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Maaß für Maaß

William Shakespeare: Maaß für Maaß - Kapitel 21
Quellenangabe
typecomedy
booktitleMaaß für Maaß; oder: Wie einer mißt, so wird ihm wieder gemessen.
authorWilliam Shakespeare
translatorChristoph Martin Wieland
year1992
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20140-9
titleMaaß für Maaß
pages3-148
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dritter Aufzug.

Erste Scene.

(Das Gefängniß.)

Der Herzog, Claudio und Kerkermeister treten auf.

Herzog. Ihr hofft also Begnadigung von dem Stadthalter Angelo?

Claudio. Die Unglüklichen haben keine andre Arzney als Hoffnung: Ich hoffe zu leben, und bin bereitet zum Sterben.

Herzog. Stellt euch als gewiß vor, daß ihr sterben müßt; Tod oder Leben wird euch dadurch nur desto süsser werden. Redet so mit dem Leben: Verliehr ich dich, so verliehr ich ein Ding, das nur von Thoren hochgeachtet wird; was bist du als ein Hauch, allen Einflüssen der Elemente unterwürffig, welche diese Wohnung, worinn du dich aufhältst, stündlich beunruhigen; du bist nichts anders als des Todes Narr,Dieses ist eine Anspielung auf gewisse Schauspiele, die in den barbarischen Zeiten unter dem Namen Moralitys in England üblich waren, worinn die lustige Person und der Tod die Hauptpersonen waren, und die erste alle nur ersinnliche Kunstgriffe anwenden mußte, dem lezten, dem sie alle Augenblike in die Hände lief, zu entgehen. du arbeitest, ihm durch deine Flucht zu entgehn, und rennst ihm immer entgegen; du bist nicht edel, denn du nährst dich von den verächtlichsten Dingen; du bist nicht dapfer, denn du fürchtest die kleine und schwache Zange eines armen Wurms; dein bester Theil ist der Schlaf, du liebest ihn, und fürchtest doch den Tod, der nichts mehr ist. Du bist nichts Selbstbeständiges, denn du bestehst durch viele tausend Körner, die aus einem Staub hervorkeimen; glüklich bist du nicht, denn immer bestrebst du dich, was du nicht hast zu gewinnen, und zu vergessen was du hast; du bist nicht gewiß, denn dein Zustand wechselt, wie der Mond; wenn du reich bist, bist du doch arm, denn du trägst gleich einem mit Silberstangen beladnen Esel deinen schweren Reichthum nur eine Tagreise, und der Tod ladet dich ab; Freunde hast du keine, denn deine eigene Eingeweide, die dich Vater nennen, fluchen dem Podagra, der Gicht und dem Aussaz, daß sie dir nicht bälder ein Ende machen. Du hast weder Jugend noch Alter; beydes ist nur ein Traum in einem nachmittäglichen Schlaf; denn kaum ist das Feuer deiner Jugend verrochen, so steht sie ab, und bettelt Almosen von dem gichtbrüchigen Alter; und wenn du alt und reich bist, so hast du weder Güte, noch Hize, Trieb und Glieder, deines Reichthums froh zu werden. Was ist denn in diesem allem, das den Namen des Lebens trägt? Und doch ligen in diesem Leben zehentausend Tode verborgen; und wir fürchten den Tod, der alle diese seltsamen Dinge eben macht?

Claudio. Ich danke euch; nun find ich, daß ich, wenn ich zu leben wünsche, zu sterben suche; und wenn ich den Tod suche, das Leben finde: Laß es kommen.

Isabella zu den Vorigen.

Isabella. Wie? Friede sey mit dieser guten Gesellschaft.

Kerkermeister. Wer ist da? herein – – der Wunsch verdient einen Willkomm.

Herzog. Mein lieber Herr, ich werde euch in kurzem wieder besuchen.

Claudio. Ich danke euch, heiliger Vater.

Isabella. Mein Geschäfte besteht in einem oder zwey Worten mit Claudio.

Kerkermeister. Von Herzen willkommen. Sehet, mein Herr, hier ist eure Schwester.

Herzog. Kerkermeister, ein Wort mit euch.

Kerkermeister. Soviele als euch beliebt.

Herzog (leise.)
Bringet mich an einen Ort, wo ich sie hören kan, ohne daß sie mich sehen.

(Herzog und Kerkermeister gehen ab.)

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