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Maaß für Maaß

William Shakespeare: Maaß für Maaß - Kapitel 46
Quellenangabe
typecomedy
booktitleMaaß für Maaß; oder: Wie einer mißt, so wird ihm wieder gemessen.
authorWilliam Shakespeare
translatorChristoph Martin Wieland
year1992
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20140-9
titleMaaß für Maaß
pages3-148
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierte Scene.

Escalus. Gnädigster Herr, wir wollen nichts ermangeln lassen. Herr Lucio, sagtet ihr nicht, ihr kennet diesen Frater Ludewig für einen Mann von schlechter Aufführung?

Lucio. Cucullus non facit Monachum; es ist nichts ehrwürdig an ihm als seine Kutte; er hat auf eine höchst infame Art von der Person des Herzogs gesprochen.

Escalus. Wir ersuchen euch, hier zu bleiben, bis er kommt, und ihn dessen zu überweisen; es wird sich finden, daß dieser Mönch ein schlimmer Vogel ist.

Lucio. Als irgend einer in Wien, auf mein Wort.

Escalus. Ruft diese Isabella wieder hieher; ich möchte mit ihr reden; ich bitte euch, Gnädiger Herr, erlaubet mir, sie abzuhören; ihr sollt sehen wie ich sie behandeln werde.

Lucio (vor sich.)
Ich denke nicht besser als er, nach ihrer eignen Aussage.

Escalus. Wie beliebt?

Lucio. Mein Seel, ich denke mein Herr, wenn ihr sie ohne Zeugen behandeln würdet, sie würde schneller bekennen; vielleicht schämt sie sich, es so vor allen Leuten zu thun.

Der Herzog in Mönchshabit, und der Kerkermeister;
Isabella wird herbeygeführt.

Escalus. Ich will ernstlich mit ihr zu Werke gehen. Ein wenig näher Madam; Hier ist ein Frauenzimmer, das allem widerspricht, was ihr gesagt habt.

Lucio. Gnädiger Herr, hier kommt der Schurke, von dem ich sagte, hier mit dem Kerkermeister.

Escalus. Er kommt eben recht; sagt ihr nichts zu ihm, bis wir euch aufruffen.

Lucio. Nein! – –

Escalus. Kommt, Herr, seyd ihr derjenige, der diese Weibsbilder aufstiftete, den Freyherrn Angelo zu verläumden? Sie haben bekennt, daß ihr es seyd.

Herzog. Es ist nicht wahr.

Escalus. Wie? Wißt ihr auch wo ihr seyd?

Herzog. Den Respect vor eurer hohen Würde vorbehalten, der Teufel selbst kan manchmal um seines brennenden Throns willen geehrt werden. Wo ist der Herzog? Er soll mich hören, wenn ich reden soll.

Escalus. Der Herzog ist in uns, und wir wollen euch reden hören; sehet zu, daß ihr die Wahrheit sagt.

Herzog. Ganz ungescheut. Aber, o ihr armen Seelen, kommt ihr, das Lamm hier von dem Fuchs zu fordern? Gute Nacht eurer Satisfaction! Wenn der Herzog weggegangen ist, so ist eure Sache verlohren. Der Herzog handelt unbillig, eure Appellation an ihn so abzuweisen, und die Untersuchung eurer Sache dem Bösewicht zu überlassen, den ihr anzuklagen gekommen seyd.

Lucio. Da haben wir den Schurken; es ist der von dem ich sagte.

Escalus. Wie, du unehrwürdiger und unheiliger Mönch, ist es dir nicht genug, daß du diese Weibsleute heimlich gewonnen hast, diesen würdigen Mann anzuklagen; unterstehst du dich noch, ihn unverschämter Weise und vor seinen eignen Ohren einen Bösewicht zu nennen? ja von ihm auf den Herzog selbst zu fallen, und ihn der Ungerechtigkeit zu beschuldigen? Führt ihn fort; an die Folter mit ihm; wir wollen dir eher Glied für Glied verzetteln, eh du uns dein Vorhaben abläugnen sollst. Was? Ungerecht?

Herzog. Nicht so hizig; der Herzog hat so wenig das Herz, einen Finger von mir streken zu lassen, als seinen eignen: Ich bin sein Unterthan nicht, ich stehe auch nicht unter der hiesigen Provinz; meine Geschäfte in diesem Staat gaben mir Gelegenheit, auf das was hier in Wien vorgeht Acht zu geben; ich habe gesehen, wie die Verderbniß der Sitten siedet und strudelt, bis der Kessel überlauft; Geseze gegen alle Verbrechen; aber Verbrechen, die so vorsichtig begangen werden, daß sie der Geseze spotten.

Escalus. Er schmäht den Staat, weg mit ihm ins Gefängniß.

Angelo. Was habt ihr wider ihn vorzubringen, Herr Lucio? Ist das der Mann, von dem ihr uns erzähltet?

Lucio. Er ists, Gnädiger Herr; kommt näher, guter Freund Kahlkopf; kennt ihr mich?

Herzog. Ich erinnre mich eurer am Ton eurer Stimme; ich traf euch währender Abwesenheit des Herzogs im Gefängniß an.

Lucio. So, traft ihr mich an? und erinnert ihr euch noch, was ihr von dem Herzog sagtet?

Herzog. Vollkommen, mein Herr.

Lucio. Vollkommen, mein Herr? Und war denn der Herzog ein Hurenjäger, ein Gek, ein Hasenfuß, wie ihr sagtet?

Herzog. Ihr müßt erst eure Person mit mir tauschen, eh ihr mich das sagen lassen könnt; ihr sagtet das von ihm, und noch ärgers.

Lucio. O du verruchter Geselle! Zog ich dich nicht bey der Nase, wie du so redtest?

Herzog. Ich versichre, daß ich den Herzog so sehr liebe als mich selbst.

Angelo. Hört ihr, wie der Bube sich wieder heraushalftern möchte, nachdem er so verräthrische Reden ausgestossen hat?

Escalus. Mit einem solchen Kerl muß man sich nicht einlassen; weg mit ihm ins Gefängniß; wo ist der Kerkermeister? weg mit ihm ins Gefängniß; legt ihm Fesseln an; laßt ihn nicht mehr reden; weg mit diesen Mezen, ins Gefängniß, und mit den übrigen Zusammenverschwornen.

Herzog. Haltet, mein Herr, haltet noch ein wenig.

Angelo. Wie? er widersezt sich? helft ihm, Lucio.

Lucio. Kommt, mein Herr; hey da, Herr, kommt, ein wenig hieher, mein Herr; wie? du kahlköpfichter lügenhafter Schurke; du must um einen Kopf kürzer gemacht werden; gelt, du must? Zeig dein Schelmengesicht, daß du die Kränke kriegest; zeig dein bißiges Schaafs-Gesicht, und laß dich in einer Stunde hängen: Willt du nicht fort?

(Er reißt die Mönchs-Kutte ab, und entdekt den Herzog.)

Herzog. Du bist der erste Spizbube, der jemals einen Herzog gemacht hat. Fürs erste, Kerkermeister, laß mich für diese drey wakern Leute Bürge seyn – – Schleicht euch nicht hinweg, junger Herr, denn der Frater und ihr haben noch ein Wort mit einander zu sprechen; macht ihn feste.

Lucio. Das kan noch ärger werden, als hängen.

Herzog zu Escalus.
Was ihr gesprochen habt, soll vergeben seyn; Sezt euch; wir wollen einen Plaz von diesem Herrn da borgen. (Zu Angelo.) Mit eurer Erlaubniß, mein Herr – – Hast du Worte, oder Wiz, oder Unverschämtheit, die dir noch Dienste thun können? Wenn du hast, so stüze dich darauf, bis ich meine Erzählung gemacht habe, und halte dann noch aus, wenn du kanst.

Angelo. O mein furchtbarer Fürst, ich müßte schuldiger seyn als meine Schuld, wenn ich hoffen wollte verborgen zu bleiben, da ich merke, daß Euer Durchlaucht, gleich einer unsichtbaren Gottheit, meine Tritte beobachtet hat: Lasset also, Gnädigster Herr, kein längeres Gericht über meine Schande gehalten werden, mein eignes Bekenntniß macht alle Untersuchung überflüssig; ein unmittelbares Urtheil und der Tod, ist alle Gnade, um die ich bitte.

Herzog. Kommt hieher, Mariane! Sprich, warst du jemals mit diesem Frauenzimmer verlobt?

Angelo. Ich war, Gnädigster Herr.

Herzog. So nimm sie hier, und heurathe sie diesen Augenblik; verrichtet ihr die Ceremonie, Pater; wenn sie vorbey ist, so bringt ihn wieder hieher: Geht mit ihm, Kerkermeister.

(Angelo, Mariane, Peter und Kerkermeister gehen ab.)

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