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Madame Kaudel's Gardinenpredigten

Douglas Jerrold: Madame Kaudel's Gardinenpredigten - Kapitel 10
Quellenangabe
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typenarrative
authorDouglas Jerrold
titleMadame Kaudel's Gardinenpredigten
publisherVerlag von Otto Wiegand
printrunAchte Auflage
editorFriedrich Gerstäcker
year1879
translatorFriedrich Gerstäcker
illustratorLudwig Loeffler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130215
projectid14b71891
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Dreiundzwanzigste Predigt.

Madame Kaudel wünscht blos zu wissen, ob sie in diesem Jahre noch einmal an die See kommen werden oder nicht.

Heiß? nun ich denke, es ist heiß; man könnte gerade so gut in einem Backofen stecken, als zu solcher Jahreszeit in der Stadt wohnen. Du hast wohl ganz vergessen, daß es Juli ist, Kaudel. Ruhig hab' ich gewartet, kein Wort hab' ich gesagt, aber auch nicht einmal erwähnt hast Du die Seeküste. – Nicht etwa als ob ich es meinethalben zur Sprache brächte, nein wahrhaftig nicht, meine Gesundheit kommt überdies nie in Betracht, und es wäre für mich überhaupt besser, diese Welt je eher desto lieber zu verlassen. –

O ja – das denkst Du auch – sicher bist Du derselben Meinung, Kaudel, sonst würdest Du nicht daliegen wie ein Stück Holz und kein Wort erwidern. Kaudel! Du könntest eine Heilige ärgern, aber nein; bei mir soll es Dir doch Nichts helfen, denn ich habe es mir einmal fest vorgenommen, ich will mir mein Leben nicht mehr verbittern lassen; ich sehe auch gar nicht ein weshalb. Uebrigens habe ich jetzt nur noch diese ganz einfache, simple Frage an Dich zu stellen: willst Du überhaupt dies Jahr an die Seeküste oder nicht?

Ja? Du willst nach Gravesend? Dann magst Du allein gehen, das weiß ich – Gravesend. – Du könntest eben so gut eine Schiffsladung Salz in die Themse werfen und das dann die Seeküste nennen.

Was? Es liegt bequem für Deine Geschäfte? Da haben wir's wieder, ich kann den Mund nicht aufthun und nur an irgend ein kleines Vergnügen denken, so hältst Du mir in einem fort Deine Geschäfte vor. So viel weiß ich, Geschäfte hindern Dich nie an Deinen eigenen Vergnügungen, Kaudel – nie im Leben, denn wenn das der Fall wäre, so käme es Deiner Familie wenigstens etwas zu gut. – Du weißt, daß Mathilde Seebäder nehmen muß – Du weißt es, oder solltest es wenigstens schon nach dem Aussehen des Kindes wissen, aber nein, den ganzen Sommer hättest Du kein Wort davon erwähnt, das bin ich fest überzeugt, und die schöne Zeit ruhig und unbenutzt vorübergehen lassen.

Margate ist so theuer? Keinesweges und so viel weiß ich, am Ende und Alles gerechnet, kommt es doch noch billiger zu stehen; denn wenn wir gar nicht gehen, so werden wir Alle krank – das ist gewiß – Alle mit einander, sobald der Winter kommt. Nicht etwa als ob Du auf meine Gesundheit dabei irgend eine Rücksicht nehmen solltest – nein, darüber bin ich hinaus, das wäre auch das erste Mal. Du weißt aber, daß Margate der einzige Platz ist wo ich ein Beefsteak essen kann und doch redest Du in einem fort von Gravesend. Was kümmert Dich aber mein Essen – Dir wäre es recht, wenn ich nie äße, Du achtest auch nicht auf meinen Appetit wie es andere Ehemänner thun, sonst müßtest Du schon lange gemerkt haben, daß er ganz verschwunden ist.

Wie viel es kosten wird? Da haben wir's – jetzt zeigst Du Dich wieder in Deinem ganzen schmutzigen Geiz, Kaudel. – Wie viel es kosten wird? Fragst Du Dich auch wie viel es kosten wird, wenn Du Dir selber ein Vergnügen machst? Du wärest der letzte. – Für Dich selbst kannst Du, was Delikatessen anbetrifft, das Geld thalerweis hinauswerfen, Deiner armen Familie mißgönnst Du aber das Geringste. Was?

Du mißgönnst ihr Nichts? O ja, – da im Bette magst Du liegen und das sagen, aber –

Was es kosten wird? Das ist jetzt einerlei, was es kosten wird – gar Nichts wird es kosten, denn wir gehen gar nicht. Nein, – wir bleiben zu Hause. Natürlich werden wir den Winter alle krank – Du ausgenommen, Du wirst nie krank, aber wir Andern können nachher dafür büßen, und dann freu' ich mich nur auf die Doktorrechnung – sie wird so lang sein wie eine Eisenbahn. Das schadet aber Nichts – es ist viel besser das Geld für ekelhafte bittere Arzeneien hinzugeben, als für frische Luft und gesundes Salzwasser.

Nenne mich nicht »Frau« und frage mich nicht in einem fort, »was es kosten wird,« ich sage Dir, ich gehe jetzt nicht und wenn Du mir hier das Geld vor mich hin auf die Bettdecke legtest – unter keiner Bedingung. Nein, wir müssen erst Alle krank werden – das ist was Du willst. – – –

So ist es recht, Kaudel, schlafe ein; oh, das sieht Deiner gefühllosen Natur ganz ähnlich. Ich rede davon, daß wir Alle bettlägerig und krank werden und Du, wie ein Stein, drehst Dich um und fängst an zu schlafen. Das ist nun wohl wieder keine Beleidigung für eine Frau?

Wie Du schlafen kannst mit solch einem Splitter im Fleisch? Mit dem Splitter meinst Du mich also, und das noch, nachdem ich Dir eine solche Frau gewesen bin? aber nein, Kaudel, Du sollst Deinen Zweck nicht erreichen. Du sollst mich nicht zum Weinen bringen und wenn Du mich, Gott weiß was, nenntest. Nein, wahrhaftig – an einen solchen Menschen will ich meine Thränen nicht verschwenden. – Was?

Ich soll es auch nicht? Das ist also Deine Dankbarkeit. Ihr Männer verdient es gar nicht, daß Ihr von irgend einer Frau geliebt werdet – die armen Weiber sehen das aber leider nur stets zu spät ein.

Das ist schade, Kaudel? nein, schrecklich ist es und wenn Du nur so viel Gefühl hättest, so müßte es Dich in Deine Seele hinein jammern. Alle Welt geht nach der Seeküste, nur wir bleiben zu Hause. Oh, hätte ich nur Simmons geheirathet.

Warum ich es nicht gethan habe? Das ist also jetzt mein Dank.

Wer Simmons ist? Oh, Kaudel, Du weißt recht gut wer Simmons ist. Der würde mich übrigens etwas besser behandelt haben als Du, so viel weiß ich. Er war ein Gentleman im strengsten Sinne des Wortes.

Du weißt nichts davon? Vielleicht nicht, aber ich weiß desto mehr davon. Bei solchem Wetter wie das hier in London zu zerschmelzen; und wenn nun erst die Maler kommen.

Du willst die Maler jetzt nicht haben? So? da wollen wir doch sehen ob Du darum gefragt wirst. Nein, die kommen und das weiß ich, sind die erst einmal da, dann verläßt keiner von uns das Haus mehr. Im Juli malen lassen, und die Familie im Haus; natürlich müssen wir Alle vergiftet werden, was machst Du Dir aber daraus?

Warum ich nicht sagen kann was es kosten wird? Wie kann ich oder irgend eine andere Frau genau sagen, was eine solche Tour kosten wird? Natürlich sind Familien-Logis – und besonders in Margate, etwas theurer als wenn Du hier in Deinem eigenen Hause wohntest. –

Nun, und wenn Du das gewußt hast, Kaudel, so hoff' ich doch nicht, daß es ein Majestätsverbrechen ist, es nochmals erwähnt zu haben. Wenn Du aber da draußen eine Wohnung auf zwei Monate miethest, so bekommst Du sie immer billiger als wenn Du sie nur auf einen nimmst.

Nein, Kaudel, ich werde es nicht schon in einem Monate satt haben – Und es ist auch nicht wahr, daß ich, wenn ich kaum draußen bin, immer gleich wieder nach Hause will. Natürlich langweilte ich mich vor drei Jahren in Margate, wie Du mich immer allein am Strande spazieren gehen ließest, um von allen Arten von Teleskopen angestarrt zu werden, aber das thust Du auch nicht wieder, Kaudel, darauf kannst Du Dich verlassen. Das geschieht mir nicht wieder.

Was ich in Margate thun will? Nun? kann man da nicht baden, und Muscheln suchen? und kommen die Dampfboote nicht in einem fort, und kann man da nicht die neuesten Novellen lesen; denn das ist der einzige Platz in der ganzen Welt, wo ich mit Genuß lesen kann. Nein, Kaudel, – nicht deßhalb weil ich Salz zum Lesen brauche. Das nennst Du wohl auch einen Witz? ich wollte aber, Du spartest Dir Deine Witze bis zur Tageszeit auf. Was wollte ich doch gleich sagen – keine drei Worte kann man hintereinander vorbringen, ohne daß Du dazwischen sprichst und Einen irre machst – ja – es kommt mir wenigstens immer so vor, als ob der Ocean auf eine – auf eine wunderbare Art fast, den Geist erwecke.

Ich sehe hier gar nichts zu lachen, Kaudel, Du lachst aber jedesmal wenn ich ein Wort sage. – Manchmal an der Seeküste, besonders zur Zeit der Ebbe, fühl' ich mich so wohl, so glücklich, daß ich ordentlich weinen könnte.

Wann ich die Sachen fertig haben kann? für nächsten Sonntag etwa, sollt' ich denken.

Was es kosten wird? Ach rede nur gar nicht. Nein, wir bleiben in der Stadt und morgen schicke ich nach den Malern. Was?

Ich soll mit den Kindern gehen und Du willst hierbleiben? Nein, Kaudel, daraus wird Nichts. – Du gehst mit uns, oder ich rühre mich nicht von der Stelle. Ich will nicht wie eine Henne mit ihren Küchelchen hinausgejagt werden in die Welt und keinen Menschen haben der uns beschützte. Also am Montag wollen wir gehen. Wie?

Was es kosten wird? Was Du nur für ein Mann bist, Kaudel – nun sieh – ich habe es mir Alles so nachgerechnet und wenn ich jedes bedenke, und die vielen kleinen Nebenausgaben nicht vergesse, so glaub' ich nicht, daß wir die ganze Sache unter – unter zweihundertfunfzig Thalern machen können.

Nein, Kaudel, ich kann die kleine Nebenausgaben nicht weglassen und mit zweihundert Thalern zufrieden sein, zweihundertundfunfzig sind's und nicht weniger. Natürlich ist alles das nachher, was wir davon nicht gebrauchen, reiner Verdienst. O Kaudel, was Du für ein Mann bist. Nun, sollen wir am Montag gehen? Was sagst Du?

Du willst sehen? Das ist recht, lieber Kaudel – also am Montag.


»Was thut man nicht des Friedens wegen,« schreibt Kaudel, »und ich gab meine Einwilligung zu der Reise, weil ich bei einer Bettveränderung besser schlafen zu können meinte.«

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