn das ist sicher, daß sie durch Dich sehr wenig gesegnet ist. Wie eine Gefangene hast Du sie ihr ganzes Leben gehalten – nie hat sie irgendwo hin gekonnt. O ja, jetzt kommst Du wieder mit Deiner alten Entschuldigung – fängst von den Kindern an; aber ich möchte gern nach Frankreich gehen, und da wünschte ich zu wissen, was die Kinder dabei zu thun haben. Es sind doch keine Säuglinge mehr, wie? Du wirfst mir aber immer die Kinder vor, Kaudel. Wenn Mamsell Betsenberger – Jemine –

Siehst Du, was Du jetzt mit Deinem Schreien angestellt hast? die anderen Miethsleute klopfen da oben schon; und wer wird wohl morgen den Muth haben denen in's Gesicht zu sehen? Ich wahrhaftig nicht; der Leute Nachtruhe auf solche Art zu stören.

Wahrhaftig, Kaudel, – ich glaube, der Tag bricht schon wieder an; nein, was Du für ein stöckischer Mann bist – nun sag' – sollen wir nach Frankreich gehen?


»Ich habe vergessen,« schreibt Kaudel, »was ich gerade darauf antwortete, glaube aber, ihr eine sehr weite Erlaubniß gegeben zu haben zu Jemand Anderem zu gehen, worauf sie dann, heißt das nicht ohne bedeutendes Empörtsein wegen der Person, endlich einschlief.«

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